Mittwoch, 28. August 2013

Neues aus Phat Hue:
Hue Bao wird in tibetische Klosteruni geschickt

In letzter Zeit stöhnten Zeitungsmacher immer wieder auf, die Printauflagen wurden kleiner und die Netzgemeinde wehrte sich gegen kostenpflichtige News. Wenn man sich am Beispiel eines jüngeren Artikels der FAZ-Lokalredaktion mal verdeutlicht, dass hier überhaupt nicht mehr hinreichend recherchiert wird, obwohl die Redaktion vorgewarnt war, und sich ein Journalist erneut für Werbung missbrauchen lässt, dann darf man den Auflagenrückgang auch als Klatsche für Schlamperei ansehen.
   In besagtem Artikel geht es im Wesentlichen um Hue Bao, jenes Kind, das seine Eltern nach Phat Hue abschoben und dem dort eingeredet wird, es sei die "Wiedergeburt eines sehr bedeutenden Mönches". Der "Abt" der Pagode sieht in ihm gar den künftigen "Halter" der Lin-chi-Linie, jener "Zen-Tradition, der er selbst angehört". Hue Bao soll nun, mit 14 Jahren, in die südindische Klosteruniversität Sera Jey gehen, und das 14 Jahre plus eine anschliessende Lehrzeit lang. 
   Bereits hier wissen wir, dass dies alles nicht zusammenpasst. 1) Im Zen spielen Wiedergeburten keine besondere Rolle, im Gegenteil äussern sich viele Lehrer nicht dazu, lassen das Thema offen oder erklären ausdrücklich, mit dem Verweis auf Buddha, dass es ohne Relevanz sei. 2) Da das Zen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen (siehe etwa Nguyen: Zen in Medieval Vietnam) in Vietnam schon lange ausgestorben ist, kann von einer Lin-chi-Linie dort nicht die Rede sein. Ausserdem blieb Thien Son jahrelang den Nachweis schuldig, selbst ein Linienhalter zu sein, was u.a. dazu führte, dass seine Gemeinschaft nicht in die Deutsche Buddhistische Union aufgenommen wurde. 3) Sera Jey steht in der Tradition des tibetischen Buddhismus, nicht des Zen, wie eben auch das Gedöns um die Wiedergeburt.
  Natürlich kommt es noch ärger. Im Kloster "Buddhas Weg", im Grunde ein Ableger der Pagode, stehe eine riesige goldene Statue des Padmasambhava, eines bedeutenden Lehrers des tibetischen Buddhismus. Der Autor schreibt es selbst, erkennt aber offenbar den Irrsinn dahinter nicht. Thien Son ist dennoch ein "Zen-Meister" und "Abt", obwohl ihn die Deutsche Buddhistische Ordensgemeinschaft nach Vorlage diverser Eidesstattlicher Versicherungen bzgl. sexueller Beziehungen zu einigen seiner Schüler ausgeschlossen hatte. Dazu gab es eine so genannte "Vinaya Kamma", ein Ordenstreffen, das zwar offensichtlich von einem Mönchsfreund Thien Sons, dem Altabt der Pagode in Hannover, manipuliert war, aber immerhin ein solches Vergehen feststellte, dass den Abt nach Ordensrecht auf den niedrigsten Rang in seiner Gemeinschaft versetzt hätte, und zwar für die gleiche Zeit, die seine Vergehen andauerten. Nichts davon war aus Phat Hue zu vernehmen, die Geschäfte gingen weiter wie eh und je.
  Insofern ist es auch ein Skandal, was sich das Jugendamt mit diesem "ungewöhnlichen Einzelfall" geleistet hat und noch immer schönredet. Für das Entsenden von jungen Mönchen in ferne Länder können sich Ehemalige der Pagode jedenfalls noch andere Motive vorstellen als die genannten.

Mittwoch, 21. August 2013

Best of FOYAN (Qingyuan, 1067-1120)


In meiner Zen-Schule gibt es nur zwei Arten von Krankheiten. Die eine besteht darin, nach einem Esel zu suchen, der einen Esel reitet. Die andere besteht darin, sich zu weigern, vom Esel wieder abzusteigen, wenn man ihn schon bestiegen hat. (...) Ich sage dir, du brauchst den Esel nicht zu besteigen, du bist der Esel! Die ganze Welt ist der Esel! (...) Wenn diese beiden Krankheiten vergangen sind und nichts in deinem Geist zurückbleibt, dann wirst du ein Wanderer des Weges genannt. Was gibt es dann noch? Darum fragte einst Zhaozhou den Nanquan: "Was ist der Weg?" Und Nanquan antwortete: "Der gewöhnliche Geist ist der Weg."

Sobald du nicht-unterscheidendes Wissen erlangst, haben wir etwas, womit wir arbeiten können, etwas, worüber wir sprechen können.

Lass mich etwas fragen: Warum zollst du einem Symbol der Weisheit Respekt? Erkennt dieses Symbol dich an, wenn du dies tust? Stimmt es mit dir überein? Wenn es dich anerkennt, wie kann das sein, wo es doch nur aus Ton besteht? Wenn du meinst, es stimme mit dir überein, kannst auch du übereinstimmen? Da du weder des Anerkennens noch der Übereinstimmung fähig bist, warum zollst du dann Respekt? Ist das eine gesellschaftliche Übereinkunft? Wird Gutes erzeugt, indem man eine Abbildung anschaut? Wenn du dies für eine gesellschaftliche Pflicht hältst, wie kann es eine solche unter denen geben, die sich losgesagt haben? Wie könnten sie Gutes erzeugen, indem sie Abbilder anschauen? Oder zollst du vielleicht nur Respekt, um mit der Masse zu gehen? [siehe Blog vom 17.7.2013 zum Viktualienmarkt ...] 

Mein Zen hat nur einen Geschmack, den ich das Mark aller Weisen nenne.

Nicht zu wissen bedeutet, dass nichts ungewusst ist, dass kein Ort unerreicht bleibt.

Wenn du überhaupt nicht denkst, wird das nicht funktionieren.

Selbst wenn du geklärt hast, was verstanden werden kann, kann dies nicht damit verglichen werden, das zu erkennen, was nicht verstanden werden kann, und diese Erkenntnis aufrecht zu erhalten. Erst dann wirst du stets munter und wachsam sein.

Als Xuansha sah, wie sich ein Wegsuchender vor einem anderen niederwarf, sagte er: "Es ist wegen des Selbst, dass sich einer vorm anderen verbeugen kann."

Dein Körper ist nicht da, aber auch nicht nichts. Seine Präsenz ist im Geist, also war er niemals da. Sein Nichtsein ist die Abwesenheit des Körpers im Geist, darum war er nie nichts.

Es geht nur darum, dass du dich von emotionalen Gedanken löst.

"Nicht-Sehen" heisst nicht, mit geschlossenen Augen auf einer Bank zu sitzen. Du sollst Nicht-Sehen beim Sehen praktizieren. Darum heisst es: "Lebe im Reich von Hören und Sehen, doch werde davon nicht erfasst. Lebe im Reich der Gedanken, doch bleibe davon unberührt."

Ein alter Patriarch sagte: "Freiheit von Gedanken ist die Quelle, Freiheit von Erscheinungen ist der Kern."

Ob du über die Geschichten der Alten nachsinnst, still sitzt oder dich überall aufmerksam umschaust - all dies sind Wege, deine Arbeit zu verrichten. Überall ist der Ort, an dem du Verwirklichung erlangen kannst, doch wenn du dich Tage und Monate lang ununterbrochen auf einen Punkt konzentrierst, wirst du sicher den Durchbruch erleben.

Geist sieht nicht Geist. Um ihn zu erfassen, darfst du ihn nicht als Geist ansehen. Dies ist das Reich jenseits der Gedanken.

Manchmal kommen Anfänger zum Zwiegespräch mit mir und können nichts dagegen tun, dass ich sie bereits durchschaut habe. Sie sind wie Dorfbewohner, die sich mit Stäben ausgerüstet haben, um den General zu bekämpfen. Doch hier bin ich, vollständig gewappnet, in meiner Hand das hundert Pfund schwere Schwert des legendären Kriegers, und sie haben nichts als ihre Tragestange. Sie landen einen Schlag, und da dieser Mann sich nicht bewegt, schlagen sie noch ein paar Mal zu und verschwinden dann. Nicht, dass ich sie fürchtete. Sie sind keine Gegner für mich. Ha, ha!

Wenn du es erkennst, dann macht es einen Unterschied.

Die Alten sahen die Hilflosigkeit der Menschen und baten sie, eine Weile still zu meditieren. Spätere Generationen haben die Absicht der Alten missverstanden. Sie sassen dann wie Klumpen mit angenähten Augenbrauen und geschlossenen Augen, unterdrückten Körper und Geist und warteten auf Erleuchtung. Wie dumm, wie närrisch!

Heute reden die Menschen über gewisse Unterscheidung, doch können sie mit Gewissheit unterscheiden? Es geht nicht darum zu behaupten: "Dies ist eine Aussage für Anfänger, diese eine für Fortgeschrittene." So ist es ganz und gar nicht. Alles auf einmal loszulassen - das genau bedeutet, mit Gewissheit zu unterscheiden. Weder für Anfänger noch für Fortgeschrittene gibt es einen anderen Schwerpunkt. 

Xuansha sagte: "Ich kann den Menschen keine besondere Methode beibringen, keinen Lehrsatz und keinen Weg zu Frieden und Glück."

Der Zweite Patriarch legte die Lehre überall dar, wo er sich befand, und jeder, der ihm zuhörte, erlangte wahre Achtsamkeit. Er fertigte keine schriftlichen Formulierungen an und diskutierte weder Übung und Verwirklichung noch Ursache und Wirkung.

Warum nicht Zen auf diese Weise üben: den ganzen Tag lang gehen, stehen, sitzen und liegen, ohne je zu gehen, zu stehen, zu sitzen oder zu liegen?

Du musst Schwarz und Weiss unterscheiden können, bevor du es tun kannst!

Sitzmeditation und Konzentration führen nicht zu innerer Freiheit!

In den alten Lehren heisst es, deine gewöhnlichen Gefühle und Wahrnehmungen seien wie ungebrannter Lehm, der vor dem Erhitzen nutzlos ist. Mit der Erleuchtung ist es genau so.

Es heisst, mit der ursprünglichen Inspiration erlange man wahre Erleuchtung. Dies bedeutet, zunächst die Frucht zu erlangen. Die sechs Vollkommenheiten (paramita) und zahlreichen Taten der Buddhas sind eine Frage des nachfolgenden Reifens.

Wenn du nicht weisst, was innere Arbeit ist, wie kannst du dann erwarten, durch unbewegliches Sitzen zu verstehen?

Zen-Konzentration bedeutet alles übersteigende Einsicht in jeden Moment des Denkens.

Schüler des Zen sollten im Einklang mit dem Prinzip voranschreiten und nicht so anmassend sein, etwas Transzendentes zu erwarten. 
   Im Allgemeinen machen die Schüler heute Phänomene zu einem Extrem und Prinzip zu einem anderen. Dadurch wird ihnen körperlich wie geistig unwohl. Warum also nicht Phänomene und Prinzip in Einklang bringen?
   Ohne auch nur von den Phänomenen seit anfangloser Zeit zu sprechen, beachte einfach den Moment der Empfängnis, wenn sich eine plötzliche Veränderung im Körper und der materiellen Welt abspielt; von da an ist alles Phänomen, auch jedes Element im bedingten Körper. Wie kannst du genau in diesem Augenblick deinen Geist von diesen Phänomenen bereinigen und so mit dem Prinzip übereinstimmen? 

Dies ist keine Sache von langjähriger Übung, es hängt nicht von Kultivierung ab.

Du hast dir unbewusst Denkgewohnheiten angeeignet, was dich und andere betrifft, und denkst zu wenig daran, davon unabhängig zu werden.

Wer den Weg meistert, hat nichts erlangt. Würde der Weg durch gezielte Absicht gesucht, wäre er etwas Erlangtes. Such einfach nicht irgendwo anders und erkenne, dass es keine Verwirrung und Falschheit gibt; dies bedeutet, den Weg zu sehen.

Nur mit Tiefe und Vollkommenheit ist es wahres Zen, ob in Glauben oder Zweifel.

Darum gibt es für diejenigen, die den Pfad erlangen, nichts, was es nicht ist.

Wenn du es nicht verstehst, dann setze dich aufrecht hin und sinne nach. Eines Tages wirst du hineinplumpsen.

Zen wird auch "das Phänomen von Gold und Kot" genannt. Bevor du es verstehst, ist es wie Gold; wenn du es verstanden hast, ist es wie Kot.

Der Zweck der Reise erfordert, dass sich Zweifel zerstreuen. Wenn du dir aber nicht aktiv Gedanken machst, wie sollen die Zweifel dann schwinden?

Mittwoch, 14. August 2013

Veggie-Day oder: Warum Peter Singer Tiere missversteht

Vor ein paar Jahren stellte ich in einem buddhistischen Forum fest, dass einige Buddhisten ihren Vegetarismus auch auf Thesen des Philosophen Peter Singer ("Animal Liberation") gründeten. Ich möchte kurz herleiten, warum sie nicht mit meinem Zenverständnis vereinbar sind. Eine Einschränkung des Fleichkonsums aus gesundheitlichen und ökologischen Gründen halte ich durchaus für angebracht. Hier stellen sich jedoch andere Fragen der Ethik. Betrachten wir uns Singers Thesen.

1) Interessenutilitarismus: Die Interessen der von einer Handlung betroffenen empfindungsfähigen Wesen sind gleichberechtigt zu berücksichtigen.

2) Nur empfindungsfähige Wesen haben einen solchen Anspruch auf moralische Rücksicht.

3) Tiere gehören dazu, sie können "Leiden und Freude" empfinden.

4) Tiere wollen nicht Teil eines Nahrungsmittelprozesses sein, die Massenhaltung widerspricht ihrem Interesse.

5) Menschen benötigen kein Fleisch zum Überleben.

Peter Singer sucht zunächst, wie Religionen, nach universal gültigen, objektiven Ethikkonzepten. Es gibt ein schönes Beispiel vom untergehenden Schiff, auf dem eine Frau aus Angst vor dem Ertrinken aufgrund ihrer Fähigkeit, sich geistig in die Zukunft zu versetzen, ein grösseres Recht als ein Hund haben soll, in ein Rettungsboot zu steigen. Ein gelassener Mensch jedoch besässe dieses Recht nicht allein aufgrund seines Selbstbewusstseins. An dieser Interpretation lässt sich bereits festmachen, dass Singer mit diversen Prämissen arbeitet.

a) Die Interessen eines Tieres zu überleben sind unseren zwar ähnlich, nicht jedoch seine Fähigkeit zum moralischen Handeln. Auch wenn Tiere gewöhnlich andere nur töten, um zu überleben, ist keinesfalls zu erkennen, dass sie deren Interessen ihrerseits als gleichberechtig wahrnähmen. Eine hungrige Raubkatze, die  etwa auch eine Gazelle jagen könnte, wurde z.B. einen Menschen fressen, wenn er ihr zuerst vor die Füsse läuft und sie gerade hungrig ist. 

Ich beobachte hier in Thailand immer wieder, wie streunende Hunde sich an Menschen halten, die sie füttern - jedoch meist mit wenig fleischhaltigen Essensresten. Im Westen soll es gar Hundefutterläden, die rein vegetarische Nahrung für die Tiere anbieten. Tatsächlich kann es einem passieren, dass das industriell hergestellte, ausbalancierte Hundefutter aus Tüten und Dosen von Strassenhunden verschmäht wird. Es gibt also Tiere, die ebenfalls kein Fleisch (oder wenig davon) zum Überleben benötigen, diese Wahl jedoch nicht unbedingt treffen. Ein "gleichberechtigtes Interesse" ist hier nicht zu erkennen, weil es den Tieren an Reflektionsfähigkeit fehlt.

b) Wir wissen inzwischen, dass auch Pflanzen empfindungsfähig sind. Singers Logik folgend könnten sie dann nicht mehr Teil unserer Nahrungsmittelproduktion sein. "Pflanzen, Bäume und das ganze Land erlangen allesamt die Buddhaschaft." (Ekomon)

c) Dies leitet zum entscheidenden Missverständnis über, das Buddhisten eigentlich durchschauen könnten. Es ist nicht die Tatsache, dass ein Hund mit dem Schwanz wedelt oder unter Schmerzen aufheult oder die Kakerlake vorm Turnschuh flieht, der auf sie niedersaust, was sie in Freud und Leid dem Menschen gleichstellt. Vielmehr ist aus heutiger Sicht anzunehmen, dass es sich hier um Überlebensinstinkte handelt und das Tier nur Leid ist, nicht aber am Leiden leidet, da ihm der konzeptionelle Überbau zur Empfindung "Schmerz" fehlt. Es ist deshalb darauf zu achten, dass bei Haltungs- und Tötungsprozessen von Tieren deren Schmerzempfinden vermieden wird, es kann jedoch nicht gleichgestellt werden mit dem (fehlgeleiteten) Empfindungsspektrum von Menschen, das zu durchschauen der Buddhismus ja angetreten ist.

Im Übrigen gibt es Möglichkeiten, Tiere so zu töten, dass sie keine Zeit haben, darunter zu leiden bzw. Schmerz zu empfinden. Schliesslich kann man nach wie vor auch Wildtiere schiessen, die oft ebenso überraschend sterben. Was den Geschmack des Fleisches angeht, so haben Experten jedoch herausgefunden, dass ein Adrenalinausstoss vor dem Tod diesen häufig verbessert. Hier könnte sich der Mensch fragen, ob seine Sinnenfreudigkeit in einem moralisch anständigen Verhältnis zum Interesse des Tieres steht. 

d) Ob Tiere Teil einer Nahrungsmittelkette sein wollen oder nicht, sie sind es in der Natur. Bei den Tieren, die zum Zwecke des Konsums durch Menschen erzeugt und gehalten werden, wäre ohne diese Funktion ihre Existenz überflüssig, es gäbe sie also gar nicht. Natürlich sollten Tiere in Würde gehalten werden, und das sollte uns etwas wert sein.

e) Dass Menschen kein Fleisch zum Überleben benötigen ist eine ethnozentrisch-falsche Sichtweise. Es kommt ganz darauf an, wo man lebt - und auch, wann man lebte. Überlegungen wie die von Singer wären noch vor Jahrhunderten weitaus abwegiger gewesen und können auch von daher nicht als objektiv und univeral gültig durchgehen.

So bleibt schliesslich auch der Vorschlag eines allgemein verbindlichen Veggie-Days nichts weiter als der Ausdruck eines engen geistigen Horizontes.

Was aber unser Eingangsbeispiel angeht, so ist nicht nur aus evolutionsbiologischer Sicht, sondern auch aus der des Zen das Überleben der verängstigten Frau keineswegs zu bevorzugen. Eher würde der Hund ins Rettungsboot dürfen, da er sich wenigstens nicht über die Zukunft täuscht. Doch wie man es auch wendet, der Mensch ist sich selbst und seiner Art am nächsten, und so ist es halt auch mit den Tieren.

Mittwoch, 7. August 2013

Der Fall SHENG YEN (1930-2009)

Interessiert an einem der "Grossen Vier" buddhistischen Lehrer Taiwans, habe ich mir vor einiger Zeit Texte von Sheng Yen besorgt, der schon mit 13 Jahren Moench geworden war und spaeter auch einen Doktortitel in buddhistischer Literatur machte. Da er zwischenzeitlich, wenn auch mehr aus logistischen Gruenden, sogar Soldat war, hatte ich von ihm eher Bodenstaendiges erwartet. Sein ausgiebiger Kommentar zum "Sutra der Vollstaendigen Erleuchtung" (auf das ich hier demnaechst noch eingehen werde), einem der Kerntexte fuer chinesische Mahayana-Buddhisten neben dem Shurangama-Sutra und dem Sraddhotpada-Shastra, enttaeuschte dann jedoch im Detail. Die Gruende liegen in seiner monastisch-konservativen Sichtweise der Ethik sowie seiner Deutung der Karmalehre und der Fehlbarkeiten eines Lehrers. 

Zwar erkennt Sheng Zen, dass "erwachte Wesen" sich aus Weisheit moralisch verhalten (S. 111 der engl. Fassung), behauptet dann jedoch, die Ebene des "Nicht-Denkens" (also im Wesentlichen des nicht-anhaftenden Gedankenspiels) wuerde durch Befolgen der Gebote (Vorschriften) erlangt (S. 115). Immerhin sind das gemaess dem Sutra die einfachen drei: Vermeide, anderen und dir zu schaden, tue, was anderen und dir nutzt und tue sogar das, was anderen dient, dir jedoch nicht.

Aus S. 141 f. erzaehlt er die Geschichte eines Mannes, der sich als Schlange wiedergeboren findet und dies als Wiedergutmachung frueheren Karmas ansieht. Einmal laesst sich die Schlange zu Tode steinigen, doch das reicht nicht, um Busse zu tun, und es folgt eine weitere Reinkarnation als Schlange. Sheng Yen stellt diese populaere und volksnahe Auffassung eines Karmas, das quasi einer mathematischen Gleichung aehnelt, nicht in Frage: "Wir sind wegen unseres Karmas hier." (S. 169) "Wir sollten uns anstrengen, unsere karmische Schuld zu begleichen und sozusagen unseren karmischen Kreditrahmen zu erhoehen, damit wir uns beim naechsten Mal in einer besseren karmischen Situation wiederfinden." (S. 177)

Zu den seltsamen Ratschlaegen, die Sheng Yen aus seinem Leben zitiert, gehoert auch dieser: "Es ist besser, waehrend der Sitzmeditation zu schlafen, als ueberhaupt nicht zu sitzen." Obwohl nicht nur im Palikanon Menschen allein durch das Hoeren von Buddhas Worten erwachten, sondern auch die Zengeschichte solche Erlebnisse kennt, meint Sheng Yen kategorisch: "Das Hoeren der Buddha-Worte wird uns nicht unmittelbar befaehigen, die Weisheit der Buddhaschaft zu begreifen." (S. 176) Mit solchen Saetzen untermauert ein Kleriker natuerlich auch immer den Sinn seines eigenen Weges, seiner Entbehrungen und der Notwendigkeit, sich lange dem Studium bei ihm zu widmen. Als ein Uebender ihn bittet, eine zehn Jahre zurueckliegende Erfahrung zu bestaetigen, fragt Sheng Yen: "Was Ruhm, Eigennutz und Sex betrifft, wie fuehlst du dich da?" Und weil der Uebende antwortet, sein Geist sei stets frei und er hafte an nichts, sein Koerper habe jedoch noch Beduerfnisse, schliesst Sheng Yen scharfsinnig: "Diese Person befindet sich noch auf der ersten Stufe der Uebung." Wer hier einen Theravadin sprechen hoert, hat meine Ohren. Ein Psychologe wuerde daraus schliessen, dass Sheng Yen selbst sich wohl sexuelle Beduerfnislosigkeit unterstellt und damit klinisch schlicht seine Impotenz schoenredet.

Voellig abwegig wird es, wenn Sheng Yen den Uebeltaten eines Lehrers fast schon einen Freibrief erteilt. Schueler sollten sich mit der "rechten Sicht" beschaeftigen und nicht voreingenommen vom Charakter und Verhalten eines Lehrers sein (S. 259): "Wenn es Widersprueche zwischen den gelobten Standards eines Lehrers und seinem Verhalten gibt, dann neigen Schueler dazu, nur diese Fehler des Lehrers zu sehen und den Lehrer abzulehnen, wenn nicht gar die Uebung selbst." Dass wir jedoch ueberhaupt keine Lehrer brauchen, wenn sie nicht in Person fuer das stehen, was sie predigen, das hat Sheng Yen offenbar gar nicht begriffen. Worte sind wie Schall und Rauch.

Schliesslich wird Sheng Yens Aberglaube gegen Ende seiner Kommentare offenbar. Er deutet das bodhi des Sutras der Vollstaendigen Erleuchtung als dreistufig. Zunaechst wuerde sich der Uebende seiner Gedankenketten bewusst. Dann erkenne er die Gedanken jedes Lebewesens im Universum. Schliesslich wuerden ihm die Gedanken jedes Lebewesens in "jedem anderen Universum" bewusst (S. 281). Auch wenn er diese Deutung symbolisch wendet in ein letztlich nicht-anhaftendes und keine Unterschiede machendes Denken eines Bodhisattva, das erst zu weiser taetiger Hilfe fuehre, fehlt es Sheng Yen erneut an einer glaubhaft-kritischen Brechung des woertlichen Textsinnes.

(Fortsetzung folgt in ein paar Wochen.)