Samstag, 31. Dezember 2016

Die Zen-Peitsche

„Ihr wollt Chan auf praktische Weise erkunden? Dann müsst ihr loslassen.“*

Heute morgen beschloss ich, zu sitzen und mich dabei aufzunehmen, auch wenn meine chronischen Erkrankungen (Asthma und Reflux z.B.) meist keine Stille in der Frühe ermöglichen - die Verschleimung ist einfach zu groß ... Damit habe ich auch ein altes Versprechen eingelöst, dass ich mal in einem Forum gab (es ging darum, dass ich ohne Kissen im vollen Lotus ausdauernd sitzen kann). Ich bevorzuge eigentlich, vielleicht wegen meiner leichten Skoliose, eine andere Handhaltung als im japanischen Zen, und - wie man nach knapp einer halben Stunde sieht, abwechselnd eine "offene" mit nach vorn weisenden Händen (die Sitzung bricht mangels Smartphone-Leistung nach 32 Minuten ab und das Video ist zu groß für diesen Blog, weshalb ich nur diesen Link auf eine eigens dafür eingerichtete Facebook-Seite geben kann), habe mich aber der Einfachheit halber mal "angepasst".  (Es gibt nichts Langweiligeres als Filmchen - oder gar Konferenzschaltungen -, die Zazen-Sitzende zeigen und sonst nix ... [geändert am Tag des Vesakh in Thailand, 10.05.2017])

An dieses Dokument schließe ich noch einmal meine Warnung vor "Zen-Schwätzern" an, zu denen besonders die gehören, die stets "in Abrede stellen" oder "besser wissen" (gilt das auch für diesen Blogger?). Dies sind häufig die Wortgläubigen, die die Maxime, das Zen jenseits aller Buchstaben und Schriften zu finden sei, aus den Augen verlieren. Einen Tag nach dieser Aufzeichnung las ich mit Freuden auf einer buddhistischen Mailingliste von einem, der seine Zengruppe aufgelöst und sich zur Jagd auf Wild hat ausbilden lassen. Er schrieb: "Für mich ist eher die Frage geblieben, wo mich dieses Sitzen als solches hinführt, in welche Ecke meiner Selbst es mich führt ..." Selbstwerdung durch die Erfahrung der Ichlosigkeit ist ein Paradoxon auf dem Zen-Weg. Wer nicht bereit ist, sich mit allen Ecken und Kanten auszuloten und zu präsentieren, geht nur den Weg der Selbstverleugnung. Wer jedoch meint, seine eigene Ecken und Kanten müssten mit denen eines "Buddha" übereinstimmen, macht nur den Papagei.

Ein aktuelles Beispiel von solchem "Scheuklappen-Zen" findet sich mal wieder im Forum "Buddhaland", wo sich inzwischen (fast) alle angeblich Abgemeldeten oder Gesperrten unter neuen Namen wieder eingefunden haben. Dort wird gerade das Zitat (?) eines deutschen Zenlehrers diskutiert, nach dem die "Zen-Praxis, eins zu eins in eine politische Programmatik übersetzt", auf Faschismus hinauslaufe. Einer der bezeichnenenden Kommentare hierzu lautet: "Zen-Praxis trägt die Merkmale hoher Disziplin, vorbehaltloser Hingabe, Negation des Egos und - wenn in einem (insbesondere traditionellen) institutionellen Rahmen ausgeübt - auch das der widerstandslosen Einordnung in eine Hierarchie. "Übersetzt" in eine politische Programmatik ist dies in der Tat kompatibel mit Kernbegriffen faschistischer Ideologie wie Führerprinzip und Gleichschaltung." Ganz abgesehen davon, dass die genannten Merkmale genauso kompatibel mit einer kommunistischen Ideologie sind, was eigentlich sofort auffallen und erwähnt werden müsste, wäre der Schreiber hier nicht politisch auf einem Auge blind, fällt die Zuschreibung von "hoher Disziplin, vorbehaltloser Hingabe und Negation des Egos" als Definition von Zen-Praxis auf.


Im Allgemeinen sind die Zen-Verfechter dieses Forums zunächst der Meinung, Zen-Praxis sei in erster Linie Zazen. Danach wird oft auf die Gelübde ("kai soku zen", wie sie derselbe Kommentator kurz zuvor ernst zu nehmen empfahl) verwiesen. Tatsächlich hat er sich damit genau in die traditionelle Vorstellung eines hierarchischen (japanischen) Zen eingegliedert, die die Teilnahme von Zen-Priestern an Kriegshandlungen erleichterte. Diese hätten sich nämlich den Vorwurf verbeten, sie würden die Gelübde nicht ernst nehmen, vielmehr haben sie für deren Interpretation ja hinreichend historische Bezüge geliefert, die aus der Zentradition selbst stammen (und die z.B. Brian Victoria konsequent verschweigt und ignoriert), etwa das "Leben gebende Schwert", das sich auf Takuan zurückführen lässt. "Gelübde ernst nehmen" bedeutet auch hier nichts anderes als Wortglauberei (mit "g", im Sinne einer Gläubigkeit, wei ein anderer Kommentator zurecht schrieb), es unterstellt ein ganz bestimmtes Verständnis von in Worten gefassten Geboten, an dem nicht zu rütteln sei.

Tatsächlich ist Zen-Praxis - wenn man kein Neuling mehr ist - weder vom Zazen abhängig noch von "hoher Disziplin" (siehe z.B. Ikkyu, Hui-neng, die ganzen Säufer-Meister) oder von "vorbehaltloser Hingabe" (an wen oder was denn?). Und es bleibt auch nicht bei der "Negation des Egos" stehen - wie der Weg des oben erwähnten Sitzers zum Jäger zeigt -, sondern schafft im Idealfall einen solch profilstarken Charakter, dass eine Gängelung oder eine Begeisterung für rechts- oder linksradikale Ideen kaum noch möglich sein sollte. Es kann mit anderen Worten keinen geben, der Zen meistert und sich dann noch über Disziplin, Hingabe, Gelübde und Ego-Verleugnung den Kopf zerbricht. Denn das sind alles Kategorien, die einen gefangenen Geist aufzeigen, der sich nicht über sie hinwegsetzen kann. Von einem, der sich jener Kategorien entledigt hat, wird man aber nie sicher sagen können, ob er sich für oder gegen ein Schlachtfeld entscheidet. Das sind bloß Wunschprojektionen von Beatniks aufs Zen, die im schlimmsten Fall eine verhaltensmäßige Gleichschaltung aller Zen-Praktizierenden erhoffen (siehe auch das Trump-Bashing von Brad Warner). Auf der anderen Seite kann man fast sicher sein, dass gerade ein solches Verständnis von "Zen-Praxis", wie es in obigem Zitat und im genannten Kommentar zur Geltung kommt, genau jenes ist, dass die Vereinnahmung durch Ideologien erleichtert. Und sei es nur durch eine "Zen-Ideologie", nach der man sich durch die eigenen Prämissen (etwa "Gelübde") vor sich selbst zu schützen glaubt.

„Erzeugt den Geist der Tapferkeit und Wildheit, seid von resoluter Entschlusskraft!“*

***

Zum Jahresende möchte ich auf eine Schrift hinweisen, die von recht speziellem Interesse sein dürfte, vor allem für Koan-Übende, und die ich deshalb einmal in teurer Ausstattung (gebunden, Fadenheftung, on demand) herausbringe. Yunqi Zhuhong (1535-1615) verfasste im Jahr 1600 "Die Zen(Chan)-Peitsche" (Changuan cejin)*. Diese Peitsche steht hier u. a. für einen Text, der sich mit wenigen Worten aufs Wesentliche konzentriert. Er versammelt zum größten Teil Chan-Geschichten von der späten Tang- (9. Jh.) bis zur späten Ming-Dynastie (16. Jh.), desweiteren zu etwa einem Fünftel Auszüge aus Sutren und Abhandlungen. Inhaltlich behandeln sie vor allem die gelebte Chan-Praxis, und das im Hinblick auf das von Dahui Zonggao (1089-1163) geprägte "kanhua chan" (jap. kanna zen). Dieses besteht aus dem Lotussitz in Verbindung mit der Konzentration auf ein "Schlüsselwort" (huatou) bzw. eine ganze Redewendung aus einem Koan ("Fall").

 ***

Ich werde hier mitteilen, sobald ich etwas Neues mache. 

Samstag, 24. Dezember 2016

Saikontan (100 kg)



Ich musste in den letzten Wochen einen Stalker abwehren. Oder vielmehr in meine Vergangenheit verstricken, und meine Gegenwart (menschliche Kontakte) neu bewerten und ein paar Bindungen kappen. Traurig, aber auch erfrischend und befreiend. Zu viele Leute wurden mir zu aufdringlich. Darum heute nur ein bisschen Eigenwerbung, die letzten beiden starken Clips aus Japan, die ich gesehen habe, und ebenfalls - wenn auch verspätete - Weihnachtsgrüße an alle Leser, besonders an die Treuen, die immer wieder Kommentare hinterließen ("Anonym", Benkei - nun weißt Du auch, warum ich es nicht geschafft habe ... - und Funktor). Für das bereits vor Monaten in einem Kommentar angekündigte Ende dieses Blogs zum Jahresausklang will ich mir freilich noch was Besseres ausdenken.

Meine letzte, gerade veröffentlichte Übersetzung bietet Auszüge aus dem Caigentan (Saikontan) von Hong Zicheng (auch Hung Ying-ming, 1572-1620), der ein chinesischer Philosoph war und in den vorliegenden poetischen Aphorismen die Lehren von Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus zusammenbrachte. Der Titel Caigentan bedeutet wörtlich "Gemüsewurzelgespräche" und verweist zum einen auf den einfachen Lebensstil seines Autors, zum anderen vergleicht er die menschliche Moral mit der von Pflanzen. Wer zwischen den Jahren noch ein weises Büchlein braucht oder seinen weihnachtlichen Geschenkgutschein entsprechend einlösen will, könnte hiermit richtig liegen. Der Untertitel "Weisheiten eines Vegetariers" ist freilich nicht ganz wörtlich zu nehmen, er wurde von der englischsprachigen Vorlage übernommen.

Auszüge: "Lass deine unabhängige Meinung nicht vom Zweifel der Masse beeinflussen; andererseits sei aber nicht so dogmatisch, die Ansichten anderer nicht anzuhören."

"Ich bin selbst ein kleines Universum. Mögen meine Leidenschaften bescheiden sein und meine Vorlieben und Abneigungen kontrolliert, dann wird mein Verhalten von selbst den Gesetzen des Universums entsprechen, nach denen die Elemente so harmonisch miteinander verbunden sind."

"Wenn es nicht durch Wellen bewegt wird, beruhigt sich Wasser von selbst. Wenn er nicht von Staub bedeckt ist, dann ist ein Spiegel klar. Das Gleiche gilt für den Geist. Um ihn klar zu halten, muss alles weggeschafft werden, was ihn umwölkt. Die Suche nach Glück ist unnötig. Wenn alles beseitigt ist, was den Geist aufregt, folgt das Glücksempfinden so sicher wie der Tag auf die Nacht."

Hong Zicheng: Caigentan (Saikontan). Weisheiten eines Vegetariers.
120 Seiten. Großdruck. Paperback. 9,90 €. ISBN: 978-3-943839-36-4.

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Daitô und Schlüsselwörter für Kôan

Auch Daitô Kokushi (1282-1337) hatte ich hier schon mal zitiert. Er hat einige meiner Zen-Lieblinge beeinflusst. Sein Credo: "Wenn du den plötzlichen Durchbruch erlangst und noch einen Schritt darüber hinaus machst, wirst du erleben, dass alles um dich herum und alles, was du tust - ob du aktiv bist oder ruhst -, zur Kulisse für den ursprünglichen Geist wird. Es wird kein Haarbreit Unterschied zwischen dir und anderen Dingen sein - ja, es wird keine anderen Dinge geben."

Auf Daitô gehen zahlreiche Anmerkungen zu Zenwerken zurück, und etliche sind uns in Form von "Schlüsselworten" (engl. capping phrases) überliefert, die das Verständnis eines Kôan unterstreichen. Im Biyän Lu (Hekiganroku) tauchen bereits fünf Arten dieser Schlüsselwörter auf:

1) Cho-yü (jakugo): angefügte Worte; bezeichneten zunächst die Kommentare von Hsüeh-tou. Jakugo steht heute allgemein für die Schlüsselworte im japanischen Zen, jaku wird zuweilen äquivalent zu chaku gebraucht: erreichen, erlangen; beide Worte zeigen eine in der Vergangenheit vollendete Handlung an.

2) Hsia-yü (agyo): gegebene Worte; eine Abkürzung für den Ausdruck "ein Wendewort geben".

3) I-chuan-yü (ittengo): Wendewort; ein Wort oder Ausdruck, der die eigene Erkenntnis zum Ausdruck bringt oder die Macht hat, andere zum Erwachen zu bringen.

4) Pieh-yü (betsugo): unterschiedene Worte; Erwiderung auf ein Kôan, die sich von bisherigen Antworten unterscheidet, wie sie von anderen gegeben wurden.

5) Tai-yü (daigo): abwechselnde Worte; werden anstelle eines Mönches gegeben, der im überlieferten Dialog einem Meister nichts zu erwidern wusste.


Daitôs Todesgedicht lautete:

"Ich schneide alle Buddhas und Patriarchen ab,
mein Geist-Schwert ist scharf wie eine Rasierklinge.
Das Rad des Handelns beginnt sich zu drehen - 
die Leere knirscht mit ihren Zähnen."


[Quelle: Kenneth Kraft: Eloquent Zen. Daitô and Early Japanese Zen. Honolulu 1992. Die Abbildung stammt von Hakuin.]
 
                                       

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Natsume Sôseki (1867-1916) zum hundertsten Todestag: DAS TOR

Von Natsume Sôseki habe ich u. a. schon Hinter der Glastür und Haiku publiziert. Im hundertsten Jahr nach seinem Tode las ich einige Werke, die ich noch nicht kannte. Im Folgenden ein paar seiner interessanten Erkenntnisse.

"Ein träger Mensch ist jemand, der unfähig zu einer eigenen Antwort auf die Frage ist, wie wir leben sollten, und der den anderen kein Bewusstsein für die Existenz vermitteln kann."

"Wenn wir Worte erzeugen, die nicht in unserer Persönlichkeit verwurzelt sind, als würden wir über eine glatte Oberfläche gleiten, und wenn wir die Worte nur verbinden, um Sätze zu bilden, dann sind wir bloß träge Menschen."

"Wir müssen unsere eigene Interpretation des Lebensweges finden und so viel Vertrauen darin haben, dass wir die folgenden Behauptungen aufstellen können: 'Was auch immer die Leute sagen, ich werde nicht einen Zentimeter nachgeben, da mein Ideal höher als ihres ist, und ich werde von keiner Reaktion überrascht sein. Seid also still! Redet nicht so überheblich, wo ihr doch nichts über den Sinn des Lebens oder dessen Ideal wisst!'"

[Natsume Soseki: The Philosophical Foundations of Literature. Tuttle 2004]



Neu übersetzt habe ich einige Kapitel aus Natsumes Roman "Mon" (Das Tor), die den Aufenthalt eines grüblerischen Protagonisten in einem Zentempel beschreiben. Offenbar flossen Natsumes eigene Erfahrungen aus dem Jahr 1894 im Engakuji unter Meister Soen Shaku in diese Kapitel ein. Zwei interessante Zen-Titel, die Natsume dort erwähnt, will ich noch diesen Monat veröffentlichen.

Ein Auszug aus "Das Tor":

Sôsuke fand dennoch, dass er bloß eine Menge Zeit vergeudet hatte. Der Versuch des Mönchs, die bestmögliche Darstellung zu finden, gemahnte ihn nur noch mehr an seine Schwäche, und obwohl er nichts erwiderte, fühlte er sich tief beschämt.
   „Die Zeit, die es zum Erwachen braucht, hängt vom Temperament des Einzelnen ab“, sagte Gidô. „Ob Sie dort schnell oder langsam hingelangen, hat keinen Einfluss auf die Qualität der Erfahrung. Es gibt Menschen, die völlig problemlos einen Durchbruch erfahren, danach aber keine Fortschritte mehr machen. Andere benötigen viel Zeit für die ersten Stufen, erleben aber dann andauernde Freude. Sie dürfen die Hoffnung auf keinen Fall aufgeben. Am Wichtigsten ist, sich weiter leidenschaftlich hinzugeben. Nehmen wir den verstorbenen Abt Kôsen: Er war ein konfuzianischer Gelehrter und bereits im mittleren Alter, als er mit der Zenpraxis begann. Nachdem er drei Jahre lang nicht einmal das erste Gebot hinter sich lassen konnte, sagte er: ‚Wegen meiner schweren Vergehen bin ich nicht erwacht‘, und ging so weit, sich jeden Tag demütig vor dem Klohäuschen zu verbeugen. Doch sehen Sie, welch ein weiser Mann aus ihm wurde. Das ist nur eins von vielen ermutigenden Beispielen, die ich Ihnen erzählen könnte.“


Mittwoch, 30. November 2016

Dahui übers Zazen (101 kg)

In der Buddhismuswissenschaft ist man sich nicht einig, wie die zahlreichen, offenbar widersprüchlichen Aussagen mancher Meister zum Zazen zu verstehen sind. Keine Frage, dass sich Dôgen Zenji aufs Zazen fixiert hat, aber im frühen chinesischen Chan findet sich noch recht wenig, was die konkrete Zenpraxis beschreiben würde. In Huinengs Plattformsutra wird gar gegen das stille Sitzen gewettert, und wenn am Ende der sechste Patriarch seiner Mönchsgemeinde rät, sich weiterhin zum Zazen zu treffen, dann wirkt das eher wie ein nachträglicher Zusatz zur Ehrenrettung des Sitzens oder wie die einzig naheliegende Idee, die man den Zurückbleibenden beibringen konnte (was sonst sollte eine Ordiniertengemeinschaft schon künftig vereinen?). Manche Gelehrten sind der Meinung, hierbei ginge es um die üblichen zen-rhetorischen Tricks, mit denen alles in Frage gestellt werden soll. Andere hingegen glauben, dass Zazen nie die Rolle in der frühen Zen(Chan)-Geschichte spielte, die es heute insbesondere im Westen innehat. Eine ähnliche Diskussion entspannte sich um die Bedeutung von Achtsamkeitsübungen, die einen medizinisch belegten Nutzen haben, aber nicht die Rolle im Buddhismus hatten, die ihnen heute von manchen Lehrern zugedacht wird.
   Mich hat immer interessiert, wie Zen für Laien sinnvoll praktizierbar ist. Mönchisches Zen neigt noch heute zu einer gewissen Nabelschau und zu rigorosen Ansichten und Praktiken, die eher Züge von religiöser Abschottung als von Weltoffenheit tragen. Einer der alten Zenmeister, der begriffen hatte, dass auch Zazen nur ein "geschicktes Mittel" ist und nicht verabsolutiert werden sollte, war Dahui Zonggao (1089-1163). Sein Weg bestand darin, sich möglichst den ganzen Tag lang auf ein "Schlüsselwort" (huatou) aus einem Kôan zu konzentrieren, wobei das Zazen dabei möglich, aber nicht unabdingbar war. An einen Minister schrieb er:

"Es ist nicht so, das ich den Leuten üblicherweise kein Zazen beibrächte, kein Kungfu an einem stillen Ort [Sitzen und die Konzentration auf ein huatou galten als 'harte Anstrengung', chin. gongfu] . Es geht darum, ihnen eine passende Medizin für ihre Krankheit zu verschreiben. Tatsächlich gibt es keine Belehrung in ultimativer Wahrheit. (...) Wenn es wünschenswert ist, still zu sitzen, tue es. Dabei darfst du nicht am Sitzen hängen oder es als letztgültige Methode ansehen."

In einer Rede wehrte sich Dahui: "Man hört oft, ich würde den Leuten kein Sitzen im Lotussitz beibringen. Das ist ein Missverständnis. Haben die je etwas von geschickten Mitteln (upaya) gehört? Ich will, dass ihr versteht: Gehen ist Chan, Sitzen ist Chan, Reden und Schweigen, Bewegung und Bewegungslosigkeit verkörpern alle die Stille. Manchmal wache ich nachts auf und setze mich gleich in den Lotussitz hin. Nach einer Weile - keinerlei Gedanken mehr. Da sage ich mir erleichtert: 'Reich der Buddhas!' Aber das ist alles. Ihr dürft Sitzen nicht als höchstes Kriterium ansehen. Sitzen bedeutet nicht, Körper und Leben loszulassen."

Mittwoch, 23. November 2016

Über die Dummdreistheit mancher thailändischer Frauen ... und europäischer Männer (und Update zum "Thay")

Der Vollständigkeit halber vermelde ich zunächst, was zu erwarten war. Ich erfuhr es von Tenzin Peljors Blog:

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Frankfurt (!) gegen den als Thich Thien Son alias Thay bekannten Geschäftsmann in buddhistischen Klamotten sollen wegen unzureichender Indizien eingestellt worden sein. 

Nun  zum heutigen, schon länger im Voraus verfassten Beitrag.

***

"Weißt du nicht, dass die Religion der Frau in ihrer Ritze liegt?" *

Etliche Deutsche, die längere Zeit in Thailand verbracht haben, fassten ihre Erfahrungen schon in bemüht witzig-sarkastischen oder in rachelüsternen Büchern und Kolumnen zusammen, deren Mittelpunkt natürlich die Thailänderin selbst bildet, vor allem jene Sorte, die käuflichen Sex anbietet. Ich möchte nun mal aus meiner Sicht ein paar Erlebnisse schildern, die womöglich dem ein oder anderen Reisenden oder Auswanderer zu denken geben könnten, der sich hierher gegoogelt hat. 

Eine gute Bekannte, für deren eines (Mischlings-)Kind ich über einen längeren Zeitraum häufig Babysitter spielte und das mich eine Weile als Vater ansah, hat drei Kinder von drei Männern. Keiner der Männer kümmert sich um den Nachwuchs. Sie trägt dafür Mitverantwortung, weil sie z. B. die Telefonnummer des ersten Vaters verschlampte, der eine Weile zumindest einen kleinen Geldbetrag schickte. Ich schlug vor, diesen Mann mithilfe von Datenbanken zu suchen, aber der Phlegmatismus meiner Bekannten steht ihr im Weg. - Für das Mischlingskind sollte eigentlich ein 80-jähriger Malteser zuständig sein, der großspurig meinte, es sei seines, als ich mit ihr eines Tages an ihm vorüberspazierte. Nach anfänglich freundlicher Kontaktaufnahme wurde ich kürzlich deutlicher und drängte ihn zu dem DNA-Test, dem er bereits zugestimmt hatte. Jedoch habe ihn die Mutter ja nie darauf angesprochen, sondern immer ich. "Was, wenn du der Vater bist?" - "Dann überlege ich noch mal. Vielleicht komm ich auch einfach nicht mehr wieder." Ich hatte ihm vorgeschlagen, allein wegen seiner großen Klappe wenigstens 100 Euro im Monat für das Kind locker zu machen. - Das jüngste Kind ist von einem Thai, der es ebenfalls unbedingt ohne Gummi machen wollte, in einem Hotel, noch was drauflegte und nie mehr gesehen ward ...

Mithilfe einer christlichen Hilfsorganisation (ich berichtete hier) gelang es, die Bekannte wieder mit ihrer Mutter zusammenzuführen, die sich lange um das erste Kind meiner Bekannten gekümmert und ihre Tochter für tot gehalten hatte, da sie sich nach der Geburt ihres zweiten Kindes nicht mehr meldete. Trotz all dieser Nachlässigkeiten, eines hat meine Bekannte nicht gemacht: ihre Kinder weggegeben oder im Stich gelassen. 

Ganz anders erging es einem Skandinavier, den ich auf einem Abenteuerspielplatz kennenlernte, als sich die Tochter meiner Bekannten mit seiner anfreundete. Er hat seine Tochter gemeinsam mit einer Thai gezeugt, die ihn verließ, als das Kind drei Jahre alt war und nachdem er  ihr in einem offenbar schwachen Moment (wegen Erkrankung) seine ATM-Karte inklusive PIN in die Hand gab. Die Mutter räumte das Konto leer und machte sich aus dem Staub. Der Skandinavier arbeitet nun als Sportlehrer in einem Hotel für ca. 500 Euro im Monat und versucht seiner Tochter zusätzlichen Englischunterricht und dergleichen zu finanzieren.

Womit wir beim Thema Dreistheit wären. Das Verhalten von Frauen wie der Expartnerin des Skandinaviers widert mich an. Eine andere Form, die Mutterliebe nicht ausschließt, tut es jedoch ebenfalls. Kürzlich habe ich mal wieder eine Freelancerin nachts bei mir gehabt. Man weiß ja, wenn man solche Verabredungen über einschlägige Dating-Apps macht, eher nicht, was man bekommt. Die Frau war weder besonders attraktiv noch besonders aufregend im Bett. Da sie bei mir Milchpulverpackungen sah (die ich zuweilen für meine Bekannte und für die bettelnden Mütter aus Kambodscha besorge), kamen wir ins Gespräch und sie zeigte mir ein Foto von ihrem Haus im Wert von 4 Millionen Baht (100.000 Euro), das ihr ehemaliger Partner, ich glaube ein Schotte, ihr überlassen hatte - nach nur dreieinhalb Jahren Beziehung. Er habe gekokst und gesoffen und es sei nicht mehr auszuhalten gewesen mit ihm. Ich fragte sie, warum er ihr das Haus nicht entzogen hätte (wozu es Mittel gäbe, wenn man es von Anfang an richtig anstellt, auch wenn Ausländer als Privatpersonen in Thailand kein Land besitzen dürfen), und es kamen die üblichen arroganten Bemerkungen, das wäre gar nicht möglich usf. Dann erzählte sie, dass sie ihren einzigen Sohn, den sie von einem Thai hat, auf eine internationale Schule schicke, die 2.500 Euro im Jahr koste. Darum ginge sie auch anschaffen, denn sie habe ja kein Geld. Wie sich herausstellte, besaß sie jedoch ein Motorrad, ein Auto und eben dieses Haus, woraufhin ich spottete, sie sei so dumm wie ihr Ex, der seine Beziehung viel zu teuer erkauft hätte, denn sie hätte ja Millionen (Baht), wenn sie nur das Haus verkaufte, das im Moment sowieso niemand bewohne. 

Mit diesen drei Frauen habe ich gleich einige typische Vertreterinnen des weiblichen Geschlechtes in Thailand beschrieben. Eine Frau, die ich vor Monaten schon mal kennenlernen wollte mittels einer App, die aber nur gemeinsam mit einer ihrer Freundinnen mit mir essen gehen mochte - wovon ich nichts halte -, hatte ich gerade in einem neuen Anlauf direkt gefragt, ob sie nicht "short time", also ein ca. einstündiges sexuelles Treffen wolle. Sie fragte, was ich zahlen würde, gab aber danach zu erkennen, dass sie nur ihren Spaß mit mir triebe, sie sei kein "bar girl" und ich solle "an den Strand gehen" (was widersinnig ist, da es sich um zwei unterschiedliche Gruppen von Frauen handelt, wobei die am Strand freischaffend und günstiger sind). Also erzählte ich ihr, dass doch gerade in Thailand sowieso jeder zahle, auch wenn er eine Lehrerin oder Bankerin heirate, und wollte von ihr wissen, was sie sich denn bei einer Heirat als Summe vorstelle (in einem ähnlichen Fall hatte mir mal eine junge Schönheit, die mich ein paar Minuten kannte, umgerechnet 13.000 Euro vorgeschlagen). Die Reaktion war so vorhersehbar, wie sie es in Deutschland ist, wenn man den alten Hut ganz unromantisch aufs Tablett bringt, auf dem steht, dass die Ehe in vielen Fällen ein Geschäft ist. Der Frau des Koksers im obigen Beispiel, die ihren Ex als einen in Hongkong erfolgreichen Geschäftsmann beschrieben hatte, sagte ich noch, ein wirklicher Geschäftsmann wüsste, dass man einer Frau nicht schon vor der Beziehung ein Haus für 100.000 Euro bauen lässt. Diese Vollidioten, die hier die Schattenwirtschaft mit Überweisungen aus dem Ausland stützen und kleinkriminellen Weibern Geld und Besitz nachschmeißen, haben wahrscheinlich geerbt oder ihr Geld auf illegale Weise verdient, weshalb sie dessen Wert nicht zu schätzen wissen. Und sie erkennen nicht einmal, dass die Frauen, für die sie sich begeistern, keine Klasse haben. 

Unterm Strich haben die beiden mehr oder weniger schäbigen Frauen aus Beispiel zwei und drei scheinbar das größere Los gezogen, ob sie nun ihr Kind im Stich ließen (was offenbar leichter fällt, wenn es von einem Ausländer ist) oder sich für ihr Kind ins Zeug legen. Trotz all ihrer Fehler und ihrer Antriebslosigkeit ist meine Bekannte aus Beispiel eins, die nun versucht, ihre drei Kinder durchzufüttern, und der - jedenfalls bis jetzt - mangels Verderbtheit wohl auch noch kein blöder reicher "Farang" auf den Leim ging, also eine kleine naive Heldin. In diesem Sinne möge man die heutige Geschichte, wie auch künftige, als Anregung lesen, über die Komplexität des "Guten" nachzudenken, dass der (Zen)Buddhist ja tun - und das Böse meiden - soll. Denn gemäß eines kulturell anders geprägten Blickwinkels wird sogar ein spendabler Depp, den man im Grunde bloß reingeritten hat, in Thailand regelmäßig zu jemandem "mit einem guten Herzen" verklärt - von Menschen, die gerne vor Buddhastatuen und Altären beten, bevor und nachdem sie jemanden ausgenommen haben. 

"Liebe ist also lächerlich, weil sie nicht von Dauer sein kann, 
und Sex ist lächerlich, weil er nicht lange genug dauert." **

[* Der duftende Garten des Scheik Nefzaui, übersetzt von Heinrich Conrad. 
** Charles Bukowski: Held außer Betrieb. Fischer 2014]




[Kermit beantwortet die Frage nach dem Ton der einen Hand ...]

Mittwoch, 16. November 2016

Neue Koan-Sammlung: Tetteki tôsui (Eiserne Flöte)


Das Tetteki tôsui (鐵笛倒吹), eigentlich „Die Flöte auf dem Kopf stehend blasen“, wurde hierzulande in den 60er- und 70er-Jahren schon einmal als „Eiserne Flöte“ mit Kommentaren von Nyôgen Senzaki aufgelegt (momentan als günstige Kindle-Ebook-Version The Iron Flute, Tuttle 2011, erhältlich). Wir bieten eine neue Übersetzung dieser 1783 zusammengestellten Koan-Sammlung von Genrô Ôryû (1720–1813), einem Meister der Sôtô-Schule, ausschließlich mit Teilen seiner Anmerkungen und seiner Verse sowie denen seines Schülers Fûgai Honkô (1779–1847), die oft als jakugo (Schlüsselwörter) benutzt werden, aber unserer Ansicht nach gegenüber Genrôs Worten schwächeln. In den Fällen, zu denen bisher keine Kommentare auf Deutsch vorlagen, haben wir erstmals welche von Gidô ergänzt. Die vollständige Version findet sich im Band Juko der zehnbändigen Reihe Zoku Sôtôshu zensho  (續曹洞宗全書 Tôkyô 1974–1977).

Die neue Koan-Sammlung mit dem Shûmon kattôshu, Tetteki tôsui ("Eiserne Flöte") und - dem nun vollständigen - Shônan kattoroku ("Der Zen-Weg der Samurai") ist u. a. hier erhältlich

Auszüge:


1

Manjushrî tritt durchs Tor


Manjushrî stand vor dem Tor. Der Buddha rief: „Manjushrî, warum kommst du nicht herein?“
Manjushrî antwortete: „Ich sehe hier vor dem Tor nicht ein einziges Ding. Warum sollte ich eintreten?“
 
Gidô: Warum macht Manjushrî nicht die Augen auf?



2

Eröffnungsrede für Lo-shan


Der Fürst Minwang ließ ein Kloster für Lo-shan erbauen und bat ihn, die Eröffnungsrede in der Vortragshalle zu halten. Als Abt saß Lo-shan dabei auf einem Stuhl, sagte aber nichts weiter als: „Habe die Ehre!“, und kehrte in sein Zimmer zurück. Der Fürst suchte ihn auf und meinte: „Buddhas Lehre auf dem Gradhrakuta-Berg muss deiner heute geglichen haben.“ Lo-shan erwiderte: „Ich dachte, dir sei die Lehre fremd, doch nun muss ich erfahren, dass du etwas vom Zen verstehst.“
 
Gidô: Dem Gönner schmeicheln! Dreißig Stockschläge für Lo-shan. Auf dem Gradhrakuta-Berg wird noch immer gequatscht.



3

Nan-ch’üans Steinbuddha


Der Laie Liukeng sagte zu Nan-ch’üan: „In meinem Haus gibt es einen Stein, der aufrecht sitzt oder danieder liegt. Ich möchte aus ihm einen Buddha meißeln. Kann ich das tun?“ Nan-ch’üan antwortete: „Ja, du kannst das tun.“ Liukeng fragte weiter: „Kann ich es nicht tun?“ Nan-ch’üan erwiderte: „Nein, du kannst es nicht tun.“
 
Genrô: Ich sehe einen Stein, den der Laie ins Kloster trug. Ich sehe einen anderen Stein, den Nan-ch’üan in seiner Meditationshalle aufbewahrte. Alle Hämmer in China können diese beiden Steine nicht zertrümmern.



4

Pai-lings Erlangen


Pai-ling und der Laie Pang Yün schulten sich bei Ma-tsu, dem Nachfolger Nan-yüehs. Als sie sich eines Tages auf der Straße begegneten, meinte Pai-ling: „Unser Zen-Großvater sagte: ‚Wenn jemand behauptet, es sei etwas, verfehlt er es gänzlich.‘ Ich frage mich, ob er es je einem Menschen zeigte.“ Der Laie Pang Yün erwiderte: „Ja, das tat er.“ Der Mönch fragte: „Wem denn?“ Der Laie deutete auf sich selbst und sagte: „Diesem Kerl hier.“ Pai-ling sagte: „Dein Erlangen ist so schön und tiefgründig, dass selbst Manjushrî und Subhûti dich nicht angemessen preisen könnten.“ Da meinte der Laie zum Mönch: „Ich frage mich, ob es jemanden gibt, der versteht, was unser Zen-Großvater meinte.“ Der Mönch erwiderte nichts, setzte aber seinen Strohhut auf und ging davon. „Achte auf deine Schritte!“, rief ihm der Laie Pang Yün nach, doch Pai-ling ging seines Weges, ohne sich umzudrehen.

Genrô: Eine Wolke ruht am Höhleneingang und tut den ganzen Tag nichts. Das Mondlicht durchdringt die ganze Nacht Wellen, doch hinterlässt es keine Spuren im Wasser.



[Foto: Keller; Graffitiwand in Bangkok]

Samstag, 12. November 2016

Neue Koan-Sammlung: Shûmon kattôshu



Das Shûmon kattôshû (宗門葛藤集, "Verwickelte Ranken") wurde zum ersten Mal 1689 – und vollständig 1858 – in Japan publiziert und ist Teil der Koan-Schulung des Takujû-Zweiges der Rinzai-Schule. Sein Herausgeber ist unbekannt. Es enthält 282 Koan (einschließlich der Variationen einzelner Koan), die zum Teil aus den verbreiteten – und bereits ins Deutsche übersetzten – Sammlungen Wumenguan (Mumonkan), Bi Yan Lu (Hekiganroku) und Conrong Lu (Shôyôroku) stammen. Alle nicht in diesen Sammlungen verzeichneten Koan sind in diesem gerade erschienen Titel vereint. Einige kennen wir aus dem Linji Yulu, Jôshûroku und dem Tetteki tôsui, das wir im Anschluss neu vorlegen, viele sind jedoch hierzulande noch unbekannt. Einführungen, Kommentare und Verse gibt es nicht.
   Das Shûmon kattôshû enthält acht Koan japanischen Ursprungs (Fall 35, 61, 107, 144, 169, 213, 225, 253), wobei fast alle darin erwähnten Lehrer aus der Tradition von Xutang Zhiyu (1185–1269) und damit der Ôtôkan-Linie des Rinzai entstammen, die auf Daiô Kokushi, Dai Kokushi und Kanzan Egen zurückgeht.

Die neue Koan-Sammlung mit dem Shûmon kattôshu, Tetteki tôsui ("Eiserne Flöte") und - dem nun vollständigen - Shônan kattoroku ("Der Zen-Weg der Samurai") ist in der 2. Novemberhälfte u. a. hier erhältlich.

Auzüge: 


8

Lingyuns Pfirsichblüten


   Lingyun Zhiqin aus Fuzhou erwachte beim Anblick der Blüten eines Pfirsichbaumes. Er drückte es so aus:

Vierzig Jahre suchte ich nach einem Schwertkampfmeister.
Wie oft sind Blätter gefallen und neue Knospen erschienen?
Doch seit ich die Pfirsichblüten sah,
habe ich bis heute nie wieder gezweifelt.

   Später legte er diese Verse seinem Meister Guishan Lingyou vor. Guishan sagte: „Wer durch die Umstände erwacht, fällt niemals zurück. Pass gut auf dich auf!“
   Als Xuansha Shibei davon hörte, sagte er: „Lingyun mag richtig gelegen haben, doch ich versichere, sein Verständnis war unvollständig.“
   Yunmen Wenyan* sagte: „Du redest von vollständig und unvollständig? Dreißig Jahre Übung obendrauf!“
   Späterhin befragte ein Mönch Dachuan Puji zu diesem Vers. Dieser sagte: „Ein Dieb kennt keinen Geistesfrieden.“



40

Wuzus Taube


   Der Gelehrte Yuan Zhan schrieb einst eine Abhandlung, die die Existenz von Geistern verneinte. Im Augenblick, als er damit fertig war und den Pinsel niederlegte, erschien ihm ein Geist, grüßte und fragte: „Nun, Gelehrter, was wirst du mit mir anstellen?“
   Wuzu Fayan kommentierte: „Wäre mir der Dämon begegnet, hätte ich meine Hände um den Mund geformt wie zum Schnabel einer Bo-Taube und ‚Kuu! Kuu!‘ gerufen.“*
   Nantang sagte: „Obwohl der Gelehrte wusste, dass es keine Geister gibt, kannte er den Grund dafür nicht. Obwohl Wuzu wusste, dass es keine Geister gibt, konnte er die Spuren nicht tilgen. Ich hätte es anders gemacht. Wäre mir der Geist grüßend und mit seiner Aufforderung entgegengetreten, hätte ich ihn angesehen und ‚Yan!‘ gerufen. Selbst wenn er der mächtige Dämonenkönig selbst gewesen wäre, hätte ich seinen Schädel in sieben Teile gespalten wie die Äste eines Arjaka-Baumes. Sag mir nun, was dieses Wort ‚Yan‘ bedeutet!“


     * Die männliche Bo-Taube soll an Regentagen einen zunehmend schneller werdenden Ruf dieser Art von sich geben, um Weibchen zu verjagen.


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Zhangs Wein


   Ein Alter sagte: „Herr Zhang trinkt Wein, Herr Li wird besoffen.“