Mittwoch, 26. November 2014

Weisheiten von Zen-Meistern II: Foxin Bencai und Man-an

Aktuell: Thien Son meint wohl, er sei der neue Thay, noch ehe der alte verbrannt ist, trägt jetzt offenbar ein weißes Totenhemd und macht einen auf Dzogchen. Inwiefern Gebete helfen - wie auf der Startseite von Buddhas Weg empfohlen - werde ich bald noch erörtern. Ich zitiere einstweilen einen Autokinobetreiber: "Da hilft kein Mobilat mehr."

Ich finde, dieses Orange stünde ihm besser, wie sie es in amerikanischen Knästen tragen. Dann wäre er auch optisch dem Punnaratana näher.

***

"Was bedeutet Erwachen? - Den Geist zu verstehen, wie er ist."

Meister Foxin Bencai (11. Jh.):

"Nun kannst du die Dinge wenden, ohne dich von Sinnesorganen und Objekten entfremdet zu fühlen. Du nimmst auf, was zur Hand ist, und wechselst die Rollen von Gastgeber und Gast. Das Auge des Universums ist klar, Gegenwart und Vergangenheit sind erneuert. Die spirituelle Fähigkeit direkter Wahrnehmung wird erlangt. Darum sagte Vimalakirti: 'Ein aktives Leben zu führen, ohne aus dem Versenktsein im Erlöschen [des wertenden Denkens] aufzutauchen, dies wird stilles Sitzen genannt.'"


Meister Man-an (17. Jh.):

"Selbst wenn du spirituelles Licht erzeugen und die Atmosphäre verändern kannst, selbst wenn du Geister und wilde Tiere bezähmst und im Sitzen oder Stehen sterben kannst, ja selbst wenn du tugendhaft genug bist,  Königen und Fürsten ein Lehrer zu sein und ein wiedergeborener Buddha genannt wirst - solange du nicht Reichtum, Wollust, Ruhmsucht und Gewinnstreben aufgibst, kannst du kaum als einer betrachtet werden, der die wahre Achtsamkeit aufrechterhält."

"Diese rechte Achtsamkeit bedeutet, an nichts zu denken. Konzentration heißt, keine geistigen Bilder zu ersinnen. Zen-Meister Dôgen sagte: 'An das zu denken, was nicht denkt, ist die wesentliche Art der Sitzmeditation.'"

"Du solltest am Wundersamen nicht anhaften."

"Was immer du tust, stelle mit ganzem Herzen den inneren Meister in Frage, der wahrnimmt, begreift und fühlt."

"Die Konzentration der rechten Achtsamkeit sollte inmitten von Aktivitäten geübt werden. Es ist nicht nötig, die Stille vorzuziehen. Es gibt eine Neigung, die Zenübung unter Bedingungen der Zurückgezogenheit für effektiver zu erachten, doch die Kraft, die daraus erwächst, ist ungewiss in Bezug auf Alltagssituationen; es steckt etwas Feiges und Schwaches darin. Wie kann man dies Ermächtigung nennen?
   Die Konzentration rechter Achtsamkeit ist ein Zustand des Verschmelzens, rund um die Uhr, ohne dass sich einer dessen bewusst ist. Die Arbeit erschöpft dich nicht, und auch wenn du alleine bist, wird dir nicht langweilig. (...)
   Darum sollen die Schüler des Mystischen den Weg inmitten der materiellen Welt praktizieren. 
   Der dritte Patriarch sagte: 'Wenn du den Weg der Einheit gehen willst, wende dich nicht von den Objekten der sechs Sinnesorgane ab.' (...) - d.h. die Sinnesobjekte im Alltag weder ergreifen noch ablehnen, wie eine Ente, die ins Wasser geht, ohne sich die Federn nass zu machen.
   Wenn du klar die Essenz erkennst, dann sind die Sinnesobjekte selbst Meditation, sinnliche Begierden sind selbst der Weg der Einheit und alle Dinge sind Manifestationen der Wirklichkeit. Die große Zen-Festigkeit erlangend, die weder von Bewegung noch von Stille geteilt ist, sind Körper und Geist befreit und erleichtert."

"Der dritte Zen-Patriarch sagte: 'Wenn du versuchst, die Bewegung anzuhalten und in der Stille zu verweilen, dann wird dieses Anhalten noch mehr Bewegung erzeugen.' Wenn du versuchst, wahre Soheit durch das Auslöschen zufälliger Gedanken zu erlangen, dann schlägst du nur auf deinen Lebensgeist ein, minderst deine geistige Kraft und wirst krank - du wirst abgelenkt und in eine Grube von Verwirrung fallen.
   Die beiden Methoden des Erlöschens und Beobachtens ("cessation and observation") solltest du zur Disziplin, Konzentration und Einsicht anwenden. Erlöschen ist Zen-Konzentration, Beobachen ist Einsicht. Beim Erlöschen sind Geist, Intellekt, Bewusstsein inaktiv, verhindern jedes Fehlverhalten und schneiden die Wurzel unbewusster Zwänge ab - da gibt es kein Übertreten der Regeln, ob großer oder kleiner. Beim Beobachten besteht kein Anhaften an Verhaltensweisen, alle Gedanken vom Selbst und den Dingen sind entleert, Hindernisse durch Gewohnheiten sind beseitigt, das spirituelle Licht des essentiellen Selbst scheint überall, innen wie außen.
   Es gibt kein Erlöschen ohne Beobachten und kein Beobachten ohne Erlöschen. Indem die beiden Wahrheiten der Leere und des bedingten Entstehens verbunden sind, ist die tiefe Wahrheit des Mittleren Weges begründet."

"Wenn wir die Welt betrachten, so gehen mehr Menschen an irrigen Gedanken zugrunde als an Krankheiten."

"Wenn du einfach furchtlos mit konzentrierter Achtsamkeit ins Leben eintauchst, dann wandeln sich Schmerz und irrige Ansichten zu einer Masse an tatkräftigem Geist und werden zur einheitlichen Arbeit auf dem Weg."

"Selbst wenn großes Erwachen geschehen und der Körper der Wirklichkeit begriffen ist, wird der Buddha-Weg nicht manifest, solange du von Übung und Erleuchtung beschmutzt bist. Du solltest verstehen, dass es etwas gibt, was jenseits des Jenseitigen ist."

"Es ist wichtig zu wissen, dass es jenseits des Erlangens noch Übung gibt und der Weg des lebendigen Zen durch versteckte Praxis und geheimes Anwenden zu erhalten ist."


(Mönchsprozession in Pattaya, Foto: Keller)

Mittwoch, 19. November 2014

Best of Pai-chang (Hui-hai)

 (Aktueller Hinweis: Ajanta - älteste buddhistische Gemälde restauriert)

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Pai-chang Hui-hai (720-814), dem man nach seinem Tod den Ruf als Reformer des Klosterlebens andichtete, glaubte einige seltsame Dinge, z. B. dass die Verachtung anderer, die man erntet, die karmischen Wirkungen eigenen Fehlverhaltens aufheben könne. Auch auf Jäger und Fischer sah er ein wenig herab. Dies und die Tatsache, dass sich im Laufe meiner Übersetzungen viele Themen in den Schriften von verstorbenen Zenmeistern der vergangenen Jahrhunderte wiederholten, führte dazu, dass ich zuletzt einige nur noch selektiv ins Deutsche übertrug. Hier also nun bemerkenswerte Einsichten von Pai-chang, dessen Klassiker "Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen" von mir vor 16 Jahren über die Todesanzeige meines Vaters gesetzt wurde, der ebenfalls ein Schaffer war.

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"Was Gier und Abneigung genannt wird, wenn einer noch nicht erwacht und nicht befreit ist, das heißt erleuchtete Weisheit nach dem Erwachen. Darum sagt man: 'Er ist von dem Mensch, der er vorher war, nicht verschieden, doch sein Handeln ist anders ausgerichtet.'"

"Wenn der Geist nicht getrübt ist, dann gibt es keinen Grund, Buddha, Erleuchtung oder das Verlöschen des Leidens zu suchen."

"Das Nirwana-Sutra spricht von drei üblen Begierden: die erste ist die Begierde, von Mönchen, Nonnen und anderen Anhängern umgeben zu sein; die zweite die Begierde, jeden Menschen zu seinem Anhänger machen zu wollen; die dritte die Begierde, bei jedermann als Weiser und Heiliger bekannt zu sein."

"Wenn du den Buddha oder Erleuchtung suchst, ja, irgendetwas Existentes oder Nicht-Existentes, dann nennt man das: Scheiße hinein- und nicht hinaustragen!"

"Andere retten heißt: weder Buddhas noch Bodhisattvas lieben noch von der Gier nach irgendetwas Existentem oder Nicht-Existentem getrieben werden."

"Wenn man tief in sich überhaupt nichts sucht und überhaupt nichts erlangt, dann kann man ein großer Spender genannt werden."

"Am wichtigsten ist, zwei Augen zu haben und die Angelegenheiten beider Seiten zu durchleuchten. Die Göttin des Reichtums und das Mädchen der Dunkelheit begleiten einander, ein weiser Gastgeber lässt keine von beiden ein."

"Manjushri sagte: 'Der Geist ist wie leerer Raum, darum kann respektvoller Gehorsam sich auf nichts beziehen, die tiefgründigste Schrift weder gehört noch angenommen noch erhalten werden.'"

"Ein Buddha ist von fühlenden Wesen nur insofern verschieden, als er frei ist, zu gehen oder zu bleiben. Von Buddha-Feld zu Buddha-Feld zu gehen ist die ständige Übung der Erwachten."

"All die zahlreichen Dinge haben nie von sich aus von Leere gesprochen, von Form, von richtig und falsch, Beschmutzung oder Reinheit."

"Ein Buddha ist einer, der nicht sucht. Suche dies, und du wendest dich ab. Das Prinzip ist das des Nicht-Suchens. Suche es, und du verlierst es. Wenn du aber am Nicht-Suchen hängst, ist das genau wie Suchen; hängst du am Nicht-Tun, ist das wie Tun."

"Frage: 'Die Asketen von heute, die die Gebote empfingen, sind rein in Körper und Rede. Erlangen sie Befreiung oder nicht?'
   Pai-chang sagte: 'Ein klein wenig Befreiung. Doch sie haben noch nicht die Befreiung des Geistes und die Befreiung an allen Orten erlangt.'
   Frage: 'Was ist diese Befreiung des Geistes und an allen Orten?'
   Pai-chang erwiderte: 'Suche nicht nach Buddha, suche nicht nach Dhamma, suche nicht nach der Sangha. Suche keine Tugend, kein Wissen, kein intellektuelles Verständnis usw. Wenn die Gefühle von Beschmutzung und Reinheit beendet sind, hänge dich dennoch nicht ans Nicht-Suchen, halte dich nicht an einem Endpunkt auf, sehne dich nicht nach dem Paradies und fürchte die Hölle nicht. Wenn du sowohl von Fesselung wie Freiheit unbehindert bist, dann wird das die Befreiung von Körper und Geist an allen Orten genannt. 
   Du solltest nicht behaupten, ein wenig Disziplin zu haben, oder Reinheit von Körper, Rede und Geist, und das für hinreichend halten. Weißt du nicht, dass die unzähligen Tore von Disziplin, Konzentration, Weisheit und unnachgiebiger Befreiung nie auch nur mit einem einzigen Haar in Verbindung gebracht wurden?"

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"Weise suchen beim Geist, nicht beim Buddha. Narren suchen beim Buddha, nicht beim Geist."

"Frage: 'Mit welchen Mitteln kann man das Tor unserer Schule durchschreiten?'
   Pai-chang: "Durch dana paramita; dana bedeutet Verzicht: Verzicht auf den Dualismus der Gegenteile.'"

"Frage: 'Das Mahaparinirvana-Sutra sagt: 'Ein Übermaß an Versenkung (dhyana/ting) über Weisheit (hui) verschafft keinen Ausweg aus ursprünglicher Unwissenheit (avidya), während ein Übermaß an Weisheit über Versenkung dazu führt, dass man falsche Ansichten anhäuft. Wenn Meditation und Weisheit ausgewogen sind, sprechen wir von 'Befreiung'. Was ist damit gemeint?'
   Pai-chang: 'Weisheit meint die Fähigkeit, alle Arten von Gut und Böse zu unterscheiden. Versenkung bedeutet, in diesem Unterscheiden gänzlich unberührt von Zu- oder Abneigung zu sein. (...) Leer zu sein heißt frei von Anhaften zu sein, und diese Losgelöstheit macht das gleichzeitige Wirken von Weisheit und Versenkung möglich.'" 

"Die Buddha-Gebote beinhalten die vollständige Reinheit des Geistes. Wenn jemand diese Übung der Reinheit unternimmt und völlig unbewegt von sinnlichen Eindrücken bleibt, dann ist er ein Mensch, der die Buddha-Gebote einhält."

"Frage: 'Was ist die Meisterschaft im Lehren, aber nicht in der Übertragung?'
   Pai-chang: 'Sie bezieht sich auf Worte, die nicht mit Taten übereinstimmen.'
   Frage: 'Und was ist die Meisterschaft in der Übertragung und im Lehren?'
   Pai-chang: 'Sie beschreibt Menschen, deren Worte von ihren Taten bestätigt werden.'"

"Frage: 'Was ist mit dem Erreichbaren, das noch nicht erreicht wurde, gemeint, und was mit dem 'erreichten Unerreichbaren'?'
   Pai-chang: 'Mit dem Erreihbaren, das noch nicht erreicht wurde, ist die Rede gemeint, die nicht von Taten gestützt wird. Mit dem 'erreichten Unerreichbaren' sind Taten gemeint, die die Rede nicht wiedergeben kann. Erlangen Rede und Taten das Ziel, ist dies 'vollständiges Erreichen' oder 'doppeltes Erreichen'."

"Frage: 'Was bedeutet 'Der Buddha-Dharma löscht weder das Weltliche (yu wei) aus noch versinkt er im Morast des Transzendenten (wu wei)?'
   Pai-chang: 'Der erste Ausdruck bedeutet, dass der Buddha nie ein Phänomen ablehnte, vom Anfang seiner Suche bis zum Erwachen unter dem Bodhi-Baum und seinem Eintritt ins Parinirwana unter den Sala-Bäumen. Dies ist das 'Nichtauslöschen des Weltlichen'. Der zweite Ausdruck besagt, dass er trotz der Abwesenheit von Gedanken dies nie als Erlangen ansah, dass er trotz des Erreichens immaterieller und nichtaktiver Weisheit und des Nirwana diese Zustände nie als Errungenschaft betrachtete. Das ist gemeint mit 'nicht im Morast des Transzendenten versinken'."

"Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Berühren sind die fünf Stadien des Bewusstseins, die vervollkommnende Weisheit darstellen. Der Intellekt ist das sechste Stadium des Bewusstseins und wird zu tiefgründiger beobachtender Weisheit. Unterscheidende Achtsamkeit, das siebte Stadium des Bewusstseins, wird zu universeller Weisheit. Das Speicherbewusstsein (alaya) als achtes Bewusstsein wird zur großen Spiegelweisheit."

"Reinheit gilt für einen Geist, der bei nichts verweilt. Dies ohne das Auftauchen irgendeines Gedankens an Reinheit zu erlangen, wird 'Abwesenheit von Reinheit' genannt. Gleichzeitig bedeutet dieses Erlangen ohne einen Gedanken daran, frei von dieser Abwesenheit von Reinheit zu sein."

"Wie kann Parinirwana erreicht werden? Indem man alle samsarischen Handlungen meidet. Welche sind das? Zum Beispiel nach Nirwana zu suchen oder sich an Reinheit zu hängen, seine Erleuchtung und Erweise davon zu hegen und Regeln wie Gebote nicht abwerfen zu können."

"Wir sind noch nicht gestorben, was macht es da für einen Sinn, Wiedergeburt zu diskutieren?"

"In einem Sutra heißt es, der wahre Dharmakaya der Buddhas ist wie Leere: Er offenbart sich in
Antwort auf die Bedürfnisse der Lebewesen, wie der Mond im Wasser gespiegelt wird. (...) Wer seine eigene Natur erfahren hat, wird richtig liegen, ob er solche Dinge nun als Weisheit oder Dharmakaya bezeichnet oder nicht, denn er wird dessen Wirkung entsprechend den Umständen entfalten, ohne von dualistischen Konzepten von richtig und falsch behindert zu werden."

"Frage: 'Glaubst du, dass unbelebte Dinge Buddhas sind?'
   Pai-chang: 'Nein. Wären unbelebte Dinge Buddhas, dann könnte ein lebender Mensch einem toten unterlegen sein.'"

"Buddhaschaft kann nur durch den Geist verwirklicht werden."

"Das, was wahrnimmt, ist unsere eigene Natur. Ohne sie könnte keine Wahrnehmung geschehen."

"Frage: 'Enthält unsere eigene Natur Böses?'
   Pai-chang: 'Sie enthält nicht einmal Gutes.'
   Frage: 'Wenn das so ist, wie sollten wir sie ausrichten, wenn wir sie anwenden?'
   Pai-chang: 'Sich einzubilden, sie anwenden zu können, ist ein großer Irrtum.'
   Frage: 'Was sollen wir dann tun, um recht zu handeln?'
   Pai-chang: 'Es gibt nichts zu tun und nichts, was recht genannt werden kann.'"

"Sutren sind Schriften in einer bestimmten Anordnung. Wenn ich spreche, dann benutze ich bedeutungsvolle Worte, die keine Schriften sind. Die meisten Menschen verwenden beim Sprechen Worte aus den Schriften, doch die sind bedeutungslos. Um wirkliche Bedeutung zu erlangen, sollten wir über unstetige Worte hinausgehen. Der Dharma ist jenseits von Worten, Reden und Schriften. Darum vergessen all diejenigen, die nach Erleuchtung streben, das Benennen, sobald sie die wahre Bedeutung erfasst haben. Zur Wirklichkeit erwacht, werfen sie die Doktrin fort, so wie ein Fischer seinem Netz keine Aufmerksamkeit mehr schenkt, sobald er Fische gefangen hat, oder ein Jäger seine Falle vergisst, nachdem der Hase sich darin verfangen hat."

[Literaturempfehlungen] 
John Blofeld: Zen Teaching of Instantaneous Awakening (Buddhist Publishing Group 1995)
Thomas Cleary: Sayings and Doings of Pai-chang (Zen Center of Los Angeles 1978).

[Abb. Pai-chang: studysutra.org]

Mittwoch, 12. November 2014

Die kriminellen Aktivitäten von [Hilfs-]Organisationen (II): The Circle

--- AKTUELL: Bitte esst eine Weile so viel Fleisch wie möglich und sendet dessen ganze Heilkraft Richtung Bordeaux! ---
Ich erkläre in Kürze, warum ...


In den vergangenen Monaten wurde allüberall ein Roman von Dave Eggers rezensiert, das Feuilleton der F.A.Z. widmete sich in einer Wochenendausgabe sogar fast ausschließlich The Circle. Ich bin auf Eggers durch seinen interessanten und zeitkritischen Roman Zeitoun aufmerksam geworden, wo im Zuge der Panik nach den historischen Verwüstungen des Wirbelsturms Katrina in New Orleans ein hilfsbereiter Muslim in die paranoiden Fänge der US-Ordnungshüter gerät. Einen Kurzgeschichtenband von Eggers fand ich dagegen überraschend schwach. Der Autor ist sehr umtriebig, u. a. Verleger und Initiator mehrerer sozial engagierter Einrichtungen und lässt z. B. in Tondokumenten die Zeugenaussagen Gefolterter archivieren.

   In The Circle denkt sich Eggers nun ein paar interessante Dinge aus, die teils gar keine Zukunftsmusik mehr sind, etwa einen implantierten Chip "child tracker", damit keine Kinder mehr verloren gehen, einen "anger detector", um häusliche Gewalt im Frühstadium unterbinden zu können, oder Umfragen mittels digitaler Medien, bei denen über den Einsatz von Drohnen gegen Terroristen zu entscheiden wäre. In einem Interview erweist sich Eggers dann jedoch weniger als Realsatiriker denn als konservativer Furchtengel. Seine Forderung nach Regeln für unsere digitale Welt klingt nämlich nicht nur nach einer Kritik an der zunehmenden Macht datenmonopolisierender Unternehmen wie Google und Facebook, sondern auch nach einer unterstellten Unfähigkeit des Einzelnen, mit diesen Entwicklungen frei genug umgehen zu können.
   Ich vermute: Noch ein paar Skandale in der Art psychologischer Experimente, wie sie Facebook heimlich mit Usern veranstaltete, und der Laden kann dicht machen, ganz zu schweigen von der zu erwartenden Entwicklung neuer und besserer Plattformen zur Kommunikation. Übersehen wird von den Kritikern, das sie den Hype um eigentlich inhaltsleere Unternehmen, die außer potentiellen Werbekunden, unzuverlässigen persönlichen Daten, einer Menge Karteileichen und ein bisschen Software nicht viel Greifbares an Waren- und Sachbestand haben, noch fördern, wenn sie etwas voraussetzen, was es gar nicht gibt: Nämlich die totale Vernetzung des Einzelnen. Ich habe kürzlich bei Google + reingeschaut, wo ich lange nur angemeldet war, sonst nichts, und festgestellt, dass über die Personensuche nach ehemaligen Klassenkameraden - auch nach solchen, die leitende Positionen bei großen Unternehmen begleiten (wie ich aus Klassentreffen weiß) - nicht einmal 5 % der Gesuchten dort zu finden sind. Bei Facebook sind es nur ein paar mehr. Es ist also peinlich, wenn Kritiker wie Eggers auf die Marketinglügen der Zuckerbergs und Co. hereinfallen und so noch deren übertriebene Börsenbewertungen stützen.
   Auch wenn das grundsätzliche Problem des Ausspionierens privater Angelegenheiten bestehen bleibt, wie sie etwa Google durch Scannen von an emails angehängten Dateien praktiziert und damit die staatliche Gewaltenteilung untergräbt - also Polizei spielt und die Errungenschaften der Demokratie aushöhlt -, so gibt es doch die andere Seite all derer, die frohgemut aller Welt mitteilen wollen, wo sie sich jeweils gerade aufhalten, wie ihre Kinder sich prächtig entwickeln und was sie so auf dem Teller haben (ich habe kürzlich entgeistert Chinesen beim Fotografieren ihres Essens in einem Restaurant beobachtet, es vergingen Minuten, bis sie endlich anfingen, sich dem Essen mit ihrem Mund zu widmen, und dann ließen sie noch die Hälfte stehen). Eggers unterstreicht nicht genug, dass wir unsere Profile im Netz selbst manipulieren und Tschüss sagen können, so dass die von uns gelieferten Daten nur noch Vergangenheit abbilden. Hat man erst eine Menge Arbeit in ein Projekt gesteckt, wie ich hier in diesen Google-Blog, ist die Trennung nicht so einfach. Yahoo verwende ich ebenfalls, das schon vor knapp zehn Jahren chinesische Journalisten ans Messer lieferte. Dazu kommen andere zu den Großkonzernen gehörende Produkte und Seiten wie der Chrome-Browser, Youtube, Daily Deal oder Google Earth.  Mit Vergnügen und Interesse sehe ich Googles Engagement in den Bereichen Hybridauto und Künstliche Intelligenz entgegen. Noch ist der Nutzen größer als der Schaden.
   Es ist nicht damit getan zu sagen, man habe nichts zu verbergen. Ich halte jedwede Form von Stalkerei und Schnüffelei für einen Vertrauens- und ggf. auch Rechtsbruch (die Verletzung des Briefgeheimnisses ist bei uns sicher einer). Die Quittung werden Unternehmen wie Google m. E. schon bald in Form von Schadensersatzklagen und Strafverfahren zumindest derjenigen User bekommen, die zu Unrecht in Schwierigkeiten gebracht wurden. Eine email zu viel und falsch gescannt kann dann in den USA gleich bedeuten, dass ein paar Millionen fällig werden und der Aktienkurs schwächelt. Als Gegenbewegung werden Mitarbeiter der Datenmonopolisten für die "andere Seite" arbeiten und die Unternehmen unterwandern, wir werden noch mehr Whistleblower sehen, das wird vielleicht der Job der Zukunft.

Ich hatte diesen Beitrag ursprünglich mit dem Namen Eggers und seinem Buchtitel überschrieben. Da fiel mir ein, dass ich einst als Nachschlag über die unmoralische Stalkerei von Hilfsorganisationen - die derjenigen der Datenmonopolisten sehr ähnlich ist und zugleich den Eindruck erwecken will, sie würde Regelbrüchen im Netz Einhalt gebieten wollen - noch ein paar Worte über eine jüngere Aktion von terre des hommes verlieren wollte. Denn auch diese NGO spielt gern Polizei, Big Brother und Gesinnungsschnüffler und hat sich hierzu ein Gebiet auserkoren, bei dem ihr der Beifall der Massen sicher ist. So erfand sie, unter der Rädelsführerschaft ihres Projektleiters Hans Guyt, das virtuelle Mädchen "Sweetie", das sich im Internet Usern für sexuelle Spielchen anbot. Guyt soll dann stolz die Daten von eintausend mutmaßlichen Pädosexuellen, die darauf ansprangen, der Staatsanwaltschaft übergeben haben. Inzwischen ist klar, dass die Sache schon deshalb ein Schuss in den Ofen wird, weil jeder der Betroffenen sich darauf herausreden kann, sich bewusst und nur im Spaß mit einer ganz offensichtlich virtuellen Figur eingelassen zu haben. Die Aktion war also dümmer, als die Polizei erlaubt, sollte man meinen.
   Guyt hat wie so viele selbst ernannte Kinderschützer hier wohl seinen Wunsch zum Vater der Gedanken werden lassen, dass auch jede nur scheinbare oder nicht-reale sexuell-erotische Verwicklung mit einer Kindgleichen strafbar sein müsse. Entsprechende Bemühungen gibt es von den einschlägigen Hilfsorganisationen natürlich seit Jahren weltweit, sie gehen inzwischen sogar so weit, dass der Sex mit mündigen und erwachsenen Frauen, die wie Kinder aussehen oder sich so zurechtmachen, bestraft werden soll. Auf der Microstock-Plattform des Foto-Anbieters Shutterstock steht in den Bedingungen für erotische Modell-Aufnahmen, dass die Abgebildeten mindestens wie 25 Jahre (!) aussehen (!!) müssten. Dort zieht die US-Sexualparanoia weiter ihre Kreise.
   Wie besessen ein Hans Guyt ist, zeigt sich ab der 34. Minute in folgendem Video, wenn man seine Gestik und Mimik nach kritischen Fragen studiert. Es sollte bedacht werden, dass man nicht zufällig "Sweetie" wie ein philippinisches Mädchen gestaltete, nicht etwa wie eine Deutsche, da die Hilfsorganisationen selbst ja immer wieder die Gefahr des Online-Sexes in unterentwickelten Ländern aufbauschen. Sie bedienen hier also ihre eigene Strategie, denn die Zahlen ihrer Opfer sind seit jeher so virtuell (unrealistisch) wie "Sweetie" selbst. Psychologisch handelt es sich für mich auch um Abwehrhandlungen einiger der Aktivisten gegenüber eigenen unbewältigten sexuellen Gelüsten.
   Ich habe als Jugendlicher einmal für terre des hommes gespendet, dann in den Folgejahren so viele farbige Prospekte bekommen, dass meine Spende allein dafür draufgegangen sein dürfte. Heute sehe ich mich darin bestätigt, mein überzähliges Geld lieber Menschen anzuvertrauen, die ich persönlich kenne. Wenn Dave Eggers sich Regeln wünscht, um die Macht der Großkonzerne einzudämmen, dann wünsche ich mir, dass auch die "Kleinen" - wie verwirrte Kinderaktivisten - gemäßigt und für ihre Heucheleien zur Rechenschaft gezogen werden. Ich bin davon überzeugt, dass selbst ernannte und stalkende Sittenwächter nicht nur für Google und Facebook arbeiten.
    Leider hat diese Hysterie ein Ausmaß erreicht, in dem sich auch Politiker wie Bundesjustizminister Heiko Maas zu einem "Plantschbecken-Gesetz" herabwürdigen, um sich unliebsamer Genossen wie Edathy zu entledigen und der pöbelnden Masse Stimmen abzuringen. Nur ein kleiner Teil des Gesetzes macht Sinn, für den anderen gilt: "Das ist Prüderie in Paragrafenform", wie es Professor Prantl in der SZ ausdrückte. Menschen, die ihrer eigenen Dämonen nicht Herr werden und keinen klaren Kopf bewahren, wenn es um die Einschätzung menschlicher Sexualität geht, haben schon häufig mit ihren Wahnfantasien Gesellschaften infiziert. Das Maas aller Dinge scheint nun zu sein, vorbeugend ins Denken der Bürger einzugreifen und durch den Entzug kindlicher Nacktheit potentiell "bösem" Gedankengut den Nährboden zu entziehen. [...]

[Maas musste zwischenzeitlich seinen Gesetzesentwurf entscheidend abschwächen, der diese Woche noch vom Bundestag zu beschließen ist. Ich habe darum die bereits vor Wochen verfassten zynischen Anwürfe an ihn gelöscht, werde ihm aber künftig misstrauen.]

Schon Laotse wusste: "Je mehr Tabus es gibt, desto ärmer wird der Geist der Menschen." Oder noch klarer: "Will die Regierung alles kontrollieren, werden die Menschen verschlagen."





Mittwoch, 5. November 2014

Sam Harris oder:
Warum man sich dem "Bösen" in sich stellen muss

"Menschen, die nicht inmitten des Bösen das Anhalten und Sehen praktizieren können, 
empfiehlt der Buddha die Tugend als den Weg." (Chih-i)

Theravada-Spezialist Hans Gruber beschäftigte sich kürzlich recht begeistert mit Sam Harris, einem Vertreter des "Neuen Atheismus", der seine Kritik besonders am Islam festmacht und mit mir einige Ansichten teilt, etwa die, dass man keine Religion benötigt, um moralisch gefestigt leben zu können. Harris ist einer, der sich nicht durch Denkverbote einschränken lässt, und so kommt er darauf, dass die Folter eines Menschen, von dem man Informationen zum Schutze vieler bekommen könnte, nicht unmoralischer sein kann als das Auslöschen von Massen durch eine Bombe. Harris' Sprache ist klar, seine Logik überzeugend. Da seine Positionen aber im Einzelfall reaktionärer Politik dienen können, wird er von den (linken) "Spekulativen Non-Buddhisten" nur ungern herangezogen. Dabei teilen sie die Forderung, auch Spiritualität und Meditation radikal wissenschaftlicher Untersuchung zu unterziehen. Harris selbst praktiziert und empfiehlt Vipassana. In seinem Blog findet man Veranstaltungstitel wie "Aufwachen mit Sam Harris", was ja nicht weit von "Erwachen mit Buddha" entfernt ist. Wenn einer allerdings zu aalglatt sein Programm runterspult, werde ich skeptisch. Im Folgenden meine [hier leicht ergänzten] Kommentare an Gruber, die bei ihm nicht veröffentlicht wurden.

"Auch ich möchte an eine Neubesinnung des Buddhismus glauben, aber nicht ans Vipassana. Es wurde doch viele Jahrhunderte in Ländern praktiziert, in denen es den diktatorischen Regimen (wie in Myanmar) nicht viel entgegenzusetzen hatte. Vipassana ist zu selbstbezogen. Wir sollten uns eher die Mahaparinibbana-Sutta anschauen, wo Buddha nicht konkret zur Frage des Angriffskrieges ablehnend Stellung bezieht. Daraus könnten wir folgern, dass wir unsere eigene Antwort bitteschön zu finden haben, und vielleicht lautet die hier: Terroristen angreifen.

Eine Meditationsmethode, die modernen Konflikten dieser Art gewachsen sein will, die müsste vor allem eins erreichen – dass ich mich möglichst gut in den anderen hineinversetzen kann. Ich vermag mir dann vorzustellen, WARUM er jemanden vierteilt. Ich kann das nachempfinden. Ich beginne ihn zu verstehen. Dann erst suche ich nach angemessenen Lösungen. Es genügt nur dann, mich selbst zu verstehen, wenn ich in mir wirklich diese Anteile einer “Bösartigkeit” annehme, wenn ich sie mit dem Terroristen teile, wenn ich weiß: "Du bist auch ich. Ich bin auch Du." Wenn ich das von mir weise, dann werde ich wohl die rechten oder geschickten Mittel nicht finden, mit ihm klarzukommen bzw. ihn in Schranken zu verweisen. Es muss zuerst eine Ehrlichkeit herrschen, die ich bei vielen Buddhisten nicht sehe: "Auch ich habe Grausamkeit in mir!" Und dann frage ich: Warum kann ich sie beherrschen und der andere nicht? Und aus dieser Erkenntnis muss ein unmittelbarer und effektiver Handlungswille entstehen, wie er sich in manchen Vipassana-Hoheitsgebieten in Revolten hätte ausdrücken müssen, die aber gar zu spärlich blieben.

Ihrem Text “Dharma gegenüber Buddhismus” kann ich leider so auch nicht zustimmen. Sie reden vom Gewaltpotential mancher Textstellen im Neuen Testament, übersehen aber die Höllen- und niederen Reinkarnationsdrohungen Buddhas im Palikanon. Ich könnte ihnen am Duktus einiger Lehrer aufzeigen, dass diese übernommen werden, um so Schüler zu gängeln und zu manipulieren. Dazu zählt ja gerade auch der Hinweis auf einen Moralkodex, dessen Verletzung zu gewissen Folgen führe. Insofern verstehe ich nicht, wie Sam Harris aus dieser Nummer herauskommen will. Nicht nur ist die Vipassana-Meditation in einen buddhistischen Kontext eingebettet, ob er das will oder nicht. Voraussetzung ist z.B. bei Goenka die Vorstellung, dass etwas komme und gehe und als Kommendes und Gehendes beobachtet wird. Tatsächlich könnte man aber behaupten, das dieses Beobachtete gar nicht vergänglich ist, so lange man es selbst beobachtet und so lange man lebt, inbesondere die Atmung und der Herzschlag - wäre es in seiner Natur "wahrheitsgemäß" als vergänglich erfasst, müsste man zur Bestätigung erst mal tot sein! Im Grunde wird also eine falsche Sicht auf die Dinge - die von ihrer reinen Gegenwärtigkeit getrennt ist und die zeitliche Abfolge betont - zur Grundlage einer Übung gemacht, die "rechtes" Erkennen bewirken soll. Es gibt hier folglich gedankliche Prämissen, und die werden noch akzentuierter, wenn man, wie Harris, die Harmonie mit einer ethischen Motivation sucht. Schon die Grundannahme, es ginge darum, das Leiden zu überwinden, könnte ja falsch sein und müsste von einem redlichen Intellektuellen eigentlich auf den Prüfstand gestellt werden.

Man sollte die Sache einmal pragmatischer angehen. Im Moment ist nicht zu erkennen, dass das Christentum als Monotheismus weltweit mehr Gewalt anwendet als der Buddhismus (siehe den Umgang mit Rohingya). Es geht eher darum, ob der Monotheismus eine Aufklärung durchmachte oder nicht, und das Gleiche gilt für den Buddhismus. Der tibetische Buddhismus hat sie noch nicht bewältigt, da der Dalai Lama sich noch immer politisch einspannen lässt und die Trennung von Religion und Staat nicht überzeugend vollzogen ist, vor allem in der Volkserwartung nicht. Noch in der jüngeren Vergangenheit wurden in Tibet teils grausame Strafen verhängt. Die Tatsache, dass sich Tibeter selbst verbrennen und nicht andere in die Luft jagen, ist ihrer Textinterpretation und -treue zu verdanken, sie wollen nicht in Widerspruch zum Gelehrten geraten. Für muslimische Attentäter ist es möglich, den Dschihad im Koran [faschistisch auszulegen, Buddhisten müssten dafür schon die wenigen Textstellen zum icchantica manipulieren, um sich in Kriegsstimmung zu rechtfertigen.] Die Tibeter wollen ja auch keinen weltweiten tibetischen Staat, der nach ihrem Rechtsssystem funktioniert, es fehlt die Motivation der Scharia-Anhänger."

Interessanter ist, sich mit Harris' zentraler Arbeit als Neurologe auseinanderzusetzen. Auch Harris kam durch die Untersuchung neuronaler Entsprechungen von Überzeugungen - mithilfe der Magnetresonanztomografie - zum Schluss, dass Entscheidungen schon Nanosekunden vor dem Zeitpunkt gefallen sind, wo wir uns deren bewusst werden. Aus dieser Entdeckung in der Hirnforschung wurde in der jüngeren Vergangenheit oft abgeleitet, dass unsere Freiheit nur eingebildet sei, und es wurde neu verhandelt, inwiefern wir eigentlich für unser Verhalten verantwortlich gemacht werden können. Ich erinnere mich, dass ich einmal von einer jüngeren Verlagsmitarbeiterin darauf angesprochen wurde, die offensichtlich von dieser Erkenntnis etwas irritiert war. Mir fiel es schwer, das nachzuvollziehen. In der Folge wurde mir klar, warum.

"Was ist ein Wort, bevor es ausgesprochen wurde?" - 
"Ich habe dir in dem Augenblick, bevor du die Frage stelltest, geantwortet." 

(Hsiang-yen Chih-hsien, gest. 898)

Durch die Zenübung ist es m.E. möglich, dieses Wissen, dass vor Eintritt ins übliche Bewusstsein ein Impuls bereits gesendet ist, zu erwerben. Mich überrascht es nicht, dass ich nur eine bestimmte Entscheidung wahrnehme, da sie vorher aus einer breiten Palette von Möglichkeiten entstand. Im Augenblick des Bewusstwerdens ist auch klar, dass der Rest der Palette liegengelassen wurde. Ein Wissenschaftler sollte sich um das Auffinden dieser Palette bemühen, also nicht nur feststellen, wo das neuronale Korrelat einer bestimmten Entscheidung oder Handlung ist, sondern auch, wo die Korrelate der Nicht-Entscheidung und des Nicht-Handelns verbleiben. Dieses "Vor-"Bewusstsein ist dem Buddhismus schon lange bekannt, darum habe ich auch kein Problem damit, mich als frei anzusehen, wenn mein gewöhnliches Bewusstsein erkenntnismäßig hinterherhinkt. In der meditativen Einsichtsübung des Buddhismus ist dieses Bewusstsein skandha, es ist nicht ich, und ich mache mich gewissermaßen auf die Suche (selbst wenn ich das gar nicht plane) nach einem Urbewusstsein, aus dem sich die neuronalen Korrelate speisen könnten. Ist mein Hirn tot, gibt es keine neuronalen Korrelate mehr, dann geschieht auch kein Handeln von "Gui Do" mehr. Von daher bleibt, unabhängig von der Trägheit meines gewöhnlichen Bewusstseins, alles, was ich denke und handle, in meiner individuellen Verantwortung und mir als Person zuschreibbar. 
   Eine wesentliche Schrift, die uns verdeutlicht, worauf buddhistische Übung abzielen kann, wenn sie mehr als Vipassana leisten möchte, ist das Mo-ho Chih-kuan ("Großes Anhalten und Sehen") von Chih-i (538-597), die überraschend komplexe Meditationsabhandlung eines Lehrers, der sowohl das Zen (Chan) wie auch den Tientai-Buddhismus und den des Reinen Landes beeinflusste. Schauen wir uns an, was Chih-i unserem Uncle Sam zu sagen hat:

"Frage: Sowohl vor als auch nach dem Gedanken ist kein Geist (Bewusstsein). Wenn diese Zustände keine Zeichen tragen, wie kann man sie überhaupt beobachten?

Antwort: Obwohl der Geist vor einem Gedanken noch nicht angeregt wurde, ist er nicht nicht-existent. Es ist wie mit einem, der zunächst nichts tut, dann aber handelt - du kannst nicht behaupten, dass es die Person nicht schon vor ihrem Handeln gab. Wenn es keine Person gäbe, wer würde dann in der Folge handeln? Gerade weil da einer ist, der noch nicht gehandelt hat, kann dann Handeln geschehen. So ist es auch mit dem Geist: Wegen des Nochnichtdenkens kann da die Schwelle eines Gedankens auftauchen. Gäbe es keinen vorgedanklichen Zustand, wie könnte es einen aufkommenden Gedanken gäben? Selbst vor einem Gedanken kann es also nicht sein, dass da kein Gedanke ist, selbst wenn dieser selbst noch nicht als solcher [bewusst] existiert. Und auch nach einem Gedanken, der bereits vergangen ist, kann dieser noch beobachtet werden." (S. 76/Cleary)

Aus einer solchen Meditationsweise folgt, im Gegensatz zum Vipassana, das in den Kontext des Theravada mit seinen strengen Moralvorstellungen eingebettet ist, eine andere Einstellung zur Moral, wie sie Sam Harris vertritt. Er leitet z.B. aus der starken Leistung von Entwicklungshilfe durch skandinavische Länder, die überwiegend säkularer Natur seien, ab, dass moralisches Handeln keiner spirituellen Untermauerung bedürfe. Mit der Einordnung dieser Leistung als "gut" (statt Entwicklungshilfe in ihrer Zwiespältigkeit zu sehen), vereinfacht Harris die Moral genau so, wie es der Theravada tut. Bei Chih-i heißt es dagegen: "Weder praktiziert man den Weg, noch praktiziert man ihn nicht. Man verweilt einfach im Reich der Bedrängnis. (...) Die fünf Sünden sind nichts anderes als Erwachen, die fünf Sünden und das Erwachen sind nicht-dualitischer Art." (S. 53) "Im kleinen Fahrzeug wird das Durchbrechen von Ansichten 'Abschneiden' genannt, doch [erst] das Durchbrechen der Gedanken bedeutet 'Unterwerfen'." (S. 47)
   An einer Stelle (S. 41f./Cleary) zitiert Chih-i eine buddhistische Schrift, laut der sogar nach Begehen solcher "Todsünden" wie dem Mord an den eigenen gutherzigen Eltern "keine Übertretung" vorlege, sofern der Geist sich vom Anhaften an derartige Gedanken befreie und erkenne, dass die bedingten Phänomene von ihrer Natur her rein seien und nicht Geburt und Tod unterworfen. Chih-i verwendet hier eine Metapher: "Dunkelheit kann keine Rechte über einen Raum herleiten und sich nicht gegen ihr Vertreiben wehren, nur weil sie schon so lange existiert hat: Sobald eine Lampe angezündet wird, ist es vorbei mit ihr."
   Das Ablehnen dieser Erkenntnis, die von Anfang an auch die Zentradition durchzog und nur moralisch unsichere Menschen wirklich irritieren kann, ist im Übrigen auch der Grund für typische Fehlentwicklungen des westlichen Buddhismus, wie sie sich kürzlich wieder bei der Diskussion um Kriegsbeteiligungen japanischer Zenlehrer entzündete.

(Foto: Keller)