Mittwoch, 25. September 2013

969: Rassismus von Buddhisten


Kürzlich wurde ein Muslim, der einen Buddhisten in Myanmar getötet hatte, zu einem lebenslänglichen Gefängnisaufenthalt verurteilt. Etliche Buddhisten, die muslimische Rohingya auf dem Gewissen hatten, bekamen maximal 15 Jahre. Als ich vor einigen Monaten nach Myanmar flog, kamen mir schon in der Wartehalle einige Burmesen verdächtig vor. Im Flugzeug sass ich neben einer Frau, die sehr häufig auf den Philippinen ihr Geld verdiente, und kam mühsam in ein eher aus Gesten bestehendes Gespräch. Sehr neugierig schauten einige andere Fluggäste zu. Kurz nach der Landung wurde die Frau von einem Polizisten in Zivil zur Seite abgeführt, damit sie nicht weiter zu mir Kontakt haben konnte. Diese beiden Geschichten beschreiben in etwa, wo Myanmar im Moment tatsächlich steht. 

Statt die ganze Geschichte der Rohingya aufzurollen, die teils schon seit Generationen in Myanmar leben, ein paar Worte zu der Zahl "969", die man mit den Theravada-Nationalisten verbindet und die sie nach eigenen Angaben seit 30 Jahren benutzen (wo auch schon gegen die Muslime vorgegangen wurde, um von anderen Problemen abzulenken). Die Zahl verweise auf die drei Schätze des Buddhismus, nämlich auf neun Attribute Buddhas, auf sechs seiner Lehre und weitere neun seiner Sangha. Ashin Wirathu, den prominenentesten Vertreter der 969-Bewegung, der wegen antimuslimischem Aufruhr noch von 2003-2012 im Knast sass, bildete das TIME-Magazin mit dem Titel "The Face of Buddhist Terror" (Das Gesicht buddhistischen Terrors) ab. Natürlich gibt es andere Mönche, die sich für eine friedliche Koexistenz mit den Muslimen aussprechen. Einstweilen sollen staatlicherseits jedoch die Geburtsraten der Rohingya limitiert werden.

Nun, wo ich eine ganze Weile selbst als Fremder unter Fremden lebte, erscheint mir die Sache besonders interessant. Einmal unterhielt ich mich mit einem australischen Lehrer in Pattaya über seine Erfahrungen mit dem Schlangestehen in Indien. Ich selbt hatte bemerkt, dass man chinesische Touristen in Thailand nicht nur daran erkennt, dass sie nicht laufen können (also einem frontal entgegenkommen, ohne auszuweichen, bzw. ganze Wege schwatzend versperren), sondern auch an ihrer Art, sich eben nicht anzustellen, sondern vorzudrängeln (bzw. eher seitlich "reinzustossen"). Indien sei da viel schlimmer, meinte der Lehrer. Und dann amüsierten wir uns eine halbe Stunde gegenseitig mit ähnlichen Stories, als ich z.B. beim KFC (einem Pendant zu Burger King und McDonald's) neulich ein Softeis kaufen wollte, schoben sich gerade noch zwei Inder vor mich und fingen an, mit den Fingern auf das bebilderte Angebot zu deuten und zu fragen: "Is this good?" Schnell war mir klar, dass das dauern musste, und ich bat um ein einfaches Softeis. Den Thai an der Kasse brachte das in Schwierigkeiten, da die Inder noch immer am Fragen waren. Schliesslich hatte ich mein Eis gegessen, als sie sich für eines entschieden. Der Lehrer erzählte den Witz: Ein Schwarzer sagt zu seinem weissen Nachbarn: Mein Haus ist mehr wert als deins. Der Weisse fragt: Wieso? Sagt der andere: Weil ich neben einem Weissen wohne.

Obwohl üble Nachbarschaft häufiger vorkommt, wenn sie asozial und ungebildet ist (meine 22 Jahre in einem sozialen Brennpunkt, dem "Asso-Block", lassen mich dies behaupten) - man findet überall jemanden, der einem auf den Wecker geht. Während wir so vor uns hin lachten, hatte ich freilich das Baby meiner Bekannten aus den Augen verloren. Die Inder im Restaurant nebenan hatten es in die Küche geholt und verköstigt. Und inzwischen habe ich in Jonathan Franzens letztem Essayband ("Weiter weg") gelesen, was es mit der chinesischen, so ganz unkonfuzianischen Trampelhaftigkeit auf sich hat. In einer solchen Masse von Leuten, wie sie in China anzutreffen sei, käme man eben zu nichts, wenn man nicht einfach rücksichtslos an einer Verkaufstheke nach vorne preschte.

Muslime in Burma verwenden übrigens die Zahl 786 (für "Im Namen Gottes ..."). Ich werde am Samstag aus all diesen Zahlen und Quersummen meine sechs fürs Samstaglotto zusammenstellen.

Mittwoch, 18. September 2013

Die Sutra der Vollkommenen Erleuchtung

Und hier das Beste aus der Sutra, "das zur Schule des plötzlichen Erwachens zählt" (wie es im Kapitel 'Bodhisattva herausragender Tugend und Güte' heisst):

1) "Vollkommene (vollständige) Erleuchtung, aus der reine wahre Soheit, bodhi wie auch die paramita zum Lehren der Bodhisattvas entstehen."  
(Kapitel Bodhisattva Manjushri)

Erst kommt das Erwachen, dann Weisheit und Tugend, wie in diesem Blog desöfteren betont.

2) "Wer die vollkommene Erleuchtung ... praktiziert, erkennt, dass Geburt und Auslöschung wie eingebildete Blumen am Himmel sind. Darum gibt es kein Kontinuum von Geburt und Tod und keinen Körper wie auch keinen Geist, die Tod und Geburt unterworfen wären." (dito) 

Nichts und niemand geht von Leben zu Tod zu Leben, es gibt nach diesem Verständnis des Mahayana keine Reinkarnation.

3) "Tatsächlich gibt es weder Bodhisattvas noch fühlende Wesen, denn es handelt sich dabei um illusionäre Projektionen. Wird man diese los, dann existiert niemand mehr, der etwas erlangt oder verwirklicht." 
(Kapitel Bodhisattva der Reinen Weisheit)

Der Übende muss sich nicht künstlich (oder äusserlich) von anderen unterscheiden, durch Roben usf.

4) "Wenn die Täuschungen des Geistes erstehen, müssen sie nicht gezielt ausgelöscht werden. Inmitten irriger Konzepte, macht keine Unterschiede. Und in dieser Nicht-Unterscheidung unterscheidet auch nicht die wahre Wirklichkeit." (dito)

Es ist völlig in Ordnung, in Geistesaufruhr zu geraten, wenn man dazu die rechte Einstellung gewinnt, sich also nicht zum Anhaften an bestimmte Ideen und Gefühle verleiten lässt.

5) "Beim Erwachen jenseits aller Spuren eines Selbst oder einer Person kann man sich nicht bewusst sein, etwas Besonderes erlangt zu haben; dies wäre ein Zeichen des gewöhnlichen Menschen. (...) 

Es ist die Idee, dass es da einen gibt, der in die Erleuchtung eintritt, die eben diese verhindert." 
(Kapitel Bodhisattva, der von allen karmischen Hindernissen befreit ist)

Erwachen ist also etwas Stinknormales.

6) "Vollständiges Erwachen wird weder durch Scharfsinn ... noch durch das Annehmen der Dinge, wie sie sind ... noch durch das Anhalten der Gedanken ... noch durch Auslöschung erlangt." 
(Kapitel Bodhisattva der universalen Erleuchtung)

Weder Stoizismus noch angestrengtes Nachdenken, aber auch nicht der Versuch, das Denken auszuschalten oder Nihilismus bedeuten Erleuchtung.

7) "Sich von Illusionen zu trennen bedeutet erwacht zu sein. Dazu gelangt man nicht stufenweise!" 
(Kapitel Bodhisattva Samantabhadra)

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In einem Beitrag vor einigen Wochen hatte ich Sheng Yen kritisiert. Wie so viele Lehrer kann er sich allerdings auf die Schriften berufen. Mein eigentlicher Vorwurf bezieht sich auf das Stehenlassen von unnötigen Widersprüchen in alten Texten, statt diese auf ihre Brauchbarkeit im heutigen Alltag und bei der buddhistischen Übung zu entschlacken. Die Verwirrung, die ein solcher Buchstabenglaube bei Schülern hervorruft, ist nicht selten Ausdruck einer Verwirrung des Lehrers selbst, oder doch zumindest seiner Unfähigkeit, der Buddhalehre einen eigenen Geschmack zu verleihen. In der Sutra der Vollkommenen Erleuchtung finden sich tatsächlich auch diese Stellen:

"Auch wenn ein Lehrer weltichen Kummer manifestiert, ist sein Geist stets rein. Selbst wenn er Missetaten begeht, lobt er die Übung der Reinheit und führt die fühlenden Wesen nicht zu undiszipliniertem Verhalten. Wenn die Wesen einen solchen Lehrer aufsuchen, werden sie die unübertroffene vollkommene Erleuchtung erlangen. Wenn sie Im Zeitalter des Schwindenden Dharmas einen solchen Lehrer treffen, sollten sie ihm selbst unter Aufgabe ihres Lebens Opfer darbringen, ganz zu schweigen von der Aufgabe von Nahrung, Besitz, Ehepartner, Kindern und Gefolge. Selbst wenn er Missetaten begeht ...
(Kapitel Bodhisattva der Universalen Erleuchtung)

Man wird den Eindruck nicht los, dass sich hier schon früh buddhistische Scharlatane gegen die Ablehnung durch den gesunden Menschenverstand schützen wollten. Die Frage lautet doch schlicht, ob jemand, der selbst umsetzt, wovon er spricht, nicht überzeugender und reifer ist als einer, der diese beiden Dinge nicht in Harmonie bringt.

Auch für die körperfremde Seite des Buddhismus finden sich in der Sutra Belege. "Wenn fühlende Wesen von Geburt und Tod befreit werden und die zyklische Existenz meiden wollen, sollten sie zunächst Sehnsucht und Begierde abschneiden und ihre anhängliche Liebe auslöschen." (Kapitel Bodhisattva Maitreya) Wollen wir wirklich in einer solchen Welt leben?

Die sinnenfeindliche Einstellung ist natürlich Teil einer Umkehrung des oben Zitierten, wenn es im Kapitel Bodhisattva der Universalen Sicht - ganz klassisch - heisst: "Zunächst sollten sich die Menschen auf die Samatha-Übung der Tathagatas verlassen und strikt die Regeln (Gebote) einhalten. Sie sollten friedvoll in einer Versammlung von Übenden weilen und in einem stillen Raum in Meditation sitzen."

Obgleich sich ein genauerer Blick auf die in der Sutra genannten Meditationsmethoden lohnt und später hier im Blog nachgeholt wird, werde ich nicht müde zu betonen, dass es regelmässig nicht das Einhalten von Regeln ist, das die Menschen zu entscheidender Erkenntnis bringt. Es war nicht einmal in der Lage, das Leben der Menschen untereinander angenehmer zu machen. Der kanadische Psychologe Steven Pinker hat in seinem Werk "Gewalt" aufgezeigt, dass diese im Laufe der Menschheitsgeschichte zwar auch abnahm, weil  ein staatliches Gewaltmonopol in Verbindung mit einem verbindlichen Regelwerk entstand, zugleich waren jedoch die Folgen der Aufklärung, verbunden mit der Verbreitung von Literatur und Wissen (und einer Zunahme der A-Religiosität) Voraussetzung für das empathische Hineinversetzen in den anderen. Es ist letztlich nicht altüberkommenes, sondern modernes Wissen, das den Menschen zur Einsicht und Besserung bringt - die Erweiterung des eigenen Horizontes.



Mittwoch, 11. September 2013

Die Debatte um Grüne und Pädophilie

Immer wieder habe ich bei den in diesem Blog am meisten gelesenen Beiträgen zu sexuellem Fehlverhalten von Mönchen darauf hingewiesen, dass es mir um die spezielle Verantwortung innerhalb eines religiösen und erzieherischen Kontextes geht. Aufs allgemeine Niveau zur "Missbrauchsdebatte" will ich hingegen nicht abstürzen. Denn ich trete aufgrund der so genannten Akzeleration (der immer früher eintretenden Geschlechtsreife und dem wachsenden Informationsstand von Kindern) und der wissenschaftlichen Erkenntnisse (siehe Rind-Studie) u.a. für eine Senkung der gesetzlichen Schutzaltersgrenzen ein. Ich denke, dass jemand - ob er nun buddhistische Achtsamkeit und rechte Rede (das heisst, unerschrocken "Wahres" zu sagen) übt oder seine Ethik als Agnostiker entwickelt - sich durch die Ausgrenzung sexueller Minderheiten und das Pflegen von diesbezüglichen Ekelgefühlen seinem eigenen Reifeprozess verweigert. Der Grund liegt meist in der Verdrängung der eigenen kindlichen Sexualität.

Jüngst hatte irgendjemand den wohl strategisch durchaus geschickten Einfall, ein paar olle Kamellen auszupacken, die die Grünen bei der nächsten Bundestagswahl das eine oder andere Prozent Wählerstimmen kosten könnten. Das eine, weil die Mehrheit der Bevölkerung gerne ihren Hass auf alle Befürworter intergenerationellen Sexes projeziert, das andere, weil diejenigen, die in der Pädophilie eine schon im Mutterleib angelegte oder zumindest frühkindliche Veranlagung sehen wie die Homosexualität, diese Heuchelei nicht verzeihen. Zwar haben gewiss in den 80ern pädophile (vor allem päderastische, also auf Jungen bezogene und damit "auch" homosexuelle) Aktivisten die Schwulenbewegung genutzt, um auch ihren Ansprüchen Gehör zu verschaffen. Doch umgekehrt waren sie jenen Homosexuellen, die ausschliesslich auf Erwachsene stehen, ebenso willkommen, um den Druck auf die Gesellschaft massiger erscheinen zu lassen. Als jene Homosexuellen ihr Ziel erreicht hatten, wurde die wesentlich kleinere (bekennende) Minderheit fallengelassen. Diese Beliebigkeit, die Unfähigkeit eine angemessene Form zu finden, einer weiteren sexuellen Minderheit gerecht zu werden, lässt heute das mangelnde Rückgrat einiger prominenter wie unbekannter Politiker deutlich werden. Warum etwa muss eine erwachsene Frau ihre Kandidatur zurückziehen, weil sie es als 19-Jährige für richtig hielt, ihrer damaligen Ansicht zur Beseitigung von Schutzaltersgrenzen Ausdruck zu verleihen? Soll ich etwa keine Kirche mehr betreten oder aus der Bibel zitieren dürfen, weil ich mich mit 19 noch zum Christentum bekannte und heute dem Zen verbunden bin? 

Die öffentliche Diskussion wird nicht nur von solchen Angsthäschen bestimmt, und nicht nur in den Reihen der Grünen finden sich Komplettignoranten, die ihren Wissensdurst bezüglich sexueller Orientierung bei Selbsthilfegruppen und konservativen kirchlichen Organisationen stillen statt in der Sexualwissenschaft (wobei auch dort wie in der Psychologie nicht selten von leidenden Patienten auf Erfahrungen derjenigen geschlossen wird, die niemals einer Behandlung bedürfen). Nach den auch in meinen Augen schmierigen Äusserungen ihres Daniel Cohn-Bendit zu seinen Erfahrungen mit ihm anvertrauten Kindergartenkindern war der Aufschrei in den eigenen Reihen kaum hörbar. In der aktuellen paranoiden Selbstverteidigung trat jedoch kürzlich im FOCUS (Nr. 33/2013) die Grüne Marieluise Beck hervor. Bei aller Empathie für die Opfer sexueller Übergriffe (ich habe im Laufe meines Lebens mit etlichen gesprochen und bin an mindestens einer Beziehung zu einer Frau, die solche Übergriffe erlebte, gescheitert) ist es völlig unzulässig, die von Beck gar nicht näher benannten Übergriffe des Vaters einer Gast gebenden Familie auf sie als 15-Jährige (!) und ihre bedauerliche Sprach- und Wehrlosigkeit zu verallgemeinern. Man sollte dafür plädieren, genau dies, eine Sprach- und Wehrhaftigkeit schon in kleinen Kindern zu schaffen. Beck flüchtet sich jedoch in Parolen und Platitüden ("Die Trennlinie zwischen Tätern und Opfern ist inzwischen ganz klar") und vermengt dann, wie üblich, Minderjährige mit Kindern (dabei kann es auch in Deutschland schon 14-Jährigen erlaubt sein, mit Erwachsenen Sex zu haben, was Beck wissen müsste). Die Übergriffe auf ihre Schwestern ("sowohl von Seiten eines Schulleiters als auch im kirchlichen Umfeld") trennt sie nicht sauber von Beziehungen ausserhalb eines erzieherisch-organisatorischen Gefälles. 

Wenn die katholische Kirche Recht hat, dass es in ihren Reihen keine signifikant erhöhte Anzahl Pädosexueller im Vergleich zur Restbevölkerung gibt, dann ist dies ein weiterer Hinweis darauf, dass offensichtlich ausserhalb von Schule, Kirche und ähnlichen Institutionen (wie in der Rind-Studie aufgezeigt) sexuelle Beziehungen von Erwachsenen und Kindern weitaus weniger tragisch verlaufen - es sei denn, sie werden innerhalb von Familien vertuscht, was wiederum für die Mehrheit der Fälle gilt. Wir haben es hier also mit verschiedenen Phänomenen zu tun, auf der einen Seite mit dem Missbrauch durch Vertrauenspersonen, die oft gar nicht ausschliesslich pädosexuell veranlagt sind, auf der anderen Seite mit dem Wunsch nach sexueller Selbstverwirklichung von (überwiegend dezidiert so veranlagten) Pädophilen, die - sofern selbstreflektiert und "strukturiert" - jene Art von Missbrauch an Kindern möglicherweise schärfer verurteilen als die Durchschnittsbevölkerung. Man darf annehmen, dass unter denjenigen, die sich nun laut von den Vorfällen der 80er distanzieren, rein statistisch betrachtet irgendeiner ist, der es mit Kindern aus der eigenen Verwandtschaft treibt. Diese Heuchelei gilt es ebenso aufzudröseln, denn die so genannte "Dunkelziffer" und der innerfamiliäre Missbrauch sind nicht möglich, wenn nicht ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung in der Lage ist, sich sexuell von Kindern anregen zu lassen (also pädosexuelle Anlagen hat, so wie es latente Homosexualität in vielen von uns gibt).

Eine der verlogensten Ätzgestalten, die sich seit Jahrzehnten publizistisch und öffentlichkeitswirksam betatetigt, ist die Feministin Alice Schwarzer, die in ihrem Blog (Eintrag vom 12.8.) .Heterosexuelle als Päderasten bezeichnet, oder gar Woody Allen, obwohl nie verurteilt, eben mal als Missbraucher seiner eigenen Kinder (da er einer meiner Lieblingskomiker ist, habe ich mir erlaubt, seinen Agenten darauf aufmerksam zu machen). Auf diesem Niveau wird leider die Debatte geführt. Und natürlich soll dabei die Kindheit bis auf 18 Jahre ausgedehnt werden. Etliche Journalisten haben längst diese Denke übernommen. Immer wieder wird ein "Machtgefälle" als Argument gegen intergenerationelle Beziehungen angeführt, doch es macht keinen Sinn, da ja dann einem körperlich und geistig Behinderten jeder Sex mit Nicht-Behinderten wegen der ungleichen "Machtverteilung" zu verweigern wäre und etliche Partnerschaften und Ehen, die z.B. auf einem finanziellen Ungleichgewicht beruhen, keinen Bestand haben dürften. Tatsächlich sollten in den 80ern im Wesentlichen jene Gesetze abgeschafft werden, die die Sexualität von Menschen einschränken, und nicht diejenigen, die die Schwächeren schützen sollen (etwa vor Vergewaltigung). Hätte man die über das Ziel hinausschiessenden Forderungen (etwa die Aufweichung des Schutzes von Schutzbefohlenen) relativiert, wäre bereits vor 30 Jahren Deutschland zum Vorbild sexueller Freiheit gereift. Stattdessen werden noch heute Menschen, die nackt durch die Strasse laufen, festgenommen.

Noch pikanter ist der Fall eines (ehemaligen?) Mitglieds der Republikaner, die sich gern mit radikalen Parolen wie "Todesstrafe für Kinderschänder" schmücken. Der 53-Jährige floh jüngst mit seiner 13-Jährigen Geliebten nach Polen, liess alles zurück, sogar seinen geschätzten Schäferhund. Nun jagen ihn Polizei und Privatdetektiv, und doch ist anzunehmen, dass hier einmal Gefühle über jeden politischen Dumpfsinn triumphieren konnten. Am Ende wird er wahrscheinlich im Knast landen, wie der 51-jährige Tourist, den das FBI verhaftete, weil er sich zum Sex mit einem Kind in Mexiko verabredet haben soll. Dieses Kind gab es jedoch gar nicht, weil ihm das FBI alles nur vorspielte, um ihn in eine Falle zu locken. Dennoch droht diesem deutschen Lehrer u.U. in den USA eine höhere Haftstrafe. als jenem Erstgenannten, der tatsächlich eine Beziehung zu einem Kind hat. So pervers sieht die Rechtslage in den USA aus. 

(verfasst am 30.08.2013)

Nachtrag aus der Geschichte der Unterdrückung sexueller Minderheiten

"Niemand ist nur ein halber Mann."

Letzte Woche las ich die Briefe und Tagebücher eines meiner Lieblingsautoren, John Cheever. Er war bisexuell und haderte damit, dies vor seiner Familie und der Öffentlichkeit lange verborgen zu haben. In seinen Journals (Vintage, London 2010) schreibt er:


"Es scheint als könnten wir unsere sexuelle Natur nicht umgestalten. Und es gibt einen Punkt wo Verleugnen zur reinen Heuchelei wird, mit ihrem Gefolge an zermürbenden und dummen Ängsten. Man muss aus einem freien Herzen handeln - es darf nichts Verborgenes geben - und nach den besten Wegen suchen, sich innerhalb unserer gegebenen Lebensumstände auszudrücken. Beim Aufwachen denke ich, wie eng und ängstlich mein Leben doch ist. Wo sind die Berge und grünen Felder, die ausgedehnten Landschaften?" (S. 85)


"Ich bin nicht besser oder schlechter als die anderen Mitglieder der Versammlung." (S. 88)


"Hat er es getan? Wollte er es tun? Hat er je? Was ich sagen will ist, wie lächerlich so was ist. Schuldige Menschen mag es geben, doch nur auf absurde Weise unterdrückte Menschen würden solche Fragen stellen." (S. 117)


"Ich höre in diesen Worten eine verachtenswerte Prüderie, die mir schlimmer und als ein grösseres Hindernis vorkommt als das Vergehen dieses Jungen." (S. 127, in Bezug auf einen Richterspruch)


"Es war eher wie ein improvisierter Kontaktsport, bei dem man durch Ejakulationen punktet." (S. 277, in Bezug auf eine homosexuelle Affäre)

"Ich kann die vereinfachte Moral nicht akzeptieren, dass sexuelle Taboos zu brechen jemanden zum Freiwild für jede andere Art von Anschuldigung macht." (S. 316)

Mittwoch, 4. September 2013

Antisemitismus, Kissinger-Professur und Giftgase

Dies soll keine Werbung für eine bestimmte Partei werden. In der letzten Zeit, wo ich mal wieder Tageszeitungen probeabonniert habe (diesmal auf meinem Kindle), komme ich aus dem Staunen nicht heraus, in welchem Ausmass es möglich ist, meine Intelligenz zu beleidigen. Glücklicherweise hat sich schon ein Protestbündnis gegen die Henry Kissinger-Professur (zu verantworten massgeblich von Lothar de Maiziere und Guido Westerwelle)  formiert. Wer als Namenspaten für eine Professur einen der grössten noch frei herumlaufenden Kriegsverbrecher wählt (der Journalist Christopher Hitchens hat einst Kissingers Verbrechen dokumentiert, neben der bekannten völkerrechtswidrigen Bombardierung Kambodschas und Laos vor allem dessen Depeschen rund um den Völkermord in Osttimor), dem fehlt mehr als ein Zacken in der Krone. 
   Befremden muss auch, wenn Opfer von Gewaltverbrechen oder Drohungen ihre persönlichen Erfahrungen zu einer Art Weltsicht in der Presse ausbauen dürfen (dazu später noch mehr zum Thema Pädophilie bei den Grünen). Der vor einem Jahr - so zunächst gemeldet - von Jugendlichen verprügelte Rabbiner Daniel Alter aus Berlin hatte vor zunehmendem Antisemitismus in Berlin gewarnt und einige Bezirke zu Tabuzonen für Juden erklärt. Der Angriff auf den Rabbiner ging jedoch von arabischen Jugendlichen aus - also von Semiten. Auch hier liegt der Teufel im Detail, und man wünschte den Beteiligten eine achtsamere Wortwahl. Wer "Antisemitismus" einseitig für seine Volksgruppe reklamiert, der sollte die Rechte anderer Semiten nicht mit Füssen treten: die Siedlungspolitik in Israel zuungunsten der Palästinenser sollte dann ebenfalls als antisemitisch bezeichnet werden.
    Vollends perplex machen muss einen das zunehmende Verstummen der Giftgas-Experten in den Medien, die bereits darauf hinwiesen, dass behandelnde Ärzte die syrischen Opfer nicht schadlos ohne eigene Schutzvorkehrungen hätten berühren können. Der Mangel an Rebellenopfern und der eher unprofessionelle Einsatz des Giftgases sowie die anzunehmende Strategie etwa von Al-Kaida bzw. ihnen Nahestehenden, auf eine Flugverbotszone hinzuarbeiten, um selbst an den Drücker zu kommen, verlangen danach, dass die angeblich von Mossad und US-Geheimdienst abgehörten Gespräche von Angehörigen des syrischen Militärs rund um den Giftgaseinsatz veröffentlicht statt nur behauptet werden. Es ist grotesk, dass die US-Regierung ein gutes Jahrzehnt die Ausrottung Al-Kaidas anstrebt und ihr jetzt erneut direkt in die Hände spielt. Als ehemaliger Student der Filmwissenschaft erlaube ich mir zu warnen, irgendwelchen Bildern solcher Art glauben zu schenken, das galt schon bei der Inszenierung des Mordes an "Bin Laden", zu der wir damals ja sogar die Gesichter von Clinton und Obama vor ihren Bildschirmen mit Liveschaltung geliefert bekamen. Heute wissen wir, dass "Bin Laden" (der natürlich ganz diskret im Meer entsorgt wurde ...) unbewaffnet war. Längst hat sich die US-Regierung das jüdische "Auge um Auge, Zahn um Zahn" zum moralischen Leitfaden gemacht, sie tötet per Drohnen und ohne weitere Gerichtsverhandlung nicht nur Terroristen, sondern auch deren Angehörige, sie knastet Verdächtige unter unmenschlichen Bedingungen in Guantanamo ein und bespitzelt die Welt nach Belieben. Einen Kissinger würde sie nie ausliefern, verlangt aber einen Snowden zurück. Ich habe Bedenken, hier noch von einem Rechtsstaat zu sprechen. Wenn man ein Argument für einen Angriff auf Syrien gebraucht hat, bedurfte es dazu sicher nicht erst eines Giftgaseinsatzes. Ein Friedensnobelpreis macht noch keinen ethisch klaren Menschen.
   Was unsere Kultur angeht, so fusst sie auf der Ethik des Neuen Testamentes, das einst auch jene Engländer bewegt haben sollte, die sich aufmachten, Amerika zu besiedeln. Es ist an der Zeit, dem allgemeinen Werteverfall jener Politiker etwas entgegenzusetzen, was sich ebenso aus dem Buddhismus motivieren liesse. Es ist das beiden Religionen gemeinsame "Ich bin du, du bist ich" - die Fähigkeit, sich konsequent in die Lage eines anderen zu versetzen, um so auch die Folgen abschätzen zu können, die neben dem nötigen Indieschrankenverweisen der unnötige Verrat an den eigenen Grundwerten haben wird. Da die meisten Buddhisten hierzulande nicht mal zur Organspende bereit sind, liegt die Hoffnung aber tatsächlich nicht in der Religion, sondern in dem Wenigen, was diese - unnötig kompliziert und in Geboten verklausuliert - als instinktive Natur des Menschen und als sein eigentliches Potential erahnt hat: den Sinn für Humanismus.

(verfasst am 30.08.2013)