Mittwoch, 24. September 2014

Todesschwadronieren mit Ole Nydahl

Die Zugriffe auf meine wenigen Beiträge zu Ole Nydahl haben zugenommen. In den letzten Jahren hatte man auf meine Kritik offenkundig u. a. mit einer Satzungsänderung und dem Löschen eines Videos reagiert, siehe hier und hier. Da nehme ich ihn doch einfach noch mal ganz aktuell auseinander. (Beeilt Euch, bevor die Belege wieder gelöscht, verändert oder manipuliert werden!) Zuerst dachte ich, der Ole Nydahl hätte hier im 2. Video gesagt, er danke seinen Eltern dafür, dass sie ihm ein paar gute Jeans gegeben hätten. Aber nein, er sagte: "Genes" (Gene). Er meint, da er schnelle Motorräder fahre und Fallschirm springe würde er kein bewusstes Interesse an einem langen Leben haben. Er würde "so viele gute Eindrücke in diesem Leben zu sammeln suchen", dass er im nächsten "die Kraft habe, mehr Wesen zu nutzen".

Hier ist natürlich ein Widerspruch. Da der Ole gerade noch eingestanden hat, sein Leben mit eher risikoreichen Betätigungen zu gefährden, kann es ihm folglich nicht zuallererst darum gehen, möglichst viele gute Ursachen zu akkumulieren, denn das bedingt ja den Faktor Zeit. Jedenfalls glaubt er tatsächlich nach Dumpfbackenart, dieses "Gute" (das nach regelmäßiger Meinung seiner Jünger wie auch ständig wiederholten Aussagen von ihm selbst offenbar vor allem darin besteht, weltweit zu missionieren) sei die Voraussetzung für eine konkrete neue Existenz, in der "er" ("I") sich selbst dann noch im Missionseifer toppen könnte. Dies ist also offenbar die Verständnisebene des Ole Nydahl: Da ich ansammle, werde ich folglich wiedergeboren (also dem Kreislauf nicht entrinnen und weiter in Samsara gefangen sein). Herzlichen Glückwunsch! Genau dazu rät er übrigens auch im 1. Video, nämlich Eindrücke bewusst im Geist zu verankern, damit sie sich im nächsten Leben verwirklichen. Im Palikanon hingegen wird uns schon gelehrt, dass wir uns von solchen geistigen Verklebungen besser befreien sollten.

Der Ole ist in Wirklichkeit ein Komiker. Ab etwa Min. 0:45 des 1. Videos erzählt er, wie vielen Leuten er ein Loch in den Kopf machte (rein gedanklich natürlich), fragt dann in die Runde, wie viele der Zuhörer ein solches Loch im Schädel hätten, und wow, da gehen aber die Finger hoch! Ich habe übrigens gleich mehrere, durch die ich z.B. atme und fresse. Doch durchs Oles Loch kommt nix rein, es geht was raus, nämlich der Geist. Auch zu dieser Erkenntnis: Herzlichen Glückwunsch!

Eine kleine Randbemerkung noch zum vom Lama zitieren Kardiologen Pim van Lommel, der zwar zum Nahtod schrieb, aber über Leute, die einen Herzstillstand hatten und nicht solche, die hirntot waren: Als ich meine eigene Nahtod-Erfahrung machte (oder das, was ich dafür halte), sah ich mich auch von oben, und seitdem weiß ich, wie blöd das aus dieser Perspektive aussieht, wenn sich das Übergewicht in einem Bäuchlein wie bei einer Schwangeren sammelt. Und ich hatte womöglich nicht mal einen Herzstillstand, aber eine Überdosis Drogen in mein Lassi-Yoghurt gemischt bekommen (um mich auszuschalten). Mit uns allen ist es das Gleiche - wir waren nicht tot und können darum nichts über den Tod aussagen.

In diesem Video hält der Ole die tibetische Lehre vom Sterben für die tollste und begrüßt Meditationen, mit denen man sich darauf vorbereiten kann. Allerdings glaubt er das selbst nicht, wie man daran erkennt, dass er bei seiner Rede permanent den Kopf schüttelt. Beim Ole ist es also wohl derart, dass er die Leute zumindest nicht immer veralbert, sondern sich selbst an der Nase herumführt. Er merkt nicht, dass er gar nicht glaubt, was er sagt! Hierzu mein metta!

Ebenfalls aus dem vergangenen Jahr stammt dieser Ausschnitt über eine Phowa-Veranstaltung. Hier meint der Ole, wir wüssten nicht, wann wir stürben, also: "Prepare!" (Bereitet euch vor!). Mein Standardeinwurf ist hier: Wieso sollte man sich auf etwas vorbereiten, von dem man nicht mal weiß, wann es eintritt, geschweige denn, dass es sich wiederholt, mit anderen Worten, von dem man nicht wissen kann, wie es ist und folglich auch nicht, wie man sich vorzubereiten hat? Man nehme einfach mal an, man müsste ein einziges Mal im Leben den Pilotenschein machen, wüsste aber nicht, wann der Prüfungstermin ist, nur dass man auf jeden Fall danach tödlich abstürzt. Palim-Palim! Aber halt, nach Ole geht die Vorbereitungsübung so (ab Min. 0:35): Ein weißes Licht geht von der Fontanelle runter in den Körper, und ratet mal, wo das herkommt? Richtig, vom Sperma unserer Väter! (Und ich hielt das bis heute noch für Schuppen!) Aber es wird noch besser. Wenn einer tot ist, aber nicht genug meditiert hat, dann übermanne ihn das "immens klare Licht" und er werde für 3 Tage und Nächte (!) bewusstlos (!!). Danach kämen die "unterbewussten Unterdrückungen" (subconscious suppressions) hoch (!!!). Nach 10 Tagen merke aber auch er, dass er wirklich tot ist und trete hernach ins "Bardo" ein.

Herrjeh, hört dass denn nie auf - Tag und Nacht, Bewusstlosigkeit, Unterbewusstsein, Zeit? Wenn man nach der Ole-Methode stirbt, sollte man wirklich eine Uhr dabei haben! Übrigens sehen wir hier, dass er sich das alles angelesen hat und ein bisschen durcheinanderbringt, denn dieses spezielle (Tschönyi-)Bardo  dauert der Überlieferung nach symbolische 14 Tage an. Auch die Zustände davor sind eine andere Art von Bardo (Gegebenheiten des Geistes), sowohl nach dem Tibetischen Totenbuch wie auch nach Naropa.

So kann das nicht weitergehen! Ich rufe hiermit zu einer neuen Ice Bucket Challenge auf, und zwar soll jeder, der mitmacht, einen Beitrag zur Wurzellama-Behandlung spenden. Hier sind die drei, die ich nominiere: Dalai Lama, Dschihadi Hadschi und SoLa Aoi (Samenspende okay).


(Foto: Keller, aufgenommen mit Kindle Fire)

Mittwoch, 17. September 2014

Sterben mit Kikifax Roshi

Kürzlich erwiderte ich eine Kritik in einem Kommentar, es gäbe eben kaum Zenlehrer im Westen, die nicht von anderen Traditionen beeinflusst oder verwirrt worden seien. Sogleich stieß ich auf ein Beispiel: Joan Halifax. In ihrem Wiki-Eintrag werden als "Vorgänger" Bernhard Glassman und Thich Nhat Hanh genannt, als Lehrer Seung Sahn. Auf dem Foto ist sie da mit dem Dalai Lama zu sehen. Schon haben wir alle Pappnasen beisammen (in Bangkoks größter Buchhandlung Kinokinuya füllen TNHs Bücher drei Regale, die des DL ein halbes, manchmal stehen sie auch nebeneinander). 
   Wir bekommen eine Idee davon, was einige Zenlehrer daran fasziniert, Hospize zu betreiben und zu betreuen (in Japan beschweren sich Zenlehrer eher mal, dass man sie nur für die Toten braucht). In Buddhist Care for the Dying and Bereaved (Wisdom 2012) schreibt Halifax: "Wir nutzen [bei der Betreuung von Sterbenden] tonglen, die neun Kontemplationen des Atisha" und noch was von Lama Yeshe. Auch dessen Wiki-Eintrag ist aufschlussreich, wird dort doch nicht nur von einer "celibate marriage" im Sinne einer Scheinehe gesprochen, die er eingegangen sein soll, um mit australischem Pass nach Tibet reisen zu können (haha, wie unauffällig!), nein, er habe auch nach seinem Studium den Geshe-Titel abgelehnt. Da fällt mir ein, was bitteschön in meinem Wiki-Eintrag einmal stehen sollte, dass ich nämlich stets meine farbigen Gürtel nach den Kampfkunst-Prüfungen ablehnte und mir vor zwei Monaten dann doch ehrenhalber ein falscher schwarzer (Leder-)Gürtel in einem Touristenneppladen verliehen wurde (den ich freilich wegen seiner zahlreichen Löcher schätze, da ich unter Gewichtsschwankungen leide). 
   Was aber nun den Yeshe von mir unterscheidet ist, dass er sich bereits - vom Dalai Lama bestätigt - bei Bekannten reinkarnierte (ich denke noch drüber nach, wen ich damit mal belasten werde), nämlich als Tenzin (D)Ösel der Eheleute Hita-Torres, beide natürlich ehemalige Schüler des Yeshe, was schließlich jedoch zu deren Scheidung beitrug (so ist das mit den guten Absichten). Als Senor Hita, nach abgebrochener Geshe-Ausbildung (wohl ein Hinweis auf seine Vorexistenz), nach Spanien zurückgekehrt, gab er kritische Kommentare dazu ab, als Kind aus seinem Elternhaus auf den Thron einer fremden Kultur verpflanzt worden zu sein. BBC Radio porträtierte ihn. Unten ist ein missratener Film zu sehen, den er selbst drehte.
   Doch zurück zu Joan Halifax. Man verstehe mich nicht gleich wieder falsch, ich sehe in ihrem TED-Auftritt das emotionale Ringen um eine "Wahrheit". Doch kann die im Zen nicht so aussehen: "Mitempfinden (compassion) hat Feinde, zum Beispiel Mitleid, moralische Entrüstung und Furcht." Dies nennt man "in Dualismen denken". Und man kommt, außer bei TNH, nicht davon, wenn man so daherschwurbelt: "Wir sollten unsere Gesundheitsdienstleister in Mitempfinden ausbilden, damit sie das tun, wozu sie da sind, nämlich das Leiden transformieren (sic!)." Wir sollten unsere Zenlehrer eher zum Erwachen bringen, damit sie das tun, wozu sie da sind, nämlich eine klare Sprache pflegen und die Dinge so erkennen, wie sie sind. Wenn nämlich, wie Halifax meint, in uns allen das Mitempfinden weile, dann wissen wir doch angesichts solcher Burschen, wie sie gerade einem Journalisten namens James Foley den Kopf abschnitten, dass es sich dabei um eine äußerst selektive Eigenschaft handeln kann. Und die ist nun mal nicht der Weisheit letzter Schluss. Witziger hat Robert Thurman, Ex-Mönch, Sanskrit-Gelehrter, Vater von Uma und DL-Schüler, auf der gleichen Plattform übers Mitempfinden geplaudert, kam jedoch zu ähnlich irrsinnigen Trugschlüssen, etwa dem, der Dalai Lama würde jeden Schlag auf den Kopf einer Nonne in einem chinesischen Gefängnis spüren, und Mitempfinden bedeute, zu fühlen, was andere fühlen. (Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, könnte das mit den Schlägen so einiges erklären ...)
   Halifax hat übrigens einen Doktortitel. Die Frage ist, ob sie nicht weniger durch das anthropologische Studium des Sterbens in verschiedenen Kulturen als durch die LSD-Experimente ihres Ex-Ehemannes Stanislav Grof beeinflusst wurde, aus denen sie schon in den 70er-Jahren auf Wiedergeburtserlebnisse schloss. Was kommt jedenfalls heraus, wenn man sich von all denen eine Scheibe abschneidet, von denen dieser Blog als Lehrer abrät? Eben.

Womit ich noch eine Anekdote aus einem gelöschten Kommentar nachschieben möchte, weil sie zu schade ist, in dessen Versenkung zu verschwinden. Als ich gerade der dreijährigen Tochter eines Freudenmädchens das Fahrradfahren beizubringen suchte und sie das Rädchen über eine kleine Regenfurche heben musste, ermutigte ich sie, statt auf meine Hilfe zu bauen, dies selbst zu tun. Als sie es geschafft hatte, zeigte ich ihr zufrieden meinen erhobenen Daumen. Es war einen Tag vor ihrer und der schwangeren Mutter Abreise zu einer christlichen Hilfsorganisation, die sie die nächste Zeit betreuen sollte. Da zeigte mir das kleine Kind plötzlich kommentarlos eine Mudra (Daumen berührt Mittelfinger). Wie ich so darüber nachdachte, kam ich zum Schluss, dass es sich bei ihr um die Reinkarnation von Kodo Sawaki handeln muss, denn wie er (als Kind) hat sie ein ansonsten recht ungehöriges Benehmen. Am folgenden Tag legte ich ihr also testweise ein Sawaki-Buch (auf Deutsch), einen Manga (thailändisch), einen Nasenpopel, eine Rolle Menthos, einen Chupa Chups-Lutscher und eine Schachtel Zigaretten vor die Nase. Und siehe da, sie schnappte sich das Sawaki-Buch!

Mittwoch, 10. September 2014

Achtsames Essen mit Jan Chozen Bays

"Ts'ao-shan ist frei, alles zu essen." 

(Ts'ao-shan Pen-chi, 840-901)

Kürzlich schrieb ich noch in einem Kommentar, mir würde langsam der Stoff für diesen Blog ausgehen, was gezielte Polemiken angeht, bzw. ich würde mich wiederholen. Auf der anderen Seite geschieht es immer wieder, dass ich, um Thesen zu überprüfen (z.B. bestimmte Lehrer brächten keine sie übertreffenden Schüler hervor [Peter Matthiessen hatte Bernie Glassman nicht nötig, sondern umgekehrt]), mich wal wieder an einigen "Roshis" entlang durchs Netz klicke.
   Was macht z. B. Jan Chozen Bays, die Kinderärztin, authorisiert vom verstorbenen Alkoholiker Maezumi Roshi, der mehrfach verheiratet war und mit dem sie eine Affäre gehabt haben soll? Sie lehrt achtsames Essen, und sie gilt auf dem Gebiet des sexuellen Missbrauchs als Expertin. Da steigt mir natürlich gleich ein diebisches Grinsen ins Gesicht, wird doch im Palikanon sexueller Missbrauch in erster Linie als Ehebruch verstanden.
   Achtsames Essen? Gerade habe ich von meinem Kardiologen die thailändische Aufschrift meines Glucerna-Pulvers, das ich fälschlicherweise für ein Diätprodukt im Sinne unseres Almaseds in Deutschland hielt, entziffert bekommen: "Das ist für Menschen, die nicht mehr normal essen können", sagte er, "zu viel Zucker und Kalorien. Kein Wunder, dass Sie wieder zugenommen haben ..." Ich Depp! Immerhin, ich habe gerade die magische 108 (kg) erreicht.
   Achtsames Essen, wie es moderne Zenlehrer erfinden (so viele sind ja auf dem Trip, sie müssten da was Kreatives raushauen: Achtsames Atmen, Achtsame Geistbasierte Stressreduktion - Achtung, möglicherweise Copyright-geschützt! etc. pp.)? Auf Jon Chozen Bays Infoblatt heißt es, dass jedem seine eigenen Gewohnheiten gelassen werden, es ginge um eine Erziehung zum bewussten Essen mit Gewahrsein der Folgen für die Umwelt. Da wird also versucht, dem klassischen Zen treu zu bleiben (Nicht-Werten), aber insgeheim ist klar, dass eine gewisse Position vonnöten ist.
   Ich habe mich kürzlich mal wieder seltsam an der eigenen Spucke verschluckt, ohne überhaupt gegessen zu haben, und kam dem "trockenen Ertrinken" nahe, als der Stimmritzenverschluss einsetzte. Na sowas, dachte ich, ganz ohne Essen, wäre das nicht ein wirklich köstlicher Witz, so zu verrecken? (Es war freilich gar nicht so witzig.) Ab und an gehe ich zum Burgerladen und esse achtsam und genussvoll den Fischmäc oder den McMuffin mit Speck. Dabei kann ich mir durchaus die ganze Herstellungskette vorstellen, da ich ja beim Töten von Tieren mit Bolzenschussgerät schon als Kind dabei war (wir lebten und arbeiteten auf einem Bauernhof). Nicht-wertend geschieht überhaupt nichts, außer dass mir der Burger mal wieder saugut oder rindsgut oder kabeljaugut schmeckt.
   Nun stellt sich die Frage nach der Empathie. Was, wenn ich mir vorstelle, wie das Tier starb? Ich denke, so möchte ich auch sterben, mit einem kurzen Dong und aus ist. Was ist mit dem Leben davor? Nehmen wir an, ich imaginiere das Huhn in einem engen Käfig, wo es sich mit anderen hackt. Meine Vorfahren haben noch Tiere in der Wildnis erlegt, die damit rechnen mussten, von anderen verletzt oder aufgefressen zu werden. Das Tierleben ist eben mal kein Zuckerschlecken (außer für die kleinen Ameisen in meiner Bude, die gerade über einen Krümel am Boden herfallen). Ich esse Wild wegen des intensiven Geschmacks lieber als Haustiere, aber die Tiere auf dem Burger gab es ja so in der Wildnis gar nicht, die wurden ja quasi für den Burger erfunden und gezüchtet. Im Grunde ist ihr Leben nicht viel tragischer als das in freier Natur. Isst einer z.B. eine Schildkrötensuppe, so ist die aus einem Tier gemacht, das eine minimale Überlebenschance hatte - die meisten frisch geschlüpften Schildkrötchen überleben die ersten Tage nicht, sondern landen in den Verdauungstrakten anderer Lebewesen. Es ist also schwer möglich, durch rationale Überlegungen auf das Mitempfinden zu kommen, das die Fleischkonsum-Gegner oft geltend machen. Es dürfte sich durch "Achtsamkeit" wenig an den Essgewohnheiten ändern, da hierdurch nur rationale Gedankengänge ausgelöst werden. Das Nicht-Wertende ist vorgeschoben, denn ohne Wertung wird man weder von den Chips noch von der Cola noch vom Burger lassen.
   Im Palikanon gibt es keine Grundlage für diese Dinge, sie haben also gar nichts mit Buddhismus zu tun. Auch damals hielt man schon Haustiere, die Tötungsarten dürften eher dem Schächten geähnelt haben, die Mönche bekamen Fleisch gespendet, Butter, Zucker und Honig wurden ausdrücklich als "Medizin" empfohlen, alles Dickmacher, und Theravada-Mönche werden noch heute nach Mittag damit in den Häusern verköstigt, in die sie eingeladen werden. Überall auf der Welt sieht man dicke Mönche, sicher auch, weil die buddhistischen Essensregeln nicht hinreichend mit modernen Erkenntnissen übereinstimmen.
   Neulich zitierte ich aus einem Roman, dass Tiere nur unsere Nähe suchten, wenn wir ihnen zu essen geben. Umgekehrt ist es nicht weiter verwunderlich, dass wir gerne auch von Tieren zu essen bekommen, und da keinem von uns, wie in einer Zen-Geschichte, die Vögel Nüsse beibringen, nehmen wir es uns von den Tieren selbst. Darin steckt eine gewisse Logik, zumal, wenn ich achtsam den Lauf der Natur betrachte. Würden wir keine Haustiere schlachten, dann gingen wir wieder hemmungslos auf die Jagd, und da das Wild nicht ausreichte, würden wir wieder Haustiere züchten. 
   Die Achtsamkeit wird manchmal durch sehr individuelle Tatsachen erzwungen. Ich vertrage seit einigen Jahren das geschätzte scharfe Essen nicht mehr (Reflux). Kürzlich lief ich zufällig in ein Gebäude, das hellstes Entzücken in mir auslöste, es war voller japanischer Restaurants (sogar eines im Maiko-Stil, wo junge Frauen in sexy Manga-Maid-Outfits bedienen und zu Fotoshootings gegen Entgelt bereits sind), es gibt da japanischen Melonenkuchen, Grüntee-Eis; Omu-Omeletts und sahnegefülltes Gebäck (Chou Cream). Meine Achtsamkeit gebot mir, von den meisten der fetten und scharfen Speisen Abstand zu nehmen, jedoch war ich mir auch meiner Sinnenlust gewahr und der Vergänglichkeit meines Lebens und habe genau deshalb (!) sogar mein Kimchi-Schälchen aufgefuttert. In der Nacht brauchte ich dann Galviscon, was es hier glücklicherweise zu kaufen gibt. Mein Tipp also: Gateway Ekamai in Bangkok, nahe der Bushaltestelle. Wieso sollte man, wenn man achtsam ist, seine Bedürfnisse ignorieren?
   Was "Achtsamkeit" (mindfulness) im Zen bedeutet, habe ich kürzlich durch Zitate aufgezeigt. Es ist ein weiterer Begriff aus der Tradition, den manche Zenlehrer einseitig für ihre persönlichen Überzeugungen und ihre Spendenbüchsen missbrauchen. Die von Chozen Bays geforderte "Freiheit von gewohnheitsmäßigem Verhalten und Denken" würde dann also auch umfassen, dass ich frei vom reflexartigen Verzicht auf Genussmittel bin. Das lässt sich alles in sein Gegenteil verkehren, weil es letztlich gar nicht wertfrei ist. Wer irgendwelche Zweifel hat, dass die übliche Essens-Ideologie sich hinter dem Konzept der Zenlehrerin verbirgt, kann ja mal in das folgende Video reinschauen (Motto: Chicken Nuggets können keine Medizin für unseren Körper sein - "dies ist keine Nahrung, dies ist etwas anderes" - ich hingegen wette einen Tausender, dass jemand sich ein Jahr von Chicken Nuggets und Cola ernähren kann, ohne zu krepieren).
   Wie sehr sich die Menschen der naheliegenden (nicht-verschwenderischen) Ernährung entfremdet haben, zeigt sich dann auch in den Anmerkungen eines Berichtes im Stern, wo die (vermutete) Verarbeitung von Hühnchenknochen und -füßen als eklig bezeichnet wird. Nicht nur habe ich schon als Kind gerne an den abgebissenen Enden von Hühnerknochen das Mark herausgesaugt, Hühnchenkrallen sind noch immer eine beliebte und schmackhafte Suppenbeigabe in Asien. Der Westen zeigt mal wieder allen seine Scheuklappen, und Jozen Bays, wo sie nicht loslassen will.
   Dies ist keine geistige Nahrung, dies ist etwas anderes ...
  


Wer Englisch versteht, kann sich hier an einer Studie zum achtsamen Essen beteiligen, damit auch diesen Leuten vielleicht ein Licht aufgeht. 


Dienstag, 9. September 2014

Zazen mit krummem Rücken ...

[Nachtrag zur letzten Buddhaland-"Affäre": "Defamation as a criminal act in Thailand is defined by the Thai Criminal Code as a statement made by a person who imputes anything to another in a manner which is likely to impair the reputation of the latter or to expose him to hatred or contempt. Under the same Code, such person is liable for an imprisonment up to two years or he can be ordered by the court to pay a fine of 200,000 Baht or may be both. (...) Under Section 423 of the said Code, any person liable under the same shall compensate the victim for any damages that the latter may suffered."]

Got it?

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Diese Doku über das Eiheiji und seinen 104-jährigen Abt Miyazaki Ekiho Zenji lief kürzlich auf ARTE, die deutsche Version wurde auf Youtube leider gelöscht. Dort hörten wir die Worte: "Wenn dein Körper geradlinig ist, wird auch dein Geist geradlinig." Das ist witzig, denn nach über 90 Jahren Sitzmeditation hat sich der Körper des Abtes, wie um ihn zu verspotten, verkrümmt! Sympathisch ist, dass er nicht sterben - und zuvor bettlägerig - werden wollte und darum angeblich darauf verzichtete, am Tag zu schlafen. Gegen Ende lag auch er im Krankenhaus.

Mittwoch, 3. September 2014

Kabat-Zinn, Goenka und die Irrtümer des Vipassana

Dass selbst Promovierte zu Flachheiten neigen, sobald sie Buddhismus populär vermitteln, zeigt sich auch beim "Blättern im (neuen) Buch" von Jon Kabat-Zinn. Der widerspricht sich gerne mal selbst, wenn er auf einem Kongress vor Kollegen die klassiche Zenweisheit zitiert, Meditation bringe einen nirgendwohin, in seinem Buch jedoch gleich zu Beginn betont, dass wir eine konkrete Zielvorstellung für die Meditation bräuchten. So etwas passiert, wenn man sich einen eigenen Brei zusammenrührt und die notwendigen Ingredienzen der Überlieferung vergisst. "Wenn du der Langeweile Aufmerksamkeit schenkst, wird sie ungeheuer interessant", meinte er einmal. Ich habe es mit seinem Buch probiert und kann dies nicht bestätigen.
   Kabat-Zinn hat versucht, aus dem Buddhismus eine gesundheitsfördernde, stressreduzierende Meditationsmethode (MBSR) zu extrahieren, die man ohne die Bindung an eine Religion nutzen kann. Dabei bedient er sich vor allem bei der "Body Sweeping"-Übung des Burmesen U Ba Khin (1899-1971), die die Aufmerksamkeit auf jegliche Regung im und am Körper richtet, angefangen von den Empfindungen beim Ein- und Ausatmen an den Nasenlöchern. Diese Idee wird vor allem mit dem Dhyanasamadhi-Sutra in Verbindung gebracht, was bei genauer Betrachtung überraschen mag. Dieses  Sutra (T15, 269c-286a, hier auf Englisch) wird zwar auf einen orthodoxen Sarvastivada-Standpunkt zurückgeführt, also auf die bedeutendste der frühen Hinayana-Schulen, ist uns aber in der Übertragung durch Kumarajiva bekannt und stellt einen Kompromiss mit den Lehren des Mahayana dar (die Sarvastivadin hatten ja eine eigene Sanskrit-Fassung der Lehrreden Buddhas und des Abhidhamma, die vom Palikanon der Vibhajjavada/Theravadin abwich); sein letzter Teil handelt vom Bodhisattva-Ideal. So bestehen dann auch Widersprüche zu den Deutungen der Atemübungen durch Buddhagosa. Versuche, vor allem durch Atemübungen den Mahayana-Buddhismus zu etablieren, hat es ja im Westen durch so genannte Zen-Lehrer wie Thich Nhat Hanh gegeben.
  Der Sinn eines sich Bewusstmachens selbst kleinster körperlicher Regungen bestehe nun darin, sich der Vergänglichkeit bewusst zu werden, "ihre Vergänglichkeit, ihr Ungenügen bzw. ihr Nicht-Selbst auf einer tieferen Ebene" zu verstehen (Wiki). Ich habe einmal einen Mönch getroffen, der für sich reklamierte, sich stets jeder seiner körperlichen Regungen und Gliederpositionen bewusst zu sein. Angeführt werden nun nicht nur von Kabat-Zinn, sondern sogar von der indischen Regierung Erfolge beim Einsatz dieser Meditation etwa in Gefängnissen, wo sie für mehr Frieden und bessere Kommunikation sorgten. Betrachten wir uns jedoch einmal genauer, worum es hier geht.
   Zweifellos darf man von einer Achtsamkeitsmeditation erwarten, dass sie einen aufmerksam und gelassen werden lässt, um es vereinfacht zusammenzufassen. Seltsam ist jedoch die Annahme, es handele sich um Stressreduzierung, denn da die Methode vor mehreren Tausend Jahren in einem relativ stressfreien, arbeitsfreien Umfeld einer Mönchsgemeinschaft enstand, ist diese Wirkung mit Sicherheit nebensächlich gewesen. Mir scheint, es wird hier erst ein Problem geschaffen ("Stress"), damit man dann eine dazu passende Methode verkaufen kann. 
    Betrachtet man sich die Entwicklung eines Menschen, so kann er im Mutterleib im Grunde dank seiner Unfähigkeit, bewusst zu atmen, überleben. Die Lungen des Ungeborenen sind mit Fruchtwasser gefüllt, dehnen und bilden sich dabei aus, der Atemreflex wird zwar gewissermaßen durch eine Art Schluckauf trainiert, tatsächlich aber erfolgt die Sauerstoffzufuhr über Plazenta und Nabelschnur. Man könnte also sagen, dass die Kunst der menschlichen Atmung (man bedenke, dass wir während der Embryonalentwicklung sogar zeitweise den kiemenbehafteten Fischen ähneln) von Anfang an darin besteht, dass sie unbewusst richtig erfolgt. Es mag unmittelbar nach der Geburt nötig sein, etwas nachzuhelfen, um die Umstellung auf Lungenatmung zu schaffen, doch damit hat es sich dann. Ich beschrieb hier schon einmal, wie ich mit einem Kleinkind schwimmen ging und es von selbst anfing, das Tauchen zu erlernen, ins Wasser zu springen, das Atmen unter solchen Bedingungen richtig zu handhaben. Wieso es nun die Aufgabe einer buddhistischen Übung sein sollte, einen an sich problemlosen Vorgang zu problematisieren, ist eine Frage.
   Die andere Frage stellt sich nach den verschwiegenen Nebenwirkungen dieser Meditationsart, die ich für vollkommen überschätzt halte. Beim Besuch einer so Übenden entdeckte ich in ihrem Badezimmer ein Sammelsurium natürlicher Heilmittel und Nahrungsergänzungsmittel, von denen fast alle wirkungslos oder überflüssig sein dürften. Damals kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass eine übertriebene Achtsamkeit auf Vorgänge im Körper sich in Hypochondrie, der Angst vor Krankheiten widerspiegeln könnte. Tatsächlich würde ich heute wetten, dass die Praktizierenden des "body sweeping" gegenüber einer Vergleichsgruppe von Nicht-Meditierenden signifikant häufiger Ärzte aufsuchen und sich Medikamente und Ergänzungsmittel einführen. Man könnte nun einwenden, dass der Knackpunkt der Vergänglichkeit solcher körperlicher Regungen, den es bewusst zu machen gilt, sie davor bewahre. Doch ist diese Tatsache ja allein durch rationale Erkenntnis erfahrbar, und vor allem stimmt sie in Bezug auf körperliche Phänomene nicht: Sollte ich z.B. meinen Herzschlag stets bewusst spüren, so würde dies erst mit meinem Tod enden, und bestimmte Schmerzen vergehen ebenfalls erst mit dem Lebensende. Im Umkehrschluss könnte man daraus bereits herleiten, dass die Übenden also gar nicht machen, was sie behaupten, weil sie dann zu anderen Ergebnissen kämen (nämlich zum Beispiel der "Unvergänglichkeit" ihres Herzschlages oder Blutflusses während der Meditation). Ich behaupte deshalb, dass es sich hier um eine anmaßende Lüge handelt - ohne dass sich alle Lehrer dessen bewusst sein müssten. Die berichteten und auch durch Studien belegten wünschenswerten Auswirkungen auf Übende sind zudem nicht hinreichend durch andere mögliche Parameter (wie Hypochondrie) abgewogen.
   Wie konnte es nun zum Boom dieser Art von Vipassana-Meditation kommen? Wie zu erwarten, handelte es sich keinesfalls um eine rein geistige Angelegenheit oder den Wunsch nach Stressreduktion. Satya Narayan (S. N.) Goenka nämlich - endlich mal einer, der sich durch kostenlose Angebote auszeichnete, dachte ich, bis ich von seinen Exklusivangeboten für Geschäftsleute las und von diesem Kultgehabe - wandte sich einst aus einem einfachen Grund an den Lehrer U Ba Khin - er litt unter Migräne-Anfällen. Mit diesem Thema habe ich mich nun ausgiebig beschäftigt, und heute ist mir klar, dass es nicht nur unzählige individuelle Arten von Migräne gibt (siehe die Standardwerke von Oliver Sacks), sondern auch eine Menge Leute, die ihre gewöhnlichen Kopfschmerzen für eine solche halten. Wie so oft steckt hinter den Methoden buddhistischer Lehrer (und ihrer Lehre selbst) der Wunsch nach Schmerzfreiheit und körperlichem Wohlbefinden. Die Methode funktioniert dann freilich auch nur bei kleinen Wehwehchen und scheiterte natürlich etwa in der Anwendung bei Krebserkrankungen oder Migräne im Allgemeinen.
   "Betrachte und reagiere nicht" wird U Ba Khin dann mit einem seiner Hauptratschläge auf Wiki zitiert. Machen wir uns einmal ganz achtsam klar, was eine solche Einstellung, wenn sie zum Wesentlichen der eigenen Übung wird, bedeutet, dann kennen wir einen Grund, warum sich die Militärregierung in Burma/Myanmar so lange halten konnte.  


(Foto: Keller)