Dienstag, 5. Juni 2018

Gewinnen und verlieren

Manchmal ist es gut, ein wenig zu warten. Wie mit diesem Blog-Beitrag. Nach dem DFB-Pokalfinale juckte es mich bereits in den Fingern, einen Text über die mangelnde Fairness im Profifußball zu verfassen. Das Champions Legue-Endspiel setzte dem Ganzen dann die Krone auf. Was war geschehen? Eigentlich nicht viel. Mein Bruder, Eintracht-Fan (ich Bayern-Anhänger) meinte deshalb: "Die Bayern werden's verkraften." Und ein paar Wochen danach spielt das Ganze tatsächlich in meinem Denken und Fühlen kaum noch eine Rolle. Ich habe aber einige prinzipielle Überlegungen angestellt, wie ich schon seit Langem als quasi erfolgsverwöhnter Fan einer Topmannschaft mit der Konkurrenz umgehe. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich mich sehr wohl über einen "verdienten" Sieger freuen kann. Es gab mal eine Saison, in der die Eintracht glänzte und beinahe Meister wurde. Dann eine, wo es Schalke nur knapp verpasste. Und ein paar Jahre, wo Dortmund den Bayern Paroli bieten konnte und sie in einem DFB-Pokalendspiel vom Platz fegte. Das alles sah ich mit einer gewissen Achtung vor den Gegnern und mit Freude an deren verdientem Erfolg und ihrer begeisternden Spielweise oder ein bisschen Trauer über ihr knappes Scheitern.
   Etwas ganz anderes sind Spiele, die durch den Schiedsrichter und seine Linienrichter entschieden werden (Letztere fallen dabei meist durch Duckmäusertum auf). In diesem Jahr war es zunächst für mich als Zuschauer nicht einfach, ich musste mir mehrere Wiederholungen der Spielszene ansehen, die zum 2:1 der Eintracht führte. Dort erkannte ich, dass zunächst James von Bayern von hinten umgestoßen wurde und dann der Frankfurter Boateng eine "unnatürliche" Handbewegung (er fuhr den Arm unnötig weiträumig aus und schnickte den Ball dann zu einem Mitspieler) machte, ehe ein wirklich genialer Pass und ein rasend schneller Rebic zum Treffer führten. Der Schiri stand direkt dabei und hätte die beiden vorausgegangenen Unregelmäßigkeiten sehen müssen. Ich saß hier vor einem TV in Thailand und hörte die ungläubigen Kommentare der Thai-Reporter, die sogar Thiago als Diego aussprechen, jedoch nicht fassen konnten, dass zumindest Boatengs Handspiel nicht gepfiffen wurde (das Ganze durften wir schon da mehrfach in der Wiederholung ansehen). Da ich nicht weiß, was der deutsche Zuschauer erkennen konnte, will ich die noch groteskere Situation nach dem Foulspiel von eben jenem Boateng (ein Spieler, der schon durch etliche Fiesheiten aufgefallen ist, so trat er mal Hasebe - einem jetzigen Mannschaftskollegen - mit den Stollen ins Gesicht, legte Ballack brutal kurz vor einer WM lahm) schildern, das er an Martinez vor dem Schlusspfiff beging. Hier wurde uns genau das gezeigt, was der Schiri an seinem Bildschirm sah, und zwar eine Endlosschleife jenes Fouls. "Au weia", seufzte ich, "ein Elfer kurz vor Schluss, das wird wieder Gerede geben." Und dann war nix mit dem Elfer.
   Von dort kommen wir zu Boatengs späterem Geständnis, er hätte sich über einen solchen Elfer nicht beklagen können. Woraufhin ein Schiedsrichter-Experte in einer Zeitung darauf bestand, dass die foulenden Spieler hier keine guten Ratgeber seien. Wie auch immer, das Gleiche war den Bayern ja erst einige Wochen zuvor im Halbfinale gegen Real Madrid passiert, als Marcelo nach dem Spiel ein Foul zugab, dass zu einem Elfer der Bayern und vielleicht zu ihrem Finaleinzug geführt hätte. Da Real Madrid wiederum schon in der Runde davor in allerletzter Sekunde ein fragwürdiger Elfer gegen Juventus Turin zugesprochen wurde (der sie weiterbrachte) und im Endspiel gegen Liverpool zwei schwere Fouls des Brutalos Sergio Ramos nicht bestraft wurden, muss man auf dieser großen Bühne bei solchen "Serientaten" schon die Frage stellen dürfen, ob da nicht jemand nachgeholfen hat und nicht einfach der Schiri unfähig oder insgeheim parteiisch war (bei der arroganten Ausstrahlung des Bayern-Managements wäre das zumindest nicht ganz unverständlich), damit Real wenigstens einen Titel in dieser Saison holen konnte.
   Was nun dieses Spiel angeht, so hat sich inzwischen herausgestellt, dass Liverpools Torhüter Karius nach dem Ellbogencheck von Ramos eine Gehirnerschütterung erlitt - und danach zwei katastrophale Fehler machte, die möglicherweise auf eine Einschränkung seiner räumlichen Wahrnehmung zurückgingen. Es gibt Menschen wie Oliver Kahn, die einen Klassespieler wie Ramos noch in Schutz nehmen und es als seine Aufgabe ansehen, so zu spielen, wie er spielt. Der ebenfalls von Ramos mit einem seiner typischen dem Kampfsport entlehnten Techniken gefoulte Mohammed Sala, der daraufhin vom Platz musste und eine Petition gegen Ramos startete, hätte beinahe die WM verpasst. Bei dieser sehe ich nun kommen, dass schon in der Vorrunde, wenn Spanien auf Marokko trifft, ein dem Ägypter Salah wohlgesonnener Marokanner (oder sogar in einer weiteren Partie ein Iraner) den Rammbock-Ramos in die Invalidität tritt. Dem könnte natürlich die Verbandswelt zuvorkommen, indem sie Ramos, der allein in Diensten von Real Madrid 24 (vierundzwanzig) Rote Karten einsammelte, mal für ein Jahr komplett aus dem Verkehr zieht. Ich habe jedenfalls Salahs Petition wie hunderttausend andere unterzeichnet und mir damals in einem Kommentar erhofft, dass Liverpool seinen Torhüter wenigstens in die Röhre zum Hirnscannen schickt, wenn es schon Salah allein mit seiner Klage lässt (er hat auch einen Anwalt eingeschaltet).
   Von Ramos habe ich nicht gehört, dass er seine Fouls einräumte und eigentlich vom Platz hätte fliegen müssen. Man sah ihn aber während des Spiels mit dem Linienrichter scherzen, als Salah vor Schmerzen weinte. Zum Glück muss ich mir hier nicht das Geschwätz von Oliver Kahn während der WM anhören.

Und wie kriege ich nun wieder die Kurve zum Buddhismus? Zum einen deutete ich oben schon an, dass man m.E. Fan eines Vereins sein kann, ohne die Fähigkeit des gegenwärtigen Staunens und der Freude angesichts von gegnerischen Leistungen einzubüßen. Zum anderen frage ich mich, was in einer Sportart, wo Homosexuelle noch heute Angst haben, sich zu outen, Typen wie Marcelo und Boateng eigentlich von sich halten, wenn sie erst nach dem Spiel in der Lage sind, einen Fehler einzugestehen, eine Unfairness, eine Unsportlichkeit, die über den Ausgang eines wichtigen Matches entschieden hat. Es wäre eigentlich besser für sie, sie würden dann ganz die Klappe halten, weil man so doch zwei Dinge über sie erfährt: 1) Sie zeigen keine Größe. 2) Um das zu kaschieren, wollen sie später noch mit Ehrlichkeit glänzen, kommen mir aber nur wie feige Memmen vor. So etwas macht man vielleicht im Sandkastenalter, wenn man beschuldigt wird, erst mal alles abstreitet, und später, wenn der Käse gegessen ist, sagt: "Ätschibätschi, ich war es doch, haha!" Ich möchte ein solches Verhalten auch von Bayern-Spielern nicht sehen. Eine Silbermedaille ins Publikum zu pfeffern, wenn man verpfiffen wurde, ist allerdings mir verständlich. Und auch, dass einer sich von der Deutschen Nationalmannschaft verabschiedet, wenn er 30 Jahre alt ist, für die kommende WM nicht nominiert wurde und für die danach kaum noch in Frage kommen dürfte - und wenn zwei Spieler wie Özil und Gündogan mitdürfen, die sich weder über ihre zuletzt gezeigten Leistungen noch über ihr Bekenntnis zu einem türkischen Diktator empfohlen haben (und, wie sich jetzt herausstellte, beide nur einen deutschen Pass besitzen). Auch das wird gellende Pfeifkonzerte geben.
   Ich habe dazu einen Vorschlag. Man sollte Spieler selbst - unabhängig von Pässen oder ihrem ersten Einsatz für eine Nationalmannschaft - wählen lassen, für welches Team sie spielen wollen. Und eine zusätzliche "Weltauswahl" einrichten, in der alle sich zusammentun können, die gar nicht für eine bestimmte Nation auflaufen wollen. So könnte man z.B. Rafinha im deutschen Dress auflaufen sehen, und auch einer wie Martinez wäre dabei.

Was buddhistische Mönche angeht, die vielleicht glauben, es schon immer besser gewusst zu haben - schließlich sollen sie sich ja von Weib, Wein und Freuden wie Tanzen oder Gefühlsaubrüchen beim Fußball fernhalten -. nun, in Thailand werden einige von ihnen gerade entrobt, es gibt eine ganze Liste von Vergehen, die man ihnen vorwirft, Veruntreuung von Geldern steht ganz oben, aber auch sexueller Missbrauch und "human trafficking". Einem der gesuchten Mönche gelang die Flucht nach Deutschland, und nun könnte das BAMF den nächsten schweren Fehler begehen, nämlich dessen Asylantrag ernsthaft prüfen, den er eingereicht hat, um der Strafverfolgung zu entgehen - und das, wo eine Delegation hochrangiger thailändischer Polizisten und Staatsanwälte ihn heute Abend im Flugzeug mit nach Hause nehmen wollte. Offenbar hat man vergessen, Thailand zu einem sicheren Herkunftsland zu erklären.