Freitag, 24. Dezember 2010

Dumoulin: Frühes chinesisches Zen

[Die Rückübersetzung aus dem Englischen, die hier ursprünglich in einzelnen Teilen stand, findet sich komplett über die Website www.angkor-verlag.de zum kostenlosen Download als PDF.]

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Dogen: Daibutsuji Goroku (XI)

Dôgen sprach zum Dank für den Dienst eines tenzo-Mönches in der Vortragshalle: „Für Zen-Klöster in Japan war ich der erste Mensch, der die Lehre vom tenzo übertrug. Wir hatten so etwas noch nie zuvor. Es ist das Beispiel, dem hohe und tugendhafte Mönche in der Vergangenheit durch ihre persönliche Praxis folgten, wie Wei-shan, Chia-shan[1], Wu-chao[2] und Hsüeh-fêng. Dies jenseits der Zeit zu verwirklichen ist das größte Verdienst. Wer könnte dessen Grenzen ermessen? Nicht nur unter einem, zwei, drei, vier, fünf Buddhas, sondern unter unzähligen Buddhas solltet ihr demnach verschiedenste gute Taten tun und viel Verdienst erlangen und eure Pflichten als tenzo gründlich ausführen, verstehen, vorantreiben und darüber reflektieren. Darum heißt es: ‚Wenn du, tenzo, die Nasenlöcher der Buddhas und Patriarchen hast, dann gebe ich sie dir. Wenn nicht, dann nehme ich dir deine weg.‘“
   Dann erhob Dôgen seinen hossu und fuhr fort: „Dieser hossu ist jenseits von geben und wegnehmen. Darum werden die Nasenlöcher weder von mir noch von euch getäuscht. Manchmal werden sie plötzlich zu einer Flöte ohne Löcher. Dann können sie nicht mehr wie zuvor oberhalb eurer Lippen stehen. Sobald ihr durch eines von ihnen die Melodie des Shaolin-Klosters spielen wollt, erklingt die Melodie der Pflaumenblüten. Versucht ihr die Melodie des Jêtavana-Gartens[3] zu spielen, ertönt die des Staates Ta-shi[4]. Nach oft wiederholten Fehlern hängen unsere Nasenlöcher am Sonnen- und am Mondgesicht. Unser gesamtes Ausatmen durchstößt die Nasenlöcher. Die Augäpfel eines tenzo-Mönchs strahlen Licht aus, und das wiederum öffnet die Augen.
   Tenzo-Mönch, du hast bereits an die Nasenlöcher geglaubt, darum haben die aufeinander folgenden Buddhas den Dienst eines tenzo verwirklicht, indem sie dreihundertsechzig Tage lang Hände und Augen mit dir teilten. Die aufeinander folgenden Patriarchen haben ihn ebenfalls mit demselben Körper und Geist wie du ein Jahr lang ausgeübt, so das Verdienst eines tenzo erlangt und den Weg verwirklicht. Beein-druckt von deinem Verdienst klopft nun plötzlich sogar eine unbelebte Schöpfkelle an einen Reiseimer oder Suppenkübel und rezitiert einstimmig und wiederholt das Mahâprajnâpâramitâ, wodurch es sogar den Dharmakörper Buddhas bei seinem Erstehen überrascht. Dieses Mahâprajnâpâramitâ verbreitet sich überall, durchdringt Zäune und Mauern, und es gibt keinen Ort, an dem man es meiden könnte. Wie solltet ihr diesen unvermeidlichen Ort nennen?“
   „Yün-mêns Samâdhi ist die Manifestation aller Dinge, das die ‚Räder der Nahrung und des Dharma‘ dreht. Einen Eimer voll Wasser zu tragen und eine Schale mit ihm zu füllen bedeutet, die Weisheit[5] des Bhagavat auf neue Weise zu nutzen.“


[1] 805–881, Nachfolger von Chuan-tzu Tê-cheng.
[2] 820–899, Nachfolger von Yang-shan Hui-chi.
[3] Dieser Garten wurde vom reichen Händler Sudatta dem Buddha Shakyamuni und seinen Schülern gespendet, damit sie sich dort der religiösen Übung widmen konnten; er lag in der Stadt Shrâvasti.
[4] Ein Teil Persiens.
[5] Jap. juki.

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Dogen: Daibutsuji Goroku (X)

Am achten Dezember, an dem man eine Zeremonie in Erinnerung an Shakyamunis Erlangen der Buddhaschaft abhält, sprach Dôgen in der Vortragshalle: „Der Buddha Shakyamuni, der sechs Jahre lang asketische Übungen in der säkularen Welt vollzog, trat unbewusst in die Pflaumenblüte[1] ein und erkannte den Morgenstern. Seltsamerweise erhob sich in diesem Moment von der Pflaumenblüte der Frühlingswind, und rote und weiße Blüten hingen stolz an ihren Ästen. Ältere Mönche! Wollt ihr wissen, wie man diese Erleuchtung verwirklichen kann? Zunächst erkennt man den Weg durch die Worte ‚Körper und Geist fallen lassen‘, die von Zen-Meister Tien-tung stammen. Dann erfasst man das eigene Buddha-Auge, indem man das Wirken meiner Faust begreift. Mit den übernatürlichen Fähigkeiten der Weisheit dieser Faust könnt ihr fühlende Wesen führen und retten. Sofort könnt ihr einen leuchtenden Morgenstern erkennen oder euren gesamten Körper unter einem bo-Baum dem Zazen hingeben, die Identität von ‚nehmen‘ und ‚lassen‘ klären oder die dreiunddreißig Patriarchen[2] mit euren eigenen geöffneten Buddha-Augen sehen. Inwiefern aber befindet sich das Leben des Bhagavat[3] in euren Händen? Wollt ihr ihn sehen?“
   Dann erhob Dôgen seine Faust, öffnete sie, spreizte die Finger und sagte nach einer kurzen Pause: „Ihr habt den Bhagavat bereits gesehen.“
   Nach einer Weile sagte er: „Jetzt den Morgenstern zu sehen und den Weg zu erkennen bedeutet, Haferschleim wie ein Tathâgata zu essen.“


[1] Symbol für die Erleuchtung.
[2] Von Mahâkâshyapa bis Hui-nêng.
[3] Ein Ehrentitel für Buddha Shakyamuni mit der Bedeutung „der von der Welt Geehrte“ bedeutet, d.h. einer, der es wert ist, verehrt zu werden, weil er sich aller Illusionen und Befleckungen entledigt hat.

Dienstag, 21. Dezember 2010

Dogen: Daibutsuji Goroku (IX)

Einst sagte der tugendhafte Mönch Hung-chih[1] am Tag der Wintersonnenwende, als er Hauptmönch auf dem Berg Tien-tung war, in der Vortragshalle: ‚Dies ist der Tag, an dem die längste Nacht vorbeigeht und ein längerer Tag beginnt.‘
   Wenn die Wirkung eurer Übung sich erfüllt, dann wandelt sich Täuschung in Erleuchtung. Ihr genießt völlige Freiheit jenseits eures unterscheidenden Geistes, so wie ein blauer Drache seine Knochen umbildet und dann schneller fliegt oder ein schwarzer Leopard den Nebel durchdringt und seine Farbe wechselt, und so wie ihr eine Perlenkette aus den Knochen der Buddhas der drei Zeiten macht. Ihr sollt nicht sagen, dass hell für dunkel das ist, was die Sonne für den Mond ist. Selbst wenn ihr Ausgewogenheit auf dem Weg erlangt habt, übertrifft diese mein freies Wirken von teuer verkaufen und billig einkaufen? Zen-Mönche! Versteht ihr, dass das leuchtende Juwel auf einer Diele auch rollen wird, ohne berührt worden zu sein?“
   „Hier eine andere Geschichte. Hsüeh-fêng fragte einen Mönch: ‚Wohin gehst du?‘ Dieser sagte: ‚Waschen.‘ Hsüeh-fêng sagte: ‚Du kannst gehen.‘ Yün-men kommentierte: ‚Hsüeh-fêng erkennt, was einen Menschen durch seine Worte ausmacht.‘ Hung-chih meinte: ‚Unterscheide nichts. Wenn doch, gebe ich dir dreißig Schläge mit dem Warnstock. Warum? Weil ein weißes Juwel makellos ist, doch wenn man Buchstaben hineinritzt, verliert es seinen eigenen Glanz.‘
   So waren die Worte dieser drei hohen Mönche. Doch ich würde es anders ausdrücken. Mönche! Ihr müsst mir deutlich zuhören und tief darüber nachdenken. Ein weißes Juwel hat tatsächlich keinen Makel, doch wenn man es fein poliert, dann wird es noch mehr Glanz ausstrahlen. An diesem glückverheißenden Tag der Wintersonnenwende schreitet das Verdienst eines tugendhaften Mannes weiter voran. Dies ist nicht nur für Laien ein glücklicher Tag, sondern auch für Buddhas und Patriarchen. Gestern wurde der Tag kürzer wie der Schatten einer Linie, und die längste, verneinende Nacht kam schnell an ein Ende. Heute wurde der Tag länger wie der Schatten einer Linie, er tauchte bejahend auf und spendete allen Dingen Leben. Die Mönche singen und klatschen in die Hände, während Buddhas und Patriarchen vor Freude darüber tanzen, unverzüglich das Reich des Bud-dhas Bhîshmagarjitasvararâja[2] überschritten zu haben. Es gibt keinen Grund, an den vier Jahreszeiten festzuhalten. Diese Sicht ist das Leben heiliger und weiser Mönche und ebenso die Essenz von Menschen und Himmelswesen. Dennoch ist sie den Nasenlöchern Buddhas[3] oder Mahâkâshyapas Augäpfeln noch nicht ebenbürtig. Wollt ihr diesen glücklichen Tag verwirklichen?“ Daraufhin zeichnete er mit seinem hossu einen Kreis in die Luft und sagte: „Schaut her!“
Nach einer Weile sprach er weiter: „Selbst wenn man Pflaumenblüten im Schnee leicht erkennen kann, frage ich: Woher kommt diese bejahende Wintersonnenwende?“


[1] 1091 – 1157, Nachfolger von Tan-hsia Tzu-chun; soll mehr als zwölfhundert Schüler gehabt haben.
[2] Steht für die Zeit.
[3] Der ursprünglichen Natur.

Montag, 20. Dezember 2010

Ko Un: Gedichte (IX)

Ein gewisses Entzücken

Was ich jetzt denke
wurde bereits gedacht
von einem anderen,
irgendwo in dieser Welt.
Weine nicht.

Was ich jetzt denke,
das denkt gerade
ein anderer,
irgendwo in dieser Welt.
Weine nicht.

Was ich jetzt denke,
das wird ein anderer denken,
irgendwo in dieser Welt.
Weine nicht.

Was für eine entzückende Sache.
In dieser Welt,
irgendwo in dieser Welt,
wurde ich gemacht
und verband unzählige Selbst.
Entzückend, gewiss.
Ich wurde aus unzähligen Selbst gemacht.
Weine nicht.

***


Die noch unbereiste Straße

Sag nie, du hättest dein Ziel erreicht.
Auch wenn du tausend Meilen hinter dir hast,
ein noch längerer Weg liegt vor dir.
Während du nach Sonnenuntergang
wie ein Tier schläfst,
liegt da ein noch längerer Weg vor dir.
Dein ständiger Gefährte, die Einsamkeit,
ist nicht bloß Einsamkeit: Es ist nichts anderes
als die Welt
und der Weg vor dir,
eine niemandem bekannte Welt.
Ein Wind kommt auf.

***

Trauer

In meinem Heimatdorf starben zwei Rehkitze,
im selben Augenblick von Pfeilen der Jäger erlegt.
Ihre Mutter kam herbeigesprungen,
umkreiste den Platz, ganz außer sich,
und fiel dann tot um.
Kein Pfeil berührte sie,
sie fiel einfach tot um.

Als man die Rehmutter aufschnitt,
fand man ihren achtzehn Meter langen Darm
zerrissen
von der Trauer um den Verlust ihrer Kitze.

(…)

Sonntag, 19. Dezember 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 88

Ärgern

Als der Mönch Fu Meister Seppô besuchte, ging er, als er die Tempelschwelle überschritten und den Meister erblickt hatte, schnurstracks zum Tempel-vorsteher. Erst am nächsten Tag machte er Seppô seine Aufwartung mit den Worten: „Gestern habe ich etwas getan, was Euer Ehrwürden verärgert hat.“ Seppô meinte: „Wenn du über solche Dinge Bescheid weißt, dann lass sie bleiben.“


Meister Kidô

Tausende Menschen kommen durch meinen Ort.


Meister Hakuin

Bin beschäftigt.

Samstag, 18. Dezember 2010

Die 10 Schüler Buddhas (VII): Upali

7.      Upali: Hervorragend in der Einhaltung der Regeln

Vom Barbier zum Mönch
Fast alle Schüler, die bis jetzt in dieser Serie vorgestellt wurden, waren Nachkommen aus aristokratischen Familien. Upali hingegen war anders. Als Abkömmling der Shudra-Kaste war er ein Barbier. Später wurde er für sein sorgfältiges Verständnis und die genaue Ausübung der Regeln Shakyamunis berühmt.
   Es gibt verschiedene Gründe, warum sich Upali für das religiöse Leben entschieden hat. Einer Darstellung zufolge war er ein gewissenhafter Barbier, der hart für die Shakya-Kaste arbeitete. Als Shakyamuni sechs Jahre nach seiner Erleuchtung in seine Heimatstadt zurückkehrte, hatte Upali die Ehre, ihm den Kopf zu rasieren. Von Shakyamunis Aura völlig hingerissen, flüsterte Upali: „Wie wunderbar muss es sein, ein Schüler dieses bewundernswerten Menschen zu sein.“
   Aus Anlass dieses Besuchs drängte Shakyamunis Vater, König Sudhodana, mindestens ein Mitglied jeder Familie dazu, das weltliche Leben aufzugeben und Schüler seines Sohnes zu werden. Viele fügten sich dem Wunsch des Königs. Upali beobachtete sie mit Tränen in den Augen und ihm wurde klar, dass seine Zeit als Barbier nun zu Ende war. Upali war entschlossen, ihrem Beispiel zu folgen; er wurde Mönch.

Der Geist der Gleichberechtigung
Laut einer anderen Darstellung begleitete er sechs junge Männer der Shakya-Kaste, die sich entschieden hatten, Mönche zu werden. Unter ihnen war auch Ananda, einer der zehn Hauptschüler Shakyamunis. Als sie sich auf dem Weg befanden, sagten die anderen zu ihm, er solle mit ihrem Gepäck wieder zurückgehen. Er war sehr verunsichert und dachte: „Wenn ich jetzt alleine zurückgehe, werden mich alle kritisieren. Sie werden mich fragen, warum ich dabei versagt habe, die anderen sechs davon abzubringen, Mönch zu werden. Statt mich kritisieren zu lassen, kann ich genauso gut das religiöse Leben aufnehmen und alleine dem buddhistischen Weg folgen.“ Daraufhin eilte er zu Shakyamuni, kam sogar noch vor den anderen sechs an und wurde mit Buddhas Erlaubnis zum Mönch.
    Es heißt, dass einer von den sechs jungen Männern forderte, Upali solle die Regeln zuerst erhalten. Shakyamuni stimmte dem zu, da er selbst den althergebrachten aristokratischen Stolz kritisierte und demonstrieren wollte, dass der buddhistische Orden – im Gegensatz zum traditionellen Kastensystem – die Gleichheit aller Menschen proklamiert.
   Als Mitglied des Ordens übte Upali mit der gleichen Gewissenhaftigkeit, die er sich bei seiner Arbeit als Barbier angeeignet hatte. Upali forderte von Shakyamuni die Erlaubnis, sich selbst im Wald züchtigen zu dürfen, weil er ungeduldig darauf wartete, die Erleuchtung zu erfahren. Obwohl er Upalis Enthusiasmus schätzte, versuchte Shakyamuni ihn auf folgende Weise zur Vernunft zu bringen: „Upali, stell dir einen großen Teich vor. Für Elefanten ist das ein sicherer Ort, doch für kleinere Tiere ist er furchterregend. Die Lebewesen, die nachlässig in den Teich eintauchen, können plötzlich ertrinken. Mit der Disziplin ist es das Gleiche.“
   Indem man Kinder Schritt für Schritt herausfordert, lernen sie spielerisch, besser zu werden. Shakyamuni sagte, dass in der Dharma-Übung große Dinge von denjenigen erreicht werden, die stufenweise vorgehen. Auf eine leicht verständliche Art und Weise erklärte er dem unerleuchteten Upali die große Schwierigkeit der religiösen Disziplin. Upali nahm sich die Erklärung zu Herzen und verstand – nachdem er sich von seiner Ungeduld befreit hatte – die Wichtigkeit, sich immer wie ein Mönch in der Ausbildung zu verhalten.

Die schwangere Nonne
Tatsächlich durchzog Upalis neue Einstellung, sich immer wie ein Mönch in der Ausbildung zu verhalten, seine ganze Art zu leben. Er widmete seinen Körper und Geist mehr als jeder andere dem Verständnis und der Ausübung der Regeln und gewann Shakyamunis volles Vertrauen. Immer wenn ein Problem im Orden aufkam, suchten seine Gefährten seinen Rat und seine Entscheidung. Einmal bat ihn Shakyamuni, zu bestimmen, ob sich eine Nonne, die schwanger wurde, der Regelverletzung schuldig gemacht hatte: „Upali, löse dieses Durcheinander auf eine Weise, die jeden überzeugt.“
   Upali veranlasste einige weibliche Gläubige, die Schwangere genauestens zu untersuchen, um herauszufinden, im wievielten Monat sie war. Sie fanden heraus, dass die Empfängnis vor ihrem Eintritt ins Kloster stattgefunden hatte. Sie wusste zu jenem Zeitpunkt nicht, dass sie schwanger war. Upali befand sie der Regelverletzung für unschuldig. Glücklich, den Verdacht abgewendet zu haben, gebar die Nonne später einen gesunden Jungen. Da es für die Frau, aufgrund ihrer Position als Nonne, unmöglich war, den Jungen selbst großzuziehen, nahm ein König die Verantwortung auf sich, das Kind aufzuziehen. Als erwachsener Mann wurde ihr Sohn ebenfalls einer von Shakyamunis Schülern und ein aktiver Mönch, der für seine Redegewandtheit bekannt war. Der gewissenhafte Upali  entwickelte sich durch das Studieren der Regeln und das Lösen von Problemen unter Anwendung dieser Regeln zu einem Mönch mit hohen Kräften. Wenn Hilfe benötigt wurde, dann schlichtete er, um die Ordnung in der Gruppe zu erhalten.

Freitag, 17. Dezember 2010

Fotowettbewerb: Welcher "Moench" ist das?

Die Aufgabe lautet, ein Foto von einem angeblichen Moench anzufertigen, der in Frankfurt am Main im Studio "Fitness First" auf der Hanauer Landstr. trainiert, und zwar Donnerstag abends und Sonntag spaet nachmittags sowie nach Augenzeugenberichten "in Polo-Shirts von RL und Abercrombie&Fitch usw." Bitte auch seinen Namen angeben und einsenden an schnippschnupp (at) yahoo.de .

Zu gewinnen ist ein Buchpaket aus dem Angkor Verlag (incl. Romanen).

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Dogen: Daibutsuji Goroku (VIII)

„Wenn der Herrscher nur wenige weise Menschen hat, sucht er in Berg und Tal nach einem Fähigen. Der Herrscher des Staates Chin fand Pai-li-chi[1] und überließ ihm das Regieren. Der Herrscher Wu des Staates Yin fand Chuan-shi-yen und machte ihn zum Berater der Verwaltung. Das waren hervorragende Beispiele in der Vergangenheit. Wir wissen genau, dass die Felder und Berge nicht ohne fähige und weise Menschen sind.
   Ihr Übende begebt euch selbst in Berge und Felder und geht einen friedvollen Weg. Darum dürft ihr Laien und Höflingen nicht unterlegen sein. Dennoch kommt ihr in eurer Geistesart noch nicht an sie heran.
   Wie könnt ihr glauben, heiligen und weisen Mönchen in euren Handlungen gleichzukommen? Ihr vernachlässigt das Studium des Weges zu sehr. Wie schändlich und beklagenswert! Ihr müsst verstehen, dass die Zeit wie ein Pfeil dahinfliegt und euer Leben nur schwer aufrecht zu erhalten ist. Wenn ihr den Weg so studiert, als müsstet ihr euren Kopf vorm Verbrennen retten, dann erfasst ihr nicht nur die ursprüngliche Natur Buddhas, sondern auch das Mark von Bodhidharmas Lehre.
   Als Subhûti[2] seine Schale zu Vimalakîrti-nirdesha[3] brachte, füllte dieser sie mit gekochtem Reis und sagte: ‚Wenn du Buddha verleumdest, die Lehre tadelst und dich weigerst, in die buddhistische Gemeinschaft einzutreten, dann nimm diesen Reis.‘ Subhûti verstand jedoch nicht und ging ohne die Schale weg.
   Zweitausend Jahre lang hat niemand die wahre Bedeutung dieser vorzüglichen Geschichte verstanden. Stets wurde gesagt, Subhûti habe nicht verstanden, nie jedoch, dass Subhûti es erfasst habe. Ich werde alte tugendhafte und weise Mönche fragen, ob sie dieses Kôan über Subhûti, der ohne seine Schale wegging, verstanden haben. Das tat Subhûti zwar, aber seine Stimme erschallte fortan unaufhörlich bis heute wie Donner, alle Stimmen und Fahrzeuge der Shrâvakas, Pratyeka-Buddhas[4] und Bodhisattvas überschreitend. Vimalakîrti-nirdesha scheint also taub für diese Stimme gewesen zu sein.
   Ich werde Vimalakîrti-nirdesha fragen, ob er die unbeschränkte Stimme Subhûtis gehört hat oder nicht, wie sie sagte: ‚Ich verleumde den Buddha, tadele die Lehre und weigere mich, in die buddhistische Gemeinschaft einzutreten.‘ Wenn Vimalakîrti dies bestätigt, werde ich ihn ein oder zwei kalpa[5] lang mit erhobener Reisschale in der Hand warten lassen. Anstelle von Vimalakîrti werde ich Subhûti antworten: ‚Bring mir noch eine Schale voll mit Reis, die den Buddha verleumdet, die Lehre tadelt und den Eintritt in die buddhistische Gemeinschaft verweigert, und ich werde sie annehmen.‘ Will Vimalakîrti dann etwas antworten, werde ich ihm die Schale abnehmen und unverzüglich weggehen.“


[1] 7. Jh. v. Chr., leitete sieben Jahre lang Regierungsgeschäfte.
[2] Ein der zehn Hauptschüler Buddhas, der sich durch sein Verständnis der Leere (shûnyata) hervortat.
[3] Ein reicher Laie aus der Zeit Buddhas.
[4] Diejenigen, die Erleuchtung ohne Lehrer, meist durch Schriftstudium, erlangt haben und nicht das Ideal verfolgen, andere zu erretten.
[5] Der Zeitraum, den ein weibliches Himmelswesen benötigt, um einen Stein mit mehreren Kilometern Durchmesser abzutragen, indem sie ihn alle drei Jahre mit dem Stoff ihres Gewandes reibt.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Dogen: Daibutsuji Goroku (VII)

„Im letzten Winter sagte ich zu den Mönchen: ‚Wenn ihr euch in der Halle, dem Flur, an einem Bach oder unter einem Baum trefft, dann solltet ihr euch in gasshô[1] verbeugen, wie es Buddha bestimmte, und erst danach sprechen. Dies werde ich als dauerhafte Regel festlegen.‘
   Wie könnte es sein, dass Buddhas und Patriarchen einander ohne Etikette begegnen? Der Buddha Shakyamuni behandelte leichte Angelegenheiten, indem er Weihrauch verbrannte und Blumen wie Regen verteilte, wobei er fragte, ob er gut zu verstehen sei. Als Yung-chia[2] zu Hui-nêng kam, schüttelte er sein shakujô. Auf diese Arten also begegnen sich Buddhas und Patriarchen. Dies müsst ihr genau beobachten. Ihr dürft die früheren Begegnungen nicht ignorieren.
   Einst fragte ein gewisser Mönch Mu-chou[3]: ‚Mit einem Wort – was ist ein Buddha? Mu-chou erwiderte: ‚Er ist in deinem Mönchsbeutel.‘ Als ein Mönch die gleiche Frage Yün-mên stellte, antwortete dieser: ‚Er beseitigt den Unterschied zwischen gestern und heute.‘ Wenn mir jemand die gleiche Frage stellt, werde ich meinen hossu fortwerfen.“
   Da einige Mönche ungläubig ihren Kopf hoben, ergänzte Dôgen: „Leider haftet ihr an meinem einzigen hossu.“


[1] Eine Respektsbezeugung mit vor der Brust zusammengelegten Handflächen, die die Einheit von Körper und Geist symbolisiert.
[2] Gest. 713, Nachfolger von Hui-nêng und Autor des Shôdô-ka („Gesang der Erleuchtung“).
[3] Nachfolger von Huang-po Hsi-yün.

Dienstag, 14. Dezember 2010

Dogen: Daibutsuji Goroku (VI)

„Die Augenbrauen zu heben ist eine Tat jenseits des unterscheidenden Geistes. Wenn ihr euren Kopf schnell dreht[1], werdet ihr selbst den Himmel durchdringen und den Bereich erlangen, der frei von Anhaftung ist. Wer die Buddhas der drei Zeiten verschluckte, hat es bisher abgelehnt, seinen Mund zu öffnen, weil er anderen gehörte.
   Wer das ganze Universum erleuchtet hat, lehnt es nun ab, auch nur die eigenen Augen zu öffnen, weil die Augen der anderen zu den eigenen werden. Dennoch werdet ihr sicher, sobald ihr ein Wort äußert, das nicht Buddhas ist, ein toter Mann sein.
   Ching-ching sagte einst zu Hsüan-sha: ‚Ich bin nur ein Novize in diesem Kloster. Bitte weist mir den Weg zum Dharma.‘ Hsüan-sha antwortete: ‚Hast du den Ton eines Rinnsals gehört?‘ Als Ching-ching bejahte, meinte Hsüan-sha: ‚Trete dadurch ein.‘ So verwirklichte Ching-ching den Weg des Dharma.
   Zen-Meister Fa-yen vom Berg Wu-tsu meinte: ‚Wenn du den Dharma verwirklicht hast, wird du jede Richtung als solche erkennen. Wenn nicht, darfst du jetzt noch nicht von hier fortgehen.‘ An seiner Stelle hätte ich anders gesprochen. Wollt ihr wirklich den Dharma verstehen? Leider hängt ihr an einem Pferdepfosten[2]. Wenn mich jemand plötzlich fragte: ‚Wie stehst du dazu?‘, dann würde ich antworten: ‚Was für eine Schande[3].‘“


[1] D.h. über euch selbst reflektiert.
[2] Ein Pfosten oder Geländer, an das man Pferde anbindet, steht hier für das Anhaften an Ausdrücken wie „Trete ein durch …“.
[3] … solch eine Frage zu stellen.

Montag, 13. Dezember 2010

Ko Un: Gedichte (VII)

Eine alte Frau spricht

Ich zog von Sungdu-ri fort, als ich heiratete
und lebte hier im Dorf meines Mannes
fünfzig Jahre lang.

Ich arbeitete auf dem Feld,
mistete den Schweinestall aus,
klapperte in der Küche mit Geschirr.
Was immer die Arbeit war,
ich genoss sie.

Ich genoss sie,
ja, ich genoss das alles.

Es gab nichts,
was mein Körper nicht tun wollte.
Meine Mutter war genauso.

Mutter war klein,
sie wurde beinahe die Ehefrau des Dorfzwerges –
dann traf sie einen Mann wie ein Totempfahl,
und ich wurde geboren.

Neun andere folgten,
sechs starben, drei kamen durch.
Wir vier sind nun
in alle Richtungen verstreut,
in Ch’onan,
P’yongt’aek,
Kongdo,
sind alle grauhaarig und zahnlos geworden.

Ach, da, schau nur: Ein Drache
hat sich in den Zweigen des Dattelbaumes verfangen.
Solche Dinge machen mich nun glücklich.

***

In einer Straße

Bist du je
eine andere Person gewesen?
Bist du je
eine andere Person gewesen? Heute
hab ich nichts als Fragen.
Wenn du sagst, du seiest nie eine andere Person gewesen
seit du geboren wurdest, wie kann da
ein Windhauch dieser Welt
es je wagen, dein Haar zu berühren?

Sonntag, 12. Dezember 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 87

Heilkräuter

Monju bat Zenzai[1], Heilkräuter zu sammeln: „Sammle alles, was als Medizin verwendet werden kann, und bring es hierher.“ Zenzai sammelte sämtliche Kräuter ein, weil er alle für Medizin hielt. Bei seiner Rückkehr sagte er: „Es gibt kein Kraut, das keine Medizin wäre.“ Monju forderte: „Gib mir ein Kraut, das Medizin ist.“ Zenzai pflückte einen Grashalm und überreichte ihn Monju. Monju hielt ihn hoch und sprach zur Mönchsversammlung: „Diese Medizin kann Menschen töten; sie kann aber auch Leben erwecken.“


Meister Kidô

Wenn Monju den Grashalm erhält –
an ihm riechen und ihn Zenzai zurückgeben.


Meister Hakuin

Eine fegende Bewegung
mit dem Grashalm machen.


   [1] Ein Bodhisattva, der stets nach dem buddhistischen Weg suchte.

Samstag, 11. Dezember 2010

Die 10 Schüler Buddhas (VI): Rahula

6.      Rahula: Ein bescheidenes Mitglied des Ordens

Shakyamunis Sohn
Als Shakyamuni 29 Jahre alt war, wurde sein einziger Sohn Rahula, der später einer seiner zehn Hauptschüler wurde, geboren. Kurz darauf sagte Shakyamuni dem weltlichen Leben ab und begab sich auf die religiöse Suche. Obwohl er seinen Vater über Jahre nicht sah, hatte Rahula, umringt von liebevollen Menschen, eine glückliche Kindheit in Kapilavastu, der Hauptstadt der Shakya-Kaste.
   Die beiden trafen sich erst sechs Jahre später, als Shakyamuni, nachdem er die Erleuchtung erfahren hatte, seine Heimatstadt besuchte. Rahula konnte seine Schüchternheit und Verwirrung nicht verbergen. Seine Mutter nahm vorsichtig seine Hand und sagte: „Schau, diese strahlende Person, die von vielen Schülern umringt ist, ist dein Vater.“  Mit gelassenem Gesichtsausdruck beobachtete Shakyamuni, wie sein Sohn sich ihm mit zitternder Brust näherte und sagte: „Du bist mein Vater? An deiner Seite zu stehen bringt Frieden in mein Herz.“ Dann, als ob sie nie getrennt gewesen wären, erzählte der Junge von vielen Dingen.
   In Kapilavastu gab es einen großen Schatz, den seit Shakyamunis Fortgehen niemand angefasst hatte. Rahulas Mutter beauftragte ihn, Shakyamuni zu fragen, ob dieser ihm den Schatz nicht anvertrauen wolle. Doch Shakyamuni ging ohne eine Antwort zu geben fort.
   In seinem Herzen wollte Shakyamuni seinem Sohn ein viel größeres Geschenk machen, nämlich die Lehre Buddhas. Er rief seinen Schüler Shariputra zu sich und beauftragte ihn, seinen Sohn dazu zu bewegen, das weltliche für das religiöse Leben aufzugeben. Shariputra, der auch für seine Weisheit bekannt war, erklärte die Lehren Buddhas auf eine für den Jungen zugängliche Art und Weise. Rahula war fest entschlossen, ein Novize zu werden und disziplinierte sich fortan selbst unter Shakyamunis Führung.

Der unschuldige Novize
Es schien, dass Rahula sein luxuriöses Leben ohne große Mühe gegen ein Leben klösterlicher Disziplin eingetauscht hatte, wahrscheinlich weil er so viel Freude empfand, an der Seite seines Vaters zu lernen. Wenn er morgens aufwachte, machte er es sich zur Angewohnheit, eine Handvoll Sand in die Luft zu werfen und zu beten, an jenem Tag so viele Lehren zu erlernen, wie Sandkörner auf seine Hand fielen. Das brachte viele ältere Mönche, die sich in der Ausbildung befanden, zum Lachen.
   Auf der anderen Seite konnte er auch auf eine kindliche Art boshaft sein. Zum Beispiel erzählte er absichtlich einigen Besuchern, dass Shakyamuni nicht im Hause sei, wenn dieser tatsächlich da war. Rahula erfreute sich an dem verblüfften Ausdruck auf ihren Gesichtern, doch Shakyamuni ermahnte ihn jedesmal gelassen, nicht zu lügen.

Ernsthaft und gütig

Im Waschraum schlafen
Unter der direkten Führung von Shakyamuni entwickelte sich Rahula von Tag zu Tag zu einem ernsthaften und gütigen Menschen. Als Shakyamuni eines Tages in einem Dorf unterrichtete, kam das Thema auf Novizen, die in den Quartieren der übenden Mönche nach Beendigung des abendlichen Unterrichts schliefen. Da sie die 250 Mönchsregeln noch nicht empfangen hatten, schliefen viele Novizen in unziemlichen Positionen oder redeten sogar im Schlaf. Aus diesem Grund verkündete Shakyamuni die Regel, dass diejenigen, die noch nicht alle Ordensregeln empfangen hatten, noch nicht in den Quartieren der Mönche schlafen durften. Als Shakyamunis Sohn hätte Rahula schon im Novizenstand ein Zimmer allein für sich haben können. Aber der immer begierig an den Regeln festhaltende Rahula machte sich auf die Suche nach einem geeigneten Schlafplatz und fand diesen in Shak-yamunis Waschraum. Tief beeindruckt verehrten die übenden Mönche Rahulas Ernsthaftigkeit.

Mangosaft als Kindespflicht
Rahula kümmerte sich sehr um seine Mutter, die ihrem Sohn gefolgt war und ebenfalls ihr weltliches Leben aufgegeben hatte. Einmal war er sehr beunruhigt, weil seine Mutter unter fürchterlichen Magenschmerzen litt. Sie glaubte, dass gezuckerter Mangosaft ihr Erleichterung verschaffen würde. Trotz seines Bestrebens, diesen aufzutreiben, besprach Rahula die Angelegenheit zunächst mit Shariputra.
   Mango war ein Luxusgut, das den bettelnden Mönchen nicht zustand. Dennoch war Shariputra so sehr von Rahulas ernsthafter Sorge um seine Mutter berührt,  dass er in die Stadt Savatthi reiste, um den König Pasenadi von Kosala um Hilfe zu bitten. Die beiden trafen zufällig auf einen Gefolgsmann, der im Obstgarten arbeitete und einen Korb Mangos auf dem Rücken trug. Von Shariputras Geschichte ebenfalls gerührt, nahm der König eine Mango aus dem Korb, schälte sie, streute Zucker darüber und reichte sie ihm. Liebevoll gab Rahula seiner Mutter die Frucht. Während sie sie aß, trat wieder Farbe in ihr Gesicht und sie fühlte sich besser.

Erleuchtung durch Shakyamunis Mitgefühl
Shakyamuni, der die Entwicklung seines Sohnes sehr aufmerksam beobachtet hatte, wusste instinktiv, wann Rahulas Zeit der Erleuchtung gekommen war. Mitfühlend sah er ihn nicht als Sohn, sondern als lerneifrigen Schüler und erklärte ihm, wie er sich von allen Täuschungen befreien könne. Er sagte ihm, er solle sich für den Weg zum Andhavana-Wald auf die Zazen-Meditation vorbereiten. Im Wald nahmen Shakyamuni und Rahula nebeneinander die Zazen-Position ein. Dann sagte Shakyamuni zu ihm, er solle einige Fragen beantworten. Die beiden waren noch im Gespräch, als sich plötzlich, nachdem Shakyamuni seine Lehren noch einmal zusammengefasst hatte, Rahulas Geist klar anfühlte und er die Erleuchtung erfuhr. Als die anderen Mönche davon hörten, nannten sie ihn Rahulabhadda – Rahula, den Glücklichen –, da er als Shakyamunis Sohn geboren worden war und die rechtmäßige Erleuchtung erfahren hatte.
   Rahula, der noch vor Shakyamuni und Shariputra starb, wird zu den zehn Hauptschülern gezählt. Nicht nur, weil er der Sohn seines Vaters war, sondern weil er als bescheidenes Mitglied des Ordens und durch seinen Lerneifer das volle Vertrauen aller Ordensmitglieder gewann.

Freitag, 10. Dezember 2010

Saul Bellow: Herzog

"Die Erneuerung des Geistes durch das Fleisch"

"In diesem Zimmer voll orientalischer Pracht, in dem er auf grundsaetzlicher Suche - grundsaetzlich wohlgemerkt - nach lebenspendender Freude war, die fuer Moses G. Herzog das Raetsel des Koerpers loeste (ihn von der fatalen Wirrnis der Weltlichkeit heilte, die das weltliche Glueck zurueckweist - diese westliche Seuche, dieser geistige Aussatz), schien er sein Ziel gefunden zu haben."

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Dogen: Daibutsuji Goroku (V)

„Als Huang-po Pai-chang fragte: ‚Wie erläuterten die Mönche früher den Dharma?‘, blieb Pai-chang einfach auf seinem Sitz. Huang-po fragte weiter: ‚Wie soll ich den Dharma an spätere Generationen weitergeben?‘ Pai-chang stand auf und sagte: ‚Ich dachte wirklich, du seist ein hervorragender Mensch.‘
   Diese beiden besonderen Mönche konnten nur über die Flecken eines Tigers sprechen, aber nicht über die des menschlichen Geistes, auch nicht über die Nicht-Flecken eines Tigers und des menschlichen Geistes oder eines Riesenvogels oder Drachens. Warum nicht? Ihr alle hier, hört ihr mich? Huang-pos Worte ‚Früher erläuterten die Mönche den Dharma‘ bedeuten, dass Pai-chang auf seinem Sitz ruht. Und die Worte ‚Ich gebe den Dharma an spätere Generationen weiter‘ bedeuten, dass Pai-chang zurück in sein Zimmer geht. Richtig ist, wie es ist, richtig. Vollständig ist nicht vollständig. Warum nicht? Ihr müsst verstehen, dass weder Frage noch Antwort vollständig sind. Warum sagte Huang-po nicht zu Pai-chang: ‚Du hast mich tatsächlich über früher und später belehrt, doch was ist genau jetzt der Schlüssel zum Dharma?‘ Wie hätte Pai-chang wohl diese Frage beantwortet?
   Wenn mich jemand fragt, wie Zen-Mönche früher den Dharma lehrten, dann antworte ich, dass die Nasenlöcher anderer von anderen durchstoßen werden. Wenn einer immer noch fragt, wie ich selbst den Dharma an spätere Generationen übertrage, dann antworte ich, dass meine Nase von mir selbst gezogen wird. Fragt einer dann noch, was gerade jetzt der wesentliche Schlüssel zum Dharma sei, dann antworte ich: Sagt einer etwas Falsches, sprechen alle anderen die Wahrheit.“

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Dogen: Daibutsuji Goroku (IV)

 „Als Nan-chüan Huang-po fragte: ‚Wohin gehst du?‘, antwortete dieser: ‚Gemüse ernten.‘ Nan-chüan fragte: ‚Mit was?‘ und Huang-po zeigte ein Messer. Nan-chüan bemerkte: ‚Du verwirklichst es nur als Gast, nicht als Gastgeber.‘
   Es gibt keinen Unterschied in den Fähigkeiten von Nan-chüan und Huang-po. Wenn ich aber an ihrer Stelle wäre, müsste ich noch etwas anderes verwirklichen. Als Huang-po ein Messer zeigte, hätte ich zu ihm gesagt: ‚Solch ein Messer habe ich in meiner Schatzkammer.‘ Versteht das vollständig.“

Am letzten Tag der Sommer-Übungsperiode sprach Dôgen in der Vortragshalle, während er mit seinem hossu einen Kreis in die Luft malte: „Wenn ihr das seht, dürft ihr nicht glauben, das eure Zeit als Buddhist beendet sei oder ihr eure Schalen daran zerbrechen könntet. Was sagt ihr dazu?“
   „Nirgendwo ist auch nur ein Grashalm. Wenn ihr das versteht, werdet ihr mit den Beinen schlottern wie Shih-tou und auf einem hohen Berg[1] leben.“


[1] Als herausragende Mönche.

Dienstag, 7. Dezember 2010

Dogen: Daibutsuji Goroku (III)

„Wenn unter der einstigen Herrschaft von Yao und Shun[1] jemand das Gesetz brach, wurde sein Verbrechen lediglich auf seiner Robe verzeichnet. Doch niemand brach wirklich das Gesetz, weil sich die Menschen viel daraus machten. Später wurden die fünf Arten grausamer Strafen eingeführt. Da brachen viele Menschen das Gesetz, weil sie sich nichts mehr daraus machten. Nun sind wir glücklicherweise dem herausragenden Gesetz des Dharma begegnet, das man mit jenem der Herrscher Yao und Shun vergleichen kann. Selbst wenn wir unsere Verbrechen nicht auf der Robe verzeichnet bekommen, wie könnten wir dieses Gesetz brechen. Wie könnten wir handeln, ohne uns auf Buddhas Güte zu stützen?“
   „Wenn wir uns beim Streicheln unseres eigenen Kopfes mit unserer Hand über uns selbst schämen, werden wir bemerken, dass es unter unserer Robe nicht kalt ist.“


[1] Legendäre weise Herrscher im alten China.

Montag, 6. Dezember 2010

Ko Un: Gedichte (VIII)

Irgendwo Unbekanntes

Geh
nach Irgendwo ins Unbekannte.

Nicht Amerika,
nicht Indonesien.

Verlass
deine Alltagsroutine,
deine unverzeihlichen Gewohnheiten.

Geh
zur Neuheit von Worten, die Babys erfinden,
der Neuheit, die Omas „alupa“ nennt,
ja, an den Ort, wo selbst eine Großmutter
etwas Neues ist,
an jenen unbekannten Ort,
geh,
wirf all deine Erinnerungen und Wörterbücher fort,
selbst deine leeren Hände.

Geh,
denn das Fortgehen ist die ursprüngliche Geburt
jenseits der Wiedergeburt.
Geh!

***

Eine kurze Biografie

Hin und wieder träume ich.
Wenn ein Pelikan den Indischen Ozean überquert hat,
träume ich.
Wie mein Vater daheim zu träumen pflegte
in der Dunkelheit, wo das Licht nach Sonnenuntergang verschwindet,
so träume ich.
Aus Träumen erwacht,
bin ich so lebendig wie eine Starkstromleitung, die im Wind summt.

Lange habe ich Träume zurückgewiesen.
Selbst in meinen Träumen
kämpfte ich gegen die Träume an.

Mehr noch,
ich lehnte jede Art von Fantasie ab,
jedes Konzept, das ein Zeitalter bestimmte.
Die Dinge sind, wie sie sind,
das ist alles.

Dann erkannte ich,
des Nachts auf dem Ozean leuchtend,
ein Meeresleuchten.
Ich sah des Meeres weiße Zähne
schwach schimmern,
als sie in der Dunkelheit begraben waren.

Die Dinge, wie sie sind,
das ist alles, was es gibt.
Ich sah ein Meeresleuchten,
das schimmerte, dann verschwand,
wie das Einssein
eines Neugeborenen mit seiner Mutter.

Nun erkenne ich Träume an.
Die Dinge, wie sie sind, das ist nicht alles.
Ich träume.
Gestern
ist nicht heute;
heute
ist nicht morgen.
Ich träume von morgen.

Ah, diese Welt ist das Grab unserer Erfahrung.

Sonntag, 5. Dezember 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 86

Die Kiefer

Meister Nansen sagte zu einem Mönch: „Seit letzter Nacht haben wir einen angenehmen Wind.“ Der Mönch meinte: „Seit letzter Nacht haben wir einen angenehmen Wind.“ Nansen sagte: „Der Wind hat einen Ast der Kiefer vor dem Tor abgebrochen.“ Der Mönch meinte: „Der Wind hat einen Ast der Kiefer vor dem Tor abge-brochen.“ Dann sagte Nansen zu einem anderen Mönch: „Seit letzter Nacht haben wir einen angenehmen Wind.“ Der Mönch fragte: „Was für ein Wind?“ Nansen antwortete: „Der Wind hat einen Ast der Kiefer vor dem Tor abgebro-chen.“ Der Mönch fragte: „Was für eine Kie-fer?“ Nansen sagte: „Einer hat es erfasst, einer verpasst.“


Meister Kidô

Statt am Ende wie Nansen zu antworten, seufze und sage: „Ah, vollständiger Untergang!“


Meister Hakuin

Es gibt keine zwei Sonnen im Universum.
Es gibt nur einen Menschen
zwischen Himmel und Erde.

Samstag, 4. Dezember 2010

Die 10 Schüler Buddhas (V): Purna

5.      Purna: Der höchste Prediger

Shariputra ist beeindruckt
Aufgrund seiner hohen Redegewandtheit war Purnamaitrayaniputra, der auch vereinfacht Purna genannt wurde, als höchster Prediger unter Shakyamunis Schülern sehr angesehen. Purna wurde in einem Brahmanen-Dorf als Sohn einer wohlhabenden Familie nicht weit von Kapilavastu, dem Ort von Shakyamunis herrschaftlichem Palast, geboren. Von Haus aus weise und gewissenhaft, wuchs er zu einem ansehnlichen Brahmanen mit neunundzwanzig hervorragenden Gefährten heran. Seine hohe Gewissenhaftigkeit jedoch regte seinen Wunsch nach Selbstverbesserung an, so dass er das weltliche Leben für ein religiöses Leben aufgab. Mehrere Ursachen sind aufgeführt. Es heißt, dass die Eifersucht wegen einer Frau ihn zum Aufgeben des weltlichen Lebens trieb. In anderen Versionen dieser Geschichte wird behauptet, dass der Grund entweder in einer verlorenen Debatte mit Shakyamuni oder in der Erkenntnis der eigenen Unreife lag.
   Nachdem er ein Schüler Shakyamunis geworden war, erlangte er ein tieferes Verständnis, bis er bald darauf die Erleuchtung erlangte. Deshalb wurde er von den anderen Mönchen verehrt.
   Sein guter Ruf erreichte Shakyamuni. Eines Tages während der dreimonatigen Regenzeit, in der die Mönche nicht umherziehen und betteln, sondern im Kloster bleiben und lernen, versammelte sich eine Gruppe von Purnas Anhängern vor Shakyamuni, der sie fragte, welchen Mönch aus ihrer Heimat sie am meisten verehrten. Wie aus einem Mund sagten sie: Purna. Einer von ihnen fügte noch hinzu: „Der ehrwürdige Purna ist die Gewissenhaftigkeit in Person. Sein Asketismus ist beispielhaft für alle anderen, und er erklärt die Wichtigkeit von allem, was er tut“.
   Der ebenfalls anwesende Shariputra war so beeindruckt von den Schilderungen über diese wunderbare Persönlichkeit, dass er beschloss, Purna zu besuchen, obwohl Regenzeit war. Nach einigen Worten des Lobes fragte Shariputra, was am Wichtigsten sei, um Erleuchtung zu erfahren. Purna antwortete: „Die Gebote zu befolgen und sich von Täuschungen zu trennen, ist in sich selbst nicht genug. Bei der Selbstzucht ist alles gleich wichtig, zum Beispiel: Eines Tages musste der König Pasenadi von Kosala aus geschäftlichen Gründen zu einem weit entfernten Ort reisen. Er ließ sieben Wagen vorbereiten, und da er sie nacheinander fuhr, schaffte er die lange Reise in nur einem Tag. So wie der König auf die sieben Wagen angewiesen war, um sein Ziel zu erreichen, genau so verlasse ich mich auf all die Lehren, um Erleuchtung zu erlangen“.

Die Wichtigkeit von Ausdauer und Toleranz
Die Redegewandtheit, für die Purna so berühmt war, war mehr als nur bloßes Geschick. Seine Worte beeinflussten andere, weil er so fleißig an sich selbst arbeitete, um ein Vorbild zu sein, und weil sie durchzogen waren von der Ausdauer und Toleranz, die ihn Shakyamuni lehrte. Das lässt sich deutlich an der letzten Unterhaltung der beiden erkennen. Eines Abends, nachdem Purna sich von seiner Meditation erhoben hatte, ging er zu Shakyamuni, um ihm zu sagen, dass er vorhatte, eine Reise zu unternehmen. Shakyamuni riet ihm, sich selbst zu züchtigen und sich nicht von Sinnestäuschungen – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten und Denken – verwirren zu lassen. Dann fragte er nach seinem Ziel.
   „Purna, da ich dir nun genaue Anweisungen gegeben habe, möchte ich dich fragen, in welchem Land du leben wirst“?
   „Herr, es gibt ein Land namens Sunaparanta, dort werde ich leben.“
   „Purna, die Menschen in Sunaparanta sind kämpferisch und gemein. Was wirst du denken, wenn sie dich beschimpfen und lächerlich machen?“
   „Wenn sie mich beschimpfen und lächerlich machen, werde ich denken: Die Menschen in Sunaparanta sind sehr zivilisiert, sofern sie mich nicht mit ihren Händen schlagen …“
   „Aber wenn sie dich doch mit ihren Händen schlagen, was wirst du dann denken?“
   „Ich werde denken: Die Menschen in Sunaparanta sind sehr zivilisiert, sofern sie mich nicht mit einem Erdklumpen bewerfen ...“
   „Aber wenn sie dich mit einem Erdklumpen bewerfen?“
   „Ich werde denken: Die Menschen in Sunaparanta sind sehr zivilisiert, sofern sie mich nicht mit einem Stock  schlagen ...“
   „Aber wenn sie dich mit einem Stock schlagen?“
   „Ich werde denken: Die Menschen in Sunaparanta sind sehr zivilisiert, sofern sie mich nicht mit einem Messer stechen ...“
   „Aber wenn sie dich mit einem Messer stechen?“
   „Ich werde denken: Die Menschen in Sunaparanta sind sehr zivilisiert, sofern sie mich nicht mit einem scharfen Messer umbringen ...“
   „Aber wenn sie dich mit einem scharfen Messer umbringen?“
  „Wenn sie mich mit einem scharfen Messer umbringen, dann werde ich denken: Sie sind Schüler des Gesegneten, die – verängstigt, gedemütigt und angeekelt vom Körper und vom Leben – nach einem Mörder suchen, doch habe ich hier meinen Mörder gefunden, ohne ihn gesucht zu haben.“
   „Gut Purna, sehr gut. Da du solche Ruhe und Selbstkontrolle bewiesen hast, bist du bereit, unter den Menschen aus Sunaparanta zu leben. Nun ist es Zeit, das zu tun, wozu du bestimmt bist.“

Begeisterung an einem neuen Ort
Im Land Sunaparanta errichtete Purna viele Tempel, und durch seine leidenschaftliche Missionarsarbeit gewann er viele Anhänger und Schüler, die ihn verehrten. Es heißt, dass er mehr als tausend Laienschüler beider Geschlechter während der Regenzeit unterrichtete. Das Beibehalten seiner Selbstdisziplin verlieh ihm übermenschliche Kräfte. Schließlich starb er friedlich, und viele Menschen trauerten um ihn.
   Die Kunde seines Todes erreichte Shakyamuni sofort, obwohl er sich an einem weit entfernten Ort befand. Zu den Mönchen, die ihn nach Purnas Leben und Zukunft fragten, sagte Shakyamuni: „Purna hat das Nirvana erreicht. Er war wirklich weise und belästigte mich nie mit Fragen. Auch ihr solltet die Lehren Buddhas ernsthaft ausüben, so wie er es getan hat.“
   Dankbar für Shakyamunis Worte widmeten sich die Mönche erneut der Achtsamkeit. Der Geist von Ausdauer und Toleranz, der durch Purna verkörpert wurde, lebte viele Generationen lang fort.