Freitag, 31. August 2012

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Dieser Blog ruht eine Weile. Rechts kann man alle bisherigen Beitraege finden.
Wer will, kann sich hier auf Englisch weiter inspirieren lassen:

NEOZEN

Samstag, 28. Juli 2012

Senryu (IX)

Verschmutzter Tümpel.
Frecher Frosch sitzt still grinsend.
Mein letzter Wurf – plong!

Donnerstag, 26. Juli 2012

Dienstag, 24. Juli 2012

Sonntag, 22. Juli 2012

Haiku (XVI)

„Fahrkarten, bitte!“
Warte – Vögeln am Himmel
möchte ich erst nachschaun!

Freitag, 20. Juli 2012

Mittwoch, 18. Juli 2012

Montag, 16. Juli 2012

Samstag, 14. Juli 2012

Tanka


Grauschwarze Wolken
begleiten kühle Brise
in ein anderes Land.
Geflüsterte Lockrufe –
ob sie wirklich ankommen?

Donnerstag, 12. Juli 2012

Dienstag, 10. Juli 2012

Sonntag, 8. Juli 2012

Freitag, 6. Juli 2012

Mittwoch, 4. Juli 2012

Montag, 2. Juli 2012

Samstag, 30. Juni 2012

Donnerstag, 28. Juni 2012

Dienstag, 26. Juni 2012

Sonntag, 24. Juni 2012

Freitag, 22. Juni 2012

Mittwoch, 20. Juni 2012

Samstag, 16. Juni 2012

Donnerstag, 14. Juni 2012

Haiku (I)

[Der Blog geht in eine unbestimmte Pause und klingt allmaehlich mit Haiku aus. Vielleicht geht es, anderswo, literarisch weiter ...]


Schon wieder erholt –
wie viele Leben hat die
Eintagesfliege?

Dienstag, 12. Juni 2012

Einführung in Zazen
von Shodo Harada Roshi

[Die deutschen Untertitel sind etwas gewöhnungsbedürftig, bitte einblenden über den Button "CC". Und gerade gesehen ein Beitrag von PANORAMA ueber Tibet, den Dalai Lama und die CIA.]


Sonntag, 10. Juni 2012

ZEIT ... und RAUM

"Alles, was jetzt zaehlt, ist, dass ich der 'Zeit' neues Leben verliehen habe durch das Abschneiden des Siamesischen Raums und der falschen Zukunft. Mein Ziel war es, eine Art von Novelle in der Form einer Abhandlung ueber die 'Textur der Zeit' zu schreiben, eine Untersuchung ueber ihre schleierhafte Substanz, mit illustrierenden Metaphern, die allmaehlich zunehmen und ganz allmaehlich eine logische Liebesgeschichte aufbauen, vom Vergangenen zum Gegenwaertigen fuehrend, als eine konkrete Geschichte erbluehend und genauso allmaehlich Analogien umkehrend und wieder in reine Abstraktion zerfallend."
   "Ich frage mich", sagte Ada, "ich frage mich, ob der Versuch, jene Dinge zu entdecken, das bunte Glas wert ist. Wir koennen die Zeit wissen, wir koennen eine Zeit wissen. Wir koennen niemals 'Zeit' wissen. Unsere Sinne sind einfach nicht so, dass sie sie wahrnehmen. Es ist wie -"

(Vladimir Nabokov: Ada oder Das Verlangen. Reinbek 1977)

"Die empirische Welt der konkreten Realitaet existiert nur als Idee. Der Begriff des Raumes ist in dieser Vorstellungswelt unbekannt, die Verbindung von Ursache und Wirkung verstuemmelt. Es gibt keine Wahrheiten, sondern nur Ueberraschungen. Unter solchen Umstaenden ist es unsinnig, Disziplinen zu entwickeln, die diese Realitaet interpretieren." 

(J. A. Friedl Zapata im Nachwort zu Jorge Luis Borges "Die Bibliothek von Babel", Stuttgart 1974)

Freitag, 8. Juni 2012

Nicht-Sein

"'Nicht-Sein' enthaelt die einzige 'neue' Art von (Schein-)Zeit: die Zukunft. Ich lehne sie ab. Leben, Liebe, Libri haben keine Zukunft.
   'Zeit' ist alles andere als das beliebte Triptychon: eine nicht mehr existierende Vergangenheit, der dauerlose Punkt der Gegenwart und ein 'Noch-nicht', das vielleicht nie kommt. Nein. Es gibt nur zwei Tafeln. Die 'Vergangenheit' (immer existent in meinem Verstand) und die 'Gegenwart' (der mein Verstand Dauer und folglich Wirklichkeit verleiht). Richten wir eine dritte Abteilung ein der erfuellten Erwartung, des Vorhergesehenen, des Vorherbestimmten, der Faehigkeit zu Voraussicht, zu vollkommener Vorhersage, so wenden wir unseren Verstand immer noch auf die Gegenwart an."

(Vladimir Nabokov: Ada oder Das Verlangen. Reinbek 1977)

Mittwoch, 6. Juni 2012

Hsu Yun (III)

[Aus einem Gespräch mit Meister Lingyuan (1902-1988)]

Hua bedeutet umherwandernde Gedanken, wie in einem Selbstgespräch, während man meditiert. Du musst also den Zustand erhellen, der vor den umherwandernden Gedanken existiert, und untersuchen, was dein ursprüngliches Gesicht ist. Dies wird das Beobachten des Huatou genannt. Wenn bereits umherwandernde Gedanken aufgetaucht sind, musst du immer noch den rechten Gedanken hervorbringen, wodurch die trügerischen Gedanken von selbst verschwinden werden. Wenn du den umherwandernden Gedanken folgst, wird die Sitzmeditation nutzlos sein. Erzeugst du den rechten Gedanken, bist aber nicht ernsthaft genug, wird das Huatou noch machtlos sein und umherwandernde Gedanken werden sicher wieder auftauchen. Beim Üben muss man einen tapferen und standhaften Geist haben, als wären die eigenen Eltern gerade verstorben. Ein Altehrwürdiger sagte: „Es ist wie den Kaiserpalast auf der Spitze der Palastmauer zu bewachen.“ Ein anderer meinte: „Wenn du die klirrende Kälte des Winters noch nicht ertragen hast, wie kannst du da erwarten, den Duft der Pflaumenblüten zu riechen?“ Wenn es weder umherwandernde Gedanken noch das Huatou gibt, dann ist mit leerem Geist sitzen wie ein Fels, der von kaltem Wasser durchdrungen wird. Man kann zahllose Zeitalter lang sitzen und doch nutzlos sein. Wenn du Chan untersuchen willst, dann ist dies der einzige Weg. Man muss diesen kühnen und beharrlichen Geist haben, wie ein Einzelner, der zehntausend Feinde abwehrt, indem er, ohne sich zurückzuziehen und nachzulassen, einfach gerade vorprescht. Auch Buddhas Namen und Mantras zu rezitieren sollte wie dies sein. Die Ernsthaftigkeit deines Bewusstseins von Geburt und Tod wird Tag für Tag anwachsen. Wenn du so sein kannst, wird deine Übung voranschreiten.

Montag, 4. Juni 2012

Hsu Yun (II):
Schwierigkeiten von Fortgeschrittenen in der Übung

Welchen Schwierigkeiten begegnen fortgeschrittene Praktizierende? Auch wenn einige bis zum Auftauchen echten Zweifels geübt haben und sowohl Gewahrsein als auch Erhellen besitzen, sind sie noch von Geburt und Tod gebunden. Wer weder Gewahrsein noch Erhellen besitzt, fällt in falsche Leere. Manche Übende können sich selbst nicht befreien, sie stehen auf der Spitze eines tausend Fuß hohen Pfostens und können nicht voranschreiten. Andere, die bis zu diesem Stadium vorangeschritten und in der Übung erfahren sind, begegnen nichts, was sie nicht klären können, weshalb sie glauben, die grundlegende Unwissenheit bereits abgetrennt zu haben; sie denken, ihre Praxis sei vollendet. Tatsächlich leben solche Menschen in einer Welle der Ignoranz und bemerken es nicht einmal. Wenn sie einem unlösbaren Problem gegenüberstehen, wo sie ihr eigener Meister sein müssen, dann scheitern sie und geben auf. Das ist bedauerlich.
   Andere machen die echte Zweifelserfahrung, gewinnen ein bisschen an Weisheit dazu, weil sie Leere erleben, und verstehen einige der alten Gong-an (Koan), geben dann jedoch die Zweifelserfahrung auf, weil sie sich für vollständig erleuchtet halten. Sie verfassen Verse und Gedichte, verhalten sich arrogant und nennen sich tugendhafte Meister des Weges. So narren sie nicht nur sich selbst, sondern führen sogar andere in die Irre und schaffen übles Karma.
   In anderen Fällen missverstehen manche die Lehre Bodhidharmas: „Sich von äußeren Einflüssen isolieren, innerlich den Geist beruhigen und zu einer Mauer machen, das ist die Methode, den Weg zu betreten.“ Oder auch den Ausspruch des sechsten Patriarchen: „Wenn du nicht an gut oder böse denkst, wo ist in diesem Augenblick dein ursprüngliches Gesicht?“ Solche Menschen glauben, dass wie ein abgestorbener Baum und ein großer Felsbrocken zu meditieren das letztgültige Prinzip sei. Sie halten also die Traumstadt[1] für ihren geschätzten Palast, ein zeitweiliges Gästehaus für ihr Zuhause. Das ist der Anlass für das Gong-an von der alten Frau, die die Hütte niederbrennt, um den Mönch zu ermahnen.[2]
   Was ist also der leichteste Weg für die fortgeschrittenen Übenden? Seid nicht stolz und gebt nie eure Praxis auf. Diese sollte lückenlos sein. Inmitten dieser feinen, ununterbrochenen Übung müsst ihr noch feinsinniger werden. Während ihr vorsichtig und aufmerksam praktiziert, müsst ihr noch sorgsamer werden. Ist die Zeit reif, wird der Boden des Fasses von selbst durchbrechen[3].  Wenn ihr dies nicht tun könnt, findet einen tugendhaften Lehrer, der die Nägel des Fasses herausbricht und die Riegel entfernt.


[1] Eine Anspielung auf Kapitel 7 des Lotussutras, wo der Buddha das Erreichen des Nirwana durch Arhats als Traumstadt bezeichnet und sie ermahnt, auf dem Weg der Bodhisattvas weiterzugehen.
[2] Der Mönch hatte jegliche Regung nach einer Umarmung der Tochter dieser Frau geleugnet.
[3] Ein Sinnbild der Erleuchtung.

Samstag, 2. Juni 2012

Hsu Yun (I):
Schwierigkeiten von Anfängern in der Übung

Die üblichen Symptome der Anfängerkrankheit sind die Unfähigkeit, umherwandernde Gedanken und Gewohnheiten ablegen zu können; die Tiefe ihrer Unwissenheit; das Hindernis von Arroganz und Eifersucht; die Neigung zu Gier, Wut, Dummheit; die Faulheit bei der Arbeit und das Verlangen nach Essen; die Vorliebe für das Schüren von Richtig und Falsch zwischen selbst und anderen. All dies füllt ihre großen Bäuche. Wie können Anfänger da in Einklang mit dem Weg kommen?
   Es gibt andere Arten von Menschen, die in reiche und vornehme Familien geboren werden. Unfähig, ihre Gewohnheiten und weltlichen Makel zu vergessen, können sie nicht die kleinsten Schwierigkeiten und schon gar keine größere Mühsal aushalten. Wie können solche Menschen den Weg praktizieren? Sie haben den Zustand unseres ursprünglichen Lehrers Shakyamuni Buddha nicht bedacht, bevor er das Leben des Haushälters verließ.
   Dann gibt es die Wohlbelesenen, die aber nicht verstehen, dass die Probleme in den Aufzeichnungen der Gespräche unserer Altehrwürdigen dafür gedacht sind, die Verständnisebene von Übenden zu überprüfen. Diese Menschen halten sich für gerissen. Jeden Tag hinterfragen sie die aufgezeichneten Reden und Schriften, formen mit ihrem Mund Worte über Geist und Buddha, interpretieren die Buchstaben der Alten, reden über Nahrung, ohne sie zu essen, zählen die Schätze anderer, ohne solche zu besitzen und denken dabei, außerordentliche Menschen zu sein, wodurch sie ungeheuer arrogant werden. Wenn diese Menschen jedoch ernsthaft erkranken, werden sie nach Hilfe schreien, und am Ende ihres Lebens in Panik geraten und verwirrt sein. Dann ist das, was sie gelernt und verstanden haben, nutzlos, und es wird zu spät sein, dies zu bedauern.
   Dann sind da andere Menschen, die den Ausspruch „Ursprünglich sind wir Buddhas“ missverstehen. Diese Menschen behaupten, das ursprüngliche Selbst sei bereits vollständig, weswegen keine Übung nötig wäre. Den ganzen Tag faulenzen sie, haben nichts zu tun, folgen ihren Launen, verschwenden ihre Zeit. Sie bezeichnen sich selbst als „jenseits von Mustern und Formen“ und folgen nur „Ursachen und Bedingungen“. In der Zukunft werden solche Menschen großes Leid erfahren.
   Dann gibt es Menschen, die ihren Geist auf den Weg ausgerichtet haben, sich selbst aber nicht in der Praxis üben. Sie ängstigen sich vor umherwandernden Gedanken, und weil sie unfähig sind, diese abzulegen, sind sie den ganzen Tag über gereizt und beschweren sich über ihre schweren karmischen Hindernisse. Aus diesem Grund wird ihr auf den Weg gerichteter Geist rückfällig. Manche wollen bis zu ihrem Tod mit ihren umherwandernden Gedanken kämpfen. Wütend verkrampfen sie ihre Fäuste und drücken ihre Brust und ihre Augen heraus. Es scheint, als wären sie in etwas Großes verwickelt. Trotz der Bereitschaft, im Kampf gegen ihr täuschendes Denken zu sterben, gewinnen sie diesen Kampf nicht und enden sogar, indem sie Blut erbrechen oder verrückt werden.
   Dann gibt es solche, die fürchten, der Leere anheimzufallen. Sie wissen nicht, dass in ihrem Geist bereits Dämonen erstanden sind. Sie können ihren Geist nicht leeren und nicht erwachen. Dann sind da diejenigen, die nach Erleuchtung suchen und nicht verstehen, dass diese Suche und der Wunsch, Buddhaschaft zu erlangen, bereits schwer verwirrtes Denken sind. Man kann nicht Sand kochen und hoffen, dann Reis zu essen. Sie können bis zum Jahr des Esels suchen und werden immer noch nicht erleuchtet sein. Manchmal werden sie beschwingt, wenn sie gelegentlich ein paar friedvolle Meditationen gemacht haben. Dies ist wie mit einer blinden Schildkröte, deren Kopf genau durch ein schmales Loch in einem inmitten des Ozeans treibenden Brettes passt. Es ist nicht das Ergebnis wirklicher Übung. In ihrer Freude haben diese Menschen eine weitere Lage Hindernisse geschaffen.
   Es gibt solche, die während der Meditation in falscher Reinheit weilen und sich daran erfreuen. Da sie in der Aktivität keinen friedvollen Geist aufrechterhalten können, vermeiden sie laute Orte und verbringen ihre Tage durchtränkt von abgestandenem Wasser. Dafür gibt es viele Beispiele. Für Anfänger ist es sehr schwer, den Eingang zum Weg zu finden. Wenn da Erhellung ohne Gewahrsein geschieht, dann ist das wie in verdorbenem Wasser zu sitzen und auf den Tod zu warten.
   Selbst wenn diese Übung hart ist – hast du einmal den Eingang zum Weg gefunden, wird sie einfacher. Was ist der einfachste Weg für Anfänger? Da ist nichts Besonderes außer der Fähigkeit, es abzulegen. Was abzulegen? Allen Verdruss, der aus Unwissenheit entsteht. Mitübende, wenn einmal euer Körper zu atmen aufhört, wird er zur Leiche. Der Hauptgrund, warum wir ihn nicht ablegen können, liegt darin, dass wir ihm zu viel Bedeutung beimessen. Dann geben wir dem Gedanken von selbst und anderen, richtig und falsch, Liebe und Hass, Gewinn und Verlust Nahrung. Wenn wir aber einen festen Glauben daran haben, dass dieser unser Körper wie ein Leichnam ist, wenn wir ihn nicht schätzen und nicht für unser halten – was gibt es dann, das wir nicht ablegen könnten? Können wir es jedoch ablegen, dann wird alles kühl und still, mit nichts als dem einzigen Zweifel des Huatou, jederzeit und überall, ob wir gehen, stehen, sitzen oder schlafen, ob in Bewegung oder nicht, ob ruhend oder aktiv, ob innerlich oder äußerlich. Wenn wir friedvoll und ununterbrochen fortfahren, ohne einen unwesentlichen Gedanken, dann wird sich unser Zweifel ohne eine Spur oder einen Ton auflösen, als käme er mit der scharfen Schneide eines langen Schwertes in Kontakt, das sich bis zum Himmel ausdehnt. Warum sollte da Furcht vor umherwandernden Gedanken sein?

Donnerstag, 31. Mai 2012

Meister Ippen (III)

Neuer japanischer Film über Ippen

Kurz vor Ippens Geburt im Reinen Land wurde berichtet, lila Wolken hätten sich am Himmel zusammengeballt. Ippen sagte: "Also brauche ich meinen Tod heute oder morgen noch nicht zu erwarten. Denn am Ende sollte es keine Spuren solcher Zeichen geben."

Dienstag, 29. Mai 2012

Meister Ippen (II): Sterben, Selbsttötung, Tugend

Geburt ist der erste Gedankenmoment an die Zufluchtnahme (in den Namen). Der Ausdruck 'erster Gedankenmoment' beinhaltet jedoch noch die Perspektive des Übenden. Namu-amida-butsu ist von Beginn an selbst Geburt. Diese Geburt ist Nicht-Geburt. Der Punkt, an dem ein Mensch dieser Lehre des Namu-amida-butsu begegnet, wird behelfsweise ein Gedankenmoment genannt. Wenn ein Mensch zum Namen zurück- und in ihn eingekehrt ist, der jede Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft abschneidet, dann ist Geburt ohne Anfang und ohne Ende.
   Die Abgrenzung zwischen dem Augenblick des Sterbens und gewöhnlichem, fortdauerndem Leben wird wiederum im Hinblick auf Übende gelehrt, die in falscher Unterscheidung feststecken. Im Namu-amida-butsu gibt es weder einen Augenblick des Sterbens noch gewöhnliches Leben. Es ist stetiges Dharma in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Da ein ausgehauchter Atemzug keine Gewähr bietet, dass ein Einatmen folgt, kann es keinen anderen Zeitpunkt geben, dem Tod ins Auge zu schauen, als den einzigen Gedankenmoment hier und jetzt. Jeden Augenblick sieht man dem Tod ins Auge, jeden Moment geschieht Geburt. Darum heißt es: 'Das Herz vollständig auf den Kopf stellend, werde Augenblick für Augenblick im Land des Friedens geboren.' Die Lehre Buddhas spricht von nichts anderem als dem einzigen Gedankenmoment hier und jetzt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als solche - dieser eine Gedankenmoment.

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Es gibt die Angelegenheit von 'Gedanken an etwas, was danach kommt' und 'Gedanken an nichts, was danach kommt'. Das Fehlen jeglicher Erwartungen bezüglich allem, was jenseits dieses einen Gedankenmomentes hier und jetzt liegt, ist 'Gedanken an nichts, was danach kommt'. Kurz gesagt, wir müssen die zahllosen Erwartungen in unserem Herzen loswerden.
   
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Oft denken Menschen, dass sie es nur erwarten müssten, dann erschiene der Buddha im Augenblick ihres Sterbens, um sie im Reinen Land willkommen zu heißen. Würdet ihr aber nach langem Warten und Hoffen tatsächlich Amidas Kommen erleben, so geschähe das noch innerhalb der drei Reiche samsarischer Existenz. Den Namen selbst zu rezitieren ist das Kommen Buddhas. Wenn ihr dies verstanden habt, dann ist Amidas Kommen beschlossen, und im Gegenteil seid nun ihr erwartet. Alle Dinge außer dem Namen sind Phantasmen.

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Bei der Praxis des Buddha-Dharma gibt es 'direkte Behandlung' und 'Behandlung durch Beseitigen'. Direkte Behandlung meint, den rechten Geist im Augenblick des Sterbens zu erlangen, wobei falsches Denken überwunden und ein konzentrierter Geist ohne Verwirrung erlangt wird. Behandlung durch Beseitigen bedeutet, dass der nach Erleuchtung Strebende jede üble Verstrickung schon im Voraus beendet hat, so dass keine zurückbleibt. 
   Es ist uns unmöglich, solche Verstrickungen zum ersten Mal ausgerechnet am Lebensende abzuwerfen. Unsere Alltagshandlungen werden auftauchen und sich im Sterben manifestieren. Darum meinte Shan-tao: 'Die Qual der Unbeständigkeit wird dann plötzlich über euch kommen, und zum ersten Mal wird euer Geist ernsthaft verwirrt und verängstigt sein. Befreit euch jetzt selbst von allen Dingen und allen Sorgen und erwacht zu eurem Streben gen Westen (Reines Land).'

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Nachdem ich ins Reine Land geboren wurde, könnten einige von euch sich in die Tiefen des Ozeans stürzen. Wenn euer Geist beruhigt ist, ist eure Geburt sicher, was auch immer ihr tut. Wenn eure Selbstanhaftung jedoch noch nicht erschöpft ist, dürft ihr euch nicht das Leben nehmen. Es ist selten und schwer, eine Existenz zu empfangen, in der man dem Buddhaweg begegnen kann. Wie bedauerlich wäre es, diese Gelegenheit zu verschwenden!

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Auch wenn im Sutra vom 'Verweilen in den Samâdhis der Leere, Formlosigkeit und Wunschlosigkeit' gesprochen wird - dies ist nichts anderes als der Name. Wir selbst können die Meditationen der Formlosigkeit und die Freiheit von Begriffsbildung nicht erfüllen, noch können wir die Selbstnatur als rein und von Nicht-Gedanken verwirklichen. Dennoch können wir als die unwissendsten und an Narretei gebundenen Wesen Körper und Geist abwerfen und uns dem Ursprünglichen Gelübde anvertrauen, indem wir von ganzem Herzen den Namen rezitieren, denn dies ist selbst die Meditation der Selbstnatur als Nicht-Gedanke, die Erkenntnis der Formlosigkeit und die Freiheit von Begriffsbildung. 
   Wenn wir Zuflucht in den Namen genommen haben, gibt es keinen Mangel an Tugend. Zuflucht nehmen ist die höchste Tugend, es ist die 'Praxis der Anderkraft (tariki)'.

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Es ist törichten Wesen von seichter Erkenntnis völlig unmöglich, zwischen 'Bösem' und 'Tugend' zu unterscheiden. (...) Die Törichten mögen eine Handlung für tugendhaft halten, die für den Weisen bösartig ist, und eine andere mögen sie für übel halten, die der Weise wiederum für tugendhaft hält. (...) Offensichtlich können die beiden Wege von Gut und Böse kaum der entscheidende Weg zur Befreiung für uns sein, denn sie lehren nur, dass wir ernsthaft leiden, wenn wir Schlechtes tun, und dass wir in angenehmen Umständen geboren werden, wenn wir Verdienst angesammelt haben, so dass wir deshalb vom Bösen abstehen und Gutes tun sollten. Darum rät Shan-tao: 'Sprecht das Nembutsu, ohne die Größe oder den Mangel von Tugend und Bösartigkeit zum Thema zu machen.' Ich ergänze: auch ohne euch an eurer eigenen eingebildeten Weisheit festzuhalten und ohne euch an euer Leben zu klammern. Darüber hinaus gibt es keine Befreiung.


Sonntag, 27. Mai 2012

Meister Ippen (I)

Meister Ippen (1239-1289) war ein wandernder Hijiri-Mönch des Reine-Land-Buddhismus. In vielen seiner Texte und Gedichte des Ippen Shônin Goroku taucht daher das "Namu-amida-butsu" auf. Wenn man als Zen-Buddhist etwaige Berührungsängste mit dieser Schule überwunden hat, gibt es immer wieder Schönes zu entdecken. Wer Englisch kann, wird in Dennis Hirotas "No Abode. The Record of Ippen" (Berkeley, Kyoto 1986) auf seine Kosten kommen. Das zweite Zitat könnte auch als Motto hinter diesem Blog stehen ...

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"Ihr müsst sorgsam zwischen den beiden Toren des Dharma unterscheiden, dem Weg der Weisen und dem Weg des Reinen Landes. Der Weg der Weisen sagt: 'Blinde Leidenschaften sind selbst Erleuchtung', 'Geburt-und-Tod sind Nirwana'. Auch ich hätte zweifellos diese Lehre weitergeben können, doch liegt sie jenseits der Auffassungsgabe heutiger Menschen, die doch nur wieder zum grundlegenden Anhaften an die Wurzel blinder Leidenschaften zurückkehren würden, und das wäre schädlich.
   Auf dem Weg des Reinen Landes wirft man Körper und Geist ab, und ohne nach irgendeinem Ort in den drei Reichen und auf den sechs Pfaden zu verlangen, strebt man nach der Geburt im Reinen Land. Ihr dürft nicht ein Ding auf der Welt für unverzichtbar halten. Sich von Geburt-und-Tod zu trennen, ohne das Haften an dieser Existenz aufzugeben, ist nicht machbar."

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"Shan-tao lehrt: 'Ich fürchte, es ist schwer, die Geburt durch das Verrichten zahlreicher guter Taten gemäß der eigenen Möglichkeiten und Umstände zu erlangen.' Hier bedeutet 'gemäß der eigenen Möglichkeiten und Umstände' eine objektivierte Situation unabhängig vom eigenen Geist zu schaffen und diese zu praktizieren. Ihr verwickelt euch in äußerliche Gegebenheiten, um euren Geist zu kultivieren. Wenn die Situation vergeht, entdeckt ihr, dass nichts erreicht ist. Solche Übung ist beim Anhaften ans Selbst und die Eigenmacht hilfreich. Das bedeutet 'das Verrichten zahlreicher guter Taten gemäß der eigenen Möglichkeiten und Umstände'."

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"Wahre 'Anderkraft' (tariki) bedeutet, vollständig die eigenen Standpunkte von selbst und anderen abzuwerfen und einfach die Buddhaschaft in einem Gedankenmoment zu erlangen."

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"Alle Dinge entstehen aus dem Nichts, blinde Leidenschaften aus dem Selbst."

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"In China gibt es einen Bergtempel namens Ching. Es ist ein Zentempel. Am Fuße des Berges steht eine Stupa mit der Inschrift: 'Das Entstehen von Gedanken ist Krankheit; das Unterbrechen von Gedanken ist Heilung.' Mittels dieses Kôan erlangte Shinchi-bô aus Yura die Verwirklichung."

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"'Geburt-und-Tod' ist täuschendes Denken. Irriges Anhaften und blinde Leidenschaften haben keine Wirklichkeit. Dennoch zu versuchen, sich von Geburt-und-Tod durch unterscheidendes Reflektieren über Gut und Böse zu befreien ist völlig absurd, da es diesen Geist der Anhaftungen und Verdrehtheiten zur Grundlage nimmt. Es ist das Denken, das der Befreiung entgegensteht. Darum heißt es auch: 'Denken ist selbst Geburt-und-Tod.' Sich von Geburt-und-Tod zu befreien heißt also, sich von Gedanken zu befreien. Solange euer Geist sich nicht zu seinem ursprünglichen Zustand wendet, ist diese Befreiung nicht möglich."

Samstag, 26. Mai 2012

Frühes Chan zu Angst, Karma, Nicht-Denken und Nirwana

"Dieser Weg ist vollständig von falschen Gedanken geschaffen. Wie sieht die Schöpfung durch falsche Gedanken aus?"
   "Der Dharma kennt kein groß oder klein, kein hoch oder niedrig, keine Formen und Charakteristika. Es ist, als gäbe es an deiner Wohnstätte einen großen Stein im Garten; würdest du auf diesem einschlafen oder sitzen, hättest du dabei doch keinerlei Angst. Plötzlich bekommst du die Idee, ein Bild zu erzeugen. Du heuerst jemanden an, ein Buddhabild auf den Stein zu malen. Nun hat dein Geist eine Deutung Buddhas erschaffen und du fürchtest, eine 'Sünde' zu begehen, und kannst nicht länger auf dem Stein sitzen. Da ist noch der ursprüngliche Stein, doch die Buddha-Deutung wurde von deinem Geist erschaffen. Wie ist dieser Geist? Es ist stets der Pinsel deines Geist-Bewusstseins, der solche Deutungen schafft. Du bringst selbst Furcht über dich. In Wirklichkeit gibt es im Stein weder 'Sünde' noch Verdienst."

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"Wie kann das Karma abgeschnitten werden, das vom Geist geschaffen wurde?"
   "Da es keinen Geist gibt, ist es unnötig, etwas abzuschneiden. Dieser Geist hat keinen Ort des Entstehens und keinen des Auslöschens, nur falsche Gedanken lassen die dharmas entstehen. In einem Sutra heißt es: 'Die 'Sünde' karmischer Hindernisse kommt weder aus den vier Richtungen noch von oben oder unten. Sie entsteht aus verdrehten Ansichten.'"

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Dhyana-Meister Chüeh sagte: "Wenn du zu der Erkenntnis erwachst, dass der Geist nichts hat, woran er sich binden kann, dann hast du Fußspuren auf dem Weg erlangt. Warum? Augen sehen jede Form, doch sind sie nicht an irgendeine Form gebunden. Augen sind also wirklich befreit. Ohren hören jeden Ton, doch sie sind nicht daran gebunden. Der Geist durchstreift alle dharmas, doch ist an keines gebunden. Er ist wirklich befreit. Ein Sutra sagt: 'Es ist so, weil die dharmas miteinander unverbunden sind.'"

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"Auch wenn du sagst, dharmas bänden das Ego, so hat die Essenz der dharmas doch weder Binden noch Befreien. Würden fühlende Wesen dies von sich aus erkennen, dann wäre da Nirwana, selbst wenn ihre Gefühle in Bewegung sind. Verstehen sie dies jedoch nicht, dann gibt es kein Nirwana, ob ihre Gefühle in Aufruhr sind oder nicht."

"Wenn du recht verstehst, dann sind die fünf skandha hier und jetzt das vollständige, reine Nirwana, und dieser Körper und Geist ist mit den zehntausend Übungen ausgestattet."

[aus Jeffrey L. Broughton: The Bodhidharma Anthology. University of California Press 1999]

Donnerstag, 24. Mai 2012

Der Zen-Wald: Auszüge aus dem Zenrin Kushu

In diesem Buch finden sich aus dem Chinesischen überlieferte Redewendungen. Sie dienen Zen-Schülern als mögliche Antworten auf die von ihren Lehrern in Form von Koan gestellten Aufgaben, werden im Japanischen jakugo genannt und entstammen dem Zenrin Kushu. Zenrin Lewis hat sie ins Englische übersetzt und durch die literarische Übersetzung ins Japanische (bungo) sowie Kommentare von Zenkei Shibayama Roshi ergänzt. Wir haben hier seine zunächst als „The Book of the Zen Grove“ erschienene Auswahl zum größten Teil ins Deutsche übertragen. Erhältlich im Buchhandel, auch online und als eBook. Auszug:

路逢劒客須呈劒不是詩人莫獻詩 
585.  Michi-ni kenkaku-ni awaba subekaraku ken-o tei-subeshi, kore shijin-ni [arazumba] shi-o kenzuru-koto nakare.
Wenn du auf dem Weg einen Schwertkämpfer triffst, musst du ihn dein Schwert schmecken lassen; solange es kein Dichter ist, darfst du ihm kein Gedicht anbieten.

Wenn man jemanden trifft, der den Dharma darlegt, kann man sich frei mit ihm unterhalten; doch bei einem gefühllosen Besucher bleibe man reserviert.

Montag, 21. Mai 2012

Warum frühes Chan den säkularen Buddhismus vorwegnimmt

"Ein Sutra sagt: 'Schneide alles Böse ab, kultiviere das Gute, dann wirst du zum Buddha.' 
Das sind falsche Gedanken, die dein eigener Geist erzeugt."

Ich möchte nun die versprochene Entgegnung auf einige neuere Blogs und Bewegungen formulieren, in der Hoffnung, dass diese auf ihrem Weg davon inspiriert sein mögen. Der Einfachheit halber fasse ich unter dem "Säkularem Buddhismus" der Überschrift hier mal all die Bestrebungen zusammen, abseits von etabliertem Buddhismus (ob er nun vornehmlich Religion oder Spiritualität ist) eine moderne, aufgeklärte, kritische Praxis der Buddha-Lehre zu etablieren. Ich werde natürlich den erheblichen Unterschieden in Blogs, die ich zeitweise hier verlinkt hatte, so nicht gerecht. Aktiv sind vor allem Stephen Batchelors "Secular Buddhism", in Deutschland etwa "Der Unbuddhist", dann international Glen Wallis "Speculative Non-Buddhism" und weitere, die sich - meist mit akademischem Hintergrund - von verschiedenen Warten dem Phänomen Buddhismus nähern und insbesondere seine Grundannahmen und sein Vokabular hinterfragen und dekonstruieren. 

Nachdem ich mich dort eine Weile umgeschaut hatte (und weiterhin Abstecher mache), fiel mir auf, dass sich einige Unzufriedenheit mit dem tradierten Buddhismus direkt aus der im Westen etablierten und vorherrschenden Lehre der Theravadins, der Tibeter und eines späten Zen erklären lässt. Ich halte diese Gegenbewegung für sehr wichtig, möchte jedoch hier einmal aufzeigen, warum sich einem im frühen Zen (Chan) der Chinesen Verwurzelten manches Problem nicht stellt, wie also bereits mit dem Entstehen des Zen das Heilmittel für zahlreiche kopflastige Erwägungen der Moderne angeboten wurde. Alle Zitate stammen aus den Tun-huang-Manuskripten, die als "Bodhidharma-Anthologie" bekannt wurden, ohne diesem Bodhidharma selbst zugeschrieben werden zu können (siehe Jeffrey L. Broughton: The Bodhidharma Anthology, Berkeley 1999):

1) "Wenn jemand den Geist des Kultivierens des Weges kräftigen will, sollte er den Geist jenseits der Grenzen von Normen schicken."

"Verlangt jemand nicht nach Verständnis und sucht nicht nach Weisheit, dann wird er die Irrungen und Wirrungen der Dharma- und Dhyana(Versenkungs)-Meister vermeiden."

Im Grunde könnte dies das Schlachtmotto der "Unbuddhisten" sein. Von Anfang an ruft das Zen zur Sprengung jedes Althergebrachten auf. Zen, so man es überhaupt als Buddhismus verstehen mag, ist seit jeher eine permanente Revolution.

2) "Wer, ohne sich auf die Lehre eines Meisters zu verlassen, den Dharma aus den Ereignissen herleitet, wird einer mit scharfem Verstand genannt. Wer nur aus der gesprochenen Lehre eines Meisters versteht, ist dumm."

Hier wird die Offenheit gegenüber empirischer Wissenschaft und eigener Erfahrung letztlich der Schriftüberlieferung vorgezogen.

3) "Der Bodhisattva sieht das Dharma-Reich als sein Zuhause an und die vier unermesslichen Bewusstseinszustände* als Ort der Vorschriften. Frage: Gibt es im Dharma-Reich ein Einhalten oder Brechen der Vorschriften? Antwort: In der Essenz des Dharma-Reiches gibt es weder gewöhnlich noch heilig."

"Jeder Ort schlechten Karmas wird vom Bodhisattva zu einem Buddha-Geschehen gemacht."

"Den weglosen Weg gehen heißt, den Buddha-Weg zu verstehen. So einer lehnt weder Eifersucht noch Verlangen ab. Denn wer verstanden hat, für den ist Eifersucht eifersuchtslos und Verlangen ohne Verlangen."

Die Vorschriften, Gebote, Gelübde sind hier auf *Freundlichkeit, Mitempfinden, (Mit)Freude und Gleichmut beschränkt. Eine ausgedehnte Liste von Gelübden und Forderungen an den Praktzierienden existiert nicht, drei Charaktereigenschaften, die das Miteinander erleichtern und eine, die einem selbst besonders gut tut und kein Phänomen ablehnen muss, also ein- und nicht ausschließt, sind die Grundausstattung des Bodhisattva. Buddhismus (Zen) war einmal ganz einfach. Und er umfasste das ganze Spektrum des Lebens, ohne schwarz-weiß zu malen.

4) "Alle Sutren und Abhandlungen erzeugen Geist. Wenn kein Geist erzeugt wird, welchen Nutzen hat dann die Sitzmeditation? Wenn keine schlauen Kunstgriffe aufkommen, muss man sich auch nicht mit rechter Achtsamkeit abquälen."

"Die Erkenntnis der Buddhas kann den Menschen nicht durch Sprache gezeigt noch kann sie verborgen werden, und auch durch meditative Versenkung kannst du sie nicht ausloten."

Dieser Satz ist wichtig für alle, die an jedweder Methode der Meditation und des Sitzens haften. Selbst eine zwingende Korrelation von Erkenntnis und Sitzen, ja sogar von Erkenntnis und Versenken wurde im frühen Chan abgelehnt!

5) "Als Mensch in die Hölle zu fallen bedeutet, im Geist ein Ego zu erschaffen. Wenn die Menschen sagen: 'Ich tue Schlechtes, also erfahre ich Bestrafung; ich tue Gutes, also empfange ich Belohnung', dann ist dies übles Karma. Von vornherein haben solche Dinge nicht existiert, doch die Menschen unterscheiden und behaupten willkürlich, es gäbe sie. Genau darin liegt das üble Karma."

"Gewöhnliche Menschen bestehen auf der Unterscheidung: 'Ich begehre, ich bin wütend.' Solche Ignoranten werden in die drei üblen Wiedergeburten fallen."

Karma ist die fiktive Unterscheidung im Geist, das moralinsaure, dualistische Denken. Üble Folgen entstehen genau dann, wenn Menschen meinen, wütend und begehrlich zu sein an sich würde dieses Karma schaffen.

6) "Zahllose gewöhnliche Menschen auf der ganzen Welt sind von Begriffen und geschriebenen Worten gebunden."

"Sie benutzen Geist, um Geist loszuwerden ..."

"Wenn du intellektuelles Verstehen benutzt, um einen passenden Namen zu finden, werden geistreiche Entwürfe entstehen. Willst du solche gewitzten Tricks beenden, dann erzeuge keinen Gedanken an Erleuchtung und berufe dich nicht auf das Wissen der Sutren und Abhandlungen."

Wenn sich der Gedankenapparat immer weiter dreht, auf der Suche nach einer modernen Form des Buddhismus, wird die Lösung nur provisorisch sein. Frühes Zen (Chan) fordert: 

"Wenn Bewusstsein und Gedanke beruhigt sind, so dass kein einziger Gedankenimpuls mehr da ist, dann kann man von vollständigem Erwachen sprechen. Gleichermaßen ist alles an Gedanken und Bewusstsein, was nicht zur Ruhe kommt, ein Traum."


Samstag, 19. Mai 2012

Der Chan-Meister Ching-hung (II)

Meister Ching-hung hat uns wirklich einige überraschende Sprüche hinterlassen. Im ersten Zitat stellt sich mal wieder die Frage, die für einige Leser derjenigen ähneln mag, was zuerst da war, die Henne oder das Ei. Ist moralisches Verhalten die Voraussetzung für Meditation und Weisheit, oder entsteht rechtes Verhalten erst aus der Weisheit?

„Wie ist das, Tao zu kultivieren und Zen zu üben, wenn du noch nicht deinen Geist ergründet, deine Augen geöffnet, dich von deiner Leidenschaft befreit und dein Anhaften am Leben abgeschnitten hast? Es ist wie mit einem, der sehen kann und einen Raum betritt, der tausend Jahre lang dunkel war. Auch wenn alle Arten von Dingen vor ihm auftauchen, er hat keine Ahnung, ob sie blau oder gelb, rot oder weiß, lang oder kurz, eckig oder rund sind. Er ist sich dessen überhaupt nicht bewusst. Wenn so jemand eine Mönchsrobe trägt, verdient er die Unterstützung von Göttern und Menschen nicht.“

***

„Wer andere lobt, erntet ein gewisses Maß an Verdienst. Wer andere verleumdet, erntet das gleiche Maß an Verdienst!“

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„Hier in diesem ärmlichen Kloster, wo wir zusammenleben, sollt ihr seltene und gewagte Gedanken hegen!“

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„Seht, wie ein kaiserlicher Wind bläst, ohne sich um Grenzen zu scheren!“

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„Darum sagen wir, dass sich nichts bewegt und nichts existiert und niemand einen anderen versteht. Doch selbst wenn wir einander nicht verstehen, ist nichts vom anderen getrennt. Darum wenden wir uns von Frohsinn und Sorge, Zustimmung und Ablehnung ab und wählen den Mittleren Weg.“

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„Der Weise hat kein geteiltes Herz. Für ihn sind die Menschen sein einziges Kind.“

Donnerstag, 17. Mai 2012

Der Chan-Meister Ching-hung (I)

Ching-hung (1272-1352) wurde vor allem durch seine "Gedichte aus den Bergen" und Gathas bekannt. Red Pine alias Bill Porter hat diese in seinem Buch "The Zen Works of Stonehouse" (Berkeley 1999) ausgiebig gewürdigt. Ich möchte hier Auszüge aus den Reden des chinesischen Eremiten vorstellen. Im ersten Text kann man auch eine Spitze gegen Theravada-Mönche lesen, deren Ordensregeln (Vinaya) ihnen jeglichen Ackerbau untersagen.

„Wenn ihr nur schlummernd und selbstvergessen sitzt und so eure Zeit verschwendet, seit ihr nicht einmal dem gewöhnlichsten Farmer im ärmsten Dorf gleich. Hackend und pflanzend versorgt er sich wenigstens selbst und macht nichts falsch. Doch ihr Mönche und Söhne Shakyamunis nutzt den Schutz des Tathagata aus. Ihr esst Nahrung, ohne den Acker zu bestellen, tragt Kleidung, ohne Seidenraupen zu züchten. Ihr lebt in großen Hallen und riesigen Tempeln, eure Finger berühren niemals Dreck, alltägliche Angelegenheiten kümmern euch nicht. Für alles ist gesorgt, alles wird euch bereitgestellt. Aber weil dies so ist, gebt ihr euch der Faulheit und Gier hin. Ihr handelt nicht wie Mönche und befolgt nicht die Gelübde. Ihr versteht Ursache und Wirkung nicht und fürchtet keine Vergeltung. So häuft ihr unzählige Schulden auf und sät die Samen der Hölle.“

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„Bis ihr nicht vollständig den Geist losgeworden seid, werdet ihr drei Erklärungen für jeden haben, den ihr trefft.“

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„Warum geht ihr nicht einfach voran? Warum um alles in der Welt belästigt ihr andere Menschen? Haben Buddhas etwas, das sie besser als gewöhnliche Menschen macht? Haben gewöhnliche Menschen etwas, das sie Buddhas unterlegen sein lässt? Sie alle sind Menschen, genau wie ihr. Warum macht ihr euch selbst klein und handelt wie Diener?“

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„Ein Gast zu sein ist in Ordnung. Es kann aber nicht damit verglichen werden, arm und daheim zu sein.“

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„Wenn Körper, Mund und Geist eines Menschen rein werden, sagen wir, ein Buddha erscheine in der Welt. Wenn sein Körper, Mund und Geist unrein werden, sagen wir, ein Buddha trete in Nirwana ein!“

Dienstag, 15. Mai 2012

Han Shan über Erleuchtung und Übung

Meister Hanshan (1546-1623) schrieb[1]:
   „Es gibt Übende, die zuerst erleuchtet werden und dann mit der Kultivierung beginnen, und andere, die zunächst üben und dann Erleuchtung erfahren. Dabei gibt es zwei Arten von „Erleuchtung“: die eine durchs Verstehen, die andere durch Erfahrung. Wenn jemand den Geist erkennt, indem er den Lehren Buddhas und der Patriarchen folgt, wird dies Einsicht durch Verständnis genannt. Diese führt nur zu einem konzeptionellen Verständnis, der Übende wird machtlos sein, da sein Geist nicht mit der Umwelt eins wurde, und er wird vielen Hindernissen begegnen. Dies wird simulierte Weisheit  genannt und entstammt nicht echter Übung.
   Andererseits halten diejenigen, die durch Übung erleuchtet werden, geradlinig an ihren Methoden fest, bis sie sich an einen Ort getrieben haben, wo „Berge und Flüsse vollständig erschöpft sind“. Plötzlich fällt ihr letzter Gedanke ab und sie erkennen gründlich den Geist. Es ist, wie wenn man seinen Vater an der Kreuzung sieht – es gibt keinen Zweifel, wer es ist. Oder wie beim Wassertrinken – nur der Trinkende weiß, ob es warm oder kalt ist. Es gibt keinen Weg, es anderen gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Dies ist wahres Üben und wahre Erleuchtung. Danach muss der Übende auf der Grundlage seiner Erfahrung seinen Geist mit der äußeren Umwelt verschmelzen. Er muss die starken karmischen Hindernisse seines Lebens, täuschendes Denken und emotionales Anhaften loswerden, damit nur der Wahre Geist des einen Geschmacks[2] übrigbleibt. Dies ist die Erleuchtung durch Erfahrung.
   Was echte Erleuchtungserlebnisse betrifft, so gibt es tiefe und seichte. Wenn jemand an der Wurzel des Problems arbeitet, das Nest des achten Bewusstseins und die dunklen Höhlen der Unwissenheit zerstört, dann geht er direkt auf die Erleuchtung zu, ohne sich auf irgendeine andere Lehre zu stützen. Wer dies erreicht, hat besonders ausgeprägte karmische Wurzeln und erfährt tiefe Erleuchtung. Am schlimmsten ist, wenn jemand nur wenig erlangt und sich damit begnügt. Man sollte Illusionen, die vom Licht erzeugtem Schatten ähneln, nicht für Erleuchtung halten. Wer dies tut, hat nicht die Wurzel des achten Bewusstseins vernichtet, seine Handlungen werden gekünstelt sein. Solch eine Erfahrung ist nur eine Manifestation des eigenen Bewusstseins. Sie als wahr anzusehen ist, wie einen Dieb für den eigenen Sohn zu halten. Ein Altehrwürdiger sagte: „Weil Übende des Weges nicht das Wahre erkennen und ihr altes Bewusstsein dafür halten, durchwandern sie unzählige Zeitalter von Geburt und Tod. Unwissende halten ihr Bewusstsein für ihr wahres Selbst.“ Darum: Überschreitet diese Grenze.
   Andererseits gibt es solche, die plötzliche Erleuchtung erfahren und diese dann fortdauernd kultivieren. Obwohl sie tiefe Erleuchtung erlebt haben, haben sie nicht plötzlich ihre Gewohnheiten und Neigungen abgelegt. Es ist nötig, auf Grundlage der eigenen Erleuchtungserfahrung die Kraft selbstbeobachtender Erhellung zu erzeugen, um die Umwelt zu erfahren und mit dem Geist abzugleichen. Wenn man mit einem Prozent der äußeren Erscheinungen verschmelzen kann, dann hat man ein Prozent des Dharmakaya[3] erlangt. Wenn man ein Prozent der täuschenden Gedanken getilgt hat, wird sich ein Prozent der grundlegenden Weisheit manifestieren. All dies hängt von der Stärke der Übung ab, die naht- und lückenlos sein muss. Inmitten von Geschäftigkeit zu üben bedeutet, der Übung Kraft zu entziehen.


[1] Xuzang Jing (Erweiterter buddhistischer Kanon) Nr. 1456, 73: 469b08.
[2] Im Lotussutra heißt es, der Dharma sei von einem Geschmack – dem der Befreiung. Das ganze Leben wird dann als Dharma erfahren.
[3] Dharma-Körper, steht für die ursprüngliche erleuchtete Natur des Geistes, die allumfassende Einheit und Leerheit des Geistes; hier: der transzendente Körper aller Buddhas, frei von Eigenschaften.

Sonntag, 13. Mai 2012

Der große Zweifel und die Nachfolge

Zu den wichtigen Eigenschaften eines guten Zen-Lehrers gehört, den "Großen Zweifel" zu wecken. Damit ist die allgemein unter Menschen verbreitete Frage gemeint, die uns nach dem Woher und Wohin unserer Existenz suchen lässt: Was war ich vor meiner Geburt, wie wird es nach meinem Tod sein? Dem Zweifel wird in einer Schule des Zen durch Kôan oder Huatou Rechnung getragen, Geschichten, Aussprüche oder Worte, die über ein rein logisches Antworten auf eine existentielle oder Sinn-Krise hinaushelfen sollen, hin zum Vorgedanklichen. Bleibt man jedoch dabei stehen, sich moralisch "einwandfrei"  zu verhalten, Gedankenaufruhr zu beherrschen und nicht mehr ständig unterscheidend zu werten, kann man doch noch wie "ein Toter auf Bodenhöhe" sein: Die Meditationsmethode hat sich nicht restlos der "Großen Angelegenheit von Leben und Tod" hingegeben, und im Dornengestrüpp des Daseins, wenn echte Prüfungen kommen, kann ein so Übender zu Fall kommen. Chanmeister Yuanyun Jiexian (1610-1672) hat davor gewarnt.

In einem seiner letzten Beiträge zur "Adult Practice" hat Muho darauf hingewiesen, dass es anderen möglich sei, ihre eigene Zen-Linie zu begründen, und Beispiele dafür genannt. Er hält es offenbar auch für wahrscheinlich, dass solche Linien bald wieder "aussterben". In der Geschichte des Zen haben wir bereits Beispiele für das Aussterben selbst von starken Zenlinien. Müssen wir das eigentlich fürchten, wo es heute noch sicherer als je zuvor Möglichkeiten der "Überlieferung" einer solchen Linie gibt? Im Grunde kann alles, was einmal war, wieder neu aufflammen.

Meister Yuanyun beschrieb ausführlich, wie gewissenhaft ein Meister bei der Bestätigung seiner Dharmanachfolge sein sollte, und wie bedeutsam es sei, dass diese gesichert wird. Für ein Zeitalter des Verfalls der Lehre beschrieb er jedoch auch diese Alternative: "In einer solchen Situation ließen echte erleuchtete Meister die Übertragungslinie lieber abreißen und zogen sich in erhabene Einsamkeit zurück. Dies betrachteten sie als den Weg, die Lehre gerade zu rücken und zu retten. Obwohl sie keinen Dharma-Erben hinterließen, leuchtet ihr Licht hundert Generationen lang. Kann man dann wirklich sagen, sie hätten die Linie enden lassen?

In so genannten Übungszentren, wo man sich nicht an die angemessenen Richtlinien hält, ernennt ein Meister zahlreiche Schüler zu seinen Nachfolgern und erreicht doch nichts, denn wenn man Melonenreben am Mittag wässert, werden sie keine Früchte tragen. Nicht lange danach wird eine solche Linie ruiniert sein und ein schreckliches Durcheinander hinterlassen. Kann man das etwa ein Fortführen der Übertragung nennen?"

Freitag, 11. Mai 2012

Weisheiten Suzuki Roshis (III)


Ein völlig aufgelöster, weinender Schüler fragte: "Warum gibt es so viel Leid?" Shunryu Suzuki erwiderte: "Kein Grund."

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Als sich ein Schüler in der Tempelhalle des Sokoji aufhielt, näherte sich Suzuki Roshi und sagte: "Nur am Leben zu sein ist genug." Dann drehte er sich um und ging weg.

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Ein Schüler fragte: "Ist die Erleuchtung ein umfassendes Heilmittel?" Suzuki Roshi sagte: "Nein."

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Ein Schüler gestand Suzuki Roshi, er würde während des Zazen ständig denken. Der Roshi fragte: "Ist Denken denn ein Problem?"

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"Die Hölle ist keine Strafe. Sie ist ein Übungsort."

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"Wenn es nicht paradox ist, ist es nicht wahr."

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Die Rechtmäßigung eines Mönches wurde angezweifelt, weil er nicht die üblichen Zeremonien und Bettelgänge mitgemacht und nicht sein Haar geschoren hatte noch Roben trug. "Bin ich nun ein Mönch oder nicht?", fragte er Suzuki Roshi. Der sagte: "Diese Dinge richten sich nach deinem Geist. Wenn du denkst, du bist ein Mönch, dann bist du einer. Wenn nicht, dann eben nicht."

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Wenn du kein Buddhist bist, denkst du, es gäbe Buddhisten und Nicht-Buddhisten. Als Buddhist erkennst du, dass jeder ein Buddhist ist - selbst die Wanzen.

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"Meister, esst Ihr Fleisch?" - "Ja." - "Buddha aß keines." - "Buddha war ein sehr frommer Mensch."

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"Wenn du die Übung fortsetzt, wird die Erleuchtung kommen. Aber selbst wenn sie nicht kommt, ist es fast das Gleiche, solange deine Übung tüchtig ist."


Mittwoch, 9. Mai 2012

Tang Hoi und
Thich Nhat Hanhs Entstellungen

Auf der Suche nach interessanten buddhistischen Fundstücken bin ich in meinem Regal auf "Master Tang Hoi" von Thich Nhat Hanh (Berkeley 2001) gestoßen. Hier lässt sich noch einmal im Detail aufzeigen, was von Neulingen auf dem Weg gern übersehen wird, wie nämlich TNH unnötige Dualismen schafft und sich alles für sein eigenes Sektenverständnis zurechtbiegt. In den Fußnoten finden sich außer Querverweisen auf den Palikanon praktisch nur Hinweise auf ca. ein Dutzend weiterer Bücher TNHs. So dreht sich da alles im Kreis.

Zunächst versucht TNH aufzuzeigen, dass der Buddhismus in Vietnam ankam, bevor er in China Fuß fasste. Dann führt er Tang Hoi, der im 3. Jh. n. Chr. lebte, als Meditationsmeister ein und widmet sich dessen Schrift "Sammlung über die sechs Paramita" (T 152), die zunächst übersetzt wird. Bereits in dieser Vorlage zeigen sich einige Auffälligkeiten: 

   - Es wird von einer Meditation gesprochen, die sich damit beschäftigt, wie Menschen in die Welt der Götter geboren werden, weil sie die Vorschriften einhielten und Vegetarismus praktizierten. 
   - Der Ausdruck "breathing in - breathing out" (einatmend-ausatmend), den TNH ja sogar in Singsangs bekannt machte, taucht in den sechzehn Methoden achtsamen Atmens regelmäßig auf. 
   - Wenn ein Übender auf der ersten Stufe meditativer Konzentration verstürbe, würde er im siebenten Himmel wiedergeboren und dort eine Lebensspanne verbringen. 
    - Meditiert ein Bodhisattva über Hunger, Krieg und soziale Ungerechtigkeit, empfindet er Mitleid und denkt, wenn er nicht meditieren würde, wäre auch er in Revolten verwickelt, um sich gegen die Missstände aufzulehnen. 

Gerade beim letzten Punkt erahnen wir TNHs Heuchelei, denn nachdem er in Vietnam noch selbst in aktiven Widerstand war, begann er, an seiner eigenen Hagiographie im Ausland zu stricken, die fortan anderen ein passives Erdulden von Unbill nahelegte. Tang Hoi interpretiert er dann auch so: "Wenn wir wissen, wie wir atmen und Gehmeditation praktizieren sollten und wie wir uns selbst mit Gefühlen der Freude nähren können, dann wird sich unser Gesicht verändern." Dieses Wohlfühlbedürfnis ist das zweite, dass TNH neben der Sehnsucht nach Frieden und Gewaltlosigkeit bedient. Schließlich kommt er auf Plum Village, seinen Großbesitz in Frankreich, zu sprechen, wo man "das Speicherbewusstsein beobachtet und die Samen in unserem Speicherbewusstsein". Von da leitet er unmittelbar auf seine wiederholt geäußerte Abneigung gegen das Fernsehen über und beschreibt Kinder, die in Plum Village fröhlicher seien als solche, die von außen dazukommen und vom Fernsehkonsum verstört wären.

Montag, 7. Mai 2012

Was ist Meditation im Chan?

Verehrte Zuhörer, Meditation (ding) und Weisheit (hui) sind die Grundlagen meiner Lehre. Zunächst denkt nicht, dass Meditation und Weisheit verschieden seien. Sie sind von gleicher Gestalt, d. h. Meditation ist der Körper der Weisheit und Weisheit ist die Anwendung der Meditation. Wenn Weisheit gegenwärtig ist, dann ist darin Meditation; wenn Meditation gegenwärtig ist, dann ist darin Weisheit.

Der Kampfkunstlehrer Wong Kiew Kit schreibt in seinem "Complete Book of Zen" (Cosmospress 2010)  zu diesen Sätzen des sechsten Patriarchen Huineng etwas Interessantes: "Viele missverstehen dies, weil sie denken, ding müsse etwas anderes als Meditation sein, da es ja schon die Ausdrücke chan (dhyana) und jing-zuo (schweigendes Sitzen) dafür gäbe. Professor Wing-Tsit Chan hat das Wort beispielsweise mit "Seelenruhe" (calmness) übersetzt. Ding steht hier jedoch als Kurzform von chan ding (dhyana-samadhi). Die üblichen chinesischen Ausdrücke für die drei buddhistischen Disziplinen von moralischer Reinheit (sila), Meditation (dhyana) und Weisheit (prajna) sind jie, ding und hui. (...)
   Warum ist Meditation nicht verschieden von Weisheit? Weisheit ist die Erkenntnis, dass die kosmische Wirklichkeit transzendent ist - dies ist das Erlangen der Buddhaschaft. Sie geschieht in einem Zustand tiefer Meditation, wo das Bewusstsein jeglichen Dualismus überwindet."

Hui-neng selbst drückt es im Plattformsutra deutlicher aus: "In dieser meiner Lehre bedeutet 'Sitzen', überall ohne Hindernis zu sein und unter allen Umständen keine Gedanken zu aktivieren." (T 48:339a4-5)

Sitzen alias Meditation alias Versenkung ist also bei Huineng keine formale Sitzmeditation, sondern ein im gesamten Alltag aufrechzuerhaltender Geisteszustand.

Samstag, 5. Mai 2012

Der Zen-Meister Taego (III)

Wie man Zen studieren soll

"Tage und Monate vergehen wie ein Blitz, beachtet die Vergänglichkeit. Wir gehen vom Leben in den Tod über in der Zeit, die es benötigt, ein- und auszuatmen. Es ist schwer, sich auch nur eines Morgens oder Abends sicher zu sein. Ob ihr geht, steht, sitzt oder liegt - verschwendet nicht eine Minute. Werdet immer mutiger und unerschrockener. Seid wie unser ursprünglicher Lehrer Shakyamuni, der energisch voranschritt. 
   Ist der Geistgrund gleichmütig, wach und still, werdet ihr tiefgründige Gewissheit über die Absicht der Buddhas und Patriarchen gewinnen. Ihr müsst dies auf die rechte Weise erreichen. Geist ist der natürliche Buddha, warum also woanders danach suchen? Legt eure zahllosen Angelegenheiten ab und erwacht. Am Ende des Weges ist es wie vor einer Eisenwand. Falsche Gedanken sind ausgelöscht, und sogar das Auslöschen ist fortgewischt. Körper und Geist scheinen in der Leere zu ruhen. In der Stille reicht das Strahlen eines Lichtes überall hin. 
    Das ursprüngliche Gesicht: Wer ist es? Sobald es erwähnt wird, versinkt der Pfeil im Stein. Wenn die Zweifelsmasse inmitten aller Phänomene erschüttert wird, bedeckt ein Ding den blauen Himmel. Sprich darüber nicht mit Menschen ohne Weisheit. Gib dich nicht übermäßiger Freude hin. Du solltest Zenlehrer aufsuchen und ihnen zeigen, wie dein Geist arbeitetet, und sie nach ihrer Lehre fragen. Danach kannst du als einer bezeichnet werden, der die Tradition der alten Patriarchen fortführt.
   Unser Familienstil ist nicht unnahbar. Wenn wir müde sind, strecken wir die Beine aus und schlafen. Wenn wir hungrig sind, lassen wir unseren Mund essen. Wie nennt man im Menschenreich eine solche Schule? Schläge und Schreie fallen nieder wie Regentropfen."

Freitag, 4. Mai 2012

Der Reichtum der Ole Nydahl-Sekte

Auf Seite 3 (ehemals Seite 4) der Satzung der "Stiftung Diamantweg" wird uns offenkundig die Alleinverfügungsgewalt Ole Nydahls erklärt. Ist ganz ähnlich gemacht wie bei der Sekte Phat Hue, wo auch in Sachen Geldausgeben gewisse große Freiheiten herrschen (heißt bei Ole "unverhältnismäßig hohe Vergütungen", was auch immer das sei - Aktualisierung vom 11.08.2014: Dieser Passus wurde in der Fassung der Satzung vom Dezember 2012 nicht mehr gefunden!).

... amtiert auf Lebenszeit, allein weisungsbefugt, benennt/ernennt und entlässt Geschäftsführer und Beiratsmitglieder ...

In den Vorstand hatte er zunächst nur noch seine zwei Lebensgefährtinnen aufgenommen.

Eine solche Struktur stinkt natürlich zum Himmel.

Auf Seite 18 eines Jahresberichtes (Aktualisierung vom 11.8.2014: Seite 18 ist nicht [mehr] vorhanden, siehe also Seite 11)  finden wir das Kapital, über das Nydahl verfügen kann (Stand 2009): 12,5 Millionen Euro!

Wichtig ist der Passus, dass die Arbeit in der Stiftung "ehrenamtlich" ist, also unbezahlt (deshalb auch Null Euro bei Personalkosten!), jedoch den ehrenamtlichen "Sklaven" praktisch keine Macht zugestanden wird, da der Ole ja alle rausschmeißen kann, die ihm nicht passen.

Ah, und dann das noch auf S. 16 bzw. 30, der Nachsatz zur Satzung, eingeleitet mit den Worten "Rührend bescheiden ..." Wirklich rührend. Ehemalige oder aktive Nydahl-Schüler findet man überall. Sie wehren sich in den meisten buddhistischen Foren, zum Teil als Moderatoren, vehement und sensibel gegen Kritik an dem Blender, sie unterlaufen einen buddhistischen Dachverband (obwohl sie ihren eigenen haben) und machen sich im Internet dick (z. B. auf www.buddhismus.de). Mit ihrer kruden Sprache wollen sie sogar in Schulen einziehen. Lasst das nicht zu!

Dienstag, 1. Mai 2012

Der Zen-Meister Taego (II)


Wieder und wieder schau dir an, welche Form es hat. Plötzlich wirst du die Schranke der Buddhas und alten Patriarchen überwinden: Sie ist nur ein Lachen wert.

***

Der Augenblick, bevor ein Gedanke geboren wird, ist bereits falsch. Versuchen, mehr darüber zu sagen, ist verfänglich.

***

Wenn du auf natürliche Weise eins mit dem Geistgrund geworden bist, erreichst du den Ort, an dem du nichts weißt, nichts verstehst. Versuch nicht darüber nachzudenken, was dies ist, sei einfach aufmerksam und klar und halte dies allzeit aufrecht, was immer du tust, ob du dich bewegst oder stillstehst, redest oder schweigst. 

***

Dieses Reich hat mich geboren, so wie in einem Senfkorn zehn Milliarden Länder verborgen sind. Pah! Wie roh und derb dieser Dorfmönch ist! Dem Herrscherwillen folgend, enthülle ich überflüssigerweise die Hässlichkeit meiner Familie. Die Buddhas und Patriarchen tadelnd, schaffe ich karmisches Leiden. Ha ha ha!
   Von nun an werde ich nicht mehr so handeln. Ich werde schnurstracks in die Berge gehen und mit den Affen und Tigern leben.

***

Als wir uns trafen, gab es für mich kein Dharma, über das man reden konnte, und für dich kein Wort zu hören. Ein wahrhaftiges Sichbegegnen! Besteht nur der kleinste Vorwand zum Reden, wird alles zu Dornen von Meinungen. Dies ist das wahre Muster aller Treffen der Alten.

Sonntag, 29. April 2012

Geburtsfehler der Religion

Fundamentalisten gibt es auch im Buddhismus zuhauf. Nicht nur Theravadins, die am Wortlaut des Palikanon kleben, auch solche, die das Wort ihrer Lehrer und Überlieferungen - welcher Tradition auch immer - wie als gottgegeben ansehen. Stefan Weidner verglich das in seiner Islambetrachtung "Mohammedanische Versuchungen" (Frankfurt 2008) so:

"Wie jede Religion die Mängel ihres Anfangs bis zu ihrem Verblühen mit sich herumschleppt und manche an diesen Mängeln verblüht ... Keine Religion ist frei davon, und die Aufgabe der Theologen besteht häufig nur darin, diese Mängel in Vorteile umzudeuten, sie wegzudiskutieren oder auf günstige Weise zu begründen und zu rechtfertigen. Sie gleichen damit den Chirurgen, die Geburtsfehler nachträglich operativ korrigieren, und wie ein Erwachsener nach einer solchen Operation von seinem ursprünglichen Gebrechen kaum etwas spürt und man es ihm nicht ansieht, erkennt der unbefangene Gläubige bei einer theologisch gut verarzteten Religion kaum etwas von ihren ursprünglichen Schwächen. ... Man gewöhnt sich allmählich an sie und begreift sie womöglich als Vorteil."

Theologe kann man hier getrost durch Mönch ersetzen, manchmal sogar mit Akademiker. Die so genannte Deutungshoheit also.

Freitag, 27. April 2012

Der Zen-Meister Taego (I)

Taego (1301-1382) verkörperte koreanisches Zen und wetterte gegen minderwertige Lehrer und die allgemeine Dummheit. Ich möchte hier ein paar seiner stärksten Sätze aus dem Taego Hwasang Orok vorstellen.

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Hier ist ein gutes Zimmer für den König der Leere. Früher nannte man es Glückswolkenhöhle. Heutzutage lebt hier nur ein verarmter Mann des Weges. Mögen auch Buddhas und Patriarchen vorbeikommen, er wird sie nicht empfangen. Klaräugige Berobte können sich ihm nicht nähern. Doch sag mir, wer kann ihn sofort abschneiden? 

Die Lehre gemäß des Buddha verbreiten, Wesen gemäß ihrer Fähigkeiten empfangen: Pah! Was für ein eitles Geschwätz!

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Der ganze Kanon der schriftlichen Lehren, die auf Worte Buddhas zurückgehen, ist nur ein geschicktes Mittel, um die innewohnende erleuchtete Natur der Menschen aufzuzeigen. 

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Geist ist Buddha, Buddha ist Geist. Außerhalb des Geistes kein Buddha, außerhalb Buddhas kein Geist.

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Nun, wo du dein Zuhause verlassen hast, musst du die Entschlossenheit eines großen Menschen entwickeln und einen mutigen und unerschrockenen Geist entfalten.

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Plötzlich kann dein Geist nirgendwohin gehen und wird mit der Wirklichkeit eins.

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Die Wurzel des Menschengeistes ist von feiner und wundersamer Art. Sie kann weder mit Worten noch mit Gedanken noch durch Stille erfasst werden.

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Wenn du ans Ende des Weges kommst und einer Eisenwand gegenüberstehst, sind die an Objekte gebundenen Gedanken und falsche Besorgnisse für immer beruhigt. Die Wirkung ist wie weiße Strahlen des Mondlichtes, die Eis durchdringen. Allmählich erreichst du den Ort, wo Wachsein und Schlafen eine Soheit sind.

[Mehr in J. C. Cleary: A Buddha from Korea. The Zen Teachings of Taego. Boston 1988]

Mittwoch, 25. April 2012

Daitô Kokushi: Reden ist Zen


Wie öde, untätig auf dem Boden zu hocken,
nicht meditierend, ohne Durchbruch.
Schau da die Pferde am Kamo-Fluss galoppieren!
Das ist Zazen!

Daitô alias Myôchô Shuhô (1282-1334) war in China ein Schüler Hsü-tangs (jap. Kidô) und in Japan ein Schüler vor allem Daiôs. Aus der Linie von Daitôs Nachfolger Tettô Gikô stammen prominente Meister wie Ikkyû und Takuan. Daitô ist vor allem als wichtiger Interpret der Kôan-Tradition bekannt. Einst stellte er klar:

"Das Herz (heart) selbst ist wahrlich der Buddha. Was 'die eigene Natur sehen' genannt wird, bedeutet, den Herz-Buddha zu erkennen. Legt wieder und wieder eure Gedanken ab und entdeckt den Herz-Buddha. Man könnte annehmen, dass er nur in der Sitzmeditation erkannt würde. Dies ist jedoch ein Fehler. Yung-chia sagte: 'Gehen ist Zen, Sitzen ist Zen. Redend oder schweigend, den Körper bewegend oder nicht, ist er in Frieden.' Dies lehrt uns, dass Gehen, Sitzen und Reden allesamt Zen sind. Nicht nur Zazen und das Unterdrücken der Gedanken. Ob beim Aufstehen oder beim Hinsetzen, bleibt konzentriert und aufmerksam. Plötzlich wird euch das ursprüngliche Gesicht begegnen."

Kein Schirm - durch und durch nass werdend, 
mache ich den Regen zu meinem Mantel.

Montag, 23. April 2012

Der Alte im Turban

"Irgendwo in der Steppe saß mit untergeschlagenen Beinen ein Alter im Turban und meditierte. Als er aufsah, fragte ich ihn: Worauf zielt dein Gebet? Der Alte erwiderte: Auf das Nicht-Denken; wenn du verstehst, was ich meine. Und weiter fragte ich: Wie könnte einer ins Reich des Nicht-Denkens gelangen? Darauf der Alte: Halte die Zunge im Munde, auf dass du nichts berührst.
   Unterwegs im fremden Land, auf dem Bettrand sitzend morgens im Hotel, machte ich einmal das Experiment. Bald schlossen mich flackernde Flammen ein, oder der Nordwind umwirbelte mich mit Geheul, ein eisiger Regen strich über mich hin. Jetzt war ich Fudo-myoo, jetzt Han-shan oder Shih-te. (...)
   Indessen schwebte mir das Gesicht des Alten im Turban herauf. Ein einsames Gesicht. Gesicht eines Mannes, der fahnenflüchtig war seit Jahrzehnten."

[Yasushi Inoue: Eroberungszüge. Berlin 1982. Fudo-myoo, der "Unbewegliche", ist der Vernichter allen Übels, Han-shan und Shih-te waren Dichtermönche im China der Tang-Zeit (618-905)]

Samstag, 21. April 2012

Wie das Selbst das Selbst abwirft

"Sieger bin ich über alles, das ich kannte, aber ungebunden bin ich an alles, das erobert und bekannt ist. Indem ich alles aufgebe, bin ich frei durch die Zerstörung des Begehrens. Nachdem ich so alles unmittelbar selbst verstanden habe, wen soll ich meinen Lehrer nennen?"

Edie Meidav erzählt in ihrem Epos "Henry Goulds magische Reise" (München 2003) von einem, der auszog, um ausgerechnet auf Sri Lanka (Ceylon) in den 30er-Jahren eine ideale Gesellschaft zu errichten. Viele Kapitel werden durch buddhistische Ideale wie im obigen Zitat eingeleitet. An einer Stelle siegt jedoch die Sinnlichkeit über den religiösen Pfad (fette Hervorhebung von mir):

"Als sie und Henry sich lieben an diesem windigen Nachmittag (...) geschieht eine Preisgabe, wie Henry sie niemals zuvor erfahren hat. Nicht bei der Meditation und niemals beim Erfolg. (...)
   Es ist vielleicht, weil er sich endlich gestattet, mit ihr zusammen zu sein - an dem Angelpunkt, an dem er nicht mehr sagen kann, wo sie beginnt und er endet. Das also ist es, was die Buddhisten meinen, sein Gedanke ist Gedanke. Sie suchen sich langsam ihren Weg durch die Nachmittagsliebe. Dies ist das Selbst, das das Selbst abwirft.
   Er sieht ihren Schimmer, sieht die Kaskade von Haar, das sich auf dem Kissen ausbreitet, und denkt, sie ist hier, um gekannt zu werden; er kann diesen Blick festhalten, bis sie ihn ergreift, ohne zu blinzeln und auch ohne Furcht. Heute sind diese Augen nicht so gespenstisch, nein, sie erkennen ihn. Sie wählen ihn geradezu. Hier stehe ich auf meiner Warte und stelle mich auf meinen Turm. Keine Sprache ist vollkommen genug, um genau diese Tatsache zu vermitteln. Sie ist erkennbar nur in dieser besten und einfachsten Art des Schweigens."

Donnerstag, 19. April 2012

Warum Fremdgehen gut sein kann

Im Blog des Theravada-Mönchs Sujato findet sich ein Plädoyer für die Ehe von Partnern gleichen Geschlechts. Dabei wird auf die Regel/das Gebot gegen sexuelles Fehlverhalten eingegangen. Wie üblich, wird es so interpretiert, dass Ehebruch untersagt sei. Im Einzelnen wird dem Mädchen und der jungen Frau Schutz durch Familienmitglieder zugesagt, so lange sie also unter der Obhut anderer stünde, sei sie gewissermaßen tabu. Sujato meint, was explizit über die Frau bzw. das Mädchen im Palikanon gesagt wird, könne auch für den Mann gelten. Und dann: "Homosexuality is not an issue", der Buddha habe nicht die Person, sondern die Tat beurteilt, und er habe stets auch das Mitempfinden für die Ausgegrenzten gezeigt, was sich also auf sexuelle Minderheiten beziehen ließe. Seltsamerweise sagt Sujato jedoch auch: "Rape, paedophilia, adultery: these and many other problems are clearly mentioned in the early texts, and the Buddha made it clear that he didn’t approve of them." Er nennt also Vergewaltigung, Pädophilie und Ehebruch in einem Atemzug und behauptet, Shakyamuni hätte sie klar abgelehnt. Die Textbeweise bleibt er schuldig.

Solche unwissenschaftlichen und ungeheuerlichen Aussagen dürfen nicht verwundern, kommen sie doch von jemandem, dem der Sex laut Ordenskodex untersagt ist. Eine "Philia", wie auch immer, bezeichnet eine Liebe (und nicht notwendigerweise Sexualität), so z.B. auch die Homophilie die Liebe Gleichgeschlechtlicher. Sie ist also das Gegenteil von Vergewaltigung. Letztere ist deshalb auch Bestandteil des Strafgesetzes, erstere nicht. Außerdem gab es in Indien schon vor langer Zeit Kinderehen, die erst im 20. Jahrhundert überwiegend abgeschafft wurden. Es ist also davon auszugehen, dass der Buddha, was unser heutiges Verständnis von Pädophilie angeht, keineswegs unserer Meinung war, da er sich nicht gegen die Kinderehen aussprach (denn dort ging das Mädchen ja von der Obhut der Familie in die des Ehemannes über, was laut Palikanon in Ordnung war). Auch wenn dieses Thema die meisten Menschen beunruhigt, der hier durchscheinende Opportunismus Sujatos könnte direkt aus einer feministischen Kampfschrift stammen, wäre da nicht - der Ehebruch.

Dass Homosexuelle in erster Linie für die Ehe kämpfen, wenn sie sich für ihre Gleichberechtigung stark machen, ist nicht zu erkennen. Und wenn, dann hat es damit zu tun, dass daraus finanzielle und andere Vorteile erwachsen können, die man sich nicht entgehen lassen will. Nicht zuletzt dürfte die Adoption von Kindern erleichtert werden. Was bei Sujato zwischen den Zeilen anklingt ist jedoch die Ehe als ideale Form der Partnerschaft auch Gleichgeschlechtlicher, und daran darf man zweifeln, wenn schon bei den Gegengeschlechtlichen in unseren Breitengraden etwa die Hälfte der Ehen scheitert.

In einem weiteren Blog, wo ich mich zu Sujatos Ansichten äußerte, versprach ich einen persönlichen Bericht eines Ehebruchs. In einer Umfrage unter 10.000 Menschen für den so genannten "Playboy-Report" (wissenschaftlich, trotz dieses Namens, und unter der Leitung von Prof. Habermehl) können wir lesen, dass ca. 50 % der Befragten sagen, das Fremdgehen ihres Partners habe ihrer Beziehung nicht geschadet (wobei noch ein beträchtlicher Teil dazukommt, der solches erst gar nicht erlebt hat). Eine Aussage, dass Ehebruch (oder "Beziehungsbruch") wirklich "Bruch" ist, lässt sich also sachlich gar nicht halten. Schon von daher muss man recht altbacken wirken, wenn man an jahrtausendealten Ratschlägen festhält.

Auf meiner letzten Asienreise begegnete ich einer Frau wieder, die ein kleines Geschäft für Touristen betreibt, mit T-Shirts, Taschen etc. Ich hatte sie das erste Mal gesehen, als sie ca. 19 war, bildschön, und wie sich nun herausstellte, damals bereits Mutter. Ihr Ehemann wurde mir ebenfalls vorgestellt. Im Lauf der Jahre bekam sie noch viele Kinder. Nun war sie Anfang 30, konnte etwas Englisch, redete sehr offen mit mir, und wie sich herausstellte, hatte ihr Ehemann eine Affäre in der Stadt, schlief meist auswärts, und sie war bereit, mit mir ein paar Tage zu verreisen. In der dörflichen Gegend, aus der sie kommt, wird schnell klar, ob die Gemeinschaft so etwas absegnet, und insbesondere die Frauen waren auf ihrer Seite: Der Ehemann war schuld, sie liebte ihn noch immer, aber sie wollte sich nun auch Freiheiten gönnen. Wir waren dann also eine gute Woche zusammen und reisten durchs Land. Man konnte den Mann nur um diese Frau beneiden, ich sah davor und danach, wie sie die Kinder versorgte (was zwischenzeitlich ihre Mutter übernommen hatte), sich ums Vieh kümmerte, dann noch ihren Shop managte. Kein böses Wort, unendliche Geduld, Bescheidenheit - im Grunde war diese Frau die Verkörperung buddhistischer Tugenden. 

Als wir zurückkamen, hatte die Polizei die Zufahrt in ihr Dorf aus Sicherheitsgründen für Autos abgeriegelt, so dass unser Taxi uns zurück zum Hotel brachte. Von dort rief sie ihren Mann an und bat, sie mit dem Motorrad nach Hause zu fahren. Als er kam, ging mir natürlich so einiges durch den Kopf. In den letzten Tagen hatte er sie immer häufiger angerufen und einmal ein sehr bewegendes Lied am Handy gesungen. Ohne es wörtlich zu verstehen, bekam ich das Gefühl, er wolle sie zurückhaben. Ich gab ihm also die Hand, er war überraschend kräftig und sah mich ernst an, und ich sagte so etwas wie "Thank you and good luck." Ein paar Monate später rief ich meine Bekannte an, hörte ihn im Hintergrund und fragte, ob alles in Ordnung sei. Ja, sagte sie, er sei zu ihr zurückgekehrt.

Es ist eine einfache Geschichte, die mit allzu komplizierten Menschen nicht funktionieren dürfte. Und dennoch ein gutes Beispiel für Ehebruch nicht allzuweit von Shakyamunis Lebensraum, der für die Frau das gewünschte Ergebnis zeitigte und mir eine schöne Zeit bescherte, ohne dass ein übler Nachgeschmack blieb. Im Bereich der Sexualität und Partnerschaft ist vieles nicht so schwarz-weiß, wie es Sujato zu glauben scheint, wenn er das, was der Shakyamuni gesagt haben soll, so stehen lässt, und dass, was er nicht sagte, nach Gutdünken interpretiert.

Mittwoch, 18. April 2012

Das Elefantenhaus























Hier noch eine Serie von Filmclips über das Leben und die Lehre Buddhas, u.a. mit dem
2011 in Bangkok verstorbenen Experten für frühes chinesisches Chan, John McRae.

Dienstag, 17. April 2012

Wollt ihr ewig leben?

Im letzten Kapitel von Julian Barnes Roman "Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln" (Reinbek 2000) führt er einen interessanten Gedanken aus: Was, wenn die Menschen ewig leben könnten? Hier kommen sie alle ins Himmelreich und können sich aussuchen, wie sie es gerne hätten. Am längsten halten auf diese Weise die Religiösen durch, die sich am Gottesdienst ergötzen. Von den Nicht-Religiösen sind es z.B. Gelehrte und Juristen, die so viel zu untersuchen und zu streiten haben, dass sie jahrhundertelang damit beschäftigt sind. Schließlich wollen aber auch sie nicht mehr. Dann genügt es, einfach sterben zu wollen, und es geschieht ...
   "Und wie sterben sie? Bringen sie sich selber um? Bringt ihr sie um?" (...)
   "Gottes willen, nein. Wie gesagt, heutzutage geht es demokratisch zu. Wenn man wegsterben will, tut man es. Man muss es nur lange genug wollen, dann klappt es schon, es geschieht einfach. Der Tod hat nichts mehr mit Zufall oder düsterer Unvermeidlichkeit zu tun, wie beim ersten Mal. Hier herrscht die totale Willensfreiheit, wie Sie bestimmt schon gemerkt haben." (...)
   "Diese Probleme, die ich mit dem Golf und dem Sorgenmachen hatte. Reagieren andere Leute auch so?"
   "O ja. Wir erleben es oft, dass Leute um schlechtes Wetter bitten, zum Beispiel, oder dass etwas schiefgeht. Es fehlt ihnen was, wenn nie was schiefgeht. Manche wollen Schmerzen haben." (...)
   "Und wie groß ist der Prozentsatz derer, die sich dafür entscheiden wegzusterben?"
   "Oh, hundert Prozent, natürlich. Über viele Tausende von Jahren, nach der alten Zeitrechnung, natürlich. Aber ja doch, jeder entscheidet sich dafür, früher oder später."
   "Also ist es genau wie beim ersten Mal? Am Ende stirbt man immer?"
   "Ja, nur dürfen sie nicht vergessen, dass die Lebensqualität viel höher ist. Die Leute sterben, wenn sie wirklich genug haben, nicht vorher. Beim zweiten Mal ist es viel befriedigender, weil es gewollt ist."

Im 13. Jahrhundert hatte der Sufi Ibn Arabi bereits eine Welt ausgemalt, die das Paradies darstellte. Der Tod auf Erden wurde von einer als Firdausiyin bezeichneten Glaubensgemeinschaft als gewünschtes Ereignis angesehen, das gegen die ansonsten im ewigen Leben drohende Langeweile wirke. Ungläubige seien diejenigen, die nicht verstünden, dass sie bereits im Paradies lebten.