Montag, 16. April 2018

III. Die Verbindung von Kampfkunst und Lebenskunst (Takuan Soho und Suzuki Shosan)



Mit Beginn des 16. Jahrhunderts trat Japan in eine befriedete Phase, die Tokugawa-Ära, ein. Seine Kriegerkaste konnte ihre Künste nun nicht mehr wie gewohnt verwenden. Der damalige Abt des Daitokuji, Takuan Soho (1573-1645), wurde als Ratgeber solcher Samurai bekannt, die ihre Fertigkeiten infolgedessen spiritualisierten. Takuan erläuterte, wie der buddhistische (Nicht-)Geist der Erkenntnis zu vereinbaren ist mit Leben und Tod des Schwertes, genauer: wie dieser Nicht-Geist funktioniert bzw. wie höchste Konzentration mit der Flexibilität des Loslassenkönnens in Einklang gebracht werden kann. Dabei folgte er der seit Nagarjuna aus den Weisheitssutren entlehnten Auffassung, dass Weisheit (prajna) über geschickte Mittel (upaya) kreativ angewendet werden solle. Die Zen-Künste, in denen erworbene Meisterschaft mit Freiheit und Ästhetizismus einhergeht und ihren Ausdruck über die erlernte Kunst hinaus im Alltagsleben sucht, sind ein gutes Beispiel hierfür. Das Schwert selbst stand im Mahayana-Buddhismus für die Macht der Weisheit, Täuschungen abzutrennen, und findet sich so in Chan-Schriften wie dem Linji yulu. Im Biyänlu (Hekiganroku) und Wumenquan (Mumonkan) ist vom Schwert, „das Leben (Erkenntnis) gibt“ und „Leben (Täuschung) nimmt“ die Rede. In Japan fand sich seine mythische Funktion zudem in ältesten Schriften wie dem Kojiki und Nihongi. Takuan beschreibt die Schwertkunst in seiner Schrift Fudochi shinmyo roku. Die Fixierung von Gedanken oder gewöhnliche ausschnitthafte Wahrnehmung (vijnana), die laut Zen zu Illusion und Täuschung führt, wird im Schwertkampf zum Auslöser tödlicher Niederlagen. Stattdessen soll allen Details gleichermaßen „fließende“ Aufmerksamkeit geschenkt werden – was dem ursprünglichen Geist (wie im Sutra vom „Erwachen des Glaubens an den Mahayana“, Taisho 32) entspreche – und der Übende durch „Nicht-Verweilen“ (bei nur einer Sache) und Spontaneität mit allem in Harmonie gelangen. So behalten verschiedene Faktoren ihr kreatives Potential. Hält der Geist sich jedoch bei etwas auf, entstehen Unterscheidungen (vikalpa); ein so „anhaltender“ Geist bewegt sich also, während der nicht-anhaltende Geist „unbeweglich“ ist, d. h. in seiner Flexibilität unverändert.

Suzuki Shôsan (1579-1655) kämpfte auf der Seite von Tokugawa Ieyasus Truppen in der Schlacht von Sekigahara (1600) und Osaka (1614, 1615). Mit 42 Jahren wurde er 1621 Mönch und entwickelte sein „Niô Zen“ 二王禅, auch „Zen des Mutes (yûmô)勇猛禅 oder „Zen des Augenduells“ (hatashi manako) 果たし眼座禅 genannt, bei dem zunächst die Aufmerksamkeit auf eine Buddha-Statue, d. h. eine  bewaffnete Wächtergottheit (auch Fudô 不動), gerichtet wird, um dieser ähnlich zu werden („Fäuste ballen, Zähne zusammenbeißen, geradeaus wie in die Augen eines Feindes starren“), dann ein heiterer (ukabu-kokoro 浮心), widerstandsfähigertsuyoki-kokoro 強き心) und mutiger (yûmô-sin 勇猛心) Geist aufrechterhalten und schließlich das eigene ki ( oder ), eine vitale Lebensenergie, genährt wird (zu der auch shiki 死機, die Bereitschaft zum Sterben, gehört).

Die Idee des heiteren Geistes soll vom Nô-Theater, das Nähren des ki vom Shugendô oder hijiri bukkyô (Pilgerbuddhismus) beeinflusst sein, einer alten synkretistischen Religion mit magischen Elementen (weswegen das ki auch durch Berge und Flüsse, Pflanzen und Steine genährt werden kann). Für diesen heiteren oder lebhaften Geist gibt Suzuki Shôsan siebzehn Beispiele, darunter einen Geist, der die eigenen Fehler erkennt, Gerechtigkeit walten lässt, aufrichtig und gütig ist, das Prinzip von Ursache und Wirkung anerkennt, Dankbarkeit zeigt, furchtlos Leben schützt und das eigene zu riskieren bereit ist.

Beim Konzentrieren auf die Statuen geht es darum, deren ki zu erlangen, da sie eine Manifestation des Buddha-Geistes seien; die spezielle Auswahl von furchterregenden Wächtern als Gegenüber soll dabei das Ausmerzen übler Begierden erleichtern. Ansonsten war Shôsan durchaus der Ansicht, dass das Freisein von Ideen und Gedanken erst die Interaktion mit allem ermögliche.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Shôsans Praxis ein samâdhi des „unermüdlichen Fortschreitens“ (Nährens von ki) statt eines samâdhi der Meditation (dhyâna) anstrebt. Auch in der Sôtô-Tradition gab es also kreative Ansätze, um Zorn, Aggression und Kampfbereitschaft in den Zen-Weg einzubinden. 


Zu Takuan siehe Dennis Lishka:Zen and the Creative Process: The ‘Kendo-Zen’ Thought of the Rinzai Master Takuan”. Japanese Journal of Religious Studies 512-3 June-September 1978.

Zu Suzuki Shôsan siehe Michiko Katos Vortrag: “Suzuki Shôsan: Method of Buddhist Practice Based on Ki“ (Australian National University, Asia Pacific Week 2006).

Sonntag, 1. April 2018

Menzan Zuihos Neuentdeckung von Dogen Zenji



Vor vielen Jahren veröffentlichte ich eine erbauliche und bebilderte Schrift von Menzan Zuiho (1683-1769), „Das Leben des Zen-Bettlers Tosui“ (dessen Neffe übrigens Menzans Ordinationsmeister war). Menzan wurde freilich bekannter als Interpret der Schriften von Dogen Zenji (1200-1253), die jahrhundertelang eine untergeordnete Rolle gespielt hatten; so gab es bis ins 17. Jh. hinein nicht einmal Kommentare zu dessen Hauptwerk Shobogenzo. Insofern ist Menzan für viele Ansichten zum Zen, wie sie heutzutage vorherrschen, mitverantwortlich.  Seine Rückbesinnung auf Dogens Ideen lief unter dem Slogan fukko 復古, wie auch die Reformen zur zeremoniellen Dharma-Übertragung durch Manzan Dohaku (1631-1741, fortan: Dohaku), der sich auf ein Kapitel jenes Shobogenzo berief. Dohaku hatte zunächst die Hausregeln des Eiheiji als verbindlich für alle Tempel des Soto-Zen erklärt und hernach die Schriften von Dogen als maßgeblich für die die gesamte Soto-Schule. Im 17. Jh. kam es deshalb zu solchen Spannungen bezüglich der Interpretation Dogens, dass dessen Schriften mehrere Jahrzehnte lang auf Wunsch der Soto-Obrigkeit nicht mehr publiziert wurden. Unter solchen Bedingungen musste nun wiederum Menzan arbeiten, der nicht nur offene Fragen in Dogens Werk mithilfe von Studien alter Wurzeltexte zu klären suchte (was einem Trend seiner Zeit entsprach), sondern auch Dohakus Auslegung der Klosterregeln (als auf die modernere Obaku-Schule zurückgehend) revidierte und stets die Maßgabe der alten Schriften modernen Praktiken vorzog. Menzan hatte zudem viele Soto-Schüler in die Obaku-Schule abwandern sehen.

Menzan, der mit 23 Jahren Dharma-Erbe von Sonno Shueki (1649-1705) aus dem kleinen Taishiniji in Sendai wurde – einem Lehrer, der dafür bekannt war, zum Tode Verurteilten Dharma-Namen zu verleihen und einst einen Schüler nur deshalb fortjagte, weil dieser einen gewöhnlichen Text auf ein Werk von Dogen Zenji gelegt hatte –, ordinierte auch in einer Shingon-Linie und hielt sich oft in Rinzai-Tempeln auf, was seine rege Kommentartätigkeit zu Koan erklärt. Er war sicher einer der fleißigsten Zen-Autoren und hinterließ schon zu Lebzeiten über 50 Werke, die sich u.a. auch ausgiebig mit den Klosterregeln beschäftigten. Wie so viele prominente Vertreter des Soto-Zen (von Dogen bis Muho) verlor Menzan seine Mutter schon in jungen Jahren. Nach dem Tod seines Meisters folgte er dessen Rat, ein tausendtägiges Meditationsretreat mit dem Studium des Shobogenzo zu verbinden. Bei seinen späteren ausgiebigen Vortragsreisen kommentierte er u. a. das Linji Yulu, das Plattform- und das Lotus-Sutra und verfasste ein Lob auf Dogens Meditationspraxis unter dem Titel Buddha Samadhi, das noch heute verlegt wird und in dem sich eine nur kurze Kritik am kanna-Zen findet, das durch die Konzentration auf eine Phrase im Koan zu einem schlagartigen Durchbruch beim Übenden führen soll; im Gefolge zitierte die Soto-Schule trotz Menzans insgesamt inklusiver Einstellung diese Kritik oft, um sich vom Rinzai unnötig stark abzugrenzen. Menzans Auslegung von Dogens Sicht auf die Gebote wurde zwar später durch Banjin Dotans (1698-1775) Standpunkt abgelöst, der die radikale Umformungskraft der Gelübde im Moment ihres Empfangens betonte. Dafür hielten sich lange Menzans Umdichtungen biografischer Ereignisse im Leben Dogens, etwa dessen Zweifel an der Doktrin des immanenten Erwachens und eines entsprechenden Dialogs mit dem Rinzai-Meister Eisai. Menzans Darstellung der Klosterregeln wurden 1804 zum Soto-Standard. Im hohen Alter noch kommentierte er Koansammlungen wie das Hekiganroku. Ein vergleichbar produktiver Autor aus der Rinzai-Linie war Mujaku Dochu (1653-1745), der Dogen seine ungrammatikalische Lesart chinesischer Texte vorwarf. 

Mit Menzan nahm der Hype um Dogen Zenji also seinen Anfang. Was vielen Dogen-Anhängern heute jedoch fehlt, ist Menzans breite Kenntnis anderer Zenschulen.

Dieser Beitrag verdankt viele Informationen David E. Riggs Essay “The Life of Menzan Zuiho, Founder of Dogen Zen, in: Japan Review 2004, 16.