Samstag, 15. September 2018

Der unklare Blick auf den Meister: Dae Gak und Seung Sahn

Irgendwann schrieb ich hier einmal von Zen-Schülern, die sozusagen beim falschen Meister waren bzw. in meinen Augen gar keinen nötig hatten. Wie das die Betroffenen sehen, verstehe ich nicht gut genug. Immerhin lässt sich aus den wiederkehrenden Aussagen von solchen Schülern, deren Lehrer in Skandale verwickelt waren, herleiten, dass sie häufig dennoch in deren Gemeinschaft Wertvolles gelernt hätten und auch deren Schattenseiten auf eine gewisse Weise hilfreich gewesen seien. Als Außenstehender dachte ich mir oft, dass diese nachträgliche Sinngebung verständlich ist, weil man von der Ernüchterung oder Enttäuschung nicht übermannt werden will. Ob eine solche Ernüchterung auch bei Dae Gak (Robert Genthner) eintrat und er sich deshalb - wie sein Kollege Georg (Bomun) Bowman - von der Kwan Um-Linie Seung Sahns lossagte, in der er Dharma-Übertragung erhalten hatte, weiß ich auch nicht. In jedem Fall scheint mir der Einfluss Joshu Sasakis, bei dem beide ebenfalls übten, deutlichere Spuren hinterlassen zu haben als der Seung Sahns. 

Dae Gak ist gelernter Psychologe. Seine Stärke sehe ich darin, die Zen-Lehre auf konzentriertes und wertfreies Zuhören zu fokusieren, wobei er auch Gelübde und Regeln in dieser Hinsicht interpretiert. Sein auf Deutsch übersetztes "Zen des Lauschens" hat mich einst angesprochen, weil ich in meinem Alltag in einem sozialen Brennpunkt, wo ich aus der Wohnung heraus zahlreiche Zen-Titel übersetzte und publizierte (und anfangs noch fleißig an Zentren versandte), nicht selten meine Gedanken (und meine häufigen Migräne-Attacken) gegen den in solchen Siedlungen üblichen Lärm von Kindern, Jugendlichen und Asozialen sammeln musste. Genauer als in der Abgeschiedenheit erfährt man dort m.E., wo die Grenzen des Machbaren und der eigenen Toleranz sind. Dae Gaks Anweisungen waren ein gutes Mittel, diese auszudehnen. Darum habe ich mir nun seinen Titel "Upright with Poise and Grace" (Gnomon Press 2012) besorgt, und auch darin finden sich wieder aufrichtige Selbsterkenntnis und lesenswerte Passagen, die von Dae Gaks Zen-Erfahrung zeugen. Am eigenen Kôan zu arbeiten sei eine lebenslange Aufgabe, die nie zu einem Ende komme. "Die Gebote haben wir für den Fall, wenn unsere Gedanken nicht klar sind und wir dem anderen nicht zuhören", schreibt er zum Beispiel, wobei er mit Zuhören ein nicht-wertendes Dasein für den anderen umschreibt. Einer meiner Lieblingabschnitte lautet: "Spirituelle Reife kommt, wenn wir lernen, die Höhen und Tiefen unseres Lebens zu durchleben. die Freuden und Kümmernisse. Reife erscheint, wenn wir lernen, dass das Erforschen unseres Lebens, so wie es ist, die Alchemie darstellt, die Unheil und Missgeschick in das Gold von Großzügigkeit und Mitempfinden verwandelt."

Was mir jedoch auffällt, ist die wirklich mangelhafte Qualität dessen, was er von Seung Sahn zitiert. Es scheint Dae Gak nicht aufzufallen, wie das meiste davon dafür spricht, dass sein ehemaliger Lehrer (dessen Fehler ihm andererseits, wie er schreibt, durchaus bewusst waren) ein unreifer Egomane war, dessen Nachlass mit ein paar Tricks und Mantras ("Geh stets geradeaus. Wisse nichts.") leicht zu beschreiben ist. Als Seung Sahn etwa nach Furnace Mountain kommt, das von Dae Gak begründete abgelegene Zentrum in den Bergen, und viel mehr Entourage dabei hat, als erwartet, geht Dae Gak zu ihm und sagt, nachdem alle anderen ihren Platz haben, sei für ihn keiner mehr, und er würde dann halt gehen. "Ja, mach das", habe Seung Sahn nur geantwortet und damit seine Hoffnung auf Hilfe zerstreut. Für mich ist hier jedoch wichtiger, dass der Lehrer seinen Platz beansprucht, ohne ihm den Schüler zu gewähren, also kein Mitempfinden zeigt. Dae Gak stellt in den Vordergrund, dass ihm der Lehrer hier seine Illusionen vorgehalten hätte. (S. 33)
   An anderer Stelle (S. 36) begegnet die Gruppe einem Bettler, und Seung Sahn gibt diesem einiges Geld. Auf die Kritik, der einschlägig bekannte Bettler würde sich davon nur Alkohol kaufen, erwidert der Lehrer, sie hätten sich in einem früheren Leben gekannt und er würde nun nur eine Wohltat des anderen vergelten: "Es ist nicht eure Sache, was einer mit seinem Geld macht." Wenn man zu viel habe, solle man sein Geld spenden. So etwas kann man natürlich im buddhistischen Kontext gern mal als spaßige Anekdote einflechten, in einer Lehre, in der Ursache und Wirkung eine wichtige Rolle spielen, jedoch nicht ernsthaft durchgehen lassen.

Seung Sahn selbst vertritt (auf S. 143) sogar die Meinung, dass das Karma stets auf einen "warte". Dae Gak hingegen scheint in seinen Worten bereits einen Schritt weiter zu sein, ohne dass er seinen Lehrer hier kritisierte. Denn entweder gibt es niemanden (Subjekt), auf den etwas warten kann, oder es handelt sich hier um einen Allgemeinplatz - denn irgendetwas passiert natürlich immer. Ich könnte z.B., um an meine obige Vergangenheit anzuknüpfen, behaupten, dass es wohl "mein Karma" sei, wenn nun lautstarke Inder (die gern in Gruppen reisen) meinen Hotelflur besiedeln und zum Telefonieren regelmäßig im Gang herumlaufen (wo es hallt), statt das im Zimmer zu tun, mitten in der Nacht labernd aus dem Aufzug treten und sich dann womöglich noch eine einzige fette Nutte teilen und bis zum frühen Morgen türenschlagend von Zimmer zu Zimmer traben. Dann wäre es jedoch auch Karma, dass ich bei meiner Suche nach einem anderen Hotel bereits im allerersten von den beiden Managerinnen hörte, sie nähmen keine Inder auf. So einfach ist es also nicht mit dem Karma. Wichtiger ist, dass für Probleme Lösungen gefunden werden, und damit verschwindet dann auch häufig dieses zurechtfantasierte Karma. Hier kann das z.B. eine entsprechend auftretende Security oder das Management sein; in einer anderen Unterkunft, einem Hostel, wurde offiziell schon ab 22 Uhr um Nachtruhe gebeten und ansonsten gleich mit der Polizei gedroht. Das Karma, von dem viele Buddhisten sprechen, ist also oft gar nicht "ihres", sondern etwas, das sie irrig auf sich beziehen.

Nur wenn man sich jenen verengten buddhistischen Blick auf die Wirklichkeit erspart - was Seung Sahn ja ironischerweise selbst zu lehren schien mit seinem "Don't know!" - kann man dann auch die Geschichte der Hyon Mi (S. 54) anders auflösen, als es diese Nonne tat - und Dae Gak aus offensichtlichem Respekt vor ihr unterschreibt. Ein von Hunden schwer verletzter Hase soll hier zunächst von einer Waldarbeiterin mit einem Hammer von seinen Leiden erlöst werden. Die Nonne jedoch bereitet dem Hasen schnell ein Sterbebett zu. Der Hase entspannt sich und sei dann erst nach Stunden "friedlich" eingeschlafen. Dae Gak meint: "Mögen wir doch alle den Geist der Nonne haben und nur mit dem, was ist, gegenwärtig sein." Doch was ist bzw. war denn da? Ich kann es an einem eigenen Beispiel veranschaulichen. Eines Tages sah ich einen offenbar durch Anfahren schwer verletzten Hund, dem die Eingeweide aus seinem Körper hingen, auf einem Marktplatz. Er humpelte vor mir davon, jaulte, und wenn ich seinen Blick interpretieren hätte müssen, hätte ich gesagt, er fleht mich geradezu an, ihn zu erlösen. Sein Leiden ging mir durch Mark und Bein (ohne dass dies wirklich möglich wäre). Ich wusste auch, dass man in diesem Land bestraft werden kann, wenn man einen Hund - etwa mittels eines Werkzeuges vom Obststand - in einer solchen Situation tötet. Unser eigener Blick und unsere Empathie können also gefiltert sein von einem ganz subjektivem Verständnis buddhistischer Ethik, womöglich auch einfach nur von unseren egozentrischen Bedürfnissen, und vom Wissen um mögliche profane Folgen. Das Verhalten der Nonne war im ethischen Sinne nicht besser als das geplante der Waldarbeiterin. Um dies zu verstehen, ist es wesentlich, Berobte und Meister nicht mit einem verklärten Blick zu sehen.

Ein Wort noch zum Kapitel "Makkyo und Kenshô". Dae Gak beschreibt, wie er buchstäblich Avalokiteshvara im Meditationsraum herbeiruft, um ihn von Schmerzen zu erlösen - erfolgreich. Ich habe nie Derartiges erlebt und glaube auch nicht, dass - abgesehen von einem aktiven Träumen im Schlaf oder Halbschlaf - irgendjemand solche Erscheinungen im Laufe seines meditativen Lebens braucht oder erleben müsste. Im Gegenteil, wenn solches geschieht, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass man sich zu sehr in die Ikonografie und Glaubenswelt einer Religion hineingesteigert hat. Wenn ich mir tatsächlich mal jemanden wegen beim Sitzen schmerzender Gliedmaßen herbeisehen sollte, dann wohl meinen Hausarzt mit den richtigen Medikamenten, oder eine Masseuse.