Dienstag, 27. Mai 2014

Regierungswechsel in Thailand


 (Foto: Keller/Poi Pet)

Während die Welt überwiegend mit Ängsten auf jede Militärregierung reagiert und US-Präsident Obama sofort wirtschaftliche Sanktionen Thailands in Erwägung zog, sieht man dort selbst die Dinge gelassener, zumindest, wenn man nicht vom Tourismus lebt. Zwar ist momentan das nationale TV-Programm eingeschränkt, die Supermärkte machen nachts zu und es gibt Ausgangsbeschränkungen, aber im Grunde geht alles Weitere seinen Gang, denn Thailand ist an relativ unblutige Coups dieser Art gewöhnt. Die Ängste der anderen beruhen offenbar auf einer Art Karma, haben doch gerade die US-Amerikaner, allen voran Henry Kissinger, nicht selten Diktatoren zur Macht verholfen - etwa in Süd- und Mittelamerika und Indonesien -, die dann Massenmorde an (oft nur eingebildeten) politischen Gegnern verübten. 

Ganz anders Armeechef Prayuth Chan-Ocha, dessen erste geniale Ankündigung war, das Geld auszuzahlen, das den Farmern nach dem "Reiskomplott" zusteht, das zu einem der Fallstricke für die vergangene Regierungschefin Yingluck Shinawatra wurde. Damit kann er auch einen Teil der ärmeren Landbevölkerung für sich einnehmen, den der von ihm ungeliebte ehemalige Staatschef Thaksin einst für sich begeistern konnte. Es sieht so aus, als würde General Prayuth eher den Anforderungen des Strategen Chiang Shang (T'ai Kung) aus der Chou-Dynastie entsprechen als den Wahnfantasien eines US-Präsidenten. Darum muss gegenwärtig auch niemand seine Urlaubspläne bezüglich Thailand aufgeben.

Einst fragte König Wu den T'ai Kung: "Wie sollte ein General sein?"
   T'ai Kung erwiderte: "Generäle kennen fünf entscheidende Talente und zehn Ausschweifungen."
   König Wu bat: "Kannst du sie mir bitte darlegen?"
   T'ai Kung führte aus: "Die fünf Talente sind Mut, Weisheit, Güte, Vertrauenswürdigkeit und Loyalität. Wenn der General mutig ist, kann er nicht überwunden werden. Ist er weise, kann man ihn nicht in Aufruhr verwickeln. Ist er gütig, wird er sein Volk lieben. Ist er vertrauenswürdig, wird er niemanden täuschen. Ist er loyal, wird er keine zwei Ansichten hegen. 
   Die zehn Ausschweifungen sind folgende: mutig sein, aber den Tod leichtfertig nehmen; hastig und ungeduldig sein; gierig sein und nach Profit streben; gütig sein, doch kein Leiden erzeugen können; weise sein, doch ängstlich; vertrauenswürdig sein, doch anderen leicht vertrauen; unbestechlich sein, aber sein Volk nicht lieben; weise sein, aber unentschlossen; entschlossen sein, aber sich nur auf sich selbst verlassen; furchtsam sein und dabei Verantwortung bevorzugt auf andere übertragen.
   Ist einer mutig, nimmt aber den Tod leichtfertig in Kauf, kann er durch Gewalt vernichtet werden. Ist einer hastig und ungeduldig, kann er durch Ausdauer vernichtet werden. Ist einer gierig und liebt den Profit, kann man ihn bestechen. Ist einer gütig, aber nicht in der Lage, Leid zu erzeugen, wird man ihn niederringen. Ist einer weise, aber ängstlich, kann er daran verzweifeln. Ist einer vertrauenswürdig und vertraut auch anderen leicht, kann man ihn täuschen. Ist einer unbestechlich, liebt aber sein Volk nicht, kann man ihn beleidigen. Ist einer weise, aber unentschlossen, kann er plötzlich angegriffen werden. Ist einer entschlossen, verlässt sich aber nur auf sich selbst, kann er von den Ereignissen verwirrt werden. Ist einer furchtsam und überträgt gern Verantwortung auf andere, kann er leicht hinters Licht geführt werden.
   Darum ist die Kriegführung die wichtigste Angelegenheit eines Staates - der Weg (das Tao) des Überlebens oder der Auslöschung. Das Schicksal des Staates liegt in den Händen des Generals - eines Mannes, den alle Könige schätzten. Vorm Ernennen eines Generals soll man daher sorgfältigst seinen Charakter untersuchen und einschätzen."

Donnerstag, 22. Mai 2014

Vietnamesischer Buddhismus

Geburt, Altern, Krankheit und Tod - 
so wie sie damals waren, sind sie jetzt.
Der Versuch sich zu befreien,
die Läuterung - sie bringen noch mehr Probleme.

Außen nach dem Buddha zu suchen ist so sinnlos
wie methodischer Meditation zu folgen.
Weder suchend noch meditierend - 
wie still es ist, hier ohne Worte zu sitzen!


Die Übertragung kam mit dem ehrwürdigen Ty-Ni-Da-Lu'u-Chi (Vinîtaruci), einem Inder, im Jahr 580 nach Vietnam; er hatte unter dem Patriarchen Seng-tsan (jap. Sôsan, gest. 606) geübt. In siebzehnter Generation empfing als einzige Nonne die Bhikshuni Dieu-Nhan (1043-1115) das Dharma-Siegel; von ihr stammen die obigen Verse. Ein bekannter Ausspruch von ihr lautet: "Kehrt zu eurem ursprünglichen Geist zurück, dann sind plötzlich und allmählich [bezogen aufs Erwachen] nicht verschieden."
   820 ging der ehrwürdige Chinese Vo-Ngon-Thong (Wu-yen Tung, gest. 826) nach Vietnam und begründete die zweite Zen-Schule Vietnams, die nach ihm benannt wurde; er hatte die Dharma-Übertragung von Pai-chang Hui-hai (jap. Hyakujô Ekai, 720-814) erhalten. 
   Die dritte große Zenschule, eine Verbindung mit der des Reinen Landes, gelangte im frühen 11. Jahrhundert mit dem Ehrwürdigen Thao-Du'ong (Ts'ao-tang), einem Schüler von Hsüeh-t'ou Ch'ung-hsien (jap. Secchô Juken, gest. 1052) aus der Linie Yün-mens (jap. Ummon), nach Vietnam. 
   König Tran-Nhan-Ton (1258-1308) begründete auf einem Höhepunkt vietnamesischen Nationalismus die Truc-Lam-Schule; Nationalismus und Buddhismus verschmolzen in dieser Zeit.
   Die Lam-Te-Schule (chin. Lin-chi, jap. Rinzai) erreichte Vietnam im 17. Jahrhundert mit dem ehrwürdigen Nguyen-Thieu (gest. 1712), einem Zeitgenossen des chinesischen Meisters Ying-yüan Lung-ch'i (jap. Ingen Ryûki, 1592-1673), dem Begründer des Ôbaku-Zweiges der Rinzai-Schule in Japan. Lam-Te bildete den Rahmen für weitere Zen-Übertragung, etwa von dessen zweiten Patriarchen Tu-Dung auf den ehrwürdigen vietnamesischen Meister Lieu-Quan (gest. 1743), einem Neuerer, dessen Schule heute in Vietnam dominiert und der gâthâ (Verse) zur Verifizierung seiner Linie benutzte.
   Die beiden letztgenannten Schulen (Truc-Lam und Lam-Te) gelten als die eigentlichen des vietnamesischen Buddhismus, da sie auch von vietnamesischen Meistern begründet wurden.

Zur Zeit ist die populärste Methode Meditation während der Rezitation bzw. Rezitation während der Meditation - Rezitation und Meditation sind für vietnamesische Buddhisten eins. Dies ist die Doktrin von Thien-Tinh-Nhat-tri, der Vereinigung von Zen und Reines-Land-Rezitation.

Weitere interessante Details aus Buddhism and Zen in Vietnam von Thich Thien-An (Tuttle 1975):
- Eine Selbstverbrennung der Zenmönche Nghiem Bao-Tinh und Pham Minh-Tam als Tribut an den Buddhadharma (!) geschah bereits im Jahre 1034. 

- Eine Geschichte rankt sich um Meister Tue-Trung, der, von der Königin eingeladen, sich nicht nur auf eigens für ihn separat dargebrachten Speisetellern bediente, sondern auch Fleisch aß, worauf sie ihn fragte: "Wie kannst du Buddha werden, wenn du Fleisch isst?", und er antwortete: "Buddha ist Buddha, ich bin ich."

- Wer die Stufe (bhûmi) jenseits des Floßes erreiche, würde spontan liebende Freundlichkeit entwickeln, die durch natürliche Güte als Verbindung von prajnâ und upâya (Weisheit und geschickten Mitteln) dem Wohle der Wesen diene. Damit verwirkliche sich die wahre spirituelle Freiheit (anâbhogacaryâ) eines Bodhisattva, dessen Handeln aus einem Geist entstehe, der in Soheit (tathatâ) ruhe und keine besonderen Absichten verfolge.

- Prajnâ (Weisheit) bedeutet, Dinge so zu erkennen, "wie sie sind" (yathâbhûtam).

- Was ist Zen-Praxis? "Geist, der frei den Dharma versteht, Weisheit, die ausstrahlt wie die Sonne." (zitiert nach Pai-chang).


Ich lache über die, die das Wunder der Blumen nicht erkennen,
stecke mir Chrysanthemen ins Haar und lege mich schlafen.

(Meister Huyen-Quang, 1254-1334)

Mittwoch, 14. Mai 2014

Gedichte von Hyesim


Chin'gak Kuksa Hyesim (1178-1234) war wohl der erste Son(Zen)-Meister Koreas, der sich auf die Dichtung konzentrierte. Hyesim heißt "Weisheit-Glaube". Er empfing 1205 vom bekannten Chinul die Dharma-Übertragung, im gleichen Jahr, in dem der Chogye-Orden seinen Namen bekam, und sollte 1208 der nächste Hauptabt des Songgwang-Tempels werden, was er zunächst ablehnte. Nach dem Tode Chinuls im Jahr 1210 wurde er jedoch per königlichem Erlass dazu eingesetzt; aus diesem Tempel gingen sechzehn Patriarchen hervor. Die folgenden Gedichte stammen aus Magnolia and Lotus: Selected Poems of Hyesim (Buffalo 2012); es stützt sich auf das einzige überlieferte Werk mit seinen Versen, "Gedichte von Muuija", das an der Universität von Komazawa in Japan aufbewahrt wird.


Allein an einem Teich sitzend,
sehe ich auf dem Grund einen Mönch.
Still lächeln wir einander an –
ich weiß, seine Stimme wird nicht antworten.

***
Frühlingsseidenraupen spinnen ihre Fäden, binden sich auf seltsame Weise selbst –
Fliegen geben sich mit ihrem Essigtopf zufrieden.
Wenn du deinen Fesseln entkommen und außerhalb des gewöhnlichen Lebens residieren möchtest,
wende dich so bald wie möglich um. Praktiziere Son (Zen).

Ich bin gemeinsam mit dir gebunden –
warum sollte ein Kranich, einmal befreit, zögern zu fliegen?
Der leuchtende Mond erinnert mich an dein Versprechen -
an welchem Tag werden wir in den Bergen Son praktizieren?

***

In bestickter Seide schimmernd, 
warum eigentlich soll jede Buddha-Statue so reich gekleidet sein?
Der alte Meister Zhaozhou lebte ganz ärmlich
und besserte seinen Tisch mit Feuerholz aus.

***

Ein Jahr ist plötzlich vorbeigezogen, geschwind wie ein Fluss -
mein Haar wird jeden Tag grauer mit der Feierlichkeit des Alters.
Selbst diesen einen Körper besitze ich nicht - 
lass gut sein. Was kann ich schon verstehen jenseits meines Geistes?

***

Vor dem Fünfgipfelberg
schmiegt sich die "Einsiedelei der Wandelzyklen" an eine steinige Höhle.
Geborgen in dieser Klause, den weiteren Verlauf meines Lebens überdenkend, 
lache ich hysterisch darüber, wie schwer es geworden ist, zu sprechen.

Der Fuß eines Kessels, der Rand einer Schale, beide zerbrochen -
meine Tage mit dem Kochen von Grütze und Tee verbringend.
Träge wie ich bin, fege und hege ich den Garten nicht,
das Gras ähnelt ungekämmten Wolken und wächst kniehoch.

Ich gehe früh schlafen und stehe doch spät auf,
die Morgendämmerung kenne ich nicht.
Weder wasche ich mir die Hände noch schere ich mir das Haupt, 
ich lese keine Sutren und halte keine Regeln ein,
verbrenne keinen Weihrauch, mache keine Sitzmeditation, 
vollführe keine Gedenkzeremonien für einen Meister oder Buddha.
Besucher halten das für seltsam und fragen mich, welcher Schule ich angehöre - 
der ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten, siebten.
Tut es nicht tut es nicht tut es nicht es ist geheim geheim geheim -
erzählt anderen nicht von meinem verwahrlosten Heim.
Maha Prajna Paramita.

Mittwoch, 7. Mai 2014

Die Zen-Erfahrung

In der Hoffnung, dass es einige Leser interessiert, will ich in den kommenden Wochen Lektüre aufarbeiten. Ich werde die für mich - gerade im Zusammenhang mit gängigen Klischees übers Zen - interessantesten Stellen übersetzen und mit Stichworten oder Überschriften versehen. Thomas Hoover hat in The Zen Experience (Neuauflage bei Penguin 2010, als ebook momentan kostenlos!) ein paar wichtige Zitate aus der Überlieferung zusammengetragen.

1. Was ist Sitzmeditation?

"Sitzen bedeutet nach außen überall ohne jedes Hindernis zu sein und nach innen keine Gedanken zu aktivieren. Meditation bedeutet innerlich die ursprüngliche Natur zu entdecken und nicht verwirrt zu werden."

Die von außen auftretenden Probleme werden also nicht als Hindernisse gesehen und innerlich keine anhaftenden Gedanken daran geknüpft. Dies ist eine andere Umschreibung von Gleichmut. Der Sinn der Meditation ist die tiefe Erkenntnis des eigenen Wesens, nicht verwirrt zu werden deutet an, dass man sich darauf gefasst machen sollte, dabei nicht nur angenehme Dinge zu entdecken.

2. Was ist plötzliches Erwachen?
[Zitat Saul Bellow: "Die Wahrheit kommt in Hieben." Paul Theroux: "Die Wahrheit ist zu kompliziert für Worte. Wahrheit ist Wasser."]

"Eine Sache, an die man sich erinnert, wird isoliert aus einem Ganzen, darum ist sie eine Illusion; dies gilt für alles, was dem nicht-unterscheidendem Kontinuum des Daseins nicht gerecht wird. Was geschieht nun bei dieser plötzlichen Veränderung, die wir spontanes Erwachen nennen? Die Sinnesorgane funktionieren wie gewöhnlich, doch es wird kein Verlangen entwickelt. Dazu bedarf es keiner Vorbereitungen oder dem Vollenden jedweder Stufen einer Entwicklung."

Diese Vorstellung führt bei einigen dazu, Leidenschaften eines Lehrers zu kritisieren. Jedoch:

3. Der Umgang mit Leidenschaften 
 ["Durchlebe alles, was du kannst." Aus: Die Gesandten von Henry James]

"Im Nirwana-Sutra heißt es: 'Die Leidenschaften loszuwerden ist nicht Nirwana, aber sie so anzusehen, als würden sie einen nichts angehen, das ist Nirwana."


Der Zenmensch darf leidenschaftlich sein, soll aber die Möglichkeit besitzen, sich jederzeit von diesen Leidenschaften als nichtig loszusagen. Während er Leidenschaft zeigt, kann er davon loslassen. Er ist nicht der Spielball seiner Gefühle, sondern spielt mit ihnen.

4. Was ist Nicht-Anhaften? (Der Zusammenhang von Weisheit und Versenkung)

"Ohne Anhaften sind wir friedlich und arglos. Dieser Zustand, der allen Gefühlen und Leidenschaften zugrundeliegt, heißt Samadhi. Wir erwerben darin eine natürliche Weisheit, die sich der ursprünglichen Friedfertigkeit und Arglosigkeit bewusst ist. Diese Weisheit nennt man Prajna. So sind Samadhi und Prajna miteinander verbunden. ... Wenn dein Geist nicht anhaftet, aber offen für Eindrücke bleibt, du dir also dabei bewusst bist, dass dein Geist nicht anhaftet, dann hast du den ursprünglichen Zustand der Leere und Friedlichkeit erlangt. Daraus entsteht ein Wissen, das die blauen, gelben, roten und weißen Dinge in dieser Welt klar unterscheidet. Dies ist Prajna. Dass aus diesem Unterscheiden keine Bedürfnisse mehr entstehen, das wiederum ist Samadhi."

5. Handeln oder Nicht-Handeln?

"Handeln und Nicht-Handeln sind beide legitim. Tung-shan zeigte dies, als er fragte: 'Wenn eine Schlange einen Frosch verschlingen will, solltet ihr dann den Frosch retten?' Er antwortete selbst: 'Den Frosch zu retten bedeutet blind zu sein [gegenüber dem letztgültigen Einssein, also zwischen Frosch und Schlange zu unterscheiden]. Den Frosch nicht zu retten bedeutet, Form und Schatten erscheinen zu lassen [d.h. die Phänome zu ignorieren].'"

Während einige die Zen-Ethik deshalb als "beliebig" ansehen, überlässt es der Meister hier den Schülern, ihre wie auch immer geartete "Freiheit" im Handeln individuell einzusetzen, ohne dass sie das Bewusstsein für die andere Möglichkeit aufgeben. Zen gesteht ein, dass es unlösbares Leid gibt.

6. Der Umgang mit dem Sterben

Als ein Meister sich zum Sterben hinsetzte, hieß er, einen Gong zu schlagen. Seine Schüler fingen jedoch an zu schluchzen und zu weinen, sodass er noch einmal seine Augen öffnete und sie tadelte: "Buddhisten sollten sich nicht an Äußerlichkeiten heften. Dies nennt man wahre Selbstkultivierung. Im Leben hart arbeiten, im Tod sich ausruhen. Wozu also trauern?"

***

Ein Mönch fragte: "Warum solltet ihr euch nicht auch selbst töten?" Der Meister erwiderte: "Da ist kein Ort, an den ich Hand anlegen könnte."  (Vorsicht, das Zitat ist doppeldeutig und spricht nicht einfach gegen die Selbsttötung!)