Samstag, 15. September 2018

Der unklare Blick auf den Meister: Dae Gak und Seung Sahn

Irgendwann schrieb ich hier einmal von Zen-Schülern, die sozusagen beim falschen Meister waren bzw. in meinen Augen gar keinen nötig hatten. Wie das die Betroffenen sehen, verstehe ich nicht gut genug. Immerhin lässt sich aus den wiederkehrenden Aussagen von solchen Schülern, deren Lehrer in Skandale verwickelt waren, herleiten, dass sie häufig dennoch in deren Gemeinschaft Wertvolles gelernt hätten und auch deren Schattenseiten auf eine gewisse Weise hilfreich gewesen seien. Als Außenstehender dachte ich mir oft, dass diese nachträgliche Sinngebung verständlich ist, weil man von der Ernüchterung oder Enttäuschung nicht übermannt werden will. Ob eine solche Ernüchterung auch bei Dae Gak (Robert Genthner) eintrat und er sich deshalb - wie sein Kollege Georg (Bomun) Bowman - von der Kwan Um-Linie Seung Sahns lossagte, in der er Dharma-Übertragung erhalten hatte, weiß ich auch nicht. In jedem Fall scheint mir der Einfluss Joshu Sasakis, bei dem beide ebenfalls übten, deutlichere Spuren hinterlassen zu haben als der Seung Sahns. 

Dae Gak ist gelernter Psychologe. Seine Stärke sehe ich darin, die Zen-Lehre auf konzentriertes und wertfreies Zuhören zu fokusieren, wobei er auch Gelübde und Regeln in dieser Hinsicht interpretiert. Sein auf Deutsch übersetztes "Zen des Lauschens" hat mich einst angesprochen, weil ich in meinem Alltag in einem sozialen Brennpunkt, wo ich aus der Wohnung heraus zahlreiche Zen-Titel übersetzte und publizierte (und anfangs noch fleißig an Zentren versandte), nicht selten meine Gedanken (und meine häufigen Migräne-Attacken) gegen den in solchen Siedlungen üblichen Lärm von Kindern, Jugendlichen und Asozialen sammeln musste. Genauer als in der Abgeschiedenheit erfährt man dort m.E., wo die Grenzen des Machbaren und der eigenen Toleranz sind. Dae Gaks Anweisungen waren ein gutes Mittel, diese auszudehnen. Darum habe ich mir nun seinen Titel "Upright with Poise and Grace" (Gnomon Press 2012) besorgt, und auch darin finden sich wieder aufrichtige Selbsterkenntnis und lesenswerte Passagen, die von Dae Gaks Zen-Erfahrung zeugen. Am eigenen Kôan zu arbeiten sei eine lebenslange Aufgabe, die nie zu einem Ende komme. "Die Gebote haben wir für den Fall, wenn unsere Gedanken nicht klar sind und wir dem anderen nicht zuhören", schreibt er zum Beispiel, wobei er mit Zuhören ein nicht-wertendes Dasein für den anderen umschreibt. Einer meiner Lieblingabschnitte lautet: "Spirituelle Reife kommt, wenn wir lernen, die Höhen und Tiefen unseres Lebens zu durchleben. die Freuden und Kümmernisse. Reife erscheint, wenn wir lernen, dass das Erforschen unseres Lebens, so wie es ist, die Alchemie darstellt, die Unheil und Missgeschick in das Gold von Großzügigkeit und Mitempfinden verwandelt."

Was mir jedoch auffällt, ist die wirklich mangelhafte Qualität dessen, was er von Seung Sahn zitiert. Es scheint Dae Gak nicht aufzufallen, wie das meiste davon dafür spricht, dass sein ehemaliger Lehrer (dessen Fehler ihm andererseits, wie er schreibt, durchaus bewusst waren) ein unreifer Egomane war, dessen Nachlass mit ein paar Tricks und Mantras ("Geh stets geradeaus. Wisse nichts.") leicht zu beschreiben ist. Als Seung Sahn etwa nach Furnace Mountain kommt, das von Dae Gak begründete abgelegene Zentrum in den Bergen, und viel mehr Entourage dabei hat, als erwartet, geht Dae Gak zu ihm und sagt, nachdem alle anderen ihren Platz haben, sei für ihn keiner mehr, und er würde dann halt gehen. "Ja, mach das", habe Seung Sahn nur geantwortet und damit seine Hoffnung auf Hilfe zerstreut. Für mich ist hier jedoch wichtiger, dass der Lehrer seinen Platz beansprucht, ohne ihm den Schüler zu gewähren, also kein Mitempfinden zeigt. Dae Gak stellt in den Vordergrund, dass ihm der Lehrer hier seine Illusionen vorgehalten hätte. (S. 33)
   An anderer Stelle (S. 36) begegnet die Gruppe einem Bettler, und Seung Sahn gibt diesem einiges Geld. Auf die Kritik, der einschlägig bekannte Bettler würde sich davon nur Alkohol kaufen, erwidert der Lehrer, sie hätten sich in einem früheren Leben gekannt und er würde nun nur eine Wohltat des anderen vergelten: "Es ist nicht eure Sache, was einer mit seinem Geld macht." Wenn man zu viel habe, solle man sein Geld spenden. So etwas kann man natürlich im buddhistischen Kontext gern mal als spaßige Anekdote einflechten, in einer Lehre, in der Ursache und Wirkung eine wichtige Rolle spielen, jedoch nicht ernsthaft durchgehen lassen.

Seung Sahn selbst vertritt (auf S. 143) sogar die Meinung, dass das Karma stets auf einen "warte". Dae Gak hingegen scheint in seinen Worten bereits einen Schritt weiter zu sein, ohne dass er seinen Lehrer hier kritisierte. Denn entweder gibt es niemanden (Subjekt), auf den etwas warten kann, oder es handelt sich hier um einen Allgemeinplatz - denn irgendetwas passiert natürlich immer. Ich könnte z.B., um an meine obige Vergangenheit anzuknüpfen, behaupten, dass es wohl "mein Karma" sei, wenn nun lautstarke Inder (die gern in Gruppen reisen) meinen Hotelflur besiedeln und zum Telefonieren regelmäßig im Gang herumlaufen (wo es hallt), statt das im Zimmer zu tun, mitten in der Nacht labernd aus dem Aufzug treten und sich dann womöglich noch eine einzige fette Nutte teilen und bis zum frühen Morgen türenschlagend von Zimmer zu Zimmer traben. Dann wäre es jedoch auch Karma, dass ich bei meiner Suche nach einem anderen Hotel bereits im allerersten von den beiden Managerinnen hörte, sie nähmen keine Inder auf. So einfach ist es also nicht mit dem Karma. Wichtiger ist, dass für Probleme Lösungen gefunden werden, und damit verschwindet dann auch häufig dieses zurechtfantasierte Karma. Hier kann das z.B. eine entsprechend auftretende Security oder das Management sein; in einer anderen Unterkunft, einem Hostel, wurde offiziell schon ab 22 Uhr um Nachtruhe gebeten und ansonsten gleich mit der Polizei gedroht. Das Karma, von dem viele Buddhisten sprechen, ist also oft gar nicht "ihres", sondern etwas, das sie irrig auf sich beziehen.

Nur wenn man sich jenen verengten buddhistischen Blick auf die Wirklichkeit erspart - was Seung Sahn ja ironischerweise selbst zu lehren schien mit seinem "Don't know!" - kann man dann auch die Geschichte der Hyon Mi (S. 54) anders auflösen, als es diese Nonne tat - und Dae Gak aus offensichtlichem Respekt vor ihr unterschreibt. Ein von Hunden schwer verletzter Hase soll hier zunächst von einer Waldarbeiterin mit einem Hammer von seinen Leiden erlöst werden. Die Nonne jedoch bereitet dem Hasen schnell ein Sterbebett zu. Der Hase entspannt sich und sei dann erst nach Stunden "friedlich" eingeschlafen. Dae Gak meint: "Mögen wir doch alle den Geist der Nonne haben und nur mit dem, was ist, gegenwärtig sein." Doch was ist bzw. war denn da? Ich kann es an einem eigenen Beispiel veranschaulichen. Eines Tages sah ich einen offenbar durch Anfahren schwer verletzten Hund, dem die Eingeweide aus seinem Körper hingen, auf einem Marktplatz. Er humpelte vor mir davon, jaulte, und wenn ich seinen Blick interpretieren hätte müssen, hätte ich gesagt, er fleht mich geradezu an, ihn zu erlösen. Sein Leiden ging mir durch Mark und Bein (ohne dass dies wirklich möglich wäre). Ich wusste auch, dass man in diesem Land bestraft werden kann, wenn man einen Hund - etwa mittels eines Werkzeuges vom Obststand - in einer solchen Situation tötet. Unser eigener Blick und unsere Empathie können also gefiltert sein von einem ganz subjektivem Verständnis buddhistischer Ethik, womöglich auch einfach nur von unseren egozentrischen Bedürfnissen, und vom Wissen um mögliche profane Folgen. Das Verhalten der Nonne war im ethischen Sinne nicht besser als das geplante der Waldarbeiterin. Um dies zu verstehen, ist es wesentlich, Berobte und Meister nicht mit einem verklärten Blick zu sehen.

Ein Wort noch zum Kapitel "Makkyo und Kenshô". Dae Gak beschreibt, wie er buchstäblich Avalokiteshvara im Meditationsraum herbeiruft, um ihn von Schmerzen zu erlösen - erfolgreich. Ich habe nie Derartiges erlebt und glaube auch nicht, dass - abgesehen von einem aktiven Träumen im Schlaf oder Halbschlaf - irgendjemand solche Erscheinungen im Laufe seines meditativen Lebens braucht oder erleben müsste. Im Gegenteil, wenn solches geschieht, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass man sich zu sehr in die Ikonografie und Glaubenswelt einer Religion hineingesteigert hat. Wenn ich mir tatsächlich mal jemanden wegen beim Sitzen schmerzender Gliedmaßen herbeisehen sollte, dann wohl meinen Hausarzt mit den richtigen Medikamenten, oder eine Masseuse.

Samstag, 1. September 2018

Wie man meditiert (I): Das Tso-ch’an I von Ch’ang-lu Tsung-tse

Das Tso-ch’an I („Prinzipien der Sitzmeditation“) aus der Nördlichen Sung-Periode (960-1127) gilt als früheste Meditationsanleitung und beeinflusste viele der nachfolgenden Manuale. Ch’ang-lu Tsung-tse (Lebensdaten unbekannt) verfasste im Jahre 1103 den ältesten erhaltenen Mönchskodex, und obwohl das Tso-ch’an I sich ursprünglich nicht darin findet, wird es gerne dessen Autor zugeschrieben. Bei dieser Methode werden aufziehende Gedanken einfach beobachtet, bis sie von selbst verschwinden (das Vergehen von Gedanken und der darauf bezogenen Aufmerksamkeit war bereits bei Shen-hui als „Nicht-Denken“ bezeichnet worden). Nach dem Sitzen gelte es, die meditative Ruhe aufrechtzuerhalten und so jederzeit willentlich wieder in samâdhi eintreten zu können (ting-li). Die Meditation würde die oberflächlichen Wellen des Geistes glätten und so sich die darunter liegende befreiende Weisheit offenbaren können. In Meditationstexten der Südlichen Sung-Periode (1127-1279) muss Tsung-tses schlichter Ansatz des (wertfreien) Gedankenbeobachtens zunehmend Aspekten der Zen-Weisheit weichen, die sich in den Schulen der stillen Erleuchtung (mo-chao) und des Kôan-Studiums (k’an-hua) manifestierten, wobei Erstere sich mit der ursprünglichen Natur des Geistes zu identifizieren sucht, Letztere Einblick in die Natur des Geistes gewinnen möchte. Dôgen bezog sich zwar in seinem Fukan zazengi senjutsu yurai aufs Tso-ch’an I, bezeichnete es aber als fehlerhaft. Ein Grund mehr, es nun zu übersetzen und die schlichte Effizienz seiner Methode zu würdigen. [In Klammern Textstellen, die sich in einer von zwei Textvarianten nicht finden.]

***

Prinzipien der Sitzmeditation

Ein Bodhisattva, der Weisheit (prâjna) studiert, sollte zunächst den Gedanken von großem Mitempfinden erregen, die umfassenden Gelübde ablegen und energisch samâdhi kultivieren. Wenn du gelobst, fühlende Wesen zu erretten, solltest du nicht nur für dich selbst Befreiung suchen.

Wirf nun alle Verwicklungen ab und beende deine zahlreichen Angelegenheiten. Körper und Geist sollten vereint sein, ohne Unterschied zwischen Handeln und Ruhen. Mäßige die Nahrungszufuhr, so dass du weder zu viel noch zu wenig isst und trinkst, und schlafe weder zu lang noch zu kurz.

[Wenn du dich zur Sitzmeditation begibst, breite eine dicke Matte an einem ruhigen Ort aus. Lockere dein Gewand und deinen Gürtel und nimm eine angemessene Haltung ein.] Dann hocke dich mit gekreuzten Beinen hin: Lege zuerst deinen rechten Fuß auf den linken Schenkel, dann den linken Fuß auf den rechten Schenkel. [In der alternativen Textvariante genau umgekehrt!] Du kannst auch im halben Lotussitz hocken und einfach deinen linken Fuß auf deinen rechten Fuß legen. Dann platziere [deine rechte Hand auf deinem linken Fuß und] deine linke Hand in deiner rechten Handfläche. Drücke die Daumenspitzen aneinander. Richte langsam deinen Oberkörper auf und strecke ihn nach vorn, schwinge nach links und rechts und richte dann keinen Körper gerade auf. Neige danach weder nach links noch nach rechts, weder vor noch zurück. Halte deine Hüften, deinen Rücken, Nacken und Kopf in einer Linie, so dass deine Haltung einer Stupa gleicht. [Überstrecke deinen Körper jedoch nicht, das würde deine Atmung erzwungen und unruhig machen.] Deine Ohren sollten in einer Linie mit deinen Schultern sein, deine Nase in einer Linie mit deinem Nabel. Drück deine Zunge gegen den Gaumen und schließe Lippen und Zahnreihen. Die Augen sollten leicht geöffnet bleiben, um Schläfrigkeit vorzubeugen. Wenn du (mit offenen Augen) in samâdhi eintrittst, wird es am kräftigsten sein. In alten Zeiten gab es in der Meditationspraxis herausragende Mönche, die stets mit offenen Augen saßen. In jüngerer Zeit hat der Chan-Meister Fa-yün Yüan-t’ung diejenigen kritisiert, die mit geschlossenen Augen meditieren, und (ihre Praxis) mit der Geisterhöhle des Schwarzen Berges verglichen. Wer die Meditation gemeistert hat, wird die tiefe Bedeutung dessen verstehen.

Wenn du deine Haltung eingenommen und deinen Atem reguliert hast, solltest du deinen Unterleib entspannen. Denke an keinerlei Gutes oder Übles. Wann immer ein Gedanke auftaucht, sei dir seiner bewusst. Sobald du dir seiner bewusst bist, wird er verschwinden. Wenn du eine lange Zeit Objekte vergisst, wirst du auf natürliche Weise eins. [Dies ist die wesentliche Kunst der Meditation.]

Aufrichtig gesprochen handelt es sich bei der Sitzmeditation um das Dharma-Tor zu Gelassenheit und Freude. Wenn dennoch häufig Menschen davon krank werden, dann weil sie nicht sorgsam genug sind. Wenn du die Punkte dieser Praxis erfasst, werden die vier Elemente (des Körpers) auf natürliche Weise leicht und bequem, der Geist frisch und geschärft, die Gedanken recht und klar; der Geschmack des Dharma wird den Geist aufrechterhalten, und du wirst ruhig, rein und freudvoll. Wenn einer bereits Klarheit erlangt hat, kann man ihn mit einem Drachen vergleichen, dem Wasser bekommt, oder mit einem Tiger, den es in die Berge zieht. [Selbst einer, der es noch nicht entwickelt hat, muss sich nicht besonders anstrengen, wenn er nur den Wind die Flamme fächeln lässt:] Wenn du nur dahin aufsteigst, wird es dich nicht täuschen. [Dennoch vermehren sich Dämonen, sobald der Weg ansteigt, und zahlreich sind angenehme und unangenehme Erfahrungen. Wenn du jedoch nur den rechten Gedanken gegenwärtig hältst, kann dich nichts davon behindern. Im Shurangama-Sutra, dem Chih-kuan des T’ien-t’ai und Kuei-fengs Hsiu-cheng i finden sich detaillierte Erklärungen dieser dämonischen Erscheinungen, wer sich also im Voraus auf das Ungeahnte einstellt, sollte damit vertraut sein.]

Wenn du aus dem samâdhi trittst, bewege dich langsam und stehe ruhig auf, [ohne Hast und Hektik. Wenn du samâdhi verlassen hast,] wende stets die rechten Mittel an, um die Kraft des samâdhi zu schützen und aufrechtzuerhalten, so als würdest du ein Baby behüten; so wird deine samâdhi-Kraft sich auf leichte Weise entwickeln.

[Diese eine Lehre der Meditation ist unsere dringendste Angelegenheit. Wenn du deinen Geist nicht in der Meditation oder in dhyâna ausrichtest, dann wirst du, wenn es darauf ankommt, auf verlorenem Posten stehen.] Darum heißt es: „Um eine Perle zu suchen, sollten wir die Wellen beruhigen; wenn wir das Wasser aufrühren, wird sie schwer zu finden sein.“ Wenn die Wasser der Meditation klar sind, wird die Perle des Geistes von selbst erscheinen. Darum steht im Sutra der Vollkommenen Erleuchtung: „Unbehinderte, makellose Weisheit entsteht stets abhängig von Meditation.“ [Und im Lotus-Sutra heißt es: „An einem ruhigen Ort praktiziert er die Kontrolle des Geistes und verweilt bewegungslos wie der Berg Sumeru.“] Darum wissen wir, dass das Weltliche transzendieren und das Heilige überschreiten auf der Grundlage von dhyâna möglich werden. Diesen Körper im Sitzen abzuwerfen und dieses Leben im Stehen zu fliehen hängen von der Kraft des samâdhi ab. Selbst wenn man sich das ganze Leben dieser Praxis hingibt, schafft man es womöglich nicht rechtzeitig; wie will also einer, der es aufschiebt, je das Karma überwinden? Darum sagte ein Altehrwürdiger: „Ohne die Kraft des samâdhi wirst du nur kleinlaut am Tor des Todes kauern.“ Wenn du dann deine Augen schließt, wirst du vergeblich zur Erde zurückkehren und so, wie du bist, in samsâra umhertreiben. Freunde im Chan! Lest euch diesen Text wieder und wieder durch. Anderen wie uns selbst nutzend, lasst uns die vollkommene Erleuchtung erlangen!“

(Erstellt auf der Grundlage von Carl Bielefeldt: “Ch’ang-lu Tsung-tse’s Tso-ch’an I and the `Secret`of Zen Meditation“, in Studies in East Asian Buddhism 4, Honolulu 1986. )


(Foto: Keller; Schnecke geht die Wand hoch)

Mittwoch, 22. August 2018

Ein paar Kôan aus dem Shigetsu roku

Shi Hsiang war Schüler des Abtes Wei Shan und für das Getreidelager verantwortlich. Eines Tages kam Wei Shan zur Inspektion vorbei und warnte: "Wir müssen sorgsam sein. Verschwende keinen Reis!"
   Shi Hsiang grummelte: "Hier wird kein Reis verschwendet."
   Da hob Wei Shan ein Reiskorn vom Boden auf: "Du meinst, hier würde kein Reis verschwendet, doch kannst du mir sagen, woher dieses Korn kommt?"
   Shih Hsiang schwieg, und Wei Shan fuhr fort: "Wir sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wir müssen verstehen, dass eine große Menge Reis aus diesem einen Korn entspringt."
   Da meinte Shih Hsiang: "Doch wer weiß, wo dieses eine Reiskorn herkommt?"
   Da lachte der Abt laut auf und ging zufrieden davon.

***
  

Einst fragte ein Mönch den Chao Chou: "Wie fühlt sich einer so ganz allein auf dem hohen Gipfel?"
   Chao Chou erwiderte: "Ich werde dir nicht antworten. Ich habe Angst, hinunterzufallen."

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Einmal hielt Lu Tsu eine Tasse Tee in die Höhe und rief aus: "Dies war schon vor der Erschaffung der Welt hier!"
   Nan Ch'uan bemerkte: "Nun kennen die Leute zwar dies, aber nicht die Welt."
   Kui Tsung stimmte zu.
   Nan Ch'uan wandte sich an ihn: "Warum machen wir nicht noch ein bisschen weiter?"
   Da erhob Kui Tsung ebenfalls seine Tasse und sagte: "Ich frage mich, wie die Leute schon vor der Erschaffung der Welt hierüber reden konnten."
   Als er das hörte, bedeckte Nan Ch'uan hastig seinen Mund mit der Hand, wobei seine Augen lächelten. Dann ging er davon. Auch Kui Tsung verlor keine Zeit und bedeckte seinen Mund.

***

Als Pai Yun noch eifrig beim bekannten Yang Ch'i studierte, war er für seine Humorlosigkeit bekannt. Eines Tages fragte Yang Ch'i ihn nach dessen erstem Lehrer, und Pai Yun antwortete: "Er hieß Ch'a Lin Yu."
   "Ich habe gehört, dass dieser Ch'a Lin Yu einmal beim Überqueren einer Brücke ausrutschte und hinfiel und so die Erleuchtung erlangte. Er soll daraufhin ein Gedicht verfasst haben, erinnerst du dich vielleicht daran?"
   Pai Yun konnte das Gedicht natürlich in- und auswendig und rezitierte:
   "Ich besaß eine strahlende Perle,
   die lange mit Schmutz bedeckt war.
   Heute früh wurde der Dreck abgeschüttelt
   und das nackte Licht leuchtete überall hin."
   Da lachte Yang Ch'i und ging davon. Die folgende Nacht über fragte sich Pai Yun, was dieses Lachen zu bedeuten hatte, und eilte am Morgen zum Meister, um ihn zu fragen. 
   Dieser fragte: "Hast du nicht gestern den Komiker gesehen, der mit einer Perle jonglierte?"
   "Ja, in der Tat."
   "Erkennst du nicht, dass du kein Komiker bist?"
   "Was meint Ihr damit?", fragte Pai Yun verwirrt.
   "Ein Komiker freut sich stets, wenn die anderen über ihn lachen, Aber du fürchtest dich noch immer davor", tadelte ihn der Meister.
   Sogleich erfuhr Pai Yun Erleuchtung.

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Einmal ging Meister Shih T'ou mit einem Mönch namens Shi Shi tief in den Bergen spazieren und bewunderte die schöne Aussicht: "Dieser Zweig da behindert meine Sicht. Bitte hilf mir, ihn abzuschneiden."
   Shi Shi sagte: "Gebt mir bitte Euer Messer."
   Shi T'ou überreichte es ihm mit der Klinge nach vorn.
   Der Mönch sagte: "Nicht so, Meister, gebt es mir bitte mit dem Griff nach vorn!"
   Da fragte der Meister: "Sag mal, was ist denn der Zweck dieses Griffes?"
   Bei diesen Worten erfuhr Shi Shi unmittelbar Erleuchtung.

***

Bodhisattva Shan Hui wurde 497 geboren und war ein bekannter Interpret buddhistischer Schrifen. Der frommste Buddhist unter allen chinesischen Herrschern, Liang Wu Ti, bat ihn einmal um die Erläuterung des Diamant-Sutras. Als Shan Hui zu diesem Zweck die Plattform erklomm, fiel er die Stufen hinunter. Der Kaiser wurde davon völlig überrascht.
   Da fragte ihn Shan Hui: "Versteht Ihr, Majestät?"
   Dieser verneinte.
   Der Meister sagte: "Ich habe das Sutra bereits für Euch erläutert."


[Aus dem 指月錄 Zhiyue lu  (Shigetsu roku) von Qu Ruji (1548-1610). Siehe hier und bei Alexander Holstein: Pointing at the Moon (Tuttle 2011)]

(Kostenpflichtiger Wahrsage-Automat in einem Tempel in Chiangmai ...) 
  

Sonntag, 12. August 2018

Der Bodhisattva beim Militär: Ein paar Worte vom Laien Ruru (Yan Bing)



„Wenn jemand behauptet, das Große Erwachen bedeute Hemmungslosigkeit, 
dann redet er wie ein Dämon und ist nicht vertrauenswürdig.“ 
 (vs.) 
„Seine (Bodhidharmas) Zunge hatte keine Knochen.“


Yan Bing (gestorben 1212) wurde als der Laie Ruru bekannt, obgleich er wohl auch Dharma-Erbe von Dahui Zonggao (1089-1163) war. Damit steht er in der Linji-Tradition, die an einen entscheidenden Moment des Erwachens (chin. wu oder dawu) glaubt, dem in der Regel ein großer Zweifel im Sinne einer tiefen existentiellen Verunsicherung (shenyi) vorausgeht, die sich mit einem gewissen Streben nach Erleuchtung (fa xin) paart.* In einer mehreren Hundert Seiten langen Schrift (Ruru jushi lulu) und einem kürzeren und ergänzenden Holzschnitt, die von ihm überliefert sind, legt er nicht nur Wert auf die Meditation und die Kontemplation über huatou, sondern – in absteigender Reihenfolge – auch auf das Einhalten buddhistischer Gebote, das Kultivieren von Verdienst und das Streben nach der Wiedergeburt in Amitabhas Reinem Land. Zwar gehören diese Schriften selbst nicht zum chinesischen Kanon, es finden sich jedoch Auszüge darin. Seinen „Protokollen der Sitzmeditation“ (Zuochan yi) wurde in Japan besondere Aufmerksamkeit zuteil. Wichtige akademische Quellen sind die Dissertation Practice and Emptiness in the Discourse Record of Ruru Jushi, Yan Bing (d. 1212), a Chan Buddhist Layman of the Southern Song von Alan Gerard Wagner (2008) und Aufsätze von Nagai Masashi in den Ausgaben 15 und 16 des japanischen Journals für buddhistische Studien (Komazawa daigaku Bukkyô gakubu ronshû). Neben klassischen Klischees, denen Yan Bing anhing („Tiere in diesem Leben waren (mordende) Menschen in vorherigen“, „ein Augenblick des Tötens erfährt den karmischen Ausgleich, von jemand anderem getötet zu werden“) finden sich andere prägnante Aussagen, von denen ich ein paar übersetzen möchte. Widersprüche erklären sich teils daraus, dass – wie Damien Keown es einmal nannte – zwei Arten von upâya, geschickten Mitteln, zur Anwendung kommen, von denen eine eher konventionelle Moral umfasst und die andere einen Zustand der Befreiung, des Bodisattvaseins, voraussetzt, der moralischer Beschränkung enthebt:

„Wenn du das Strahlen des Geistes nach innen wenden und den Geist unübertroffener Erleuchtung erstehen lassen kannst, dann wirst du im Kommen und Gehen, in der Interaktion mit der Welt und anderen Menschen für weltliche Angelegenheiten einzig mittels weltlicher Dinge Sorge tragen und nicht mittels deines Geistes. Ist eine solche Angelegenheit noch nicht aufgetaucht, ist der Geist gelassen, und tritt sie dann ein, wird der Geist so gelassen sein wie zuvor.“

„Wer das Kultivieren praktiziert, fällt in eine von fünf Gruppen. In der ersten sind die, die sich respektvoll verhalten, nicht lachen, schwatzen, umherschauen oder gähnen. In der zweiten befinden sich diejenigen, die Einsicht kultivieren, ihre Natur erkennen und Buddha werden. Die dritte Gruppe schafft Verdienst, indem sie meditiert, Niederwerfungen vollzieht, die Sutren rezitiert und so den Weg übt, dass es ihr und anderen nutzt (…)“

„Den Zweifels-Klumpen zu zerschmettern – das ist Erwachen.
Wenn Weisheit still und offen wird, hegt man keine Zweifel mehr.
Zweifel und Erwachen – leg sie beide ab!
Du wirst noch immer ein Bettler sein, der die Schale herumreicht.“

„Wenn der Geistgrund ohne Hindernis ist, 
werden hohe Berge und tiefe Ebenen allesamt zum Reinen Land.“

„Hast du einen Menschenkörper erlangt, verwandle ihn nicht in einen Bürokratenkörper.“

„Wer in ein Leben in der Kriegerkaste geboren wird, hat in seinen vorherigen Existenzen Verdienst geschaffen, war jedoch auch gewalttätig gegenüber anderen, als er den Schutz des Landes und die Sicherheit der Bevölkerung im Sinn hatte. So erfährt er Wohltaten, obwohl er voller Zorn war.
   Ein Krieger, der solches Verdienst als Grundlage hat, kann seine Zornesgedanken in solche des Studiums des Weges umwandeln und dieses Anliegen ohne Zurückweichen verfolgen; er kann sich von üblen Taten fernhalten und Gutes tun und selbst im Körper eines Soldaten einen stets freundlichen und gütigen Geist bewahren. Dies meint man mit einem ‚Bodhisattva beim Militär‘.
   Als Zen-Meister Foyin(g) einem Krieger den Dharma predigte, formulierte er es deshalb so: ‚Ein Gelehrter, der den Staub abschüttelt; ein Himmelskönig, der die ganze Welt beschützt; ein hochrangiger General, der einen Menschen tötet, ohne mit der Wimper zu zucken; ein bedeutender Laie, der genau da, wo er steht, ein Buddha werden kann.“
  
* Gaofeng Yuanmiao sprach später von großem Glauben (da xingen), großem Eifer (da fenzhi) und großer Ungewissheit (da yiging) als den drei Wesensmerkmalen (sanyao) der Zen-Praxis.


Dienstag, 24. Juli 2018

“Küss meinen Arsch, Recep!“ (Warum die Nationalelf keine Özils braucht und der Buddhismus keine DBU)

Im Jahr 1347 erließ die Königin Johanna I., "Königin beider Sicilien und Gräfin von Provence, für ein gesetzmäßiges Hurenhaus, das Mädchenkloster [sic!] von Avignon", u. a. diese Verordnung: "9. Ferner ist es der Königin Wille, dass die Priorin keinem Juden den Eintritt verstatte"*. Bei Zuwiderhandlung sollte der Eindringling durch die Straßen gepeitscht werden.
   Als ich in meiner Studienzeit Abwechslung in Frankfurter Bordellen suchte, erging mir nicht die Berichterstattung über ein jüdisches Brüderpaar, das u. a. ein Haus betrieb, in dem die Wirtschafter zur Gewalt neigten. Schon einer der Brüder hatte sich der Legende nach durch ein Gewaltverbrechen im Milieu einen einschlägigen Ruf erworben. Der Preis, den sie bezahlten, bestand z. B. darin, dass sie sich nur noch bewaffnet auf die Straße getraut haben sollen, nachdem mutmaßlich die Flucht vor deutschen Steuerbehörden - ich glaube sogar per Helikopter - mit Endziel Israel gelungen war. Soweit erinnere ich die Geschichte, die natürlich zum Himmel stank. Es war einer dieser Momente, wo mir klar wurde, dass einem Juden in Deutschland nichts unmöglich war, was einem Nicht-Juden möglich ist. Und das war Anfang der 90er-Jahre. 
   In der Folgezeit habe ich darum mit besonderer Skepsis verfolgt, wie das Thema Ausländer- und Judenfeindlichkeit instrumentalisiert und wie vor allem leichtfertig mit dem Vorwurf des Rassismus umgegangen wurde. Als Regel ließ sich daraus ableiten, dass man in Auseinandersetzungen am Besten dem anderen als Erster einen Rassismusvorwurf machte. Ganz offensichtlich hatte sich dies nicht nur eine ideologisch weit links anzusetzende Szene zueigen gemacht. Diese Rhetorik hat sich bis heute gehalten und wirkt darum nun leicht durchschaubar, um nicht zu sagen lächerlich. Angesichts dumpfer Parolen aus Pegida- und AfD-Kreisen ist zwar besondere Aufmerksamkeit angesagt, denn wer möchte denen wirklich die Bälle zuspielen?

Auf der anderen Seite hat Mesut Özil mit seinen aktuellen Erklärungen genau das bestätigt, was ich in zwanzig Jahren meines Lebens in einem sozialen Brennpunkt (den er mindestens die Hälfte der Zeit über war) lernte, nämlich dass es Menschen gibt, die offensichtliche Fehler machen und der Kritik daran mit weiteren Fehlern, "Türkiye!" oder "Nazi"-Rufen oder eben dem Rassismus-Vorwurf, begegnen. Ersteres, wenn sie nicht wie Özil sich eines Beraterteams bedienen können, dass ihre Statements entsprechend aufbereitet, was m. E. in direkter Absprache mit Mitarbeitern des türkischen Präsidenten Erdogan geschehen sein könnte. Özil also hat bestätigt, was inzwischen die meisten von ihm dachten, und weil er lange genug zögerte, konnte er noch mehr aufgestauten Unmut gegen ihn ins Spiel bringen, als wenn er sich vor der WM geäußert hätte. Ein Unterschied zwischen Özil und den Asozialen in meiner Gegend ist für mich nur schwer erkennbar, da kann ich Jakob Augstein vom Spiegel auf die Sprünge helfen, der Özils Frage, ob er nur deshalb als Deutsch-Türke bezeichnet würde, weil er Muslim sei, an die Leser weitergibt. Ich hatte gar keine Ahnung, dass Özil Muslim ist, also fünf Mal am Tag betet, den Zakat entrichtet, in Mekka war und was sonst noch dazu gehören mag. Da er offenbar (nur) einen deutschen Pass hat, hab ich auch kein Problem damit, ihn als Deutschen zu sehen. Allerdings benimmt er sich wie mir bekannte Deutsche mit türkischen Wurzeln, wenn er argumentiert, es sei quasi Ehrensache und gehöre sich aus Respekt - auch gegenüber den eigenern Eltern in der Türkei - dem dortigen Präsidenten ebenso die Aufwartung zu machen wie ggf. dem deutschen. Wer den Unterschied hier nicht erkennt und verdeutlicht, der handelt in erster Linie also wei ein Lakaie, genau wie die Mitläufer im Dritten Reich, wie die Vasallen eines Feudalherren im alten Japan. Als ich mit meiner Übersetzung der Samurai-Schrift Hagakure Erfolg hatte, betonte ich immer wieder, dass nicht die Aufopferung für den Lehnsherrn (oder gar einen Kaiser) in diesen Schriften vorbildlich sei, sondern die Ethik, die man aus den anderen Passagen extrahieren könne. Diese Ethik könnte in der Moderne eine Bedeutung haben, die Ehrfurcht vor einem Amt jedoch - ohne ein differenzierendes Betrachten des Amtsinhabers - war längst überholt. Özil hat also genau das gemacht, was die Störer in unserer Siedlung machten (wobei dies beileibe nicht nur "Deutsch-Türken" waren, aber diese eben dadurch auffielen), nämlich als er sich angegriffen fühlte, wie ein türkischer Nationalist reagiert. Und Özil ist damit genauso wenig oder schlecht integriert wie die Türkischstämmigen aus ärmeren Verhältnissen, von denen ich rede, er kann nur die Leute, die seine Texte mitformulieren, eleganter schreiben lassen - ohne dass sie in der Lage wären, diesen türkischen Nationalismus, also die Unfähigkeit, das Charakterschwein in Erdogan zu erkennen und zu benennen, zu verbergen. Özils Meinung sei ihm unbenommen, aber sie steht auf einer ähnlichen Stufe wie die vieler Pegida- und AfD-Anhänger und ist von daher auch dann heftig kritisierbar, wenn man nicht aus der linken Szene kommt, sondern einem nur bange ist, wie Menschen, denen es finanziell so gut geht, derart die Wertmaßstäbe verrutschen können. 
 
So wie eine deutsche Nationalelf ohne Spieler denkbar ist, die einen Diktator respektieren, so ist auch der deutsche Buddhismus ohne einen Dachverband wie die DBU denkbar. Im Forum "Buddhaland" finden sich die Links zu aktuellen Versuchen in der DBU, sich von Ole Nydahls Diamantweg-Buddhismus oder vielmehr seinen persönlichen Äußerungen sowie einigen anderen Lehrern und Entwicklungen abzugrenzen. Wie ich hier schon sagte, ist es unnötig, einen großen Verband mit so hoher Mitgliederzahl, wie sie die Sekte Nydahls darstellt, auch noch in der DBU aufzunehmen. Prinzipiell stellt sich jedoch die Frage, was deutsche Vereinsmeierei überhaupt mit Buddhismus zu tun hat. Natürlich kann man meinem Blog entnehmen, dass ich von den meisten Auswüchsen und Lehrern sowieso nichts halte, also bliebe da nur ein kleiner "Club" übrig, würde mal richtig aufgeräumt. Davon abgesehen erkennt man an der verlinkten Diskussion noch einmal, wie die ewig gleichen Platitüden und Mythen von Anhängern Nydahls weiterverbreitet werden, so auch von einer Moderatoren-Schleimbacke. Selbst wenn man dieser abnehmen würde, dass ihre Zeit bei Nydahl weit zurückläge, würde an ihrem Beispiel  deutlich, wie lange noch die Sektenpropaganda nachwirkt, bis in den Wortlaut hinein, und dass gerade darin sich ein Sektenkriterium findet und deshalb Kritiker wie der Mönch Tenzin Peljor in ihrer Einschätzung des Diamantwegs irren und nicht weit genug gehen. 
   Statt dass sich die Forumsfreunde des Ole mal vorstellen, wie ein Ex-“Schmuggler“ (Wiki) auf die Idee kommt, seine Reisefreudigkeit mittels eines Guru-Status finanzieren zu lassen und zum Lebensinhalt zu machen, wird der Sektenführer schon beinahe bemitleidet für sein "Leben aus dem Koffer". Statt zu schauen, welch überflüssigen Unsinn er sein ganzes Leben lang in der Welt verbreitete, wird behauptet, er habe stets den Dharma gelehrt. Wie kann man da von einem Mönch, der in seinem Blog selbst anklingen lässt, dass er tibetische Gurus zu Wunderdingen befähigt hält, und der in einer anderen Form des tibetischen Buddhismus verhaftet ist, erwarten, dass er auf solch inhaltlichen Schwachsinn hinreichend eingeht? Ich habe nicht einmal verstanden, warum man an die 30.000 Euro für seinen Prozess sammelte, wo ein Mönch doch nach "Armenrecht" in Deutschland bei Erfolgsaussicht den Prozess vom Staat bezahlt bekommt - und diese Erfolgsaussicht hat ja offensichtlich bestanden. Was wir hier haben ist also einerseits Kritiker, die übers Ziel hinaus- oder an ihm vorbeischießen (aus einer zölibatären Ethik und der folkloristich geprägten Religion eines eher rückständigen Landes argumentieren) oder sich aus linksideologischen Reflexen etwa auf Bilder einschießen, die den Sektenführer mit Waffen zeigen. Die Befürworter hingegen haben mit Sicherheit nie Grundbuchämter etc. befragt, um festzustellen, was ihr Guru - neben der Verfügungsgewalt über eine millionenschwere Stiftung - und seine Angetraute denn tatsächlich alles besitzen. Es fehlt ihnen an der Phantasie, dass man nicht CEO eines Pharmaunternehmens werden muss, um sich genau den teuren Lebensstil leisten zu können, von dem man träumt (das können Weltreisen sein, aber auch riesige Grundstücke, auf denen man Ruhe vor den anderen hat, wie etwa Plum Village usf. bei Thich Nhat Hanh). Was hier nicht präzisiert wird - das Wissen um tatsächlichen materiellen Gewinn des Gurus -, kann auch in Sachen Dharma nicht präzisiert werden, nämlich was genau denn das hinterlassene Lebenswerk eines "Lehrers" Ole Nydahl sei. Ich habe hier schon aus Reden und Schriften von ihm zitiert, um zu verdeutlichen, wie dumm man wohl sein muss, um darin hinreichend Wesentliches zu finden.
 
Außerdem, und das sage ich durchaus mitempfindend, gehört eine bestimmte persönliche Veranlagung dazu, um überhaupt je in Sekten zu geraten, wie es ja auch dem Kritiker Tenzin geschah. Diese Veranlagung begleitet die Betroffenen nach meiner Erfahrung - wenn sie nicht professionell therapeutisch aufgearbeitet wird, am ehesten natürlich in einem nicht-religiösen Kontext - ein Leben lang. Andere (wie ich) sind nie in die Fänge irgendwelcher Blender des tibetischen oder vietnamesischen oder sonstwelchen Buddhismus geraten. Sie sehen darum die Kämpfe mancher Kritiker auch eher als die gegen ihre eigenen Dämonen. Ole und Thich Nath Hanh z.B. haben ihr Leben m. E. so gewollt und darin kein Opfer gesehen. Sie haben vielmehr das Geld - nicht zuletzt großzügige Spenden - anderer benutzt, um sich einen bestimmten Lebensstil zu leisten, der ihnen auf anderem Weg sehr wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre. Dazu braucht es Lakaien und Idioten, das Fußvolk eben.
   Bei Thich Nhat Hanh klingt das Meiste immerhin noch vernünftig. Trotzdem lässt sich schon daran, dass in ihren Gemeinschaften keine anderen ähnlich "begabten" Leader bekannt wurden, erkennen, dass diese a) dort nicht geduldet, b) lieber ihr eigenes Ding unter eigener Kontrolle aufmachen würden. Das ist anders als im traditionellen Zen, wo der Schüler noch seinen Meister übertreffen sollte - und dies oft genug geschah. Den Sekten geht es zuallererst darum, Ansehen und Bekanntheitsgrad ihres Gurus zu steigern. Dem Guru geht es zuallererst darum, dass die Beistzverhältnisse (wie auch immer verschleiert in seiner Gemeinschaft) und seine eigene Kontrollmacht anwachsen. Die Tatsache, dass sowohl ein Mönch als auch Mitglieder der DBU sich vor allem mit mutmaßlich "rassistischen Äußerungen" Ole Nydahls auseinandersetzen, spiegelt genau das eingangs genannte Problem eines deutschen Diskursreflexes wider, wie er in diesem Fall eine tiefere Auseinandersetzung mit der Lehre der Sekte vermeidet - weil dann nämlich zu befürchten stände, dass man auch mit all den Lehren strenger ins Gericht gehen müsste, die sich nicht hinter einem aus- und auffälligen Guru verstecken können. Würde man dies tun, bliebe nicht mehr viel Zukunftsträchtiges und Brauchbares im deutschen Buddhismus übrig. Man könnte es vielleicht in einem Text von etwa hundert Seiten zusammenfassen - oder indem man schweigend meditiert. Religion und Sekten brauchen stets mehr als nur dies, einen komplexen materiellen Überbau mit einer gehörigen Portion Heuchelei. Die Kritik, die ich bei Tenzin und von Seiten der DBU-Mitglieder jetzt lese, bleibt an der Oberfläche, weil sie die Religion an sich nicht in Frage stellen kann.

* Zitat aus Prostitution unter den Völkern der alten und neuen Welt (1874). Darin auch: "Die Mönche schleichen in allen Häusern herum, wo sie schöne Frauenzimmer wittern. (...) Diese geistlichen Herren sehen sich deswegen oft genötigt, ihre weltlichen Bedürfnisse da zu befriedigen, wo die Liebe gegen den Gewinn nicht unempfindlich ist." Und an anderer Stelle: "Die geringere Geistlichkeit wetteiferte mit der höheren nicht nur in Unwissenheit, sondern auch in Unsittlichkeit. Wirtshäuser halten und besuchen, Saufen, Huren, Ehebrechen, Spielen, Schreien und Schlagen machten das gewöhnliche Leben der Seelenhirten aus."

Copyright Fotos: Keller (Medikamentenkarte einer thail. Apotheke; Werbeplakat in Bangkok; größte Stupa Thailands in Nakhon Pathom).

Sonntag, 8. Juli 2018

Höhlenrettung, Aberglaube und Mönchskorruption in Thailand

 Als ich gestern vom enttäuschenden kleinen ASEAN-Filmfest in Bangkok zurückkam (die Filme waren so langweilig, dass man sie kostenlos sehen durfte) und im Bus den Soundtrack zur NETFLIX-Serie "The Get Down" auf den Ohren hatte, kam mir plötzlich im Dämmerschlaf der Gedanke, ob es wohl möglich sei, zwei trainierte Delphine in das Höhlensystem in Thailand einzubringen, wo man jetzt gerade, da ich dies schreibe, mit der Bergung der dort von Wassermassen eingeschlossenen 12 Jungen und ihrem Fußballtrainer begonnen hat. Sehr viele Menschen haben sich mit sehr vielen Ideen eingebracht, einige auch tatkräftig. Einer der eingesetzten thailändischen Navy Seals kam bereits ums Leben. Trotzdem war man nun der Meinung, den im Tauchen ungeübten Kindern den stundenlangen Weg durchs Wasser nicht mehr ersparen zu können. Tatsächlich ist selbst bei mir im Südosten des Landes das Wetter gerade so schlecht, dass ich eben nicht mal die Berichterstattung im TV sehen konnte, der SAT-Empfang war gestört. In diesem Jahr hat es besonders früh besonders viel geregnet.
   Was sich im Zusammenhang mit dieser Aktion abspielt, wirft auch ein Licht auf den thailändischen Buddhismus und Volksglauben, die Hand in Hand gehen. Traditionell wurden in Höhlen Menschen bestattet und man schreibt ihnen Geisterwelten zu, assoziiert mit diesen Orten also vor allem den Tod. Da nun eine lokale Mönchsgröße zunächst behauptete, die Eingeschlossenen würden gerettet und man würde sie bald finden, und sie kurz darauf tatsächlich entdeckt wurden, sahen viele die übersinnlichen Fähigkeiten dieses Mönches bestärkt - und der Preis von ihm gesegneter Amulette schoss in die Höhe. Wie ich schon im letzten Beitrag schrieb, erfüllt hier Religion die Funktion der Hoffnung, denn selbst wenn der Mönch sich täuschte, würde man wohl später darüber hinwegsehen und ihn für seine moralische Unterstützung loben. Tatsächlich hat er in meinen Augen nur eine sowieso wahrscheinliche Prognose abgegeben, die keinerlei Rückschlüsse auf seine spirituelle Begabung zulässt. Nehmen wir hingegen an, jemand hätte seinem instinktiven Gefühl Ausdruck gegeben, dass es mindestens einen Toten geben wird (steckt dahinter womöglich die magische "12"?) - wenn auch die Frage bliebe: wann? -, man hätte auf ihn eingeschimpft und sein Verhalten für unverantwortlich gehalten. Hätte sich die Voraussage bestätigt, wäre ihm dennoch der Unmut der anderen gewiss gewesen. Der Mönch, der Gutes verheißt (auch wenn seine Religion auf der Erkenntnis von Unbeständigkeit fußt), und das Volk, dass von ihm Hoffnung gemacht bekommen will, ergänzen sich symbiotisch. Mit Realismus und Wahrheitsfindung hat das noch nichts zu tun.
   Auch einen deutschen Experten, der wohl über den Verdacht buddhistischer Schwafelei erhaben war, sah ich im Fernsehen. Er meinte noch vor ein paar Tagen, die Bergung oder ein längerer Aufenthalt in der Höhle seien gar kein Problem, es gebe genug Sauerstoff usw. Ich habe aber niemanden das sagen hören, was ich inzwischen aus den Aufnahmen der hungrigen Kinder entnahm, nämlich dass sich mindestens zwei in einem kritischeren Zustand befinden, als der Öffentlichkeit weiß gemacht wurde (was einer der Hauptgründe für die nun doch etwas hektisch gewordene Rettungsaktion sein dürfte). Ich frage mich inzwischen nur noch, ob man die Kinder tatsächlich nicht sedieren kann, weil sie ein enges Teilstück bewusst ohne fremde Hilfe bewältigen müssen. Und auch wenn ich prinzipiell keine Angst vor Mensch und Tier kenne, weiß ich wohl um situationsspezifische Panik, die mich sogar schon mal bei einer Wurzelbehandlung am hintersten Zahn dazu trieb, mir diesen lieber ziehen zu lassen, so stressig kam mir der Versuch der Zahnerhaltung vor. Kaum auszumalen, welches Panikpotential in den Kindern steckt, wenn über ihnen eine Felsdecke, vor ihnen dreckiges Wasser und unter ihnen die dunkle Tiefe lauert - und sie diese Gedanken nicht verscheuchen können. Die Ironie des Schicksals ist dabei, dass den Jungen die traditionellen thailändischen Vorurteile über Höhlen bereits im Kopf sitzen. Während ich also ein trauriges Lehrstück erwarte, machen sich andere bereits darüber Gedanken, wie der Hype um diese Höhle(n) in Zukunft kommerziell ausgenutzt werden kann. Man erwartet einen Ansturm von Touristen.
   Der häufige Regen jedenfalls bestimmte auch meine vergangenen Tage in Bangkok (die Filme des Festivals liefen erst gegen Abend), so dass mir nicht viel Zeit zur Erkundung der interessanten Stadt blieb. Wie so oft lief ich einfach mal los, weg von der Khao San Road, wo ich diesmal mein Hotel gebucht hatte (und das voller die ganze Nacht hindurch labernder, wahrscheinlich bedrogter junger Leute war - ein Hoch auf Ohropax!). Wie es das Karma so will ... lief ich dann passenderweise im Wat Saket ein. Denn als nächsten Blogbeitrag hatte ich doch mithilfe des englischen Wikipedia einen Überblick über den Thai-Buddhismus eingeplant, der einen "höchsten Patriarchen" kennt (jener, der angesichts obiger Tragödie zum Rezitieren des Metta-Suttas riet). Aus diesem Wat Saket wurden am 24. Mai diesen Jahres einige Mönche festgenommen, der Abt Phromsitti floh zunächst, er wollte angeblich erst mal einen buddhistischen Feiertag würdigen, ehe er sich eine Woche darauf der Polizei stellte. Danach wurde er entrobt - eine formale Voraussetzung für die Festnahme - und wieder zum Bürgerlichen Thongchai Sukho. Auf zehn seiner Konten sollen sich 132 Millionen Baht (knapp 4 Mio. Euro) angesammelt haben. Klar, dass ich mir da die 50 Baht (ca. 1,30 Euro) für den Aufstieg des Tempelberges ersparte mit dem Hinweis, Wat Saket habe ja nun wahrlich genug Kohle gescheffelt. 
   Auf die Details der Veruntreuungen will ich nicht eingehen, es werden die üblichen Konstrukte behauptet, etwa Firmengeflechte, über die Tempeleinahmen verschwanden und auf Privatkonten landeten. In ganz Thailand wurden in jüngerer Zeit etliche auch hochrangige Mönche dessen bezichtigt und inhaftiert, und sofort kam der Verdacht auf, die Militärregierung würde denjenigen Zweig des thailändischen Buddhismus angreifen, der dem Königshaus traditionell ferner stehe und aufmüpfig sei. Als jedoch auch von deren Seite ein namhafter Mönch verhaftet wurde, hieß es, dies sei nur geschehen, um den Eindruck zu erwecken, es ginge dabei fair zu. Bei der von mir kürzlich gemeldeten Farce, die einen der Mönche nach Deutschland trieb und um Asyl bitten ließ, war in der deutschen Presse zu lesen, die bloße Tatsache, dass Thailand Ermittler hinterhersandte, um seine Auslieferung zu erwirken, errege schon den Verdacht, es handle sich um ein politisch motiviertes Verfahren. Wie ich hier aber an vielen Beispielen deutlich machte (auch von unbedeutenderen Äbten, die mit mir nach fünf Minuten schon über Geschäfte sprachen statt über ihre versifften Tempeltümpel), ist der moralische Abstieg des thailändischen Klerus geradezu unverkennbar. Der größte Tempel Pattayas etwa ist trotz königlicher Weihen auf den ersten Blick vor allem ein zugestellter kostenpflichtiger Parkplatz. Wenn endlich mal etwas gegen welche Form des Kommerzes im orangenen Gewand auch immer getan wird, sollte man dies zunächst unterstützen. Die thailändische Gesellschaft ist die letzte, die einen finanziell korrumpierten Klerus gebrauchen kann, da sie in meinen Augen ohnehin zu materieller Oberflächlichkeit neigt ("sanuk", Spaß haben, ist das Lebensmotto) und diese sich ungünstig mit spirituellem Unsinn zu paaren droht. Das Metta-Sutta mag man darum vor allem für die Mönche selbst rezitieren, auf dass sie zur Einsicht kommen. Was die Höhlenrettung angeht, so ist es wohl hilfreicher, mit aufmerksamen Augen die Details zu verfolgen und auch das Nachspiel, das folgen wird.


   (Fotos: Keller/Wat Saket - Lageplan und Spendenbox mit Abtsfiguren; 
oben: T-Shirt Beflockung in Bangkoker Hinterhof)
   

Sonntag, 1. Juli 2018

Aua! Dieser Buddhismus macht Kopfschmerzen

Ich bin mit dem Update nicht hinterher gekommen. Hinter mir liegt ein Monat körperlichen Unwohlseins, die schlimmsten vier Migränewochen meines Lebens, denen ich nun mit einer Kortisonspritze im Krankenhaus begegnete, um nicht dauernd Schmerzmittel einnehmen zu müssen. Dazu die Info meiner Zahnärztin, dass meine nach 10 Jahren herausgefallene Brücke nicht einfach wieder eingesetzt werden könne, sondern eine neue hermüsse, dazu noch 3-4 Kronen über die Nachbahrzähne, die ich mir wohl infolge einer Mischung aus Säureangriffen (Reflux) und nächtlichem Zähneknirschen (ich frage mich, woher der Stress kommen soll, auch wenn ich rege träume) und weil ich mich nicht mit einer Aufbiss-Schiene anfreunden konnte, verdient habe. Bakterien aus ein paar dreckigen geküssten Hurenmäulern und meine Putzfaulheit dürften ein Übriges dazu beigetragen haben. Wer übrigens glaubt, Zahnreparaturen wären deutlich billiger in Thailand, der irrt. Wenn ich mich so in Expat-Foren umschaue, scheint es sich nur noch um eine Ersparnis von 20-25 % zu handeln gegenüber den Preisen in Deutschland. Dazu kommt, dass Zusatversicherungen hier nicht greifen und die Auslands-KV nur bis zu bestimmten Beträgen dazuzahlt, in den ersten Versicherungsjahren recht wenig. Gestern hat mich dann noch der Verzehr dreier roter Drachenfrüchte lahmgelegt, die teils nach 2 Stunden schon wieder aus meinem Arsch gerauscht kamen und die Kloschüssel blutfarben versprenkelten. Ich fühlte mich wie mit einem Noravirus, aber heute früh war alles überstanden. 
   Aus diesem Grund erlaube ich mir - ehe ich auf akademische Arbeiten zurückkomme - zur Entspannung ein paar kritische Kommentare zu Dingen, die mir in meiner erzwungenen Häuslichkeit unter die Augen kamen. Ich will daran noch einmal deutlich machen, mit welcher Art von Buddhismus ich nichts anfangen kann, ja welche Art ich für schädlich halte. Da sind zum einen kostenlose Ebooks von Geshe Kelsang Gyatso. Der ist nicht irgendwer, sondern hat angeblich sogar schon über eine Million Bücher verkauft, mit seiner "New Kadampa Tradition" mehr als 1.110 Zentren und Gruppen begründet. Er beruft sich auf Trijang Lobsang als seinen Lehrer, der auch den 14. Dalai Lama unterrichtete, betrachtet jedoch offenbar im Gegensatz zu diesem Dorje Shugden als erleuchtet. In seinem Buch "Moderner Buddhismus" findet sich diese Stelle: "Töten wir zum Beispiel aus Wut eine Mücke, schaffen wir die Ursache, in der Hölle wiedergeboren zu werden ... Würde mich heute jemand eine dumme Kuh nennen, könnte ich das schwer ertragen, aber was werde ich tun, wenn ich tatsächlich eine Kuh, ein Schwein oder ein Fisch werde - die Nahrung von Menschen?"
   Auf diese primitve Art - den Zuhörern und Lesern Angst vor etwas völlig Unbeweisbarem zu machen und dabei den gesunden Menschenverstand zu verspotten und dem Töten einer Mücke die drastischsten Konsequenzen beizuordnen - wird leider noch heute sehr häufig Buddhismus den Massen gelehrt. In Thailand hat das lange Zeit die hier schon erwähnte Sekte mit ihrem TV-Sender DMC übernommen. Nun gibt es eine neue Initiative, die auf den ersten Blick seriöser erscheinen mag, zumal sie namhafte Unterstützer wie Gillette, die Bangkok Bank und CP hat, Letzteres ein Konglomerat von Charoen Pokphand, das weltweit über 300.000 Menschen beschäftigt und dessen Produkte bei mir zuweilen etwa in der Tiefkühltruhe liegen. CP steckt auch hinter der Supermarkt-Kette 7 Eleven und den thailändischen KFC-Filialen sowie dem Telekommunikationsgiganten True Move.
   Das von ihnen gesponserte Projekt heißt "True Little Monk", ein "Übungsprogramm in Weisheit für Novizen". Auf deren Website steht überraschenderweise ein ausländischer Mönch im Mittelpunkt, Ajahn Jayasaro, der 1958 als Shaun Michael Chiverton in England geboren wurde und 1980 bei Ajahn Chah ordinierte. Ich hörte mir mal einen Beitrag von ihm auf Youtube an, zum Thema "Vergangene Leben". Hier stellt er zwar zunächst fest, dass man daran nur "glauben" könne, doch dann folgen die seltsamsten Gründe, um diesen Glauben rational zu untermauern, da er sie für "gute Beweise" hält, wobei er diese Formulierung gleich ändert zu "Stützen des Glaubens", kurz danach wiederum als "gesunden Menschenverstand" bezeichnet: 1) Der Buddha, der davon berichtete; 2)  Meditierende, die sich an solche Leben erinnerten; 3) 3- bis 5jährige Kinder, die unter wissenschaftlichen Bedingungen solches belegen konnten; 4) Menschen, die dies unter Hypnose berichteten.
  Wenn es das ist, was nach angeblich jahrelangen Retreats, Lehrtätigkeit, dem Vorsitz eines Klosters als Abt und einem Ehrendoktor in Buddhologie herauskommt, dann ist es wirklich besser, ich empfehle meinen Lesern das heutige World Cup-Spiel von Kroatien oder die Matches von Manchester City in der nächsten Saison: Wer genau hinschaut, versteht danach womöglich mehr vom Leben, als wenn er solchen Buddhisten zuhört. Denn im Fußball steckt zuweilen mehr Wille zur Wahrheit und (Geistes-)Gegenwärtigkeit.
   Was man aus dieser Geschichte lernt, ist, dass auch die reichsten Menschen spiritueller Dünnbrettbohrerei zugänglich sein können (oder meinen, sich damit schmücken zu müssen). Aus diesem Grund haben sich religiöse Schwafler auch immer wieder potente Unterstützer und Sponsoren geangelt. Für die Ärmeren unter uns kein schlechter Trost: Mit wenig auszukommen und dabei noch den besseren Durchblick haben zu können.
   Wer es hingegen fiktiv mag, könnte gleich zur Literatur greifen, etwa zu Mariana Lekys neuem Roman "Was man von hier aus sehen kann", und darin einem Zen-Mönch begegnen. Oder er lässt sich ein paar Sätze aus László Krasznahorkais "Im Norden ein Berg ..." (Fischer 2007) durch den Kopf gehen, wo ein Enkel des Prinzen Genji über den Buddha sagt: "Wir wissen nicht mehr, was du von der Welt gedacht hast. Wir verstehen jedes deiner Worte falsch. Wir sind völlig verloren." Macht nix, möchte ich diesem Prinzen-Enkel zum Troste sagen, das erging dem Buddha nicht anders.

[Weltweit begleitet man im Moment die Rettungsaktion von 12 thailändischen Jungen und ihrem Trainer, die in einem überfluteten Höhlensystem in der Provinz Chiang Rai eingeschlossen sind. In diesem Zusammenhang bat der hiesige "höchste Patriarch" um die Rezitation des Metta-Suttas, und ich konnte einige m. E. verfrühte, wenn auch verständliche Freudensausbrüche im TV sehen. Hier zeigt sich wieder die tröstende und Hoffnung machende Funktion einer Volksreligion, auf die so viele Menschen nicht verzichten können. Die Frage, die sich in diesem Fall exemplarisch aufdrängt, ist, inwiefern dies zu unrealistischen Erwartungen führt. In Kürze werde ich darum explizit auf den thailändischen Buddhismus eingehen.]


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