Freitag, 26. Februar 2010

Tiger Woods und der buddhistische Ehebruch-Knüppel


Wie man an meinem Beitrag zu Goldie Hawn sieht, bin auch ich mir nicht zu schade, ab und an einen populären Namen hier einfließen zu lassen. Tiger Woods, selbst erklärter Buddhist, ist der nächste. Allerdings mag ich nicht in den Tenor zahlreicher Buddhisten-Blogs einstimmen, die in der Regel unter Hinweis auf die buddhistischen Sila (Hauptregeln) sein Verhalten verdammten und die Entschuldigung bei seiner Frau begrüßten. Nun, mich geht eigentlich weder das eine - mit wem es Tiger Woods treibt (wozu wohl auch seine Frau zählt) - noch das andere - bei wem er sich entschuldigt (was er nun auch bei seiner Frau tat) - etwas an. Vor allem glaube ich nicht, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass sich dadurch etwas ändert. Gut die Hälfte aller Verheirateten in der westlichen Zivilisation geht offenbar fremd, wenn ich so die neuesten Studien sehe, und insofern ist Tigers Verhalten nicht nur "mainstream", sondern auch für die Zukunft recht wahrscheinlich.

Was mich an der Diskussion unter Buddhisten befremdet (auch in zwei der von mir verlinkten Blogs), ist zum einen der konstruierte Zusammenhang zwischen Reichtum und sexuellen Gelüsten. Es dürfte eigentlich jedem klar sein, dass es nur eine Frage der Örtlichkeit und des Milieus ist, ob auch ein armer Westler sich so viele Partnerinnen wie Tiger leisten kann, insbesondere, wenn er auf den käuflichen Sex zurückgreift. Wahrscheinlich stehen ihm sogar mehr Gespielinnen zur Verfügung, weil er nicht unter Beobachtung durch Journalisten u.a. steht. Wenn ich mir anschaue, was hier in meinem sozialen Brennpunkt im Haus schon los war, kann ich keinesfalls die Hoffnung hegen, es ginge unter den Ärmeren gesitteter zu.

Zum anderen ist befremdlich der Hinweis auf folgende Regel, die gemeinhin mit dem christlichen Gebot "Du sollst nicht ehebrechen" verwechselt wird: Kamesu Micchacara Veramani Sikkhapadam Samadiyami. Das heißt in etwa: "Ich gelobe, Abstand zu nehmen von sexuellem Fehlverhalten." Dies ist die Regel für männliche und weibliche Laien. "Veramani Sikkhapadam Samadiyami" heißt: Ich nehme die Übungsregel auf mich, "Micchacara": nicht den falschen Weg zu gehen, "Kamesu": wegen sexuellem Vergnügen. Im Pali-Kanon finden wir zwar etliche Stellen, in denen der Buddha vom Ehebruch abrät, aber in dieser Regel kann er nicht automatisch impliziert sein - denn die Ehe selbst kann ja genau die sexuelle Abhängigkeit, den "Weg sexuellen Vergnügens", von dem die Sila spricht, beinhalten. Wenn mit dieser Regel automatisch Ehebruch gemeint wäre, dann würde Buddha die Ehe zwangsläufig als das Gegenteil und nicht den Hort "sexuellen Vergnügens" sehen.  Das macht wenig Sinn.

Außerdem versteht der Buddha Ehebruch ganz offensichtlich so: Ein Mann nimmt sich eine verheiratete Frau (und nicht: ein verheirateter Mann nimmt sich eine unverheiratete Frau). Für mich ist das nur ein Beleg mehr für die Untauglichkeit eines Klebens am Pali-Kanon. Im Samyutta Nikaya etwa heißt es: "Wenn jemand mit meiner Frau Sex hätte, würde mir das nicht gefallen; genauso wenig würde es einem anderen gefallen, wenn ich mit seiner Frau Sex hätte [Anm: Man denke hier nur an Swingerclubs]. Was mir unangenehm ist, muss auch anderen unangenehm sein, und wie könnte ich ihnen dies aufbürden?"- Ich muss schon sagen, für einen Zen-Adepten ist eine solche Rede ausgesprochen flach. Wir fragen uns: Wieso ist mir das denn unangenehm? Oder besser: WEM ist denn da was unangenehm? Und wenn wir diesen Übungspfad gehen, dann werden wir auch nicht mehr die (letztlich nicht nur altruistische, sondern eben auch egoistische) Sichtweise hegen, dass alles, was mir unangenehm ist, auch anderen unangenehm sein müsse.

Da es nötig ist, mithilfe der textlichen Überlieferung dieser Sila Bedeutung zu geben - selbsterklärend genug ist sie nämlich nicht -, taugt die Assoziation mit den wesentlicheren Lehrinhalten des Buddhismus (die sich eben nicht primär mit der Ehe beschäftigen) viel eher zum Verständnis.Was würden wir hier erwarten? Wohl vor allem, dass "sexuelles Fehlverhalten" dadurch vermieden wird, dass wir niemandem damit schaden.  Dass wir mit unserer Sexualität achtsam umgehen. Dies wird freilich auch oft erst im Nachhinein klar - wir kennen wohl alle Menschen, die zeitweise mit ihren Partnern glücklich waren, später und mit zeitlichem Abstand aber diese Beziehungen (und die darin vorkommende Sexualität) bedauern. Was wir uns also wohl darunter vorstellen, ist einvernehmliche Sexualität - eine im gegenwärtigen Geschehen des Sexes von allen Beteiligten gewünschte Aktion.

Nun ist der/die "Betrogene" in der Regel an dieser Aktion nicht beteiligt. Was ist das Motiv, wonach hier Schaden entsteht (wenn wir die Zeugung außerehelicher Kinder und damit verbundener Probleme mal beiseite lassen)? Ist es nicht der Egoismus des Partners? Wird nicht sogar in offenen Beziehungen, in der "Polyamory", auf die mich heute eine Bekannte hinwies, die Eifersucht noch als eines der größten Hindernisse - aber eben auch als Übungsfeld gesehen? Warum sollte ausgerechnet ein Buddhist, der danach strebt, nicht nur seinen Egoismus, sondern auch den der anderen Menschen zu vermindern, auf diesen Rücksicht nehmen? Ist sein/ihr Ehebruch automatisch egoistisch? Es gibt zu viele Ausnahmen, um eine solche Regel konstituieren zu können. Und zu viele Formen des Zusammenlebens, von denen der Buddha nichts wusste. Genauso wenig, wie sich die Verfasser des Vinaya z.B. den Sado-Masochismus als verbreitete Sexualform vorstellen konnten und auch zum Sex zwischen den Generationen keine speziellen Regeln verfassten. Was nämlich als leidvoll und schädlich angesehen wird, hängt auch immer von der Zeit und dem Ort ab, wo sich die Sexualität abspielt. In wie vielen Sprachen dieser Welt wohl ein Wort wie "Ehebruch" gar nicht existiert?

Ich nehme an, dass die wirklichen Probleme - aus einer tiefen (prajna) und nicht oberflächlichen (sila) Ebene des Dharma gesprochen -, die wir in dem Sexskandal um Tiger Woods erkennen, diese sind: 1) Das Anhaften und "Nicht-Teilen-Wollen" auf Seiten seiner Ehefrau; 2) das Anhaften an häufigem Sex auf Seiten Tigers. Insofern wurden beide Probleme durch eine öffentliche Entschuldigung höchstwahrscheinlich nur kaschiert und nicht behoben. Im Gegensatz zu den meisten Bloggern sehe ich freilich im ersten Punkt mehr Schwierigkeiten. Denn wer auch immer, ob Mann oder Frau, auf eine solche Art am Partner anhaftet, der kann auf dem buddhistischen Pfad kaum als erwacht gelten. Wer jedoch mit vielen Partner Sex hat, der muss deshalb noch lange nicht abhängig sein. Ich kenne Tigers Hormonspiegel nicht, aber ich weiß von mir selbst, dass es viel einfacher ist, auf Sex zu verzichten, als den exklusiven Besitzanspruch auf eine bestimmte Partnerin aufzulösen.

Am 15. April startet der bisher wohl kommerziellste Film Atom Egoyans in deutschen Kinos: Chloe. Das Foto oben (Copyright: Kinowelt) zeigt die unglaublich erotische Amanda Seyfried, die von einer sich als gehörnte Ehefrau sehenden Julianne Moore auf deren Film-Ehemann angesetzt wird, um zu überprüfen, ob der denn wirklich fremdgeht. Der spannend-schöne Film  deutet die vielen, oft unausgesprochenen Facetten der Liebe zwischen den Geschlechtern und Generationen  an, und gerade weil sein Ende etwas misslingt, bleibt beim Zuschauer wohl der Wunsch zurück, dass wir es in Sachen Liebe (und Sex) nur dann besser machen werden, wenn wir aufhören mit der Heuchelei, Eifersucht und dem Buchstabenglauben an Worte wie "Ehebruch".

Kommentare:

  1. "Ich nehme an, dass die wirklichen Probleme, die wir in dem Sexskandal um Tiger Woods erkennen, diese sind: 1) Das Anhaften und "Nicht-Teilen-Wollen" auf Seiten seiner Ehefrau; 2) das Anhaften an häufigem Sex auf Seiten Tigers."

    Das waren auch meine Gedanken zu diesem speziellen Fall und ganz allgemein zum Thema fremdgehen. Wozu ich aber noch keine befriedigende (gestig, nicht körperlich - darf im Zusammenhang mit dem Thama ja erwähnt werden *g*) Antwort bekommen habe ist: Wenn man in dem Wissen, dass sein Partner dies nicht tolererieren kann (Anhaften, "Nicht-Teilen-Wollen") trotzdem fremd geht erzeugt man doch wissentlich Leid beim Partner. Hier hat man doch eine unheilsame Handlung begangen, die über die Anhaftung an Sex mit mehreren Partnern hinausgeht. Wie genau ist diese Handlung ("Verletzen des Partners") im buddhistischen Kontext zu sehen.

    Vielen Dank für eine kurze Erläuterung.

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  2. Ein guter Einwurf. Entscheidend ist also die Partnerwahl. Ein solcher Punkt ist doch vorab klärungsbedürftig. Andererseits kann man sich und seine Einstellungen ja im Lauf einer Partnerschaft ändern - was zunächst unproblematisch schien (Fremdgehen), wird dann vielleicht doch leidvoll. Was also tun, wenn man alles geklärt hatte, der Partner aber dann seine Einstellung ändert?

    Nach dem Ursache-Wirkungsprinzip sehe ich natürlich Verantwortung beim Fremdgehenden. Auch Reue und eine Entschuldigung sind prinzipiell nicht falsch - nur kommen sie mir wenig glaubwürdig vor, wenn jemand schon vor einer Affäre wusste, dass er seinen Partner (ob männlich oder weiblich) verletzt. In der Tat dürften dann viele Menschen zur "Askese" neigen, zum Verzicht zugunsten des Partners. Bei einer Abwägung der Geschehnisse - Vermeiden von Leid des Partners gegenüber Schaffen von Leid bei der abgewiesenen Affäre - ist es für mich verständlich, wenn man aufgrund der Loyalität den langjährigen Partner vorzieht. Grundsätzlich bleibt das Dilemma, das auch dann jemand leiden kann - wahrscheinlich sogar zwei Personen. Eine Quantifizierung dieses Leidens ist mal wieder nicht möglich.

    Wenn es also nicht gelingt, mit dem Partner am Loslassen hinreichend zu arbeiten, dann bleibt immer noch die Trennung. Ist man dazu bereit, wird sich auch dem Dritten im Bunde zeigen, wie wichtig er/sie dem anderen ist. Was ich sagen will ist, in solchen Konstellationen ist es selten möglich, Leid zu vermeiden. Und trotz eines Zusammenhanges von Ursache und Wirkung bleibt doch entscheidend, dass dieses Leiden nur im Geist des Leidenden entsteht - es hat sozusagen keine objektive Notwendigkeit, es ist ein rein subjektiver Vorgang, für den die größte Verantwortung nicht der fremdgehende Partner (oder der Dritte im Bunde) trägt, sondern derjenige, der nicht weiß, wie er damit umgehen soll, ohne zu leiden.

    Es ist ungefähr so, wie wenn einer verliebt ist und diese Liebe nicht erwidert wird: Wie könnte ich dem anderen dies vorwerfen, wo ich für meine Liebe - und das darauf folgende Leiden - doch selbst verantwortlich bin? Statt die unrealistische Hoffnung zu hegen, in einer Partnerschaft Leiden zu vermeiden, sollte man sich darauf einstellen, es ganz genau anzuschauen und nicht vor ihm zurückschrecken, wenn es einem begegnet.

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  3. Klasse - Du kannst ja auch wirklich gute Beiträge schreiben. Weiter so!

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  4. Das Problem ist - wie könnte ich nette Worte zurückweisen? Ich weiß auch gar nicht, was der Empfänger dann für eine Rückmeldung von Google erhält. Die bösen Kommentare lasse ich aber nicht alle zu (wenn ich das Gefühl habe, hier wird ein "Flamewar" versucht). Die guten abzulehnen wäre erst recht unhöflich. Nun wirkt das etwas einseitig. Also sage ich, dass es nicht nur Zustimmung gibt. Und kann künftig bei jedwedem Verdacht in diese Richtung auf diesen Kommentar verweisen ...

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  5. Richtig ist, dass sexuelles Fehlverhalten, die Unweissenheit steigert, anstatt sie aufzulösen.

    Da, wenn man durch Sex Begierde ausgelöst wird, automatisch sich von Sinneseindrücken beeinflussen lässt, anstatt den Geist in Shine (Ruhe) und Lathong (Betrachtung) zu trainieren.

    Shila ist in erster Linie kein Zwang, sondern ein Schutz. Deswegen hat sich der Betreffende auch in diesem Fall entschuldigt, da er um die Kraft dieses Schutzes weiß.

    Zudem gibt es keinen Buddhist, sondern nur ein Laie der Lehre des Buddha. Was impliziert, dass derjenige nach Boddhicitta strebt.

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  6. buddhismus sollte sein: Selbsterkenntnis-Erleuchtung - und auch in jeder anderen Religion,
    muß man selber herausfinden, oder wissen, oder erlernen: was anderen Menschen (Lebewesen) Leid zu fügt, daß kann doch nicht richtig sein...?
    buddhismus-als-lebenshilfe.over-blog.com

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