Samstag, 31. Dezember 2016

Die Zen-Peitsche

„Ihr wollt Chan auf praktische Weise erkunden? Dann müsst ihr loslassen.“*

Heute morgen beschloss ich, zu sitzen und mich dabei aufzunehmen, auch wenn meine chronischen Erkrankungen (Asthma und Reflux z.B.) meist keine Stille in der Frühe ermöglichen - die Verschleimung ist einfach zu groß ... Damit habe ich auch ein altes Versprechen eingelöst, dass ich mal in einem Forum gab (es ging darum, dass ich ohne Kissen im vollen Lotus ausdauernd sitzen kann). Ich bevorzuge eigentlich, vielleicht wegen meiner leichten Skoliose, eine andere Handhaltung als im japanischen Zen, und - wie man nach knapp einer halben Stunde sieht, abwechselnd eine "offene" mit nach vorn weisenden Händen (die Sitzung bricht mangels Smartphone-Leistung nach 32 Minuten ab und das Video ist zu groß für diesen Blog, weshalb ich nur diesen Link auf eine eigens dafür eingerichtete Facebook-Seite geben kann), habe mich aber der Einfachheit halber mal "angepasst".  (Es gibt nichts Langweiligeres als Filmchen - oder gar Konferenzschaltungen -, die Zazen-Sitzende zeigen und sonst nix ... [geändert am Tag des Vesakh in Thailand, 10.05.2017])

An dieses Dokument schließe ich noch einmal meine Warnung vor "Zen-Schwätzern" an, zu denen besonders die gehören, die stets "in Abrede stellen" oder "besser wissen" (gilt das auch für diesen Blogger?). Dies sind häufig die Wortgläubigen, die die Maxime, das Zen jenseits aller Buchstaben und Schriften zu finden sei, aus den Augen verlieren. Einen Tag nach dieser Aufzeichnung las ich mit Freuden auf einer buddhistischen Mailingliste von einem, der seine Zengruppe aufgelöst und sich zur Jagd auf Wild hat ausbilden lassen. Er schrieb: "Für mich ist eher die Frage geblieben, wo mich dieses Sitzen als solches hinführt, in welche Ecke meiner Selbst es mich führt ..." Selbstwerdung durch die Erfahrung der Ichlosigkeit ist ein Paradoxon auf dem Zen-Weg. Wer nicht bereit ist, sich mit allen Ecken und Kanten auszuloten und zu präsentieren, geht nur den Weg der Selbstverleugnung. Wer jedoch meint, seine eigene Ecken und Kanten müssten mit denen eines "Buddha" übereinstimmen, macht nur den Papagei.

Ein aktuelles Beispiel von solchem "Scheuklappen-Zen" findet sich mal wieder im Forum "Buddhaland", wo sich inzwischen (fast) alle angeblich Abgemeldeten oder Gesperrten unter neuen Namen wieder eingefunden haben. Dort wird gerade das Zitat (?) eines deutschen Zenlehrers diskutiert, nach dem die "Zen-Praxis, eins zu eins in eine politische Programmatik übersetzt", auf Faschismus hinauslaufe. Einer der bezeichnenenden Kommentare hierzu lautet: "Zen-Praxis trägt die Merkmale hoher Disziplin, vorbehaltloser Hingabe, Negation des Egos und - wenn in einem (insbesondere traditionellen) institutionellen Rahmen ausgeübt - auch das der widerstandslosen Einordnung in eine Hierarchie. "Übersetzt" in eine politische Programmatik ist dies in der Tat kompatibel mit Kernbegriffen faschistischer Ideologie wie Führerprinzip und Gleichschaltung." Ganz abgesehen davon, dass die genannten Merkmale genauso kompatibel mit einer kommunistischen Ideologie sind, was eigentlich sofort auffallen und erwähnt werden müsste, wäre der Schreiber hier nicht politisch auf einem Auge blind, fällt die Zuschreibung von "hoher Disziplin, vorbehaltloser Hingabe und Negation des Egos" als Definition von Zen-Praxis auf.


Im Allgemeinen sind die Zen-Verfechter dieses Forums zunächst der Meinung, Zen-Praxis sei in erster Linie Zazen. Danach wird oft auf die Gelübde ("kai soku zen", wie sie derselbe Kommentator kurz zuvor ernst zu nehmen empfahl) verwiesen. Tatsächlich hat er sich damit genau in die traditionelle Vorstellung eines hierarchischen (japanischen) Zen eingegliedert, die die Teilnahme von Zen-Priestern an Kriegshandlungen erleichterte. Diese hätten sich nämlich den Vorwurf verbeten, sie würden die Gelübde nicht ernst nehmen, vielmehr haben sie für deren Interpretation ja hinreichend historische Bezüge geliefert, die aus der Zentradition selbst stammen (und die z.B. Brian Victoria konsequent verschweigt und ignoriert), etwa das "Leben gebende Schwert", das sich auf Takuan zurückführen lässt. "Gelübde ernst nehmen" bedeutet auch hier nichts anderes als Wortglauberei (mit "g", im Sinne einer Gläubigkeit, wei ein anderer Kommentator zurecht schrieb), es unterstellt ein ganz bestimmtes Verständnis von in Worten gefassten Geboten, an dem nicht zu rütteln sei.

Tatsächlich ist Zen-Praxis - wenn man kein Neuling mehr ist - weder vom Zazen abhängig noch von "hoher Disziplin" (siehe z.B. Ikkyu, Hui-neng, die ganzen Säufer-Meister) oder von "vorbehaltloser Hingabe" (an wen oder was denn?). Und es bleibt auch nicht bei der "Negation des Egos" stehen - wie der Weg des oben erwähnten Sitzers zum Jäger zeigt -, sondern schafft im Idealfall einen solch profilstarken Charakter, dass eine Gängelung oder eine Begeisterung für rechts- oder linksradikale Ideen kaum noch möglich sein sollte. Es kann mit anderen Worten keinen geben, der Zen meistert und sich dann noch über Disziplin, Hingabe, Gelübde und Ego-Verleugnung den Kopf zerbricht. Denn das sind alles Kategorien, die einen gefangenen Geist aufzeigen, der sich nicht über sie hinwegsetzen kann. Von einem, der sich jener Kategorien entledigt hat, wird man aber nie sicher sagen können, ob er sich für oder gegen ein Schlachtfeld entscheidet. Das sind bloß Wunschprojektionen von Beatniks aufs Zen, die im schlimmsten Fall eine verhaltensmäßige Gleichschaltung aller Zen-Praktizierenden erhoffen (siehe auch das Trump-Bashing von Brad Warner). Auf der anderen Seite kann man fast sicher sein, dass gerade ein solches Verständnis von "Zen-Praxis", wie es in obigem Zitat und im genannten Kommentar zur Geltung kommt, genau jenes ist, dass die Vereinnahmung durch Ideologien erleichtert. Und sei es nur durch eine "Zen-Ideologie", nach der man sich durch die eigenen Prämissen (etwa "Gelübde") vor sich selbst zu schützen glaubt.

„Erzeugt den Geist der Tapferkeit und Wildheit, seid von resoluter Entschlusskraft!“*

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Zum Jahresende möchte ich auf eine Schrift hinweisen, die von recht speziellem Interesse sein dürfte, vor allem für Koan-Übende, und die ich deshalb einmal in teurer Ausstattung (gebunden, Fadenheftung, on demand) herausbringe. Yunqi Zhuhong (1535-1615) verfasste im Jahr 1600 "Die Zen(Chan)-Peitsche" (Changuan cejin)*. Diese Peitsche steht hier u. a. für einen Text, der sich mit wenigen Worten aufs Wesentliche konzentriert. Er versammelt zum größten Teil Chan-Geschichten von der späten Tang- (9. Jh.) bis zur späten Ming-Dynastie (16. Jh.), desweiteren zu etwa einem Fünftel Auszüge aus Sutren und Abhandlungen. Inhaltlich behandeln sie vor allem die gelebte Chan-Praxis, und das im Hinblick auf das von Dahui Zonggao (1089-1163) geprägte "kanhua chan" (jap. kanna zen). Dieses besteht aus dem Lotussitz in Verbindung mit der Konzentration auf ein "Schlüsselwort" (huatou) bzw. eine ganze Redewendung aus einem Koan ("Fall").

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Ich werde hier mitteilen, sobald ich etwas Neues mache. 

Samstag, 24. Dezember 2016

Saikontan (100 kg)



Ich musste in den letzten Wochen einen Stalker abwehren. Oder vielmehr in meine Vergangenheit verstricken, und meine Gegenwart (menschliche Kontakte) neu bewerten und ein paar Bindungen kappen. Traurig, aber auch erfrischend und befreiend. Zu viele Leute wurden mir zu aufdringlich. Darum heute nur ein bisschen Eigenwerbung, die letzten beiden starken Clips aus Japan, die ich gesehen habe, und ebenfalls - wenn auch verspätete - Weihnachtsgrüße an alle Leser, besonders an die Treuen, die immer wieder Kommentare hinterließen ("Anonym", Benkei - nun weißt Du auch, warum ich es nicht geschafft habe ... - und Funktor). Für das bereits vor Monaten in einem Kommentar angekündigte Ende dieses Blogs zum Jahresausklang will ich mir freilich noch was Besseres ausdenken.

Meine letzte, gerade veröffentlichte Übersetzung bietet Auszüge aus dem Caigentan (Saikontan) von Hong Zicheng (auch Hung Ying-ming, 1572-1620), der ein chinesischer Philosoph war und in den vorliegenden poetischen Aphorismen die Lehren von Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus zusammenbrachte. Der Titel Caigentan bedeutet wörtlich "Gemüsewurzelgespräche" und verweist zum einen auf den einfachen Lebensstil seines Autors, zum anderen vergleicht er die menschliche Moral mit der von Pflanzen. Wer zwischen den Jahren noch ein weises Büchlein braucht oder seinen weihnachtlichen Geschenkgutschein entsprechend einlösen will, könnte hiermit richtig liegen. Der Untertitel "Weisheiten eines Vegetariers" ist freilich nicht ganz wörtlich zu nehmen, er wurde von der englischsprachigen Vorlage übernommen.

Auszüge: "Lass deine unabhängige Meinung nicht vom Zweifel der Masse beeinflussen; andererseits sei aber nicht so dogmatisch, die Ansichten anderer nicht anzuhören."

"Ich bin selbst ein kleines Universum. Mögen meine Leidenschaften bescheiden sein und meine Vorlieben und Abneigungen kontrolliert, dann wird mein Verhalten von selbst den Gesetzen des Universums entsprechen, nach denen die Elemente so harmonisch miteinander verbunden sind."

"Wenn es nicht durch Wellen bewegt wird, beruhigt sich Wasser von selbst. Wenn er nicht von Staub bedeckt ist, dann ist ein Spiegel klar. Das Gleiche gilt für den Geist. Um ihn klar zu halten, muss alles weggeschafft werden, was ihn umwölkt. Die Suche nach Glück ist unnötig. Wenn alles beseitigt ist, was den Geist aufregt, folgt das Glücksempfinden so sicher wie der Tag auf die Nacht."

Hong Zicheng: Caigentan (Saikontan). Weisheiten eines Vegetariers.
120 Seiten. Großdruck. Paperback. 9,90 €. ISBN: 978-3-943839-36-4.

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Daitô und Schlüsselwörter für Kôan

Auch Daitô Kokushi (1282-1337) hatte ich hier schon mal zitiert. Er hat einige meiner Zen-Lieblinge beeinflusst. Sein Credo: "Wenn du den plötzlichen Durchbruch erlangst und noch einen Schritt darüber hinaus machst, wirst du erleben, dass alles um dich herum und alles, was du tust - ob du aktiv bist oder ruhst -, zur Kulisse für den ursprünglichen Geist wird. Es wird kein Haarbreit Unterschied zwischen dir und anderen Dingen sein - ja, es wird keine anderen Dinge geben."

Auf Daitô gehen zahlreiche Anmerkungen zu Zenwerken zurück, und etliche sind uns in Form von "Schlüsselworten" (engl. capping phrases) überliefert, die das Verständnis eines Kôan unterstreichen. Im Biyän Lu (Hekiganroku) tauchen bereits fünf Arten dieser Schlüsselwörter auf:

1) Cho-yü (jakugo): angefügte Worte; bezeichneten zunächst die Kommentare von Hsüeh-tou. Jakugo steht heute allgemein für die Schlüsselworte im japanischen Zen, jaku wird zuweilen äquivalent zu chaku gebraucht: erreichen, erlangen; beide Worte zeigen eine in der Vergangenheit vollendete Handlung an.

2) Hsia-yü (agyo): gegebene Worte; eine Abkürzung für den Ausdruck "ein Wendewort geben".

3) I-chuan-yü (ittengo): Wendewort; ein Wort oder Ausdruck, der die eigene Erkenntnis zum Ausdruck bringt oder die Macht hat, andere zum Erwachen zu bringen.

4) Pieh-yü (betsugo): unterschiedene Worte; Erwiderung auf ein Kôan, die sich von bisherigen Antworten unterscheidet, wie sie von anderen gegeben wurden.

5) Tai-yü (daigo): abwechselnde Worte; werden anstelle eines Mönches gegeben, der im überlieferten Dialog einem Meister nichts zu erwidern wusste.


Daitôs Todesgedicht lautete:

"Ich schneide alle Buddhas und Patriarchen ab,
mein Geist-Schwert ist scharf wie eine Rasierklinge.
Das Rad des Handelns beginnt sich zu drehen - 
die Leere knirscht mit ihren Zähnen."


[Quelle: Kenneth Kraft: Eloquent Zen. Daitô and Early Japanese Zen. Honolulu 1992. Die Abbildung stammt von Hakuin.]
 
                                       

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Natsume Sôseki (1867-1916) zum hundertsten Todestag: DAS TOR

Von Natsume Sôseki habe ich u. a. schon Hinter der Glastür und Haiku publiziert. Im hundertsten Jahr nach seinem Tode las ich einige Werke, die ich noch nicht kannte. Im Folgenden ein paar seiner interessanten Erkenntnisse.

"Ein träger Mensch ist jemand, der unfähig zu einer eigenen Antwort auf die Frage ist, wie wir leben sollten, und der den anderen kein Bewusstsein für die Existenz vermitteln kann."

"Wenn wir Worte erzeugen, die nicht in unserer Persönlichkeit verwurzelt sind, als würden wir über eine glatte Oberfläche gleiten, und wenn wir die Worte nur verbinden, um Sätze zu bilden, dann sind wir bloß träge Menschen."

"Wir müssen unsere eigene Interpretation des Lebensweges finden und so viel Vertrauen darin haben, dass wir die folgenden Behauptungen aufstellen können: 'Was auch immer die Leute sagen, ich werde nicht einen Zentimeter nachgeben, da mein Ideal höher als ihres ist, und ich werde von keiner Reaktion überrascht sein. Seid also still! Redet nicht so überheblich, wo ihr doch nichts über den Sinn des Lebens oder dessen Ideal wisst!'"

[Natsume Soseki: The Philosophical Foundations of Literature. Tuttle 2004]



Neu übersetzt habe ich einige Kapitel aus Natsumes Roman "Mon" (Das Tor), die den Aufenthalt eines grüblerischen Protagonisten in einem Zentempel beschreiben. Offenbar flossen Natsumes eigene Erfahrungen aus dem Jahr 1894 im Engakuji unter Meister Soen Shaku in diese Kapitel ein. Zwei interessante Zen-Titel, die Natsume dort erwähnt, will ich noch diesen Monat veröffentlichen.

Ein Auszug aus "Das Tor":

Sôsuke fand dennoch, dass er bloß eine Menge Zeit vergeudet hatte. Der Versuch des Mönchs, die bestmögliche Darstellung zu finden, gemahnte ihn nur noch mehr an seine Schwäche, und obwohl er nichts erwiderte, fühlte er sich tief beschämt.
   „Die Zeit, die es zum Erwachen braucht, hängt vom Temperament des Einzelnen ab“, sagte Gidô. „Ob Sie dort schnell oder langsam hingelangen, hat keinen Einfluss auf die Qualität der Erfahrung. Es gibt Menschen, die völlig problemlos einen Durchbruch erfahren, danach aber keine Fortschritte mehr machen. Andere benötigen viel Zeit für die ersten Stufen, erleben aber dann andauernde Freude. Sie dürfen die Hoffnung auf keinen Fall aufgeben. Am Wichtigsten ist, sich weiter leidenschaftlich hinzugeben. Nehmen wir den verstorbenen Abt Kôsen: Er war ein konfuzianischer Gelehrter und bereits im mittleren Alter, als er mit der Zenpraxis begann. Nachdem er drei Jahre lang nicht einmal das erste Gebot hinter sich lassen konnte, sagte er: ‚Wegen meiner schweren Vergehen bin ich nicht erwacht‘, und ging so weit, sich jeden Tag demütig vor dem Klohäuschen zu verbeugen. Doch sehen Sie, welch ein weiser Mann aus ihm wurde. Das ist nur eins von vielen ermutigenden Beispielen, die ich Ihnen erzählen könnte.“