Mittwoch, 30. November 2011

Neues aus Kambodscha:
Leere Worte

Im Schoenewortemachen sind die Khmer recht gut. Das geht schon an der Grenze los. Ich bin wieder mal ueber Land und Poi Pet aus Thailand eingereist. Ein kostenloser Shuttle bringt einen aus dieser schmuddeligen Casinostadt raus zum Busbahnhof. Dort kann man dann ein Ticket bis Siem Reap (Angkor) erstehen. Ich sass mit drei Mitarbeitern der Tourist Association im Bus, zwei beschaeftigten sich waehrend der Fahrt mehrfach mit ihrem Handy oder Smartphone, einer mit seinem Laptop. Wir kamen ein klein wenig ins Gespraech. Irgendwann bog der Bus dann von der Hauptstrasse auf unbefestigte, holprige Wege ab. Sorry, meinte einer der drei zu mir, als sie ihr Ziel, ein besseres Haus in einem abgelegen Dorf (Baray Village) erreicht hatten, vor dem ein teurer Gelaendewagen stand. Ich holperte zurueck zur Hauptstrasse. Dort wurde mir dann gesagt, da ich der einzige Fahrgast sei, muesse ich mitsamt meinem Gepaeck auf ein Moped umsteigen und die restlichen zwanzig Minuten nach Siem Reap darauf zuruecklegen. Der Bus muesse zurueck zur Grenze (obwohl es bereits ca. 20 Uhr war). Keine Rede mehr von den freundlichen Versprechungen, mich mit dem kleinen Bus direkt vors Hotel zu fahren.
   Ich kratze mir hier so manches mal den Kopf. Die schoeneren Dinge erlebe ich in Angkor und bei der armen und konservativen Landbevoelkerung. In der Stadt hingegen nimmt der Bullshit und mangelnde Service kein Ende. An einem Tag esse ich eine leckere Wontonsuppe mit Dumplings und diversen Arten von Fleisch, und als ich am folgenden Tag wiederkomme und auf das Foto mit der Suppe zeige, mache ich den Fehler zu sagen: So wie gestern, mit allem drin. Darauf die Gegenfrage: "Sie wollen eine Suppe mit allem? Dann muessen sie diese hier nehmen" (es folgt der Fingerzeig auf das Foto einer ganz anderen Suppe). Schliesslich sage ich entnervt (natuerlich alles auf Englisch): "Ich will nicht uebers Essen reden, ich will essen. Ich nehme die Wontonsuppe." Und bekomme prompt eine andere, ohne Dumplings. Meiner Begleiterin erklaere ich, ich wuerde nun nicht mehr hier essen. Das sei die einzige Moeglichkeit, ihnen den Servicegedanken aufzudraengen. Sicher, ich koennte auch immer nach dem Manager oder Boss fragen. Nicht selten spreche ich dann aber bloss mit desinteressierten Ausbeutern, die das Geschaeft im Grunde nie richtig gelernt haben. Mein einziger Spass besteht dann darin, meine Khmerbegleiterin die Rechnung herunterhandeln zu hoeren. Regelmaessig haelt sie in diesen kleinen Restaurants Vortraege ueber deren Wucherpreise (im Vergleich zu dem, was die Einheimischen gewoehnlich zahlen), gestern bekam sie ihren Eiskaffee fuer die Haelfte des Preises auf der Speisekarte.
   Ah, diese leckeren Energydrinks. Ich weiss, ich weiss, das sollte man nicht ... Hier gibt es einen mit Erdbeergeschmack namens STING von der Pepsico, enthaelt Ginseng Extrakt. Kostet gerade mal umgerechnet 30 Cent die Dose und wurde 2010 zunaechst in Pakistan eingefuehrt. Hoffe, dass wir den bald in Deutschland bekommen, zum gleichen Preis. Wie auch das koreanische BACCHUS mit Royal Jelly, hier fuer umgerechnet knapp 50 Cent zu haben.

Dienstag, 29. November 2011

Neues aus Kambodscha:
Dreck, Trekker, am dreckigsten

Hier spielen gerade ein paar Dutzend kreischende kambodschanische Jungs um mich rum im wahrscheinlich groessten Internetcafe Siem Reaps (nahe Angkor), das gleichzeitig auch ein Burgerladen ist, mit angeschlossenem Designercafe und ueberteuertem Supermarkt. Der Laerm ist unfassbar. Zwischen Maedchen und den Jungen der Khmer liegt eine charakterliche Entfernung wie zwischen Erde und Sonne. Die erwachsenen Maenner sind teils auch nicht viel besser. Von den Maedchen, die ich vor gut zehn Jahren hier kennenlernte, haben fast alle inzwischen geheiratet und mehrere Kinder. In vielen Faellen leben sie in den Doerfern rund um Angkor und bestreiten ihren Lebensunterhalt durch Verkaeufe von T-Shirts und Souvenirs an Touristen. In vielen Faellen haben ihre Maenner einen Job in der nahe gelegenen Stadt Siem Reap gefunden und halten sich inzwischen eine Nebenfrau bzw. besuchen ihre eigentliche Ehefrau nur noch tageweise. In einem Fall laesst der Ehemann dann 15 Dollar fuer seine Gattin und die gemeinsamen beiden Soehne im Dorf, pro Monat. Die Klagen sind zahlreich, und ich als fast fuenfzigjaehriger Auslaender werde wieder als potentieller Ehemann interessant.
   Abends so ab 20, 21 Uhr sieht die Sache in Siem Reap ganz anders aus. Wenn ich da alleine durch die Strassen laufe, werden mir nicht nur Tuktuk oder Motorrad angeboten, sondern regelmaessig auch Marihuana und Frauen. "Lady Bumm Bumm". Da ist bei mir Schluss mit lustig. Einem der Moechtegernzuhaelter, die dann mit ihrem Moped an einen ranfahren, um ihre Sprueche abzulassen, habe ich beim ersten Mal gesagt, er solle kuenftig die Klappe halten, wenn er mich sieht, beim zweiten Mal die Faust gezeigt. Gestern trieb er sich in Hotelnaehe herum, und ich dachte schon, nun sei es an der Zeit, ihn vom Moped zu holen. Die Polizei hier ist recht untaetig, wozu das eher magere Regelgehalt natuerlich beitraegt. Gestern riet mir ein Tourist Police, doch einfach abzulehnen und weiterzugehen. Das ist mir zu aufwaendig, denn ein halbstuendiger Marsch durch die Stadt bedeutete etwa ein Dutzend Absagen, da habe ich anderes zu tun. Normalerweise reagiere ich gar nicht. Aber das Frauenanbieten geht mir so auf den Senkel (und ist natuerlich auch hier illegal), dass mir an diesem Beispiel mal wieder klar wird, was ein tief sitzender Theravadabuddhismus im Alltagsgeist der Suedostasiaten anrichtet. Untaetigkeit. Phlegmatismus. Statt das Problem zu beseitigen, mehr oder weniger drueber hinwegzusehen. Als ich dem freundlichen Tourist Police erzaehlte, es gaebe kein Zurueck mehr und nun wuerde es wohl zu ernsthaften Verletzungen kommen, hat er mir seinen Vorgesetzten genannt und gesagt, wenn Zeugen da sein, koenne man natuerlich was machen.
   Wie ueblich nebenbei auch fuer Siem Reap eine Reisewarnung. Sie betrifft den Fotoladen mit der Aufschrift Fujifilm auf der Sivotha Road. Ersatzbatterien fuer meine Canon Filmkamera wurden fuer 6 Dollar das Stueck angeboten, selbst im Angkor Bezirk bekam ich sie fuer 2,50, im nahegelegenen Fotostudio auf der anderen Strassenseite (an der gruenen Aussenfassade zu erkennen) fuer 3 Dollar.
   Ach ja, und auf dem Phnom Khrom nahe dem Tonle Seap, wo ein paar Ruinen bei einem Tempel stehen, kann man einen Zigarette rauchenden Moench Trekker fahren sehen.
   Ich wasch mir jetzt den Strassenstaub aus den Haaren. Vor drei Jahren waren einige Strassen in gutem Zustand, jetzt hat man sie schon wieder ruiniert und kuemmert sich nicht.

Donnerstag, 17. November 2011

Geld und Erleuchtung:
Dilgo Khyentse Rinpoche



Gibt es eigentlich ausserhalb der Zentradition buddhistische Moenche, die mich beeindruckten?  Ja, da ist zum einen Buddhadasa Bhikkhu, dessen Portraet ueber meinem Spiegel im Hotelzimmer steht und hinter dem sich wochenlang meine kleine Zimmerechse versteckt hat, in der Hoffnung auf Mueckenfutter (ich hab ihr schliesslich ein Stueck Mango an die Wand geklebt, an dem sie zehn Minuten leckte). Es ist noch nicht lange her, da gab es hier ein TV-Special mit dem Thema ZEN, und ein betraechtlicher Teil war dem Buddhadasa Bhikkhu gewidmet, was erklaert, dass nicht nur ich seinen Lehren und seinem Leben eine Affinitaet zur Zentradition nachsage.

   Von den Tibetern haette dies am ehesten fuer Dilgo Khyentse Rinpoche gelten koennen. Ich will damit nicht sagen, dass ich ausserhalb des Zen etwas wesentlich Buddhistisches suchen wuerde, dies war nie der Fall. Ich las ein Buch von ihm und fand seine Biografie erstaunlich. Meines Erachtens ist das Hauptproblem der Zenlehrer in Deutschland jedoch, dass viele von ihnen von verschiedenen buddhistischen Traditionen geleckt haben, so wie meine Echse die Mango kostete. Im Laufe der Zeit haben sie vergessen - zumal nicht wenigen von ihnen ein akademischer Hintergrund fehlt - das fuer sich auseinanderzuklabuestern. Die Mango kann mal ganz lecker sein, wenn die Echse nicht vergisst, dass sie fuer den Muecken- und Ameisenfrass gemacht ist (und eigentlich wollte ich diese mit der Mango nur anlocken). Die Tatsache, dass viele Zenlehrer nicht vom Zen selbst gesaettigt wurden, mag auch darauf hindeuten, dass sie kein authentisches Zen kennen. Waere dies der Fall, zeigten sich auch schnell die Grenzen tibetischer Lehrer auf. Es waere bei aller zugrundeliegender Biografie voellig vermessen, wenn ich mich in den Dunstkreis eines solchen Rinpoche erheben wuerde. Und doch habe ich keinen Zweifel, dass er in diesem Film selbst beweist, wie der tibetische Buddhismus nicht an die Tiefe des Zen heranreicht. Darum ist es vollkommen sinnlos, wenn man authentisches Zen gekostet hat, sich von der tibetischen Schule etwas Wesentliches zu erhoffen.

Irgendwann im Verlauf dieses Filmes (leider ist mit Stand vom 14.11.2014 nur noch der obige Trailer abrufbar) wird Dilgo gefragt, was der Unterschied zwischen Geld und Erleuchtung sei. Die bloede Frage eines Westlers, koennte man einwerfen. Waehrend dem Dilgo die Frage uebersetzt wird, habe ich sie so beantwortet: Erleuchtung macht frei, Geld nicht. Damit will ich nicht kleinreden, dass Reichtum selbst allerhand Freiheiten erzeugen kann, aber die spirituelle eben nicht. In aller Regel fuehrt Geld nur dann zu einer Handlungsfreiheit, wenn man es loslaesst, ansonsten verursacht es immer wieder besorgtes Gruebeln.
   Dilgos Antwort lautete: Geld hat ein Ende, die Erleuchtung nicht. Und hier zeigt sich, wie sehr die Tibeter Gefangene ihres Reinkarnationsglaubens sind und wie stark dieser ans Personale gebunden ist. Denn das, was kein Ende hat, ist nicht die Erleuchtung, sondern die Buddhanatur. Die Erleuchtung selbst ist ein Zustand, der an den Geist gebunden ist, dessen Funktionsfaehigkeit, wie wir wissen, endlich ist. Ich hoere die westlichen Anhaenger des tibetischen Buddhismus entgegnen, mit Erleuchtung sei ja gerade das gemeint, was nicht-personal und eigentlich gar nicht als solches sei (weil es den Urzustand darstelle). Doch diese Auffassung laesst sich logischerweise auch auf das ausdehnen, was Geld genannt wird. Nur dann ist die buddhistische Sichtweise auch nicht mehr dualistisch. Es ist darum kein Wunder, dass der Hauptlehrer des Dalai Lama so spricht, schon dessen Ziehsohn aber mit einen Haufen Geld angetroffen wurde. Man kann also tatsaechlich in allen moeglichen Traditionen bewandert sein und alle moeglichen Texte gelesen sowie den kompletten Kanon rezitiert haben, ohne eine angemessene Antwort auf eine einfache Frage zu finden. Es geht hier darum, dass nur auf der materiellen Ebene Geld und Erleuchtung zu unterscheiden sind, der Dilgo das jedoch auf einer spirituellen (dem Ewigkeitscharakter) versuchte. Dies ist nicht richtig. Im Zen haette er weiter an diesem Koan knabbern duerfen.

Montag, 14. November 2011

Und hierfuer den buddhistischen Kurzfilm-Oscar ...


Das ist Kunst. Sehr schoen anzuschauen und anzuhoeren. Mit meinem Sinn fuer Ironie spielt sich das Entscheidende bei ca. 2:50 und spaeter bei ca. 5:10 ab. Da kommt naemlich zunaechst ein krabbelndes Kleinkind ins Bild. Es weiss nichts von Dogen und nichts vom richtigen Sitzen, es kennt nur Krabbeln, und wenn es mal sitzt, na, das wisst ihr selbst, wenn ihr es mal gesehen habt ... Das Kleinkind unterscheidet noch nicht. Wie der Vogel, der spaeter ins Bild huepft und unverfroren mit dem Kopf wackelt, sind diese beiden Wesen im unschuldigen Zustand der Nichtunterscheidung. Gilt das auch fuer den Moench und den Sprecher?

Sonntag, 13. November 2011

Neues aus Thailand:
Die Moenche und das Huehnchenfleisch

Die letzten zehn Tage musste ich erleben, dass eine Antibiotikaresistenz unangenehm sein kann. Erst das dritte Mittel brachte den Durchbruch bei einer deftigen Hals- und Bronchialentzuendung, die mich weitgehend ans Hotelzimmer band, wo ich waehrenddessen den unsaeglichen neuen und im Englischen ueber 900 Seiten dicken Roman von Haruki Murakami, 1Q84, las (dazu spaeter mehr). Und so bleibt mir nur zu berichten, dass ich auf dem Wege der Besserung einen Chester's Grill aufsuchte, der geschmacklich so zwischen den leckeren Sachen vom Burger King und den schlapprigen vom McDonald's liegt und zum Beispiel Shrimpburger fuer unter einem Euro anbietet. Kurz nach der Oeffnung um 11 Uhr frueh waren ausser mir nur noch zwei Gaeste anwesend. Buddhistische Moenche in ihren braeunlichen Roben. Aufgefahren wurden fuer sie Huehnchenschenkel und Spaghetti mit Huehnchensosse. Als ich fragte, ob die Moenche das bestellt haetten, hiess es, nein, sie seien von einem Angestellten eingeladen. Dann wurden auf einem Tablett an die tausend Baht in kleineren Scheinen zu den Moenchen gebracht. Als ich fragte, ob sie nicht doch fuer das Essen bezahlt haetten, hiess es, nein, sie haetten nur Geld gewechselt (so habe ich es jedenfalls verstanden). Absolut grotesk. Leider hatte ich nur ein Handy ohne Kamera dabei. Mit dem Bild der Huehnchen spachtelnden Ordinierten haette der Chester Grill eine lustige Werbeaktion starten koennen, etwa so: "Another way for dana: Chester's Grill!"

Montag, 7. November 2011

Der Umgang mit dem Sterben

Zu meinen Horrorvorstellungen gehoert, hilflos im Krankenhaus zu liegen und von Leuten zugeschwafelt zu werden, die es nur gut mit mir meinen und die mir dabei so auf den Geist gehen, dass ich ihnen am liebsten den Hals umdrehen moechte (ja, ich will dazu faehig bleiben, auch nach dem Erwachen). Nun habe ich mal wieder vor Augen gefuehrt bekommen, wozu insbesondere Zen-Ordinierte faehig sind. In einem TV-Beitrag ueber Nonnen des Dharma Drum Mountain, der auf Sheng Yen zurueckgeht und sich tatsaechlich dem Zen-Buddhismus (Chan) zurechnet, gab es eine Szene, in der die Nonnen offen ihre Fehler voreinander eingestanden, z. B.: "Ich bin zu lange wuetend, wenn mich etwas aufgeregt hat." Eine Nonne fing an zu weinen und erzaehlte, ihre Grossmutter laege im Sterben, und sie liebe diese Oma sehr. In der folgenden Szene sah man die Nonnen ums Bett der offenbar bewusstlosen Grossmutter stehen und ihr zureden. Eine Nonne, vielleicht wahr es gar die Enkelin, sagte: "Sei getrost, du wirst im Tod mit deinem Mann zusammensein." Als die Gruppe das Krankenhaus verliess, wurde diese von der Aebtissin (wie ich annehme) getadelt: "Du hast gut gesprochen, doch du solltest den Tod nicht erwaehnen."
   Ja, da moechte man dann doch keine Nonnenorden mehr befuerworten. Erst das Geschwafel von einem Dasein nach dem Tod, und dann besteht die einzige Kritik darin, dass die entscheidende Wahrheit, der Tod selbst, angesprochen wurde. Ich jedenfalls habe sofort eine Verfuegung erlassen, dass alle Dummschwaetzer, die mich beim Sterben zulabern, inclusive aller Geistlichen, von meinen wahren Freunden direkt auf die Intensivstation gepruegelt werden duerfen.

Donnerstag, 3. November 2011

Aufnahmen von Omori Sogen Roshi


... und mehr, etwa ueber den Reinen Land Buddhismus, in dieser BBC-Doku aus dem Jahre 1977 (englisch).
   "Da ist Buddha fuer die, die nicht wirklich wissen, was er ist. Und da ist kein Buddha fuer die, die wissen, was er ist." (ca. Min. 41:00)
   Yamada Mumon Roshi vergleicht den Zustand eines Babys (zero, null) mit dem des Zazen und damit des Erwachtseins (kein Wissen, keine Erfahrung).
   Wer verstanden hat, braucht keinen Buddhismus mehr. Hier begegnen wir authentischem Zen.

Sonntag, 30. Oktober 2011

Zen-Mythen:
Schmerzen beim Sitzen

Im Laufe meiner meditativen und Uebersetzungsuebungen stiess ich immer wieder auf die Formulierung "mit den Schmerzen eins werden". Ich halte sie fuer nicht mehr angebracht und will dies erlaeutern. Wenn wir mit etwas eins werden, setzen wir voraus, dass da zwei sind. Auf dem Zenweg legen wir jedoch diese Vorstellung ab. Ist das mit Einswerden gemeint, dann sind wir also quasi Schmerz, dann IST da Schmerz, ohne dass er bewertet wird. Diese Art zu denken ist sicher erstrebenswert. Betrachten wir nun aber den Sinn von Schmerzen. Sie zeigen uns, dass etwas nicht richtig ist, dass wir krank sind, uns falsch ernaehren, aber auch, dass wir falsch sitzen. Die ganz natuerliche Reaktion in letzterem Fall ist eine Veraenderung der Sitzhaltung. Die im Dogenzen praktizierte Haltung ist leider nicht geeignet, besonders schmerzarm zu sein. Darum finden wir auf alten Darstellungen Bodhidharmas auch meist einen krummen Ruecken des Patriarchen, weil sich der beim langen Sitzen automatisch einstellt. Der Dogenadept wendet nun geistige Konzentrationskraft auf, statt es sich einfach bequem zu machen, weil er das Erwachen faelschlich an eine in seiner Schule als einzig korrekt angesehene Meditationshaltung koppelt. Tatsaechlich macht er damit aus etwas, das eins ist, zunaechst erst mal zwei, geht also einen Umweg. Das ist recht seltsam. Denn auch der Buddha des Palikanons sass anders.
   Dennoch kann im niederschmerzigen Bereich der Zenadept schon bald Erfolge verspueren. Leider ordnet er sie faelschlich seiner mentalen Kraft zu, naemlich der rechten Ansicht des Einsseins mit dem Schmerz. Was tatsaechlich passiert ist das gleiche wie bei jedem Training - eine koerperliche Gewoehnung. Darum haben auch Japaner mit dem Fersensitz kein Problem, einzig, weil sie ihn lange genug eingeuebt haben - eine grosse geistige Leistung im Sinne eines Schmerzaushaltens oder Einswerdens ist nicht mehr noetig.
   Wenn die Schmerzen dann auf der bekannten Schmerzskala nicht mehr nur bei 2 oder 3 liegen, wo ich sie mal im Zazen anordne, sondern in den  Bereich ab 6 oder 7 kommen, dann greift der Zenadept in aller Regel auch zu Schmerzmitteln. Die Vorstellung des Einsseins mit dem Schmerz, das Beobachten und Gewahrsein des Schmerzes werden sekundaer. Nicht alles, womit ich eins bin, dient meiner Lebensqualitaet. Letztlich sind Schmerz und Zennie dann wieder zwei, auf der phaenomenalen Ebene, weil nur so auf den Schmerz angemessen reagiert werden kann - dazu bedarf es einer Unterscheidungskraft. Wenn ihr das nicht glaubt, wartet einfach ab, bis eure Lehrer vom Krebs zerfressen werden oder aehnliches. Wenn ihr schon vorher ein Einsehen habt, dann versteht ihr auch, dass Erwachen ein spiritueller Prozess ist, der selbst dem leproesesten und skoliosesten Krueppel genauso gelingen kann wie einer Deshimaru-Kopie.

Freitag, 28. Oktober 2011

Sexgeruechte um Shaolin-Abt:
Belohnung ausgeschrieben

Das ist mal eine Idee, koennte die Pagode Phat Hue auch mit ihrem scheinheiligen Abt machen ... Aufgrund der zahlreichen Geruechte um den wohlgenaehrten Abt des chinesischen Shaolintempels, Shi Yongxin, (er sei zum Beispiel im Puff erwischt worden und habe ein Kind in Deutschland) hat der Tempel selbst nun eine Belohnung ausgeschrieben fuer alle, die solche Vorwuerfe entweder entkraeften oder belegen (!) koennen. Wie die TAZ schreibt, sind die Chancen gar nicht so uebel, die Geliebte des Abtes heisse naemlich Li :-) 
   Da zeigt sich mal wieder, in welche rueckstaendigen, dummen und unhaltbaren Wunschvorstellungen von Abstinenz sich der buddhistische Klerus treiben laesst. Statt mit dem Hinweis aus sinnenfreudige Moenche der Chantradition zu kontern oder einfach Bilder von Geliebter/m und Kind zu veroeffentlichen, damit mal etwas Bewegung in die Ordensregeln kommt, erweist sich das Bonzentum als so paepstlich wie der Papst. Unter den Laien sieht es jedoch auch hierzulande nicht viel besser aus. 
   So las ich kuerzlich in einem DBU-Forum folgende Empfehlung, ohne genaue Angabe offensichtlich aus dem Kanon zitiert: "Er enthält sich des Fehlverhaltens bei Sinnesvergnügen, indem er das Fehlverhalten bei Sinnesvergnügen aufgegeben hat; er hat keinen Geschlechtsverkehr mit Frauen, die unter der Obhut der Mutter, des Vaters, von Mutter und Vater, des Bruders, der Schwester oder der Verwandten stehen, mit Frauen, die einen Ehemann haben, die vom Gesetz geschützt sind, oder mit jenen, die den Schmuck der Verlobten tragen."
   Wenn wir diesen Schwachsinn, den jemand vor ein paar tausend Jahren ersonnen hat, mal genau untersuchen, dann steht da also Folgendes:
   1) Mit Frauen, die Waisen sind, darf man sexuell anders verkehren als mit denen, die in der Obhut der Eltern stehen.
   2) Mit verheirateten Frauen darf man nicht verkehren, auch wenn diese dem Beruf des Freudenmaedchens nachgehen oder von ihren Ehemaennern misshandelt und hintergangen werden.
   3) Mit behinderten Frauen darf man nicht verkehren (denn sie sind "vom Gesetz geschuetzt" - na gut, da ist sicher noch was anderes gemeint, aber so ist das eben, wenn man bloss Saetze zitiert, ohne sie mit Leben zu erfuellen).
   In dem selben Beitrag im Forum der DBU wird behauptet, Zoelibataere haetten auf dem diesjaehrigen Kongress zum Thema Sexualitaet sehr informativ die verschiedenen Facetten ihrer Askese dargelegt. Dazu faellt mir ein, welch umfangreiche Studien es in der Sexualwissenschaft gibt, wenn man danach sucht, und welche Waelzer, dick wie die Bibel, in denen katholische Priester im Grossen und Ganzen nichts als das Scheitern des Zoelibates belegen. 

Es gibt nur einen Ausweg. Man darf diesen Unsinn nicht glauben und ihm keinen Raum geben. Jeder, der ohne Sex mit einem Partner auskommen kann, wird das in der Stille vollziehen, ohne daraus eine Forderung fuer andere abzuleiten. Ein Erwachter kann solche Regeln also nicht aufgestellt haben. Ich habe selbst jahrelang ohne Sex gelebt. Davon stirbt man nicht. Aber es ist eindeutig der fuer den Menschen als koerperlich-seelisch-geistige Einheit schlechtere Weg. Man kann davon ausgehen, dass dies fuer alle halbwegs gesunden Menschen gilt. Einem Zoelibataeren zu lauschen, wie er diese Lebensweise preist, ist so, wie zwei Zeugen Jehovas vom Juengsten Gericht schwafeln zu lassen. Enthaltsamkeit verdient so viel Diskretion wie das Sexleben zweier Liebender. Sie festzuschreiben ist schon wegen der implizierten Indiskretion ein Mangel an Moral.

Im Maharatnakutasutra heisst es darum auch: "Selbst wenn die Bodhisattvas den fuenf Sinnesvergnuegen mit unbegrenzter Freiheit ueber Kalpas, die so zahlreich wie die Sandkoerner des Ganges sind, nachgehen, vergehen sie sich nicht gegen die Geluebde solange sie nicht bodhicitta aufgeben." (nach Garma C.C. Chang uebersetzt)
  

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Neues aus Thailand: Gier (II)


Wenn man die ersten Male in suedostasiatische Laender reist, wird man sich als Deutscher daran gewoehnen muessen, uebern Tisch gezogen zu werden. Es dauert eine Weile, bis man die lokalen Preise versteht und weiss, was Einheimische wofuer zahlen. Auch das Feilschen auf dem Markt will gelernt sein. Spricht man dann z.B. ein paar Worte Thai und wurde regelmaessig vor Ort gesehen, wuenscht man sich natuerlich ein gewisses Entgegenkommen. Wie schoen, wenn man mal eine Waescherei gefunden hat, auf die man sich verlassen kann (und die nicht den schoenen Waeschebeutel, das Geschenk eines wichtigen Freundes, gegen einen billigen vertauscht) und ein Lokal, in dem man schmackhaft essen kann, ohne sich den Magen zu verderben.
   Angenehm ueberrascht war ich, als ich mit einer Bekannten zum Abendessen an solch einen etablierten Stand am Markt ging. Sie bekam eine Riesenportion gebackenen Reis, ich gebratene Nudeln (Pad Seiju) mit reichlich Brokkoli. Wir wurden beide gut satt. Ich gab Trinkgeld und laechelte die Grossmutter hinter dem Wok an. Am naechsten Tag bestellte ich das Gleiche. Diesmal war die Portion um ein Drittel kleiner und statt der Brokkoli, die auch auf der Speisekarte abgebildet sind, kam nur billiges gruenes Blattgemuese. Diesmal gab ich kein Trinkgeld und fragte die Kassiererin, wann denn die Grossmutter genau arbeitete. Ich erklaerte ihr, was geschehen war. Die Arbeitszeiten brachte ich nicht in Erfahrung. Natuerlich ging ich dort nicht mehr essen, wenn die Grossmutter nicht in Sicht war.
   So geht das andauernd. Und es faellt mir auf, dass es wieder schlimmer wird, seit hier vermehrt Kurzzeittouristen aus arabischen Laendern, Indien und Russland verkehren und es den Einheimischen immer besser geht. Waehrend der Chef der Einwanderungspolizei verlauten laesst, mit umfassenden Festnahmen und Abschiebungen von bettelnden Kambodschanern sei ein Schandfleck der modernen Touristenattraktion Pattaya entfernt worden, laufen die tatsaechlichen Schandflecken, die im Gegensatz zu den Khmer den Touristen Schaden zufuegen, frei herum. Zum Beispiel die Jetski-Betrueger (siehe oben) und die beteiligten korrupten "Polizisten".
   Gar nicht komisch ist auch, wenn man fuer ein Allerweltsmedikament wie Omeprazol (gegen Reflux) in einer hier bekannten Drogeriekette namens BOOTS das Doppelte bezahlt wie in einer anstaendigen Apotheke. Oder wenn man in einem Telefonshop die gleiche SIM-Karte, die im FAMILY MART gerade mal 49 Baht kostet, fuer 250 Baht angedreht bekommt. Ich gehe immer mehr dazu ueber, bei aller Kritik der Globalisierung und meinem Wunsch, einheimische Haendler zu unterstuetzen, in den grossen Supermarktketten einzukaufen, weil dort die Preise transparent sind und Beschwerden professioneller bearbeitet werden. Anderswo habe ich immer haeufiger den Eindruck, dass man Stammkunden nicht pflegt bzw. schon gar nicht mehr gewohnt ist. Die Zeiten, als Europaer hier ganze Strassenzuege beherrschten, sind Vergangenheit. Man kann es natuerlich den Einheimischen nicht verdenken, am grossen Kuchen des Kommerzes und Genusses teilhaben zu wollen. Doch ihre Undankbarkeit ist abstossend. Immer oefter habe ich den Eindruck, dieses Verhalten beruht auf einem tiefsitzenden Rassismus, der sich nicht nur auf Kambodschaner beschraenkt. Doch dazu spaeter mehr.

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Dalai Lama erhoert Asso-Blog

Endlich! Der Dalai Lama will, wie von mir mehrfach in diesem Blog und in einem Brief an ihn gefordert, die (seine) Wiedergeburt abschaffen. Allerdings scheinen hier eher politische Ueberlegungen eine Rolle zu spielen, was noch einmal die unsaegliche Verquickung von (ehemaligem) Amt und religioeser Funktion des DL belegt. Andererseits unterstreicht dies, wie leicht es ist, mit der Wiedergeburt als Bestandteil der buddhistischen Lehre Schluss zu machen. Ich freue mich jedenfalls, dass der DL zur Einsicht gekommen ist. 

Nein, so einfach ist es natuerlich nicht. Wie man in dem Artikel der F.A.Z. lesen kann, glaubt der DL noch immer, ""die einzige legitime Verfügungsautorität über den Ort und die Art und Weise einer Wiedergeburt" habe die zu reinkarnierende Person selbst", was zweierlei wesentlichen Lehrinhalten und Erkenntnissen des Zen widerspricht: 1) shunyata, 2) der einzig existenten Gegenwart.

Amuesiert hat dieses Possenspiel wohl auch Michael Filzinger, der hier immer wieder engagiert Kommentare hinterliess und mit "Zen fuer uns" eine hoffentlich bleibende, umfassende und kritische Webseite zum Zen erarbeitete. Vielleicht ahnte er seinen fruehen Tod mit knapp 50 Jahren, und das gab ihm die Kraft, besonders direkt Kritik zu ueben und Missstaende offen anzusprechen. Ich werde seine Beitraege vermissen. Er wandelte auf den Spuren des wahren Zen.

Dienstag, 25. Oktober 2011

Neues aus Thailand: Gier (I)

Bevor sich jemand die Frage stellt, was ich hier ueberhaupt mache, wenn ich doch dauernd am Laestern bin - dies ist schliesslich ein Ruepelblog, die schoenen Sachen erzaehl ich ein andermal und wahrscheinlich woanders.
   Seit ein paar Jahren gehe ich bevorzugt zu einer bestimmten Masseuse, die ich fuer die beste halte, die ich hier kenne. Die Preise fuer eine Stunde Thaimassage schwanken hier ganz schoen, man kann sie schon fuer 100 Baht haben, in ihrem Laden kostet eine Stunde leider 250 Baht, dafuer dann 2 Stunden 400 Baht (knapp 10 Euro), was recht ueblich ist und weswegen ich meist gleich zwei Stunden buche. Gestern hatte ich um 4 Uhr mittags eine Verabredung mit meinen Khmerfreunden. Da bis 5 Uhr kein Anruf erfolgte, wie zugesagt, wollte ich mir die Zeit mit der Massage vertreiben. Einem Mann wie mir, der einen Grossteil seines Arbeitslebens vor dem Computer verbringt, tut diese Art der nichterotischen Massage wirklich gut. Kaum war es losgegangen, erhielt ich dann doch den Anruf. Wir wollten ein bisschen shoppen gehen, die Khmer waren in der Nachbarstadt und wollten nicht zwei Stunden warten. Ich seufzte. Die Masseuse schlug gleich vor, dass wir von zwei auf eine Stunde verkuerzen koennten, und gab unten der Chefin Bescheid. Nach einer Stunde und den aergerlichen 250 Baht stand ich am Ausgang und sah in stroemenden Regen. Da kam der naechste Anruf. Wir sollten doch das Ende des Regens abwarten. Ich also zur Chefin, die gerade neben mir stand: "I want to continue massage and pay 150 Baht more like for 2 hours." Sie: "Sorry, not possible." Ich: "I was just out for 5 minutes. How could I know it is raining so heavily." Sie blieb stur. Ich sagte, sie habe kein gutes Herz, ich sei immerhin im Lauf der Jahre schon Dutzende Male in ihrem Laden gewesen und ein guter Kunde. Dann sagte ich, mehr, um die einfacher gestrickten Masseusen um mich herum nervoes zu machen, ich wuerde mit Buddha sprechen und sie wuerde Probleme bekommen. Da mischte sich ihr Typ ein, der zu allem Ueberfluss noch vor dem Massagesalon gebrauchte Literatur verkaufte, und beruhigte gleich: "No problem, no problem" (ich denke, das galt auch seinen Angestellten). Da schaute ich ihn scharf an und zeigte mit dem Finger zur Erde, wie man es von Buddhafiguren kennt.
   Die Sache hatte jedoch einen Hintergrund. Zum ersten Mal in all den Jahren hatte mir an diesem Tag eine Masseuse erzaehlt, was wohl alle Angestellten dort wussten: Die Thaibesitzer hatten einen Koreaner, der viel Geld in den Salon gesteckt hatte, abgelinkt und enteignet. Der Koreaner war offenbar in seine Heimat zurueckgekehrt. Solche Geschichten hoert man hier oft. Die thailaendische Gesellschaft ist im Wesentlichen auf krimineller Energie aufgebaut. Sollte jemand glauben, dies sei nur ein Phaenomen einer Touristenfalle wie Pattaya, moege er sich in abgelegene Bergorte begeben und dort kriminelle Auslaender in schoenen Villen entdecken oder etwa, dass die Haelfte der besseren Haeuser mit Geld aus dem Umfeld der Prostitution finanziert wurde. Mich jedenfalls hat dieser Umstand enorm angekotzt, und Ihr werdet gleich verstehen, dass ich einen ganz besonderen Grund hatte. Als ich davon erfuhr, verlor ich jede Lust, diesen Betruegern noch weiteren Profit zu verschaffen (meine Masseuse bekommt von den 250 Baht nur 80, dazu eben ggf. noch Trinkgeld). Falls Ihr mal nach Pattaya kommt, meidet also bitte folgenden Laden am Strand: ZEN MASSAGE.

Montag, 24. Oktober 2011

Neues aus Thailand: Khmer (II)

Und wieder muss ich mich korrigieren. Nachdem ich die Koechin aus dem im letzten Beitrag erwaehnten Hotel einmal beim Ablegen der Speisen ansprechen konnte, bestaetigte sie zwar den dahinter stehenden Geisterglauben, sagte zu meiner Ueberraschung jedoch auch, es sei ihr egal und wuerde niemanden veraergern, wenn ein Passant das vorzuegliche Essen aus der Hotelkueche zu sich naehme. Diese erfreuliche Neuigkeit aenderte jedoch nichts an der Auffassung meiner Khmerfreunde, das gehoere sich nicht. Tatsaechlich hatte die Security des Hotels ein paar Mal beobachtet, wie andere Obdachlose sich das Essen unter den Nagel rissen. Einer der Waechter fuehrte ein kurzes Gespraech ueber Buddhismus mit mir, in dem er einen meiner Lieblingssaetze gebrauchte: "You are Buddha." Worauf ich erwiderte: "And you are Buddha, too." Was uns zum Schmunzeln brachte. Buddha ist fuer ihn wie die Luft zum Atmen.
   Ein paar Tage sah ich die kambodschanische Familie nicht. Gestern war ich gerade angekommen, als ein anderer Waechter den Kindern am fruehen Abend ausdruecklich erlaubte, den Hotelspielplatz, der auch nach westlichem Standard einiges hermacht, zu benutzen.
   Dennoch gab es schlechte Nachrichten. Sie betrafen mal wieder die Polizei Pattayas. An einer anderen Strasse hatten sich in einem Hinterhof einige Khmermuetter mit ihren Kindern versammelt. Der Grund waren zahlreiche Festnahmen der Polizei am Chulalongkorn Day, dem Gedenktag an Koenig Rama V. Die ueblichen Strafzahlungen laegen bei 200 bis 300 Baht, ehe die Khmer wieder freigelassen wuerden, wurde mir einst gesagt. Wer nicht zahlt, werde an die Grenze gebracht. Einer Grossmutter hatten sie jedoch offenbar das gesamte Geld abgenommen, das sie bei sich trug, 2.500 Baht. Wenn man es so sieht, lassen die Polizisten die Khmer also auch fuer sich betteln. Deshalb gebe ich so ungern Geld und kaufe lieber mal einen Liter Milch oder Medikamente. Der passende Beitrag zur Erinnerung an Koenig Rama V. ist der Polizei Pattayas damit jedenfalls nicht gelungen, denn der hatte Anfang des 20. Jahrhunderts die Sklaverei in Thailand abgeschafft, wovon auch die Rueckseite der 100 Baht-Note erzaehlt.

Sonntag, 16. Oktober 2011

Neues aus Thailand: Khmer (I)

Seit langem sind mir die Khmer ans Herz gewachsen, und so habe ich diesmal bewusst Kontakt zu einigen kambodschanischen Bettlern gesucht, die man hier in den Strassen sitzen sieht. Meist sind es die Muetter mit ihren Kindern. Gelegentlich setzt sich ein Kind mit einem Plastikbecher in einiger Entfernung der Mutter hin und bekommt in der Regel mehr Geld als die Erwachsene. Kuerzlich zeigten mir die meist illegalen, d.h. ohne Pass eingereisten Khmer mal, wie sie hier in Thailand so wohnen (ein Pass kostet sie etwa 5.000 Baht, die sie eben in der Regel nicht uebrig haben, im Gegensatz zu vielen kambodschanischen Bauarbeitern, die hier zwischen 180 und 250 Baht (ca. 4,30 bis 6 Euro) am Tag verdienen und oft legal mit Visum im Land sind). Die Fahrt mit dem Songthaeo, dem klassischen Pritschentaxi, dauerte eine Dreiviertelstunde in die drittnaechste Stadt. Dort ging es durch vom Regen aufgeweichte Erde in eine duerftige Absteige, in der es aber immerhin ein Hockklo und eine Duschbrause gab. Geschlafen wird auf dem Boden, am Morgen sind alle von Moskitos verstochen. 5 Kambodschaner mit Anhang uebernachten dort fuer knapp 20 Euro im Monat (mein Hotelzimmer kostet gut das Zehnfache).
   Gestern blieb ich mal eine Stunde neben einer Familie sitzen und schaute zu, was die Touristen so machten und spendeten. Wir sassen am Hinterausgang eines grossen Hotels, unter dessen Namensschild ein weiteres mit der Aufschrift "The Spirit of Thai Hospitality" (der Geist thailaendischer Gastfreundschaft) hing. Diese Gastfreundschaft sah so aus, dass man von Seiten des Hotels an die Mauer zur Strasse direkt vor die Augen der Khmer eine vollwertige Mahlzeit mit zwei Beilagen inclusive Reis hinstellte. Zunaechst dachte ich, das ist aber nett, dann jedoch wurde ich aufgeklaert, es handele sich um eine Gabe an die Geister und die Khmer wuerden diese selbstverstaendlich nicht anruehren. Zu allem Ueberfluss tauchte noch ein Ziviler auf, der die Khmermutter auf Thai ausfragte (was sie fliessend beherrscht), ein paar Schritte weiter ging und dann anfing zu telefonieren. Ein Hotelwaechter war so freundlich mitzuteilen, dass es sich um einen Polizisten handelte. Schwupp, nahmen die Khmer die Beine in die Hand. Wuerden sie erwischt und ueber die Grenze gebracht, waeren sie in ein paar Wochen wieder hier. Die Mutter hatte mir eine Ueberweisung gezeigt. Was sie erbettelt und uebrig bleibt, geht an ihre Eltern in Kambodscha. Sie traeumt davon, mal ein paar Tiere und einen kleinen baeuerlichen Betrieb zu haben.
   Ich wurde den Verdacht nicht los, dass der Polizist einen Tipp bekommen hatte, und zwar von einer Gruppe junger Frauen, die mit Flyern und Listen fuer eine Kinderhilfsorganisation Geld zu sammeln vorgab. Ich sagte ihnen, ich wuerde lieber an die Khmer spenden, die seien aermer. Das machte die Frau wuetend. Mehrfach hatte ich beobachtet, wie es das Interesse von Thais auf sich zieht, wenn man den Bettlern aus Kambodscha ein paar Flaschen Milch oder Gegrilltes gibt. Eine der mobilen Wurstverkaeuferinnen meinte dann auch zu mir, wie es denn mit einem Trinkgeld fuer sie aussaehe. So in etwa stellt sich heute zuweilen der Spirit of Thai Hospitality dar. Die Anzahl der Neureichen im Land waechst, das Bildungsniveau dieser Schicht jedoch nicht in gleichem Masse.

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Neues aus Thailand:
Buddhistische Tierliebe

Ich bin mal wieder unterwegs und weiss noch nicht, was in den kommenden Wochen aus den Updates hier im Blog wird. Neulich fand ich in einer Art Waldstueck zwei junge Kaetzchen. Weit und breit kein Muttertier zu sehen, die beiden suchten gleich meine Naehe, ich nahm sie mit ins Hotel. Dass haette ich besser bleiben lassen. Die Putzfrau, die ich so lange kenne wie Thailand (seit 17 Jahren) und die sich stets als Katzenfreundin erwiesen hatte, winkte ab. Zwei Weibchen, wie sie gleich feststellte, und keinen Bock auf deren Nachwuchs. Ich versuchte es in zwei Tierheimen, hinter denen offenbar Auslaender stecken. Die haben es mit Hunden. Dann im Rathaus. Man versprach mir auf der Hotline der City Hall, mich zurueckzurufen, sobald man Interessenten fuer die Katzen gefunden hatte. Ich hoerte nichts mehr von dort. Dann wurde mir eine Familie in der Strasse hinterm Hotel empfohlen, die bereits Katzen gehabt hatte und tierlieb sei. Dort brachte ich eine Kiste Katzenfutter, eine Transportbox und Streusand hin (ich durfte die Kaetzchen selbst nur eine Nacht im Hotelzimmer behalten). Sogleich sagte man mir, was die Grundimpfungen kosten wuerden. Ein paar Tage danach stand jemand von der Familie vor meinem Hotelzimmer und meinte, es seien ja beizeiten auch sie noetigen Massnahmen zur Kastration noetig. Ein paar Wochen spaeter zeigte man mir dann die noch immer entzuendeten Augen der einen Katze (ich hatte sie Eh und die andere Bi nach Englisch A und B getauft). Diesmal ging ich selbst mit zum Tierarzt. Nun, die Sache kostete mich am Ende, bis die Leute anfingen zu nerven und ich einen Schlussstrich zog, fast so viel wie ein kambodschanischer Gastarbeiter hier auf dem Bau in einem Monat verdient. Das war mir eine Lehre. Fortan interessierte ich mich wieder mehr fuer die Khmer im Lande als fuer die Tiere.

Heute ist der Tag, an dem hier einige in den Tempel gehen, um Tambun zu machen, was Gutes tun usf. Der Tempel war mir zunaechst auch von mehreren Einheimischen als Auffangstation fuer Katzen genannt worden, bis mir eine Bekannte erzaehlte, sie wisse, dass in Tempeln bereits Katzen gegessen worden seien. Als ich das der Rathaushotline berichtete, nachdem auch sie mir die Tempel nahegelegt hatte, hiess es: "Okay Mister, please wait a moment." Drei Minuten spaeter meldete sich dieselbe Frauenstimme zurueck: "Mister, thank you for waiting. I now can tell you that the temple is no good idea."

Dienstag, 11. Oktober 2011

Japanischer Pop (Fundstück)

Früher riss ich meine Post, die vor allem aus Werbesendungen besteht und überhaupt nicht aus Liebesbriefen, mit meinen Fingern auf. Das sah hässlich aus. Auf der Suche nach einem geeigneten Brieföffner fand ich im Internet-Auktionshaus Ebay ein kleines Samurai-Schwertlein. Inzwischen thront es auf meinem Fernseher. Manchmal vergesse ich freilich, es zu benutzen. Made in China steht darauf und: Stainless Steel. Ich übte, das etwa zwölf Zentimeter lange Schwert blitzschnell aus seiner Scheide zu ziehen und elegant dorthin zurückzustecken. Mit martialischen Schreien und grausamem Gesichtsausdruck stampfte ich – das Schwertlein schwingend – in meinem Zimmer umher und dachte an den toten Toshiro Mifune und den toten Akira Kurosawa. Von ihrem lebenden Landsmann, Tomoyasu Hotei, dem Rocksänger, habe ich mir über CD Japan im Internet eine Platte bestellt. CD Japan ist schlau und schreibt Gift auf die Päckchen, weswegen der Zoll enttäuscht ist, wenn keines sich darin befindet und er mich auch sonst nicht weiter abrippen kann. So kam Hoteis Livekonzert mit ein paar Remixen bei mir an, das Booklet fast ganz auf Japanisch. Erstaunlich, wie makellos immer alle Sendungen aus Japan verpackt sind. 

Viel besser klingt übrigens Chara, die habe ich danach bestellt, und sie müsste unbedingt im Westen entdeckt werden, macht sie doch so zauberhaft modernen Pop. Sie hat eine süße Mädchenstimme voller Ich blas dir wann immer du willst einen und kuschel mich an dir zu Tode-Sex.  Vielleicht haben Sie eine japanische Videothek in Ihrer Nähe, da könnten Sie dann mal hinlaufen und versuchen, sich einen Film mit ihr zu leihen oder eine Musiksendung mit ihren Titeln. Meine dritte CD aus Japan ist von Hinano Yoshikawa, die so lecker schmecken dürfte wie mein mit Kandiszucker versehener Jasmintee, wenn er warm ist. Hinanos Debütscheibe heißt I am pink. Auch sie in einer festen Papphülle um die Kunstoffbox mit der CD herum, und die ist schön pink mit einem Herzen drauf. Im Booklet malt sich Hinano die Augenbrauen an, isst Spaghetti und trägt dieses Kleid, das aussieht, als wäre es aus deutschen Geschirrspültüchern gemacht, diesen Fummel, den wohl 80 Prozent der Japanerinnen lieben und der doch wahrhaftig an ihnen auch sexy ist. Hinano ist eine Kindfrau. Weil gute Frauen irgendwie niedlich sein müssen, gibt es in Deutschland so wenige.

Sonntag, 9. Oktober 2011

Zen-Lexikon: Aru-Aya


Arutsuratei: Auch Aruhan-tei. Ein gewisser Mann. Siehe Hekiganroku, 37.
Aryô: Auch Geryô. Das eigene Zimmer verlassen, manchmal zur Strafe. „Wenn ihr euch streitet, werdet ihr beide angewiesen, eure Zimmer zu verlassen.“ – Shôbôgenzô Jû-undô-shiki.
Asai: Den Porträts der Buddhas, Patriarchen und hoher Mönche ehrbezeugende Opfergaben darbringen. „Als er von Nan-chüans Tod hörte, betrat Lu-heng den Tempel und brachte dessen Porträt ehrbezeugende Opfergaben dar.“ – Hekiganroku, 12.
Asai-no-seifû: Sich so fühlen wie ein unbeladenes Schiff, das in einer kühlen Brise dahinsegelt. Ein Gleichnis für das Reich des Nirwana. Siehe Hekiganroku, 45.
Ashi: Ein entweder freundlicher oder leicht herabsetzender Beiname für einen Mönch. „Ich denke, dass spätere Opportunisten, die nie vom Dharma gehört hatten, diesen herabwürdigenden Beinamen erfanden.“ – Shôbôgenzô Butsudô.
Ashida (skt. Asita): Ein Wahrsager, der Shâkyamuni ankündigte, in der Zukunft ein großer Heiliger (Buddha) oder Cakravarti-râja zu werden.
Ashi-kuka-o-kissu: Wörtlich: „Ein dummer Kerl isst eine bitter Gurke.“ Dies meint, dass niemand das Reich seiner eigenen Erleuchtung beschreiben kann. Siehe Hekiganroku, 3.
Ashin: Den Buddhas und Patriarchen eine Geldspende darbringen. Siehe Shôkisen, 29.
Ashi-sônyô: Wörtlich „die eigenen Schalen bewegen und Wasser weiterreichen“. Dies bedeutet, dass die eigenen Alltagshandlungen das Erscheinen der Wahrheit sind. „Wir bewegen unsere Schalen und reichen Wasser weiter oder tragen Roben, nehmen unsere Mahlzeiten ein und legen uns hin, wenn wir müde sind – all dies ist friedvolles Leben.“ – Rinzairoku.
Ashi-tokumu: Wörtlich „der Traum eines dummen Mannes“. Dies bedeutet, dass niemand anderen vom Reich der eigenen Erleuchtung erzählen kann. Siehe Ashi-kuka-o-kissu.
Ashô: Vom erhabenen Korridor der Meditations- oder Mönchshalle hinabsteigen. „Der leitende Mönch betritt die Meditationshalle, und die anderen Mönche treten von der Plattform herab.“ – Eihei-gen-zenji-shingi Fushuku-hanpô.
Ashô-shô: Sieben Mal ein Glöckchen läuten, um die Ankunft des leitenden Mönchs zur Mahlzeit in der Meditationshalle anzukündigen, damit die Mönche von der Plattform heruntersteigen.
Ashuku-butsu (skt. Akshobhya-buddha): Der Buddha, der frei von Wut ist. Er soll sein erstes Gelübde unter Vairocana-Buddha abgelegt und nach seinem Erwachen sein Reines Land namens Zenkai im östlichen Paradies geschaffen haben.
Asôgikô (skt. asankya): Unzählige kalpa von Zeit. „Diejenigen, die zahllose üble Handlungen begehen, werden während unzäliger kalpa nicht in der Lage sein, auch nur den Namen der Drei Schätze zu hören.“ – Siehe Shôbôgenzô Kie-buppôsô-hô.
Asui: Auch Ata. Wer? „Mit wem gehst du?“, fragte Yün-yen. – Shôbôgenzô Ganzei.
Atakamo-katsu-ni-nitari: Blind gegenüber dem Dharma sein.
Aya: Vater. „Nur Vater ähnelt Vater.“ – Hekiganroku, 12.

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Zen-Lexikon: Anten-Aro


Anten: Auch Anran. Japanische Hosen; Gamaschen. Siehe Shôkisen.
Antô: Der Platz, an dem der Tisch fürs Sutrenlesen steht. „Du solltest dich nicht an das antô von anderen in der Mönchshalle begeben.“ – Eihei-gen-zenji-shingi Shuryô-shingi.
Antôrai-antôta: In der Dunkelheit begegnet man nur der Dunkelheit. Dort ist nichts als Dunkelheit. „Jenseits des Objektes zu sein bedeutet, dass Leuchten nur Leuchten und Dunkelheit nur Dunkelheit ist.“ – Shôbôgenzô Zazenshin.
Anyakyôjinnyo (skt. Ajnâtakaundinya): Einer der fünf Mönche, der mit Shâkyamuni Askese praktizierte, ihn aber verließ, als dieser die Askese aufgab; nachdem Shâkyamuni Buddhaschaft verwirklicht hatte, begab er sich wieder zu ihm. Ajnâta bedeutet „erleuchtet“.
Anza: Buddha-Bildnisse in einen Schrein stellen. „Beim Verwahren der Buddha-Statue in einem Schrein bitten die Mönche den Zen-Meister um ein paar Worte dazu.“ – Shôkisen, II.
Anzan: Ein niederer Berg, südlich eines Tempels. Siehe Shuzan.
Anzen: Ein anderer Ausdruck fürs Zazen; friedvolles Zazen. „Wir können friedvolles Zazen auch fern von Bergen und Flüssen üben. Im Nicht-Geist können wir ein Feuer als kalt erleben.“ – Hekiganroku, 43.
Anzen: Siehe Anshô-no-zenji.
Anzen-seki: Ein Stein, auf dem ein Patriarch Zazen geübt haben soll. „Da ist ein anzen-seki in den Bergen.“ – Daichi-geju.
Arakajime-kaite-yô-o-matsu: Wörtlich „einen Pickel kratzen, bevor es juckt“. Dies verweist auf das Vorhersehen von Problemen nach dem Tod und soll davor warnen, sich um die Zukunft zu sorgen. – Hekiganroku, 18.
Arakan (skt. Arhat): 1) Ein Heiliger, der die vierte Stufe im Theravada-Buddhismus erlangt; ein Mensch, der Befreiung erlangt hat, indem er Leidenschaft und Ego überwand. 2) Im Zen ein erleuchteter Mönch.
Arakan-ka: Arhatschaft. Das Reich, wo nichts mehr zu lernen ist. Dieses Reich verdient Ehrbezeugung und Opfergaben. „Dies ist Arhatschaft – das Erscheinen des Buddha.“ – Shôbôgenzô Hotsu-mujôshin.
Ararakaran (skt. Ârâdakâlâma): Ein altehrwürdiger Philosoph, den der Buddha zur Wahrheit befragte, kurz nachdem er seine Burg verlassen hatte.
Araya-shiki (skt. âlaya-vijnâna): Wird als „Nicht-Verlust“ übersetzt, weil es ohne Verlust die Samen erhält, die alle befleckten und unbefleckten Dharmas produzieren.
Arennya (skt. aranya): Abgelegene und ruhige Orte wie Tempel, Berge und Wälder. „Er führte ein abgeschiedenes Leben an einem ruhigen Ort, getrennt von seinem Meister.“ – Shôbôgenzô Shizenbiku.
Arokurokuchi: Wörtlich „Räder rollen in ihren Spuren.“ Dies verweist auf freies Handeln und Reden.  Siehe Hekiganroku, 53.