Mittwoch, 26. Februar 2014

Was bedeutet Ethik im Zen (I)?

[Foto: Keller/Mülldeponie Anlong Pi, Warten auf das Müllauto]


Vorläufer Nagarjuna: Karma verpflichtet zum rechten Miteinander

Nagarjuna beschäftigte sich in mehreren Werken mit buddhistischer Ethik, so im Bodhisambâraka, Suhrlekha und Ratnâvalî. Im Mûlamadyamakakârikâ (MMK) entwirft er die Parallele zwischen gewöhnlichem Gesetz (vyavahâra) und karmischer "Schuld" (rna), womit er zugleich einen Widerspruch zwischen Gesetzgebung und Gerechtigkeit zu verneinen scheint. Das höchste Ziel (paramârtha) menschlicher Freiheit - Nirwana - sei in den Transaktionen einer funktionierenden Gemeinschaft zu verwirklichen. Die Sarvâstivâda-Schule des Buddhismus verstand unter svabhâva Unabhängigkeit und Autonomie, die Fähigkeit, aus sich selbst heraus Normen zu entwickeln und diesen zu folgen; vom Ausmaß dieser Fähigkeit hingen tugendhaftes Verhalten und das Erlangen der Erleuchtung ab, es gab Handlungen des Anhaftens und Handlungen der Freiheit. Nagarjuna suchte diesen Dualismus durch Betonen der Leere (shunyata) zu überwinden, die sich im bedingten Enstehen (pratîtyasamutpâda) offenbare; er setzte anstelle jener individuellen Autonomie die aktionsgebundene gegenseitige Abhängigkeit und einvenernehmliche Freiheit. Zunächst sieht Nagarjuna buddhistische Praxis (bhâvanâ) als Wiedergutmachung von Schuld an. Dann soll diese Praxis ein Spiegel des gesetzmäßig korrekten Verhaltens sein. Schließlich sieht er rechtes und falsches Tun nicht als Gegenteile, sondern als ko-produktiv (dharmâdharma-samutpannam). "Karma ist eine Schuld ohne Verfallsdatum, ... sie wird vergolten durch kontinuierliche Praxis (bhâvanâ-heya)."

Die Hongzhou-Schule des Zen: Dekonstruktion des Karma

Die Hongzhou-Schule begann mit Mazu Daoyi (709-788) in der chinesischen Tang-Zeit und beruft sich über Shenhui auf Huineng und die "plötzliche Erleuchtung" (und deren Kultivierung). Ihre bedeutenden Vertreter warnten allesamt vor dem "Karma von Leben und Tod": "Nirwana erreichst du nicht, wenn du nicht von Disziplin und Geboten ablassen kannst." (Dazhu Huihai); "Du sagst: 'Praktiziere alle sechs pâramitâ und die zehntausend Taten.' In meinen Augen schaffst du so nur Karma." (Linji Yixuan). Damit wurde der Unterschied zwischen gutem und schlechtem Karma, die Dualität von Wahrheit und Täuschung aufgehoben, damit sich das volle Potential des Ethischen erst entfalten kann (nach Youru Wang das "Trans-Ethische" oder "Para-Ethische", das Nicht-Ethik und Ethik verbindet, das Transzendente aus der und innerhalb der Moral). Karma erschöpft sich gemäß den Gegebenheiten, wie die Hauptlehren der Hongzhou-Schule aufzeigen: der gewöhnliche Geist ist der Weg (pingchangxin shi dao); folge den Bewegungen aller Dinge (renyun); folge den Bedingungen, wie sie sind (suiyuan). Der Meister lebt schlicht (eine Robe, eine Schale) und kann sich dank seines nichtanhaftenden Geistes offen dem Alltag widmen. Die bedingte Welt und ihre bedingten Aktivitäten sind untrennbar mit der Erkenntnis der Leere verbunden. Ethik wird zu Ethos an dem Ort, wo man mit anderen zusammen ist. Moralische Prinzipien unterliegen, wie es der Buddha des Palikanons sah*, der Unbeständigkeit und dem bedingten Entstehen. Zugleich findet man mit diesem Bewusstsein an jedem Ort und zu jeder Zeit eine Möglichkeit, buddhistisch zu handeln, wobei man - eingedenk der Grenzen moralischer Normen - individuellen Personen und Situationen gerecht werden kann. 

***

In obigem Beitrag wurden verschiedene Aufsätze aus folgendem Band zusammengefasst: Youru Wang (Hg.): Deconstruction and the Ethical in Asian Thought (Routledge 2007). Das lesenswerte Werk hebt im ersten Teil auf die Parallelen und Unterschiede der Dekonstruktion des Philosophen Jacques Derrida (1930-2004) zu derjenigen asiatischer Denkschulen ab, wobei u. a. auch der Konfuzianismus und Daoismus zur Sprache kommen. Im zweiten Teil wird auch Bezug auf den Philosophen Emmanuel Levinas (1905-1995, "die Assymetrie zum Anderen") genommen, der vor allem von Heidegger und Husserl beeinflusst wurde. Im Vergleich mit Shantideva wird etwa behauptet, dass beider Ethik erfordere, die eigene Begrifflichkeit zu dekonstruieren. Bei Shantideva befreie das Mitleid mit dem anderen das Selbst von seiner Subjektivität. Im ersten Teil des Buches wurde schon mit Bezug auf Dôgen Zenji gesagt, das Abfallen von Körper und Geist (des Selbst) würde gerade die Offenheit für den anderen Menschen ermöglichen. Robert Magliola sieht in seinem Essay die "zwei Wahrheiten" Nagarjunas - paramârtha-satya (höchste Wahrheit) und samvrti-satya (konventionelle Wahrheit) - als Gegengewicht zur Gefahr des Hongzhou-Chan, mit dem (leeren) Buddha-Geist unethisches Verhalten zu rechtfertigen. Doch gelte auch: "Nirvana und Samsara sind eins."

* siehe D.J. Kalapuhana: Ethics in Early Buddhism (Honolulu 1995); P. Harvey: An Introduction to Buddhist Ethics (Cambridge 2000).

Mittwoch, 19. Februar 2014

Altes von der vegetarischen Front: Vanja Palmers

In der Ausgabe 04/2013 von Buddhismus Aktuell spekulierte der Zenlehrer Vanja Palmers über unsere "besonders enge" Verbundenheit mit dem Schwein. Ich schrieb einen Leserbrief an die Redaktion, gehe aber nicht davon aus, dass er abgedruckt wurde. Hier zunächst mein Kommentar, danach weitere Ausführungen zu Palmers seltsamer Logik. Ich sollte vorausschicken, dass ich auf einem Bauernhof groß wurde und zwei Schweine zu meinen Freunden zählte (beide später geschlachtet).
   "Vanja Palmers wirft einiges durcheinander, was man sauber trennen sollte. Ärzte empfehlen überwiegend gemäßigten Fleischkonsum, nicht den völligen Verzicht. Aus der Massentierhaltung folgt nicht, dass man Vegetarier oder Veganer werden muss, da man sich auch mit Wild oder über andere Tierhalter gemäßigt versorgen kann. Will man der Umwelt nutzen, so wäre es angebrachter, auf Schafs- und Rindfleisch zu verzichten, da beides eine schlechtere Ökobilanz aufweist als das des Schweines. Tatsächlich ergeben sich nur 11 Prozent Mehrbelastung durch die konventionelle gegenüber der ökologischen Haltung von Schweinen in Bezug auf ihr Treibhauspotential. Man sollte sich auch vergegenwärtigen, dass es praktisch keine Hausschweine gäbe, wenn sie nicht zur Ernährung erzeugt würden. Wer sich aus Liebhaberei ein solches Schwein hält, kann nicht verhindern, dass es der Umwelt eben auch "schadet". In diesem Sinn ist jedoch der Mensch der größte Übeltäter, doch wer würde schon dafür plädieren, dessen Zeugung gänzlich zu unterbinden? Besonders kurios finde ich vegetarische Tierhalter etwa von Hunden und Katzen, die diese naturgemäß mit Fleisch  füttern."
   Mir war natürlich klar, dass dies den zahlreichen Hunde- und Katzenfreunden unter Buddhisten am ehesten aufstoßen würde - im Hundefutter sind ja meist Abfälle aus der oben kritisierten Tierhaltung verwertet. 
   Palmers hat noch mehr zu sagen, in der Wiener Zeitung meint er doch tatsächlich, Wissenschaftler hielten das Milchtrinken unter Erwachsenen für ein ebenso großes Risiko wie starkes Rauchen. Die Wissenschaftler nennt er nicht, meine Oma kannte er auch nicht, die ihr hohes Alter ihrem täglichen Milchkonsum zu verdanken glaubte, denn gegessen hat sie da nicht mehr viel. Über Palmers kann ich gar nicht genug spotten. Zitat: "Von den rund 4500 Arten von Säugetieren ist der Mensch das einzige, das über das Säuglingsalter hinaus Milch trinkt, noch dazu die Milch einer anderen, im Säuglingsstadium viel schneller wachsenden Spezies." Jaja, wir sind wohl auch die einzigen, die Sojamilch trinken. Oder Käse und Schokolade essen. Allerdings wohl auch die einzigen, die in großer Zahl Lactose spalten können (etwa ein Viertel der Menschheit) oder - wenn nicht - mit Lactrase-Kapseln nachhelfen, oder Joghurt essen, oder Yakult trinken usw. Dieser Narr. LSD hält er dafür offenbar für ganz gesund. Jedenfalls brauchte er es nach eigenem Bekunden, um zu erkennen, dass er auf den Reichtum seiner Familie nicht angewiesen ist. Aber vielleicht hat er recht. Man sollte allen Reichen LSD geben, damit sie endlich ihr Vermögen angemessen verteilen.

[Foto: Tide, ehemals Tierherberge Egelsbach, Dank an die Fotografin; Tide war auf einem Auge blind, hatte Angst vor fahrenden Autos und liebte einen anderen weißen Hund, ohne den er nicht Gassi ging; mit beiden lief ich ein Jahr lang so oft durch die Wälder, dass ich dabei zehn Kilo Gewicht verlor.]

Mittwoch, 12. Februar 2014

Der erkaltete Mönch ... Stalker ... und Woody Allen

Vor Kurzem hat sich eine offensichtlich schizophrene Person auf mindestens einer Website als Macher dieses Blogs mit meinem Namen ausgegeben. Vgl. den Beitrag von "James" und ähnlich lautende von "spike" auf Sweeping Zen (http://sweepingzen.com/tabloids-leaks-journalism/) mit diesem Avatar (http://secure.gravatar.com/glutenshin). Es gibt sicher viele Möglichkeiten, mit solchen Stalkern umzugehen, meine sieht u.a. so aus: Wer noch irgendwelche Zweifel daran hatte, dass es sich bei den gegen Shimano Aktiven nicht selten um psychisch Gestörte handelt, dürfte diese Zweifel nun langsam zerstreut finden. Ich will damit nicht sagen, dass wir solchen Menschen keine Empathie entgegenbringen sollten. Ich wünsche "James", "spike" (sowie ihren diversen "Persönlichkeiten") und anderen Betroffenen, dass sie ihre Dämonen bewältigen lernen, ohne anderen Schaden zufügen zu wollen. Das zusätzliche Erwähnen des Falles Woody Allen bei Sweeping Zen hat mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu beigetragen, dass sich die genannte Person besonders gegen mich ins Zeug legte und sogar Beiträge (beim lustigen Y-Buddhisten Tutteji) mit meiner email-Adresse versah. Auch hierauf habe ich eine Antwort, meinen Leserbrief in Sachen Allen, den ich am Sonntag an die WELT schrieb:

"Wieder einmal beteiligt sich die WELT an der unsäglichen Begriffsverwirrung im Bereich menschlicher Sexualität. In Jan Küvelers Artikel über Woody Allen heißt es, der Regisseur würde Männerfiguren entwerfen, die "hart an der Grenze zur Pädophilie segeln". Die Pädophilie ist jedoch eine Neigung zu vorpubertären Kindern, um "hart an der Grenze" dieser zu sein, müssten die von den Filmfiguren Allens begehrten Wesen also ca. 13 Jahre alt sein. Leider kommt es in Barbara Möllers Beitrag "Man sieht nur Verlierer" noch ärger. Hier wird von "sehr jungen Mädchen" gesprochen, wenn 17- oder 19-Jährige gemeint sind, also mit anderen Worten junge Frauen. Dahinter steckt eine unangenehme Stimmungsmache, die im Satz gipfelt, wenn die Vorwürfe gegen Allen stimmten, "dann wäre er zum Kotzen". Wir wissen doch bereits, dass es bei Roman Polanski nicht so war, der schon rechtskräftig verurteilt wurde. Wenn Ihre Autorin so leicht zum Erbrechen zu bringen ist, sollte sie keine Filme rezensieren. Auch die Behauptung, zu Allens "Familie" hätten 15 Kinder gehört, ist nicht richtig, da Allen nie mit Mia Farrow zusammenlebte (sie hatten getrennte Wohnungen) und nur für einige der Kinder sorgte. Eher sollte man sich fragen, ob nicht womöglich in Mia Farrows Kindheit der Auslöser für mögliche Projektionen zu finden ist. Schließlich bekam ihr Bruder wegen Kindesmissbrauchs zehn Jahre Knast, und nicht selten sind Täter einmal Opfer gewesen. Es wäre interessant, über die Kindheit der Farrows mehr zu erfahren. Das geradezu neurotische Adoptieren von Kindern durch Mia Farrow könnte eine Kompensationsstrategie für eigene Entbehrungen sein."

***

Darüber kann ich lachen:



"Aber das ganz und gar Unvereinbare, das, was die schwerste und am schwersten zugängliche Einsicht gibt, das ist kein Strom, das führt nicht unerbittlich vom einen zum anderen.
   Es muss mit Wachsamkeit betrachtet werden, bis, plötzlich." 

(Per Olov Enquist: Gestürzter Engel. München 1991)

Mittwoch, 5. Februar 2014

Das Ende von Thich Thien Son alias Thay (I) ... und des Zen in Amerika

"Wenn Mönche dabei versagen, die Welt zu retten, ist es Zeit für die Welt, Mönche zu retten." 

(Nyogen Senzaki)

[Aktuell siehe auch hier.] Es wird sicher erwartet, dass ich auf Thien Sons (der sich nun "Thay" nennt) Rücktritt "im Jahr des Holz"kopfes, äh, -"pferdes", vom Amt des Abtes hinweise und auf seine angekündigte Entrobung. Wir werden weiter auf Phat Hue schauen müssen, da offenbar der neue Abt der Vater des alten ist. Die Geldmaschine bleibt jedenfalls in Händen der Familie. Vom Regen in die Traufe? ... Vergessen wir auch nicht, dass der kleine Hue Bao noch vor seinem Schulabschluss kürzlich in ein Kloster des tibetischen Buddhismus verschoben wurde ... Themenwechsel ...



Während viele US-Zen-Adepten momentan zu glauben scheinen, über das Enttarnen von Ehebruch durch Eido Shimano oder Fummeleien von Joshu Sasaki das Zen für sich retten zu können, meine ich, an ihren Früchten sollte man sie erkennen ;-) Das obige Filmprojekt will einen Überblick über amerikanisches Zen liefern. Nach meinem Eindruck ist es also am Ende, weil das, was wir da hören, überwiegend nichts mehr zu tun hat mit dem, was die Alten lehrten. Einer wird den "alltäglichen Bullshit" nur im Zazen los (statt ihn im Alltag anzunehmen). Einer redet von Emotionen, die er im Grunde nur beim Zazen hat (statt anderen Menschen seine Emotionen zu zeigen). Wenn von "Praxis" (Übung) gesprochen wird, ist Zazen gemeint oder Rituale wie Kesanähen (statt Alltagsleben). Die beste Pointe kommt am Schluss von Alan Senauke, der meint, durch intensives Zazen schmecke das Essen besser. Wer schon mal auf Sesshin gegessen hat, weiß, wie nötig solche Illusionen sind. Man wird auch feststellen, dass alle Zenzeugen im Film eine Robe oder ein Rakusu brauchen, um vor die Kamera zu treten, so als würden sie selbst nicht genug hermachen. Klar, dass weder Shimano noch Sasaki je so einen Stuss geredet haben.

In den aktuellen Auseinandersetzungen, die wie im Fall Shimano vom NY Times-Mitarbeiter Oppenheimer und befreundeten feministischen Interessengruppen befeuert werden, wird im Grunde versucht, das Ende des 2. Weltkrieges aufzuarbeiten. Die amerikanische Schuld projiziert sich noch einmal auf den bösen Japaner. Diesmal werden die Amerikaner verlieren. Die Bombe explodiert in ihrem eigenen Land.