Mittwoch, 7. November 2018

Kazuo Inamori - Manager-Mönch Maximen

"Als Anhänger Buddhas sollten wir uns an seine Lehre erinnern, zu erkennen, 
wann man genug hat."

Kazuo Inamori (geb. 1932) wurde 1997 im Enpukuji zum Priester in der Myoshinji-Linie des Rinzai geweiht, nachdem er den Vorsitz des von ihm begründeten Keramikunternehmens Kyocera abgegeben hatte, das mehr als 60.000 Menschen beschäftigt. 1984 hatte er bereits eine nach ihm benannte Stiftung gegründet, die u.a. den Kyoto-Preis vergibt. Als er schon 77 Jahre alt war, drängte ihn die japanische Regierung noch, die angeschlagene Fluglinie Japan Airlines zu sanieren. 
Ich möchte einige seiner Anschauungen und Arbeitsthesen wiedergeben. Inamori stellte die Fragen, was der Zweck des Lebens sein könne und wie man als Mensch auf die rechte Weise leben könne, in das Zentrum seiner Überlegungen. Er schlug zunächst vor, sich an den von den Eltern vermittelten ethischen Maßstäben zu orientieren, aufrichtig und ehrlich zu sein und Gier zu meiden. Als wichtigstes Ziel sah er die Veredelung der Seele und das Erhöhen des Geistes an. Er riet davon ab, nachtragend zu sein, stattdessen sollten Freude und Dankbarkeit unser Leben bestimmen. Die rechte Einstellung würden mit Talent und Bemühen die eigene Arbeit erfolgreich werden lassen. Dabei würden auch ermüdende und sich wiederholende Tätigkeiten zum Ziel führen. Man solle sich hohe Ziele setzen, stets das Wohl des Gegenübers im Auge behalten, selbstlose Entscheidungen treffen, bescheiden bleiben und nahe beim Kunden sein. In einem Unternehmen müssten die individuellen Einstellungen auf ein gemeinsames Bestreben hin ausgerichtet werden. Das Geschäftsleben sah Inamori freilich auch als Schlachtfeld an, auf dem man unbeirrbaren Siegeswillen beweisen solle. Er glaubte daran, dass die eigenen Gedanken die Realität formen und im Unterbewusstsein die Grundlage dafür schaffen, ein Ziel zu erreichen. Dabei sei stets von unbegrenzten Fähigkeiten auszugehen, um das eigene Potential erweitern zu können ("optimistische Vorstellungskraft, pessimistischer Plan, optimistische Ausführung").
   Vor Kurzem las ich, dass die chinesische Regierung phlegmatischen jungen Leuten Beine machen wollte, die sich nur noch mit sich selbst beschäftigten. Sie benutzte für diese den Ausdruck "Zen-Generation". Auch wenn Inamoris Sichtweise recht wenige Überraschungen bietet, kommt sie wohl näher an das heran, was man sich tatsächlich unter einer Zen-Generation vorstellen könnte.

"Wenn man Erleuchtung finden will, sollte man dies in seiner eigenen Arbeit tun, ohne sich von der Welt zu isolieren. Die finanziellen Aspekte einer Tätigkeit verblassen gegenüber ihrem Potential, den Wert der eigenen Seele zu erhöhen."


Copyright Foto (zeigt Inamori 2011): Science History Institute, Conrad Erb


Donnerstag, 1. November 2018

Éric Ripert - Buddhist am Herd


Éric Ripert (geb. 1965) ist Koch und betreibt u.a. das mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnete und auf Fisch und Meeresfrüchte spezialisierte Restaurant Le Bernardin in New York. Er fiel mir in der TV-Serie Treme von David Simon (The Wire, The Deuce) auf, wo er einmal als "Buddhist" bezeichnet wurde. Tatsächlich steht er dem "City Harvest Food Council" vor, einer Hilfsorganisation ähnlich unserer "Tafel" (wenn auch wesentlich größer), die bis heute über 300 Millionen Kilo Nahrungsmittel rettete und an Bedürftige verteilte. Ripert veranstaltet auch mit anderen namhaften Köchen ein Benefizdinner als Hauptsponsor des Tibetan Aid Project, das 1969 von Tarthang Tulku begründet wurde und bis jetzt u.a. zwei Millionen buddhistischer Textausgaben vor allem an Bibliotheken in der Himalaya-Region verteilte. 

Ripert war mit einem weiteren bekannten TV-Koch, Anthony Bourdain, in Frankreich unterwegs, als dieser im Juni 2018 überraschend Suizid beging, wovon die Medien ausgiebig berichteten. Bourdain wiederum - ein Anhänger von Streetfood und der Nutzung aller Teile tierischer Körper in der Kochkunst, der einst umfangreiche Drogenerfahrungen sammelte und brasilianisches Jiu-Jitsu praktizierte - hatte sich nicht nur für südamerikanische Einwanderer stark gemacht, sondern in jüngerer Zeit deutlich gegen sexuelle Übergriffe im Restaurantgewerbe ausgesprochen. Die Beziehung mit Asia Argento, die er 2017 einging, mag dabei nicht unwesentlich gewesen sein. Argento wiederum hatte erst an vorderster Front den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein wegen seines sexuellen Fehlverhaltens bloßgestellt, bis sie kürzlich selbst als Täterin bezichtigt wurde ...

                                                    
                                             Copyright Foto (zeigt Éric Ripert): SLOWKING. 
                                    (Lizenz http://www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html)

Donnerstag, 18. Oktober 2018

Lüge und Heuchelei im tibetischen Buddhismus und bei Thich Nhat Hanh

"(...) die Verwechslung zwischen dem Überbau als allgemeinem Phänomen, d.h. dass bestimmte Gedanken zu einem bestimmten Zeitpunkt notwendig sind, andere unmöglich, und der öffentlichen Lüge. Eine vernünftige Überbautheorie muss bei der Ideologie vollständige Aufrichtigkeit, höchste Anstrengungen und absolute Redlichkeit voraussetzen, bevor eventuell das Gegenteil bewiesen worden ist, Die Philosophen der Aufklärung sind bei Gott keine Heuchler.
   Heuchelei, d.h. öffentliche Lüge, wird erst in dem Moment zu einer Ideologie, wo diese gestorben ist und mit künstlichen Mitteln aufrechterhalten werden muss. Dieser Zustand ist ein Sonderfall, und er fasziniert mich. Man stößt darauf in Gesellschaften, die ausgeprägte Harmonietheorien über sich selbst haben."

(Lars Gustafsson, Jan Myrdal: Die unnötige Gegenwart. Hanser 1975)

Kürzlich hatte ich eine Diskussion auf einem Blog, der sich mit vor allem sexuellem Missbrauch im Buddhismus beschäftigt und von Maß- und Stellungnahmen insbesondere des tibetischen Buddhismus berichtet, die dem abhelfen sollen. In diesem Zusammenhang finde ich obiges Zitat passend, denn bei der Beschäftigung mit konventionellem und populärem Buddhismus fällt auf, dass sein Überbau, also seine Theorie, nicht aufrichtig und redlich ist, sondern dass sich wehrhafte Reflexe in Form der Heuchelei und Lüge zeigen, die Harmonie und Ideologie der Gläubigen aufrechtzuerhalten suchen. Aus diesem Grund wird man das Problem des Missbrauchs durch Lehrer auch nicht innerhalb eines solchen Lügengespinstes beseitigen, also wenn man Geschichten von überdurchschnittlicher Menschenkenntnis und Intuition etwa zu einem Merkmal charakterlicher Reinheit und spirituellem Erwachen verspinnt (siehe etwa die Kommentare 95 ff. hier).
   Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die dogmatischen Vorstellungen buddhistischer Moral und etwa eines Stufenweges nichts oder nicht genug damit zu tun haben, wie klar einer einen anderen versteht, durchschaut und möglicherweise sogar zukünftige Ereignisse erahnt. Die Tatsache, dass dies auch Menschen gelingt, die überhaupt nichts mit Buddhismus am Hut haben, ist ein weiterer Beleg dafür, dass man aufgrund von solch bescheidenen und weiter verbreiteten Fähigkeiten, als man denkt, keinen Lehrerstatus herleiten sollte. Es sind aber die Lehrer selbst, die diese Mythen und Märchen aufrechterhalten, und zu meiner eigenen Überraschung gehört sogar Thubten Chodron dazu, auch wenn ich zugegeben nur einmal in Kontakt mit ihr war und sie dabei als recht vernünftig erlebte. Im unteren Video spricht sie also davon, dass ein spirituell Entwickelter einen Apfel vom Baum fallen lassen und per Gedankenkraft wieder an den Baum zurückzuhängen vermöge. Ich kann gar nicht oft genug an solchen Beispielen wiederholen, wie mich derlei Dummheit abschreckt. Und ich bin sogar davon überzeugt, dass diejenigen, die sie verbreiten, meistens tief im Innern wissen oder deutlich genug ahnen, dass sie hier Lug und Trug Vorschub leisten. Ich möchte hier noch einmal den Schweden Jan Myrdal aus obigem Werk zitieren, auch wenn ich keinesfalls Marxist bin: "Es geht also nicht darum, dass der 'Marxismus' verwirklicht werden soll. Die Theorie wird durch die Notwendigkeit der Praxis geformt; der Kampf ist an und für sich spontan und unausweichlich, er schafft auch spontan und zwangsläufig seine eigenen Vorstellungen." (S. 97) Wenden wir dies einmal auf den Buddhismus an, so wie er mir vorschwebt, so lautet dies: 
   "Es geht also nicht darum, dass der 'Buddhismus' verwirklicht werden soll. Die Theorie wird durch die Notwendigkeit der Praxis (der Besinnung, des Mitempfindens und Teilens) geformt, der Kampf (um die Zerstörung von Illusionen) ist an und für sich unausweichlich, er schafft auch spontan und zwangsläufig seine eigenen Vorstellungen (statt sich der überlieferten zu bedienen und nach ihrer Bestätigung zu suchen)."
   Außer Zauberkünstlern, den ich zum Spaß selbst immer mal wieder zuschaue, hebt also niemand wirklich die Gesetze der Schwerkraft auf, wie es Thubten Chodron uns weiß machen will. Eine solche Art von Religion ist überflüssig, ihr Glaube mittelalterlich und nicht besser als die rückständigen Deutungen des Islam, mit denen sich unsere Welt herumschlägt.

Auch Thich Nhat Hanh ist, wie meine Leser/innen wissen, ein solcher Lügner und Heuchler für mich. TNHs Sektenaufbau ist offenbar viel zu durchdacht, als dass er sich mit Dummheiten über mystische Gedankenkräfte die Blöße gäbe. Dafür hat er viel Wert auf Ländereien und Immobilienerwerb gelegt. In Michael Trigilios Film "Bodhisattva Superstargibt es ab Minute 50 eine kurze Passage, wo der Filmemacher und ein Verleger auf Thich Nhat Hanh eingehen und das bestätigen, was mir einst über die Vergabe des Titels "Acarya" durch TNH an einen deutschen Megaspender gesteckt worden war. TNH habe ab 1999 und 2000 langjährige Schüler zurückgewiesen und Millionäre, die ihm Ländereien spendeten, auf hohe Positionen in seinem "Orden" gehievt. Es wäre nur noch um einen TNH-Fanclub gegangen, die Lehre der Freude sei eine Tarnung fürs Abschotten gewesen, und TNHs Interessen hätten sich zunehmend auf 'Dogwood' konzentriert eine weitere ausgedehnte Liegenschaft für seine Sekte.


Montag, 1. Oktober 2018

Eine Verbindung von Konfuzianismus und Zen

In seinem neuen Band mit Übersetzungen aus dem japanischen Konfuzianismus, Geisteswelt der Edo-Zeit, stellt Dr. Julian Braun einige Autoren vor, die sich auch mit dem Buddhismus auseinandersetzten, mal ablehnend, mal wohlwollend. Hayashi Razan etwa lernte bei Fujiwara Seika (1561-1619), der sich - vom Buddhismus enttäuscht - den Lehren des Konfuzius zugewandt hatte. Razan und seine Erben gelten als verantwortlich für die neokonfuzianische Doktrin des Tokugawa-Shogunats. 
   Auch Yamazaki Ansai kam vom Buddhismus und berief sich - wie Razan - vor allem auf die Lehren des chinesischen Neokonfuzianers Zhu Xi (1130-1200). Ansai verband sie mit dem Shintoismus zu Suika Shintô.
Der Rônin Arai Hakuseki wurde zu einem einflussreichen Berater des Shoguns Ienobu, besonders in Wirtschafts- und Verfassungsangelegenheiten. Itô Togai hingegen übernahm von seinem Vater Itô Jinsai, der noch als Einsiedler den Buddhismus und Taoismus studiert hatte, die Kogigakku-Schule und die darauf fußende "Bewegung der alten Lehren", die Zhu Xi kritisch gegenüberstand und sich stattdessen auf Menzius berief, an den Wert alltäglicher menschlicher Emotionen (ninjô) glaubte und eine einheitliche Schöpfungskraft (ichigenki) am Werke sah, die ein unbegrenztes kreatives Potential berge. 
   Von Kamata Ryû(k)ô (1754-1821) schließlich will ich ein paar Textstellen zitieren. Er war ein Vertreter der Shingaku (心学, "Herzenslernen")-Bewegung, die den Neo-Konfuzianismus mit Zen und Shinto verschmolz, - auf Ishida Baigan zurückgehend - den Stellenwert von Ethik und Moral in der Erziehung betonte und den Kampf für Menschen- und Frauenrechte in Japan inspiriert haben soll. 
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Daher haben die Weisen und Heiligen ihre Belehrung geschenkt: Um die Eigenheiten des Wesens zu ändern, das Krumme zu begradigen und das Dunkle aufzuhellen. Deshalb heißt es von den Alten, dass sie durch Lernen und Gewohnheit ihr Wesen ausbildeten. Dies sind wahrlich rechte Worte. Auch bei Menzius heißt es, dass durch beständige Rechtschaffenheit die flutende Lebenskraft genährt wird (浩然之気); auch dies meint nichts anderes als eifriges Üben. Im Buddhismus wird dies als „Absinken ins Speicherbewusstsein“ (含蔵識) bezeichnet. Dieses Speicherbewusstsein entspricht der achten Bewusstseinsstufe. Das Speicherbewusstsein ist das freie Bewusstsein (無心), welches so genannt wird, weil es alle guten und schlechten Dharmas () umfasst und enthält. In ihm werden alle vergessenen Dinge bewahrt und erinnert. Entgegen diesem Bewusstsein vergessener [aber im Speicherbewusstsein aufbewahrter] Objekte wird der Bereich der siebten Bewusstseinsstufe, in dem die Regungen einzelner Gedanken stattfinden, als „Übermittlungsbewusstsein“ (伝送識) bezeichnet. Der Bereich des Festhaltens und Loslassens entspricht der sechsten Bewusstseinsstufe und wird „Gedanken-Bewusstsein“ (意識) genannt [...] 

Wenn Körper und Geist den Dingen noch nicht entgegenstehen, spricht man etwas obskur vom Ungeborenen. Es ist etwas und ist doch nicht. Dies meint das „Buch der Wandlungen“ mit „still und unbeweglich“ (寂然不動).[1] In den „Aufzeichnungen über die Musik“ steht hierzu: „Von Geburt her ist der Mensch ruhend“.[2] In der Schrift „Maß und Mitte“ wird dies als „die Mitte vor der Entäußerung“ bezeichnet. Der Buddhismus nennt es „die wahre Leerheit und das Nirwana“ (真空寂滅). Laozi spricht davon, wenn er sagt: „Das Namenlose ist der Anfang von Himmel und Erde.“[3] Unvermittelt entsteht die Dualität der Welt, welcher Bewusstsein und unterscheidendes Denken folgen. Im „Buch der Wandlungen“ heißt es dazu: „Aus den Empfindungen schließlich werden die Dinge ins Dasein gerufen.“ Und in den „Aufzeichnungen über die Musik“ heißt es: „Die Bewegungen der Dinge sind die Regungen des Gemüts.“ „Maß und Mitte“ nennt es „den Zustand der Entäußerung“. Im Buddhismus wird es als „Folgewirkung und Soheit“ (随縁真如) bezeichnet. Laozi sagt davon: „Das Namenhabende ist die Mutter der zehntausend Dinge.“ Wenn man beispielsweise hier in der Stille schlafend dasitzt und dann plötzlich die Augen öffnet, sieht man die Blumen und den Mond und hört den Wind und den Regen. Diese Dinge bestehen im Bewusstsein ohne eigene Existenz. Fehlt der Gegenstand dem Bewusstsein für längere Zeit, bleibt nur noch die Erinnerung an Farbe und Form von Blumen und Mond und an den Klang des Regens. Dahinter liegt das Ursprüngliche, von Geist, Körper und Objekten freie, ohne Geburt und Tod, das Walten des einen Prinzips zwischen Himmel und Erde. Hier liegt das reine Wissen; der einzelne Mensch endet und die Begierden sind nicht mehr vorhanden. Dort ist der Mensch frei, klar und offen. Solcherart ist der Geist frei von [Konzepten wie] Kindesliebe, Treue und Aufrichtigkeit und trifft ganz von selbst das Rechte. Dies ist nichts weiter als die natürliche Folge der Ordnung des Himmels. Kein selbstverhaftetes Herz kann die Ordnung des Himmels stören. Deshalb treffen alle Dinge das Richtige zur rechten Zeit, die Welt ist geordnet und alles geschieht wie von selbst (治天下可運之掌上). Daher sind die Studien über das Prinzip in der ganzen Welt so geachtet. Aber durch Nachdenken und Unterscheidung kann man nicht dahin gelangen. Einfach das Denken loslassen und mit dem Unterscheiden aufhören, der Klarsicht des Bewusstseins gemäß (観心法), nichts anderes tun bei Tag und Nacht; im „Gehen und Stehen, Sitzen und Liegen“ muss man das innerste Wesen der Dinge erforschen. So gelangt man ganz natürlich zur Ruhe und Erkenntnis ohne Worte. In früherer Zeit sagte Shao Yong, was den nächtlichen Gesang betrifft: „Der Mond am Himmel, der Wind, der über das Wasser weht, alles ist ruhig und bedeutungsvoll; vermuten bedeutet, nur wenig zu wissen.“ Was könnte Shao Yong damit gemeint haben? Nichts als frischer Wind und ein klarer Mond. Wenn er noch etwas anderes im Sinn hat, ist es für uns jedenfalls nicht klar. Und im Lotos-Sutra steht der problematische Ausspruch: „Die verschiedenen Lehren folgen einander alle ursprünglich, und von jeher ist Nirwana der natürliche Zustand“. Hierüber habe ich viele Jahre lang nachgedacht, bis ich eines Tages im Garten sah, wie sich die Blumen öffneten, den Gesang einer Nachtigall hörte und unmittelbar eine große Erleuchtung erfuhr (大悟). [...] 

Wenn man sich dann weiterhin die heutigen Zen-Leute ansieht, haben sie sich allesamt einfach nur an ruhigen Orten niedergelassen. Ihr ruhiges, alltägliches Dasein stellt ihren großen Weg dar, ihre geistige Zufriedenheit ohne Höllen und Himmel, Verwirrung oder Erleuchtung. Berge sind einfach Berge, Flüsse sind einfach nur Flüsse. Mönche sind Mönche, Laien sind Laien. Wenn sie hungrig sind, essen sie, wenn es Probleme gibt, suchen sie nach einer Lösung. Konfrontiert man sie (aber) mit schwierigen Sätzen wie bei chu quan tou (背触拳頭) oder yi kou xi xiang (一口西江), wissen sie keinen Ausweg. [...]


Julian Braun: Geisteswelt der Edo-Zeit.
Texte bedeutender japanischer Denker und Neokonfuzianer des 17. und 18. Jahrhunderts.
272 Seiten. Hardcover. 29,90 €. ISBN: 978-3-943839-65-4. 
Leseprobe + Bestellen (oder anderswo im Buchhandel)


[1] Dazhuan: „Die Wandlungen haben kein Bewusstsein, keine Handlung, stille sind sie und bewegen sich nicht. Werden sie aber angeregt, so durchdringen sie alle Verhältnisse unter dem Himmel. Wenn sie nicht das Allergöttlichste auf Erden wären, wie könnten sie so etwas?“ (I. Abteilung, Kap. X. §4)
[2] „Der Mensch ist von Natur still, das ist seine himmlische Seele.“
[3] Daodejing, Kap. 1.
 

Samstag, 15. September 2018

Der unklare Blick auf den Meister: Dae Gak und Seung Sahn

Irgendwann schrieb ich hier einmal von Zen-Schülern, die sozusagen beim falschen Meister waren bzw. in meinen Augen gar keinen nötig hatten. Wie das die Betroffenen sehen, verstehe ich nicht gut genug. Immerhin lässt sich aus den wiederkehrenden Aussagen von solchen Schülern, deren Lehrer in Skandale verwickelt waren, herleiten, dass sie häufig dennoch in deren Gemeinschaft Wertvolles gelernt hätten und auch deren Schattenseiten auf eine gewisse Weise hilfreich gewesen seien. Als Außenstehender dachte ich mir oft, dass diese nachträgliche Sinngebung verständlich ist, weil man von der Ernüchterung oder Enttäuschung nicht übermannt werden will. Ob eine solche Ernüchterung auch bei Dae Gak (Robert Genthner) eintrat und er sich deshalb - wie sein Kollege Georg (Bomun) Bowman - von der Kwan Um-Linie Seung Sahns lossagte, in der er Dharma-Übertragung erhalten hatte, weiß ich auch nicht. In jedem Fall scheint mir der Einfluss Joshu Sasakis, bei dem beide ebenfalls übten, deutlichere Spuren hinterlassen zu haben als der Seung Sahns. 

Dae Gak ist gelernter Psychologe. Seine Stärke sehe ich darin, die Zen-Lehre auf konzentriertes und wertfreies Zuhören zu fokusieren, wobei er auch Gelübde und Regeln in dieser Hinsicht interpretiert. Sein auf Deutsch übersetztes "Zen des Lauschens" hat mich einst angesprochen, weil ich in meinem Alltag in einem sozialen Brennpunkt, wo ich aus der Wohnung heraus zahlreiche Zen-Titel übersetzte und publizierte (und anfangs noch fleißig an Zentren versandte), nicht selten meine Gedanken (und meine häufigen Migräne-Attacken) gegen den in solchen Siedlungen üblichen Lärm von Kindern, Jugendlichen und Asozialen sammeln musste. Genauer als in der Abgeschiedenheit erfährt man dort m.E., wo die Grenzen des Machbaren und der eigenen Toleranz sind. Dae Gaks Anweisungen waren ein gutes Mittel, diese auszudehnen. Darum habe ich mir nun seinen Titel "Upright with Poise and Grace" (Gnomon Press 2012) besorgt, und auch darin finden sich wieder aufrichtige Selbsterkenntnis und lesenswerte Passagen, die von Dae Gaks Zen-Erfahrung zeugen. Am eigenen Kôan zu arbeiten sei eine lebenslange Aufgabe, die nie zu einem Ende komme. "Die Gebote haben wir für den Fall, wenn unsere Gedanken nicht klar sind und wir dem anderen nicht zuhören", schreibt er zum Beispiel, wobei er mit Zuhören ein nicht-wertendes Dasein für den anderen umschreibt. Einer meiner Lieblingabschnitte lautet: "Spirituelle Reife kommt, wenn wir lernen, die Höhen und Tiefen unseres Lebens zu durchleben. die Freuden und Kümmernisse. Reife erscheint, wenn wir lernen, dass das Erforschen unseres Lebens, so wie es ist, die Alchemie darstellt, die Unheil und Missgeschick in das Gold von Großzügigkeit und Mitempfinden verwandelt."

Was mir jedoch auffällt, ist die wirklich mangelhafte Qualität dessen, was er von Seung Sahn zitiert. Es scheint Dae Gak nicht aufzufallen, wie das meiste davon dafür spricht, dass sein ehemaliger Lehrer (dessen Fehler ihm andererseits, wie er schreibt, durchaus bewusst waren) ein unreifer Egomane war, dessen Nachlass mit ein paar Tricks und Mantras ("Geh stets geradeaus. Wisse nichts.") leicht zu beschreiben ist. Als Seung Sahn etwa nach Furnace Mountain kommt, das von Dae Gak begründete abgelegene Zentrum in den Bergen, und viel mehr Entourage dabei hat, als erwartet, geht Dae Gak zu ihm und sagt, nachdem alle anderen ihren Platz haben, sei für ihn keiner mehr, und er würde dann halt gehen. "Ja, mach das", habe Seung Sahn nur geantwortet und damit seine Hoffnung auf Hilfe zerstreut. Für mich ist hier jedoch wichtiger, dass der Lehrer seinen Platz beansprucht, ohne ihm den Schüler zu gewähren, also kein Mitempfinden zeigt. Dae Gak stellt in den Vordergrund, dass ihm der Lehrer hier seine Illusionen vorgehalten hätte. (S. 33)
   An anderer Stelle (S. 36) begegnet die Gruppe einem Bettler, und Seung Sahn gibt diesem einiges Geld. Auf die Kritik, der einschlägig bekannte Bettler würde sich davon nur Alkohol kaufen, erwidert der Lehrer, sie hätten sich in einem früheren Leben gekannt und er würde nun nur eine Wohltat des anderen vergelten: "Es ist nicht eure Sache, was einer mit seinem Geld macht." Wenn man zu viel habe, solle man sein Geld spenden. So etwas kann man natürlich im buddhistischen Kontext gern mal als spaßige Anekdote einflechten, in einer Lehre, in der Ursache und Wirkung eine wichtige Rolle spielen, jedoch nicht ernsthaft durchgehen lassen.

Seung Sahn selbst vertritt (auf S. 143) sogar die Meinung, dass das Karma stets auf einen "warte". Dae Gak hingegen scheint in seinen Worten bereits einen Schritt weiter zu sein, ohne dass er seinen Lehrer hier kritisierte. Denn entweder gibt es niemanden (Subjekt), auf den etwas warten kann, oder es handelt sich hier um einen Allgemeinplatz - denn irgendetwas passiert natürlich immer. Ich könnte z.B., um an meine obige Vergangenheit anzuknüpfen, behaupten, dass es wohl "mein Karma" sei, wenn nun lautstarke Inder (die gern in Gruppen reisen) meinen Hotelflur besiedeln und zum Telefonieren regelmäßig im Gang herumlaufen (wo es hallt), statt das im Zimmer zu tun, mitten in der Nacht labernd aus dem Aufzug treten und sich dann womöglich noch eine einzige fette Nutte teilen und bis zum frühen Morgen türenschlagend von Zimmer zu Zimmer traben. Dann wäre es jedoch auch Karma, dass ich bei meiner Suche nach einem anderen Hotel bereits im allerersten von den beiden Managerinnen hörte, sie nähmen keine Inder auf. So einfach ist es also nicht mit dem Karma. Wichtiger ist, dass für Probleme Lösungen gefunden werden, und damit verschwindet dann auch häufig dieses zurechtfantasierte Karma. Hier kann das z.B. eine entsprechend auftretende Security oder das Management sein; in einer anderen Unterkunft, einem Hostel, wurde offiziell schon ab 22 Uhr um Nachtruhe gebeten und ansonsten gleich mit der Polizei gedroht. Das Karma, von dem viele Buddhisten sprechen, ist also oft gar nicht "ihres", sondern etwas, das sie irrig auf sich beziehen.

Nur wenn man sich jenen verengten buddhistischen Blick auf die Wirklichkeit erspart - was Seung Sahn ja ironischerweise selbst zu lehren schien mit seinem "Don't know!" - kann man dann auch die Geschichte der Hyon Mi (S. 54) anders auflösen, als es diese Nonne tat - und Dae Gak aus offensichtlichem Respekt vor ihr unterschreibt. Ein von Hunden schwer verletzter Hase soll hier zunächst von einer Waldarbeiterin mit einem Hammer von seinen Leiden erlöst werden. Die Nonne jedoch bereitet dem Hasen schnell ein Sterbebett zu. Der Hase entspannt sich und sei dann erst nach Stunden "friedlich" eingeschlafen. Dae Gak meint: "Mögen wir doch alle den Geist der Nonne haben und nur mit dem, was ist, gegenwärtig sein." Doch was ist bzw. war denn da? Ich kann es an einem eigenen Beispiel veranschaulichen. Eines Tages sah ich einen offenbar durch Anfahren schwer verletzten Hund, dem die Eingeweide aus seinem Körper hingen, auf einem Marktplatz. Er humpelte vor mir davon, jaulte, und wenn ich seinen Blick interpretieren hätte müssen, hätte ich gesagt, er fleht mich geradezu an, ihn zu erlösen. Sein Leiden ging mir durch Mark und Bein (ohne dass dies wirklich möglich wäre). Ich wusste auch, dass man in diesem Land bestraft werden kann, wenn man einen Hund - etwa mittels eines Werkzeuges vom Obststand - in einer solchen Situation tötet. Unser eigener Blick und unsere Empathie können also gefiltert sein von einem ganz subjektivem Verständnis buddhistischer Ethik, womöglich auch einfach nur von unseren egozentrischen Bedürfnissen, und vom Wissen um mögliche profane Folgen. Das Verhalten der Nonne war im ethischen Sinne nicht besser als das geplante der Waldarbeiterin. Um dies zu verstehen, ist es wesentlich, Berobte und Meister nicht mit einem verklärten Blick zu sehen.

Ein Wort noch zum Kapitel "Makkyo und Kenshô". Dae Gak beschreibt, wie er buchstäblich Avalokiteshvara im Meditationsraum herbeiruft, um ihn von Schmerzen zu erlösen - erfolgreich. Ich habe nie Derartiges erlebt und glaube auch nicht, dass - abgesehen von einem aktiven Träumen im Schlaf oder Halbschlaf - irgendjemand solche Erscheinungen im Laufe seines meditativen Lebens braucht oder erleben müsste. Im Gegenteil, wenn solches geschieht, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass man sich zu sehr in die Ikonografie und Glaubenswelt einer Religion hineingesteigert hat. Wenn ich mir tatsächlich mal jemanden wegen beim Sitzen schmerzender Gliedmaßen herbeisehen sollte, dann wohl meinen Hausarzt mit den richtigen Medikamenten, oder eine Masseuse.

Samstag, 1. September 2018

Wie man meditiert (I): Das Tso-ch’an I von Ch’ang-lu Tsung-tse

Das Tso-ch’an I („Prinzipien der Sitzmeditation“) aus der Nördlichen Sung-Periode (960-1127) gilt als früheste Meditationsanleitung und beeinflusste viele der nachfolgenden Manuale. Ch’ang-lu Tsung-tse (Lebensdaten unbekannt) verfasste im Jahre 1103 den ältesten erhaltenen Mönchskodex, und obwohl das Tso-ch’an I sich ursprünglich nicht darin findet, wird es gerne dessen Autor zugeschrieben. Bei dieser Methode werden aufziehende Gedanken einfach beobachtet, bis sie von selbst verschwinden (das Vergehen von Gedanken und der darauf bezogenen Aufmerksamkeit war bereits bei Shen-hui als „Nicht-Denken“ bezeichnet worden). Nach dem Sitzen gelte es, die meditative Ruhe aufrechtzuerhalten und so jederzeit willentlich wieder in samâdhi eintreten zu können (ting-li). Die Meditation würde die oberflächlichen Wellen des Geistes glätten und so sich die darunter liegende befreiende Weisheit offenbaren können. In Meditationstexten der Südlichen Sung-Periode (1127-1279) muss Tsung-tses schlichter Ansatz des (wertfreien) Gedankenbeobachtens zunehmend Aspekten der Zen-Weisheit weichen, die sich in den Schulen der stillen Erleuchtung (mo-chao) und des Kôan-Studiums (k’an-hua) manifestierten, wobei Erstere sich mit der ursprünglichen Natur des Geistes zu identifizieren sucht, Letztere Einblick in die Natur des Geistes gewinnen möchte. Dôgen bezog sich zwar in seinem Fukan zazengi senjutsu yurai aufs Tso-ch’an I, bezeichnete es aber als fehlerhaft. Ein Grund mehr, es nun zu übersetzen und die schlichte Effizienz seiner Methode zu würdigen. [In Klammern Textstellen, die sich in einer von zwei Textvarianten nicht finden.]

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Prinzipien der Sitzmeditation

Ein Bodhisattva, der Weisheit (prâjna) studiert, sollte zunächst den Gedanken von großem Mitempfinden erregen, die umfassenden Gelübde ablegen und energisch samâdhi kultivieren. Wenn du gelobst, fühlende Wesen zu erretten, solltest du nicht nur für dich selbst Befreiung suchen.

Wirf nun alle Verwicklungen ab und beende deine zahlreichen Angelegenheiten. Körper und Geist sollten vereint sein, ohne Unterschied zwischen Handeln und Ruhen. Mäßige die Nahrungszufuhr, so dass du weder zu viel noch zu wenig isst und trinkst, und schlafe weder zu lang noch zu kurz.

[Wenn du dich zur Sitzmeditation begibst, breite eine dicke Matte an einem ruhigen Ort aus. Lockere dein Gewand und deinen Gürtel und nimm eine angemessene Haltung ein.] Dann hocke dich mit gekreuzten Beinen hin: Lege zuerst deinen rechten Fuß auf den linken Schenkel, dann den linken Fuß auf den rechten Schenkel. [In der alternativen Textvariante genau umgekehrt!] Du kannst auch im halben Lotussitz hocken und einfach deinen linken Fuß auf deinen rechten Fuß legen. Dann platziere [deine rechte Hand auf deinem linken Fuß und] deine linke Hand in deiner rechten Handfläche. Drücke die Daumenspitzen aneinander. Richte langsam deinen Oberkörper auf und strecke ihn nach vorn, schwinge nach links und rechts und richte dann keinen Körper gerade auf. Neige danach weder nach links noch nach rechts, weder vor noch zurück. Halte deine Hüften, deinen Rücken, Nacken und Kopf in einer Linie, so dass deine Haltung einer Stupa gleicht. [Überstrecke deinen Körper jedoch nicht, das würde deine Atmung erzwungen und unruhig machen.] Deine Ohren sollten in einer Linie mit deinen Schultern sein, deine Nase in einer Linie mit deinem Nabel. Drück deine Zunge gegen den Gaumen und schließe Lippen und Zahnreihen. Die Augen sollten leicht geöffnet bleiben, um Schläfrigkeit vorzubeugen. Wenn du (mit offenen Augen) in samâdhi eintrittst, wird es am kräftigsten sein. In alten Zeiten gab es in der Meditationspraxis herausragende Mönche, die stets mit offenen Augen saßen. In jüngerer Zeit hat der Chan-Meister Fa-yün Yüan-t’ung diejenigen kritisiert, die mit geschlossenen Augen meditieren, und (ihre Praxis) mit der Geisterhöhle des Schwarzen Berges verglichen. Wer die Meditation gemeistert hat, wird die tiefe Bedeutung dessen verstehen.

Wenn du deine Haltung eingenommen und deinen Atem reguliert hast, solltest du deinen Unterleib entspannen. Denke an keinerlei Gutes oder Übles. Wann immer ein Gedanke auftaucht, sei dir seiner bewusst. Sobald du dir seiner bewusst bist, wird er verschwinden. Wenn du eine lange Zeit Objekte vergisst, wirst du auf natürliche Weise eins. [Dies ist die wesentliche Kunst der Meditation.]

Aufrichtig gesprochen handelt es sich bei der Sitzmeditation um das Dharma-Tor zu Gelassenheit und Freude. Wenn dennoch häufig Menschen davon krank werden, dann weil sie nicht sorgsam genug sind. Wenn du die Punkte dieser Praxis erfasst, werden die vier Elemente (des Körpers) auf natürliche Weise leicht und bequem, der Geist frisch und geschärft, die Gedanken recht und klar; der Geschmack des Dharma wird den Geist aufrechterhalten, und du wirst ruhig, rein und freudvoll. Wenn einer bereits Klarheit erlangt hat, kann man ihn mit einem Drachen vergleichen, dem Wasser bekommt, oder mit einem Tiger, den es in die Berge zieht. [Selbst einer, der es noch nicht entwickelt hat, muss sich nicht besonders anstrengen, wenn er nur den Wind die Flamme fächeln lässt:] Wenn du nur dahin aufsteigst, wird es dich nicht täuschen. [Dennoch vermehren sich Dämonen, sobald der Weg ansteigt, und zahlreich sind angenehme und unangenehme Erfahrungen. Wenn du jedoch nur den rechten Gedanken gegenwärtig hältst, kann dich nichts davon behindern. Im Shurangama-Sutra, dem Chih-kuan des T’ien-t’ai und Kuei-fengs Hsiu-cheng i finden sich detaillierte Erklärungen dieser dämonischen Erscheinungen, wer sich also im Voraus auf das Ungeahnte einstellt, sollte damit vertraut sein.]

Wenn du aus dem samâdhi trittst, bewege dich langsam und stehe ruhig auf, [ohne Hast und Hektik. Wenn du samâdhi verlassen hast,] wende stets die rechten Mittel an, um die Kraft des samâdhi zu schützen und aufrechtzuerhalten, so als würdest du ein Baby behüten; so wird deine samâdhi-Kraft sich auf leichte Weise entwickeln.

[Diese eine Lehre der Meditation ist unsere dringendste Angelegenheit. Wenn du deinen Geist nicht in der Meditation oder in dhyâna ausrichtest, dann wirst du, wenn es darauf ankommt, auf verlorenem Posten stehen.] Darum heißt es: „Um eine Perle zu suchen, sollten wir die Wellen beruhigen; wenn wir das Wasser aufrühren, wird sie schwer zu finden sein.“ Wenn die Wasser der Meditation klar sind, wird die Perle des Geistes von selbst erscheinen. Darum steht im Sutra der Vollkommenen Erleuchtung: „Unbehinderte, makellose Weisheit entsteht stets abhängig von Meditation.“ [Und im Lotus-Sutra heißt es: „An einem ruhigen Ort praktiziert er die Kontrolle des Geistes und verweilt bewegungslos wie der Berg Sumeru.“] Darum wissen wir, dass das Weltliche transzendieren und das Heilige überschreiten auf der Grundlage von dhyâna möglich werden. Diesen Körper im Sitzen abzuwerfen und dieses Leben im Stehen zu fliehen hängen von der Kraft des samâdhi ab. Selbst wenn man sich das ganze Leben dieser Praxis hingibt, schafft man es womöglich nicht rechtzeitig; wie will also einer, der es aufschiebt, je das Karma überwinden? Darum sagte ein Altehrwürdiger: „Ohne die Kraft des samâdhi wirst du nur kleinlaut am Tor des Todes kauern.“ Wenn du dann deine Augen schließt, wirst du vergeblich zur Erde zurückkehren und so, wie du bist, in samsâra umhertreiben. Freunde im Chan! Lest euch diesen Text wieder und wieder durch. Anderen wie uns selbst nutzend, lasst uns die vollkommene Erleuchtung erlangen!“

(Erstellt auf der Grundlage von Carl Bielefeldt: “Ch’ang-lu Tsung-tse’s Tso-ch’an I and the `Secret`of Zen Meditation“, in Studies in East Asian Buddhism 4, Honolulu 1986. )


(Foto: Keller; Schnecke geht die Wand hoch)

Mittwoch, 22. August 2018

Ein paar Kôan aus dem Shigetsu roku

Shi Hsiang war Schüler des Abtes Wei Shan und für das Getreidelager verantwortlich. Eines Tages kam Wei Shan zur Inspektion vorbei und warnte: "Wir müssen sorgsam sein. Verschwende keinen Reis!"
   Shi Hsiang grummelte: "Hier wird kein Reis verschwendet."
   Da hob Wei Shan ein Reiskorn vom Boden auf: "Du meinst, hier würde kein Reis verschwendet, doch kannst du mir sagen, woher dieses Korn kommt?"
   Shih Hsiang schwieg, und Wei Shan fuhr fort: "Wir sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wir müssen verstehen, dass eine große Menge Reis aus diesem einen Korn entspringt."
   Da meinte Shih Hsiang: "Doch wer weiß, wo dieses eine Reiskorn herkommt?"
   Da lachte der Abt laut auf und ging zufrieden davon.

***
  

Einst fragte ein Mönch den Chao Chou: "Wie fühlt sich einer so ganz allein auf dem hohen Gipfel?"
   Chao Chou erwiderte: "Ich werde dir nicht antworten. Ich habe Angst, hinunterzufallen."

***

Einmal hielt Lu Tsu eine Tasse Tee in die Höhe und rief aus: "Dies war schon vor der Erschaffung der Welt hier!"
   Nan Ch'uan bemerkte: "Nun kennen die Leute zwar dies, aber nicht die Welt."
   Kui Tsung stimmte zu.
   Nan Ch'uan wandte sich an ihn: "Warum machen wir nicht noch ein bisschen weiter?"
   Da erhob Kui Tsung ebenfalls seine Tasse und sagte: "Ich frage mich, wie die Leute schon vor der Erschaffung der Welt hierüber reden konnten."
   Als er das hörte, bedeckte Nan Ch'uan hastig seinen Mund mit der Hand, wobei seine Augen lächelten. Dann ging er davon. Auch Kui Tsung verlor keine Zeit und bedeckte seinen Mund.

***

Als Pai Yun noch eifrig beim bekannten Yang Ch'i studierte, war er für seine Humorlosigkeit bekannt. Eines Tages fragte Yang Ch'i ihn nach dessen erstem Lehrer, und Pai Yun antwortete: "Er hieß Ch'a Lin Yu."
   "Ich habe gehört, dass dieser Ch'a Lin Yu einmal beim Überqueren einer Brücke ausrutschte und hinfiel und so die Erleuchtung erlangte. Er soll daraufhin ein Gedicht verfasst haben, erinnerst du dich vielleicht daran?"
   Pai Yun konnte das Gedicht natürlich in- und auswendig und rezitierte:
   "Ich besaß eine strahlende Perle,
   die lange mit Schmutz bedeckt war.
   Heute früh wurde der Dreck abgeschüttelt
   und das nackte Licht leuchtete überall hin."
   Da lachte Yang Ch'i und ging davon. Die folgende Nacht über fragte sich Pai Yun, was dieses Lachen zu bedeuten hatte, und eilte am Morgen zum Meister, um ihn zu fragen. 
   Dieser fragte: "Hast du nicht gestern den Komiker gesehen, der mit einer Perle jonglierte?"
   "Ja, in der Tat."
   "Erkennst du nicht, dass du kein Komiker bist?"
   "Was meint Ihr damit?", fragte Pai Yun verwirrt.
   "Ein Komiker freut sich stets, wenn die anderen über ihn lachen, Aber du fürchtest dich noch immer davor", tadelte ihn der Meister.
   Sogleich erfuhr Pai Yun Erleuchtung.

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Einmal ging Meister Shih T'ou mit einem Mönch namens Shi Shi tief in den Bergen spazieren und bewunderte die schöne Aussicht: "Dieser Zweig da behindert meine Sicht. Bitte hilf mir, ihn abzuschneiden."
   Shi Shi sagte: "Gebt mir bitte Euer Messer."
   Shi T'ou überreichte es ihm mit der Klinge nach vorn.
   Der Mönch sagte: "Nicht so, Meister, gebt es mir bitte mit dem Griff nach vorn!"
   Da fragte der Meister: "Sag mal, was ist denn der Zweck dieses Griffes?"
   Bei diesen Worten erfuhr Shi Shi unmittelbar Erleuchtung.

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Bodhisattva Shan Hui wurde 497 geboren und war ein bekannter Interpret buddhistischer Schrifen. Der frommste Buddhist unter allen chinesischen Herrschern, Liang Wu Ti, bat ihn einmal um die Erläuterung des Diamant-Sutras. Als Shan Hui zu diesem Zweck die Plattform erklomm, fiel er die Stufen hinunter. Der Kaiser wurde davon völlig überrascht.
   Da fragte ihn Shan Hui: "Versteht Ihr, Majestät?"
   Dieser verneinte.
   Der Meister sagte: "Ich habe das Sutra bereits für Euch erläutert."


[Aus dem 指月錄 Zhiyue lu  (Shigetsu roku) von Qu Ruji (1548-1610). Siehe hier und bei Alexander Holstein: Pointing at the Moon (Tuttle 2011)]

(Kostenpflichtiger Wahrsage-Automat in einem Tempel in Chiangmai ...) 
  

Sonntag, 12. August 2018

Der Bodhisattva beim Militär: Ein paar Worte vom Laien Ruru (Yan Bing)



„Wenn jemand behauptet, das Große Erwachen bedeute Hemmungslosigkeit, 
dann redet er wie ein Dämon und ist nicht vertrauenswürdig.“ 
 (vs.) 
„Seine (Bodhidharmas) Zunge hatte keine Knochen.“


Yan Bing (gestorben 1212) wurde als der Laie Ruru bekannt, obgleich er wohl auch Dharma-Erbe von Dahui Zonggao (1089-1163) war. Damit steht er in der Linji-Tradition, die an einen entscheidenden Moment des Erwachens (chin. wu oder dawu) glaubt, dem in der Regel ein großer Zweifel im Sinne einer tiefen existentiellen Verunsicherung (shenyi) vorausgeht, die sich mit einem gewissen Streben nach Erleuchtung (fa xin) paart.* In einer mehreren Hundert Seiten langen Schrift (Ruru jushi lulu) und einem kürzeren und ergänzenden Holzschnitt, die von ihm überliefert sind, legt er nicht nur Wert auf die Meditation und die Kontemplation über huatou, sondern – in absteigender Reihenfolge – auch auf das Einhalten buddhistischer Gebote, das Kultivieren von Verdienst und das Streben nach der Wiedergeburt in Amitabhas Reinem Land. Zwar gehören diese Schriften selbst nicht zum chinesischen Kanon, es finden sich jedoch Auszüge darin. Seinen „Protokollen der Sitzmeditation“ (Zuochan yi) wurde in Japan besondere Aufmerksamkeit zuteil. Wichtige akademische Quellen sind die Dissertation Practice and Emptiness in the Discourse Record of Ruru Jushi, Yan Bing (d. 1212), a Chan Buddhist Layman of the Southern Song von Alan Gerard Wagner (2008) und Aufsätze von Nagai Masashi in den Ausgaben 15 und 16 des japanischen Journals für buddhistische Studien (Komazawa daigaku Bukkyô gakubu ronshû). Neben klassischen Klischees, denen Yan Bing anhing („Tiere in diesem Leben waren (mordende) Menschen in vorherigen“, „ein Augenblick des Tötens erfährt den karmischen Ausgleich, von jemand anderem getötet zu werden“) finden sich andere prägnante Aussagen, von denen ich ein paar übersetzen möchte. Widersprüche erklären sich teils daraus, dass – wie Damien Keown es einmal nannte – zwei Arten von upâya, geschickten Mitteln, zur Anwendung kommen, von denen eine eher konventionelle Moral umfasst und die andere einen Zustand der Befreiung, des Bodisattvaseins, voraussetzt, der moralischer Beschränkung enthebt:

„Wenn du das Strahlen des Geistes nach innen wenden und den Geist unübertroffener Erleuchtung erstehen lassen kannst, dann wirst du im Kommen und Gehen, in der Interaktion mit der Welt und anderen Menschen für weltliche Angelegenheiten einzig mittels weltlicher Dinge Sorge tragen und nicht mittels deines Geistes. Ist eine solche Angelegenheit noch nicht aufgetaucht, ist der Geist gelassen, und tritt sie dann ein, wird der Geist so gelassen sein wie zuvor.“

„Wer das Kultivieren praktiziert, fällt in eine von fünf Gruppen. In der ersten sind die, die sich respektvoll verhalten, nicht lachen, schwatzen, umherschauen oder gähnen. In der zweiten befinden sich diejenigen, die Einsicht kultivieren, ihre Natur erkennen und Buddha werden. Die dritte Gruppe schafft Verdienst, indem sie meditiert, Niederwerfungen vollzieht, die Sutren rezitiert und so den Weg übt, dass es ihr und anderen nutzt (…)“

„Den Zweifels-Klumpen zu zerschmettern – das ist Erwachen.
Wenn Weisheit still und offen wird, hegt man keine Zweifel mehr.
Zweifel und Erwachen – leg sie beide ab!
Du wirst noch immer ein Bettler sein, der die Schale herumreicht.“

„Wenn der Geistgrund ohne Hindernis ist, 
werden hohe Berge und tiefe Ebenen allesamt zum Reinen Land.“

„Hast du einen Menschenkörper erlangt, verwandle ihn nicht in einen Bürokratenkörper.“

„Wer in ein Leben in der Kriegerkaste geboren wird, hat in seinen vorherigen Existenzen Verdienst geschaffen, war jedoch auch gewalttätig gegenüber anderen, als er den Schutz des Landes und die Sicherheit der Bevölkerung im Sinn hatte. So erfährt er Wohltaten, obwohl er voller Zorn war.
   Ein Krieger, der solches Verdienst als Grundlage hat, kann seine Zornesgedanken in solche des Studiums des Weges umwandeln und dieses Anliegen ohne Zurückweichen verfolgen; er kann sich von üblen Taten fernhalten und Gutes tun und selbst im Körper eines Soldaten einen stets freundlichen und gütigen Geist bewahren. Dies meint man mit einem ‚Bodhisattva beim Militär‘.
   Als Zen-Meister Foyin(g) einem Krieger den Dharma predigte, formulierte er es deshalb so: ‚Ein Gelehrter, der den Staub abschüttelt; ein Himmelskönig, der die ganze Welt beschützt; ein hochrangiger General, der einen Menschen tötet, ohne mit der Wimper zu zucken; ein bedeutender Laie, der genau da, wo er steht, ein Buddha werden kann.“
  
* Gaofeng Yuanmiao sprach später von großem Glauben (da xingen), großem Eifer (da fenzhi) und großer Ungewissheit (da yiging) als den drei Wesensmerkmalen (sanyao) der Zen-Praxis.