Donnerstag, 18. Februar 2010

Canisius und Phat Hue: Sex und Missbrauch in Kirche und Buddhismus (Teil 4)


Beim Studium einiger Sekundärliteratur zum Vinaya stieß ich auf eine Passage über die dort abgehandelten sexuellen - nun, nennen wir das, was einmal Perversionen hieß: Interessen. Da gab es Passagen zur Sodomie, zur Autoerotik, zum Fetischismus und sogar zur Spektrophilie als Liebe zu Geistern. Was im Vinaya im Grunde fehlt, ist jedoch der Sado-Masochismus. Da der Vinaya auch ein Spiegel seiner Zeit ist, deckt sich das mit dem, was ich in einfachen, bäuerlichen Gefilden Südostasiens beobachtete: Die üblicherweise dort gelebte Sexualität, soweit mir davon berichtet wurde und ich die Sprache darauf bringen konnte, ist eher schlicht. Sado-Masochismus als sexuelle Spielart scheint einherzugehen mit einer gewissen Veränderung der Vorlieben vor allem von Städtern entwickelterer Gesellschaften. Was es jedoch damals schon gab, das war die Masturbation durch andere (Vin. III, 117, ich beziehe mich auf den Pali-Vinaya der Theravadins) und auch Tribadismus, das Reiben der Vulva an einem Menschen oder Gegenstand, normalerweise an der Vulva einer Partnerin. Lustigerweise klingt das Wort für diese Form des Lustgewinnes so ähnlich wie das für Buddha, den "So Gekommenen", tathâgata - es lautet nämlich: talaghâtaka. "tala" kann flach heißen (und somit die Stellung der Frauen beim Sex andeuten) oder auch die Handfläche. Und natürlich ist es verboten. Weil es samphassam - ein Gefühl, das man genießt - verschaffen könnte. Auch verboten ist übrigens - wie findig - sich mit der Ferse im Lotussitz die Scheide zu reiben (panhisamphassa), und gegen den Strom zu baden (dhârâsamphassam sâdiyantâ, Vin. II, 280).

Ich frage mich gerade, ob irgendein Leser dieses Blogs sich darüber nicht so amüsiert wie ich. Doch um zum Ernst der Lage zurückzukommen: Wer von Euch würde eigentlich sein Kind so erziehen, dass es später mal keinen Sex haben will? Genau das verlangt der Vinaya von Ordinierten. Während Regeln, nicht zu lügen, nicht zu stehlen, nicht zu töten, von allen halbwegs gesitteten Eltern ihren Kindern vermittelt werden, geht es in Sachen Sex meist nur darum, dass die Kinder nicht zu früh auf Abwege der Lust oder des Frust geraten oder Schwangerschaften auslösen. Für später wird jedoch in der Regel nicht nur Nachkommenschaft erwartet, sondern ein glückliches Sexualleben erhofft.

Das Verbot des Sexes, so sehr es auch der Ordnungswilligkeit und -notwendigkeit in Tempeln entgegenkommt, muss deshalb überraschen. Denn ein entsprechendes Gelübde abzulegen heißt, über etwas zu reden, was normalerweise nur im vertrauten Kreis und diskret verhandelt wird - und im Grunde niemanden etwas angeht. So leben im Moment zigtausende Menschen in meiner Stadt zölibatär, ohne dass es jemand weiß. Ob freiwillig oder nicht, sie haben keinen Sex, und sie würden das auch nie an die große Glocke hängen. Wenn man es so sieht, ist das Gelübde der Enthaltsamkeit fast schon auf der Ebene von Boulevardklatsch.

Umso schlimmer, das sagte ich schon, wirkt sich natürlich nach all dem Geschwöre von Abstinenz die in diesen Bereichen kaum zu vermeidende Verfehlung aus, denn sie muss ja dann möglichst geheim gehalten werden. Nun gut, Wissenschaftler sagen, ohne Lügen kämen wir auch nicht aus. Doch all diese kleinen Schwindeleien und "Notlügen" wirken harmlos gegen das, was uns als Betroffenheit und Leiden immer wieder entgegentritt, wenn Geschädigte von Übergriffen der vorgeblich Enthaltsamen berichten. Ich möchte nun einen überraschend einfachen Ausstieg aus diesem Dilemma anbieten, und zwar mit den Worten Buddhas. Er nämlich sagt im Mahaparinibbana Sutra (6,3), die Sangha könne die weniger wichtigen Regeln ändern. Da Ananda vergaß zu fragen, welche das seien, behielt man alle bei - obwohl das Regelwerk noch zu Lebzeiten Buddhas recht flexibel zu sein schien. Es ist deshalb logisch nicht zu widerlegen, dass man - ohne gegen den Pali-Kanon zu verstoßen - JEDE Regel (mangels genauer Definition der weniger wichtigeren, kleineren) ändern kann. Natürlich ist das sehr sophistisch. Man sollte annehmen, dass zumindest die Parajika, die vier Hauptvergehen, die zum (eigentlich lebenslangen) Ausschluss aus dem Orden führen, nicht zu den kleineren Regeln gehören. Aber wer sich streng an die Wortglauberei hält, der wird hier Argumentationsschwierigkeiten bekommen.

Aus diesem Grund ist es möglich, den Vinaya komplett abzuschaffen oder vollständig zu reformieren. So könnte tatsächlich die Sexualität wieder in die Verantwortlichkeit des Einzelnen verlegt werden, seine Enthaltsamkeit ebenso wie seine Lust, die dann aber -  auf der Basis von beidseitiger Zustimmung und straffrei - offen gelebt werden könnte. Dieser Weg scheint mir die beste Vorbeugung gegen ein verdrehtes Ausleben unterdrückter Gelüste zu sein und den natürlichen Bedürfnissen der meisten Menschen am ehesten zu entsprechen. Dies schließt nicht aus, dass man in einem Tempel auf Diskretion achtet. In Kambodscha habe ich beobachtet, dass sogar im Freien mitten in einem Wald ein Liebespaar aufhörte, sich an den Händen zu halten, als es mich erblickte, um nicht in dieser Hinsicht aufzufallen. Die Freiheit, sich sexuell betätigen zu dürfen, ohne dies zu tabuisieren, ist also vereinbar mit Rücksichtnahme.

Wenn wir ins Detail gehen, sehen wir schon, was ansonsten blüht: Eine Vinaya Kamma ("Bußgericht") nach der anderen. So ist es beispielsweise einem Ordinierten untersagt, in einem Fahrzeug zu reisen, außer wenn man krank sei. Als Fahrzeug galten Sänften, aber auch alle Wägen, also alles mit Rädern. Im Grunde blieben den Ordinierten dann auch heutzutage nur Schiffsreisen.* Und wie wäre es mit einem Wasserflugzeug?

Tatsächlich finden Ordenssitzungen wegen solcher Vergehen gar nicht statt. Das Regelwerk wird nicht mehr ernst genug genommen, die Ordinierten selbst verspotten es Tat für Tag durch ihre Taten. In Südostasien begegnete ich Novizen, die sich Parfüm auf dem Markt kauften, Nonnen bettelten mich offen um Geld an. Nach wie vor bildet man sich jedoch ein, nur durch die Fassade der Enthaltsamkeit die Spendenbereitschaft von Laien sichern zu können. Hierfür darf man nun getrost das Wort "Perversion" reaktivieren. Wenn man den Vinaya nicht mehr leben kann, warum sich krampfhaft daran klammern? Auf mich als Anhänger des Laienbuddhismus wirkt es gesünder, ihn vollständig zu entstauben, um auch das, was Laien von Ordinierten trennt, aufzuheben - denn auch dies ist nur Fassade. Jeder, der sich eine Robe verdienen will, mag sich so viele Regeln geben, wie er möchte. Doch niemand, der sich Regeln gibt, die er selbst verspottet,  und daraus Sonderrechte ableitet, verdient mehr Respekt als all die zigtausende Bewohner meiner Stadt, die gerade den Zölibat halten und das Wort "Buddha" nie in den Mund nehmen.


* [In der Pali Text Society Ausgabe in Mahavagga 9 = Vinaya, Vol. IV, p.191 = Book of the Discipline, part 4, p. 255. Dank an Bhante Dhammika. Fotos: Keller (Kuba)]

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