Mittwoch, 31. März 2010

Unterscheidung - Teisho von Kodo Sawaki Roshi

Heutzutage haben alle Zazen-Gruppen oder Meister, die die Lehre vermitteln, bestimmte Zeichen, um ihre Anwesenheit anzuzeigen.
Vor langer Zeit wurden in Indien große Banner aufgehängt. Auch heute noch wehen in einigen Regionen Flaggen in verschiedenen Farben als Andenken an die alte Zeit.
Im heutigen Sprachgebrauch bedeutet das Aufhängen von Flaggen, um den Dharma aufzuzeigen und die wahre Glaubenslehre zu begründen, seine eigenen Erfahrungen in Bezug auf Satori (das Erwachen) auszudrücken. Diejenigen, die vom Dharma sprechen, ohne ihn tatsächlich erfahren zu haben, sind wie Papageien. Sie zitieren Wörter und Ausdrücke von anderen, genau wie ein Wörterbuch. Dharma lehren bedeutet, seine persönlichen Erfahrungen einzubeziehen.
Den ganzen Tag lang benutzen wir Ausdrücke, die absolut keine Bedeutung haben, wie zum Beispiel wenn man sagt: „ Es geht mir gut, danke“, sogar wenn es einem nicht gut geht. Das sind Worte, die rein gar nichts widerspiegeln.
Fortschritt? Rückschritt? Wer weiß schon, was in die richtige oder falsche Richtung geht, was gut und was schlecht ist? Ein Heilmittel kann ein Gift sein und ein Gift kann ein Heilmittel sein.
Im Stadtteil Gion von Kioto hatte Ikkyu eine Schülerin namens Chigoku, die eine hochrangige Prostituierte war. Als sie merkte, dass es keine Hölle gab und sie selbst Buddha war, verließen all ihre Kunden sie mit einem Gefühl völliger Erleuchtung und wurden schon bald eifrige Anhänger des buddhistischen Weges.
Ich höre oft, dass Leute eine bestimmte süße Bohnenpaste einer anderen vorziehen. Sie wird von Kioto nach Osaka transportiert und umgekehrt. Warum sucht man immer woanders? Soweit es mich betrifft, bin ich mit Reisbällchen und Radieschen völlig zufrieden.
Vor langer Zeit bin ich mit dem Zug durch die Kansai-Region gereist. Ich erinnere mich, wie ich in einer Lokalzeitung einen Artikel über die enorme Menge an Sardinen, die im Isu-Meer gefangen werden, gelesen habe, und darüber, was man mit denen machte. Da gab es ein Foto von einem Strand, der völlig mit Sardinen bedeckt war.
Sardinen werden als einfache Fische betrachtet, weil sie in großer Anzahl in unseren Meeren vorkommen. Wenn man sie nur einmal im Jahr fischte, dann würde man sie sicher als große Delikatesse ansehen. Forelle auf der anderen Seite wird als Luxus betrachtet, da sie sehr selten ist.
Ich begleitete einmal zwei Fischer auf dem Fluss Tamagawa, doch ich sah keine einzige Forelle an der Leine hängen. Sardinen schwimmen im Schwarm und mit nur einem Durchziehen des Netzes hat man schon einen ganzen Berg von ihnen gefangen. Sie werden in Lastwagen transportiert, gesalzen, getrocknet und konserviert. Die überschüssigen Sardinen werden als Dünger verkauft. Wir bringen diesen Fischen keine besonders große Hochachtung entgegen, aber sie sind wirklich ziemlich lecker. Tatsächlich würden sie sogar gegenüber der Forelle als besser erachtet, wenn sie nur seltener wären.
Gut und böse sind verhältnismäßige Konzepte, die nicht wirklich existieren. Das Gleiche gilt auch für Wahrheit und Täuschung. Das Gute kann ohne das Böse nicht existieren. Es ist allein das menschliche Karma, das Dualismus produziert und das festlegt, was gut und was schlecht ist. Was macht die Menschen in ihrer kleinen Welt glücklich? Sie mögen es, Spaß zu haben und Geschenke zu erhalten. Freud und Leid sind relative Ansichten, die sich wandeln und die täuschen können. Niemand kann mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass ein bestimmtes Ereignis ein glückliches ist und ein anderes ein unglückliches. Im Guten gibt es immer etwas Schlechtes und im Schlechten immer etwas Gutes. Gut und Schlecht an sich existieren nicht.

[Foto: Daihorinkaku; Übersetzung: Katrin Hugo]

Dienstag, 30. März 2010

Sawakis Dharma-Erbe Sodo Yokoyama (Teil 4)

Poesie und Lieder

Yokoyama wie auch Ryôkan waren ordinierte Sôtô-Zen-Mönche, doch keiner von beiden leitete einen Tempel oder unterwies Mönche. Stattdessen lehrten sie durch die Art, wie sie lebten. Poesie spielte eine große Rolle in ihrem Leben, und letzten Endes wurde ihr Leben selbst zu ihrem größten Gedicht.

Kyûji Inoue war einer der Bediensteten von Daihôrin, einem großen Buddhismus-Verlag in Japan. Er schrieb Artikel für die buddhistische Zeitschrift des Verlages und leitete die Kunstabteilung. Er interviewte viele religiöse Figuren, und sein Artikel, der seinen Besuch bei Yokoyama beschreibt, gibt ein wunderbares Bild von Sodôs Leben im Park ab.

Der auf dem Blatt spielende Zen-Poet in den Schlossruinen bei Komoro

Die Schlossruinen in Tôson Shimazakis Gedicht „Nahe des alten Schlosses in Komoro“ sind nun ein Park namens Kaikoen. Steinzäune stehen noch hier und da auf dem Gelände. Dem Weg zwischen Bäumen folgend, mit ihren Klecksen von Herbstfarben des frühen Oktobers, fand ich das Objekt meiner Suche im Schatten des Buschdickichts. Fast im gleichen Augenblick schien er mich zu bemerken, und wir winkten einander zu, ebenfalls gleichzeitig.
   „Sie haben mich aus einiger Entfernung erkannt“, sagte ich.
   „Nun, ich habe Ihr Gesicht viele Male in der Daihôrin-Zeitschrift gesehen. Danke, dass Sie den ganzen Weg hierher gekommen sind. Bitte betrachten Sie diesen Tag nicht als Arbeit. Denken Sie einfach von ihm als ein Picknick.“
   Sodô Yokoyama Roshi, hier als der Mönch, der auf dem Blatt spielt, bekannt, legte einen eingedrückten Pappkarton auf den Boden und ein Kissen darauf.
„Bitte, ziehen Sie die Schuhe aus und nehmen Sie Platz. Dies ist mein Drachenschloss, und ich bin Urashima Tarô.*
   Ich muss dieses Drachenschloss beschreiben. Auf der Nordseite befindet sich ein Bambushain, mit einem Wald weit hinten. Der Bambushain blockiert im Winter den Wind und ist eine perfekte Abschirmung von der Sonne. Aufgrund der Lage der Bäume waren wir in einer Art Sackgasse, getrennt von den Leuten, die im Park liefen.
   Dort stand das Drachenschloss. Vor meinem Sitz, den ich den Gästeplatz nenne, gab es einen tragbaren Kocher. Roshis Platz war auf der anderen Seite des Kochers. Darunter war Erde hoch aufgetürmt, um dem Wasser bei Regen das Abfließen zu erlauben. Zwei Stellen nahe einiger Bambusklumpen waren gesäumt von zwei oder drei Platten gewelltem Plastik und Zinn. Verschiedene Werkzeuge waren unter den Platten zusammengepackt, wie eine Art persönliches Schließfach. Auch mein Pappkarton kam daher. Zusätzlich gab es einigen Schickschnack, der fürs Kochen benutzt wurde; alles ähnelte einem Platz, wo Kinder Haus spielten.
   „Alles, was man tun muss, ist zu beschließen, dass wo immer man auch ist, es der beste Ort ist. Sobald man einen Ort mit einem anderen vergleicht, gibt es kein Ende damit.“
   Urashima Tarô erklärte, warum dieser bestimmte Ort sein ganz eigenes Drachenschloss war.
   „Genauso ist es mit der Arbeit. Wenn man beschließt, dass sie die beste ist, dann ist sie es. Nun lassen Sie mich Ihnen Tee einschenken. Der Tee hier ist köstlich.“
   Das weckte meine Erwartungen, doch der Tee kam nicht sofort. Am Boden des tragbaren Kochers blieb ein Stück angezündete Kohle hängen. Roshi brach Zweige und legte sie auf den Kocher, mit einem Zweig als Zange erzeugte er geschickt eine Flamme.
   „Nun, während wir darauf warten, dass das Wasser kocht...“
   Roshi nahm das Blatt, das auf der Wasseroberfläche in einem Teller geschwommen war und hielt es mit zwei Fingerspitzen an seine Lippen. Die Melodie des Blattes, als er „Das Lied vom Herzen eines Reisenden auf dem Chikuma-Fluss“ spielte – ein bisschen traurig, natürlich und gelegentlich zögernd – schwang mit dem Fluss der Herbstluft mit. Auf den Knöcheln sitzend, die Knie gebeugt, während seine linke Hand den Rhythmus auf seinem Schenkel schlug, fuhr er mit den Liedern „Verlassenes Haus meiner Heimatstadt“ und „Lehmhaus“ fort.
   Das Wasser begann in dem kleinen, verbeulten Topf zu kochen. Ein paar Leute fingen an, sich zu versammeln. Er hörte mit dem Spielen auf und warf mit einer anmutigen Bewegung Teeblätter in den Topf.
   Vor meinem Pappkarton auf dem Boden befand sich ein Stück Rinde, von einem Baumstamm geschält. Darauf lagen nebeneinander zwei blasse Kirschblätter, die als Teller dienten. Auf einem lag in Essig eingelegtes Grünzeug und im anderen gab es süße gekochte Kastanien. Zwei Bambusstöcke wurden als Essstäbchen benutzt. Was für einen eleganten, raffinierten Tisch er gedeckt hatte!
   Unter den sanften Sonnenstrahlen des Nachmittags erinnerten Roshis welke, klassische Gesichtszüge irgendwie an den Mönch Ryôkan. Doch ich konnte mich nicht in diese poetischen Eindrücke vertiefen. Als uns zahlreiche Besuchergruppen umgaben und ich ihrem Anblick ausgesetzt war, wurde ich ein wenig – eigentlich sogar sehr – verlegen.
   Zu dieser Zeit entsprang dem Wald der wundervoller Chorgesang einer Frauengruppe, und ich dachte: „Ein Chor, hier?“ Das Lied war „Der rote Drache fliegt in der Dämmerung“. Die Stimmen und das Geräusch des Blattes zogen mich in ihrer Harmonie an, und da fühlte ich, dass ich meine Schüchternheit verloren hatte.
   „Ich habe im Sôtô-Zen-Tempel Antai in Takagamine in Kioto geübt.
   „Als Sie ein junger Mann waren?“
   „Um 1962. Ich war etwa zweiundfünfzig oder dreiundfünfzig.“
Diese überraschende Offenbarung machte es schwierig, mehr über seine Vergangenheit zu erfragen.
   „Nun, wie alt sind sie dann heute?“ Ich begann, an den Fingern zu zählen.
   „Ich bin immer neunzehn“, sagte er lachend. „Ich bin am ersten Tag des neunten Monats des dreiundvierzigsten Jahres von Meiji [1907] geboren worden . . . Früher dachte ich an meine Heimatstadt, wenn ich in Antai zu Bett ging. Ich rezitierte gewöhnlich:

Herbstabend im Bett, an meine Heimatstadt denkend
hatte ich einen Traum – träumte von meiner Heimatstadt.
Weit im Norden der Hauptstadt, an einem Herbstabend
hatte ich einen Traum – träumte von meiner Heimatstadt.

Ich wurde in der Nähe des Kitakami-Flusses geboren.“

   Er meinte, er habe eine Melodie dafür kreiert, sie dann zu seinem Lehrer gebracht, damit dieser sie verfeinere. Yokoyama sang das Lied mit einer tiefen, ruhigen, sanften Stimme. Als er fertig war, wendete er sich wieder seinem Blatt zu und spielte immer wieder darauf.
   Irgendwo in einer nahen Baumspitze begleitete ihn ein kleiner, unsichtbarer Vogel.

   „Es war Herbst. Ich war vom Betteln zurückgekommen und niemand war da. Eine Person sollte am Eingang aufpassen, doch sie war nirgends zu entdecken. Auf die Schiebetür, deren Papier ich gerade erneuert hatte, schien die Sonne von Westen. Eine Gottesanbeterin hatte sich dort niedergelassen. Ich hatte das Gefühl, als hätte sie den Ort für mich bewacht, und ich sagte ihr, wir wären beide Verlassene. Schnell zog ich meine Strohsandalen aus, wusch meine Füße und wollte nach ihr sehen, aber sie war verschwunden. Ihre Wache war vorüber, darum muss sie wohl gegangen sein. Es wurde ruhig.“
   Hier sang Yokoyama ein anderes Lied:

„Sie setzte sich auf eine weiße Schiebetür,
die ich mit Papier bezogen hatte.
Gottesanbeterin des Herbstes, wo ist sie hingegangen?“

   Ich konnte niemanden mehr in der Nähe sehen. Auch hier wurde es still. Eine streunende Katze schrie und lief weg. Plötzlich fühlte ich ein Frösteln in den Beinen und der Hüfte. Das Frösteln drang durch den Boden in meinen Körper ein. Es war vier Uhr.
   „Gegen vier Uhr wird es kühl. Rüsten wir uns zum Nachhausegehen.“
   Yokoyama begann bald, das Drachenschloss zu verschließen. Mit dem tragbaren Kocher anfangend, den verschiedenen Kochutensilien und anderen Kleinigkeiten, brachte er seine zwei persönlichen Schließfächer in Ordnung.
   „Auch wenn es regnet, ist hier alles sicher.“
   Dann fegte er sorgfältig, tat das Essen in Tragtaschen, zog die Sandalen aus und Schuhe an, und wir gingen los auf die etwa zwei Kilometer lange Straße, zu seinem Zuhause. Obwohl ich ein Zimmer in Bahnhofsnähe hatte, in dem ich bleiben konnte, begleitete ich ihn. Gerne nahm ich das Angebot Jôkô Shibatas an, mit ihnen beiden eine vegetarische Mahlzeit einzunehmen. Er war ein unter Yokoyamas Führung übender Mönch, der Klosterkoch in Eiheiji gewesen war, wo er drei Jahre geübt hatte.
   Yokoyama lebte zusammen mit diesem Schüler im hinteren Teil des Erdgeschosses einer zweistöckigen Pension, welche auf einem Feld außerhalb der Stadt stand. Es herrschte eine düstere Abenddämmerung. Es gab lila Pilze, Gingkonüsse und Chrysanthemenblätter – seltene Leckereien, im Kaikoen-Park gesammelt. Sie waren so köstlich, dass sogar ich, dessen Appetit in letzter Zeit zurückgegangen war, ganz dem Essen frönte. Je mehr wir aßen, desto heiterer wurde die Unterhaltung.
   „Zuerst bin ich nicht mit dem Vorsatz hierher gekommen, so zu leben.“
   Yokoyama war um 1958 nach Kaikoen in Komoro gekommen.
   „Zu Beginn legte ich etwas Papier unter eine Kiefer, übte Zazen und spielte auf einem Blatt. Es entwickelte sich ganz natürlich hierzu. Sogar, mich zu diesem Platz zu entschließen, brauchte sechs oder sieben Jahre. Zuerst fühlte ich mich dort nicht wohl. Die Zeit muss stimmen. Du weißt schon, karmische Verknüpfungen.“
Dann sagte dieser märchenhafte Poeten-Priester: „Mein Tempel ist der Tempel von Sonne, Berg und blauem Himmel, und die Erde ist mein Lagerplatz.“
   Seine Welt war nicht bloß ein Drachenschloss, sondern noch außergewöhnlicher, erhabener, großartiger.
  „Blätter gehören zum Universum. Spielst du auf dem Blatt, wird dieser Laut Teil des Sonnensystems. Menschen leben, weil das Universum lebt. Aus Gottes oder Buddhas Sicht sind wir alle am Leben, Punkt. Ob wir leben oder sterben, wir sind auf Ewig mit dem Universum verbunden.“


(* Yokoyama bezieht sich auf eine japanische Volkserzählung, deren Held, ein junger Fischer namens Urashima Tarô, zu einem magischen Drachenschloss im Meer geführt wird. Als er an Land zurückkehrt, sind Hunderte von Jahren vergangen.)


[Übersetzung: Melanie Lieberknecht; wird fortgesetzt]

Montag, 29. März 2010

Zen für Führungskräfte: Jesus (sprich: Dschiises)!

Knapp 2 Tage für 1245,- Euro. Irgendjemand dachte, ich interessiere mich dafür, und schickte mir einen Flyer. Würde Ikkyu noch leben, dann könnte er sagen: "Nee, dafür kann ich ja hundert Freudenmädchen beglücken." Schaut Euch also mal dieses Filmchen an. Vielleicht kennt Ihr den "Meister" bereits aus'm Fernsehen. Schon Reinhard Mey wusste: Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Aber nur der Hinnnerk weiß, wie man so Zazen machen muss, dass einem der Daumen nicht abfriert.

Sonntag, 28. März 2010

Die Schule der Feindlosigkeit (XI): Mushin - Nicht-Geist

"Die friedlichen Mittel sind wie auf dem Wasser treibendes Holz: Wenn es Wasser gibt, treibt auch Holz darauf; wenn es kein Wasser gibt, dann auch kein darauf treibendes Holz. Das Holz taucht von selbst auf. Einfach nur dem Wasser zu folgen ist der Nicht-Geist (mushin). Auftauchen, Treiben und Versinken entsprechen der Zeit. Der Feind ist wie Wasser, man selbst ist wie das Holz, das darauf treibt. Wenn man die Selbstlosigkeit erlangt hat, kann man dem Feind entsprechen; der Herz-Geist ist gleichsam göttlich und es gibt nichts, was nicht besiegt werden würde."

[Quelle: Dr. Julian Braun (mit freundlicher Genehmigung): Texte aus der 'Schule der anhaltenden Feindlosigkeit' (Heijô muteki-ryû). Ein Beitrag zum 'gemeinsamen Weg von Schwert und Pinsel' der Samurai im Japan der Tokugawa-Zeit.]

Samstag, 27. März 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 57

Der Geist ist Buddha

Nansen: „Meister Baso sagte: ‚Der Geist ist, so wie er ist, Buddha.‘ Aber ich denke nicht so. Ich sage: Es ist nicht Geist, es ist nicht Buddha. Es ist auch kein Objekt. Liegt darin irgendein Fehler?“ Da trat Meister Jôshû hervor, verbeugte sich und zog sich dann zurück. Ein Mönch fragte ihn: „Was sollte Eure Verbeugung bedeuten?“ Jôshû sagte: „Frag Nansen.“ Der Mönch wiederholte seine Frage vor Nansen: „Was hat Jôshû damit ausdrücken wol-len?“ Nansen erwiderte: „Er hat mich verstanden.“


Meister Kidô

Mit dem Gesicht zur Wand sitzen.


Meister Hakuin

Der Pfeil flog an Shinran vorbei.

Freitag, 26. März 2010

Wie man einen Kult schafft: Maharishi Mahesh Yogi und TM

Gestern konnte ich eine Preview von David Sievekings Doku "David Wants to Fly" sehen. Sehr gut für alle, die sich bewusst machen wollen, wie ein Kult/eine Sekte entsteht und funktioniert, woran man ihre Anhänger erkennt und worum es tatsächlich geht (dass ein paar wenige oder ein Einzelner damit reich werden und - oft heimlich - Sex haben können). Als Filmliebhaber war es für mich besonders erheiternd, wenn David Lynch, der von der Kritik so gern gefeierte Regisseur von Werken wie Blue Velvet und Twin Peaks, sich als  verblendeter Anhänger der Transzendentalen Meditation und ihres Begründers Maharishi Mahesh Yogi offenbarte. Auch Paul McCartney und Ringo Starr von den Beatles hielten große Stücke auf den Sektengründer, der wohl bei seinem Tod (2008) Milliardär war.  Weit über 2.000 Euro kostet ein Grundkurs bei den TM-lern, für eine Million könne man sich den "Maharaja"-Titel kaufen. 

Sieveking, der junge Filmemacher, der ganz nebenbei noch selbstironisch vom Ende seiner eigenen Liebesbeziehung erzählt und dessen jüdischer Humor den Film auch in der Bildauswahl bestimmt (etwa, wenn ein paar gealterte Dicke zum Ringelrein ins Meer hüpfen), hat das Glück, zu allen wesentlichen Veranstaltungen der Sekte rund um den Tod des Yogi eingelassen zu werden. Als erste Bedenken gegen Sievekings kritische Einstellung aufkommen und Drehverbote erteilt werden, schert er sich einen Dreck drum und verkleidet sich z.B. wie ein Anhänger, um Zugang zu einem mit Stacheldraht umzäunten Camp der Sekte in den USA zu bekommen. Ein hochrangiger deutscher Vertreter prophezeit  hierzulande die "Unbesiegbarkeit Deutschlands" durch Methoden der TM. Wie andere Maharajas trägt er eine seltsame Krone auf dem Haupt, die mich an eine Ex-Bekannte erinnert, die jahrelang mit einer McDonalds-Pappkrone durch die Gegend lief und gern als "Prinzessin" angesprochen werden wollte - allein, sie meinte es nicht ernst. Das "yogische Fliegen" erweist sich als Hüpfen im Lotussitz (oder ähnlichem) auf federnden Unterlagen.; in Schulen wird ein Wetthüpfen mithilfe der Stoppuhr ausgetragen. Eine ehemalige Anhängerin berichtet, wie der Maharishi sie zum Sex brachte ("Du darfst es aber niemandem sagen."). 

Ja, es ist wirklich alles drin, der gesammelte Wahnsinn, den die Verblödeten brauchen, die sich nicht selbst zu helfen wissen. Gerne wird ja kolportiert, der Maharishi sei ein Nachfolger des Swami Brahmananda Saraswati. Ein echter Nachfolger, an dessen Tempelmauern gleich zu lesen steht, dass man dort keine (!) Spenden annähme, klärt jedoch auf, der Maharishi sei bloß der Buchhalter des Swami gewesen. Dass Maharishis Nachfolger wiederum ein Neurophysiologe ist, macht mir richtig Kopfzerbrechen. Und dass der Maharishi aus der Ksatriya-Kaste stammte, in die man kam, wenn man die Kriegskunst beherrschte, macht es nicht leichter. Denn dieser Kaste entstammte ja auch unser Shakyamuni Buddha.

Die TM-ler bekommen übrigens ein "geheimes" Mantra zugeteilt - aus einer überschaubaren Liste, wie Sieveking amüsant aufzeigt. Der Buddha lehnte das Üben mit Mantras ab. Als ich zu meinem ersten Zen-Sesshin in einer bekannten buddhistische Übungsstätte (aller Traditionen) weilte, rezitierte man dort  - als eine Art Hausregel - beim Essen "Om Mani Padme Hum". Mir wurde dabei körperlich unwohl. Erst später erfuhr ich, dass der Buddha meinte, ein Erleuchteter würde nicht hum rezitieren (Vin I,3).

[Foto: Neue Visionen Filmverleih]

Donnerstag, 25. März 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 56

Ein Strich

Ein Mönch kalligrafierte vier Striche vor Meister Baso; der oberste Strich war lang und die unteren drei waren kurz. Er sagte: „Ohne von einem langen Strich und drei kurzen Strichen zu reden, ohne Worte und ohne Argumente – bitte, Meister, ant-wortet!“ Baso zeichnete daraufhin einen langen Strich und meinte: „Ohne zu sagen, ein Strich sei lang und drei seien kurz, habe ich dir geant-wortet.“


Meister Kidô

Baso sollte sagen: „Uff! Das war knapp!“


Meister Hakuin

Aus dem Süden kommt eine milde Brise.
Hallen und Zimmer werden langsam kühl.

Mittwoch, 24. März 2010

Die Schule der Feindlosigkeit (X): Shinmyô + Hontai - Wunderbarer Geist und fundamentaler Körper

"Die Kunst der kriegerischen Mittel ist also die Friedfertigkeit. Daher habe ich in meiner Kunst die Friedfertigkeit zur Norm gemacht; durch ihre Anwendung versteht man die Wirklichkeit der Feindlosigkeit. Was auch passieren mag, die Friedfertigkeit ist der fundamentale Körper (hontai) noch vor der Trennung von Himmel und Erde. Daher sind die Eine Energie und der Eine Atem, wenn Yin und Yang, Ruhe und Bewegung, Schnelligkeit und Langsamkeit, Schwere und Leichtheit, richtig und falsch, Anfang und Ende, ehrwürdig und gemein, hoch und tief einander noch nicht hervorgebracht haben, die Unerschöpflichkeit  und Unbegrenztheit des wunderbaren Geistes (shinmyô). In ihrer Durchdringung gibt es weder Innen noch Außen, und daher auch keine äußeren Dinge. Was die Festlegung von Feinden anbetrifft, habe ich meinen Einen Weg darum den 'Stil der Feindlosigkeit' (muteki-ryû) genannt. Aber wenn man zum verborgensten Prinzip der Feindlosigkeit gelangen möchte, dann muss man zuerst die Selbstlosigkeit verstehen. Ohne Selbstlosigkeit kann man nicht dahin gelangen. Wenn Ihr also gründlich von der Wahrheit dieses Weges überzeugt seid, Euch von der Masse löst und bis zuletzt daran festhaltet, dann werden die Kräfte des Herz-Geistes Wirklichkeit und die Erfolge Eures Übens (sessa) sichtbar; der klare Grund der Feindlosigkeit und Selbstlosigkeit wird so erfahren. Unsere Lehre unterscheidet sich nicht davon; daher wird Euch diese Schrift gegeben. Wenn Ihr Euch aber jeden Tag aufs Neue bemüht, ohne das innerste Prinzip zu erreichen, dann werdet Ihr den unbegrenzten und wunderbaren Geist nicht erfahren. Es darf keine Unterbrechung geben. Diese Schrift wird nur an Euch übergeben."


[Quelle: Dr. Julian Braun (mit freundlicher Genehmigung): Texte aus der 'Schule der anhaltenden Feindlosigkeit' (Heijô muteki-ryû). Ein Beitrag zum 'gemeinsamen Weg von Schwert und Pinsel' der Samurai im Japan der Tokugawa-Zeit.]

Dienstag, 23. März 2010

Canisius und Phat Hue: Sex und Missbrauch in Kirche und Buddhismus (Teil 8)

Ein "Kollege" schrieb eine email an diverse Kontaktadressen der Frankfurter Pagode Phat Hue und wollte wissen, wie man da zu den Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens stünde. Zunächst gab es zwei offizielle Stellungnahmen - und dann kam der Hammer, ich habe ihn fett ans Ende dieses Beitrages gesetzt.

Die Antwort der Stelle für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (Frau Keinz):

"Vor allem im Rahmen der Vorbereitungen des Besuchs S.H. des Dalai Lama in Frankfurt, waren die Initiatoren, insbesondere unser Abt Thay Thich Thien Son* zahlreichen Projektionen in der Öffentlichkeit ausgesetzt, die sowohl positive wie negative Begleiterscheinungen hatten.
Wie Ihnen sicher bekannt ist, wurden im Rahmen eines Gerichtsverfahrens die Anschuldigungen an Zen-Meister Thich Thien Son überprüft und seine Unschuld nachgewiesen. Doch die Anschuldigungen dauern in den öffentlichen Foren an und haben viele Diskussionen und Projektionen aufgebracht. Deshalb ist es wichtig, der Frage nachzugehen, welchen Hintergrund, welche Motivation und welche Ursachen hinter einer solchen Hetzjagd stehen, ohne dass ein offener und direkter Dialog gesucht wird. In diesem Sinne sind wir Ihnen dankbar, wenn Sie Anfragen von seriösen Zeitungen, Einzelpersonen oder anderer Sangha/Brüder-Gemeinschaften direkt an uns zu verweisen. Wir stehen jeder Zeit zu einem Gespräch zur Verfügung."


Welches "Gerichtsverfahren"? Wie lautet das Aktenzeichen?
   Interessant ist hier, dass Thich Thien Son erneut als "Zen-Meister" bezeichnet wird, obwohl dieselbe Pressestelle, also Frau Keinz, eine Antwort schuldig blieb, als man nach seiner Lehrbefugnis fragte.
   Mehrfach wird mit dem Begriff "Projektionen" operiert, um von den Sachverhalten abzulenken.
   Es wird nach der Motivation gefragt (dabei ist die doch klar: nur ein charakterfester, authorisierter und authentischer Abt sollte eine Sangha leiten) und behauptet, es sei kein "offener und direkter Dialog gesucht" worden. Das stimmt - was die Pagode angeht. Sie verweigerte sich diesem Dialog. Dialog heißt z.B. auch, dass man Fragen nach der Lehrbefugnis beantwortet.

Dann gab es noch eine Stellungnahme des Abtes selbst:

"Seit einiger Zeit werden Verleumdungen, Informationen und verdrehte Aussagen zu meiner Person gezielt gestreut und im Umlauf gebracht, mit schweren Vorwürfen gegen meine Person, das Kloster und die Sangha.
Dies schadet nicht nur meiner Person, unserer Arbeit und unserer Sangha, sondern auch der Wahrnehmung des Buddhismus in der Öffentlichkeit.
Ich möchte mich deshalb an dieser Stelle noch einmal ganz klar von den Vorwürfen sexuellen Missbrauchs und Ähnlichem distanzieren. Das Wohl und die Entwicklung meiner Mitmenschen, Schüler und Schülerinnen ist die Grundlage meiner täglichen Arbeit.
Aufgrund fortlaufender Anschuldigungen auf dem Internet-Forum der DBU und anderen Zen-Foren vor dem Besuch SH des Dalai Lama, haben wir gegen den Hauptkommunikator Anzeige erstattet. Wir wählten dabei den rechtlichen Weg, um Klarheit zu schaffen. Es erfolgte eine staatsanwaltliche Prüfung der Vorkommnisse und Umstände. Die Verleumdungen wurden zurückgewiesen und uns wurde Recht gegeben.
Aufgrund erneuter Verleumdungsbriefe habe ich nun, nach Rücksprache mit meinem Anwalt, Anzeige gegen Unbekannt eingereicht wegen Rufschädigung; dies mit dem Ziel, in der Öffentlichkeit Klarheit zu schaffen.
Ich möchte mich bei allen entschuldigen, die in die Kommunikation verwickelt worden sind und stehe jederzeit persönlich für Rückfragen zur Verfügung."


Leider lässt sich hier die typische Uneinsichtigkeit und Verdrängung erkennen, die in der Fachliteratur bestimmte Tätertypen kennzeichnet. Das, was tatsächlich der "Wahrnehmung des Buddhismus in der Öffentlichkeit" schaden könnte - z.B. mangelnde Lehrqualifikation und Sex mit Mönchen, wenn man den Zölibat auf seine Fahnen schreibt -, wird hier gar nicht wahrgenommen.
   Interessant ist, dass sich der Abt vom "Vorwurf sexuellen Missbrauchs und ähnlichem" distanziert - wer aber hat denn diesen Vorwurf überhaupt erhoben? Meines Erachtens wurde im DBU-Forum ein Delikt geschildert, dass der Betroffene vielmehr als "sexuelle Nötigung" empfunden haben dürfte. Warum weist der Abt selbst auf einen anderen Straftatbestand hin?
   Wer ist denn der "Hauptkommunikator", gegen den Anzeige erstattet wurde? Was sind das für seltsame Wort-Erfindungen, wieso berichtet der "Hauptkommunikator" nicht davon (denn das kann nur der Geschädigte sein)? Weiß nur der Abt, wovon er spricht?
   "Uns wurde Recht gegeben" - das würde ja bedeuten, dass der Abt Recht eingeklagt hätte. Auch davon weiß keiner was. Das ist eine rhetorische Schwurbelei, die nur den Sinn hat, zu verwirren und von den Fakten abzulenken. Der Beweis folgt:
   "Anzeige gegen Unbekannt wegen Rufschädigung" - nun, es war doch immer bekannt, wer dem Abt Vorwürfe machte, eine solche Anzeige würde also gar keinen Sinn machen, völlig unglaubhaft sein und nicht angenommen werden dürfen

Und nun zu der email, die inoffiziell eintrudelte. Die Absender-Adresse ist uns bekannt. Der Absender will anonym bleiben. Er muss aus der Pagode kommen, da nur dort die o.g. Anfrage einging und niemand sonst davon wusste. Aus seiner email wurden lediglich Adressen und ein bürgerlicher Name abgekürzt bzw. unkenntlich gemacht. Zum Schutz der Sangha und aus allgemeinem öffentlichen Interesse halte ich es für unabdingbar, die Informationen aus dieser email zugänglich zu machen:

"Ihre befreundeter Journalist werden wollen M. H., der Junge, der auf der DBU-Internet-Forum über den Abt der Pagode Phat Hue, Thich Thien Son, belästigen ihn schrieb sprechen. Er war ein Mönch, wenn das passiert ist. Er ist bereit, über dieses Thema sprechen. Seine email: xxxx.

Auch ein anderer Mönch hatte sexuellen Kontakt mit dem Abt. Er ist immer noch ein Mönch und ist jetzt in Amerika. Sein Name ist Hue Gioi. Möglicherweise wird er nicht sprechen, weil er immer noch loyal gegenüber dem Abt. Seine email: xxxx.

Es hat auch zu vielen anderen passiert ist. Alle jungen schönen Menschen, niemals Frauen oder ältere Menschen.

Sie erwähnen nicht, wie Sie diese Informationen oder mir erhalten."

Hue Gioi hat allerdings einem Buddhisten, der der Sanhga nahesteht, kürzlich Folgendes geschrieben: "Firstly, I appreciate the care for the Sangha and your wish to have a monastic teacher free of such actions. I too would like to keep the Sangha clear of such trespasses of Vinaya, personal boundary, integrity and basic human goodness as sexual misconduct. I believe such conduct to be damaging and a true obstacle on the Buddhist path. I am no longer a loyal follower of the Thich Thien Son."

[Anmerkung: Thich Thien Son vermarktet sich seit einiger Zeit unter dem Namen "Thay"]

Montag, 22. März 2010

Die Schule der Feindlosigkeit (IX): Munen Muso - Weder Geist noch Denken

"Berge und Flüsse, Himmel und Erde durchqueren, ohne einen Schritt zu machen, schnell und durchdringend, die vier Meere fest in den Händen haltend, weder greifen noch loslassen, die Augen öffnen sich von selbst und man schaut alles doppelt klar.
   Man hört wohl, dass die friedlichen Mittel weder Geist noch Denken (munen-muso) sind, sondern nur der Wind in der großen Leere.
   Selbstlosigkeit bedeutet Feindlosigkeit; aber wenn man zu siegen begehrt, werden unweigerlich Kämpfe entstehen." 


[Quelle: Dr. Julian Braun (mit freundlicher Genehmigung): Texte aus der 'Schule der anhaltenden Feindlosigkeit' (Heijô muteki-ryû). Ein Beitrag zum 'gemeinsamen Weg von Schwert und Pinsel' der Samurai im Japan der Tokugawa-Zeit.]

Sonntag, 21. März 2010

Der Omega-Punkt

"Das wahre Leben lässt sich nicht auf gesprochene oder geschriebene Worte reduzieren, von niemandem, niemals. Das wahre Leben findet statt, wenn wir allein sind, denken, fühlen, verloren in Erinnerungen, träumerisch unserer selbst bewusst, in submikroskopischen Momenten. (...)
   Er sagte, das tun wir die ganze Zeit, wir alle, im Strom von Gedanken und trüben Bildern werden wir zu uns selbst und fragen uns träge, wann wir sterben müssen. So leben und denken wir, ob wir es wissen oder nicht. Derlei ungeordnete Gedanken haben wir, wenn wir aus dem Zugfenster blicken, kleine matte Kleckse meditativer Panik."

[aus: Don DeLillo: Der Omega-Punkt (Kiepenheuer & Witsch 2010)].

Samstag, 20. März 2010

Die Freundschaft zwischen Sawaki und Katô Rôshi (Teil 6)

Viele Laienstudenten übten im Engakuji unter Soen Rōshi. Eine Frau, die mir in den Fünfzigern zu sein schien, saß auf dem Kissen neben mir. Eines Morgens, als sie eingenickt war, da sie nicht wach bleiben konnte, kam der Mönch, der die Meditationshalle leitete, mit dem Keisaku vorbei und schlug ihr dreimal auf die Schulter. Der Keisaku gilt oft als Aufweckstock, entwickelt, um Menschen zu helfen, sich auf ihre Meditationspraktiken zu konzentrieren. Ermunterungsstock! So dachte ich. Wird er verwendet, um alte Damen zu schlagen? Meine Reaktion darauf, dass sie geschlagen wurde, mag übertrieben sein, doch mir traten Tränen in die Augen. Ich empfand ihren Schmerz, als wäre es mein eigener.
   Ich trat an jenem Morgen in das Dokusan-Zimmer, mein Köper am Taumeln und mein Kopf schwindelig vom ständigen Wiederholen des mu, und noch immer betroffen von meiner Reaktion darauf, dass die alte Dame mit dem Keisaku auf den Rücken geschlagen worden war. Ich sah zu Rōshi auf und lächelte. Was mich dazu bewog, kann ich nicht sagen, vielleicht die Erleichterung, meinem Meditationskissen entkommen zu sein und meine Verwirrung dort zurückzulassen. Ich sagte nichts und hatte keine Ahnung, wie Rōshi reagieren würde.
   „Gut“, sagte er. „Nun benenne mir Dinge, die mu sind!“
   Es schien offensichtlich, was er wollte, also begann ich, verschiedene Dinge im Raum aufzuzählen – den Tisch, die Lampe, Rōshi ...
   Soen nickte mir anerkennend zu und gab mir mein nächstes Kōan. Bis dahin hatte ich nicht begriffen, dass er mir glaubte, mein Kōan gelöst zu haben. Nach nur einer Woche! Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Ich war noch verwirrter als je zuvor. Dann dachte ich an Buddha, wie er im Wald sechs Jahre lang übte, und an den Vater des Zen, Bodhidharma, der sich neun Jahre einer Wand gegenübersah, und nun machte mir Soen Shaku klar, dass ich innerhalb nur einer Woche eine erleuchtende Erfahrung gehabt haben soll.
   Ich hatte etwas über Buddhismus gelernt, nachdem ich so viel Zeit meines Lebens in Tempeln zugebracht und an der Schule für Philosophie in Tokyo studiert hatte. Mit diesem Wissen und etwas Intuition konnte ich die nächsten Kōan bewältigen. Ich hatte immer angenommen, dass Kōan Probleme waren, die man mit dem Verstand nicht erfassen konnte, doch nun löste ich sie, indem ich nachdachte.
   Anfang hatte ich mir eingebildet, dass ich auf dem buddhistischen Weg tatsächlich Fortschritte machte, aber ich fühlte mich nicht anders. Das Durcheinander, welches ich in meinem Leben erfahren hatte, war noch immer da. Ich war nicht ausreichend verwirrt, um mir vorzumachen, ich sei erleuchtet; aber ich war noch immer recht durcheinander.
   „Was hat es mit der Kōan-Übung auf sich?“, fragte ich den Mönch, der mich im Protokoll für das Dokusan mit Rōshi geschult hatte. „Ich glaube, dass es Jahre braucht, bevor ich auch nur den Schimmer einer Erleuchtung habe. Was bedeutet es, eure Kōan zu bestehen?“
   „Jeder Ausbildungsort hat seine eigene Art. Im Engakuji führen sie dich an der Hand durch die Kōan-Schulung, und dann studierst du nur noch zenbuddhistische Philosophie“, antwortete er.
   Ich blieb nicht lang genug im Engakuji, um durch alle Kōan-Schulungen geführt zu werden. Der Widerspruch zwischen einer schnellen Bescheinigung über meine Erfahrung der ‚Erleuchtung’ und der Empfindung, dass ich nicht anders als vor dieser Erfahrung war, gaben mir das Gefühl, dass der Engakuji nicht der richtige Ausbildungsort für mich war. Wie verlockend die Annahme auch war, ich hätte eine Stufe der Erleuchtung erfahren, tief in meinem Herzen wusste ich, das dem nicht so war. Ich begann am Nutzen der Kōan-Schulung als Weg, Buddhas Lehren zu verstehen, zu zweifeln. Der Zweifel war verbunden mit der Angst, das Problem könne eher bei mir liegen als an der Übung.
   Nachdem ich den Engakuji verlassen hatte, verbrachte ich eine Woche, indem ich durcheinander und entmutigt durch Tokyo lief – ohne zu wissen, was ich tun oder wohin ich gehen sollte. Ich hatte noch immer die Möglichkeit, in meinen Tempel in Moriyama zurückzukehren, aber ich konnte mich nicht dazu aufraffen. Nicht sofort. Ich konnte nicht zu der Position als Oberhaupt eines Zen-Tempels zurück, wenn ich meines Weges nun noch unsicherer war als vor meinem Weggang. Ich brauchte Zeit, um die Dinge in Ordnung zu bringen. Ich wollte nicht zurück in das Haus meiner Eltern in Nagoya, denn ich hatte das sichere Gefühl, dass mir alle möglichen Fragen gestellt würden, auf die ich keine Antworten wusste. Sie hatten mir einen Tempel gekauft, und ich vernachlässigte dort meine Pflichten.
   Während meines Studiums an der Schule in Tokyo und meines kurzen Aufenthaltes im Engakuji-Tempel hatte ich gehofft, Zen zu begreifen – zugunsten eines besseren Verständnisses, was ich als oberster Priester eines Tempels zu tun hatte –, doch ich wurde nur noch verwirrter, als ich je war. Zen-Buddhismus, sagte ich mir, war das Studium der Erleuchtung. Bestattungen und Zeremonien zu leiten würde mich gewiss nicht näher an dieses Ziel bringen. Das hatte ich seit langem gewusst. Doch nun wurde mir klar, dass das Studium der Kōan, so wie ich es im Engakuji unter einem beglaubigten Zen-Meister vollzogen hatte, mir auch nicht das Gefühl gab, näher an der Erleuchtung zu sein.

Freitag, 19. März 2010

Wie man Revolution macht, statt auf seinen Hämorrhoiden zu vergammeln

Ich kann nun leider nur noch auf die Wiederholung am 22. März um 3 Uhr nachts hinweisen - da könnt Ihr El Pepe (José Mujica) in einem Film von 1997 auf ARTE sehen, wie er mit anderen ehemaligen Tupamaros von seinem Widerstand gegen die Diktatur Uruguays erzählt. Zunächst gewaltfrei, knipsten diese Stadtguerillas später gezielt Folterer aus (Uruguay soll das Land mit der höchsten "Dichte" an Gefolterten - knapp 2 % der Bevölkerung - gewesen sein). El Pepe und andere einst Inhaftierte und Malträtierte erzählen freimütig und mit teils eigenartigem Humor, wie sie Massenausbrüche organisierten und es damit ins Guiness-Buch der Rekorde schafften, Hinrichtungen beschlossen und zeitweise den Rückhalt in der Bevölkerung verloren, bis sie 1985 - nach dem Ende der dortigen Diktatur - eine Partei gründeten. El Pepe zog auf seinem Moped ("Wieso soll man einen Motor mit 1500 ccm fahren, wenn einen auch 80 ccm ans Ziel bringen?") und krawattenlos ins Parlament ein. Seit 1. März diesen Jahres ist der ehemalige Landwirt, der stets auf Volksnähe Wert legte, Staatspräsident von Uruguay. Als ich heute nachmittag die alten  Filmaufnahmen von ihm sah, hatte ich Freudentränen in den Augen. Ich wurde mal wieder daran erinnert, wie ein - falsch verstandener - Buddhismus in vielen Ländern  Asiens die Befreiung der Völker behindert. Ein Buddhismus, den manche groteskerweise auch noch als "sozial engagiert" bezeichnen.

"Erfolg und Irrtum - es gab beides. Aber nie wurde der Kampf in Frage gestellt." Da waren sich die Tupamaros einig. Und El Pepe meinte lapidar: "Ich verstehe nicht, wieso man sein Leben dafür aufs Spiel setzt, mit 300 km/h durch die Gegend zu brettern, wenn man es für eine gute Sache riskieren kann." Ein Klasse-Typ.

[Copyright Foto: Roosewelt Pinheiro/Agencia Brasil]

Donnerstag, 18. März 2010

Die Freundschaft zwischen Sawaki und Katô Rôshi (Teil 5)

Mein erstes Treffen mit Soen Shaku Rōshi war unvergesslich.
   Ich saß in der traditionellen Seiza-Position – die Füße unter mir verschränkt, das Gesäß auf meinen Waden ruhend – und kündigte mich draußen vor Rōshi Soen Shakus Zimmer an.
   „Herein“, sagte er.
   Kniend schob ich die Tür auf, stand auf, trat über die Schwelle, wandte mich um, kniete mich wieder hin und schob die Tür zu. Ich drehte mich zu Rōshi um, warf mich dreimal zu Boden, wie es mir von einem der Mönche beigebracht worden war, und kehrte in die Seiza-Position zurück. Ich musste meine Überraschung zurückhalten, als ich den Meister auf einem bequemen Stuhl hinter einem großen Tisch sitzen sah. Er hatte eine moderne Art angenommen, was mir eher ungewöhnlich vorkam, aufgrund der formalen Zen-Zusammenkunft mit einem Rōshi, bekannt als Dokusan. Er war ein gut aussehender Mann mit ernster Miene, die einschüchterte. Doch die Strenge schien im Widerspruch mit dieser ungezwungenen Aufmachung zu stehen, die er für das Dokusan angenommen hatte. Es fühlte sich eigenartig an, wenn bei einem formalen Treffen, um das Verständnis meiner Kōan zu überprüfen, der Lehrer mit einem Tisch vor sich auf einem Stuhl saß.
   Inzwischen hatte ich die Idee verworfen, dass Buddhismus sich an die moderne Welt anzupassen hätte. Ich dachte an Buddha, wie er in tiefer Meditation unter dem Bodhibaum saß, blind gegenüber den äußeren Naturelementen und den inneren Dämonen des Geistes. Aber hier kniete ich nun an einer Seite eines Tisches, während der Meister auf einem bequemen Stuhl auf der anderen Seite saß. Es entsprach eher der Stimmung einer Teegesellschaft als einer formalen Zen-Zusammenkunft.
   „Wie ist dein Name?“ Rōshi fragte mit einer hohen Stimme, die wieder nicht zu diesen strengen, durchdringenden Augen und dem ernsten Benehmen passen wollte.
   „Kato Tokujō“, sagte ich, während ich mich langsam von meinem ersten Schock aufgrund dieser unerwarteten Aufmachung erholte.
   „Tokujō? Ein Mönchsname! Warum trägst du keine Robe?“
   „Die letzten zwei Jahre war ich Student an der Schule für Philosophie in Tokyo.“
   Auch wenn das keine sehr sinnvolle Erklärung dafür war, dass ich die Kleidung der Laienanhänger trug, hörte Soen mit den Fragen auf und gab mir mein erstes Kōan.
   „Ein Mönch fragte Meister Joshu: ‚Hat der Hund die Buddha-Natur, oder nicht?’
   Joshu antwortete: ‚Mu! (nein)’“
   Soen sagte mir, dass ich über die Antwort mu meditieren und an keinen anderen Bestandteil des Kōan denken sollte.
   „Meditiere einfach über mu, bis es deinen Körper und Geist durchdringt.“
   Ich verließ sein Zimmer, ging in die Meditationshalle und begann über mu zu meditieren. Von diesem Tag an würde ich mich jeden Morgen mit Soen zum Dokusan treffen und mein Verständnis des Kōan zum Ausdruck bringen. Wenn ich irgendetwas über das Wesen eines Hundes erwähnte oder die Bedeutung der Buddha-Natur, würde Rōshi sagen: „Vergiss alles außer mu!“, und seine kleine Glocke klingeln, um mich zu entlassen.
   Als ich saß, schmerzten oft meine Knie und mein Rücken, und ich rezitierte mu dann noch eifriger, um meinem Geist die Schmerzen zu nehmen. Mein Körper vibrierte und die Schmerzen ließen nach.

[wird fortgesetzt]

Mittwoch, 17. März 2010

Rimpoche Tulku Lama: Der tibetische Buddhismus und seine Lehrer

Heute leiste ich einfach mal Abbitte. Als einer, der tibetische Namen nicht nur nicht aussprechen, sondern nicht mal behalten kann. Ohne damit Zustimmung oder Abneigung auszudrücken, gebe ich die Links wieder, die mir freundlicherweise White Tara zur Verfügung stellte, damit ich den Überblick über den tibetischen Buddhismus nicht verliere. Wer mag, kann in der Kommentarfunktion  noch welche ergänzen. Besonders würde mich mal eine übersichtliche Baumstruktur interessieren, ähnlich den Übertragungsdokumenten im Zen, damit ich gerade aktuelle Lehrer etwas einfacher zuordnen kann.

"....Baumstruktur habe ich nicht gefunden, hier zwei Seiten
mit guten Zusammenfassungen und Lehrern

http://www.thangkatushita.com/Four.traditions.htm

http://www.tibet.de/tib/tibu/2001/tibu57/57traditionen.html

...hier zu jeder Linie eine Übersicht mit den dazu gehörigen Lehrern.....

http://www.kagyu.org/kagyulineage/lineage/index.php

http://zozilla.de/sakya/cms/index.php?lang=de&menuid=15&username=anonym&pass=wrong

http://en.wikipedia.org/wiki/Gelug

http://www.gomdeusa.org/lineage.html  
Ihr wisst ja, dass ich der wahre 17. Karmapa bin. Bitte sagt mir nach dem Surfen, wessen Wiedergeburt ich darstelle, ich habe es nämlich leider vergessen.

Dienstag, 16. März 2010

Canisius und Phat Hue: Sex und Missbrauch in Kirche und Buddhismus (Teil 7)

In meinem Verlag wollte ich ursprünglich einen Themenschwerpunkt "Sexualität" ausbauen. Einige Buddhisten hat dies schon früh befremdet. Im Auge hatte ich vor allem den Reprint einiger Werke des von mir verehrten Sexualwissenschaftlers und Ethnologen Ernst Bornemann. Das scheiterte an diversen Dingen. Nichtsdestoweniger helfen mir seine Kenntnisse noch immer, die gegenwärtige Diskussion insbesondere um den Missbrauch in der katholischen Kirche einzuordnen. Zunächst muss man wissen, dass zwischen Pädophilie und ausgelebter Pädosexualität ein Unterschied besteht und die Fachwelt teils sogar fordert, die Pädophilie nicht mehr als "Störung der Sexualpräferenz (Paraphilie)" einzustufen, weil sie nicht an sich einen "Krankheitswert" hätte, sondern dieser von der Gesellschaft ausgelöst würde. Dann sollte man Metastudien wie die von Rind und Kollegen kennen, die ein überraschend anderes Bild von der Schädlichkeit solcher Taten, die als "Kindesmissbrauch" gelten, entwarfen - und genau die folgende, aufgebrachte Diskussion verfolgen, die im US-Senat zu heftigen Zensurmaßnahmen gegenüber der Studie führte. Das Thema polarisiert, und der Fachwelt stellt es sich oftmals durchaus anders dar als dem Fernsehzuschauer oder dem einzelnen Betroffenen. Nach Coxell et. al. (1999) übersteigt etwa die Zahl freiwilliger Kontakte von Jungen zu Erwachsenen (knapp 8 % der Bevölkerung) die der unfreiwilligen (knapp 6 %) - und damit natürlich auch die Bewertung ihrer Erfahrungen. [Das Interesse an geschlechtsreifen männlichen Jugendlichen, das sei vorab auch noch gesagt, heißt in der Fachsprache Ephebophilie, das an geschlechtsreifen weiblichen Jugendlichen Parthenophilie; Geschlechtsreife heißt nicht immer auch "Legalität" - die Geschlechtsreife von Mädchen liegt inzwischen in unserem Land durchschnittlich bei unter 12 Jahren!]

Gestern abend lief ein Themenschwerpunkt zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche auf 3sat. Die große Gefahr besteht nun darin, wieder einmal zu verschleiern, wie verbreitet die sexuelle Erregbarkeit durch Kinder in der Bevölkerung ist. Zum einen werden die meisten pädosexuellen Taten innerhalb des Familienkreises begangen - eine Erregung durch die eigenen oder blutsverwandte Kinder bedarf jedoch (auch wenn das Tabu selbst erregend sein kann) der Überwindung einer besonderen Hemmschwelle. Erregt werden kann also nur, wer latent pädosexuell ist. Wer durch ein Kind nicht erregt wird, der wird es nicht penetrieren können, weil er keine Erektion bekommt. Macht man sich das einmal deutlich, dann nutzt eine geschätzte Zahl von 1 % Pädophilen in der Gesamtbevölkerung dieser Debatte nicht. Tatsächlich ist, wie man auch durch Vorlage von erotischen Kinderbildern bereits wissenschaftlich testete, ein  erheblicher Anteil der Männer (und wohl auch Frauen) durch Kinder sexuell erregbar. Dies will man natürlich nicht laut sagen, sondern das Problem auf die Pädophilen abschieben, eine scheinbar kleine Minderheit. Ich werde aufzeigen, wie fatal dies ist. Wobei zu beachten ist, dass der PädoPHILE sich häufig als nicht-pädosexuell versteht. Es sind also gar nicht die (strukturiert genannten) Pädophilen - eine wirkliche, echte Minderheit -, sondern die Pädosexuellen, von denen wir reden müssen. Und die sind keine so kleine Minderheit.

Fasst man die pädosexuelle Neigung als eine von vielen, etwa eine dritte neben der hetero- und homosexuellen (und ihrer Mischform) - auf, und zwar als eine ausschließliche Fixierung auf Kinder, so ist in unserem gesellschaftlichen Rahmen keinerlei legale Möglichkeit gegeben, diese Neigung auszuleben. Im Gegenteil wurden in den letzten Jahren zunehmend auch Ersatzhandlungen (wie das Erregen über Pornographie) quasi verboten. Es ist deshalb geradezu vorprogrammiert, dass Pädophile sich Berufe und Tätigkeiten suchen, in denen sie mit Kindern Kontakt haben, und zwar möglichst unter großem Vertrauensvorschuss, also etwa in geistlichen Berufen, als Sporttrainer usf. Und das in zunehmenden Ausmaß, aufgrund zunehmender Restriktionen der Gesetzgeber. Einige der Pädophilen werden dann pädosexuell aktiv. Im Vatikan(staat) ist das wohl auch die Ursache dafür, dass man das Schutzalter vorsorglich auf 12 Jahre festgesetzt hat - das niedrigste in der Welt außerhalb einer Ehe.

Wenn nun jemand glaubt, man könnte durch die Aufhebung des Zölibats dieses Problem lösen, so hat er sich wahrscheinlich getäuscht. Der ausschließlich Pädosexuelle kann nicht durch Erwachsene erregt werden und sexuelle Erfüllung finden. Und wie wir von Familienvätern wissen, die sich als ausschließlich heterosexuell definieren und dennoch ihre eigenen Töchter penetrieren, hindert eine Ehe auch niemanden daran, bei Gelegenheit die nur latenten pädosexuellen Gelüste auszuleben. Wenn die Aufhebung des Zölibats den Missbrauch der Sexualität eindämmen soll, dann muss zunächst sowohl dem homo- als auch dem pädosexuellen Priester eine Alternative aufgezeigt werden. Ist die Alternative nur die Ehe mit einer Frau, wird sie zu keiner Abnahme der Skandale führen. Zu glauben, dass lediglich die sexuelle Not von Priestern zu den Übergriffen auf Kinder führe, das eben ist ein Leugnen der oben genannten Tatsachen über die Verbreitung der Erregbarkeit durch Kinder und das gezielte Ansteuern des Priesterberufes durch Pädosexuelle (und "strukturierte" Pädophile).

Das gleiche Problem besteht folgich in der unterdrückten Liebe zwischen Erwachsenen. Wenn ein buddhistischer Mönch aus Asien eine homosexuelle Beziehung eingehen möchte, heißt "seine" Gesellschaft dies nicht für gut. Er wird also seine sexuelle Beziehung geheimzuhalten suchen. Wenn er promiskuitiv ist - also viele Partner wünscht -, dann wird er auf andere Mönche übergreifen. Dazu bedarf es nicht einmal eines sexuellen Überdruckes, das ist gewissermaßen seine Natur. Wird diese nicht innerhalb seines Familien- oder Kulturkreises akzeptiert, wird er einen Beruf wählen, wo er durch den Vertrauensvorschuss die Möglichkeit hat, seine sexuelle Ausrichtung zu kaschieren. Natürlich führt die Hierarchie auch im buddhistischen Kloster bei einigen zu einer Art Größenwahn und einer Neigung, sich nicht mehr um einvernehmlichen Sex zu bemühen oder schlicht die eigene Macht zur Durchsetzung von Interessen zu missbrauchen. Auch dies wird nicht allein durch die Abschaffung des Zölibates bereinigt, sondern durch die Abschaffung der Hierarchie, also letztlich durch das Beseitigen eines übergeordneten Priester- und Nonnenstandes. Wir sprechen hier also von strukturellen Problemen, die religionsübergreifend bestehen und sich tatsächlich auf jegliche Art von sexueller Präferenz ausdehnen lassen.

Kinder bedürfen der aufmerksamsten Fürsorge. Wer das weiß, sorgt also für besonders gute Kontrollen von Berobten und vertraut ihnen so wenig Kinder an wie möglich. So lange Pädophile oder vielmehr Pädosexuelle nicht transparent und offen ihre Partnerwahl ausüben können, werden sie immer wieder einen Deckmantel finden, unter dem es versteckt geschieht. Dies untergräbt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Möglichkeit einer Einvernehmlichkeit - soweit diese Kindern überhaupt zugestanden wird. Der verbreitetste und Erfolg versprechendste Deckmantel ist in dieser Hinsicht die Robe. Mit etwas Weitblick besteht eine Lösung jedoch nicht allein in der Abschaffung des Zölibates und des Priesterstandes, sondern in der Akzeptanz von sexuellen Präferenzen, für die unsere Gesellschaft einen adäquaten Rahmen schaffen müsste. Ohne diesen Rahmen werden auch in Zukunft Pädosexuelle stets solche Berufe bevorzugen, wo wir nun gerade unsere Kinder in Sicherheit wägen möchten.

Montag, 15. März 2010

Lieber Papst! Selbst deine Kirche ist noch besser als die DBU!

Heute bin ich auf die Seiten der DBU (Deutschen Buddhistischen Union) zurückgekehrt, um eine Liste ihrer Vorsitzenden zu finden. Doch dazu später mehr. Stattdessen stieß ich auf eine Buchempfehlung für Lehrende des Buddhismus. Einfach furchtbar. Federführend ist diesmal Doris Wolter, laut dem Magazin Visionen "langjährige Schülerin von Dzongsar Jamyang Khyentse, Lektorin und Lehrerin für Deutsch und Kunst. Sie war 16 Jahre Geschäftsführerin des Rigpa e.V., außerdem Rätin der Deutschen Buddhistischen Union und freie Journalistin."[Fehler gelöscht, Rigpa mit Rigdzin verwechselt, Dank an C.]

Das betreffende Buch heißt "Buddhismus. Ein Grundlagenwerk für Lehrende, Lernende und alle Interessierten" und stammt von Dominique Side. Wolter schrieb ein Vorwort und  ist offensichtlich die Verlegerin der deutschen Übersetzung. Kapitel 4 über "Karma und die Ursachen des Leidens" kann man online lesen. Hieraus nun die Perlen:

- "Es ist ganz natürlich, dass nicht nur Menschen, sondern auch Tiere einen starken Wunsch haben glücklich zu sein."
- "Aber wenn wir alle nach Glück streben, warum leiden wir dann stattdessen? Das ist die Frage, mit der sich die zweite Edle Wahrheit, die Wahrheit von den Ursachen des Leids, beschäftigt. In dieser Unterweisung erklärt der Buddha, dass unser Problem von der Tatsache herrührt, dass wir nicht verstehen, was Glück wirklich ist."
- "Nur die letzteren, die willentlichen Handlungen, haben moralische Konsequenzen; andere Handlungen sind moralisch neutral."
- "Zum Beispiel wird eine Handlung, die von Hass motiviert ist, eine Wiedergeburt in den Höllen verursachen."
- "Diebstahl kann zum Beispiel eine Wiedergeburt in Gegenden verursachen, die von Hungersnöten heimgesucht werden.
- "Gemäß der buddhistischen Schriften verursachen gewisse Handlungen bestimmte karmische Auswirkungen. Zum Beispiel führt Niederträchtigkeit dazu, arm zu sein (...)"
- "das Retten von Leben führt dazu, ein langes Leben zu haben."
- "Weil die meisten Menschen es als unfair empfinden, behinderte Menschen für ihre Lage verantwortlich zu machen. Sie gehen davon aus, dass behinderte Menschen, egal in welcher misslichen Lage sie sich befinden, unschuldige Opfer des Lebens sind und nicht von anderen verantwortlich gemacht werden können für ihre Situation. Das unterscheidet sich sehr deutlich von der buddhistischen Einstellung, die uns lehrt, dass jeder von uns in hohem Maße selbst verantwortlich ist für seine Lebensumstände."
- "Es ist wichtig zu verstehen, dass Karma als universelles Gesetz gilt, das für jedes menschliche Wesen gültig ist, egal ob Buddhist oder Nicht-Buddhist"
- "Der Todeszeitpunkt ist entscheidend für einen Buddhisten, weil an diesem kritischen Punkt die Wiedergeburt durch das vergangene Karma bestimmt wird."

Nur keine Panik. Zuerst muss ich mal Interpol informieren, dass alle Diebe in der Sahelzone wiedergeboren werden - und den Sextouristen in der Dominikanischen Republik sagen, dass die Haitianer im Nachbarland niederträchtig sind.

Ich kann gar nicht so viel kotzen, wie ich will, wenn ich das lese. Was schäme ich mich, auch nur einen Funken Hoffnung auf diesen Saftladen DBU verschwendet zu haben, der die Verbreitung solcher Bücher unterstützt. Und ich habe gerade mal aus einem Kapitel zitiert. Behinderte, denen man sofort ansieht, dass sie mal üble Sachen in früheren Leben gemacht haben - ich hab ja geahnt, dass Adolf in Tibet wiedergeboren wurde und nun als lehrender Lama rumspu(c)kt. Und dass man fürs Lebenretten belohnt wird, ist doch klar - deshalb musste Kobun Chino ertrinken, als er versuchte, als Nichtschwimmer seine kleine Tochter aus dem Wasser zu retten - weil er nämlich nur belohnt worden wäre, wenn's geklappt hätte, nicht wahr?

Die Umdeutung der Lehre von dukkha, Leiden, zu einer Glücksphilosophie. Ich kann das gar nicht glauben. Über die Autorin Dominique Side weiß ich nichts, sie hat ein paar Bücher vom Dalai Lama herausgegeben. Aber Frau Wolter sollte von ihrem Lehrer, Dzongsar Jamyang Khyentse, dem Oberhaupt des Dzongsar-Klosters (der Rime-Bewegung) ein Dauerschweigeretreat auferlegt bekommen. Wenn ich mir vorstelle, dass dieser Quatsch dann auch noch Schulkindern in Deutschland gelehrt wird, dann rufe ich alle Mi(ni)ster Minits auf, nächtens die Schlösser auszutauschen, damit diese Schmalspur-Buddhisten keinen Zutritt zu unseren Schulen mehr haben. Und zu guter Letzt:

"Der Buddha verwendet Gleichnisse, um auf diesen Punkt hinzuweisen: 'Schlechtes Karma ist wie frisch gemolkene Milch ... es dauert, bis sie sauer wird.'"
   Ja, richtig. Es dauert allerdings nur ein paar Tage, und wenn es gewittert, so wie hier in diesem Blog, geht's noch schneller. Die saure Milch kann man dann als Kefir anbieten, denn sie ist ja ein Naturgesetz und schmeckt besonders den Muslimen. Genau wie die apokalyptischen Reiter ein Naturgesetz sind und bereits  durch Nacht und Wind auf Dominique Side zugaloppieren.

[Foto: Keller; Kambodscha]

Sonntag, 14. März 2010

Die Freundschaft zwischen Sawaki und Katô Rôshi (Teil 4)

Wie unerfreulich es auch war, die religiösen Schriften im Daieji als Junge zu studieren, und wie viel wir auch diskutierten, als ich älter wurde – mein Leben im Tempel war recht beständig. Ich hatte mich an Doya Oshos Temperament gewöhnt und empfand ihn wahrhaftig als meinen Mentor. Obwohl er mich regelmäßig aus seinem Zimmer warf, gab er mich niemals auf. Ich lernte, ihn zu lieben wie ein Ersatzelternteil, und ebenso als Lehrer. Als er dann in meinem achtzehnten Lebensjahr plötzlich verstarb, brach für mich beinahe eine Welt zusammen. Nachts fand ich keinen Schlaf und wurde zu einem nervösen Wrack.
   Ich verließ den Daieji und kehrte in das Haus meiner Eltern nach Nagoya zurück; es gab keinen anderen Ort, wohin ich gehen konnte. Über die Jahre hatte ich gelernt, meine Situation im Daieji zu akzeptieren, und hegte keinen Groll mehr gegen meinen Vater, dass er mich hereingelegt hatte, um einen Mönch aus mir zu machen. Doch als ich erst einmal bei meinen Eltern lebte, lief ich im Haus umher und fragte mich, was ich dort zu suchen hatte. Ich litt an Schlaflosigkeit und hatte starke Bauchschmerzen. Meine Mutter pflegte mich, so gut sie konnte, und überschüttete mich mit Aufmerksamkeit, was meinem Vater zu missfallen schien. Ich hatte nicht das Gefühl, auch nur irgendeinen Funken von Mitgefühl von ihm zu bekommen. Ich hatte keine Ahnung, was ich mit meiner Zukunft anfangen sollte. Als Vater begriff, wie durcheinander ich eigentlich war, änderte sich sein Verhalten. Er zeigte sich besorgt. Er kam auf etwas, das mir eher als drastische Lösung erschien. Er versuchte die Dinge in Ordnung zu bringen, indem er mir einen Tempel kaufte.
   Ich weiß, das klingt seltsam. Wie auch immer, in jener Nachbarschaft kauften die Leute Tempel – das war so Sitte. Vater fand einen Tempel – einen Soto-Zen-Tempel namens Jounji –, der keinen Priester hatte, der ihn leitete. Der vorherige Priester war verstorben, ohne jemanden zu hinterlassen, der den Tempel übernahm. Vater zahlte für den Tempel 600 Yen. Er lag in Moriyama, einem Vorort von Nagoya. Ich war nicht davon begeistert, dass mir mein Vater einen Tempel kaufte, aber ich war damals ziemlich durcheinander und nicht in der Lage, Einwände zu erheben. Er tat es, um mir zu helfen – ich schätze, um mir zu einer Arbeit zu verhelfen. Ich glaube nicht, dass er jemals daran gedacht hat, der Kauf eines Tempels könnte der Lehre Buddhas widersprechen. Er wollte einfach nur, dass ich ein in der Gesellschaft angesehener Mann war. Abgesehen davon, dass ich mich in meinem eigenen Leben unbeständig fühlte, hatte ich also mit neunzehn Jahren die Pflichten als Priester eines Tempels zu übernehmen.
   Obwohl ich den Jounji leitete, fand ich so viele Gründe wie nur irgend möglich, um fort zu kommen. Es gab noch einen anderen Mönch im Tempel. Sein Name war Shuzo. Shuzo war von der Gemeinde eingestellt worden, damit er sich um den Tempel kümmerte, nachdem der vorherige Priester gestorben war. Als ich den Jounji übernahm, wurde Shuzo mein Gehilfe. Weil er da war, um die priesterlichen Pflichten zu übernehmen, konnte ich für einige Zeit fortgehen, ohne mir darum Sorgen machen zu müssen, den Tempel unbeaufsichtigt zu lassen. Mit zweiundzwanzig Jahren sagte ich mir, dass ich mehr über den Buddhismus lernen sollte, und schrieb mich an der Schule für Philosophie in Tokyo ein. Ich studierte dort zwei Jahre lang, während ich in den Pausen zum Jounji zurückkehrte. Doch nichts, was ich tat, brachte mich zur Ruhe. Buddha zu studieren machte mir die Widersprüche in meinem eigenen Leben nur noch bewusster. Wie konnte ich das Oberhaupt eines Tempels sein, wenn ich nicht mal meine eigenen Ansichten kannte?
   Mein Kopf war voller Ideen darüber, was ich tun sollte und zu lassen hatte. Buddha lies seinen Vater keinen Tempel für sich kaufen. Er führte keine Bestattungen durch. Er tat dies nicht und jenes nicht … und so weiter … Ich brachte mich nur noch mehr zur Verzweiflung, den Kopf voller widersprüchlicher Gedanken.
   In dieser Zeit riet mir ein befreundeter Mönch, der auch an der Schule für Philosophie in Tokyo studierte, Zen-Meditation zu praktizieren. Es ist seltsam, wie ich Priester sein konnte, verantwortlich für einen Soto-Zen-Tempel, und nichts über Zazen wusste. Doch wir führten lediglich Zeremonien durch, lasen Sutren und leiteten Bestattungen. Obgleich ich nur wenig über Zen-Meditation wusste, war ich davon überzeugt, dass es eine Übung war, die mich zu einem besseren Verständnis des Buddhismus führen würde als nur irgendetwas, das ich im Tempel gemacht hatte.
   „Mein Bruder studiert Zen und Zen-Meditation im Engakuji“, erzählte mir mein befreundeter Mönch. „Das ist ein berühmter Zen-Tempel in Kamakura, etwa eine halbe Stunde Zugfahrt von hier. Soen Shaku, ein angesehener Zen-Meister, ist gerade aus Amerika zurückgekehrt und hat dort seinen Wohnsitz, er ist der leitende Priester des Engakuji. Warum gehst du nicht dorthin und studierst Zen?“
   „Ist er ein guter Lehrer?“, fragte ich.
   „Ich kenne ihn nicht persönlich, doch seit seiner Rückkehr aus Amerika ist er in der Welt des Zen zu einer großen Sensation geworden.“
   Ich fühlte mich nicht bereit, nach Nagoya zurückzukehren – zu meinem Tempel, oder um meine Eltern zu sehen. Daher trat ich in den Engakuji als Laienstudent ein und machte Zazen unter dem Meister. Als Laienstudent konnte ich kommen und gehen, wie es mir beliebte. Ich war nicht bereit, mich festzulegen, als Schüler unter einem neuen Lehrer zu studieren. Noch immer war ich viel zu durcheinander, um als Mönch in eine bestimmte Praxis einzutauchen.

[wird fortgesetzt; Foto: Daihorinkaku]

Samstag, 13. März 2010

Die Freundschaft zwischen Sawaki und Katô Rôshi (Teil 3)

Obwohl ich mich kaum an den Inhalt der meisten meiner Diskussionen mit Doya in diesen frühen Jahren im Daieji erinnere, kann ich mich an keine Zeit entsinnen, in der wir nicht wenigstens ein bisschen diskutierten. Ich habe eine deutliche Erinnerung an einen unserer Zusammenstöße nach meinem wohl fünften Jahr im Tempel.     
   Der Gedanke daran ist mir so unangenehm, dass ich mich am liebsten verkriechen würde.
Ich trug im Daieji Kimono und Hakama mit braun-weiß gesprenkeltem Muster, wie sie Studenten trugen, und eine Melone. Obwohl ich keinerlei Probleme mit den Augen hatte, trug ich eine goldfarbene, mit Horn eingefasste Brille, weil ich fand, dass ich damit modisch aussah. Mit 14 Jahren hielt ich mich für einen tollen Dandy. Es kam mir nie in den Sinn, dass ich wie ein Narr aussehen könnte, während ich derart angezogen im Tempel herumlief. Eines Tages, als ich gerade dabei war, den Tempel zu verlassen, um meine Pflicht im Haus eines Gemeindemitgliedes zu erfüllen, bemerkte mich Doya Osho in der Halle.
   „Tokujō-kun*, wohin in Buddhas Namen glaubst du in dieser Aufmachung hinzugehen?“ Doya hatte mir da schon den buddhistischen Namen Tokujō gegeben.
   Ich blickte auf meine Kleidung hinab und fragte mich, warum er so aufgebracht war. „Ich habe Sutren zu lesen, am Familienaltar der Kobayashis, Osho.“
   „In dem Aufzug kannst du doch nicht deinen Rundgang zu den Häusern der Gemeindemitglieder machen!“
   „Warum nicht? Heutzutage muss man mit der Zeit gehen.“ Ich war sehr stolz auf meine Ideen nach dem neuesten Stand. Ich fühlte mich berufen, Doya die moderne Gesellschaft zu erklären.
   „Tokujō-kun!“, brüllte Doya. „Seitdem du im Daieji eingetroffen bist, hast du mit mir über jede Kleinigkeit diskutiert. Ich glaubte, es wäre gut, wenn du verschiedene Arten, die Welt zu sehen, in Betracht ziehen würdest. Daher habe ich mich nicht zu sehr geärgert. Ich dachte, deine extremen Widerworte wären lediglich eine Phase in deiner Entwicklung, und dass du bald aus ihr herauswachsen würdest.
   Doch einige Jahre später muss ich mir von dir anhören, dass ich über Arhats und Bodhisattvas keine Geschichten mehr erzählen sollte, weil die jungen Leute diese Geschichten über die alten Erleuchteten nicht mehr annähmen. Du sagtest, ich solle Logik und wissenschaftliche Erklärungen verwenden, wenn ich meine Predigten halte. Erinnerst du dich daran?“
   „Gewiss doch.“
   „Und weißt du noch, wie diese Diskussionen für gewöhnlich endeten?“
   „Sie sagten mir, ich sollte mich verdammt noch mal aus Ihrem Zimmer scheren, oder irgendetwas in der Richtung.“
   „War ich doch so streng?“
   „Ja, das waren Sie, Osho.“
   „Nun, es scheint nicht viel gebracht zu haben. Schau dich an! Du siehst aus, als gingest du in den Zirkus, und nicht zum Lesen buddhistischer Sutren an jemandes Altar.“
   „Haben Sie keine Bedenken, die Kobayashis sind aufgeschlossene Menschen. Sie werden beeindruckt sein“, sagte ich.
   Doya Osho legte die Handflächen an seine Stirn und sprach: „Ich gebe auf!“, und kehrte in sein Zimmer zurück.

(*Informelle Anrede von Männern und Jungen unter engen Bekannten oder Kollegen, freundschaftlich oder herablassend.)             [wird fortgesetzt]

Freitag, 12. März 2010

Die Freundschaft zwischen Sawaki und Katô Rôshi (Teil 2)

Tessei Doya Osho (Tessei war sein Vorname) unterrichtete Eto und mich in den buddhistischen und konfuzianischen Klassikern. Doya war eine andere Person, wann immer er uns unterrichtete: streng wie Vater. Wenn wir den Text nicht richtig lasen, schlug er uns auf den Kopf, entweder mit seiner Faust oder mit seinem Stock.
   Ohne besonderes Interesse an der Bedeutung der Bücher prägten wir sie uns also ein und bekamen niemals auch nur irgendeine Erklärung zu ihrer Bedeutung. Wir lernten sie einfach als eine Art Selbstverteidigung.
   So streng Doya auch war in unserem Unterricht, er war weniger furchterregend in anderen Dingen. In einer unserer Unterrichtsstunden fragte ich ihn einmal, warum wir solch schwierige Bücher zu lernen hatten. Auf diese Art hätte ich Vater niemals gefragt. Ich konnte Eto lächeln sehen, während Doya auf sein Buch hinuntersah.
   „Dies sind wichtige Lehren zum Dharma. Wenn du ein Mönch werden willst, musst du sie kennen“, entgegnete Doya, indem er von seinem Buch aufsah. Eto wischte unverzüglich das Lächeln von seinem Gesicht.
   „Aber Sie lehren uns nicht ihre Bedeutung“, sagte ich.
   „Ihr seid noch zu jung, um sie zu verstehen.“
   „Warum können Sie dann nicht warten, bis wir alt genug sind, ehe Sie sie uns lesen lassen?“
   Ich konnte Eto leise in sich hineinlachen hören. Doya warf einen wütenden Blick auf ihn, so dass er aufhörte. Dann schloss er das Buch und ging aus dem Zimmer. Sobald er fort war, mussten Eto und ich herzhaft lachen.
   So hart es für mich auch war, in eine Welt gegen meinen Willen geworfen worden zu sein, denke ich, dass es womöglich weitaus schwieriger für meinen Lehrer war, mit einem Jungen umzugehen, der so lästig war wie ich. Wir waren ständig am Diskutieren. Natürlich war Doya der Meister, und schließlich würde ich tun, was er verlangte, doch nicht bevor ich ihn schrecklich verärgert hatte.
   Das Leben ging weiter im Daieji und ich gewöhnte mich an mein Los. Zu Eto sah ich auf wie zu einem großen Bruder und folgte ihm überallhin, wobei ich ihn in allem nachahmte, was auch immer er tat. Er schien sich zu freuen, mich im Tempel um sich zu haben, doch vielleicht nicht so sehr, wenn wir draußen spielten.
   „Ich gehe zum Hof des Honganji“, sagte Eto nach unserer Unterrichtsstunde mit Doya. Der Honganji, der Tempel des Reinen Landes neben unserem kleinen Tempel, verfügte über einen großen Hof, wo die Nachbarskinder für gewöhnlich spielten. Unser Tempel hatte sehr wenig Land. Um den Gemeindemitgliedern Raum zu bieten, die in großen Gruppen zu den Gedenkzeremonien kamen, befand sich die Halle Buddhas im Obergeschoß – eine ungewöhnliche Anordnung für einen Tempel. Es gab sehr wenig Platz zum Spielen im Daieji. Wir waren eng eingezwängt zwischen dem Tempel des Reinen Landes auf der einen Seite und einem Gemüseladen auf der anderen.
   „Kann ich mit dir mitkommen?“, fragte ich.
   „Klar“, antwortete Eto, doch ich konnte spüren, dass er darüber nicht glücklich war.
   Ich folgte Eto in den Hof des Honganji, wo einige Jungen Sumo-Ringen spielten. Es gab zwei Gruppen mit jeweils drei oder vier Jungen. Als sie uns sahen, rief einer der Jungen: „Eto ist in unserer Gruppe. Wir sind einer zu wenig.“
   „Nein, seid ihr nicht“, rief ein Junge aus der anderen Gruppe. „Ihr habt auch vier.“
   „Sie zählt nicht“, sagte der erste Junge, während er auf ein Mitglied zeigte. „Verschwinde von hier, Shizue! Geh Seilspringen mit den anderen Mädchen!“
   „Großer Bruder!“, protestierte sie, während sie ihren Kopf senkte und auf mich zukam.
   Zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, dass sie ein Mädchen war. Sie sah jünger als ich aus. An der Art, wie sie ging, konnte ich sehen, dass sie einer der Jungen sein wollte und ihr der Sinn nicht nach Seilspringen stand. Ihr Bruder schien etwa in Etos Alter zu sein, so wie die meisten Jungen bei dem Spiel. Niemand fragte mich, ob ich mitmachen wollte, weshalb ich daneben stand und zusah.
   „Warum ist dein Kopf rasiert?“, fragte Shizue.
   „Weil ich einmal ein Mönch werde“, sagte ich.
   „Was ist ein Mönch?“
   „Ich weiß nicht“, antwortete ich. Ich wollte nicht mit ihr reden, und ich war mir sowieso nicht sicher, wie ich erklären sollte, was ein Mönch war.
   „Wie heißt du?“
   „Sanjiro.“
   „Bruder“, rief Shizue. „Kann ich nicht auf der einen Seite spielen und Sanjiro auf der anderen?“
   Warum bringst du Sanjiro nicht bei, wie man Seil springt“, sagte einer der Jungen, und sie alle lachten.
   Je mehr Aufmerksamkeit Shizue mir schenkte, umso selbstsicherer fühlte ich mich. Schließlich kehrte ich allein in den Daieji zurück.
   Eines Tages durfte ich doch bei den anderen Jungen mitmachen und freundete mich sogar mit Shizue an. Doch wenn die älteren Jungen da waren, ignorierte ich Shizue, genauso wie Eto mich ignorierte, wenn er mit seinen Freunden spielte.
   Als Eto achtzehn war, schickte ihn Doya ins Eiheiji-Kloster, damit er seine Berechtigungsnachweise erhielt, um ein Tempelpriester werden zu können. Doya hatte einen Verwandten, einen Priester in den Siebzigern, der einen kleinen Tempel leitete und beabsichtigte, sich zur Ruhe zu setzen. Er wollte Eto in diesem Tempel unterbringen. Nachdem Eto zum Eiheiji gegangen war, sah ich ihn nie wieder.

[wird fortgesetzt] 

Donnerstag, 11. März 2010

Die Freundschaft zwischen Sawaki und Katô Rôshi (Teil 1)

[Arthur Braverman machte im Antaiji, dem Tempel Sawakis, Zazen. Jetzt hat er einen biografischen Roman über die Freundschaft Sawaki Rôshis zum Rinzai-Meister Kôzan Katô Rôshi verfasst. Im Folgenden ein Ausschnitt aus dem Roman, übersetzt von Susanne König. Katô verbirgt sich hier hinter dem Ich-Erzähler Sanjiro/Tokujoo.]

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Ich wurde 1876 in einem Bergdorf nahe Nagoya geboren, als viertes von zehn Kindern. Mit sechs Jahren beschloss Vater, ein Unternehmer, mit uns nach Nagoya zu ziehen, um in das Sake-Brauereigeschäft einzusteigen. Er war ein strenger Mann, dessen Entscheidungen wir Kinder nicht in Frage zu stellen hatten. Als das Geschäft Konkurs ging, wurde er noch ernster und reservierter. Als er dann eines Tages zu mir kam und sagte: „Sanjiro, ich werde dich zu einem Fest anlässlich des Baus der neuen Brücke mitnehmen“, war ich ganz aufgeregt – Vater hatte seinen dritten Sohn ausersucht, mich, nicht Ichiro oder Jiro, meine beiden älteren Brüder, sondern mich. Ich wollte ihn fragen, warum meine älteren Brüder nicht mit uns kamen, hatte aber Angst, er könnte seine Meinung ändern und anstatt mir einen von ihnen mitnehmen. Also blieb ich still. Ich war damals neun Jahre alt.
   Ich hätte etwas ahnen müssen, als er mir den Kopf rasierte, bevor wir zu dem Fest gingen, aber selbst wenn ich etwas Merkwürdiges vermutet hätte – man stellte Vaters Handeln nicht in Frage; das hatte ich zuvor schon getan, viele Male, nur um zum Schweigen gebracht zu werden. Schließlich hatte ich gelernt, ihn nicht auszufragen. Wir fuhren zu dem Fest in einer Rikscha, für mich das allererste Mal, eine wahrhaft aufregende Fahrt.
   „Möchtest du Zuckerwatte?“, fragte Vater als wir bei dem Fest ankamen. Es gab Stände, an denen Süßkartoffeln verkauft wurden, gestoßenes Eis mit Sirup, gebratener Oktopus und Zuckerwatte.
„Na klar“, sagte ich. Vater schien gute Laune zu haben, ganz anders als der Mann, den ich kannte.
   Er kaufte mir Zuckerwatte, und dann folgten wir der Menge über die neue Brücke. Die vom Wasser kommende Brise fühlte sich kalt an auf meinem kahlen Kopf. Wir erreichten die andere Seite und liefen weiter; doch niemand folgte uns.
   „Wohin gehen wir, Vater?“
   Er sagte nichts, gab mir nur ein Zeichen, ihm zu folgen. Er lief und lief. Meine Füße begannen zu schmerzen. Ich fragte mich, was mit der Rikscha geschehen war.
   „Meine Füße tun weh“, sagte ich.
   „Hör auf zu jammern.“ Er war wieder der alte strenge Vater, den ich kannte. Mir war der Spaß vergangen.
   Bald erreichten wir den Tempel. Ein Priester stand am Tor. Vater nannte ihn Doya Osho. Sie unterhielten sich eine Weile, und dann wandte sich Vater mir zu.
   „Du wirst hier bei Osho leben“, sagte er.
   Doya Osho hatte viel mehr Falten in seinem Gesicht als Vater. Er lächelte mich an, etwas, das Vater selten tat. Er schien freundlich zu sein, aber ich wollte nicht bei ihm leben. Tränen traten mir in die Augen.
   „Heul nicht“, sagte Vater mit einem Stirnrunzeln. „Große Jungen weinen nicht.“ Er warf mir jenen strengen Blick zu, der bedeutete: Du hast mich gehört, nun gehorche. Dann sagte er noch etwas zu Doya, das ich nicht hören konnte, drehte sich um und ging fort. Er sagte nicht „Auf Wiedersehen“. Ich holte tief Atem und hielt die Tränen zurück, bis Vater außer Sichtweite war. Dann weinte ich und weinte. Er hatte mich hinters Licht geführt. Der Tempel war weit weg von zu Hause, und ich hatte keine Möglichkeit, den Weg zurück zu finden. Warum brachte Vater mich hierher? Meine beiden älteren Brüder gingen bereits auf die Mittelschule, aber das war nicht der Grund. Ich erinnerte mich daran, dass er wütend auf mich wurde, weil ich zu viele Fragen stellte. Hasste er mich deswegen?
   Doya Osho zeigte auf die Schriftzeichen über dem Eingang zum Tempel. „Kannst du sie lesen?“, fragte er.
   Ich schüttelte den Kopf, noch immer mit Tränen in den Augen. Doya zeigte auf jedes Schriftzeichen; „Dai-e-ji“, sagte er. „Das ist der Name deines neuen Zuhauses.“ Das brachte mich nur noch mehr zum Weinen.
   Er legte seinen Arm um meine Schultern und führte mich in den Tempel. Egal was er tat, wie viel freundlich er als Vater auch war, er war nicht Vater, und ich wollte nur nach Hause.
   Wir betraten die Vorhalle, zogen unsere Schuhe aus und stiegen hinauf zu einem großen Raum auf der Vorderseite des Tempels. Ein Buchregal voller Bücher stand auf einer Seite des Raumes, eine Kalligraphie hing an einem niedrigen Balken über einer Schiebetür, die auf der Rückseite in einen anderen Raum führte, und ein Junge stand stramm an der Wand gegenüber des Buchregals. Doya stellte mich ihm vor. Sein Name war Eto; er sah ein paar Jahre älter aus als ich. Eto war auch ein Novize, der im Daieji-Tempel lebte. Ich wollte nicht, dass er mich für einen Schwächling hielt, also hörte ich auf zu weinen.

[wird fortgesetzt; Foto: Daihorinkaku]