Donnerstag, 25. Februar 2010

Wie Ikkyu einen Knaben raubte ...

No-bushi: Ich bin im Grunde auch gar nicht wegen Eurem Geld gekommen. Euren Kopf will ich. (Er ergreift das Langschwert.)
(In diesem Augenblick schlägt der Tempeldiener die Augen auf. Er verkriecht sich, außer sich vor Schrecken, unter die Decken.)

Ikkyū: Meinen Kopf wollt' Ihr? Könnt Ihr denn irgendetwas mit solch einem Kopf anfangen?

No-bushi: Ja, Euren Kopf. Euch leben lassen hieße das ruhig belassen, was das ganze Reich immer weiter in Verderb und Verwirrung bringt.

Ikkyū: Wieso?

No-bushi: Ehrwürdig Edler werden als der lebende Buddha verehrt. Doch indes Ihr solchen Rang einnehmt, trinkt Ihr Wein, eßt Fleisch, habt Knaben-Umgang, gebt Falsches vor, laßt Euch in Straßenraub ein, dichtet Verse und Bilder der Unzucht; laß ich einen Priester Buddhas wie Ihr am Leben, so drehen sich mir ja die Eingeweide im Leib herum.

Ikkyū: Es stimmt, was Ihr sagt. Gleichwohl: wenn ich es für gut erachte Wein zu trinken, so trinke ich Wein; wenn ich es für gut erachte Fleisch zu essen, so esse ich Fleisch; wenn ich es für gut erachte Leben zu töten, so töte ich Leben; immer und überall, wenn ich etwas für gut erachte, so tue ich es, auch wenn Ihr bei all dem sagt, es sei Sünde. Es ist nicht Sünde. Gleichviel Shakamuni darüber sagen mag.

No-bushi: Wann sollte es gut sein, Wein zu trinken oder Fleisch zu essen?

Ikkyū: Zum Beispiel: vor einem Manne, der für sich im geheimen Wein trinkt und Fleisch ißt, über andren Leuten aber, die Wein trinken und Fleisch essen, Fall und Verderben ausruft – vor solch einem mag man wohl Wein trinken und Fleisch essen.

No-bushi: Gibt es denn Gelegenheiten, da einer, selbst im Stande des Geistlichen, leben töten mag?

Ikkyū: Es gibt sie. Vor einem Manne, der edle Männer und Frauen in Schrecken hält, indem er sagt, sie versänken in die Hölle, wenn sie irgendein Leben töteten – vor solch einem mag man Leben töten mit unbekümmertem Sinn.

No-bushi: Und in die Häuser der Freude gehen?

Ikkyū: Um klar zu machen, daß auch der Ausschweifung Verfallene und Dirnen selbst, wenn sie mit ganzer Seele wollen, das Wissen, das Erlösung ist, erlangen können – deshalb gehen, sollte das etwas Böses sein? Mir wenigstens ist eine Dirne lieber als einer gegen andre so gestrenger Herr Ritter, als Ihr einer seid.

No-bushi: Und Knaben-Umgang? Wie wollt Ihr das gut finden?

Ikkyū: Ich finde es nicht gut. Nur: wenn der Knabe von einem widerwärtigen Kerl gehalten wird, sollte es da nicht ein Gutes sein, den Knaben zu rauben? Aus Mitgefühl zu ihm, könnt ich mich dazu finden, mit ihm umzugehen. Und dann, auch dann – das war immer mein Gedanke – sollt es mir gerade gelingen, einen rechten Menschen aus ihm zu machen.


[Quelle: "Ein Tag aus dem Leben Ikkyus" von Mushakôji Saneatsu, in der Übersetzung von Hermann Bohner (Auszug). Copyright: Adi Meyerhofer, München]

Kommentare:

  1. Hallo Gui Do,

    woher hast Du oben das Bild, bzw. wer hat die Rechte darauf? Könnte ich das auch verwenden?

    grüsse
    michael

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  2. Das Bild ist gemeinfrei, Du kannst es also auch verwenden. Wenn nicht anders erwähnt, benutze ich dazu wikipedia. Hat natürlich den Nachteil, dass wir überall die gleichen Bilder finden.

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