Freitag, 25. August 2017

Gibt es unterscheidende Merkmale des Erwachtseins?

In den Kommentaren zum Beitrag vom 04.08. („Das Verwechseln von Erwachen und moralischer Reinheit“) findet sich eine kritische Nachfrage, die am 24.08. präzisiert wird: Für mich persönlich stellt es sich immer mehr so dar, dass der Buddhismus tatsächlich einfach nur eine Lehre unter vielen ist, mit vielen interessanten und auch einzigartigen Ansätzen und Wegen, aber genauso vielen Irrwegen und Ungereimtheiten wie andere Lehren auch. Um es nochmal auf den Eingangstext zu beziehen: ich kann mir immer noch nicht vorstellen, was "in echt" (also ohne Rückgriff auf spekulative nächste Leben oder nicht-teilbare und diskursive nicht mitteilbare angebliche Einsichten in die "Struktur der Wirklichkeit") einen buddhistischen Erwachten einzigartig machen soll. Wenn es aber im echten, realen, konkreten Leben keine signifikanten Unterschiede gibt ("Unterschiede, die einen Unterschied machen"), dann ist sind Erwachte entweder eine Fiktion oder trivial.

Das ist ein interessanter Punkt, und ich habe mich entschlossen, daraus eine ausführliche Antwort im Blog zu machen. Zunächst ist es richtig, etwa auf die Stoa als Alternative hinzuweisen, da ihre Ethik Gleichmut, Selbstgenügsamkeit, Altruismus und die Kontrolle von Leidenschaften kennt und damit eine von zahlreichen Alternativen zum Buddhismus darstellt, wenn man seinen Charakter entsprechend justieren will. Auf dieser Ebene – und auch auf der rituellen, die ich angesprochen hatte – ist der Buddhismus also insofern „trivial“, weil er wenig Überraschendes zu bieten hat. Wenn wir hier noch den rational-kritischen Zugang zu einer Lebensphilosophie einfordern – wie bei den Griechen –, dann können wir tatsächlich nicht bei Spekulationen über nächste Leben und dem rein Unsagbaren spiritueller Erlebnisse stehen bleiben. Dieses kann dem Einzelnen subjektiv sehr wichtig sein, aber es macht dem anderen nicht klar genug, welches Potential der Buddhismus haben könnte. Ich setze im Folgenden Buddhismus in der Regel gleich „Zen“ (also meinem Verständnis davon), weil ich mich im Zen auskenne.

Eine Frage, die m. E. auch den „Unbuddhisten“ in den letzten Jahren umtrieb, ist also: Gibt es denn tatsächlich ein Unterscheidungskriterium für Erwachtsein? (Ansonsten wäre dieses als nichts Besonderes oder nicht vorhanden anzusehen.)

Hier in diesem Blog und in vielen Foren habe ich mir jahrelang die Finger mit der Kritik solcher Lehrer wund geschrieben, die vom Nimbus des Erwachtseins zehrten. Der Grund ist, dass ich mich für fähig halte, Erwachtsein zu erkennen. Kürzlich ging im „beliebtesten“ meiner Beiträge zu Lama Ole Nydahl wieder mal eine Hasstirade über mich ein, deren ersten Teil ich noch veröffentlichen und kontern wollte, allerdings scheint die Kommentar-Funktion gerade Zicken zu machen. Die Userin meinte sinngemäß, laut Gampopa müsse man erleuchtet sein, um zu erkennen, ob andere Erleuchtung hätten, und ich könne das ja nicht sein, so wie ich lästern würde (das übliche Missverständnis der Rechten Rede, die im Gegenteil ja gerade darauf abzielt, die Dinge so zu sagen, wie sie sind). Die Userin versteht nicht, dass der Buddha des Palikanons selbst einen wie den Lama Ole als „Schleimfresser“ bezeichnen dürfte, so wie er es damals mit Devadatta machte. Die Userin will nicht akzeptieren, dass ich erwacht sein könnte, weil sie ganz anderer Meinung bzgl. Nydahl ist. Der Witz an dieser Konstellation ist, dass sich mein „Erwachen“ – gemäß der Schriften (da hat Gampopa ja recht) – sozusagen beweisen würde, wenn die Kritisierten überführt wären. Würde das genügen, wäre Erwachen also recht leicht, und ein wie im obigen Kommentar gewünschtes Unterscheidungskriterium würde schlicht im Durchschauen von Posern liegen. Hier wird schon klar, dass man gar nicht im Zen stehen muss, um über solche Fähigkeiten zu verfügen. Ein kritischer Verstand genügt häufig.

Andererseits stellt sich die Frage, warum so viele Menschen diese Fähigkeit, schlechte Absichten, Heuchelei oder Dummheit anderer zu durchschauen, nicht besitzen. Es gibt nicht mal einen zählbaren Hinweis auf die Qualität der „Meisterschaft“, mit der Hochstapler sich präsentieren. So schart ein seit Jahrzehnten relativ dämliches Zeug plappernder Lama Ole genauso zahlreich Menschen um sich – nicht zuletzt Spendenwillige, die ihm seinen Lebensstil mitfinanzieren – wie ein (vor seinem Schlaganfall) relativ geschickt agierender Thich Nhat Hanh. Mit schöner Regelmäßigkeit gebärden sich jedoch diejenigen, die dem Lama anhängen, auffallend unangenehmer als diejenigen, die bei TNH Achtsamkeit und Wohlfühlsein einübten. Auch der Dalai Lama, der mit seinen homophoben Äußerungen hinter der Zeit zurückbleibt, ist natürlich wesentlich bewanderter in der buddhistischen Materie als ein Großmissionar wie Ole. Ich habe jedoch erlebt, dass die Tatsache, ihn nicht als erwacht zu bezeichnen, zu ähnlichen Beißreflexen in der Tibeter-Fraktion führte wie bei o.g. Userin – und das, obwohl der DL über sich selbst das Gleiche sagte. Kürzlich hat ein Mönch in dieser Tradition mit den gleichen Zirkelschlüssen die von mir selbstbewusst geäußerte These bzgl. undogmatischer Freiheiten Erwachter in Frage gestellt, also mit dem Hinweis auf alte Schriften, die so formuliert sind, dass sie sich vor äußerer Kritik gleich mitschützen. Wir haben hier also den Fall, dass – gemäß der Schriften und ihrer eigenen Selbsteinschätzung – „Unerwachte“ über einen anderen urteilen wollen, ob er erwacht ist (nämlich der von ihnen geschätzte Lehrer) oder nicht (nämlich der Kritiker wie ich). Das ist ein ziemlich lächerliches Getue. Aufschlussreicher wird es schon, wenn man bei Leuten, die bereits seit Dekaden Meditation praktizieren, erhebliche Defizite in der Menschenkenntnis feststellt. Und da darf man sich schon fragen, ob an den Kennzeichen, die in den Schriften hier und da für Erwachte genannt werden, irgendetwas dran sein könnte.

Zu diesen Kennzeichen, die ich also nicht erfinde, sondern die den Buddhismus etwa von der Stoa unterscheiden könnten, gehören neben einer gewissen Einsicht ins Denken anderer und deren Motivation – was man von mir aus auch als Menschenkenntnis bezeichnen kann – noch andere intuitive Fähigkeiten, etwa zu begreifen (zu sehen, zu hören usf.), was selbst noch in der Ferne geschieht. Die meisten Leser dieses Blogs werden diese Textstellen kennen, und wenn man von den absurderen Fähigkeiten, die zuweilen auch genannt werden (wie Fliegenkönnen oder durch Wände gehen) absieht, dann könnte es einen selbst im Laufe der Praxis zumindest etwas überraschen, sollten hin und wieder solche Fähigkeiten in Erscheinung treten. Damit aber befinden wir uns im Bereich der Transzendenz, den ich für wesentlich halte. Ich nenne das Erwachen „immanente Transzendenz“ (nicht meine Erfindung), weil die mystische Erfahrung eines irdischen Geistes bedarf und im besten Falle „erdet“. Solange ich aber keine besseren Erklärungen für bestimmte Phänomene finde – also auch in der entsprechenden Fachliteratur wie z.B. der Neurologie oder Statistik nicht –, halte ich es für richtig, das wesentliche Unterscheidungsmerkmal des Erwachten als seine transzendente Erfahrung und die daraus folgende transzendente Fähigkeit zu beschreiben. Letztere geht über den subjektiven Wert hinaus und hat nachvollziehbare Auswirkungen auf die Umwelt und andere Menschen.

Mir fallen in diesem Zusammenhang ironischerweise die mystischen Kampfkünstler ein, die mit ihrem chi angeblich Dinge bewegen konnten, ohne sie zu berühren – und dann in wissenschaftlichen Experimenten scheiterten. Um welche transzendenten Fähigkeiten mag es also hier gehen, wo wir die zunächst genannte des „Durchschauens von Unerwachten“ doch in die Kategorie Menschenkenntnis und Intuition einordnen können? Ich muss hier konkreter werden (also etwas tun, was in der Zen-Schulung gern vermieden wird, damit sich nicht falsche Vorstellungen bilden, die dann wieder mühsam zerstört werden müssen). Dazu will ich einige Beispiele aufgreifen, die ich in den vergangenen Jahren hier und dort einstreute, ohne sie besonders kenntlich zu machen. Die Beispiele umfassen vier Bereiche: die Verbindung mit einem Meister; die Verbindung mit einer geliebten Frau; die Verbindung zu einer schutzbedürftigen bekannten Person; die Verbindung zu schutzbedürftigen Unbekannten.

1) Die Tatsache, dass sich mir Joshu Sasaki zum Zeitpunkt seines Ablebens (wie ich später erst erfuhr) in einem Traum als Tier zeigte, hat für mich Bedeutung. Sie soll dazu führen, dass ich einen wesentlichen Gedanken seiner Lehre in Bälde hier darstellen werde (auf seinen Wunsch hin ist nicht viel schriftlich überliefert, er vernichtete das meiste selbst). Sicher ist es so, dass ich mich zuweilen mit ihm beschäftigte, als er zur Zielscheibe des üblichen linksfeministischen Diskurses zum „Missbrauch“ wurde. Aber das ist kein Grund, genau dann von ihm das erste und bisher einzige Mal zu träumen, wenn er in tausenden Kilometern Entfernung ohne mein Wissen stirbt – und ohne dass wir je Kontakt gehabt hätten, außer dass mein erstes Sesshin bei einem seiner langjährigen Schüler stattfand und ich dort eine tiefe Erkenntnis hatte.

Wenn ich einen Moment zurücktrete, erscheint es mir möglich, dass Fachleute mit allerhand Erklärungen für diesen Vorgang aufwarten. Der Punkt ist nur, dass ich – bereits im Zen verortet – bereits eine gute Erklärung dafür habe. Trete ich nun nochmal zurück und sehe die Gefahr des Zirkelschlusses für mich selbst, so ist doch der Unterschied zu den o.g. Zirkelschlüssen Gläubiger offensichtlich. In meinem Fall geht es lediglich darum, Verantwortung für einen wesentlichen Teil der Zen-Lehre zu übernehmen, den ich bereits erkannt habe und der das Potential hat, den menschlichen Horizont zu erweitern. In den anderen Fällen ging es darum, dass sich Gläubige dieser Horizonterweiterung verschließen. Ich sehe den Grabscher in Sasaki und den Mörder in Sawaki. Sehen die anderen den Dummkopf in ihrem Lama? Ich sehe, dass Brad Warner sich Nishijima als Meister aussuchte, weil er bei ihm leicht die Bestätigung für seine (als Klischee geschilderte) Erfahrung der Grenzenlosigkeit bekommen konnte. Sieht Brad Warner das auch? Usw.

2) In einigen Fällen des „Weltgeschehens“ war mir relativ schnell klar, um was es geht und wie es ausgeht, so etwa bei der Demontage unseres ehemaligen Bundespräsidenten. Ich habe, wenn solche Impulse aus mir eher unklaren Gründen auftauchten, diese Erkenntnisse, diese Intuition, manche würden sagen: diesen Wahn, auch formuliert. So glaube ich daran, dass ein Elternteil im berühmten Fall des Verschwindens von „Maddie“ verantwortlich ist und gehe davon aus, dass dies mit der Zeit offenkundig wird; diese Überzeugung beruht auf einer ersten Reaktionen vor Kameras nach dem Verschwinden der Tochter. Ebenso habe ich damals die Grenzen von Markus Lanz erkannt, als er eine Extrasendung mit einer jungen Frau machte, die m.E. für den Tod einer anderen jungen Frau mitverantwortlich ist. Ich sitze dann da und wundere mich, dass Lanz diese Frau nicht durchschaut (ich muss hier vorsichtig sein, weil in einem späteren Urteil die Frau freigesprochen wurde). Über solche Dinge konkret zu reden birgt also mehrere Schwierigkeiten, neben den juristischen auch die, dass es unangenehm ist zu sehen, wenn solches Unrecht (zunächst) ungestraft bleibt. Im Falle dieser jungen Frau wage ich jedoch die Prognose, dass sie sich in Zukunft auf dramatische Weise in eine (für mich: weitere) Straftat verstricken wird.

Hier kommen also Merkmale des Buddhismus ins Spiel, die sich möglicherweise nicht im „trivialen“ Stadium erschließen: a) statt an eine primitive Karmalehre des notgedrungen gerechten Ausgleichs zu glauben, beschränke ich mich darauf, einzugestehen, dass es tatsächlich möglich ist, zuweilen und punktuell einen Blick in die Zukunft (von Menschen, von Entwicklungen) zu werfen – genau wie es in Schriften gesagt wird (anderes Beispiel: In einem Gespräch über einen Rennfahrer kam mir mal über die Lippen, er sei totgeweiht, und auf Nachfrage sagte ich, er würde ausstrahlen, in sein Unglück zu rasen – was dann auch geschah); b) wie ich schon früher betonte, bin ich Taisen Deshimaru dafür dankbar, anschaulich erklärt zu haben, dass Verstrickung ins Karma vor allem dazu verleitet, etwas zu wiederholen, und dieser Wiederholungszwang ist wichtiger für Prognosen als der Glaube an eine höhere oder selbstregulierende Gerechtigkeit; im obigen Beispiel der jungen Frau hatte ich diesen Eindruck, wobei es mir jedoch so vorkommt, als käme ein solcher Gedanke über mich, d.h. ich kann mich darüber auch selbst wundern.

Wenn ich erneut einen Moment zurücktrete, ist klar, dass meine Beschäftigung mit der Mimikanalyse nach Paul Ekman u.a. meinen ersten Eindruck im Falle „Maddie“ begründet haben kann; das Gleiche gilt für das lange beobachtbare Verhalten der Interviewpartnerin von Markus Lanz. Wie im ersten Beispiel ist es auch mir möglich, profane Erklärungen für solche Erfahrungen zu finden. Doch wie im ersten Beispiel sind diese weniger überzeugend als die von buddhistischen Lehrern gemachte Andeutung, dass sich ebensolche Fähigkeiten mit der Zeit aufgrund meditativer Übungen oder auch konkret der Fähigkeit zum „Nicht-Denken“ einstellen würden. Dennoch bleibt - das ist mir durchaus klar - die Möglichkeit, dass ich mich komplett täusche!

Ich habe nun ein paar konkrete Beispiele gewählt, die ich hier nicht zum ersten Mal nenne, aber zum ersten Mal aneinandergereiht und derart präzisiert habe. Die folgenden Beispiele sind von Bedeutung, weil sie den Deutungsrahmen von Zen zu sprengen scheinen und eher Anhänger des tibetischen Buddhismus berühren dürften. Dazu muss ich vorausschicken, dass ich als Freund der Lehre vom Nicht-Selbst nicht daran glaube, dass Persönliches sich reinkarniert. Meine Vorstellung von Zeit entspricht vielleicht eher der von Trekkies, die in ihrer Lieblings-TV-Serie gezeigt bekamen, was „Gleichzeitigkeit“ bedeuten könnte. Dies bitte ich im Folgenden zu bedenken, wenn ich nur scheinbar von einer Frau rede, die ich schon in vielen Leben geliebt haben könnte, oder der Reinkarnation einer Erwachten.

3) Die für mich bedeutendste (und bis jetzt letzte) relevante Liebesgeschichte, die ich selbst als „wahnhaft“ bezeichnen möchte, trug Züge mathematischer Unplausibilität. Auch darüber schrieb ich schon hier, es blieb eine weitgehend unerwiderte Liebe, die zu sehr häufigen „zufälligen“ Begegnungen selbst an Orten führte, die ich üblicherweise nicht aufsuchte. Diese Unwahrscheinlichkeit schien die Frau zu beängstigen, ich war möglicherweise dem Stalkerverdacht ausgesetzt. Mich beunruhigte diese Häufung durchaus ebenfalls, und sie kulminierte sozusagen nach dem Besuch des Nalin Pan-Filmes „Valley of Flowers“, den ich überwiegend weinend durchlitt, damit, dass an der S-Bahn-Haltestelle unmittelbar nach dem Filmbesuch eine Familienangehörige der von mir geliebten Frau stand und sofort diese anrief, um ihr zu sagen, dass ich dort sei und sie mit mir sprechen könne – nachdem ich den Film selbstverständlich permanent auf unsere Geschichte und Verbindung bezogen hatte (dass der Film kitschig ist und eher an die von mir abgelehnte Reinkarnationsidee anknüpft, will ich noch erwähnen). Als ich nach gut drei Jahren einen Schlussstrich unter diese Affäre setzte, ebenfalls tränenreich und jedes Alphamännchengehabe in den Wind schießend, war es auch vorbei mit den zufälligen und unwahrscheinlichsten Begegnungen. Nicht ohne dass ich auf einen (angeblich, aber glaubhaft) ehemaligen Legionär traf, der in Frankfurt auf der Straße lebte, mit dem ich mich manchmal unterhielt und der mir – seinerseits Christ – bestätigte, dass es einen Freund gäbe, dem er immer wieder überall auf der Welt übern Weg gelaufen war.

4) Ich habe ein paar Jahre immer mal den Babysitter gemacht für eine Bekannte. Dass ein Baby oder Kleinkind dann sogar vermutet, man könne der Vater sein (wenn sich sonst keiner zeigt), ist verständlich. Eines Tages, als die Mutter erneut schwanger war, ging es darum, ob sie sich in die Obhut von Christen begibt oder doch zu ihrer eigenen Mutter zurückkehrt, aufs Dorf, in ärmliche Verhältnisse, wo ein weiteres Kind von ihr lebte, dass sie jahrelang weder gesehen noch unterstützt hatte. Sie entschied sich gegen meinen Rat für die Christen (die sie wiederum nach der Entbindung dann doch mit ihrer eigenen Mutter zusammenbrachten). Im Zuge der gespannten Atmosphäre zwischen uns, als diese von mir gebabysittete Tochter ahnte, dass sie in eine andere Stadt zu Fremden und dort in eine strenge „Schule“ musste (sie bat mich schon beim ersten Besuch dort, sie und ihre Mutter von dort wegzubringen), kam es zu einer wirklich rätselhaften Szene. Als ich zurück zu meiner Bude ging, rief mich das Kind noch einmal, und als ich mich umdrehte, machte es eine Mudra, und zwar eine, die ich noch von keinem Menschen überhaupt gesehen habe (außer auf Bildern). Als ich sie verblüfft animieren wollte, etwas dazu zu sagen, ging sie schweigend weg.

Nun sollte es hier ja aber nicht nur um seltsame Geschichten gehen, die jemand im ihm genehmen Referenzrahmen zu deuten geneigt ist. Also nicht nur um eine mögliche transzendente Fähigkeit, sondern auch um die unterscheidbaren Folgen. Ich werde diese also nun für die Fälle 2 – 4 benennen (im Falle 1 werden weitere Auswirkungen in den nächsten Monaten hier oder anderswo noch deutlicher).

Bei Geschehnissen wie im Beispiel 2, auf die ich unmittelbar Einfluss nehmen kann, tue ich das. Ein Sikh-Trickbetrüger wollte mich mit der „You are a lucky man“-Masche einwickeln (Näheres findet man im Internet), aber weil ich ihn durchschaute, gelang ihm nicht nur das nicht. Ich ging ihm nach und warnte einen anderen Westler, den er kurz darauf am Wickel hatte. Das Erkennen der üblen Motive anderer kann dann konkret zum Schutz potentieller Opfer genutzt werden.

Was Liebesgeschichten wie in Beispiel 3 angeht, bin ich sehr vorsichtig mit dem Ausmaß meiner Zuneigung. Man könnte meinen, das sei im Sinne des Buddhismus, der sich Gefühle ja gern als „neutral“ wünscht und den Adepten als gleichmütig und un-erregt. Das meine ich jedoch nicht, sondern dass ich beim nächsten Mal, so es das gibt, meine Energien der Zuneigung besser steuern will, so ähnlich wie ein Boxer, der ursprünglich mit Wut und Hass auf die Welt boxte, diese Wut auf Abruf nutzbar und damit kontrolliert fruchtbar zu machen lernt.  Im Kleinformat geschah etwas Ähnliches, als sich kürzlich ein recht stalkerhaft wirkender Typ für Frauen zu interessieren begann, die seit Jahren zu meinen Kontakten gehören. Dieser Mann benutzte nicht nur einen falschen Namen, er belog sie auch anderweitig, und weil die Frauen teils uneinsichtig waren, habe ich dann Strategien entwickelt, um ihn zu vertreiben und seinen Einfluss zu verringern. Das Unterscheidungsmerkmal ist hier – wenn ich sehe, welche Gewalt mir von Frauen berichtet wird, sobald männliche Eifersucht ins Spiel kommt –, dass eine nicht-anhaftende, gewaltfreie Lösung möglich wurde, weil ich um die Wirkmechanismen profaner Strategien in Verbindung mit den „transzendenten“ Wirkungen von Zuneigung nun mehr weiß.

In Beispiel 4 gehört zu meinen Mantren, der Mutter immer wieder zu sagen, wie wichtig es ist, dass ihre Kinder – also auch das „Mudra-Mädchen“ – einen Helm auf dem Moped tragen (wer in Südostasien war, hat schon gesehen, dass die Eltern zuweilen schon mit Helm fahren, ihre zwei, drei Kleinkinder auf dem Moped aber keinen tragen). Ich bin daran interessiert, dass es dem Kind gut geht, sorge gelegentlich für Unterstützung mit Medikamenten usw. Darüber hinaus ist das kaum ein Thema, ich habe den Vorfall mit der Mudra ein Mal einer Bekannten gegenüber angesprochen, aber der Theravada-Volksbuddhismus hier taugt nicht für eine Einordnung, und das Kind soll von meiner Einschätzung schon gar nichts erfahren.

Nach diesem Exkurs ins eher Private, der aber doch hoffentlich konkret genug war, gilt es noch einmal klar zu sagen, welche Unterscheidungsmerkmale der Buddhismus haben könnte, wenn wir einen Blick auf prominentere Buddhisten werfen.

Die zuvor genannten (Dalai Lama, TNH, Lama Ole) scheitern allesamt zunächst an der Tatsache, dass sie in materielle Umsätze verstrickt sind, die der Selbstgenügsamkeit spotten. Alle drei haben Verfügungsgewalt über Millionen (im Falle TNHs wird diese jetzt wohl von seiner Lebensgefährtin Chan Khong ausgeübt), und diese Millionen bleiben auch in ihrer Gewalt. Alle drei sind damit – im Falle des DL ist das vor allem ein Drama seiner Funktion und Rolle – in einem Modus des Dauerscheiterns bei buddhistischer Praxis. Je nach Erkenntnislage stellt sich dem Betrachter möglicherweise auch ein gewisses intellektuelles Defizit der Genannten dar, in ihren Reden und Schriften. Als Unterscheidungsmerkmal bleibt dann vor allem ihr Status, also das „Triviale“, das kein wirkliches Unterscheidungsmerkmal ist, wie wir festgestellt haben.

In meinen Augen macht es einen Unterschied, ob ich für jemandes Lehre eintrete, der in den Augen vieler Buddhisten und Nicht-Buddhisten als alter Lustmolch in Erinnerung bleibt; es macht einen Unterschied, wenn ich das Spektrum der Liebesverstrickungen auf eine für andere weniger leidvolle Weise reduziere; es macht einen Unterschied, wenn ich andere vor Heuchlern und Scharlatanen warne (die diese nicht erkennen können); und es macht einen Unterschied, ob ich, wenn auch meist aus der Ferne, ein Auge auf die Entwicklung eines Kindes habe, um das sich kein Vater kümmert. Zwar bin ich zu diesen Dingen im Grunde auch von meinen Eltern „gut“ erzogen worden, aber ich habe hier als Beispiele bewusst Erlebnisse und menschliche Kontakte gewählt, die in einem mehr oder weniger deutlichen spirituellen Kontext stehen und eine stärkere persönliche Antwort erfahren, als sie mir „von Haus aus“ wohl einfallen würde. Es gibt auch hier Menschen, die mein Verhalten im Beispiel 4 schon als „Mitleid haben“ beschrieben haben – was dann wohl „trivial“ wäre, aber eben nicht alles umfasst.

Ich kann nicht beurteilen, in welcher Weise Ähnliches sich z.B. bei den drei oben Genannten im Privatleben abspielt. Es ist jedoch offensichtlich, dass aufgrund ihres Einflusses auf größere Massen – den sie bewusst gesucht haben – ganz andere Nöte von ihnen angegangen werden müssten. Mich würde erfreuen, wenn alle Tibeter Organspender wären, wenn Plum Village Wohnraum und Ackerland für syrische Flüchtlinge zur Verfügung stellte oder wenn die millionenschwere Stiftung des Lama Ole ihr Geld an die Anhänger verteilen würde und diese damit Arme speisten und dergleichen. Ich wäre dann von ethischer Fähigkeit überzeugt, wenn sie – ohne sich transzendent herleiten zu müssen – konkret auf aktuelle Probleme eine hilfreiche Antwort fände. Stattdessen dreht man sich dort im Wesentlichen im Dunstkreis buddhistischer Lehren bzw. seiner eigenen Auffassung davon um sich selbst. Das ist so, wie wenn Politiker nur die Schlechtigkeit von Menschen wie Erdogan beschreiben, aber nichts Wirksames tun. Die buddhistische Ethik, also das, was ein Unterscheidungsmerkmal von Erwachtsein oder tiefer (buddhistischer) Erkenntnis sein könnte, bleibt damit gerade in den Kreisen der Aushängeschilder des Buddhismus weitgehend wirkungslos. Wie ich schon sagte, halte ich auch ein Rekurrieren auf die Gebote (shila) dafür verantwortlich, da diese ein „Nicht“(Tun) in den Vordergrund stellen, während die Bodhisattva-Ethik im Mahayana und Zen sich am aktiven Handeln messen lassen muss, statt der Vermeidung (darum kann auch mit Meditation oder Zazen noch nichts Wesentliches verwirklicht sein, und darum gibt es auch z.B. von Dôgen keine Überlieferung eines irgendwie ethisch relevanten Einflusses auf seine damalige Umwelt).  

Hoffentlich erwartet niemand von mir eine mathematische Gleichung, wie man dorthin kommt, einen Unterschied als Buddhist machen zu können. Es heißt in der Chan/Zen-Tradition schon früh, dies ergäbe sich von selbst. Ich bin nun über 30 Jahre auf diesem Weg und kann bestätigen, dass es meist keiner Anstrengung bedarf. Heute früh wollte ich meinen Wäschekorb zu meiner angestammten Wäschefrau bringen. Ihre studierte Tochter hat zwar einen gut bezahlten Job als Architektin in Singapur, sie aber muss noch zusätzlich Flaschen (Leergut) sammeln, um über die Runden zu kommen. Ich hatte einen anderen Termin, und als sie wieder einmal nicht da war, hielt ich es einfach mit der Drei-Atemzug-Regel des Hagakure. Dann brachte ich meinen Korb zwei Häuser weiter zu einer anderen Wäschefrau – obwohl ich der Erstgenannten gern treu bin. Hin und wieder gibt es Schwierigkeiten, für die drei Atemzüge nicht angemessen erscheinen. Meist geschieht „das Rechte“ jedoch ohne Anstrengung.

Ich weiß nicht, ob meine langen Ausführungen und Beispiele die Frage nach dem Unterscheidungsmerkmal von – sagen wir statt „Erwachen“ allgemeiner: einer möglicherweise tiefen Erkenntnis und/oder Erfahrung von Transzendenz beantworten konnten. Die eigentliche Erkenntnis oder Erfahrung von Transzendenz halte ich jedenfalls weder für trivial noch für buddhistisch, und sie ist es zumindest für andere dann nicht mehr, wenn sie ein Handeln bewirkt, dass ohne diese Erfahrung nicht stattgefunden hätte. Dies jedoch spielt sich m.E. in einem den Menschen allgemein zugänglichen Modus ab, der dann lediglich eine jeweils spezifische Deutung (in meinem Fall durch „Zen“) erfahren kann. Findet eine solche Erkenntnis und darauf folgendes adäquates Handeln nicht statt, ist das m.E. für einen Muslim, einen Christen, einen Agnostiker usw. ebenso bedauerlich wie für einen Buddhisten.



(Das kann passieren, wenn ein des Mordes an einem Journalisten verdächtiger und gerade wegen zweier Vergewaltigungen für schuldig befundener Guru, auf den Millionen Menschen hereinfielen, überführt ist ...)

Samstag, 12. August 2017

Die Erfindung der "Einheit von Zen und Geboten" und der Zen-Vorläufer Seng-chao (374-414)

Ein Thema der jüngeren Vergangenheit in diesem Blog war, ob man sich an ein wörtliches Gerüst von Regeln zu halten habe, wenn man erwacht oder auf dem Pfad vorangeschritten sei. Gerade im Hinblick auf Fehlverhalten von Lehrern wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass sie sich nicht genügend an der buddhistischen Moral ausgerichtet hätten. Mir ging es zunächst einmal darum, aufzuzeigen, dass genau mit dieser Hoffnung, bei buddhistischen Lehrern oder Meistern auf moralisch weit entwickelte Personen zu treffen, zum einen Enttäuschung und Frustration schon vorprogrammiert sind und zum anderen mit derartigen Vorschusslorbeeren Macht und Manipulationsmöglichkeiten eines Lehrers unnötig erleichtert werden.
   Einen weiteren Aspekt streifte ich ebenfalls, nämlich den Irrglauben, man würde durch reines Befolgen von Geboten erwachen oder auch nur, indem man ihnen den gleichen Rang wie der Praxis der Versenkung oder Meditation (samadhi) und der Weisheit (prajna) zuweist. Fragt man Theravadins, verweisen sie in der Regel auf Textstellen im Palikanon, die sich an Mönche richteten und in denen der Buddha etwa sagte; "O Mönche, ohne die Moral gemeistert zu haben ist es nicht möglich, die Konzentration zu meistern, und ohne diese wird man nicht die Weisheit meistern." (nach AN 5:22, siehe auch DN 16). Die drei Bestandteile des Achtfachen Pfades, die mit "Rechter Rede", "Rechtes Handeln", "Rechter Lebenserwerb" bezeichnet werden, sind  nach MN 44 Ausdruck von Tugend und Moral, während andere Pfadglieder der Meditation und Weisheit zugerechnet werden. Es ist kaum verwunderlich, dass Dôgen Zenji, der mit zunehmendem Alter die Mönchsgemeinschaft als den Laien überlegen ansah, diesen Duktus aufgriff und sich so auch im Zen die Überzeugung halten konnte, es ginge um eine "dreifache Übung", wobei zuweilen daraufhin gewiesen wird, es handele sich um eine gleichzeitige und nicht um eine chronologisch aufeinander aufbauende (wie das erste Zitat vermuten ließ). 
   Ich werde in den kommenden Monaten durch Zitate früherer Chan-Meister aufzeigen, wo sie tatsächlich ihre Schwerpunkte setzten. Das Argument, dass die meisten von ihnen sogar nach dem Vinaya ordiniert gewesen seien und ein Einhalten eines strengen und umfassenden Regelkodexes offenbar vorausgesetzt werden konnte, lasse ich aus zwei Gründen nicht gelten. Zum einen wissen wir oft mit großer Zeitverzögerung und über Umwege von diesen Meistern, deren Biografien hagiographisch geglättet wurden. So etwas ist heute nicht mehr gut möglich, weshalb spätere Generationen sich über die Schattenseiten Ordinierter besser werden informieren können (Motto etwa: Das Internet vergisst nicht). Zum anderen würde man erwarten, dass diese Lehrer entsprechende Schwerpunkte in ihren Texten gesetzt hätten - diese fehlen jedoch häufig. Gerade bei den freigeistigsten Dharma-Nachfolgern kann man gar den Eindruck gewinnen, sie hätten zwar die Formalitäten eines Ordensdaseins absolviert, ohne dass es ihnen dabei jedoch in erster Linie darum gegangen wäre, zu erlernen, ein guter Mensch zu sein. Im Zentrum ihres Interesses stand vielmehr stets eine tiefere Einsicht ins Dasein.
   Heinrich Dumoulin sah in Seng-chao (ca. 374-414) einen Vorläufer des Chan. Dieser Gelehrte, der zunächst vom Taoismus beeinflusst war, wandte sich nach Lektüre des Vimalkirti-Sutras dem Buddhismus zu und wurde Mönch. Er wurde ein Schüler Kumarajivas und half diesem bei seinen umfangreichen Übersetzungen ins Chinesische. Am bekanntesten ist er jedoch für seine Traktate "Chao lun", in denen er den indischen Begriffen prajna, nirvana und shunyata sozusagen eine chinesische Konnotation beigab und die Madhyamaka-Philosophie darlegte. Walter Liebenthal hat das Werk ins Englische übersetzt. Bereits Seng-chao unterschrieb folgende Ansichten:
- dass es einen Unterschied zwischen letztgültiger Wahrheit (paramartha satya) und konventioneller Wahrheit (laukika satya) gibt;
- dass Weisheit nicht - wie im Theravada - durch Meditation erworben wird, sondern angeboren ist;
- dass Weisheit und Versenkung aber auch nicht getrennt voneinander sind, sondern beide durch Erwachen aktiviert werden;
- dass der Weise nichts selbst erkennt oder sich denkt, sondern sich "kosmische Erkenntnis" (chih) kosmisch manifestiert (chao);
- dass Dinge, die in Abhängigkeit (pratitya samutpada) entstehen, nicht "wahr" sind;
- dass durch spirituelle Übung "auf natürliche Weise" karmische Aktivität schwindet und Nirwana erlangt wird (pratisamkhyanirodha).
     Michael Berman kommt in seinem Aufsatz "Time and emptiness in the Chao-lun" zum Schluss, David "Humes Behauptung, dass es keine notwendige a priori-Verbindung zwischen Ereignissen und Objekten gäbe, stimmt mit Seng-chaos Folgerung einer 'Unmöglichkeit von Kausalität' überein" (wie sie ein Erwachter sähe).
   Seng-chaos Bemerkungen zu ethischem Verhalten weisen darauf hin, dass ihm bereits der Geist der Tugenden (paramita) wichtiger war als der von Geboten (sila) selbst. So schreibt er:
   "Die Herrschaft des vollendeten Wesens ist Antwort und nicht Aktion, Wohlverhalten und nicht Mildtätigkeit – so werden sein Handeln und seine Wohltätigkeit größer als andere. Dennoch wendet er sich weiter den kleinen Pflichten des Lebens zu, und sein Mitempfinden verbirgt sich in verborgenen Handlungen."
   "Indem er seinen Glanz an den Staub des Alltagslebens anpasst, wandert er über die fünf Ebenen der Existenz. Geräuschlos geht er dahin, unbemerkt kommt er an, nicht ins Leben verstrickt und doch überall präsent."
   "Weil ich mit der Illusion spendete, dass dies wirklich sei, handelte es sich nicht um dâna. Heute bot ich dem Buddha fünf Blumen im Bewusstsein dar, dass sie ungeboren sind (anutpanna); dies kann man zurecht dâna nennen."

Diese Feinheit, mit der aus dem Bewusstsein des "Ungeborenen" die - im Gegensatz zu den Formulierungen in den sila - weit unauffälligeren Handlungen des Erwachten geschehen, deuten bereits einen anderen Schwerpunkt an, als ihn die "dreifache Übung" unterjubeln will. Um zu verstehen, wieso sich dieses Konzept so hartnäckig hält, fasse ich nun den Beitrag von Rev. Kenshu Sugawara, Aichi Gakuin Universität, unter dem Titel "Zenkai Ichinyo: Die Einheit von Zen und Geboten", zusammen.

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Der Ausdruck von der „Einheit Zens und der Gebote“ findet sich in Artikel 5 der Sotoshu-Satzung und bezeichnet dort einen Glaubenssatz. Dabei überlappen zwei Bedeutungen bezüglich a) der Gebote, wie sie von der Zen-Schule übermittelt wurden, und b) der Verbindung von Zazen (samadhi) und den Geboten. Laut Dogen Zenjis kechimyaku, dem Übertragungsdokument, das seine Linie belegt, soll sein Lehrer Tendo Nyojo gesagt haben, die Gebote Buddhas seien „die große Angelegenheit unserer Schule“ (Nachwort zum Jukakushinkaimyaku). Im Laufe der Zeit wurden darunter zunehmend die sechzehn Bodhisattva-Gelübde verstanden. Dogen lehnt in seinem Shobogenzo-Kapitel "Bendowa" die Ansicht ab, Zazen sei nur eine der sechs Tugenden (paramita), er hält Zazen für unvergleichbar und fragt im Shobogenzo Zuimonki (Kapitel 2): „Wenn wir in Zazen sitzen, welches Gebot würde da nicht befolgt?“ Im Zazen Yojinki schreibt er: „Zazen beschäftigt sich nicht mit Geboten, Versenkung und Weisheit, doch es enthält diese drei Lehren.“ Diese Ansicht wird später von Keizan Zenji gestützt. Zum einen sind die Gebote Teil von Zazen bzw. Nur-Sitzen (shikantaza), zum anderen auch der Dharma-Übertragung.
   Zu Beginn der Edo-Periode brachte Ingen Ryuki das Obaku-Zen nach Japan, das ebenfalls eine Zeremonie zum Empfang der Gebote enthielt. Dies inspirierte wiederum die Soto-Schule, deren Reformator Manzan Dohaku (1636-1715) die Schrift Zenkai Ketsu („Das Geheimnis von Zen und den Geboten“) und Taikyaku Kanwa („Stille Gespräche mit Besuchern“) mit Blick auf die Überlieferung der Gebote im Zen verfasste. In seiner Linie schrieb dann Banjin Dotan (1698-1775) über die zweite Bedeutung von Zazen und den Geboten in den Schriften Zenkai Hongi („Die Bedeutung von Zen und den Geboten“) und Busso Shoden Zenkaisho („Die Essenz der von den Buddha-Ahnen auf rechte Weise übermittelten Zen-Gebote“). Dort bezeichnet er die Überlieferung seit Buddha und Mahakashyapa alternativ z.B. als „die große Angelegenheit von Ursache und Wirkung“, „Shobogenzo“ und „Zen und die Gebote“. In dem Bodhidharma zugeschriebenen Text vom „Ein-Geist-Gebot“ heißt es, zum Buddha-Geist zu erwachen sei gleichbedeutend mit dem wahren Empfang der Gebote. Dieser Text wurde zunächst meist in Form von kirigami, esoterischen Lehren, von Meister an Schüler weitergegeben, tauchte in der Edo-Periode aber immer häufiger in Büchern auf, in denen das Erwachen zum Buddha-Geist mit Sitzen in Zazen gleichgesetzt wurde, er diente dabei also der Verfestigung der Idee, die Gebote seien im Zazen enthalten.
   Zu Beginn der Meiji-Zeit wurde die Zeremonie des Gebote-Empfangens von der Sotoshu genutzt, um ihre Lehre im gemeinen Volk zu verbreiten. Ihre erste Satzung gab sich die Schule im Jahr 1885. Seiran Ouchi (1845-1918) war maßgeblich an der Entstehung der Schrift über „Die Bedeutung von Praxis und Verwirklichung“ beteiligt – die noch heute in Form des Shushogi existiert –, wo er Bezug auf das Brahmanetz-Sutra und einen Satz nahm, wie er in der Soto-Zeremonie rezitiert wird: „Wenn fühlende Wesen die Buddha-Gebote empfangen, gelangen sie in den Rang von Buddhas“. Als der Abt des Eiheiji, Takitani Takushu Zenji, Seirans Schrift, die einem Sutra gleichkam, kommentierte, fiel auf, dass Zazen darin nicht vorkam. Einige Jahre nach Takitanis Tod stellte man darum die Frage, ob nun Zazen oder das Empfangen der Gebote wichtiger sei. Führende Priester der Sotoshu beriefen sich daraufhin auf die Doktrin der Edo-Periode, nach der Zazen und die Gebote eins seien. Bei einer Revision der Satzung im Jahre 1941 wurden dann neben diesem Passus weitere vier Prinzipien festgeschrieben: „Bereuen und schlechtes Karma tilgen“, „die Gebote empfangen und in die Ränge (der Buddhas) aufsteigen“, „geloben, allen Wesen zu nutzen“ und „den Buddhismus praktizieren und Wohltaten vergelten“.


 

Freitag, 4. August 2017

Das Verwechseln von Erwachen und moralischer Reinheit

"Es geht im Leben nicht um den Tod oder das Leiden. Sondern alleine um die Moral. Nur um die eigene natürlich! Am Ende geht es nicht um Trauer oder Glück. Sondern um richtig oder falsch. Am Ende stehen wir alleine da vor unserem Gewissen. Auf der Leiter, die Jakob in der Bibel im Traum sieht, bin ich deshalb immer nur nach oben gegangen: Es gab Niederlagen, einige sogar. Aber ich habe - in guten wie in schlechten Zeiten - immer meiner eigenen Moral standgehalten. Das Leid vergeht. Das Gewissen? Bleibt." 

( Die kürzlich verstorbene Jeanne Moreau laut SZ.de)

Im Forum "Buddhaland" wird gerade die Fundamentalkritik des Unbuddhisten diskutiert. Seit Jahren versucht er ja seinen Standpunkt in immer neuen Formulierungen verständlich zu machen (ein Schicksal, das ich gewissermaßen mit ihm teile), und diesmal hat er ihn auf folgende Thesen kondensiert: Der Dharma sei nicht rein, es gebe im Laufe der Übertragung über die Jahrtausende einen Übersetzungsprozess, der es uns kaum möglich mache noch zu wissen, was einst oder im Osten überhaupt damit gemeint war, und die Prämisse der Erleuchtung von Meistern, die diese "Wahrheit" erfasst hätten, würde dazu beitragen, dass diese sexuell übergriffig werden könnten. In einem späteren Beitrag ergänzt der Unbuddhist noch: "Eine Erleuchtung die ich behaupten muss, ohne sie in irgendeiner Form belegen zu können, kann nicht Teil eines 'schlüssigen Gedankensystems' sein"

Bei einem der ersten Kontakte mit Matthias, dem Unbuddhisten, sprach er z.B. vom Chaos als einem kennzeichnenden Element unseres Lebens, und ich stimmte ihm zu. Im Laufe der Zeit bemerkte ich jedoch, dass auch er nicht umhin konnte, bestimmte Grundannahmen des Buddhismus als gegeben zu setzen, damit seine Kritik Sinn macht, so etwa - das dem Chaos ja quasi entgegengeetzte - Prinzip des bedingten Entstehens (pratitya samutpada). Hier sehe ich das erste Problem, da der Blick auf das, was Buddhismus ausmacht (ob es nun eine "Wahrheit" ist oder nicht) einseitig auf den des unerwachten Schülers verengt wird, der genau wie andere im Forum (einer fragt: Kann man denn die vier edlen Wahrheiten erneuern?) den Glauben an bestimmte Wahrheiten, Wege, Lehren noch nicht als bloß "geschickte Mittel" (upaya) erkannt hat. So ist es nämlich nach einer anderen Lesart, in der nach dem Erwachen bzw. einer entscheidenden Erkenntnis Wahrheiten keine Wahrheiten mehr sind, Dogmen sich erledigt haben und tatsächlich dem Chaos ein ebensolches Existenzrecht gebührt wie dem bedingten Entstehen oder dem Karma, nämlich das einer vorübergehenden Idee, die in sich das Kennzeichen von Leerheit (shunyata) trägt - und auch dies ist nur der Versuch einer verbalen Annäherung. Einige im Forum merken natürlich nicht, dass sie in diesen Dogmen gefangen sind ("Die Grundwerte Ethik, Meditation und Weisheit sind universal" meint da jemand, ohne zu verstehen, dass man sich schon bei der Definition dieser Begriffe überwerfen kann, ihre Universalität also nicht gegeben ist). Vor Kurzem noch meinte die ansonsten kritische Tychiades sogar, man habe sich eben an den Dharma als Instanz zu halten (statt an fehlerhafte Menschen), so als wäre man sich auch nur darüber einig, was das ist.

Wenn ich hin und wieder auf die Ursprünge des Chan hinweise, dann nicht, um einen "reinen" Buddhismus oder reines Zen zu (er)finden , sondern um den hierzulande meist einseitig von Dôgen-Lektüre oder von - in der Regel selbst ernannten - Rinzai-Lehrern verwirrten Suchenden die große Bandbreite des Zen mit seinen ursprünglich revolutionären und eine eigenständige (buddhistische?) Schule begründenden Geistern nahe zu bringen. In den kommenden Monaten werde ich hier ein paar weniger bekannte Lehrer vorstellen, deren Texte sich oft in englischsprachigen akademischen Arbeiten verstecken. Einen reinen Dharma jedoch muss ich nicht behaupten, im Gegenteil ist dieser Blog eine Fundgrube von "Unreinheiten", und diese sind eines der Kennzeichen schon des frühen Chan. 

Auch Erleuchtung muss nicht, darf aber behauptet werden, wie uns zahlreiche Koan-Sammlungen und Zitate von Meistern zeigen. Hier macht der Unbuddhist den gleichen Fehler wie Kobun Chino, als der junge Steve Jobs bei ihm anklopfte und meinte, er sei erleuchtet, und Kobun von ihm einen Beweis verlangte. Ich schrieb Kobuns angeblichem Dharma-Nachfolger Vanja Palmers nach einigem Hin und Her, bei dem er wiederholt nach meinen Motiven für meine Recherche fragte, dass ich Kobun nicht für erwacht halte (und dies ist ein Grund dafür), woraufhin Vanja den Schriftverkehr mit mir einstellte. Tatsächlich ist die Erleuchtung des Meisters, von dem sich jemand herleitet, für dessen eigenes Selbstbild in der Regel von Bedeutung. Ich glaube jedoch, dass für denjenigen, der tatsäclich von seinem "Erwachen" überzeugt ist, also einen wie der Buddha selbst, oder der ggf. ganz traditionell "bestätigt" wurde, diese Ansicht von anderen von geringer Bedeutung ist. Darum muss Erleuchtung auch nicht behauptet werden, kann aber. Darum muss sie auch nicht belegt werden (das ist eine Forderung von denen, die Deutungshoheit haben wollen - wie Kobun Chino - oder letztlich eben doch nach Gewissheiten im Buddhismus suchen), und sie muss im Zen auch nicht "Teil eines schlüssigen Gedankensystems" sein, da - wie ich oben schon sagte - m.E. Erwachen im Zen nicht alles erklärt, sondern gerade auch die Akzeptanz des Unschlüssigen beinhaltet. Mit anderen Worten sind gerade diejenigen Meister mit Vorsicht zu genießen, die behaupten, sie hätten mit dem Erwachen auf alles eine richtige Antwort gefunden.

Schauen wir uns nun genauer an, ob der Wunsch des Unbuddhisten, Erleuchtung möge Belege zur Folge haben, irgendwie erfüllbar ist. Schon befinden wir uns wieder in der gleichen Zwickmühle wie jener User, der meint, über Ethik und Weisheit könne man "universal" Einigkeit erzielen. Eine - nennen wir es mal vorsichtig - Lebensphilosophie wie das Zen, die Regelübertretungen im Kern ihrer "Heilslehre" (jenseits von Schriften usw.) ausdrücklich erlaubt, kann nicht andererseits wieder aufgrund von Dogmen widerlegt werden. Man muss nur einmal genau darauf achten, welche Spießer das auch in Foren immer wieder tun, es sind garantiert diejenigen, die auf Formalitäten herumreiten, organisierten Strukturen angehören und/oder im wesentlichen ein angepasstes Leben führen und damit beschäftigt sind, "was das so mit einem macht". 

Im Grunde ist man jedoch weithin so tolerant, dass auch Erwachte im Zen Geld, Luxusgüter und Fleisch auf der Pizza haben dürfen, denn wer mit Maßstäben etwa des Vinaya (Ordiniertenkodex) nach Lehrern sucht, wird kaum fündig werden. Die Frage, die sich - vor allem einem selbst - stellt, ist doch die, ob man von all den angenehmen Dingen auch lassen kann, also wie frei man im Umgang damit ist. Bei Besitz und Genussartikeln wird gerne darüber hinweggesehen, bei den vom Unbuddhisten gern aufgegriffenen Sexskandalen jedoch wird per se angenommen, dass diejenigen, die illegalen Sex oder legalen mit ihren Schülerinnen suchen, nicht davon lassen könnten. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass der materielle Luxus sich oft hinter den drei akzeptierten Grundbedürfnissen nach Nahrung, Wohnung und Kleidung verbirgt und der nächste Punkt auf der bekannten Bedürfnispyramide, die Sexualität, bei den Bürgern westlicher Sozialstaaten - die fast alle ein Dach überm Kopf, genug zu essen und zum Anziehen haben - den relativ größten Frust auslöst und entsprechend auch die größte Nervösität und den größten Neid. Die meisten haben nicht genug Sex oder nicht den, den sie sich wünschen. Das gilt für Buddhisten wie für Nicht-Buddhisten. Darum gehen auch die Leserzahlen bei derartigen Themen stets hoch, dieser Konflikt ist in vielen unbewältigt. Ob das bei allen in dieser Hinsicht kritisierten Zen-Lehrern so ist, bleibt die Frage, und sie ist oft ebenso wenig zu klären wie die, ob man dem Lehrer überhaupt ein Erwachen unterstellen kann. Ich habe gelegentlich darauf hingewiesen, wie Shimano und Sasaki mit den Vorwürfen umgingen und dass man daraus eine gewisse Reife ableiten kann, andere hingegen entdeckten darin nur einen weiteren Beweis von deren Soziopathie. Man sieht eben gern, was man sehen will.

Was also könnten realistische Erwartungen ans "Erwachen" - und dann an einen "Erwachten"  - sein?

- Erwachen verändert den Blick aufs Leben und die Welt, deren "Leerheit" individuell tief empfunden wird, was mit einem Gefühl "universaler" Verbundenheit einhergeht. Ich bezeichne das gern als "Schlüsserlebnis", das sich in verschiedener Intensität wiederholen kann. Im Zen heißt es allgemeinhin "satori" oder "kenshô".

Die meisten (aber nicht alle) Menschen, die solche Erlebnisse haben, suchen nach Bestätigung durch einen "Meister", einige "Meister" sind der Meinung, dass ohne ihre Bestätigung keine "Dharma-Nachfolge" und dergleichen behauptet werden könne. Nach meiner persönlichen Erfahrung finden sich viele Menschen außerhalb jedes buddhistischen Kontextes, die vergleichbare Schlüsselerlebnisse hatten, etwa Menschen, die dem Tode nahekamen (Soldaten, Kranke usw.) oder besonders tief an etwas gelitten haben ("ins Bodenlose fielen"). Der "Kontext" des Zen kann m.E. helfen, diese Erfahrungen fruchtbar zu machen, da andererseits auch eine Tendenz zum Nihilismus oder reinen Existenialismus lauert.

- Die wesentliche zu erwartende Konsequenz aus der o.g. Einsicht (die natürlich im objektiven Sinn ein Irrtum sein kann und nur jeweils subjektiv als "Wahrheit" daherkommt) ist die Fähigkeit, loslassen zu können, die sich m.E. auf natürliche Weise ergibt, aber auch konkret eingeübt werden kann. Losgelassen werden etwa Beziehungen, Besitz, Ansichten. 

Dennoch kann man um eine Beziehung "kämpfen", man kann Besitz "verteidigen" und Ansichten "vertreten". Obwohl es aber auch dem Erwachten unmöglich ist, bestimmte Formen des Leides sicher auszuschalten (etwa Körperliches oder den Verlust von geschätzten Menschen), findet er eine gleichmütigere und gelassenere Einstellung zu diesen Vorgängen als man sie gemeinhin unter Menschen beobachten kann. Anders ausgedrückt: Der Erwachte hat mehr Wahlmöglichkeiten, er kann tun und auch lassen. Je weniger er lassen kann, desto mehr verstrickt er sich in der Welt und desto weniger wird er seinem "Erwachen" gerecht. Da er jedoch weiterhin die Wahl hat (ja noch mehr als zuvor), kann er in den Augen der Allgemeinheit immer wieder als unangenehm auffallen.

- Wenn ein Erwachter zum Lehrer wird, gibt es niemanden (auch keinen namhaften Meister oder eine etablierte Organisation), der dafür garantieren kann, dass dieser lebenslang auf einem hohen Niveau loslässt, also die weithin gängigen Vorstellungen von großer Empathie ohne Selbstsucht verwirklicht. Das Scheitern auf einem Gebiet bedeutet jedoch nicht automatisch, dass keine tiefe Erkenntnis auf einem anderen Gebiet vorläge. So wie ein profunder Naturwisseschaftler, der sein Fach mit neuen Ideen weiterentwickelte, vielleicht von seiner Frau geschieden wird, weil er sie im Suff geschlagen hat, so kann der Erwachte, der um die Leerheit und Verbundenheit des Lebens weiß, zuweilen so handeln, als seien ihm andere Werte wichtiger. 

Dass vom Erwachten anders als von anderen Fachleuten nicht nur die fachspezifische Erkenntnis (hier der Leere des Daseins und der praktischen Anwendung im Loslassenkönnen) erwartet wird, sondern eine tadellose Lebensführung, ist - wie ich schon oft sagte - nicht nur der Zirkelschluss der vom Unbuddhisten kritisierten "X-Buddhisten", sondern auch der in seinen Kreisen aktiven "Y-Buddhisten" selbst. Er beruht auf dem gleichen Fehler, den Tychiades macht, wenn sie irgendetwas als heilig setzt (wie den "Dharma"), also auf dem Missverständnis, die für Unerwachte gelehrte Doktrin von "edlen Wahrheiten" und "(rechtem) achtfachen Pfad" würde die reine Metapher eines edlen und unfehlbaren Heiligen (Buddha) zur Folge haben. Diese Vorstellung ist zutietst theravadisch, wird aber auch von bekannten öffentlichen Figuren wie dem Dalai Lama und Thich Nhat Hanh und deren Eigendarstellung und Wahrnehmung gestützt (wozu das Verschweigen ihrer "Fehler" gehört). Sie zeigt, wie groß auch in hiesigen Zenkreisen die Verwirrung ist. Ich publiziere demnächst das etwa hundert Jahre alte Werk des Sôtô-Professors Kaiten Nukariya ("Die Religon der Samurai"), der darauf hinweist, wie anders Zen in dieser Hinsicht ist und war, so dass noch einmal deutlich wird, dass es nicht erst einer Idealisierung durch D.T. Suzuki bedurfte, um Zen als eigenständige, originäre und originelle Form der Buddha-Interpretation zu sehen. Eines von Nukariyas Kapiteln trägt bezeichnenderweise die Überschrift "Es gibt keinen Sterblichen von vollkommener Moral". Sollte das in anderen buddhistischen Schulen nicht angekommen sein, sollten diese sich kritisch selbst befragen.

Tatsächlich ist die sexuelle Umtriebigkeit eines (angeblich, vorgeblich) Erwachten nicht anders zu bewerten als jedweder Mangel an Loslassenkönnen, etwa von Auto, Luxusuhr, Alkohol, teurer Kleidung, Dogmen usw. Und vor allem ist sie nicht anders zu bewerten als die aller anderen (angeblich, vorgeblich) Unerwachten. Genau so macht es idealerweise unsere Justiz. Buddhisten oder Unbuddhisten jedoch, ob sie nun die falschen Ideale postulieren oder kritisieren, haben zumindest nicht verstanden, worum es Zen wesentlich geht, wenn sie von so genannten "Zen-Meistern" etwas anderes erwarten als die Vermittlung einer tiefen Erkenntnis. Diese könnten sie, wenn sie offen dafür bleiben, dann sogar bei dem ein oder anderen moralisch Korrumpierten finden. Das funktioniert nur dann nicht, wenn sie von diesem auch noch moralische Lehren erwarten, die er nicht gegeben hat (was z.B. für Sasaki gilt) und so gleich doppelt zum Opfer ihrer eigenen Projektionen werden. Dass sie diese falschen Erwartungen wiederum haben, könnte damit zu tun haben, dass sie nach wie vor unerwacht sind bzw. nicht einmal die Grundlagen des Zen begriffen haben. Ich glaube nicht, dass Sasaki sich seinerseits mit solchen Erwartungen an seine Schüler/innen plagte.

Um zum obigen Zitat des Unbuddhisten zurückzukommen, verhält es sich also umgekehrt: So lange der Unbuddhist oder sonst wer keine Erleuchtung eines anderen behauptet, muss er von diesem auch keinerlei Beweise dafür einfordern. Ist Shimano in Matthias' Augen unerleuchtet, bedarf es also keines Belegs für dessen Erwachen mehr. Diese Belege zu haben meinen ja in der Regel diejenigen, die den Lehrer als erwacht ansehen. Und die können sich genau so täuschen wie ich, wenn ich jemanden als unerwachtet ansehe. Das Erwachen selbst ist eine intime, persönliche, subjektive Erfahrung, die objektiviert sofort in die Kritik geraten kann und für die es zumindest im Zen keinen allgemeingültigen überprüfbaren Kriterienkatalog gibt (auch mein obiger Versuch ist nur provisorisch). Diesen behaupten dann auch nur diejenigen, die krampfhaft daran festhalten, irgendein Konzept von fünf oder zehn Regeln oder 48 Bodhisattvagelübden könne dies ändern. Doch selbst wenn es kein einziges Gebot, keine einzige sila gäbe, ja, selbst wenn weder Recht noch Ordnung herrschten, würde jemand, der einen anderen etwa unter Ausnutzung seiner Vorschußloorbeeren, mit Lug und Trug in Sex hineinmanipuliert, daraus nur selten etwas für den anderen wirklich Hilfreiches und Schönes machen können - und der andere würde ihn das spüren lassen, so wie seine eigene Buddha-Natur sich nicht täuschen lässt. Es sind also gewöhnlich nicht die Regeln und Gelübde, die den "guten" oder vielmehr weisen Menschen manifestieren, sondern seine empathische Fähigkeit, das Ausmaß, mit dem er das Leiden eines anderen absehen kann. Dies kann keine Regel oder Vorschrift der Welt fassen. Es gibt darum in der Zen-Tradition auch kaum Beispiele, die anhand sexueller Begegnungen verhandeln würden, dass ein Erwachter sich so zu verhalten habe, wie es sich der Unbuddhist oder andere vorstellen (abgesehen von der Abneigung gegen Heimlichtuerei). Thema ist vielmehr, ob der Schüler seine gängigen dualistischen Vorstellungen von dem, was gut und schlecht, was falsch und richtig ist, überwunden hat. Von demjenigen, dem das noch nicht gelungen ist, erwartet man im Zen jedenfalls auch nichts Brauchbareres an ethischen Erkenntnissen als von anderen.