Mittwoch, 29. Februar 2012

Ein Aprilscherz?
Mit Eido nach Istanbul

Der geschasste 80-jährige Eido Shimano soll jetzt Sesshin in der Türkei anbieten (1000 USD für eine Woche). Das reicht aber nicht. Gesucht wird zudem ein Millionenspender, der ihm und seiner Ehefrau die nächsten 40 Lebensjahre finanziert.


(Übertragungslinie, zum Vergrößern bitte anklicken. Quelle: The Book of the Zen Grove. Jacksonville 1996)

Montag, 27. Februar 2012

Erlösung ohne Versenkung?

Vor einigen Jahren stritt ich mich mal ein wenig mit dem Indologen Hans Gruber in seinem Blog zu einem meiner Lieblingsthemen, der Notwendigkeit für Menschen, töten zu können, um ihr Überleben zu sichern (so fasse ich es nun mal kurz zusammen). Nun habe ich zu meiner Freude entdeckt, wie er am frühen Buddhismus aufzeigt, dass es von Anfang an einen kürzeren Weg zur Befreiung - ohne jhanas (Versenkungen) - gibt, und warum dies im modernen Buddhismus kaum noch zur Geltung kommt - u.a., um Lehrer und Institutionen zu legitimieren und das Bedürfnis von ehemaligen Christen, die zum Buddhismus übertreten, nach einer Wahrheit zu befriedigen. Er findet sich im Satipatthana-Sutta beschrieben und ist in einer Woche (!) gangbar (ekkayana maggo, der direkte, einzige, allein zu gehende Weg). Zwar bin ich selbst kein Anhänger dieses Weges, jedoch zeigt sich hierin bereits die Vielfalt im frühen Buddhismus.
   Gruber zitiert dann auch Frauwallners "Erlösungspragmatismus", also die These, dass der Buddha Shakyamuni gar kein geschlossenes Lehrsystem vermitteln wollte, sondern auf den Einzelnen zugeschnittene Hilfe. Ein weiterer interessanter Punkt ist seine Unterscheidung von Achtsamkeit und Konzentration.

Samstag, 25. Februar 2012

Zenrin kushû (II)


Schau es an und nimm es, 
sonst ist es tausend Jahre lang weg!

***

Reite dein Pferd entlang
der Klinge eines Schwertes.
Versteck dich
inmitten von Flammen!

***

Jeder einzelne Schritt -
das Kloster.

[A Zen Forest. Sayings of the masters. New York 1981]

Donnerstag, 23. Februar 2012

Wie man Missbrauch im Buddhismus verschleiert

Ein Nachtrag zu meinem Kommentar hier, zu dem der Betreiber des Blogs über buddhistische Sekten etwas zweideutig meint, ich wüsste "alles besser". Mir geht es darum, dass in den vergangenen Jahren mehrfach Betroffene von Missbrauch in Sekten an die DBU verwiesen wurden, wo man dann regelmäßig so auf die Betroffenen einwirkte, dass die Angelegenheiten möglichst diskret unter den Teppich gekehrt werden konnten. Der jüngste Fall betrifft einen Aktiven gegen Dr. Sex/Zernickow, der sich nach eigenem Bekunden an einen Sektenbeauftragten und die DBU wenden wollte.

Auch in der Antwort von Tenzin auf seinem Blog wird so getan, als seien nun Eidesstattliche Versicherungen das Mittel der Wahl. Diese wurden übrigens in der Vergangenheit - im Falle Thich Thien Son* - je nach Gutdünken Interessierten zugespielt oder auch nicht. Die Kontrolle wollte sich entweder die DBO oder die DBU vorbehalten - zwei Einrichtungen, die ja bereits hinreichend bewiesen haben, dass sie Scharlatane nicht rechtzeitig durchschauen können.

Ein paar Ergänzungen zu meinem Kommentar. Ich habe tatsächlich selbst eine journalistische Grundausbildung absolviert und weiß, wovon ich rede. Wenn der ehemalige Vorsitzende (TTS*) aus einem Verein wie der DBO ausgeschlossen wird, kann selbstverständlich in einem Printmedium wie "Buddhismus Aktuell" sein voller Name genannt werden, erst recht, wenn es ein Ordensname ist.

Bezüglich des Ordensverfahrens: Der Vinaya schreibt lediglich eine bestimmte Anzahl langjähriger Mönche vor, die über den Ausschluss eines der ihren aus der Sangha entscheidet. Eine Festlegung auf die nationale Herkunft der Mönche gibt es nicht; es ist lediglich von Bedeutung, nach welchem Vinaya man ordinierte.** Die Zen-Lehrerin Doko Waskönig z. B. ordinierte in der vietnamesischen Tradition (Vien Giac, Hannover).


Wenn Ihr Betroffene von irgendeiner Art der Ausbeutung oder des "Missbrauchs" in Sekten seid, dann lasst euch nicht mit Methoden abspeisen, die der Verheimlichung dienen sollen. Geht aufs Ganze, zeigt Mut, sucht auch nach einem juristisch gangbaren Weg! Habt keine Angst zu klagen! Vertraut nicht darauf, dass andere die Fälle zur Anzeige bringen.


Hier noch weitere Auszüge aus dem Strafgesetzbuch, die richtungsweisend sein können:

§ 223 StGB Körperverletzung: "(1) Wer eine andere Person körperlich mißhandelt oder an der Gesundheit schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft."

Anm.: Psychische Beeinträchtigung gilt dann als körperliche Misshandlung, wenn das körperliche Wohlbefinden dadurch erheblich beeinträchtigt wird/wurde.

§ 228 StGB Einwilligung: "Wer eine Körperverletzung mit Einwilligung der verletzten Person vornimmt, handelt nur dann rechtswidrig, wenn die Tat trotz der Einwilligung gegen die guten Sitten verstößt."

Anm.: Bei einem Abt (Lehrer, "Meister"), der es mithilfe von Manipulationen an deren Psyche mit Schülern/Schülerinnen/Mönchen/Nonnen treibt, wäre anzunehmen, dass er gegen die guten Sitten verstößt.

$ 230 StGB Strafantrag: "(1) Die vorsätzliche Körperverletzung nach § 223 und (...) werden nur auf Antrag verfolgt."


* Thich Thien Son nennt sich bzw. lässt sich seit einiger Zeit nennen: Thay
** Theravada Vinaya mit 227 Regeln für Mönche (bhikkhu) und 331 Regeln für Nonnen (bhikkhuni), in Burma, Laos, Thailand, Kambodscha, Sri Lanka;
Dharmaguptaka-Vinaya (250/348), in der VR China, Korea, Taiwan, Vietnam und teils in Japan;
Mulasarvastivada-Vinaya (253/364), in Tibet und der Mongolei

Dienstag, 21. Februar 2012

Oldies but Goldies:
Thich Nhat Hanh über Bush

Zum Amtsantritt von Obama fragte mich eine Bekannte, wie ich ihn sähe. Ich meinte, er würde wohl den Angriff auf den Iran auch nicht verhindern können. Nun nimmt ihm möglicherweise Israel den Erstschlag ab. Aber ich habe noch eine weitere Vermutung. Dass der Iran bereits die Bombe hat und sich Israel damit bald selbst erledigen könnte. Das ist ein seltsames Gefühl. Man könnte es für ähnlichen Bullshit halten wie diese Aussage meines Lieblings-Zenkomikers Thich Nhat Hanh. Sie stammt aus dem Buch "Ein Lotus im Herzen" (Goldmann 1995, S. 92, zitiert nach einem Beitrag laut Luc im DBU-Forum vom 17.05.2006):

"Ich verstand, daß Präsident Bush ein Bodhisattva ist, der auf seine Weise versucht, seinem Volk zu dienen. In der Anfangsphase des Konflikts verhängte er ein Embargo. Weil wir ihn aber nicht ausreichend unterstützt hatten, wurde er ungeduldig, und plötzlich war Krieg [im Irak] unvermeidbar. Als er die Bodenoffensive befahl und sagte: "Gott segne die Vereinigten Staaten von Amerika", wußte ich, daß dieser Bodhisattva unsere Hilfe benötigte.
   Jeder Führer braucht unsere Unterstützung und unser Verständnis. Wir müssen eine intelligente und liebevolle Sprache benutzen, damit er auf uns hört. Wenn wir ärgerlich werden, sind wir nicht dazu imstande. Ich hörte meinen amerikanischen Freunden in Plum Village ruhig und gelassen zu, und ich nahm ihren Ratschlag an, in die Vereinigten Staaten zu reisen."

Sonntag, 19. Februar 2012

Thich Nhat Hanhs tote Nonne oder:
Wem dient Immolation?

Morgen wäre Nhat Chi Mai 78 Jahre alt geworden. Sie hat sich am 16. Mai 1967 in Saigon selbst verbrannt. Aus Protest gegen den Vietnamkrieg. Soweit kommt uns diese Geschichte bekannt vor. Erst kürzlich haben sich auch in Tibet Ordinierte verbrannt, und die Sache scheint eindeutig zu sein: Wenn sich ein Mönch oder eine Nonne mit Benzin übergießt, dann ist das ein politisches Statement gegen Unterdrückung.
   Schauen wir uns nun das Umfeld dieser Nonne etwas genauer an, müssen wir jedoch ins Grübeln kommen. Sie gehörte zur Gruppe um Thich Nhat Hanh, dem es ja trotz seiner Nähe zum militanten Tri Quang später in den USA gelang, sich als Friedensaktivist zu verkaufen (Tri Quang hatte noch den Vietcong in die Hände gespielt, TNHs Lebensgefährtin Chan Khong erzählt ganz unverblümt von dieser Verbindung.) Wenn man nun unterstellt, dass es in diesem Fall vor allem darum ging, die Einmischung der USA in den Vietnamkrieg zu unterbinden, bekommt die Selbstverbrennung einen anderen Beigeschmack. Wem diente sie? Hatte sie womöglich den Zweck, die Vietcong zu stärken? Haben die politisch aktiven Selbstverbrenner unter den Ordinierten also hier zwar dem Frieden, jedoch auch gleichzeitig dem Kommunismus den Weg bereiten wollen?
   Ein Vietnamese erzählte mir einmal, die Kommunisten hätten in einem anderen berühmten Fall den Mönch zuvor mit Drogen vollgepumpt und ihn schlicht für ihre Zwecke benutzt. Schon bei Thich Quang Duc (1963) musste man sich jedenfalls fragen, ob der Protest gegen die Unterdrückung der buddhistischen Religion den Selbstmord rechtfertigte. Dass aber eine der ersten von Thich Nhat Hanhs Schülerinnen - von ihm in seinem "Tiep Hien"-Order of Interbeing ordiniert - sich selbst tötete, lässt sich mit der Art und den Inhalten, mit denen sich TNH im Westen verkauft, nicht vereinbaren. Besonders verdächtig muss einem erscheinen, dass genau zur Zeit ihrer Selbstverbrennung die Tet-Offensive der Vietcong geplant wurde.

"Wenn du rund und vollständig wie ein reifes Reiskorn werden kannst, ist das die Übertragung des Geist-Siegels. Sehnst du dich jedoch noch immer nach einem friedvollen Dasein, wirst du die erste Edle Wahrheit erfahren, dass Leiden existiert." (Zen-Meister Yuan-wu, 1063-1135, Autor des Hekiganroku)
   

Freitag, 17. Februar 2012

Prajna und reines Fühlen

In dem Shin-buddhistischen Klassiker Naturalness von Kenryo Kanamatsu (Bloomington 2002) fand ich folgende interessante Passagen:

"Prajna oder Nicht-Denken oder Gedanken-losigkeit unterscheidet nicht, sondern ist jenseits des selbstzentrierten Bewusstseins (vijnana), das die endlosen Verflochtenheiten von Unterscheidungen erzeugt. Als grundlegendes reines Fühlen umfasst prajna das gewöhnliche, sachliche, objektunterscheidende, zeitgebende Bewusstsein. Die gesamte buddhistische Lehre dreht sich um diese zentrale Idee des reinen Fühlens oder des Nicht-Denkens oder der Gedanken-losigkeit und zeigt damit, dass keine spirituelle Wahrheit durch Reflexion oder Demonstration erfasst werden kann. (...)

In diesem reinen Fühlen, das sich normalerweise als Glaube an den Wert des Lebens manifestiert und in ekstatischer Form als Intuition des Undenkbaren Zeitlosen Daseins - und nicht in Gedanken, die sich auf spekulative Weise zusammensetzen -, kommt das Bewusstsein dem Ziel der Metaphysik am nächsten: Letztgültiger Wirklichkeit (...) Es ist im reinen Fühlen, wo man sich des Guten bewusst ist bzw. eines Universums als einem Ort, an dem zu sein gut ist."

Der Titel dieses Werkes, Naturalness (Jinen), beschreibt, was Shinran* als die Befreiung des Selbst lehrte, bei der die Eigenkraft (jiriki) mit der "anderen" Kraft (tariki), die nicht in einem selbst liegt, verschmilzt. Dies entspricht der Aufgabe eines Eigenwillens (hakarai) an einen Ewigen Willen. So soll der Glaube an Amida verstanden werden (der sich u.a. auf das Sukhavat-vyuha-Sutra stützt, in dem Shakyamuni dem Shariputra das Reine Land und die wundervollen Tugenden Amidas darlegt). 
   In diesem Prozess gibt es keine Stufen, sondern eine plötzliche Übertragung (parinamana/eko), die einem Sprung (ocho) gleichkommt.
   Das Karma ist zugleich Karma wie aber auch Nicht-Karma (akarma). Durch die Identifizierung mit den Grenzen des Karmas entsteht Freiheit - so wie erst eine gespannte, festgesetzte Harfensaite die Freiheit der Musik ermöglicht -, indem also der Mensch erkennt, dass er bereits Karma ist. Die Welt mit ihren Leiden, Verfehlungen und Dualismen wird eins mit der spirituellen Welt. So entsteht auf dieser Erde das Reine Land Amidas.

[*1173-1263, Begründer des Laienbuddhismus und der Jôdo-shinshû in Japan]

Mittwoch, 15. Februar 2012

Nachtrag zum Sutra

Von der Devise "Tue Gutes und sprich darüber" halte ich eigentlich nicht viel. In Kambodscha, wo ich kürzlich weilte, einem Land, das die höchste Dichte an NGOs (Hilfsorganisationen) in der Welt aufweisen soll, bekam ich erschreckend vor Augen geführt, wie sich Hilfswillige in ihre Weltsicht hineinsteigern können. Nicht zuletzt deshalb haben Psychologen den Begriff "Helfersyndrom" kreiert und damit eine schon pathologische Form des Helfenwollens umschrieben. Ich gehe wohl in den nächsten Tagen noch auf einen konkreten Fall ein. 
   Dennoch möchte ich eine kleine Weihnachtsgeschichte nachreichen, weil sie zu diesem schlichten Abschnitt aus dem "Sutra der 42 Kapitel" passt. Abschnitt 6 lautet nämlich: "Der Buddha sprach: 'Wenn ein Böser dich Gutes tun sieht und dafür übel beschimpft, solltest du dies geduldig ertragen und nicht wütend auf ihn werden, da der Böse sich selbst beschimpft, indem er es bei dir versucht.'"
   Als ich meine bettelnden Straßenbekannten, die zwischen den Jahren in Pattaya in der Nähe des größten Kaufhauses Südostasiens (Central) auf dem Bordstein hockten, mit in die Spielzeugabteilung nahm, um sie für einen zuvor festgelegten Betrag etwas aussuchen zu lassen, staunte nicht nur die Mutter zunächst nicht schlecht über die Preise für Originalware. Mir fiel z.B. ein kleiner Snoopy auf, weil meine Schwester drauf steht, der nichts weiter machte, als - batteriebetrieben - mit dem Kopf zu nicken, während ihn Woodstock (der gelbe Specht aus den Peanuts) dabei anschaute. Das Teil sollte über 20 Euro kosten ...
   Den Kindern gingen natürlich die Augen über, am Ende reichte es aber gerade mal für ein paar Kleinigkeiten und die Mutter versuchte sie zu überzeugen, es sei doch besser, mit dem Geld einen DVD-Player zu kaufen, dann könnten sie in ihrer Absteige, wo sich ein kleiner Fernseher befand, in der Nacht Filme sehen (die man wiederum recht billig an der Straße bekommt). Den Player hatte ich aber auch noch übrig, der stand in meinem Zimmer. Als wir dann wieder an der Straße hockten, kam ein Westler vorbei, sah die Geschenke der Kleinen und meinte (übersetzt): "Die Frau hat doch einen Mann, der sie zum Betteln schickt, der gibt man doch nix." Meine Bekannte konnte sein Englisch nicht verstehen, also versuchte ich es radebrechend zu übersetzen. Solche Momente können einen dann an das Obige erinnern. 
   

Montag, 13. Februar 2012

Zenrin kushû (I)


Bringt die Toten zurück!
Tötet die Lebenden!

***

Das Wasser, das eine Kuh schleckt,
wird zu Milch.
Das Wasser, das eine Schlange leckt,
wird zu Gift.

***
Die Armut des letzten Jahres:
Kein Brett, aber ein Handbohrer.
Die Armut dieses Jahres:
Kein Brett, kein Handbohrer.
 
[A Zen Forest. Sayings of the masters. New York 1981]

Samstag, 11. Februar 2012

Der kleine Unterschied

Die Diskussion, ob die rechte Moral aus dem Erwachen erfolgt oder die Einhaltung der Regeln (sila) eine Voraussetzung fürs Erwachen ist, möchte ich hier nicht führen. Ein kleiner, aber feiner Unterschied in den Versionen des Mahaparinirvanasutras deutet jedoch an, wie sich die Bedeutung der Regeln verschieben lässt. In der Fassung von Faxian (Taishō 376, 12 Nr. 853-899) heißt es:

   "Man sollte den Verhaltenskodex aufrechterhalten, ohne zwischen leichten und schweren Vergehen zu unterscheiden, um des buddha-dhâtu ('Buddha-Natur') willen. Würde jemand behaupten, die neun Kategorien von Schriften sagten nicht, dass alle Wesen buddha-dhâtu haben, ... dann würde er diese Schriften schlechtmachen."

   In der Fassung von Dharmakshema (Taishō 374, 12 Nr. 365c-603c) heißt es freilich:

   "Wenn jemand den Verhaltenskodex nicht aufrechterhält, wie wird er dann buddha-dhâtu verwirklichen? Auch wenn alle Wesen buddha-dhâtu haben, ist es notwendig, zunächst den Verhaltenskodex aufrecht zu erhalten, um später den buddha-dhâtu zu erlangen. Als Folge davon wird man die höchste Erleuchtung erlangen."

Mit einer leichten Bedeutungsverschiebung wird in der zweiten Version, wenn auch zunächst durch eine (rhetorische) Frage eingeleitet, eine Art Stufenweg nahegelegt. Hier sollte man m. E. besonders skeptisch sein.

Donnerstag, 9. Februar 2012

Mönch und Militär:
Ist Dr. Nandamala ein Kollaborateur?

"Like I said, I'm working on a whole book to explain why I think it makes sense to use the word "God" in the context of contemporary Buddhism." (Brad Warner in seinem Hardcore Zen-Blog)
   Der Schwachsinn nimmt kein Ende. Und wenn du denkst, dir gehen die Ideen für deinen Blog aus, dann kommt's mal wieder knüppeldick. Auf Anregung einer Bekannten habe ich mich nun auch mit Agganyani beschäftigt, die zehn Jahre lang Geschäftsführerin der DBU war. Und mit ihrem burmesischen Lehrer Nandamala, der von der dortigen Militärregierung einst den Ehrentitel "Agga Maha Pandit Ganthavaca" erhielt und auch im Ausland auftritt.

Die Zeitung "New Light of Myanmar" ist von der burmesischen Regierung initiiert. Auf S. 9 dieser Ausgabe findet sich ein Stelldichein von Agganyanis Lehrer mit den Führern dieses Regimes.

Offiziell heißen die Vertreter der Mönche, die mit dem Regime kooperieren bzw. von diesem eingesetzt wurden, "Sangha Council", Sangha Maha Nayaka. Ihre Aufgabe ist u.a., die penible Einhaltung des Vinaya zu überwachen - natürlich, weil dies gleichgesetzt wird mit jeder Unterdrückung revolutionärer Regung. Nandamala gehört dazu. Er ist auch Rektor der von der Regierung gesponserten Universität, die Ausländer ausbildet. Diese Sangha Council wird recht schweigsam, wenn die Regierung Mönche töten lässt, so im Jahre 2007. Was in solchen Fällen mindestens vonnöten wäre, könnt Ihr gerade im Blog "Shaolin Reflection" nachlesen: das Umdrehen der Bettelschalen als Zeichen des Protestes und der Nicht-Zusammenarbeit (patam nikkujjana kamma).

Wie inhaftierte Mönche auf diese Sangha Council reagieren, zeigt das Beispiel des Mönches, der nach der kürzlichen Amnestie nun in seiner Gefängniskleidung herumläuft statt in Robe.

Agganyanis Lehrer ist also offenbar ein Kollaborateur. Zum Umgang von Mönchen mit dem Militär finden sich klare Anweisungen in den Regeln des Vinaya, etwa: "49. Und es mag irgend einen Grund für diesen Mönch geben, um zur Armee zu gehen (zu Besuch). Zwei drei Nächte können von diesem Mönch bei der Armee verbracht werden." Eine längerfristige Kooperation ist also nicht vorgesehen.

Ein ganz anderes Thema ist dann noch, inwiefern der Regierung nahe stehende Mönche versuchen, auch im Ausland ihre Landsleute zu kontrollieren. Ich hatte diesbezüglich ja schon Hinweise auf die Methoden der vietnamesischen Regierung erhalten, die ihre eigenen (scheinbaren) Regimegegner installiert, um mit diesen dann wiederum Landsleute im Westen zu führen (sozusagen ein alter Geheimdiensttrick). Möglicherweise ist das auch der Grund, warum mir jemand von Agganyani das Zitat übermittelte, die gegenwärtige burmesische Regierung würde den Buddhismus schützen, weswegen man nicht dauernd gegen diese wettern solle. Im buddhistischen Kloster Freising jedenfalls, wo Agganyani verkehrt und weitere "Gesandte" ihres Lehrers Nandamala sitzen, wurden auch schon Vertreter der Botschaften Myanmars und Chinas gesichtet. (Diese Funktion gefiel mir schon immer gut in Dark Zen's Blog - nicht einfach löschen und neu schreiben, sondern die alte Version durchgestrichen stehen lassen. Auf Wunsch meiner "Informantin", die diesen Beitrag inspirierte, schreibe ich stattdessen allgemeiner - und noch reißerischer (auch damit ein treuer Leser weiter vom hiesigen BILD-Zeitungsstil reden kann:) "hoher asiatischer Besuch mit Bodyguards in Luxuskarossen" gesichtet.

Agganyani selbst könnt ihr in längeren Filmchen der Pagode Phat Hue sehen, wenn Ihr googelt.

Dienstag, 7. Februar 2012

Der Tolle Eckart im DBU-Forum

Ich habe mich köstlich amüsiert, aber an dieser Diskussion im Forum der DBU nicht beteiligt. Der User "karmahain" macht sich hier stark für Eckhart Tolle und seine Hauptlehre, im Hier und Jetzt und damit leidensfrei zu sein. Nachem er, diesen zitierend, den Buddhisten auch ihre Konzepte vorhält, bekommt er prompt ein paar japanische Zen-Begriffe um die Ohren geschlagen! Insbesondere die Zen-Buddhisten wehren sich vehement gegen jemanden, der so ganz ohne Zazen zu den wesentlichen Erkenntnissen vorgedrungen sein will, oder sagen wir: insbesondere die Dôgen-Adepten. Dabei sollten sie sich freuen, dass da jemand den Weg fort von Ole Nydahl fand und nicht rettungslos verloren war.

Natürlich ist Skepsis angebracht, wenn einer, der eigentlich Ulrich heißt, sich Eckart nennt (hätte er sich mal ein Beispiel an mir genommen - dann wäre er jetzt treffenderweise U.L. Rich). Und wenn man mal die ebenfalls beim gemeinen Volk recht populären Bücher eines Paulo Coelho gelesen hat, dann weiß man auch gleich, wann einer in den Weisheiten der Welt wildert und geschickt nur mit Wasser kocht. Doch inwiefern ist tatsächlich etwas anderes nötig als das von Tolle behauptete eigene Erwachen und konzeptfreie Verwurzeltsein im Hier und Jetzt?

Schon im Palikanon lesen wir, dass ganze Massen allein vom Hören bestimmter Buddhaworte erwachten. In der Zentradition setzt sich dieser Eindruck in der - wenn auch teils paradoxen - Koan-Überlieferung fort, in einem Klassiker wie dem Denkôroku wird eine ganze Chronologie von Meistern auf den Buddha zurückgeführt, indem man ihre Erleuchtungserlebnisse überwiegend in Dialogszenen einbindet. Wenn im Palikanon von dyana die Rede ist, dann ist Versenkung gemeint, ohne den Zusatz "sitzen". Und keineswegs wird "Übung" gleichgesetzt mit Meditation oder Zazen. All diese Argumente können also auch an einem Buddhisten abprallen, wenn er - ja, wenn er ein wenig belesen ist und nicht nur "sitzt".

Dann wird auch noch behauptet, es sei ein Missverständnis, dass "Praxis" (also hier: Übung = sitzen) etwas bringen müsse, ohne dass man sich klar macht, dass auch dies typischer Dôgen-Schulduktus ist - man vergleiche nur mal die "Ziele des Zen" von Yasutani Rôshi, selbst ein Dôgen-Fan: Konzentration (jôriki), Satori-Erwachen (kenshô-godô) und Verwirklichung im Alltag (mujôdô-no taigen). Danach wird natürlich darauf hingewiesen, dass man Gelesenes empirisch zu überprüfen habe. Wollen wir mal wetten, wer da mehr Nieten zieht, der fette Palikanon oder die wenigen zitierten Kernaussagen Tolles?

Wenn man diesen einen Thread liest, weiß man, wie leicht die Zen-Adepten zu entlarven sind. All ihre Praxis für die Katz. Die schlichten, zitierten Weisheiten eines cleveren Geschäftsmannes würden das Herz des 6. Patriarchen mehr erfreuen als all die reflexhafte Wehrhaftigkeit der Zennies, die diesen auch noch bestätigt. Und ganz nebenbei watscht "karmahain" sogar den Ole Nydahl ab, indem er dessen Rat zitiert, man solle keine anderen (als seine) Bücher lesen. 

Desweiteren dieser Satz der Userin Kokoro: "Was bei Tolle in seinen Gruppen passiert, das ist eine Form der Gehirnwäsche - die Gruppe sitzt in Stille 10 bis 20 min - dann hört oder sieht sie 1 1/2 Stunden Tolle und dann sitzt sie nochmals 10 oder 20 min. Diskutiert soll nicht werden, da dass den Verstand und das Ego stimulieren würde." Ist das nicht urkomisch? Da ersetze man mal einfach Tolle mit Zenleher XY, und schon ist man auf einem Sesshin.

Falls jemand im Forum bemerkt, was das für eine Perle ist, und sie löscht und unter den Teppich kehrt (was bei der DBU ja Alltag ist, so wie offenbar gerade einem Geschädigten von Dr. Sex geraten wurde, nicht vor Gericht zu gehen) - ich hab das alles kopiert. Ein Glanzstück!

"Bis Du es eben erkannt hast und dann macht es auch keinen unterschied mehr ob Du eine Wand anstarrst oder das Klo putzt." (karmahain) Selbst da wurde ihm noch widersprochen. Ich verneige mich vor Dir, karmahain!

Denkt nun einer tatsächlich, ich sei ein Tolle-Fan? Weit gefehlt. Hier findet Ihr schnell, woran auch er scheitert und als Wohlfühlprediger entlarvt wird. Es ist seine Idee des "Schmerzkörpers", die "Summe biografischen Leidens", die sich auflöse, wenn man die Identifikation damit beende. Wir jedoch sind in diesem Moment genau das, was wir - biografisch, leidend wie nicht-leidend - geworden sind, selbst wenn wir dieses Karma abschneiden. Denn geformt wurden wir auch von Dingen, auf die wir keinen Einfluss hatten und die nicht unserem individuellen Karma unterliegen. Die Nicht-Identifikation damit beendet nicht die ganz inviduelle Geschichte. Und der eigentliche Schmerzkörper ist genau das, was auch mit dem Dharma nicht überwunden wird - der Körper ist es, der dem Geist seine Grenzen setzt. Hier, ganz am Anfang der buddhistischen Lehre, beim falschen Nachplappern der Vier Edlen Wahrheiten, wird auch von den Plagiatoren Buddhas der entscheidende Fehler gemacht. Sie glauben, alles hinter sich lassen zu können, statt es anzunehmen als das, was es ist.

Bei Minute 1:25 in folgendem Filmchen, wenn seine Augen zur Seite wandern und sein Blinzeln zunimmt, könnt ihr erkennen, wo seine eigenen Zweifel liegen. Zuvor sprach er von Erkenntnissen der Psychologen, dass 98-99 % unserer Gedanken sich wiederholend (repetitive) wären, um dann zu behaupten, eine Menge unseres Denkens sei negativ. Was aber bedeutet "negativ", was "positiv"? Sieht der gelernte Forscher Tolle unsere Gedanken etwa als Ionen an? Hier scheint Tolle doch eher über sich zu sprechen. Mein Denken ist klar, und wäre das meiner Mitmenschen nicht überwiegend "positiv" (im Tolleschen Sinne), dann würden wir es gar nicht miteinander aushalten. Im Erwachen werden wir jedoch über solche Wertungen hinausgehen. Ohne dieses Darüberhinausgehen gibt es auch keine Befreiung im Hier und Jetzt.

Montag, 6. Februar 2012

Das Sutra der 42 Kapitel

Ich habe gerade einen auch im Zen gelegentlich zitierten Text übersetzt, das "Sutra der 42 Kapitel" 四十二章經 (hier zum Downloaden). Darin finde ich folgende Abschnitte besonders interessant:

Der Buddha sprach: „Meine Lehre besteht darin, den Gedanken zu denken, der undenkbar ist, die Tat zu tun, die nicht getan werden kann, die Sprache zu sprechen, die nicht ausgedrückt werden kann und mich in der Disziplin zu üben, die jenseits der Disziplin ist. Wer dies versteht, ist nah, wer davon verwirrt wird, ist fern. 

Der Buddha sprach: „Der hauslose Cramana schneidet seine Leidenschaften ab, befreit sich vom Anhaften, versteht die Quelle seines eigenen Geistes, durchdringt die tiefgründigste Lehre Buddhas und begreift den Dharma, der immateriell ist. Er trägt kein Vorurteil in seinem Herzen und sehnt sich nach nichts. Er wird nicht vom Gedanken an den Weg behindert, noch ist er in Karma verstrickt. Kein Vorurteil, kein Zwang, keine Disziplin, keine Erleuchtung, kein Aufsteigen auf dem Stufenweg, und doch im Besitz aller Ehren – dies wird der Weg genannt.“

(Keine Disziplin, keine Erleuchtung, kein Stufenweg - schon früh wusste man um die Gefahr von Konzepten und einem Korsett von Regeln.)

Es ist besser, einen Pratyekabuddha zu speisen als eine Milliarde Arhats. Es ist besser, einen der Buddhas zu speisen, ob aus Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft, als zehn Milliarden Pratyekabuddhas. Es ist besser, jemanden zu speisen, der jenseits von Wissen, Einseitigkeit, Disziplin und Erwachen steht, als hundert Milliarden Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

(Lasst uns noch über das Buddhasein hinausgehen!)

„Selbst wenn einer den üblen Schöpfungen entkommt, ist es noch ein seltenes Glück, als Mensch geboren zu werden. Ein noch selteneres Glück ist es dann, als Mann und nicht als Frau geboren zu werden. Für den Mann ist es ein noch selteneres Glück, in allen sechs Sinnen vollkommen zu sein. Für den in allen sechs Sinnen Vollkommenen – im mittleren Königreich geboren zu werden. Für den im mitt-leren Königreich Geborenen – in der Zeit eines Buddha geboren zu werden. Für den in der Zeit eines Buddha Geborenen – den Erleuchteten zu treffen. Für den, der den Erleuchteten trifft – das Herz zum Glauben erweckt zu bekommen. Für den zum Glauben Erweckten – das Herz zur Einsicht erweckt zu bekommen. Für den zur Einsicht Erweckten – einen spirituellen Zustand zu verwirklichen, der jenseits von Disziplin und Erlangen ist.“  

(Hier schließt sich zwar der Kreis zu obigen Bemerkungen - etwas enttäuschen mag jedoch, dass Mannsein als etwas Glückhafteres denn Frausein bezeichnet wird ...)

Samstag, 4. Februar 2012

Ajahn Brahm kapiert nix

Nach Sichtung dieses Filmes zu Ajahn Brahm möchte ich kurz auf ihn eingehen. In den letzten Jahren machte er vor allem Schlagzeilen, weil er die Nonnenordination des Theravada in Australien wieder einführte, wonach ihn Abkömmlinge seines Lehrers Ajahn Chah in Thailand exkommunizierten.
   Zunächst kommt Ajan Brahm hier als humorvoller und geerdeter Mönch rüber, was ihn sympathisch macht. Auch wenn man, wie ich, dem Ordensleben kritisch gegenüber steht - versetzte ich mich in seine Lage, würde mir die Reformation oder Wiederbelebung des Nonnenordens auch als überfällig und nötig erscheinen. Nun muss ich mich jedoch fragen, was soll der ganze Terz, wenn man dann mit dem Vinaya nicht ernst macht? Hierzu ein Hinweis zu einer für den Sommer angekündigten Veranstaltung der Pagode Phat Hue bzw. ihres Ablegers "Buddhas Weg", wo Ajahn Brahm sich offenbar ganz gerne aufhält:

10 Tages-Retreat vom 09. Juli (9.00 Uhr) bis 18. Juli 2012 (15.00 Uhr)

Kursgebühr: 351 €
Studenten und Schüler/innen mit Ausweis: 30% Rabatt
Zuzüglich Übernachtungs-/ Verpflegungskosten:
im Zweibettzimmer: 380 €
im Dreibettzimmer: 335 €
im Schlafsaal (4 Persoen): 290 €
im Einzelzimmer auf Anfrage: 515 €
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Ganz abgesehen davon, dass hier also andere "Ordinierte", die "Buddhas Weg" betreiben, einen Tagessatz von 50 Euro für Einzelzimmer und veg. Ernährung ansetzen (mit dem man sogar auf freier städtischer Wildbahn hinkäme, wenn man sich umschaut):

Die Kursgebühr soll laut der Website den Flug und dana für Ajahn Brahm abdecken. Für den Flug von Australien würden ca. drei Kursteilnehmer genügen. Weitere drei brächten ihm also bereits 1.000 Euro für 10 Tage. Das Ganze stinkt natürlich zum Himmel. Im Nachhinein scheint mir seine Nonnen-Aktion also eher vom eigenen Ego als vom Vinaya legitimiert. Man könnte auch sagen, den Ausschluss aus der Sangha hat er sich allein auf diese Weise verdient. Gleich und gleich gesellt sich eben gern.

Kein Wunder, dass da die Kuh weint.

Mittwoch, 1. Februar 2012

Dialog mit einem Zenlehrer
(Sanbokyodan)

(Diese emails gebe ich Euch mit Genehmigung eines Freundes im Geiste; der Name des Sanbokyodan-Lehrers - YYY - wurde unkenntlich gemacht.)

Hallo YYY,
in einem Prozeß des Aufbrechens verkrusteter Strukturen (nannte sich "Freiheit") bin ich im Internet auf Deine (besser Ihre?) Seite gestoßen. Jahrelang habe ich in Würzburg in der Sanbo Kyodan Schule praktiziert, bei Joan Rieck. Das waren durchaus sehr wichtige und gute Zeiten. Später habe ich mich ganz von diesen japanischen und auch sonstigen westlichen Meistern gelöst und bin einfach meiner Wege gegangen. Heute fühle ich mich, wenn überhaupt, als Schüler von Lin Chi oder als Schüler des Lebens selber. Wichtiger als das "Machen" des Zen (die alten Meister sprachen anscheinend fast nie über "Zazen") ist, wie Du schreibst, der "Hintergrund", aus dem heraus ich handle, nicht handle etc. Und dem komme ich mit Worten nicht wirklich näher. Das hat mich auch immer an Willigis Jäger gestört, diese endlosen Welt- und Daseinserklärungen. Sie sind so banal. Ich bin selber ein Meister der Worte, daher lasse ich mich von Worten nicht mehr einfangen. Außer - sie transportieren etwas, oder besser sie weisen auf etwas anderes hin, was größer ist als sie selbst - die Liebe z.B. oder wie bei Deinen Texten, die mich sehr bewegen, auf den WEG des Darüberhinausgehens. Also - danke für Deine Texte und ihre Veröffentlichung! Es gibt wenige, deren Äußerungen sich so frei anfühlen. Lieben Gruß vom Berg und aus dem Schnee

Christoph J. (abgekürzt)

***
 
Lieber Christoph
Vielen Dank für Deine lieben Zeilen. Da haben sich wohl zwei gleichgesinnte getroffen. Zwischen Deinen Zeilen schimmert etwas durch, das noch nicht richtig ans Licht gekommen ist. Wenn Du also einmal eine völlig freiheitliche Zen-Praxis erleben willst, dann bist Du herzlich willkommen. Ich würde mich freuen, Dich kennenzulernen. Darfst mich natürlich auch gerne einmal anrufen.
Tel:YYYYY

Mit lieben Grüßen
YYY

PS: Die Kurse für das kommende Jahr sind schon fast ausgebucht. Du solltest Dich also beeilen, wenn Du ein hungriger Fisch bist.

***

Gesendet: Donnerstag, 22. Dezember 2011 15:01
An: YYY
Betreff: Re: Gruß
 
Hallo YYY,
auch mein Seminarplan ist ausgebucht und sehr voll, und ich würde meine Zen-Kurse ebenso als völlig freiheitlich bezeichnen - soweit man so etwas überhaupt bezeichnen kann. Meine eigenen Zen-Kurse entbehren der üblichen Dinge, an denen sich die Menschen festhalten können. Ansonsten habe ich beim Lesen Deiner Texte festgestellt, daß ich meinen Schülern so ziemlich genau dasselbe sage. Und es freut mich, weil das sehr selten ist, daß ich mit meinem Freischaufeln des Zen nicht allein bin. Allerdings arbeite ich aus verschiedenen Gründen, die sich so ergeben haben, sehr mit der Form an der Überwindung der Form - über das Erleben der Kampfkünste. Wenn ich ein hungriger Fisch sein sollte, würde ich mich eher bei den Piranhas einsortieren - das kannst du leicht an meinen sehr bissigen Zen-Texten auf meiner Homepage sehen. Ein Piranha, der versucht, vom heutigen Zen all das wegzufressen, was sich im Laufe der Jahrtausende als Verfettung und Verkrustung angelagert hat. Es gibt ein interessantes Buch von der "Zen-Meisterin" Agetsu Wydler-Haduch in Zürich, das heißt "als Zen noch nicht Zen war" und hat die alten Patriarchen zum Thema. Ich würde es genau umgekehrt formulieren und sagen: "Als Zen noch Zen war". Na gut, mach's gut, und erstmal danke für Deine Angebote! Wir werden, hoffe ich, noch voneinander hören.
Christoph

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Lieber Christoph
Du machst Zen-Kurse???
Das überrascht mich. Bist Du denn authorisierter Zen-Lehrer?
LG
YYY

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Hallo YYY!
Du bist mir ja ein Spaßvogel! Ich "mache" Zen seit 40 Jahren. Du schreibst über das Überschreiten der Formen und fragst dann nach meiner Autorisation. Meinst Du das ernst? Brauche ich einen Führerschein? Und welche Koan muß ich dafür gelöst haben? Soll ich mich von einem in der Formenwelt verhafteten Autorisator autorisieren lassen, Freiheit zu lehren? Ich habe Willigis Jäger erlebt, mehrfach, direkt und indirekt. Nein, danke. Willigis Jäger ist sogar nach China gefahren vor kurzem um sich von einem von der kommunistischen Partei bestallten Meister bestätigen zu lassen, er sei ein legitimer Nachfahre von Lin Chi. Für mich ein Treppenwitz der Zen-Geschichte. Ich bin - inklusive Willigis Jäger - noch keinem offiziellen Meister begegnet, den ich als so frei und authentisch erlebt hätte, daß ich von ihm hätte irgendetwas lernen, verlernen, annehmen können. Wenn Zen jemals in Japan gelebt hat, und schon zu Bankeis Zeit war es dort tot, dann lebt es dort aber schon lange nicht mehr. Daher habe ich mich jahrelang intensiv in die Werke der alten Meister vertieft, Rinzai, Bodhidharma (über das Auslöschen der Anschauung, der Text allein reicht ja schon aus), Hui Neng, Huang Po etc. Irgendwann habe ich gemerkt, daß angefangen von Thich Nhat Hanh über Willigis Jäger, Zensho Kopp und andere keiner den Patriarchen auch nur ein Handtuch reichen kann. Sind halt alles Egos. Ichs. Und da habe ich ebenfalls erkannt, daß das Zen der Patriarchen völlig zeitlos ist und hochmodern. Es hat keine chinesische Färbung und keine individuelle Signatur.
Es ist alles einfach so.
Und jetzt kommst Du und fragst mich, ob ich einen Führerschein habe. Nein, ich fahre schwarz. Aber ich kann Dich andererseits beruhigen, ich lehre kein Zen. Also bin ich auch kein Zen-Lehrer. Ich lebe Zen. Es gibt bei mir auch keinen Unterschied zwischen Privatleben und Unterricht. Es ist alles eins. Neue Schüler sind erstmal immer wieder erschrocken, wenn sie merken, daß es da keinen Unterschied gibt zwischen privat und offiziell, daß ich nichts zurückhalte und nicht trenne. Alle meine Kurse finden in meinen eigenen Räumen statt, viele Schüler (wobei "viele" stark übertrieben ist, wenn ich es mit dem Sonnenhof oder dem Benediktushof vergleiche, das sind ja Massenveranstaltungen) begleite ich persönlich seit Jahren, aber mehr als Freund denn als Meister. Hier gibt es kein oben und unten, hier ist jeder ganz und gleich. Nein, lieber YYY, die Kritik, die Du am heutigen Zen übst und die Dich dazu gebracht hat, einen neuen Weg zu beschreiten, die hatte ich schon vor Jahrzehnten, und die hat mich dazu gebracht, diesen ganzen Verein der Zenleute zu meiden wie der Teufel das Weihwasser. Insofern wäre nun meine Frage an Dich: Was ist denn ein
autorisierter Zen-Lehrer? ;-))

Lieben Gruß
oder auch Gassho
Christoph
(der Alte vom Berg)

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Am 22.12.2011 17:39, schrieb YYY:

Ich wünsch Dir alles Gute. Ich habe nichts zu tun mit Deinem beißenden Spott, Deinem Hochmut und Deiner Verachtung für Menschen. Du fährst nicht schwarz, Du bist stehen geblieben, gefangen in Dir. Wahrscheinlich hat Dir niemand einen Spiegel vorgehalten. Tut mir leid, wenn ich so offen sein muss. Du bist einfach nur verbittert. Im Grunde machst Du Dich nicht über die heutigen Meister lustig, sondern über Dich. Das ist, was ich aus Deinen Zeilen lese. Treppenwitz hin oder her - Ich übe keine Kritik am heutigen Zen. Ich bin sehr dankbar, dass ich dies alles erleben durfte. Ich wünsche Dir eine ruhige Weihnachtszeit. Der Spaßvogel
YYY

(wurde noch kurz fortgesetzt)