Freitag, 5. Februar 2010

Sei undefinierbar – Ein Brief von Yuanwu Keqin (1063-1135)

 Für Schüler mystischer Weisheiten ist das Erkennen der wahren Natur der Dinge, das Gewahrwerden der wahren Muster und in die Fußstapfen der Buddhas zu treten ihr täglich Speis und Trank.
Du solltest begreifen, dass auf dem Haarknoten (usnîsa) der Buddha-Häupter und erleuchteten Adepten ein wundersamer Zustand der „Veränderung der Knochen“ liegt, der deine Existenz verwandelt. Nur dann kann man konventionelle Kategorien und konfessionelle Grenzen überwinden und wie eine transzendente Person handeln, so dass selbst große Zen-Meister wie Linji und Deshan bei dir keine Hiebe oder Schreie anzuwenden vermögen.
Bleib jederzeit einfach frei und unbetroffen. Zeige niemals irgendwelche raffinierten Tricks – sei wie ein schwerfälliger Dummkopf in einem Dorf mit drei Familien. Dann werden die Götter keinen Weg haben, auf dem sie dir Blumen anbieten können, und die Dämonen und Außenstehenden können dich nicht bespitzeln.
Sei undefinierbar, gib keinerlei auffällige Anzeichen deiner besonderen Kenntnisse preis. Es sollte ganz so sein, als befändest du dich da zwischen Myriaden von Schätzen, die sicher und gut versteckt in einem Schatzhaus verschlossen sind. Beteilige dich an der Arbeit der einfachen Arbeiter, dein Gesicht mit Dreck und Asche beschmiert, ohne dabei etwas zu sagen oder nachzudenken.
Lebe dein gesamtes Leben so, dass niemand etwas über dich herausfinden kann, während dein Geist und Verstand im Reinen sind. Heißt nicht vom Weg erfüllt und ohne jegliche gekünstelte oder erzwungene Maßnahmen zu sein: Da ist eine wirklich unbekümmerte Person?
Unter den erleuchteten Adepten hat die Wahrheit sagen zu können nichts mit der Zunge zu tun, und über den Dharma sprechen zu können nichts mit Worten.
Wir wissen eindeutig, dass man sich auf die Worte der Altvorderen nicht passiv verlassen sollte. Alles was die Altvorderen sagten, hatte lediglich zum Zweck, dass die Menschen die letztgültige Wirklichkeit direkt erleben sollten. Daher ist das Lehren der Sutren wie ein Fingerzeig auf den Mond, und die Sprüche der Zen-Meister sind wie ein Stück Ziegel, mit dem man für gewöhnlich an eine Tür klopft.
Wenn du das erkannt hast, komme zur Ruhe. Wenn du beständig und sorgfältig übst, deine Anwendung umfassend und alles durchdringend ist und du davon über all die Jahre nicht abkommst, dann wirst du in deinen Fähigkeiten reifen, die Lehren zu beherrschen, zusammenzutragen und abzurufen, und du wirst durch Belangloses hindurchschauen und es abschneiden, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Wenn du an den Punkt von Tod und Geburt gelangst, wo alle Fäden zusammenlaufen, wirst du nicht durcheinander geraten. Du wirst ohne Zweifel und unerschütterlich sein, und du wirst befreit, wenn du dieses Leben hinter dir lässt. Das ist das Totenbett-Zen, für den letzten Tag deines Lebens.

[Übersetzt von Susanne König]

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