Mittwoch, 28. Oktober 2015

Ein Buddhaland-User über Menopausige, Ole Nydahl-Anhänger und andere intellektuelle Tiefflieger

Freethought Emergency Banner
Internationaler Tag für das Recht auf Blasphemie

[Realsatire!]

"Lieber Gui Do, 

ich bin ein virtueller Avatar, der in verschiedenen Erscheinungen das "Buddhaland" bevölkert:
- als verschwörungstheoretische Verwirrtante ("Tychiades"/"Thursday"/"Monday" ...) 
- als Zenschwätzer vom Dienst (Sprachamateur "Moosgarten"/"bel" und Einzeiler "crazy_dragon")  
- als verklemmte, hinterfotzige Sprachzensorin ("Tara4U" 
- als sexualfeindliche  Schnatterliesel ("JazzOderNie") 
- als verleumdende "Rentnerin" ("Elke") 
- als verstörte Ole Nydahl-Anhängerin ("Tashili", "Losang Lamo")   
als “Verfolgungswahnende“ ("morpho"/"blue_aprico", "purna", "stiller_raum") 


und viele mehr. In den meisten Erscheinungsformen habe ich mich bemüht, zu zeigen, dass Zazen und die buddhistische Übung im Allgemeinen für nix gut sind, also zum Beispiel nicht zu gutem Benehmen führen oder dazu, dass man die paramita (also die Tugenden) verwirklicht. Lieber habe ich mich im Schutze der Anonymität ganz meiner Lieblingsbeschäftigung, dem gehässigen ad personam-Kommentar hingegeben, ohne viel Rücksicht auf die eigentlichen Themen.  
Nur als erleuchtete "rosie" war ich mal ein bisschen anders. 

Auch ein paar ModeratorINNen haben sich dieser Praxis angeschlossen und sich hartnäckig geweigert, den Unterschied zwischen einem wie dir, der mit seinem Namen zur Kritik an buddhistischen Lehrern steht und diese sachlich begründet, und den oben genannten Avataren zu erkennen, die stattdessen anonym und unsachlich Kritik an Mitusern pflegen. Hier haben wir uns ein Beispiel an anderen fundamentalistischen Religiösen genommen, zum Beispiel den muslimischen mit den vier Buchstaben, und einfach unser Grundgesetz und das Wertefundament unserer Gesellschaft der Übung von "Anti-paramita" untergeordnet. Dazu war es wichtig, auch hier - wie einst auf den Seiten  der DBU und in anderen Internetforen - als Moderator einen (angeblich ehemaligen) Handlanger Ole Nydahls zu installieren (kilaya alias voom). Der hat nun seinen Gleichmut verloren und - offensichtlich mit Bezug auf mich (?) - diese Meldung ins Forum geschrieben, wie mir ein anderer Avatar mitteilte:

"Ergänzung: mit dieser Sperrung liegt ein Hausverbot vor,
festgemacht wird dieses eben an dem beanstandeten Verhalten, so dass wir nicht "paranoid" auf jede Neuanmeldung oder ggfls. Aktivierung eines früheren Accounts schauen müssen. Sobald ein derartiges Verhalten gezeigt wird ODER die Identität aus irgendeinem Indizien-Grund offensichtlich wird, wird ohne weitere Vorwarnung gesperrt bzw. ggfls. inkl. Beiträgen der betreffende Account gelöscht."



Dieses Hausverbot soll auf eine Abmahnung von dir, Gui Do, an den Betreiber von Buddhaland zurückgehen. Angeblich hättest du abgemahnt, weil die Gleichsetzung von dir mit einem "Rentner" durch den Avatar "Elke" nicht von den Mods gelöscht worden war. (Ich muss gestehen, dass "Elke" wie "Thursday" und ein paar andere von der typischen Frauenkrankheit des Männerverändernwollens befallen sind). Die Mods sahen das noch als "geringfügig" an, doch der Betreiber offenbar nicht, denn der ließ wohl gleich den ganzen Thread löschen, in dem diese Aussage stand.

Darf ich dich fragen, ob du wirklich hinter und wie du zu der Sache stehst?

d."

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Lieber "d.",

richtig, ich musste das Forum schon drei Mal abmahnen, jedes Mal wegen Nachlässigkeiten der Moderation, die Rechtsbrüche (etwa nach § 186 und § 187 StGB) nicht ahndete. Beim nächsten Mal wird die Abmahnung kostenpflichtig und kommt direkt vom Anwalt. 

   Der Rest deiner Darstellung ist etwas unverständlich für mich. Gestatte mir also, dass ich mich auf deine Frage beschränke. Hier die Gesetzeslage bei deiner Geschichte: 
   Der Betreiber muss  im Streitfall konkret darlegen, dass eine schwerwiegende Störung des Betriebsablaufes, z. B. durch Beleidigungen, vorliegt. Offenbar war dies hier der Fall, und er hätte die Beleidiger allesamt sperren müssen. Da war es wohl einfacher, sich einfach mal einen User herauszugreifen - nämlich wohl den, der den Finger in die Wunde legte - da das Forum sonst womöglich auf die User zusammengeschrumpft wäre, die sich benehmen können und an unserer Wertegemeinschaft und Rechtslage orientieren wollen. Du kannst das erfolgreich anfechten, aber vielleicht ist es besser, wenn du dem Ganzen eine Eigendymamik lässt? Ich kann mir in etwa vorstellen, wie das weitergeht, wenn die genannten Moderatoren so unfähig sind, wie du sagst, und auch das Grundgesetz (etwa die freie Meinungsäußerung) missachten oder hilflose Maßnahmen wie die obige treffen. 
   Denn laut OLG Frankfurt a. M. (Urteil vom 5. März 2009, Az. 6 U 221/08) wird ein "virtuelles Hausrecht" versagt. Es müsste einen Vertrag zwischen dir - also nicht nur einem unbekannten Avatar - und dem Betreiber geben; aber wie du sagst, dient das Forum ja eher der Anonymität, also ist ein solch rechtswirksamer Vertrag zwischen euch nie zustande gekommen. Man kann ferner kein "Hausverbot gegen Unbekannt" erteilen. Auch wenn du ins Forum zurückkehrst, kann z. B. kein "Hausfriedensbruch" vorliegen, weil dazu ein körperliches Eindringen Voraussetzung ist. Das wird natürlich nun an den Nerven der Moderatoren zerren. Wenn du da irgendwelche amüsanten Spielchen weitertreibst, lass es mich wissen.

Ich werde in den kommenden Monaten gern weiterhin deine Beiträge mit den akademischen Bezügen hier in den Blog übertragen, wenn dir das recht ist, denn meines Erachtens hast du damit einigen Zennies den Boden unter den Füßen weggezogen, und das nehmen sie dir nun übel. Hier sind die Sachen sowieso besser aufgehoben, das ist im Buddhaland doch eher wie Perlen vor die Säue werfen. Auf der anderen Seite hoffe ich, dass die Wackeren, die man dort auch stets fand, weiter ihren Input geben. (Ihr wisst schon, wen ich meine.)

Gui Do

[Zur "Sündenbock-Theorie" findet man interessante Erläuterungen im Werk "Das Heilige und die Gewalt" (Patmos 2012) des kürzlich verstorbenen Religionsphilosophen René Girard.] 

[Smilies: cosgan.de]

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Wie die Kritik an Ricardo Gonzalez Zimmerling im Buddhaland verschwand (und was die dritte Regel bedeutet)

Hier nochmal eine Erklärung der dritten buddhistischen Regel, die auch für Laien gilt: sexuelles Fehlverhalten vermeiden. Sie wird leider immer wieder sehr fantasievoll (über)interpretiert und auf alles Mögliche angewendet. 

Die Regel spricht sich mit den folgenden Worten gegen "sexuelles Fehlverhalten" aus: kamesu micchacara - kama: sexuell; cara: Verhalten; miccha: falsch.

Davon in Schutz genommen werden laut der Erläuterung des Buddha (siehe Anguttara Nikaya X. 176 und V. 287-292):

a) Mädchen, die noch unter der Obhut ihrer Eltern stehen (maturakkhita, piturakkhita)
b) Blumengeschmückte, d. h. Verlobte (malaguna-parikkhitta)
c) Verheiratete (sassamika)
d) Vom Dharma Geschützten, d. h. Nonnen (dhammarakkhita)
d) Strafgefangene (saparidanda)

Kurz gefasst also Verlobte (manch einer kennt noch diese Sitte, die vor der Heirat kommt), Verheiratete, Nonnen, Strafgefangene, unselbständige Mädchen (die Regel bezieht sich wörtlich nur auf Frauen, da der Buddha dabei zu Männern sprach!). 

Von daher gibt es also keine logische Ableitung, das Vergnügen mit Freudenmädchen sei etwa Fehlverhalten (es sei denn, sie würden unter eine der obigen Kategorien fallen). Darum war dieser Beitrag ursprünglich auch betitelt: "Warum Ikkyu bei den Freudenmädchen nicht die dritte Regel (sila) verletzte".

In den Jataka gibt es dazu noch ein bisschen Aberglaube, z. B., dass man durch übermäßigen Sex Asthma (sasa), Husten (kasa) oder Gelenkschmerzen (daram) bekäme. Wenn jemand Zweifel daran hat, dass dies Unsinn ist, möge er/sie Fachärzte befragen.

Nun war diese Erläuterung gerade im Forum "Buddhaland" gegeben worden, da wies ein User im dortigen Chat auf seinen Lehrer Ricardo Gonzalez Zimmerling (RGZ) hin. Als ich auf die Webseite seiner "Samadhi Sangha" ging, wurde ich schnell stutzig. Nachdem ich ein paar seiner "Lehr"videos auf Youtube angehört hatte, formulierte ich meine Kritik und einige Anfragen an ihn. Im Folgenden die Zusammenfassung. Leider wurde der gesamte diesbezügliche Thread des Users "diamant" aus "Buddhaland" gelöscht, was meine Kritik an Zimmerling nicht nur stützt, sondern mir erst den Impuls gab, auch in diesem Blog auf ihn hinzuweisen und das Thema dieses Beitrages zu ändern.

- Auf der Webseite der Samadhi Sangha fehlt ein gescheiter Lebenslauf von RGZ. Mithilfe anderer User und durch Analyse der dortigen Fotos fand ich heraus, dass er bei der Neuen Kadampa Tradition und Dechen (Carola Däumichen) gelernt und teils auch gelehrt haben soll; beide Gruppen werden wegen ihrer Sektenhaftigkeit hier kritisiert.

- In der Selbstdarstellung von RGZ bzw. seiner Sangha finden sich ähnliche Charakteristika wie in den o.g. Sekten, zum Beispiel Selbstbeweihräucherung. Sie reicht von der Abbildung diverser Lehrer (die zum Teil nicht einmal namentlich benannt sind) auf den Fotoseiten - oft mit RGZ gemeinsam im Bild - bis hin zu Formulierungen dieser Art: "Die Samadhi-Sangha erschafft glückliche und mental ausgeglichene Praktizierende." (Seite "Über uns").

- Auf eine Anfrage nach seiner Qualifikation antwortete RGZ per email allgemein, er sei seit 20 Jahren Buddhist und würde seit 6 Jahren lehren; seinen tibetischen Namen Tenzin Mingyur habe er von "geshe rigzin gyaltsen", seinen Lehrertitel "Dharmacarya" von "mahathera bhante santharakkhita" (beides bisher von deren Seite aus nicht bestätigt).

- Ich habe beispielhaft zwei Videos von RGZ auf ihren Sinngehalt analysiert. Das erste handelt von Wut. Meine Kritik bestand darin, dass RGZs Darlegung sich wesentlich auf Wut gegenüber Menschen bezog, die Lehre von Pratigha im Palikanon jedoch viel umfänglicher ist und auch Gefühle anderer Frustration umfasst. In plakativen, vereinfachenden Lehren sehe ich zum einen ein mangelndes Verständnis des Dharma, zum anderen oft ein Anpassen an das, was Anwesende gern hören wollen ("Wohlfühlbuddhismus").

- Deutlicher wurden RGZs Fehldeutungen im Video zur dritten Sila, dem Thema dieses Blogs. Hier liest Zimmerling aus der oben erläuterten Regel z.B. ein Inzestverbot und ein Verbot jeglichen Sexes außerhalb einer Partnerschaft. Das steht da aber nicht. Solche Fehldeutungen haben leider weit reichende Konsequenzen, wie sich gerade im Forum "Buddhaland" zeigt, wo immer wieder ein mangelhaftes Grundverständnis der tatsächlichen Buddhalehren durch wilde Spekulationen von selbst ernannten oder schlecht ausgebildeten "Lehrern" ersetzt wird. RGZ, der mich zunächst noch zu einem Treffen in Berlin ermutigt hatte, stellte dann auch vorsorglich die Kommunikation mit mir ein, indem er mir sofort diverse Dinge unterstellte - was in meinen Augen das Kennzeichen ungenügender Lehrer ist, die sich über andere stellen wollen und mittels rhetorischer Worthülsen schlechte Kommunikation betreiben (und "Ärger", "Unkenntnis", "negative Rede" unterstellen).

Tatsächlich konnte RGZ seine Thesen nicht stützen und gab nur einen müden, allgemeinen Hinweis auf die Kommentarliteratur, ohne relevante Quellenangabe und Zitat. Die - durchaus umstrittene - Kommentarliteratur stammt jedoch in der Regel von Buddhaghosa (RGZ erwähnte selbst nur "majjhima nikaya atthakatha"), und für einen großen Teil davon müsste man schon spezielle Sprachkenntnisse haben, um überhaupt zu verstehen, worum es geht.

Die Tatsache, dass man im "Buddhaland" auf die Löschung der sachlich begründeten Kritik an Ricardo Gonzalez Zimmerling und seiner Samadhi Sangha einwirkte - die sich gern im Buddhistischen Haus Frohnau (Berlin) trifft -, wirft einen weiteren Schatten.

Am Übelsten könnte man Ricardo Gonzalez Zimmerling aber nehmen, wie er indirekt einigen von der Bereitschaft zur Organspende abrät, indem er zunächst von einem "Geist" faselt, der sich im Sterben von Händen und Füßen nach und nach zurückzöge (die Frage ist bloß, wohin?) und dann betont, dieser Geist eines Sterbenden könne so gestört werden, dass sich eine "Negativität" (sic!) entwickle und eine niedere Wiedergeburt drohe. Zu allem Überfluss setzt er eine Unfähigkeit zur (nachtodlichen) Organspende auch noch mit einer fehlenden Bereitschaft im Leben gleich, Knochenmark oder Blut zu spenden. Auch das kann man heutzutage aber noch im Tod. Man sollte also stattdessen Vorsorge treffen, dass man mit einer guten Tat abtritt.

(Für eine differenziertere Sicht des Buddhismus auf das Thema der Organspende siehe hier.)

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Die Welt der Literatur:
Eine Begegnung mit Indonesien (105 kg)

Als Übersetzer bin ich fasziniert von der UNESCO-Statistik weltweiter Übersetzungen der Jahre 1979 bis 2015. Welche Überraschungen sich da auftun! So ist meine Lieblingsautorin aus Kindertagen, Enid Blyton, weltweit am vierthäufigsten aller Autor(inne) übersetzt. Unter den noch aktiven Autoren finden sich relativ viele Frauen. Weltweit ist lediglich ein Südostasiate unter den Top 50, und das ist Bhagwan (Osho) auf Rang 39. Die Österreicher schätzen Graham Greene (Platz 3) und Jacques Derrida (6). Die Finnen Alexander Milne ("Pu der Bär", Rang 2). Die US-Amerikaner Rudolf Steiner (Rang 1), die Gebrüder Grimm (2), Johannes Paul II. (6) und Platon (7). Die Engländer Euripides (6). Die Nepalesen vor allem japanische Autoren. Die Burmesen Jack Higgins (1). Die Japaner Nora Roberts (1). Die Chinesen Dale Carnegie (1). Die Brasilianer Og Mandino ("Das Geheimnis des Erfolgs" und andere Ratgeber, Rang 8). Die Südkoreaner Herman Hesse (2) und Bhagwan (8). Die Indonesier Karl May (8). Die Mongolen Chinmoy (1). Die Syrer Noam Chomsky (8). Und die Thais Fujio Fujiko ("Doremon", Rang 3). 

Wirklich bedauerlich ist, dass Indonesien nicht auf der literarischen Landkarte der Welt präsent ist. Als ich mich anlässlich deren Gastlandauftritts zur diesjährigen Buchmesse für ihre Autoren zu interessieren begann, ahnte ich nicht, dass diese in ihrem Land nicht nur wenig gelesen, sondern zugleich auch überraschend interessant sind. Am angenehmsten war ich berührt von der Beschreibung muslimischen Alltagslebens, das so gar nichts mit der korrupten Gedankenwelt zu tun hat, die wir täglich in unseren Nachrichten in Form von extremistischer Gewalt abgebildet sehen. Der Autor Ismail Marahimin, der als Lehrer und Redakteur arbeitete, hinterließ nur einen einzigen Roman: Und der Krieg ist vorbei. Darin verbindet er die Schilderung des Alltagslebens muslimischer Indonesier mit dem japanischer Besatzer zum Ende des Zweiten Weltkrieges (und deren Gefangener, Holländer, die zuvor Indonesien besetzt hatten - und es nach Kriegsende wieder versuchten).
   Besonders gelungen fand ich die Kurzgeschichten eines weiteren muslimischen Autors, der nicht nur den vielfältigen Kulturen und Sprachen Indonesiens huldigt, sondern auch den Prozess des Schreibens und seiner eigenen Kreativität anschaulich beschreibt. Er heißt Hamsad Rangkuti, und der Band mit seinen Erzählungen Glühwürmchen. Ein Auszug aus der Geschichte "Antenne" über eine Pilgerreise nach Mekka:

Dann fuhr mein Begleiter fort: „Wir Autoren sind alle Lügner. Wir verstecken uns hinter dem Wort ‚Fantasie‘ und hinter den Metaphern, die wir erschaffen, um unsere Lügen zu erzählen. Eine Lüge ist eine Lüge. Eine Lüge zu erzählen ist das gleiche, wie sich etwas auszudenken. Es gibt keinen Unterschied. Darum habe ich so heftig geweint, als ich mich vor dem Schwarzen Stein verbeugte. Ich bat Gott um Vergebung für all die Lügen, die ich verbreitet hatte. Bat um Seine Gnade. Es gab keinen anderen Weg, meine Sünden zu tilgen, als ihn um Sein Erbarmen zu bitten. Obwohl ich weiß, dass ich wieder lügen werde. Das ist mein Beruf. Ich erzähle Lügen, damit ich essen kann. Es gibt keinen anderen Weg. Ich habe keine Wahl als zu lügen.“

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Wie Dôgen Zenji Laien die Chance zur Erleuchtung absprach

Kürzlich habe ich einen Essay von Hoyu Ishida aus dem Jahr 1989 für ein buddhistisches Forum zusammengefasst. Er handelt von einem signifikanten Wandel in Dôgens Ansichten zu einigen Rinzai-Lehrern und zum Laientum.

Ishida räumt zunächst ein, dass viele der genannten Thesen zu dieser Zeit kontrovers diskutiert wurden. Dazu zählt auch die zweifelhafte Autorenschaft Dôgens am Kapitel „Bendôwa“ aus dem „Shôbôgenzô“. Dieses sei offenbar ursprünglich gar nicht fürs Shôbôgenzô geschrieben worden. Die darin einige Jahre nach seiner Rückkehr aus China (1227) geäußerten Ideen deckten sich mit denen des Fukanzazengi (spätestens 1233), das ein „universelle Empfehlung des Zazen“ darstelle. Die Thesen darin:

-          Zazen ist der wahre Buddha-Dharma, da alle Buddhas und Meister durch Zazen erwacht seien
-          Zazen ist kein Mittel zum Zweck (der Erleuchtung), sondern Erleuchtung selbst (shûsho-itto bzw. shûsho ichinyo)
-          Es gibt keine Degeneration des Dharma (mappô, Zeitalter des Zerfalls)
-          Auch Laien und Frauen können erwachen

1233 wechselte Dôgen in einen anderen Tempel, wo er in zehn Jahren 44 Kapitel des Shôbôgenzô verfasste und Klosterregeln entwickelte. Im Kapitel „Rahai tokuzui“ betonte er noch einmal die Gleichheit von Mann und Frau.

1243 veränderte Dôgen seinen Aufenthaltsort erneut und begründete den Tempel, den wir noch heute als Eiheiji kennen. Bis zu seinem Tod entstanden dort 29 weitere Kapitel des Shôbôgenzô, die vor allem der Mönchsausbildung gewidmet waren. Ab 1243 behauptet Dôgen plötzlich, das Mönchsein sei dem Laienstatus weit überlegen. Dies findet sich im Kapitel „Shuke kudoku“. Auszug:

„Auch wenn es in der heiligen Lehre die Ansicht gibt, Laien könnten erwachen, ist dies nicht die rechte Lehre. Die rechte Übertragung der Buddhas und Patriarchen ist das Erlangen der Erleuchtung, indem man Mönch wird.“ Im Kapitel „Shukke“ wird diese Auffassung bestätigt.

Im Kapitel „Sanjûshichihonbodaipunpô“ kritisiert Dôgen das Laienleben weiterhin deutlich. Demnach wäre sogar ein Mönch, der die Gebote bricht, einem Laien überlegen, der sie hält.

Im folgenden Abschnitt des Essays wird die Haltung der Sôtô-Schule zu diesem Problem untersucht. exemplarisch an ihrem Vertreter Ekô Sokuô, einem der damals einflussreichsten Sôtô-Gelehrten. Ekô versucht, aus dem Fukanzazengi und der Hingabe von Mönchen an die Errettung der Wesen zu abstrahieren, dass Dôgens Zen sich demnach auch an Laien richtete. Wie die meisten Sôtô-Experten stellt er sich aber nicht den diesem Ansatz widersprechenden Textstellen.

Ausgeführt wird dann anhand des Kapitels „Genjôkôan“, wie Dôgen betont, dass Erwachen gleichzeitig mit der Praxis einherginge und erst die Praxis das Erwachen authentifiziere, und zwar indem ständig „Körper und Geist abgeworfen“ werden (shinjin datsuraku). Man sei erleuchtet, indem man die eigene ursprüngliche Erleuchtung erkenne. Sobald dies der Fall ist, werde jede Alltagshandlung zur Manifestation der Erleuchtung. Doch Dôgen bringt keine Beispiele aus dem bloßen Alltagsleben ohne buddhistische Disziplin als Übungsweg, die der Erleuchtung gleichkämen. Er setzt seine Beispiele stets in Bezug zum Mönchsdasein – shushô itto geschieht stets auf der Basis von Erleuchtung (shujô no shu) als „bereits erleuchtete Praxis“. Um diese Art der Praxis zu erlangen, wo sie kein Mittel zum Zweck mehr ist, sei aber auch bei Dôgen eine zielgerichtete Praxis vonnöten.

Im dritten Teil des Essays betont der Autor, dass die Erkenntnis von Dôgens Kritik am Laientum im Kontrast zu Darlegungen von Vertretern der Sôtô-Schule steht. Der Autor hält nichts von der These, Dôgen habe es zunächst nur vermieden zu behaupten, Laien könnten mithilfe von Laien erwachen, weil er einen finanziell abgesicherten Status für seine Klöster anstrebte, der ja auch von Laien abhing. Auch die These eines anderen Dôgen-Interpreten, dieser habe sich nicht viele Gedanken um den Zustand der Gesellschaft gemacht und seine früheren Aussagen zum Laientum seien ihm eher „herausgerutscht“, teilt der Autor nicht.

Im vierten Teil des Essays zitiert der Autor die These, dass Dôgen zwei verschiedene Textarten hinterließ, eine, die sich an Laien richtete, eine, die an Mönche gerichtet war. Der Autor Masutani Fumio etwa sieht in Dôgens Phase seit seiner Eiheiji-Zeit schlicht eine weitere wesentliche Entwicklung des Lehrers, die u. a. auch zur Abkehr von Linji führte.

Der fünfte Teil geht weiter darauf ein. Gleichzeitig mit der Abwendung vom Laientum äußerte sich Dôgen auch kritisch gegen Linji und Tahui (Kapitel „Jishôzanmai“ und „Jinshin inga“), zwei prominente Vertreter des Rinzai-Zen (obwohl Dôgen in seiner Frühphase noch Linji gelobt hatte). Diese Kritik soll auch schon Dôgens chinesischer Lehrer ob des Hangs zu Äußerlichkeiten unter den Linji-Nachfolgern geäußert haben. Imaeda Aishin analysiert den Wandel Dôgens in dieser Frage so: Kurz zuvor waren etliche Anhänger Dainichibô Nônins in Dôgens Gemeinschaft eingetreten. Deren Lehrer stand in Ta-huis Tradition und hatte nach Schriftstudium selbst Erleuchtung erlangt, die ihm später aus China brieflich bestätigt wurde. Er wurde deshalb von manch anderen Lehrern verachtet. Dôgen wollte nun seine Zenlehre gegen die eigenwillige Nônins abgrenzen.

Auch die Konkurrenz durch Enni Benen, der aus China, in der Linji-Tradition ernannt, zurückkam und den Aufstieg des Tôfokuji-Tempels mitverantwortete, soll Dôgen zu seiner Kritik motiviert haben. Enni Benen genoss mehr Unterstützung aus Regierungskreisen. (In einer Fußnote wird ein weiteres Motiv von Yanagida Seizan hergeleitet: Dôgen habe aus China die Sammlung der Sprüche  seines Meisters Ju-ching erhalten und sei so frustriert über deren Inhalt gewesen, dass er gegen eine andere chinesische Chantradition wetterte.) 

Bedeutsam ist auch, dass Dôgen sein Werk so nannte wie Ta-hui zuvor seines, nämlich Shôbôgenzô, womit er offenbar aufzeigen wollte, dass er die wahre Zenlehre verbreite. Um seine Kritik freizügig zu äußern, musste Dôgen aber offenbar seinen Wohnort in die Provinz Echizen verlegen. In diesem Jahr 1243 entstand allein ein Viertel der Kapitel des Shôbôgenzô.

Angesichts der Ausnutzung, die die reicheren Laien offenbar durch das Zen im Gefolge Linjis erfuhren, änderte sich Dôgens Ansicht, nur die Entschlusskraft eines Laien, also sein aufrichtiger Wille, sei entscheidend für das Erlangen der Erleuchtung.

Yanagida Seizan (auf den sich auch Heinrich Dumoulin oft beruft) sieht Dôgens Spätphase als ein Ringen mit sich selbst (hitori-zumô), das jedoch seiner Senilität und keinesfalls einem spirituellen Fortschritt geschuldet sei. Der Autor des Essays findet diese Ansicht gewagt. Yanagida meint, dass Dôgens Kritik an Linji einer bestimmten Motivation geschuldet sei, nicht aber wesentlichen inhaltlichen Differenzen.