Sonntag, 8. Juli 2018

Höhlenrettung, Aberglaube und Mönchskorruption in Thailand

 Als ich gestern vom enttäuschenden kleinen ASEAN-Filmfest in Bangkok zurückkam (die Filme waren so langweilig, dass man sie kostenlos sehen durfte) und im Bus den Soundtrack zur NETFLIX-Serie "The Get Down" auf den Ohren hatte, kam mir plötzlich im Dämmerschlaf der Gedanke, ob es wohl möglich sei, zwei trainierte Delphine in das Höhlensystem in Thailand einzubringen, wo man jetzt gerade, da ich dies schreibe, mit der Bergung der dort von Wassermassen eingeschlossenen 12 Jungen und ihrem Fußballtrainer begonnen hat. Sehr viele Menschen haben sich mit sehr vielen Ideen eingebracht, einige auch tatkräftig. Einer der eingesetzten thailändischen Navy Seals kam bereits ums Leben. Trotzdem war man nun der Meinung, den im Tauchen ungeübten Kindern den stundenlangen Weg durchs Wasser nicht mehr ersparen zu können. Tatsächlich ist selbst bei mir im Südosten des Landes das Wetter gerade so schlecht, dass ich eben nicht mal die Berichterstattung im TV sehen konnte, der SAT-Empfang war gestört. In diesem Jahr hat es besonders früh besonders viel geregnet.
   Was sich im Zusammenhang mit dieser Aktion abspielt, wirft auch ein Licht auf den thailändischen Buddhismus und Volksglauben, die Hand in Hand gehen. Traditionell wurden in Höhlen Menschen bestattet und man schreibt ihnen Geisterwelten zu, assoziiert mit diesen Orten also vor allem den Tod. Da nun eine lokale Mönchsgröße zunächst behauptete, die Eingeschlossenen würden gerettet und man würde sie bald finden, und sie kurz darauf tatsächlich entdeckt wurden, sahen viele die übersinnlichen Fähigkeiten dieses Mönches bestärkt - und der Preis von ihm gesegneter Amulette schoss in die Höhe. Wie ich schon im letzten Beitrag schrieb, erfüllt hier Religion die Funktion der Hoffnung, denn selbst wenn der Mönch sich täuschte, würde man wohl später darüber hinwegsehen und ihn für seine moralische Unterstützung loben. Tatsächlich hat er in meinen Augen nur eine sowieso wahrscheinliche Prognose abgegeben, die keinerlei Rückschlüsse auf seine spirituelle Begabung zulässt. Nehmen wir hingegen an, jemand hätte seinem instinktiven Gefühl Ausdruck gegeben, dass es mindestens einen Toten geben wird (steckt dahinter womöglich die magische "12"?) - wenn auch die Frage bliebe: wann? -, man hätte auf ihn eingeschimpft und sein Verhalten für unverantwortlich gehalten. Hätte sich die Voraussage bestätigt, wäre ihm dennoch der Unmut der anderen gewiss gewesen. Der Mönch, der Gutes verheißt (auch wenn seine Religion auf der Erkenntnis von Unbeständigkeit fußt), und das Volk, dass von ihm Hoffnung gemacht bekommen will, ergänzen sich symbiotisch. Mit Realismus und Wahrheitsfindung hat das noch nichts zu tun.
   Auch einen deutschen Experten, der wohl über den Verdacht buddhistischer Schwafelei erhaben war, sah ich im Fernsehen. Er meinte noch vor ein paar Tagen, die Bergung oder ein längerer Aufenthalt in der Höhle seien gar kein Problem, es gebe genug Sauerstoff usw. Ich habe aber niemanden das sagen hören, was ich inzwischen aus den Aufnahmen der hungrigen Kinder entnahm, nämlich dass sich mindestens zwei in einem kritischeren Zustand befinden, als der Öffentlichkeit weiß gemacht wurde (was einer der Hauptgründe für die nun doch etwas hektisch gewordene Rettungsaktion sein dürfte). Ich frage mich inzwischen nur noch, ob man die Kinder tatsächlich nicht sedieren kann, weil sie ein enges Teilstück bewusst ohne fremde Hilfe bewältigen müssen. Und auch wenn ich prinzipiell keine Angst vor Mensch und Tier kenne, weiß ich wohl um situationsspezifische Panik, die mich sogar schon mal bei einer Wurzelbehandlung am hintersten Zahn dazu trieb, mir diesen lieber ziehen zu lassen, so stressig kam mir der Versuch der Zahnerhaltung vor. Kaum auszumalen, welches Panikpotential in den Kindern steckt, wenn über ihnen eine Felsdecke, vor ihnen dreckiges Wasser und unter ihnen die dunkle Tiefe lauert - und sie diese Gedanken nicht verscheuchen können. Die Ironie des Schicksals ist dabei, dass den Jungen die traditionellen thailändischen Vorurteile über Höhlen bereits im Kopf sitzen. Während ich also ein trauriges Lehrstück erwarte, machen sich andere bereits darüber Gedanken, wie der Hype um diese Höhle(n) in Zukunft kommerziell ausgenutzt werden kann. Man erwartet einen Ansturm von Touristen.
   Der häufige Regen jedenfalls bestimmte auch meine vergangenen Tage in Bangkok (die Filme des Festivals liefen erst gegen Abend), so dass mir nicht viel Zeit zur Erkundung der interessanten Stadt blieb. Wie so oft lief ich einfach mal los, weg von der Khao San Road, wo ich diesmal mein Hotel gebucht hatte (und das voller die ganze Nacht hindurch labernder, wahrscheinlich bedrogter junger Leute war - ein Hoch auf Ohropax!). Wie es das Karma so will ... lief ich dann passenderweise im Wat Saket ein. Denn als nächsten Blogbeitrag hatte ich doch mithilfe des englischen Wikipedia einen Überblick über den Thai-Buddhismus eingeplant, der einen "höchsten Patriarchen" kennt (jener, der angesichts obiger Tragödie zum Rezitieren des Metta-Suttas riet). Aus diesem Wat Saket wurden am 24. Mai diesen Jahres einige Mönche festgenommen, der Abt Phromsitti floh zunächst, er wollte angeblich erst mal einen buddhistischen Feiertag würdigen, ehe er sich eine Woche darauf der Polizei stellte. Danach wurde er entrobt - eine formale Voraussetzung für die Festnahme - und wieder zum Bürgerlichen Thongchai Sukho. Auf zehn seiner Konten sollen sich 132 Millionen Baht (knapp 4 Mio. Euro) angesammelt haben. Klar, dass ich mir da die 50 Baht (ca. 1,30 Euro) für den Aufstieg des Tempelberges ersparte mit dem Hinweis, Wat Saket habe ja nun wahrlich genug Kohle gescheffelt. 
   Auf die Details der Veruntreuungen will ich nicht eingehen, es werden die üblichen Konstrukte behauptet, etwa Firmengeflechte, über die Tempeleinahmen verschwanden und auf Privatkonten landeten. In ganz Thailand wurden in jüngerer Zeit etliche auch hochrangige Mönche dessen bezichtigt und inhaftiert, und sofort kam der Verdacht auf, die Militärregierung würde denjenigen Zweig des thailändischen Buddhismus angreifen, der dem Königshaus traditionell ferner stehe und aufmüpfig sei. Als jedoch auch von deren Seite ein namhafter Mönch verhaftet wurde, hieß es, dies sei nur geschehen, um den Eindruck zu erwecken, es ginge dabei fair zu. Bei der von mir kürzlich gemeldeten Farce, die einen der Mönche nach Deutschland trieb und um Asyl bitten ließ, war in der deutschen Presse zu lesen, die bloße Tatsache, dass Thailand Ermittler hinterhersandte, um seine Auslieferung zu erwirken, errege schon den Verdacht, es handle sich um ein politisch motiviertes Verfahren. Wie ich hier aber an vielen Beispielen deutlich machte (auch von unbedeutenderen Äbten, die mit mir nach fünf Minuten schon über Geschäfte sprachen statt über ihre versifften Tempeltümpel), ist der moralische Abstieg des thailändischen Klerus geradezu unverkennbar. Der größte Tempel Pattayas etwa ist trotz königlicher Weihen auf den ersten Blick vor allem ein zugestellter kostenpflichtiger Parkplatz. Wenn endlich mal etwas gegen welche Form des Kommerzes im orangenen Gewand auch immer getan wird, sollte man dies zunächst unterstützen. Die thailändische Gesellschaft ist die letzte, die einen finanziell korrumpierten Klerus gebrauchen kann, da sie in meinen Augen ohnehin zu materieller Oberflächlichkeit neigt ("sanuk", Spaß haben, ist das Lebensmotto) und diese sich ungünstig mit spirituellem Unsinn zu paaren droht. Das Metta-Sutta mag man darum vor allem für die Mönche selbst rezitieren, auf dass sie zur Einsicht kommen. Was die Höhlenrettung angeht, so ist es wohl hilfreicher, mit aufmerksamen Augen die Details zu verfolgen und auch das Nachspiel, das folgen wird.


   (Fotos: Keller/Wat Saket - Lageplan und Spendenbox mit Abtsfiguren; 
oben: T-Shirt Beflockung in Bangkoker Hinterhof)
   

Sonntag, 1. Juli 2018

Aua! Dieser Buddhismus macht Kopfschmerzen

Ich bin mit dem Update nicht hinterher gekommen. Hinter mir liegt ein Monat körperlichen Unwohlseins, die schlimmsten vier Migränewochen meines Lebens, denen ich nun mit einer Kortisonspritze im Krankenhaus begegnete, um nicht dauernd Schmerzmittel einnehmen zu müssen. Dazu die Info meiner Zahnärztin, dass meine nach 10 Jahren herausgefallene Brücke nicht einfach wieder eingesetzt werden könne, sondern eine neue hermüsse, dazu noch 3-4 Kronen über die Nachbahrzähne, die ich mir wohl infolge einer Mischung aus Säureangriffen (Reflux) und nächtlichem Zähneknirschen (ich frage mich, woher der Stress kommen soll, auch wenn ich rege träume) und weil ich mich nicht mit einer Aufbiss-Schiene anfreunden konnte, verdient habe. Bakterien aus ein paar dreckigen geküssten Hurenmäulern und meine Putzfaulheit dürften ein Übriges dazu beigetragen haben. Wer übrigens glaubt, Zahnreparaturen wären deutlich billiger in Thailand, der irrt. Wenn ich mich so in Expat-Foren umschaue, scheint es sich nur noch um eine Ersparnis von 20-25 % zu handeln gegenüber den Preisen in Deutschland. Dazu kommt, dass Zusatversicherungen hier nicht greifen und die Auslands-KV nur bis zu bestimmten Beträgen dazuzahlt, in den ersten Versicherungsjahren recht wenig. Gestern hat mich dann noch der Verzehr dreier roter Drachenfrüchte lahmgelegt, die teils nach 2 Stunden schon wieder aus meinem Arsch gerauscht kamen und die Kloschüssel blutfarben versprenkelten. Ich fühlte mich wie mit einem Noravirus, aber heute früh war alles überstanden. 
   Aus diesem Grund erlaube ich mir - ehe ich auf akademische Arbeiten zurückkomme - zur Entspannung ein paar kritische Kommentare zu Dingen, die mir in meiner erzwungenen Häuslichkeit unter die Augen kamen. Ich will daran noch einmal deutlich machen, mit welcher Art von Buddhismus ich nichts anfangen kann, ja welche Art ich für schädlich halte. Da sind zum einen kostenlose Ebooks von Geshe Kelsang Gyatso. Der ist nicht irgendwer, sondern hat angeblich sogar schon über eine Million Bücher verkauft, mit seiner "New Kadampa Tradition" mehr als 1.110 Zentren und Gruppen begründet. Er beruft sich auf Trijang Lobsang als seinen Lehrer, der auch den 14. Dalai Lama unterrichtete, betrachtet jedoch offenbar im Gegensatz zu diesem Dorje Shugden als erleuchtet. In seinem Buch "Moderner Buddhismus" findet sich diese Stelle: "Töten wir zum Beispiel aus Wut eine Mücke, schaffen wir die Ursache, in der Hölle wiedergeboren zu werden ... Würde mich heute jemand eine dumme Kuh nennen, könnte ich das schwer ertragen, aber was werde ich tun, wenn ich tatsächlich eine Kuh, ein Schwein oder ein Fisch werde - die Nahrung von Menschen?"
   Auf diese primitve Art - den Zuhörern und Lesern Angst vor etwas völlig Unbeweisbarem zu machen und dabei den gesunden Menschenverstand zu verspotten und dem Töten einer Mücke die drastischsten Konsequenzen beizuordnen - wird leider noch heute sehr häufig Buddhismus den Massen gelehrt. In Thailand hat das lange Zeit die hier schon erwähnte Sekte mit ihrem TV-Sender DMC übernommen. Nun gibt es eine neue Initiative, die auf den ersten Blick seriöser erscheinen mag, zumal sie namhafte Unterstützer wie Gillette, die Bangkok Bank und CP hat, Letzteres ein Konglomerat von Charoen Pokphand, das weltweit über 300.000 Menschen beschäftigt und dessen Produkte bei mir zuweilen etwa in der Tiefkühltruhe liegen. CP steckt auch hinter der Supermarkt-Kette 7 Eleven und den thailändischen KFC-Filialen sowie dem Telekommunikationsgiganten True Move.
   Das von ihnen gesponserte Projekt heißt "True Little Monk", ein "Übungsprogramm in Weisheit für Novizen". Auf deren Website steht überraschenderweise ein ausländischer Mönch im Mittelpunkt, Ajahn Jayasaro, der 1958 als Shaun Michael Chiverton in England geboren wurde und 1980 bei Ajahn Chah ordinierte. Ich hörte mir mal einen Beitrag von ihm auf Youtube an, zum Thema "Vergangene Leben". Hier stellt er zwar zunächst fest, dass man daran nur "glauben" könne, doch dann folgen die seltsamsten Gründe, um diesen Glauben rational zu untermauern, da er sie für "gute Beweise" hält, wobei er diese Formulierung gleich ändert zu "Stützen des Glaubens", kurz danach wiederum als "gesunden Menschenverstand" bezeichnet: 1) Der Buddha, der davon berichtete; 2)  Meditierende, die sich an solche Leben erinnerten; 3) 3- bis 5jährige Kinder, die unter wissenschaftlichen Bedingungen solches belegen konnten; 4) Menschen, die dies unter Hypnose berichteten.
  Wenn es das ist, was nach angeblich jahrelangen Retreats, Lehrtätigkeit, dem Vorsitz eines Klosters als Abt und einem Ehrendoktor in Buddhologie herauskommt, dann ist es wirklich besser, ich empfehle meinen Lesern das heutige World Cup-Spiel von Kroatien oder die Matches von Manchester City in der nächsten Saison: Wer genau hinschaut, versteht danach womöglich mehr vom Leben, als wenn er solchen Buddhisten zuhört. Denn im Fußball steckt zuweilen mehr Wille zur Wahrheit und (Geistes-)Gegenwärtigkeit.
   Was man aus dieser Geschichte lernt, ist, dass auch die reichsten Menschen spiritueller Dünnbrettbohrerei zugänglich sein können (oder meinen, sich damit schmücken zu müssen). Aus diesem Grund haben sich religiöse Schwafler auch immer wieder potente Unterstützer und Sponsoren geangelt. Für die Ärmeren unter uns kein schlechter Trost: Mit wenig auszukommen und dabei noch den besseren Durchblick haben zu können.
   Wer es hingegen fiktiv mag, könnte gleich zur Literatur greifen, etwa zu Mariana Lekys neuem Roman "Was man von hier aus sehen kann", und darin einem Zen-Mönch begegnen. Oder er lässt sich ein paar Sätze aus László Krasznahorkais "Im Norden ein Berg ..." (Fischer 2007) durch den Kopf gehen, wo ein Enkel des Prinzen Genji über den Buddha sagt: "Wir wissen nicht mehr, was du von der Welt gedacht hast. Wir verstehen jedes deiner Worte falsch. Wir sind völlig verloren." Macht nix, möchte ich diesem Prinzen-Enkel zum Troste sagen, das erging dem Buddha nicht anders.

[Weltweit begleitet man im Moment die Rettungsaktion von 12 thailändischen Jungen und ihrem Trainer, die in einem überfluteten Höhlensystem in der Provinz Chiang Rai eingeschlossen sind. In diesem Zusammenhang bat der hiesige "höchste Patriarch" um die Rezitation des Metta-Suttas, und ich konnte einige m. E. verfrühte, wenn auch verständliche Freudensausbrüche im TV sehen. Hier zeigt sich wieder die tröstende und Hoffnung machende Funktion einer Volksreligion, auf die so viele Menschen nicht verzichten können. Die Frage, die sich in diesem Fall exemplarisch aufdrängt, ist, inwiefern dies zu unrealistischen Erwartungen führt. In Kürze werde ich darum explizit auf den thailändischen Buddhismus eingehen.]


(Hab ich dieses Video schon mal verwendet? Bitte mitteilen.)

Dienstag, 5. Juni 2018

Gewinnen und verlieren

Manchmal ist es gut, ein wenig zu warten. Wie mit diesem Blog-Beitrag. Nach dem DFB-Pokalfinale juckte es mich bereits in den Fingern, einen Text über die mangelnde Fairness im Profifußball zu verfassen. Das Champions Legue-Endspiel setzte dem Ganzen dann die Krone auf. Was war geschehen? Eigentlich nicht viel. Mein Bruder, Eintracht-Fan (ich Bayern-Anhänger) meinte deshalb: "Die Bayern werden's verkraften." Und ein paar Wochen danach spielt das Ganze tatsächlich in meinem Denken und Fühlen kaum noch eine Rolle. Ich habe aber einige prinzipielle Überlegungen angestellt, wie ich schon seit Langem als quasi erfolgsverwöhnter Fan einer Topmannschaft mit der Konkurrenz umgehe. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich mich sehr wohl über einen "verdienten" Sieger freuen kann. Es gab mal eine Saison, in der die Eintracht glänzte und beinahe Meister wurde. Dann eine, wo es Schalke nur knapp verpasste. Und ein paar Jahre, wo Dortmund den Bayern Paroli bieten konnte und sie in einem DFB-Pokalendspiel vom Platz fegte. Das alles sah ich mit einer gewissen Achtung vor den Gegnern und mit Freude an deren verdientem Erfolg und ihrer begeisternden Spielweise oder ein bisschen Trauer über ihr knappes Scheitern.
   Etwas ganz anderes sind Spiele, die durch den Schiedsrichter und seine Linienrichter entschieden werden (Letztere fallen dabei meist durch Duckmäusertum auf). In diesem Jahr war es zunächst für mich als Zuschauer nicht einfach, ich musste mir mehrere Wiederholungen der Spielszene ansehen, die zum 2:1 der Eintracht führte. Dort erkannte ich, dass zunächst James von Bayern von hinten umgestoßen wurde und dann der Frankfurter Boateng eine "unnatürliche" Handbewegung (er fuhr den Arm unnötig weiträumig aus und schnickte den Ball dann zu einem Mitspieler) machte, ehe ein wirklich genialer Pass und ein rasend schneller Rebic zum Treffer führten. Der Schiri stand direkt dabei und hätte die beiden vorausgegangenen Unregelmäßigkeiten sehen müssen. Ich saß hier vor einem TV in Thailand und hörte die ungläubigen Kommentare der Thai-Reporter, die sogar Thiago als Diego aussprechen, jedoch nicht fassen konnten, dass zumindest Boatengs Handspiel nicht gepfiffen wurde (das Ganze durften wir schon da mehrfach in der Wiederholung ansehen). Da ich nicht weiß, was der deutsche Zuschauer erkennen konnte, will ich die noch groteskere Situation nach dem Foulspiel von eben jenem Boateng (ein Spieler, der schon durch etliche Fiesheiten aufgefallen ist, so trat er mal Hasebe - einem jetzigen Mannschaftskollegen - mit den Stollen ins Gesicht, legte Ballack brutal kurz vor einer WM lahm) schildern, das er an Martinez vor dem Schlusspfiff beging. Hier wurde uns genau das gezeigt, was der Schiri an seinem Bildschirm sah, und zwar eine Endlosschleife jenes Fouls. "Au weia", seufzte ich, "ein Elfer kurz vor Schluss, das wird wieder Gerede geben." Und dann war nix mit dem Elfer.
   Von dort kommen wir zu Boatengs späterem Geständnis, er hätte sich über einen solchen Elfer nicht beklagen können. Woraufhin ein Schiedsrichter-Experte in einer Zeitung darauf bestand, dass die foulenden Spieler hier keine guten Ratgeber seien. Wie auch immer, das Gleiche war den Bayern ja erst einige Wochen zuvor im Halbfinale gegen Real Madrid passiert, als Marcelo nach dem Spiel ein Foul zugab, dass zu einem Elfer der Bayern und vielleicht zu ihrem Finaleinzug geführt hätte. Da Real Madrid wiederum schon in der Runde davor in allerletzter Sekunde ein fragwürdiger Elfer gegen Juventus Turin zugesprochen wurde (der sie weiterbrachte) und im Endspiel gegen Liverpool zwei schwere Fouls des Brutalos Sergio Ramos nicht bestraft wurden, muss man auf dieser großen Bühne bei solchen "Serientaten" schon die Frage stellen dürfen, ob da nicht jemand nachgeholfen hat und nicht einfach der Schiri unfähig oder insgeheim parteiisch war (bei der arroganten Ausstrahlung des Bayern-Managements wäre das zumindest nicht ganz unverständlich), damit Real wenigstens einen Titel in dieser Saison holen konnte.
   Was nun dieses Spiel angeht, so hat sich inzwischen herausgestellt, dass Liverpools Torhüter Karius nach dem Ellbogencheck von Ramos eine Gehirnerschütterung erlitt - und danach zwei katastrophale Fehler machte, die möglicherweise auf eine Einschränkung seiner räumlichen Wahrnehmung zurückgingen. Es gibt Menschen wie Oliver Kahn, die einen Klassespieler wie Ramos noch in Schutz nehmen und es als seine Aufgabe ansehen, so zu spielen, wie er spielt. Der ebenfalls von Ramos mit einem seiner typischen dem Kampfsport entlehnten Techniken gefoulte Mohammed Sala, der daraufhin vom Platz musste und eine Petition gegen Ramos startete, hätte beinahe die WM verpasst. Bei dieser sehe ich nun kommen, dass schon in der Vorrunde, wenn Spanien auf Marokko trifft, ein dem Ägypter Salah wohlgesonnener Marokanner (oder sogar in einer weiteren Partie ein Iraner) den Rammbock-Ramos in die Invalidität tritt. Dem könnte natürlich die Verbandswelt zuvorkommen, indem sie Ramos, der allein in Diensten von Real Madrid 24 (vierundzwanzig) Rote Karten einsammelte, mal für ein Jahr komplett aus dem Verkehr zieht. Ich habe jedenfalls Salahs Petition wie hunderttausend andere unterzeichnet und mir damals in einem Kommentar erhofft, dass Liverpool seinen Torhüter wenigstens in die Röhre zum Hirnscannen schickt, wenn es schon Salah allein mit seiner Klage lässt (er hat auch einen Anwalt eingeschaltet).
   Von Ramos habe ich nicht gehört, dass er seine Fouls einräumte und eigentlich vom Platz hätte fliegen müssen. Man sah ihn aber während des Spiels mit dem Linienrichter scherzen, als Salah vor Schmerzen weinte. Zum Glück muss ich mir hier nicht das Geschwätz von Oliver Kahn während der WM anhören.

Und wie kriege ich nun wieder die Kurve zum Buddhismus? Zum einen deutete ich oben schon an, dass man m.E. Fan eines Vereins sein kann, ohne die Fähigkeit des gegenwärtigen Staunens und der Freude angesichts von gegnerischen Leistungen einzubüßen. Zum anderen frage ich mich, was in einer Sportart, wo Homosexuelle noch heute Angst haben, sich zu outen, Typen wie Marcelo und Boateng eigentlich von sich halten, wenn sie erst nach dem Spiel in der Lage sind, einen Fehler einzugestehen, eine Unfairness, eine Unsportlichkeit, die über den Ausgang eines wichtigen Matches entschieden hat. Es wäre eigentlich besser für sie, sie würden dann ganz die Klappe halten, weil man so doch zwei Dinge über sie erfährt: 1) Sie zeigen keine Größe. 2) Um das zu kaschieren, wollen sie später noch mit Ehrlichkeit glänzen, kommen mir aber nur wie feige Memmen vor. So etwas macht man vielleicht im Sandkastenalter, wenn man beschuldigt wird, erst mal alles abstreitet, und später, wenn der Käse gegessen ist, sagt: "Ätschibätschi, ich war es doch, haha!" Ich möchte ein solches Verhalten auch von Bayern-Spielern nicht sehen. Eine Silbermedaille ins Publikum zu pfeffern, wenn man verpfiffen wurde, ist allerdings mir verständlich. Und auch, dass einer sich von der Deutschen Nationalmannschaft verabschiedet, wenn er 30 Jahre alt ist, für die kommende WM nicht nominiert wurde und für die danach kaum noch in Frage kommen dürfte - und wenn zwei Spieler wie Özil und Gündogan mitdürfen, die sich weder über ihre zuletzt gezeigten Leistungen noch über ihr Bekenntnis zu einem türkischen Diktator empfohlen haben (und, wie sich jetzt herausstellte, beide nur einen deutschen Pass besitzen). Auch das wird gellende Pfeifkonzerte geben.
   Ich habe dazu einen Vorschlag. Man sollte Spieler selbst - unabhängig von Pässen oder ihrem ersten Einsatz für eine Nationalmannschaft - wählen lassen, für welches Team sie spielen wollen. Und eine zusätzliche "Weltauswahl" einrichten, in der alle sich zusammentun können, die gar nicht für eine bestimmte Nation auflaufen wollen. So könnte man z.B. Rafinha im deutschen Dress auflaufen sehen, und auch einer wie Martinez wäre dabei.

Was buddhistische Mönche angeht, die vielleicht glauben, es schon immer besser gewusst zu haben - schließlich sollen sie sich ja von Weib, Wein und Freuden wie Tanzen oder Gefühlsaubrüchen beim Fußball fernhalten -. nun, in Thailand werden einige von ihnen gerade entrobt, es gibt eine ganze Liste von Vergehen, die man ihnen vorwirft, Veruntreuung von Geldern steht ganz oben, aber auch sexueller Missbrauch und "human trafficking". Einem der gesuchten Mönche gelang die Flucht nach Deutschland, und nun könnte das BAMF den nächsten schweren Fehler begehen, nämlich dessen Asylantrag ernsthaft prüfen, den er eingereicht hat, um der Strafverfolgung zu entgehen - und das, wo eine Delegation hochrangiger thailändischer Polizisten und Staatsanwälte ihn heute Abend im Flugzeug mit nach Hause nehmen wollte. Offenbar hat man vergessen, Thailand zu einem sicheren Herkunftsland zu erklären.  

Donnerstag, 17. Mai 2018

Trink den Zen-Meister und verrat deine Religion (wenn's sein muss)!

"Die meisten Regisseure machen Filme mit ihren Augen. 
Ich mache Filme mit meinen Eiern."
(Alejandro Jodorowsky)

Heute weiche ich von den Themenbeiträgen ab und fasse so einiges zusammen, was mir in Sachen Zen und Buddhismus kürzlich unter die Augen kam und durch den Kopf ging. Ich hoffe, meinen Lesern ist noch nicht alles davon bekannt.
   In einer Bar in Vientianne (Laos) soll es einen Cocktail namens "Zen-Meister" geben, der aus finnischem Vodka, Minze, Pampelmusen- und Limettensaft gemixt wird. Dass Zen-Meister nahe am Alkohol gebaut sind, wäre die nahe liegende Pointe, ich will aber auf etwas anderes hinaus, nämlich den verspielten Charakter des Zen, der es einem erlaubt, sich weder über solche Namensgebungen noch über Gebrauchsartikel oder gar Bars selbst, die "Buddha" und dergleichen heißen, aufzuregen.
    In der Sendung "lesenswert" war kürzlich der Autor Martin Mosebach zu Gast, ein für mich unleserlicher literarischer Langweiler, der in jüngerer Zeit vor allem durch von seinem konservativen katholischen Glauben inspirierte Statements auffiel. In einem neuen Buch würdigt er nun den Mut koptischer Christen, die als Gefangene von ISIS sich weigerten, ihrem Glauben abzuschwören, was ihnen möglicherweise das Leben gerettet hätte. Ich kann darüber nur den Kopf schütteln (meiner ist ja noch dran), weil einem Terroristen einen Streich zu spielen, indem man das islamische Glaubensbekenntnis aufsagt und sich an gewisse Rituale hält, um das eigene Überleben zu sichern, mir als wertvoller erscheint, als wegen irgendwelcher Anschauungen zu sterben. Etwas anderes wäre es, wenn Dinge verlangt würden, die gegen den eigenen ethischen Kodex verstoßen. Dazu sollte aber nicht gehören, zwanghaft an Dogmen zu kleben, und etwas anderes ist es kaum, was Mosebach da bewundert. Bei genauerer Betrachtung sind diese koptischen Christen also zugleich zu bedauern, weil sie eine gewisse Stufe der Aufklärung - die hier zen-typisch als Loslassenkönnen selbst von eigenen Weltanschauungen bezeichnet werden kann - nicht erreicht haben. Dieser Aspekt wurde in der Sendung freilich nicht angeschnitten. Zumal es jemandem, der an einen Gott glaubt, gar nicht so schwer fallen dürfte, dies in einer anderen Form zu bekunden.
   Schaut man genauer hin, können meist auch diejenigen, die hehre religiöse Ideale aufrecht erhalten wollen, ihnen nicht gerecht werden. Gelegentlich wird ja darauf verwiesen, dass in Zen-Tempeln vegetarische Kost angesagt sei. Nicht (oder vielmehr zu) genau nimmt man es dagegen mit der Schädlingsbekämpfung: Im Nanzenji wurde gerade so viel "Tierabwehrmittel" (offenbar gegen Wildschweine) versprüht, dass Besucher in Atemnot gerieten und ins Krankenhaus kamen.
  Ein anderes Dauerthema auch dieses Blogs ist der Missbrauch durch Ordinierte. Trotz der Befragung dubioser Experten (etwa eines korrupten und in seiner Heimat verurteilten Polizisten, der wie so viele selbsternannte Helfer in Kambodscha ein neues Betätigungsfeld im Kinderschutz fand - ohne wirklich "vom Fach" zu sein) kann ich hier die Zeitschrift Southeast Asia Globe (digitales Jahresabo ca. 16 €) empfehlen, die aktuelle Beispiele des Missbrauchs von Theravada-Mönchen an Jungen auflistet, wobei die Ursachen mal wieder in mangelnder Kontrolle der Tempel und den Vorschusslorbeeren liegen, die man gemeinhin Berobten zubilligt. Lesenswert in diesem Zusammenhang ist auch der Beitrag über die weiß gekleideten don chee, die Laien-Nonnen in Kambodscha, die den Mönchen die Arbeit abnehmen, das Essen servieren dürfen und doch nicht als vollwertige Nonnen gelten. In Myanmar hingegen zeichnet sich die buddhistische Miliz (sic!) durch Gewaltakte gegen die Rohingya aus, wie uns diese Zeugenaussagen in Erinnerung rufen. Bei all dem könnte einem also das Kotzen kommen, auch ohne zur falschen Zeit im Nanzenji gewesen zu sein.
   Dann zwei Kulturtipps. In der teils fiktiven und animierten Doku "Zen and Bones" wird der 93-jährige Zen/Tee-Meister Henry Mittwer vorgestellt, von dem ich bisher wohl noch nichts gehört hatte. Vielleicht teilt mir ein Leser mit, sobald er einen Ausstrahlungstermin oder von einer DVD-Fassung erfährt. Die Geschichte klingt jedenfalls interessant, Mittwer wurde im Zweiten Weltkrieg seiner japanischen Mutter, einer ehemaligen Geisha, entrissen. Als er sich in den USA auf die Suche nach seinem Vater machte, wurde er wie andere Japaner interniert (im Lager kamen zwei seiner Kinder, die er mit einer Japanerin hat, auf die Welt). Er übte mit Nyogen Senzaki und schloss sich in Japan, wie eine seiner Töchter, der Urasenke-Schule des Teewegs an. Zeitlebens träumte er von einem eigenen Filmprojekt.
   Ein anderer Zen-Adept hat es tatsächlich zum Filmemacher gebracht. Kürzlich lud ich mir die Comics "Panic Fables" (Park Street Press 2017) des Chilenen jüdisch-ukrainischer Herkunft Alejandro Jodorowsky auf meinen Kindle Fire. Sie enthalten Geschichten und Texte, die teils albern, teils tiefsinnig mit Motiven des Zen und Kôan spielen. Jodorowky, der auch der Esoterik nicht abgeneigt ist und einen seiner vier Söhne an die Drogen verlor, ging selbst in Mexiko beim Zen-Meister und Akupunktur-Experten Ejo Takata (1928-1997), seinerseits Schüler von Yamada Mumon, in die Lehre und stellte diesem einst sein Haus als Zendo zur Verfügung. Zitat: "Er ist der aufrichtigste Mensch, dem ich je begegnet bin." 
   Auch mit fast 90 Jahren hält Jodorowsky noch Vorträge in Spanien und Frankreich, die er mit einem markanten Lebensmotto betitelt: "Wie kann ich euch nützlich sein?" Eine Passage aus den "Panic Fables" möchte ich übersetzen: 

"'Enähre dich gesund mit Nahrung, die einem Viertel der Aufnahmefähigkeit deines Magens entspricht.'
   Dich gesund zu ernähren heißt, 100 % Vollkorngetreide, Reis, Hafer usw. ohne Wasser zu dir zu nehmen. Du kannst auch 90 % Körner und 10 % Gemüse essen, aber keine tierischen Produkte wie Milch, Käse oder Eier. Iss nichts, was sich wehrt oder davonläuft. 
   Erleuchtung beginnt im Mund: Bereinige deine Diät wie deine Sprache. Sprich nur ein Viertel der Worte aus, die du sagen willst. Sag nur hundertprozentig wichtige Worte. Du kannst auch 90 % wichtige Worte und 10 % Emotionales von dir geben. Greif niemals mit Worten an. Und sprich zu niemandem, der dir nicht zuhören will."



   Wer sich für Zen-Gärten interessiert, findet hier weiterführende Links und für knapp 2 USD eine PDF zum Download, die in zahlreichen Bildern den Erin-ji vorstellt, der von Musô Soseki mitbegründet wurde und zunächst zum Engaku-ji-Zweig des Rinzai gehörte. Der Tempel wurde im Ônin-Krieg (1467-1477) zerstört, dann vom Takeda-Samuraiclan wiedererrichtet. 1541 ging er in den Myôshin-ji-Zweig der Rinzai-Schule über. Der bekannte Daimyo Takeda Shingen liegt dort begraben.
   Ebenfalls zur Rinzai-Sekte gehörte nach seiner Errichtung im Jahr 1346 der Genko-an, seit 1694 allerdings ist er Teil der Sôtô-Schule. Bei diesem Wechsel soll die "blutige Decke" der Hauphalle aus Holzdielen der zerstörten Burg in Fushimi neu gezimmert worden sein, wo Soldaten in einem Blutbad ihre Flecken hinterlassen hatten; so sollte jener Samurai gedacht werden. Der Genko-an ist auch für zwei besondere Fenster bekannt, das eine rund ("Fenster des Erwachens"), das andere eckig ("Fenster der Täuschung").

Nicht unerwähnt lassen möchte ich den Nachruf der NY Times - wenn auch schon fast drei Monate alt - auf Eido Shimano, da er es nicht versäumt, Shimanos Entschuldigungsbrief an seine Gemeinde zu zitieren, der in früheren Diskussionen gern übersehen wurde.
   Ein anderer hier ausgiebig kritisierter Berobter, Thay alias Thich Thien Son, bekommt nun in der aktuellen Spiegel-Ausgabe sein Fett unter dieser Überschrift weg: "Ehemalige Klosterschüler werfen buddhistischem Abt sexuellen Missbrauch vor". Man kann die Digitalausgabe des Spiegel vier Wochen lang kostenlos lesen (unter diesem Link etwas nach unten scrollen) und erhält sofort Zugang auf den ganzen Artikel (ggf. rechtzeitige Kündigung nicht vergessen).

Freitag, 4. Mai 2018

Ist Erleuchtung eine Illusion?

"You are afraid of awakening. Let go of that!"
(Garry Shandling in der HBO-Doku "The Zen Diaries of Garry Shandling")

Ausgehend von einem Beitrag Brad Warners hat Muho in mehreren Teilen zum Thema "Erleuchtung" Stellung bezogen. Dieses Thema beschäftigt auch immer wieder buddhistische Foren. Zunächst ist kaum verwunderlich, dass sich Brads und Muhos Ansichten hierzu unterscheiden, auch wenn sie beide der Sôtô-Schule nahestehen und ihre Lehrer von Kôdô Sawaki beeinflusst wurden. Bezüglich der Nishijima-Linie hatte ich hier schon den Verdacht geäußert, dass sie solche "Nachfolger" anzog, die auf eher leichte und schnelle Weise einen offiziellen "Status" im Zen anstrebten. Antaiji ist hingegen ein Kloster, das traditionell auf eine Ausbildung im Sinne Dôgen Zenjis Wert legt, weswegen man von dort erwarten darf, dass man sich im Rahmen Dôgenscher Rhetorik erklärt. Die Beiträge von Muho und Brad sind deshalb eine gute Gelegenheit, auf deren spezifisches Verständnis einzugehen.
   Ich bin der Ansicht, dass man etwas, das von Bedeutung ist, auf angemessene Weise ausdrücken kann. Brad Warner hat sich zu seiner wesentlichen Erleuchtungerfahrung, die er eher als Erkenntnis ("understanding") begreift, ähnlich geäußert wie Vertreter des Rinzai, etwa Kapleau in seinem Buch "Die drei Pfeiler des Zen". Dennoch beharrt er darauf, dass dieses Verständnis schwer auszudrücken sei und man es selbst erlangen müsse, und zwar mit steigenden Chancen je nach Engagement im Zazen. Es ist nicht das erste Mal, dass Brad mir wie ein "Con Artist" vorkommt, der einem etwas andrehen will, dessen Nutzen er letztlich doch im Nebulösen belässt. Zwar deutet auch Muho an, ausreichend langes Meditieren würde den Schlüssel zu dem bergen, was uns alle verbindet (ohne dies nach eigener Aussage allerdings letztlich zu kennen), betont aber zugleich, dass er jede seiner Einsichten auch als illusionär bezeichnen kann. Für ihn ist die Fähigkeit, alles loslassen und sich dem Zazen unterwerfen zu können, der Weg, die Realität des Augenblicks zu erfahren. 
   Die Frage, ob es einer oder mehrerer besonderer Erfahrungen des Alleins-Seins (wie es Brad Warner und eher die Anhänger des Rinzai beschreiben) bedarf, oder ob die bewusste Verankerung in der Gegenwart - in der Regel mit Zazen gleichgesetzt - genügt, muss hier nicht geklärt werden. Gemeinsam ist den beiden Vertretern des Sôtô-Zen, dass sie immer wieder trotz zuweilen pointierter Äußerungen ein Bewusstsein der Möglichkeit ihrer eigenen Täuschung erkennen, dass sie Fragen offen lassen, dabei aber überzeugt sind, ihnen mit fortgesetztem Zazen begegnen zu sollen. Offensichtlich ist diese Ansicht also unabhängig von einer selbst empfundenen Erfahrung von Alleins-Sein, einem an einem bestimmten Punkt erlebten "Erwachen". Auch Brad Warner deutet an, dass nicht er etwas erfahren hat, sondern es einfach so war - mit Muhos Worten: "It's only this."
   Zugleich ist hiermit auch das Problem benannt. Da es schließlich Zazen sein soll, "das Zazen macht", und da man sich "um Buddhas willen" (Muho) entwickeln solle, neigt dieses Verständnis nicht nur zu rhetorischen Zirkelschlüssen, die dem Duktus Dôgens geschuldet sind, sondern auch zu einem Verlagern der Eigenverantwortung auf eine andere Kraft, die nicht ich bin und die etwas Entscheidendes mit mir macht. Im Amida-Buddhismus heißt diese Kraft "tariki". 
   Muho kommt auf einen klassischen Zen-Topos zu sprechen, die Fähigkeit zur Nicht-Unterscheidung im Sinne eines Nicht-Wertens. Er sieht in der Tatsache, dass eine Übende sich noch über andere aufregt, einen Hinweis darauf, dass sie Nirwana nicht verwirklicht haben könne. Hinter einem solchen Verständnis des potentiellen Erwachtseins zeigen sich freilich auch eigene Denkschablonen, vor allem die weit verbreitete, Erwachen würde einen moralisch perfekten Menschen erzeugen. Dieses Missverständnis war häufig Thema in diesem Blog, es kommt auch immer wieder in Kommentaren auf, die ich teils nicht mehr veröffentliche. Meines Erachtens ist es im Zen nicht anders als in anderen Bereichen: Wer eine tiefe Einsicht ins Dasein gewonnen hat und wahrscheinlich sein Leben daraufhin sichtbar ändert, muss deshalb keinesfalls (mehr) den Idealbildern eines Menschen gerecht werden, wie sie gerade die Religion als Illusion schafft (im Buddhismus etwa mit dem "Achtfachen Pfad"). Pikanterweise liefert Muho selbst die treffende Metapher hierzu, als er die Tiefe eines Schattens mit der Helligkeit des Mondes in Verbindung bringt - mit anderen Worten, man darf gerade bei bedeutenden Erweckungserlebnissen nicht überrascht sein, wenn einen die so "Erwachten" zuweilen mit ihren Schattenseiten behelligen (die jedoch keine Umkehrschlüsse zulassen). 
   Dôgen Zenji ist diesem Irrtum selbst aufgesessen. Die Einsicht in den Wert des Nicht-Wertens bedeutet nicht, sich jeder Wertung enthalten zu müssen. Heute las ich ausführliche Kritik an den Erkenntnissen des von mir bisher geschätzten Paul Ekman, der behauptet, kulturenübergreifend würden sich menschliche Emotionen auf gleiche Weise in der Mimik äußern. Nun stellte man jedoch fest, dass es sogar Menschen gibt, bei denen sich offensichtlicher Ärger nicht nur atypisch im Gesicht zeigt, sondern in den üblicherweise aktiven Hirnregionen nicht nachweisen lässt. Ähnlich sinnlos erscheint es mir, an bestimmten Verhaltensklischees das Ausmaß der Erkenntnis oder das "Erwachen" eines Menschen festzumachen. Vielmehr führt uns dieses Problem zu der Frage, wie sich denn in jener Praxis, die nicht Zazen (im Sinne von stillem Sitzen) ist, also im Alltagsleben, das manifestiert, was Brad als "Wandel im Verständnis" bezeichnet.
   Muhos Vergleich derjenigen, die sich als erleuchtet ansehen, mit Zweijährigen trifft den Kern dieser Sache ebenfalls nicht. Ich erinnere mich, wie die zweijährige Tochter einer Bekannten zu meiner Überraschung bei einem Ausflug in ein Kaufhaus angstfrei nicht nur beim ersten Anblick die Rolltreppe betrat, sondern sogar hochlief. Genauso angstfrei schien sie auf Hunde zuzugehen. Ein paar Jahre später konnte ich jedoch bei ähnlichen Gelegenheiten eine Scheu erkennen, wo ich sie zuvor nicht gesehen hatte. Mit der eigenen Ich-Konzeption entsteht das Problem, das mit Zen gelöst werden soll. Wenn es jedoch gelöst ist, entsteht damit nicht wieder der Geisteszustand der Unwissenheit einer Zweijährigen. Vielmehr ist mit dem Ringen um einen solch gereiften Zustand, um eine Fähigkeit zum nicht-wertenden Denken, die Einsicht in die eigene Fehlbarkeit gewachsen (derer sich Muho und Brad ja bewusst sind). Nur das zweijährige Kind hat seinen Zustand also geschenkt bekommen, der Erwachte jedoch hat ihn sich erarbeitet und jegliche Beihilfe irgendeiner "Gnade" selbst in die Wege geleitet. Für mich ist entscheidend, wie bewusst ein solcher Erwachter seine Fehlbarkeit und seine dunklen Seiten annimmt. Dieser Aspekt ist in Dôgens Lehre nicht sehr ausgeprägt, was seiner zunehmd starken Bindung an den Palikanon geschuldet ist. Für Dôgen war Zazen eben auch eine grandiose Möglichkeit, sich nicht an althergebrachten Moralregeln zu vergehen. Es ist darum auch kein Wunder, dass diese Schule für den Widerspruch blind ist, dass einerseits "Buddhas die Praxis manifestieren" sollen, andererseits schon im Palikanon die ersten Worte, die der Gautama gesprochen haben soll (ganz im Gegensatz zu üblichen Babies) nur so vor Arroganz und Erleuchtungsbewusstsein trieften: "Ich bin der Erste der Welt."
   Überrascht hat mich das stundenlange Rekurrieren auf einen Einwurf eines Brad Warner-Followers, da er sich doch offensichtlich ebenfalls nur in der Falle der Zen-Rhetorik befindet: Inwiefern würde denn ein anderer und die ganze Welt erwachen, wenn mir das widerführe? Vielmehr würde im Bewusstsein eines anderen Individuums doch gar nichts davon spürbar sein, was sich in meinem abspielt? Doch dass die ganze Welt mit mir erwacht bedeutet nichts anderes, als dass sich für mich (!) im Erwachen das Problem eines Getrenntseins von "allem" (um Muhos Zitat von Uchiyama aufzugreifen) erledigt hat (zumindest während des Erwachens). Das Erwachen bleibt eine individuelle Aufgabe, die man niemandem abnehmen kann. weswegen auch das Bodhisattva-Gelübde, auf Nirwana zu verzichten, solange nicht alle anderen errettet seien, nichts weiter bedeutet, als endlich zu eben jener Einsicht vorzudringen, dass die Errettung dann möglich ist, wenn man die Unterscheidung in ich und andere auflösen kann (während es keineswegs genügt, nur gut und anständig zu sein). 
   Das Bein, dass sich (der späte) Dôgen selbst stellte, wird von Muho benannt, es ist das Ablehnen der These, dass wir alle Buddha seien (hongaku). Denn wenn wir alle (hinreichend) Buddha wären, würde die Bedeutung des Zazen relativiert. So wie sich der Baby-Buddha als "der Erste" sah, so war für Dôgen Zazen das Erste. Und weil er sich so damit abmühte, die Zazen-Übung in ritualisierte Formen einzubetten (weil es sich eben nicht selbst "macht") und die Notwendigkeit eines bestimmten Weges zu unterstreichen, musste er jeden Gedanken ablehnen, nach dem eine allen Wesen gemeinsame Natur naheliegenderweise nicht eine spezielle, sondern viele verschiedene Ausdrucksweisen (Praxis) hervorbingen würde. Auch der von Muho genannte "Kritische Buddhismus" folgte dieser Denke, indem er die (immanente, gegebene) Buddha-Natur als Widerspruch zur Lehre vom bedingten Entstehen ansah und damit nur ein Dogma über ein anderes stellte. Man könnte auch sagen, eine zentrale Einsicht des Buddhas im Palikanon/Theravada (bedingtes Entstehen) wurde in Kontrast zu einer zentralen Einsicht einer späteren Religion, dem Zen/Mahayana, gesetzt (die Erfahrung des schon immer dagewesenen, der Buddha-Natur). Durch diesen Rückgriff auf das bereits von den ersten Chan-Buddhisten als bloßes Gedankenkonstrukt durchschaute pratitya samutpada (das entscheidende Heilsziel des Buddhismus, Nirwana, ist schließlich unbedingt!) sollte Zen moralisch aufgewertet, seine Schwachstellen entblößt werden. Auch dieses Bemühen scheint mir einem Hang zum Perfektionieren des Menschen geschuldet zu sein, der dem, was sich im Erwachen als Erkenntnis zeigen könnte, zuwiderläuft, nämlich der Einsicht nicht nur in das Täuschungspotential des Menschen, sondern in seine moralische Ambivalenz. Buddha-Natur zu entdecken bedeutet m.E.nicht zuletzt, sich seiner moralischen Potenz in einem unmoralischen Dasein bewusst zu werden.
   Mit "Dies ist es" ist es nicht getan. Als mir einmal ein alter Mann auf der Straße die Frage stellte, welcher Tag sei und wo er sich befände, dämmerte mir, dass nicht einmal über die "Tatsache", dass heute, wo ich dies schreibe, der 3. Mai ist, Einigkeit herrscht. Was "dies ist" oder nicht, bleibt nicht nur die Frage des individuellen Bewusstseins, sondern gerade der Funktionsfähigkeit eines individuellen Gehirns. Notgedrungen müssen daher alle Gedankenspiele zur Erleuchtung, Buddha-Natur oder etwas Mystischem, das uns alle verbindet, illusionär sein, da sie offensichtlich nicht mehr existieren, wenn das Hirn aus irgendwelchen Gründen darauf nicht mehr zurückgreifen kann. Bis dahin ist die kritische Frage stets nicht, ob jemand erwacht ist, sondern was er macht, wenn er wach ist, also wie er mit dem Dasein klarzukommen versucht.

 (Fotos: Keller)

Natürlich beschäftigt mich selbst die Frage, ob gewisse Erkenntisse oder Erweckungserlebnisse einen "anderen Draht" zu Lebewesen oder der Natur im Allgemeinen erzeugen, ob sich also auf der Ebene dessen, was uns auf (bisher) eher mystische Weise verbinden könnte, kommunizieren lässt. Häufig stelle ich fest, dass andere Menschen ganz ohne Zen-Übung ähnliche Erlebnisse hatten, was den Verdacht relativiert, aus dieser Übung entstünde eine besonders verbindende Kraft. Ich möchte dennoch zwei Ereignisse aus der jüngeren Zeit nennen, die ich als Früchte meiner aus dem Zen gespeisten Einstellung zum Leben ansehe (und die selbstverständlich unter dem o.g. Verdacht des Illusionären stehen). 
   Zum einen war ich vor Kurzem mit einer befreundeten Mutter und ihren Kindern in einem Kaufhaus, das eine große Fläche zum Spielen für Kinder zur Verfügung stellt. Neben Geld fressenden Automaten auch eine Zone, in der jüngere Kinder rutschen, hüpfen und tollen können und wo alles gut gepolstert ist. Die Erwachsenen sitzen dann meist außen und schauen zu, reichen den durstigen Kleinen vielleicht mal ein Getränk am Rande der Spielzone. Der zweieinhalbjährige Sohn meiner Bekannten sprang mehrfach von der Umrandung nach draußen. Beim letzten Mal blieb er an einem Stuhl hängen und knallte vornüber mit dem Kopf auf den Boden. Nach meiner Erinnerung prallte er so heftig auf, dass es ihn auf den Rücken drehte und er noch einmal mit dem Hinterkopf aufschlug. Ich dachte im ersten Moment, er müsse schwer verletzt sein, und sofort schoss Blut aus einer Stirnwunde. Dann heulte er, rannte aber in meine Arme, nicht in die seiner Mutter. Nachdem er verarztet worden war und ich mit den anderen die Wartezeit in einem McDonald's verbracht hatte, kam er mit seiner Mutter und einem dicken Verband über der vernähten Wunde zu mir und bot mir als erstes seine Kaubonbons an. Diese Entwicklung bewegt mich. Denn bei unserer allerersten Begegnung hatte mich die Mutter gebeten, eine Stunde auf den damaligen Säugling aufzupassen, und es gelang mir nicht eine Minute, ihn vom Schreien abzubringen.
   Zum anderen habe ich bei einer Reise durch Thailand meine recht junge Liebe zu Affen gepflegt. Überall finden sich Verbotsschilder bezüglich des Fütterns, zudem waren zahlreiche Provinzen dieses Jahr zu Tollwutgebieten erklärt worden. Bei einem Ausflug zu einem Tempel, wo die Affen als besonders aggressiv galten und am Eingang deshalb schon Stöcke zu deren Abwehr an Besucher verteilt wurden (ich nahm keinen, weil ich sie als Grund für die Aggressionen der Affen ansah), wurde unser Fahrer durchs T-Shirt von einem Affen gekratzt, als er sich zu heftig mit einem Essnapf in der Hand nach diesem umgedreht hatte. Der behandelnde Arzt verordnete zur Sicherheit fünf sukzessive Injektionen gegen Tollwut. Mir selbst ist nichts dergleichen passiert, ich hatte (wie so viele Touristen) Affen auf der Schulter, habe Makaken und Languren gestreichelt und einmal von einer vor mir hockenden Mutter sogar ein Baby anvertraut bekommen (wäre ich an Selfies gewöhnt, könnte ich das dokumentieren). Der Unterschied zu vielen anderen Besuchern der Tempel wurde mir klar, als Menschen, die die Affen ebenfalls fütterten, mir sagten, sie hätten Angst vor ihnen, und darum jeden Körperkontakt mieden. So steht es natürlich auch in jedem Ratgeber. Wenn man sich daran hält, entgehen einem aber Erlebnisse wie das Folgende. Im unteren Bild erkennt man ein totes Junges. Wahrscheinlich gab die Mutter nicht genug Milch. Es ist die Äffin, die traurig in meine Richtung schaut. Man erkennt auch ein Leittier oben auf der Bank auf dem Rücken liegend, das melancholisch wirkt. Als ich mich dem toten Baby nähern wollte, stellte sich mir ein Alphatier in den Weg. Dann trauerte ich eine Weile mit, bis schließlich die Mutter in mehreren Etappen (sie hielt dabei immer wieder inne) das tote Baby die Treppe hinab und ins Gebüsch den Hang hinunterschleifte. Ich konnte problemlos eine ganzes Stück mitgehen, und am folgenden Tag war das Verhältnis gleich zu mehreren Gruppen (auf diesem Berg gibt es mehr als tausend Makaken und entsprechend viele Gruppen) ein anderes. Ein männliches Leittier ließ sich von mir beim Füttern den Rücken streicheln, ein Baby vor dessen Nase berühren. Später spielte ich einer Gruppe Affengeräusche auf dem Smartphone vor, und ein kesser Dünner, der mich die ganze Zeit erstaunt beobachtet hatte, sprang mich kurz wie zum Abklatschen an, nachdem ich ihn durch ein Gitter, das uns zuvor noch trennte, immer wieder geneckt hatte.
   Das, was uns hier jeweils verbunden hat, war also nicht-diskursiv, es liegt jenseits oder vor einem Unterscheiden in ich und andere und bedingt von meiner Seite aus eine entsprechende vorurteilsfreie Offenheit. In einem anderen Tempel überraschte mich ein Affe, dem ich Erdnüsse auf offener Handfläche anbot, damit, sie nicht zu ergreifen, sondern sich hinunterzubeugen, um sie mit dem Mund aufzuschlecken. Ein kurzes Zurückzucken meinerseits genügte, um ihn nach einem zweiten Versuch davon Abstand nehmen und die Nüsse fortan vom Boden auflesen zu lassen. Es ist manchmal nur ganz wenig, was uns voneinander trennt. Und doch ist es für mich vollkommen okay, dass ich einem Iraner, der nachts um 2 Uhr lautstark gegenüber meiner Zimmertür mit seinem Bekannten reden will, eine wütende Ansage mache, statt mich um vorurteilsfreie Offenheit zu sorgen oder zu glauben, Nirwana sei verloren, wenn ich einen Unterschied mache.
   

Montag, 16. April 2018

III. Die Verbindung von Kampfkunst und Lebenskunst (Takuan Soho und Suzuki Shosan)



Mit Beginn des 16. Jahrhunderts trat Japan in eine befriedete Phase, die Tokugawa-Ära, ein. Seine Kriegerkaste konnte ihre Künste nun nicht mehr wie gewohnt verwenden. Der damalige Abt des Daitokuji, Takuan Soho (1573-1645), wurde als Ratgeber solcher Samurai bekannt, die ihre Fertigkeiten infolgedessen spiritualisierten. Takuan erläuterte, wie der buddhistische (Nicht-)Geist der Erkenntnis zu vereinbaren ist mit Leben und Tod des Schwertes, genauer: wie dieser Nicht-Geist funktioniert bzw. wie höchste Konzentration mit der Flexibilität des Loslassenkönnens in Einklang gebracht werden kann. Dabei folgte er der seit Nagarjuna aus den Weisheitssutren entlehnten Auffassung, dass Weisheit (prajna) über geschickte Mittel (upaya) kreativ angewendet werden solle. Die Zen-Künste, in denen erworbene Meisterschaft mit Freiheit und Ästhetizismus einhergeht und ihren Ausdruck über die erlernte Kunst hinaus im Alltagsleben sucht, sind ein gutes Beispiel hierfür. Das Schwert selbst stand im Mahayana-Buddhismus für die Macht der Weisheit, Täuschungen abzutrennen, und findet sich so in Chan-Schriften wie dem Linji yulu. Im Biyänlu (Hekiganroku) und Wumenquan (Mumonkan) ist vom Schwert, „das Leben (Erkenntnis) gibt“ und „Leben (Täuschung) nimmt“ die Rede. In Japan fand sich seine mythische Funktion zudem in ältesten Schriften wie dem Kojiki und Nihongi. Takuan beschreibt die Schwertkunst in seiner Schrift Fudochi shinmyo roku. Die Fixierung von Gedanken oder gewöhnliche ausschnitthafte Wahrnehmung (vijnana), die laut Zen zu Illusion und Täuschung führt, wird im Schwertkampf zum Auslöser tödlicher Niederlagen. Stattdessen soll allen Details gleichermaßen „fließende“ Aufmerksamkeit geschenkt werden – was dem ursprünglichen Geist (wie im Sutra vom „Erwachen des Glaubens an den Mahayana“, Taisho 32) entspreche – und der Übende durch „Nicht-Verweilen“ (bei nur einer Sache) und Spontaneität mit allem in Harmonie gelangen. So behalten verschiedene Faktoren ihr kreatives Potential. Hält der Geist sich jedoch bei etwas auf, entstehen Unterscheidungen (vikalpa); ein so „anhaltender“ Geist bewegt sich also, während der nicht-anhaltende Geist „unbeweglich“ ist, d. h. in seiner Flexibilität unverändert.

Suzuki Shôsan (1579-1655) kämpfte auf der Seite von Tokugawa Ieyasus Truppen in der Schlacht von Sekigahara (1600) und Osaka (1614, 1615). Mit 42 Jahren wurde er 1621 Mönch und entwickelte sein „Niô Zen“ 二王禅, auch „Zen des Mutes (yûmô)勇猛禅 oder „Zen des Augenduells“ (hatashi manako) 果たし眼座禅 genannt, bei dem zunächst die Aufmerksamkeit auf eine Buddha-Statue, d. h. eine  bewaffnete Wächtergottheit (auch Fudô 不動), gerichtet wird, um dieser ähnlich zu werden („Fäuste ballen, Zähne zusammenbeißen, geradeaus wie in die Augen eines Feindes starren“), dann ein heiterer (ukabu-kokoro 浮心), widerstandsfähigertsuyoki-kokoro 強き心) und mutiger (yûmô-sin 勇猛心) Geist aufrechterhalten und schließlich das eigene ki ( oder ), eine vitale Lebensenergie, genährt wird (zu der auch shiki 死機, die Bereitschaft zum Sterben, gehört).

Die Idee des heiteren Geistes soll vom Nô-Theater, das Nähren des ki vom Shugendô oder hijiri bukkyô (Pilgerbuddhismus) beeinflusst sein, einer alten synkretistischen Religion mit magischen Elementen (weswegen das ki auch durch Berge und Flüsse, Pflanzen und Steine genährt werden kann). Für diesen heiteren oder lebhaften Geist gibt Suzuki Shôsan siebzehn Beispiele, darunter einen Geist, der die eigenen Fehler erkennt, Gerechtigkeit walten lässt, aufrichtig und gütig ist, das Prinzip von Ursache und Wirkung anerkennt, Dankbarkeit zeigt, furchtlos Leben schützt und das eigene zu riskieren bereit ist.

Beim Konzentrieren auf die Statuen geht es darum, deren ki zu erlangen, da sie eine Manifestation des Buddha-Geistes seien; die spezielle Auswahl von furchterregenden Wächtern als Gegenüber soll dabei das Ausmerzen übler Begierden erleichtern. Ansonsten war Shôsan durchaus der Ansicht, dass das Freisein von Ideen und Gedanken erst die Interaktion mit allem ermögliche.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Shôsans Praxis ein samâdhi des „unermüdlichen Fortschreitens“ (Nährens von ki) statt eines samâdhi der Meditation (dhyâna) anstrebt. Auch in der Sôtô-Tradition gab es also kreative Ansätze, um Zorn, Aggression und Kampfbereitschaft in den Zen-Weg einzubinden. 


Zu Takuan siehe Dennis Lishka:Zen and the Creative Process: The ‘Kendo-Zen’ Thought of the Rinzai Master Takuan”. Japanese Journal of Religious Studies 512-3 June-September 1978.

Zu Suzuki Shôsan siehe Michiko Katos Vortrag: “Suzuki Shôsan: Method of Buddhist Practice Based on Ki“ (Australian National University, Asia Pacific Week 2006).

Sonntag, 1. April 2018

Menzan Zuihos Neuentdeckung von Dogen Zenji



Vor vielen Jahren veröffentlichte ich eine erbauliche und bebilderte Schrift von Menzan Zuiho (1683-1769), „Das Leben des Zen-Bettlers Tosui“ (dessen Neffe übrigens Menzans Ordinationsmeister war). Menzan wurde freilich bekannter als Interpret der Schriften von Dogen Zenji (1200-1253), die jahrhundertelang eine untergeordnete Rolle gespielt hatten; so gab es bis ins 17. Jh. hinein nicht einmal Kommentare zu dessen Hauptwerk Shobogenzo. Insofern ist Menzan für viele Ansichten zum Zen, wie sie heutzutage vorherrschen, mitverantwortlich.  Seine Rückbesinnung auf Dogens Ideen lief unter dem Slogan fukko 復古, wie auch die Reformen zur zeremoniellen Dharma-Übertragung durch Manzan Dohaku (1631-1741, fortan: Dohaku), der sich auf ein Kapitel jenes Shobogenzo berief. Dohaku hatte zunächst die Hausregeln des Eiheiji als verbindlich für alle Tempel des Soto-Zen erklärt und hernach die Schriften von Dogen als maßgeblich für die die gesamte Soto-Schule. Im 17. Jh. kam es deshalb zu solchen Spannungen bezüglich der Interpretation Dogens, dass dessen Schriften mehrere Jahrzehnte lang auf Wunsch der Soto-Obrigkeit nicht mehr publiziert wurden. Unter solchen Bedingungen musste nun wiederum Menzan arbeiten, der nicht nur offene Fragen in Dogens Werk mithilfe von Studien alter Wurzeltexte zu klären suchte (was einem Trend seiner Zeit entsprach), sondern auch Dohakus Auslegung der Klosterregeln (als auf die modernere Obaku-Schule zurückgehend) revidierte und stets die Maßgabe der alten Schriften modernen Praktiken vorzog. Menzan hatte zudem viele Soto-Schüler in die Obaku-Schule abwandern sehen.

Menzan, der mit 23 Jahren Dharma-Erbe von Sonno Shueki (1649-1705) aus dem kleinen Taishiniji in Sendai wurde – einem Lehrer, der dafür bekannt war, zum Tode Verurteilten Dharma-Namen zu verleihen und einst einen Schüler nur deshalb fortjagte, weil dieser einen gewöhnlichen Text auf ein Werk von Dogen Zenji gelegt hatte –, ordinierte auch in einer Shingon-Linie und hielt sich oft in Rinzai-Tempeln auf, was seine rege Kommentartätigkeit zu Koan erklärt. Er war sicher einer der fleißigsten Zen-Autoren und hinterließ schon zu Lebzeiten über 50 Werke, die sich u.a. auch ausgiebig mit den Klosterregeln beschäftigten. Wie so viele prominente Vertreter des Soto-Zen (von Dogen bis Muho) verlor Menzan seine Mutter schon in jungen Jahren. Nach dem Tod seines Meisters folgte er dessen Rat, ein tausendtägiges Meditationsretreat mit dem Studium des Shobogenzo zu verbinden. Bei seinen späteren ausgiebigen Vortragsreisen kommentierte er u. a. das Linji Yulu, das Plattform- und das Lotus-Sutra und verfasste ein Lob auf Dogens Meditationspraxis unter dem Titel Buddha Samadhi, das noch heute verlegt wird und in dem sich eine nur kurze Kritik am kanna-Zen findet, das durch die Konzentration auf eine Phrase im Koan zu einem schlagartigen Durchbruch beim Übenden führen soll; im Gefolge zitierte die Soto-Schule trotz Menzans insgesamt inklusiver Einstellung diese Kritik oft, um sich vom Rinzai unnötig stark abzugrenzen. Menzans Auslegung von Dogens Sicht auf die Gebote wurde zwar später durch Banjin Dotans (1698-1775) Standpunkt abgelöst, der die radikale Umformungskraft der Gelübde im Moment ihres Empfangens betonte. Dafür hielten sich lange Menzans Umdichtungen biografischer Ereignisse im Leben Dogens, etwa dessen Zweifel an der Doktrin des immanenten Erwachens und eines entsprechenden Dialogs mit dem Rinzai-Meister Eisai. Menzans Darstellung der Klosterregeln wurden 1804 zum Soto-Standard. Im hohen Alter noch kommentierte er Koansammlungen wie das Hekiganroku. Ein vergleichbar produktiver Autor aus der Rinzai-Linie war Mujaku Dochu (1653-1745), der Dogen seine ungrammatikalische Lesart chinesischer Texte vorwarf. 

Mit Menzan nahm der Hype um Dogen Zenji also seinen Anfang. Was vielen Dogen-Anhängern heute jedoch fehlt, ist Menzans breite Kenntnis anderer Zenschulen.

Dieser Beitrag verdankt viele Informationen David E. Riggs Essay “The Life of Menzan Zuiho, Founder of Dogen Zen, in: Japan Review 2004, 16.