Mittwoch, 30. März 2016

Brad Warner-Bullshit: Erleuchtung und Regeln

Wie letzte Woche (auch im Kommentar) angekündigt, möchte ich den Unterschied zwischen einer beschränkten buddhistischen Ethik - und dem Gefangensein mancher Buddhisten darin - zu einer tieferen moralischen Grundhaltung, wie sie meines Erachtens aus tatsächlicher Erkenntnis ("Erwachen") entspringt, weiter verdeutlichen. Letzte Woche wies ich schon darauf hin, dass man sogar hermeneutisch, also durch Interpretation von Texten und Tradition, in der Lage ist, fundamentalistische Deuter zu wiederlegen, die aus dem Dharma ableiten, weder der Organspende noch der Sterbehilfe oder dem selbstbestimmten Suizid zustimmen zu können. Ich denke, dass damit schon angedeutet wurde, wie eine weiter gefasstere, empatherische buddhistische Ethik aussehen könnte, als sie viele Dogmatiker, die auch im Internet die Mehrheit zu stellen scheinen, vertreten.
     Heute dient mir ein Beitrag Brad Warners über "Erleuchtung und Jungfräulichkeit" als Ausgangspunkt. Vorausgeschickt werden muss, dass Brad Warner auf die übliche Art vieler Dôgen-Anhänger das Thema Erleuchtung normalerweise herunterspielt. Auf der anderen Seite hat er sich so deutlich über speziell ein Erlebnis ausgelassen, das die Kriterien eines solchen Erwachens erfüllt (dazu übernächste Woche demnächst mehr aus wissenschaftlicher Sicht), dass wir behaupten können, Brad hielte sich für erwacht. Dazu kommt, dass er Wert darauf legt, ein von einem japanischen Zenmeister authorisierter Mönch zu sein. Dabei würde ihn wohl kaum jemand als Dogmatiker bezeichnen, sondern eher als Punkt oder Zenhippie. 
   Im genannten Beitrag vergleicht Brad in einem für mich recht schiefen Bild die Erleuchtungserfahrung mit dem Verlust der Jungfräulichkeit: Sie sei einmalig, man würde damit eine Grenze überschreiten und es sei danach nichts mehr wie zuvor. Das Bild ist deshalb schief, weil sich hinter Brads Vorstellung vom ersten Sex bloß eine reichlich konservative, typisch US-amerikanische Sexualprüderie verbirgt, nach der der erste Geschlechtsverkehr eine solche Bedeutung haben solle (die er sexualwissenschaftlich betrachtet gar nicht hat). Doch der entscheidende Punkt ist ein anderer.
   Brad betont zurecht, dass das Erwachen nicht ein Abstellen und Verschwinden der eigenen Neurosen und Fehlverhalten zur Folge hat, sondern eine Einsicht darin, welche Konsequenzen sich aus dem eigenen Verhalten ergeben, das also nun bewusst in einem größeren Zusammenhang wahrgenommen würde. Allerdings würde man sich weiterhin falsch verhalten und Schlechtes tun können. (Auf das Argument, dass man alles Schlechte, was man anderen zufüge, sich selbst zufüge, komme ich in einem weiteren Blogbeitrag zurück, da es sich auch hier um eine typisch buddhistische Vereinfachung handelt, die so nicht stimmt. Ich werde das an konkreten Beispielen aufzeigen.) 
   Und wie sieht die Lösung dafür aus? Tata! "This is where the precepts come in." Hier kommen also nun die Regeln/Gebote (jukai) ins Spiel! Es ist ein Standargargument gerade der Sôtô-Fraktion (wie natürlich auch der Theravadin), dass sogar nach dem Erwachen stets eine Korrektur durch das Besinnen auf die buddhistischen Gebote nötig sei. Dieses Argument ist aus Zen-Sicht falsch, wie man hier im Blog anhand zahlreicher Zitate aus der Tradition erkennen kann. Es handelt sich hier um eine Auffassung des Dreiklangs von Regeln, Versenkung und Weisheit, wie sie typischerweise vor dem Erwachen auftritt, aber von fortgeschrittenen Lehrern immer wieder mit dem Hinweis auf die Priorität der Weisheit (aus erwachter Sicht) und der Freiheit von allen Dogmen konterkariert wurde. 
   Grotesk wird diese Argumentation aber nicht nur wegen der Unkenntnis jener Zentradition, sondern vor allem, wenn man sich das Verhalten ihrer Verkünder genauer ansieht. In buddhistischen Foren und Zirkeln sind das regelmäßig solche Menschen, die ihre moralischen Defizite wie auf einem Tablett vor sich hertragen, z. B. durch Ausgrenzungswünsche, ad personam-Angriffe, Lüge in Form von Verschleierung. Irgendwie scheint die von ihnen empfohlene Methode, sich ständig an den Geboten zu orientieren, bei ihnen selbst zumindest nicht viel zu fruchten. 
   Und das ist bei Brad Warner nicht anders. Wenn wir uns an die Diskussion zu den Sexskandalen um Sasaki und Shimano erinnern, so meinte Brad einmal flapsig, man würde doch heucheln, wenn man erwarte, dass ein Lehrer sich nicht sexuell für eine Schülerin interessieren könne. Und tatsächlich hat Brad selbst ja offenbar eine seiner Schülerinnen zur Partnerin gehabt. Das ist für mich keineswegs unverständlich, und die leichte Nachvollziehbarkeit von Brads Einwürfen macht ja einen Teil seiner Popularität aus. Doch was bedeutet es im Hinblick darauf, wie die Regeln zu verstehen und umzusetzen seien? Es ist die gleiche Frage, die ich schon letzte Woche aufwarf: Ist es nicht moralisch wertvoller, wenn keine Beziehungen von Lehrern zu Schüler/innen zugelassen werden, solange sie in diesem Verhältnis zueinander stehen? Ist Brad hier nicht offensichtlich an den Regeln gescheitert, die er hier selbst verlinkt (und die ihm z. B. auch seine Kritik an anderen Buddhisten untersagt)? Kann er also nicht sozusagen am von ihm selbst herbeitzitierten Text widerlegt und seine Philosophie über den Haufen geworfen werden? Warum hält er dann daran fest, wenn er nach eigenen Aussagen anderer Ansicht ist (die Regel gegen sein Verhältnis zu einer Schülerin in dem Text der Dogen Sangha formuliert das als "Don't desire too much")? 
    Ich habe hier schon viele Beispiele von Lehrern genannt, die an diesen Regeln scheiterten, selbst wenn sie sie - wie TNH - umformulierten. Die Lehrer selbst dienen als Beispiele für den Unsinn, den sie lehren, weil sie ihn nicht praktizieren können. Möglicherweise versuchen sie, wie andere Menschen auch, rhetorisch geschickt das eigene Verhalten so hinzubiegen, dass es noch irgendwie im Einklang mit den Vorgaben zu stehen scheint. Doch zu diesem Zeitpunkt können wir bereits instinktiv erkannt haben, dass Organspende moralisch hochstehender ist als ihre Ablehnung, dass Beihilfe zum Suizid moralisch hochstehender sein kann als der Verweis auf ein Tötungsverbot - und dass eben auch der strikte Verzicht auf ein sexuelles Verhältnis zu seiner Zenschülerin das moralisch angemessenste Verhalten für einen Zenlehrer ist. Auch im letzteren Fall ist das übrigens in der original buddhistischen Regel nicht enthalten, die sich, wie ich schon oft betonte, vor allem gegen den Ehebruch wendet. Ich glaube also, dass wir besser beraten sind, wenn wir uns auf den gesunden Menschenverstand und unser Gefühl verlassen, statt auf Regeln zurückzugreifen, die teils moralisch unterentwickelt sind und dennoch von ihren Apologeten regelmäßig missachtet werden. Da ist zu viel Lärm um Nichts.



  
  

Mittwoch, 23. März 2016

Buddhaland-Bullshit: Selbstmord

Ich möchte in Zukunft seltsame Ansichten aus anderen Blogs oder Foren aufgreifen, bevorzugt wahrscheinlich aus dem "Buddhaland" (eine unerschöpfliche Fundgrube groben Unsinns) und von Brad Warner. Verweisen möchte ich auch auf meine kleine Liste mit Literaturempfehlungen jenseits des Buddhismus, die ich - rechts in der Spalte unter den Infos zu meiner Person - jeweils am Monatsanfang erneuern will und die einen Teil meiner aktuellen Lektüre wiederspiegelt. 

Im "Buddhaland" fragte gerade ein User, was der Buddhismus zum Selbstmord sage. Den Buddhismus gibt es ja nicht, also ergab sich gleich eine Bandbreite von Antworten. Zwei der intelligenteren stammen von den Usern accinca und Sudhana und verschweigen doch einen Teil der Überlieferung oder sind sich deren Widersprüchen gar nicht bewusst. Schauen wir uns an, was dabei herauskommt.

Beide User, obschon der eine Zen vertritt und der andere Theravada, legen offenbar gleichermaßen Wert auf die schriftliche Überlieferung, die drei Beispiele von irgendwie durch Buddha abgesegneten Selbstmord beschreibt. In einem Fall ist es ein unheilbar Erkrankter, jedoch bereits "Befreiter" (Channa), in einem weiteren Fall jemand, dem zugestanden wird, beim Sterben Befreiung zu erlangen (Vakkali), desweiteren einer, der bereits sechs Mal Befreiung erlangt habe und "jedes Mal wieder zurück" gefallen sei, weshalb er mit der Selbsttötung den nächsten Zustand der Befreiung "fixieren" wolle (Godhika).

Interessant ist, wie schnell die These abgebügelt wird, der Buddha selbst könne Selbstmord begangen haben (je nach Lesart starb er ja an vergifteten oder schlechten Pilzen bzw. Schweinefleisch). Hier fehlt m. E. der Einwurf, dass ein Allwissender natürlich einen solchen Umstand - und das im Mahaparanibbana Sutta gennante Ausbleiben der Bitten von anderen, doch die Vergiftung gefälligst zu überleben - durchschaut und vorausgesehen haben und damit willentlich den Tod in Kauf genommen haben müsste. Damit hat er im Grunde sogar der Sterbehilfe durch andere zugestimmt, oder eben einem Mord. Das aber hätte ja aufgrund der zitierten Verbote aus dem Vinaya nicht sein dürfen. Denn wenn ein Erwachter keinen Mord dulden will, aber bei seiner eigenen Tötung ein Auge zudrückt, dann tut er ja nichts anderes, als eine Form der Sterbehilfe zu dulden. (Sudhanas Einwurf, ein Bhikkhu dürfe keine Essensspende ablehnen, ist lächerlich, da er nicht gezwungen ist, das Essen auch zu vertilgen).

Natürlich werden auch wieder die Jataka ausgeblendet und die Geschichte, nach der Buddha in einem seiner Vorleben als Bodhisattva sich einer Tigerin opferte, damit sie nicht dem Hungertod anheimfiele (siehe Kap. 18 in diesem Sutra). Bliebe man nun in der Analogie der o. g. Buddhaland-User, nach der die schriftliche Überlieferung das Vorbild für eigenes Verhalten liefert, dann würde also zumindest jeder, der sich auf eine Weise umbringt, die andere Lebewesen vor dem Verhungern rettet, im Sinne dieses Bodhisattva bzw. des späteren Buddha handeln. Im weiteren Sinn könnte ein solcher Selbstmord eines Bodhisattva zum Nutzen anderer Wesen z. B. geschehen, damit seine Organe noch in möglichst gutem Zustand anderen gespendet werden können. Man sieht also leicht, in welche irren Gefilde man gerät, wenn man mit dem Klammern an die schriftliche Überlieferung Ernst machte.

Noch klarer wird das freilich an folgender Aussage:

"Selbstmord ist zweifellos eine Möglichkeit, die persönliche Leiderfahrung zu beenden, indem man die Person - das, was persönliches Leid erfährt - vernichtet. Das ist Resignation, Aufgeben - und das hat Anspruch auf Mitgefühl und Verständnis. Aber das ist natürlich nicht der Ausweg aus dem Problem des Leidens, den Buddha gelehrt hat, es ist vielmehr der Sieg des Leidens." ("Sudhana")

Wieder einmal wird der Dharma dahingehend verstanden, als würde er einen Ausweg aus den Fakten, die das Leid mit vier Schlagbegriffen umschreiben, anbieten: Geburt, Krankheit, Alter und Tod. Doch das tut er nicht. Der Buddhismus kann keines dieser vier Dinge aufheben (sofern wir einmal den Gedanken an eine Wieder-Geburt ausklammern). Insofern kann das Leiden auch nicht "siegen", wenn jemand sich selbst umbringt, da der Tod ja wirklich jeden erwartet und somit immer obsiegen würde. Vielmehr gebt es im Dharma darum, wie man sich gegenüber leidhaften Erfahrungen gedanklich positioniert, wie man also nicht am Leiden, den Fakten etwa von Krankheiten, Altern und Sterben/Tod, leidet. 

Wenn es nun, um auf obiges Beispiel zurückzukommen, wie im Falle Chandas möglich sein soll, Befreiung erlangt zu haben und dennoch den Wunsch nach einem Abkürzen von physischem Leiden zu verspüren, dann zeigt dies ja gerade, dass eben dieses Leiden nicht durch Befreiung überwunden wird und auch das (gedankliche) Nicht-Leiden an diesem körperlichen Schmerz offenbar Grenzen kennt. Wieso sonst sollte Chanda überhaupt auf den Gedanken kommen, es abzukürzen? Wäre es "Resignation", "das, was persönliches Leid erfährt" von dieser Erfahrung zu trennen, dann dürfte auch keine erfolgreiche Schmerztherapie angewendet werden, da ja so die Schmerzrezeptoren und die entsprechende Registrierung im Hirn des Betroffenen manipuliert wären. Hier wird also zwischen den Zeilen so getan, als sei es wichtiger, dass ein Mensch schwer leidet und sich diesem Leiden auch körperlich stellt, anstatt darauf zu setzen, dass er - wie etwa Vakkali - durch Schmerzeliminierung bzw. ggf. auch den eigenen Tod Befreiung erlangt. 

Buddha hat keinen Weg aus schwerem körperlichem Leid gelehrt. Er hat lediglich das geistige Leiden der Menschen behandelt. Und zu einer seiner wesentlichen Erkenntnisse gehörte dabei, dass das von uns empfundene Selbst einer Einbildung entspricht. Von einem solchen Hirngespinst kann man sich auf zweierlei Art verabschieden: Indem man sich entsprechender Gedanken entledigt oder den Gedankenapparat komplett lahmlegt. Ein derartiges Nirwana, darauf deutet vieles hin, ist dann spätestens mit dem Tod aber jedem möglich.

[Weitere Argumente werden in der Kommentarfunktion gegeben.]

Mittwoch, 16. März 2016

Gibt es Zen für Agnostiker? (102 kg)

In einem Kommentar zum Blog vom 2. März fragte "Beginner": "Gibt es eine Form des Zen, die auch für Agnostiker verdaulich ist? ... Gibt es also eine Form des Zen, die man eher als Philosophie und nicht als Religion auffassen kann? Falls ja, kannst du mir diesbezüglich eine Orientierungshilfe geben? Wer (auch Englisch Sprechende) praktiziert Zen so? Welche Literatur geht in diese Richtung? ... Ein Konterpart zu 'Kritisierte Lehrer' wäre wirklich hilfreich."


Ich will die Gelegenheit zu einer ausführlicheren Antwort nutzen, die noch einmal klar machen dürfte, was mich auch zu diesem Blog bewegt hat.

Zunächst ist zu klären, wo man steht. Ich bevorzuge den Begriff "Nicht-Theist". Der Gnosis, so man sie nicht als Geheimwissen versteht (man denke an den klassischen Zen-Satz "Offene Weite, nichts von heilig"), sondern als "Erkenntnis", bin ich nicht per se abgeneigt, auch wenn der Ausdruck religionswissenschaftlich in der Regel mit Bezug aufs Christentum verwendet wird. Im Zen ist Erkenntnis satori, also "Verstehen". 

Hier im Blog wurden häufig Formen des Buddhismus kritisiert, die religiöse, rituelle und kommerzialisierte Züge angenommen haben. In vielen Fällen handelt es sich schlicht um Formen des Profitstrebens, die nicht einmal liefern, was sie vorgeben zu besitzen (nämlich Erkenntnis oder Weisheit). Die rituell-religiösen Praktiken finden sich aber in praktisch allen Zen-Dojos, deshalb kann man von mir auch keine prinzipielle Empfehlung erwarten, irgendwo hinzugehen. Ich habe zwar ein paar Lehrer kennengelernt, die mir sympathisch waren (Muho und Genpo Döring zum Beispiel), oder sie so gelesen und ihnen aus der Ferne zugehört, dass ich einen tieferen Erkenntnisgrad zugestehen will (Taisen Deshimaru, Shunryu Suzuki, Joshu Sasaki und Eido Shimano sind da zu nennen), aber entweder sind diese als Priester auch in den rituellen Kontext eingebettet oder sie haben, wenn sie noch leben, große Schwächen (wie Shimano seine Geldgier). Ich plädiere strikt für ein Laienzen, bei dem man sich weder einem Lehrer ausliefern noch viel Geld ausgeben noch einem rituellen Überbau widmen muss. Ich rate dazu, sich ein paar Fragen zu stellen, dann kann man meine Position vielleicht nachvollziehen.

1) Warum will man sich dem Buddhismus widmen? Will man fertige Antworten als Stützkorsett, oder sucht man nach einer Methode, um zu tieferen Einsichten über sich und die Welt zu gelangen? Ist ein Philosophiestudium oder Lektüre womöglich besser geeignet als der "buddhistische Weg"? Ist die buddhistische Ethik wirklich etwas Besonderes, muss man sie tatsächlich "üben" oder weiß man bereits, was zu tun ist?

2) Warum will man sich einem Lehrer unterordnen oder anvertrauen? Steckt ein Mangel an elterlicher Zuwendung dahinter, die  Suche nach einem Ersatzvater oder einer Ersatzmutter? Ist man biographisch so vorbelastet, dass vielleicht eine Psychotherapie oder ähnliches angebrachter wäre?

3) Ist "Erleuchtung", "Erwachen", lebensverändernde Erkenntnis für mich wichtig oder nicht? Muss sie gesucht werden oder kann ich erwarten, dass mein Leben selbst diese für mich bereithält, ohne dass ich mich einer bestimmten Religion zuwenden muss?

Die den Religionen gemeinsamen Werte ähneln sich sehr (etwa Nicht-Töten, Nicht-Stehlen, Nicht-Lügen usw.). Der buddhistische Übungsweg ist, in seine einzelnen Bestandteile zerlegt, zunächst also nichts Besonderes. Selbst Achtsamkeit müssen wir alle jeden Tag üben, und dass die Dinge miteinander verbunden sind, wird uns auch immer wieder klar. Vieles, was uns Buddhisten als Besonderheit anpreisen, ist also eine Binsenweisheit. 

Zazen hingegen ist Teil einer bestimmten Religion. Es ist nicht Bestandteil aller Religionen. Im Grunde handelt es sich um eine Form der Selbsttherapie, mit der man seine eigenen Denk- und Gefühlsprozesse zu durchschauen lernt. Man kann diese Methode so praktizieren, wie sie im Zen empfohlen wird, bis hin in strikte Haltungsdetails. Oder aber gleich im Alltag anwenden und sich dabei immer wieder bewusst machen, wie sich Gedanken aufbauen und ein Anhaften daran entsteht, wie sie aufgebauscht werden zu Hass, Gier, Verliebtsein usw. Unsere Bedürfnisse, wie lange wir formell den Meditationssitz einnehmen wollen, sind sicher unterschiedlich, aber der eigentliche Prüfstein dieser Übungsmethode ist der Alltag, den wir leben - wenn wir also nicht für uns oder mit anderen sitzen, sondern uns an anderen reiben und uns mit ihnen auseinandersetzen. 

Ich habe im Lauf meiner nun über 30jährigen Hinwendung zum Buddhismus, speziell zum Zen, festgestellt, dass Meditierende in der Regel auch nach vielen Jahren keine größere Sozialkompetenz besitzen als andere Menschen. Viele begeben sich überhaupt nur zu Lehrern, um in der Szene "Karriere" zu machen, also sich selbst buddhistischen Status zu verschaffen. Ich schließe daraus, dass es besser ist, die Meditation möglichst im Alltag anzuwenden und dabei "achtsam" besonders auf die gedanklichen Vorgänge zu sein, die sich in einem selbst abspielen. Das Zusammenspiel hier Zazen und da Alltagsleben scheint mir überwiegend nicht so recht zu funktionieren. Genau wie bei der Übung ethischer Konzepte (z. B. Mitempfinden, Geduld usw.) scheinen mir viele Buddhisten aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, d. h. sie komplizieren etwas unnötig, das einfach sein sollte. Sie machen sich über alles Mögliche einen Kopp, obwohl gerade die Meditation sie gelehrt haben müsste, dass dies der falsche Weg ist (ich möchte vermeiden, hier für alles Beispiele zu bringen, das dann ggf. im Kommentar, weil der Beitrag sonst zu lang wird). Statt "loszulassen" von Gedanken und Gefühlen sowie dem buddhistischen Überbau, versteifen sie sich immer wieder auf Konzepte, Ideen, bestimmte "Praxis".

Die "Form des Zen", die auch für Agnostiker verdaulich ist und nach der du fragst, "Beginner", ist deshalb die "formlose". Da das westliche Zen vor allem von - oft stufenhaft begriffener - Koan-Schulung (Rinzai) und "Zazen ist Erwachen" (Dôgen) bestimmt wird, also von späteren Verkrustungen in der Entwicklung des Zen, weise ich hier im Blog immer wieder durch Textauszüge auf korrigierende Ansichten aus dieser Tradition hin. Das ist für mich die "Philosophie", nach der du fragtest. Aber fast niemand "praktiziert Zen" so, denn zur Philosophie gehört ja auch die "Logik", die die Mehrzahl der Buddhisten außen vor lässt, wenn es um die Verteidigung ihrer in irgendwelchen Schriften geäußerten Dogmen geht. Zen-Praxis scheitert also meist an der Dummheit ihrer Praktizierenden, oder an einem Mangel an Erkenntnisfähigkeit (zu der zumindest im philosophischen Sinn nicht nur der metaphysische Aspekt gehört). Letztlich musst du also Zen selbst als Philosophie - d. h. als logischen und metaphysischen Erkenntnisgewinn mit sichtbarem ethischem Lebenswandel - betreiben, das wird dir niemand abnehmen können. 

Ich wüsste selbst nicht, weshalb ich irgendeinen Lehrer aufsuchen sollte, ich habe keine wichtigen Fragen, brauche keinen Rat und keine Anleitung. Darum kann ich auch keinen empfehlen, ja nicht einmal den Glauben an sich, einen buddhistischen Lehrer am Anfang des 21. Jahrhunderts noch zu benötigen. Wovon ich jedoch überzeugt bin ist, dass in der Zengeschichte stets ein "Schlüsselerlebnis" für die Zenübenden wesentlich war und ihrem Leben einen tieferen Sinn oder sagen wir besser: einen neuen Drive, eine umfassendere Freiheit (von und in Gedanken) verlieh. 

Es genügt also nicht, sich einfach an irgendwelche Anweisungen einer legendenhaften Figur (wie Shakyamuni Buddha) zu halten, seien es solche zur Meditation, zur Achtsamkeit oder zu ethischen Tugenden. Dieser Weg mag an sich befriedigend sein und der Menschheit insgesamt nutzen (?), aber er ist nicht das, was im Zen als entscheidender Durchbruch sich in den Biografien so vieler hier zitierter Meister findet. Es mag nicht nötig oder sogar hinderlich sein, nach "Erwachen" explizit zu streben, doch es macht in meinen Augen einen entscheidenden Unterschied, ob einem dieser Durchbruch gelingt oder nicht. Nicht nur im Sinne tiefer Erkenntnis, sondern auch in dem, was als (ethische) "Praxis" bezeichnet wird. Für mich setzt diese angemessene Praxis Erkenntnis voraus, nicht umgekehrt (denn die Praxis nach der Erkenntnis erweist sich als vom Korsett jedes Buddhismus befreit). Ironischerweise war das beim legendären Buddha genau so - auch er musste zunächst erwachen, bevor sich eine - in seinem Fall vor allem "belehrende" - Praxis ergab. (Es ist natürlich ein Irrtum zu glauben, dass jeder erwachte Mensch zu der gleichen Praxis wie einer vor zweitausendfünfhundert Jahren käme.) Darum befinden sich auch die meisten buddhistischen Lehrer m. E. heutzutage in einer Sackgasse, selbst wenn sie es gut meinen. Sie praktizieren ohne jene tiefe Erkenntnis, und ihre Schüler/innen tun es ihnen gleich. Und sie praktizieren Buddhismus zuweilen in der stillen Hoffnung, so doch irgendwann zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Das dürfte ein trauriger Zirkelschluss sein.



Donnerstag, 10. März 2016

Haiku nach dem Tsunami

Harutsunami sarishi waga mura nomareyuku

Frühlingswellen
Als sie davonziehen
verschlucken sie mein Dorf

(SATÔ Kuniko, 79 Jahre, Minamisôma, Fukushima)

***

Gareki nomi nokoru furusato yama warau

Nur Trümmer
sind in meiner Heimatstadt übrig
Der Berg lacht

(SAITÔ Keisui, 77 Jahre, Yamamoto, Miyagi)

***

Aomuke no sentei ni hana chiriyamazu

Auf dem Kiel 
des gekenterten Schiffes
unaufhörlich Blüten

(TAKANO Mutsuo, 64 Jahre, Tagajô, Miyagi)

***

Haha no koe kikitakute tutsu aomisaki

Sie steht auf dem bemoosten Kap
und wartet darauf
die Stimme ihrer Mutter zu hören

(KOWATA Sachiko,, 75 Jahre, Minamisôma, Fukushima)

***

Gekishin ni taekishi fubo no haka arau

Vater Mutter
in wilden Beben
wasche ich ihre Grabsteine

(TAKAHASHI Aiko, 83 Jahre, Minamisôma, Fukushima)

***

Zwischen dem 11. März und 31. August 2011 retteten Soldaten der japanischen Streitkräfte 19.286 Menschen, bargen 9.505 Leichen und verteilten 5 Millionen Mahlzeiten. Ein wichtiger Teil ihrer Aufgabe bestand darin, den Opfern des Tsunami heiße Bäder bereitzustellen.

[aus: Mayuzumi Madoka (Hg.), Hiroaki und Nancy Sato (Üb.): So Happy to see Cherry Blossoms. Haiku from the Year of the Great Earthquake and Tsunami. Red Moon Press 2014.]

                                        

Mittwoch, 2. März 2016

Dazhu Huihai räumt Vorurteile aus

Heute darf Meister Dazhu Huihai (?-788) zu Wort kommen. Das ist der weise Meister, der vom "Drehen des illusionären Rades des Gesetzes", vom "Erlangen des illusionären Nirwana" und vom "Transzendieren des illusionären Kreislaufes von Werden und Vergehen" sprach. Auf die Frage eines Schülers, was er machen solle, wenn er nicht erleuchtet würde, erwiderte Dazhu schlau: "Du bist ja freiwillig nicht erleuchtet, niemand hindert dich daran."

Ich hatte Dazhu hier schon mal zitiert, als es um die Definition karmischer Handlungen ging. Dazu zählte er: Die Suche nach dem Eingang ins Nirwana; das Vermeiden von Unreinheit und Festhalten an Reinheit; das Sammeln von Errungenschaften und Nachweisen dafür; das Unvermögen, die völlige Losgelöstheit von allen Regeln und Vorschriften zu erlangen.

Für diejenigen, die es nicht glauben wollen und denen ihrer Lehrer/innen was anderes erzählen, nochmal umformuliert: Am Besten Ihr strebt nicht nach Nirwana, sammelt kein Verdienst an, haltet nicht am reinen Lebenswandel fest und löst euch von Regeln und Vorschriften!

Ja, was ich Euch hier seit einer halben Dekade berichte, das erzählen die Chan-Leute schon seit über einem Jahrtausend, und die sind aus diesem Holz geschnitzt: "Sie reagieren unmittelbar auf die äußeren Dinge, genau so, wie es gerade erforderlich ist, und sind immer im Einklang mit der wahren Natur der Dinge. In einem einzigen Moment erfahren sie die Erleuchtung und sehen den Tathâgata mit eigenen Augen."

Und Dazhu zeterte weiter: "(Manche) wissen nicht, dass die Erscheinungen Manifestationen des unbegrenzten Dharmakâya sind. Erleuchtung und Verblendung, Erreichen und Verlieren dagegen sind Konzepte der gewöhnlichen Menschen. Diese setzen eigenmächtig Begriffe wie Werden und Vergehen und begraben damit die wahre Weisheit. Sowohl das Bekämpfen der niederen Leidenschaften als auch das Streben nach Bodhisattvaschaft stehen in direktem Gegensatz zu dem wahren Prajnâpâramitâ (also zu vollkommener Weisheit)."

Doch bei einer Angelegenheit könnte Dazhu geirrt haben, was meint Ihr? Auf die Frage, ob selbst das Unbeseelte, also die Materie, eine Manifestation Buddhas sei, antwortete er: "Wenn selbst das Unbeseelte ein Buddha wäre, dann wären ja lebende Menschen schlechter dran als tote. Tote Esel und tote Hunde würden ja lebende Menschen noch übertreffen."

Nun, wie ist es? Hat auch die Barbie-Puppe Buddha-Natur? Und der Fels, den das Wasser aushöhlt?

[Quelle: Christian Wittern: Mazu Daoyi, Dazhu Huihai. Grundlegende Reden und Aufzeichnungen des Chan-Buddhismus. Berlin 2011]