Samstag, 20. Mai 2017

Buddhaland-Schwachsinn: Deshimarus Dharma-Nachfolge(r) und was shihô tatsächlich bedeutet

In einer aktuellen Diskussion im Forum "Buddhaland" haben die üblichen Verdächtigen "Sudhana" (Sogen Ralf Boeck) und "Moosgarten" (alias "bel", Rainer Bilsig etc.) wieder unbeirrbar den üblichen Vereinsmeierkrempel der Sotoshu bemüht, um zu erläutern, dass es keine Linie Taisen Deshimarus gäbe. Dies ist Unsinn. Zum einen ist es falsch, dass Deshimaru kein "shihô", keine Dharma-Übertragung gegeben hätte. Sein Nachfolger heißt Horyu Tamaki. Auch wenn Deshimaru ihm dieses shihô wegen dessen "schlechtem Benehmen" angeblich entziehen wollte, ist fraglich, ob dies tatsächlich möglich war oder geschah, da die entsprechenden shihô-Dokumente offenbar nach wie vor bei der AZI lagern. Vor einigen Jahren sprach ich einmal mit zwei Personen über Tamaki, die meinten, er sei nicht mehr im Zen aktiv und würde auch von der Sotoshu nicht mehr geführt, weil dazu offenbar mehrere formale Kriterien nicht erfüllt wurden (Rückmeldung, Beitragszahlungen usf.). Das ändert nichts am Fakt seines shihô. 

Der zweite Fehler beruht auf den Denkkategorien der genannten Sotoshu-Anhänger selbst. In der Geschichte des Zen haben immer wieder Lehrer ihre eigenen Linien begründet, ohne zuvor oder überhaupt je von einem Lehrer einer bestehenden Linie autorisiert worden zu sein (als berühmtes Beispiel wird gern Chinul genannt). Ob diese Linien als solche anerkannt wurden oder Bestand hatten (in der Zen-Welt oder der Wissenschaft) zeigte sich im Laufe der Zeit. Unabhängig von Deshimarus eigener offizieller Einordnung in die Linie Reirin Yamadas (von dem er "nachträglich" shihô erhielt) könnte man also auch seine zeitlich davor liegenden Bemühungen als die Begründung einer eigenen Linie ansehen und die Bestätigung durch Yamada als Bestätigung für diese Linie (auch wenn sich formal Deshimaru im Sinne der Sotoshu damit in Yamadas Linie einordnete). Für Deshimaru-Nachfolger wäre es also keineswegs ungewöhnlich, wenn sie sich in einer Linie Deshimarus sähen. Mir selbst wurde schon von einem Sotoshu-Abt nahe gelegt, doch meine eigene Linie zu begründen. So etwas ist dort also bekannt, wenn auch sicher nicht gern gesehen.

Historisch gibt es ein paar interessante Präzedenzfälle. So sollen auf Qingyuan Xingsi (660-740??) drei Chan(Zen)-Schulen zurückgehen (Caodong/Soto,Yunmen/Unmon, Fayan/Hogen) und in der "Übertragung der Lampe" wird er als Huinengs bedeutsamster Schüler geführt. Das früheste Zeugnis, das von ihm berichtet, ist das "Zutang ji" von Wendeng. Der Buddhologe Albert Welter nimmt jedoch an, dass der Autor Wendeng den Qingyuan nur erfunden hat, um damit sich selbst zu legitimieren. Wie das? Qingyuan soll als Schüler jenen Shitou gehabt haben, der zu Wendengs Lehrer wurde. Shitou war zwar Huinengs Schüler, dieser starb jedoch, als Shitou erst 13 Jahre alt war. So wurde kurzerhand Qingyuan dazwischengeschaltet (erfunden), um Wendeng in eine Linie mit Huineng zu bringen. Von solchem Wert ist also das Liniengefasel historisch betrachtet, und jeder, der sich noch heute darin verstrickt, wirkt auf mich ähnlich hilflos und bürokratisch wie diese Schreiber vor über tausend Jahren.

Den Vogel ab schoss jedoch Touzi Yiging (1032-1083). Als sein Vorgänger wird Dayang Jingxuan geführt - bei dem Touzi jedoch nie übte oder studierte. Tatsächlich erhielt Touzi die Dharma-Übertragung von Fushan Fayuan, der zwar ein Schüler von Dayang war - jedoch nie die Dharma-Übertragung von diesem bekam (sondern in der Linji/Rinzai-Tradition). Mit anderen Worten, wir haben hier einen Caodong/Soto-Meister in eine Linie einsortiert, der tatsächlich seine Übertragung von einem Rinzai-Meister erhielt und den Meister, dessen Dharma-Nachfolger er offiziell sein sollte, nie getroffen hatte!

Es ist also sehr amüsant, heutigen Soto-Adepten dabei zuzuschauen, wie sie sich um Abgrenzung bemühen, wo überhaupt keine möglich ist. Zum einen ist es denkbar, dass jederzeit eine neue Zenlinie entsteht. Zum anderen finden sich in offiziellen Soto-Zenlinien von nicht-existenten Meistern bis hin zu Rinzai-Meistern die kuriosesten Beispiele, von denen manche sogar in einer Linie mit jemandem stehen, den sie offenbar nicht mal zu Gesicht bekamen (was man von Deshimaru in Bezug auf Sawaki nun nicht behaupten kann). Dieses ganze Getue ist also nicht nur aus sachlicher Sicht mehr als fragwürdig, sondern auch aus rein pragmatischer.

Tatsächlich kann man davon ausgehen, dass User wie "Sudhana" Boeck und "Moosgarten" Bilsig sich selbst irgendwann den Wisch abholen wollen, der ihre hinreichende Teilnahme am Zen-Seminar belegt, und damit ihr shihô, ihre Übertragung. Das ist vergleichbar mit einem "Anwesenheitsschein" an der Uni. Genau so wird nämlich innerhalb der Soto-Schule mit der "Übertragung" verfahren, sie bedingt ein "Angesicht zu Angesicht" (menju shihô) und eine exklusive Bestätigung durch nur einen Lehrer (isshi inshô). Und das, obwohl ironischerweise ihr Schulbebegründer Dôgen selbst in mehreren Linien bestätigt gewesen sein soll (nämlich der chinesischen von Rujing wie auch in der Rinzai-Tradition von Myôzen), weshalb "Sudhanas" Einwurf, Deshimaru könne kein shihô von Sawaki gehabt haben, wenn er sich doch später ein weiteres abholte, nicht mehr als einen Lacher wert ist.

Ein Buddha (oder Bodhisattva) bestätigt sich zunächst einmal selbst, siehe Shakyamuni, und zeigt sich in seinen Taten. Dass Übertragung früher anders verstanden wurde und nicht auf eine japanische Soto-Lesart beschränkt war, habe ich hier schon mehrfach eingeflochten. Ich habe selbst erlebt, wie so etwas in der Zen-Sphäre vonstatten gehen kann, als ich den nächtlichen Traum von Joshu Sasaskis Wiedergeburt als Tier hatte und mit einem kräftigen Lacher aufwachte. Erst geraume Zeit später erfuhr ich zu meiner Überraschung, dass Sasaki genau zu dieser Zeit in den USA gestorben war. Ich war ihm nie persönlich begegnet, hatte aber - unter anderem auch hier - schon vor seinem Tod auf die Tiefe seiner Erkenntnis hingewiesen und ihn vor den billigen Anwürfen etwa des Sasaki-Archivs in Schutz genommen. Zu einer solchen Art von "Übertragung" gehört also das, was Zen eigentlich ausmachen sollte: auf der einen Seite eine enorme Konzentrationsfähigkeit und auf der anderen eine Offenheit gegenüber dem Lehrer, die von keinerlei Erwartungshaltung bestimmt ist. Beim shihô, das ich oben schilderte, ist offensichtlich beides nicht gegeben, die Schüler können im Gegenteil ganz konkrete Erwartungen an ihre Bestätigung aufbauen, wenn sie ein gewisses Curriculum durchlaufen, und ihr Lehrer muss sich offenbar auch nicht um seine Konzentrationsfähigkeit kümmern (hierzu lese man z. B. Brad Warners abfälligen Kommentar zu den diesbezüglichen Andeutungen eines chinesischen Lehrers, sowie Warners schwammige Erlebnisse beim Tod von Nishijima, der ihm - rein formelles - shihô gegeben hatte).

Ich erinnere mich auch, wie der User "Moosgarten", als er noch "bel" hieß, einmal feststellte, dass er sich Uchiyama, einem der fünf offiziellen Dharma-Nachfolger Kodo Sawakis, inzwischen näher fühle als Sawaki. Da ist es für mich nicht weiter verwunderlich, dass "Moosgarten" gewisse Abneigungen gegen Deshimaru verspürt. Ich habe Sawaki und Uchiyama übersetzt und alles Mögliche von Deshimaru gelesen, und es ist in meinen Augen unverkennbar, dass Deshimaru Sawaki näher steht als Uchiyama. Von daher ist es geradezu doppelt unerheblich, ob Deshimaru formal korrekt die Bestätigung von Sawaki bekam, da sie sich noch nach seinem Tod gewissermaßen gegenseitig bestätigten; während möglicherweise diese gegenseitige Bestätigung des formal korrekt inthronisierten Uchiyama mit Sawaki ihre Mängel aufweist (wie offenbar selbst "Moosgarten" auffiel). Wer also gern den Begriff "erweisen" strapaziert, sollte wissen, wann eine Übertragung im Zen sich tatsächlich bestätigt und wann sie reiner Papierkram bleibt.

Ich habe kürzlich das Buch "Embracing Mind" mit Reden von Kobun Chino gelesen, nicht zuletzt, weil ich auf der Suche nach brauchbarem neuen Zen-Material für Übersetzungen bin. Die Texte Kobuns sind jedoch m. E. weitgehend flach und unbedeutend. Kobun Chino war einst Priester im Eiheiji und wurde von Shunryu Suzuki in die USA eingeladen, wo er später einen eigenen Tempel begründete. Kobuns shihô konnte mir bisher von der Sotoshu nicht betätigt werden. Er hat jedoch angeblich Nachfolger ernannt (jedenfalls behauptet Vanja Palmers, einer zu sein).*  Zugleich wird gern als einer von Kobuns wichtigsten Lehrern Kodo Sawaki erwähnt. Insofern ist er mit Deshimaru vergleichbar. Allein bei der Lektüre der Hinterlassenschaften beider erschließt sich der große Unterschied, und von daher ist es unabdingbar, dass man sich selbst die Fähigkeiten erwirbt, diesen Unterschied erkennen zu können. Dann versteht man auch, wer - und mit welcher Kraft - in wessen "Nachfolge" oder "Linie" praktiziert und wer nicht, und muss sich das nicht von irgendeinem Verein sagen lassen. 

Die eigentliche Ironie der Geschichte liegt jedoch darin, dass ausgerechnet "Sudhana", der obigen Fall im "Buddhaland"-Forum gerne aufklären möchte, bei einem Lehrer in der "Altbäckersmühle" praktiziert(e?), der sich in der "Dharma-Nachfolge" von Kobun Chino sieht ...


[* Bis jetzt habe ich eine Info, die von Angie Boissevain und aus einem Lebenslauf Kobuns stammen soll und besagt, Kobun habe 1962 von Koei Chino Roshi die Dharma-Übertragung erhalten, seinem Adoptivvater, der jedoch fürs Rezitieren und nicht fürs Zazen bekannt war; dann jedoch dürfte man erwarten, dass die Sotoshu in Europa wenigstens seinen Schweizer Nachfolger Vanja Palmers als einen der ihren verzeichnete, was aber nicht der Fall ist. Palmers wollte auf Nachfrage sein angebliches schriftliches shihô nicht kopieren und belegen.]