Mittwoch, 5. Juli 2017

Was ist authentischer Buddhismus? [+ Aktualisierung zu Genpo]

Auch heute greife ich einen Thread im Forum "Buddhaland" auf, weil sich an ihm gut aufzeigen lässt, wie verarmt der Buddhismus im Westen ist und wo er feststeckt. Die üblichen Streitereien zur Geschichte des Buddhismus und den Schul- bzw. Traditionsunterschieden lasse ich mal beiseite. Einige User ringen dort um eine Art gemeinsamen Nenner von Buddhisten, und ich vermute, dass ihnen dabei nicht genug klar ist, wie sie auf das hereinfallen, was als "Religion" konstituierend und bindend sein will, mit anderen Worten also unfrei macht. 
   "Sherab Yönten" versucht es zunächst mit den drei Merkmalen der Existenz (trilaksana): Vergänglichkeit (anitya), Leiden (dukha), Leerheit (shunya), zu denen noch als "viertes Siegel" Befreiung (nirvana) kommt. "Tychiades" meint gar mit "void", die Daseinsmerkmale (einschließlich Nicht-Selbst, anatta) gälten für jeden, unabhängig davon, ob er/sie daran glaube oder nicht [vor diesem "Wahrheitsglauben" habe ich hier schon besonders eindringlich gewarnt!]. "Sudhana" fehlt nach dieser "theoretischen Analyse" der edle achtfache Pfad (arya astanga marga) als praktische Konsequenz. Später ergänzt er noch die dreifache Zufluchtnahme (triratna) zu Buddha, Dharma und Sangha. "void" stimmt ein mit einem Fragenkatalog: Werden die Daseinselemente, die vier edlen Wahrheiten und der edle achtfache Pfad gelehrt? Woraufhin "fotost" sich die Frage stellt, ob sich irgendeine Richtung buddhistisch nennen würde, die bei dieser Checkliste durchfiele. Ins Spiel gebracht wird auch noch das bedingte Entstehen (pratitya samutpada).
   Mit anderen Worten: Wir haben hier all die Klischees des Papageien-Buddhismus versammelt. 
   Als einziger User wirft "Sunu" die Frage auf (und bejaht sie), ob man denn - da der Buddha erst nach dem Erwachen den achtfachen Pfad lehrte - umgekehrt durch den achtfachen Pfad zum Erwachen käme. Genau diese Frage ist m.E. rational zu verneinen. Betrachten wir uns die Biografie Shakyamunis, so hat er als privilegierter "Adliger" aus einem Kriegergeschlecht nicht nur zahlreiche Konkubinen gehabt, sondern auf seinem Weg zur Erleuchtung auch Scheitern erlebt, etwa durch strenge Askese, von der er später abriet. Der Buddha wurde also ein Buddha infolge von Ausprobieren, Scheitern und Verwerfen, oder durch "unrechtes Tun". Noch als Erleuchteter gebrauchte er Schimpfworte wie "Schleimfresser" und "Dummkopf", die bei den Verfechtern des achtfachen Pfades kaum als rechte Rede durchgehen dürften. Entscheidend ist jedoch, dass am Anfang des achtfachen Pfades die rechte Erkenntnis (samma dhitti) steht. Die "Deutsche Buddhistische Union" (DBU) versteht in ihrem Studienprogramm hierunter die Erkenntnis der vier edlen Wahrheiten und des bedingten Entstehens und speziell für das Mahayana die Erkenntnis der "Buddha-Natur bzw. von Bodhicitta". Bei Wikipedia werden noch die drei Daseinsmerkmale und das Karma-Prinzip aufgeführt.
   Ich kann mir nicht so recht vorstellen, wie die DBU die Erkenntnis der Buddha-Natur nicht als Erwachen ansähe. Mit anderen Worten hätte sie hier selbst definiert, dass Erwachen am Anfang des achtfachen Pfades steht, und nicht am "Ende". An dieser Einsicht mangelt es praktisch allen genannten Usern in obigem Forum. Nur so deckt sich jedoch - im Sinne des Mahayana - auch die Biografie Shakyamunis - vom Irrtum zum Erwachen zum Ausgestalten der Lehre (inklusive eines achtfachen Pfades) - logisch mit dem Verkündeten. Unlogisch und ein Zirkelschluss wäre es jedoch, wenn man als rechte Erkenntnis die vier edlen Wahrheiten ansehen würde, da sie ja ebenfalls als Folge des Erwachtseins dargelegt wurden. 
   Ob man nun der Meinung ist, der Buddha sei erst zum Lehren gedrängt worden, oder gar - wie im Gleichnis von der Blume und Mahakashyapas Lächeln oder im Lalitavistara-Sutra -, er habe geschwiegen, so geht es in der Zen-Tradition doch zuvorderst um die Einsicht oder Verwirklichung des "Unbedingten" (nirvana). Es ist schwer vorstellbar - und findet sich deshalb auch weder in frühen Schriften des Chan aus dem legendären Umfeld Bodhidharmas noch etwa bei Linji und anderen Koryphäen -, dass jemand, der das Unbedingte erkannt hat, seinen Lehrfokus in erster Linie auf "bedingtes Entstehen" richtet. Auch ist schwer vorstellbar, dass Nansen, der eine Katze zweiteilt, seinen Schülern danach etwas vom Nicht-Töten in dem Sinne erzählt, wie es populäre Lehrer heutzutage tun. In einer Tradition, deren wesentliche Erfahrung gnostisch ist, also auf einer Einsicht in die eigene Natur beruht, kann folglich weder konzeptuelles Denken (wie bei Vorstellungen von Karma und bedingtem Entstehen) noch eine Dualisierung von Verhaltensweisen (in "recht" und "unrecht") im Vordergrund stehen, sondern stets deren gnadenloses Hinterfragen und Entleeren.
   Am Beispiel der "Zufluchtnahme" ließe sich aufzeigen, wie sehr sich Vorstellungen der Zufluchtnehmenden von Buddha, Dharma und Sangha unterscheiden - würde man sie nur fragen. Gäbe es keine Vorstellungen (also Illusionen), bräuchte es keine Zuflucht. Die Praktizierenden machen sich also über etwas Gedanken, die sie dann wieder überwinden müssen, und ich frage mich, warum diese seltsame Ironie niemandem der User aufstößt. 
   Wie ich kürzlich schon sagte, bleibt damit der o.g. Konsens - der sich im Wesentlichen am Theravada orientiert - hinter dem Zen zurück. So wie der Buddha Shakyamuni nach seinem Erwachen Buddhismus lehrte, so lehrte ihn weder Bodhidharma noch Nansen noch Linji usw. Statt eines achtfachen Pfades gibt es im Zen für jeden Praktizierenden seinen je eigenen Pfad, und nach dem Erwachen sollte sich dieser im Unbedingten gründen statt am (oft Mono-)Kausalen zu haften. "Authentisches Zen" kann deshalb nur darin bestehen, die o.g. Dogmen aufzuheben. Man könnte auch sagen, dass alle, die diese Dogmen im ewigen Samsara nachplappern, nicht erwacht sein können, sondern schlicht Religiöse sind. Es sind "Buddhisten" im Sinne der Zugehörigkeit zu jenem Mindestnenner, der jedoch die klare Aussage verweigert, dass Erkenntnis von Nirwana bzw. Aufhebung des Leidens (im Sinne der Anhaftung) die Conditio sine qua non der Weisheit Buddhas sind, dass also der eigenen gnostischen Erfahrung alles (danach formulierte) untergeordnet sein muss. Im hilflosen Klammern an jene Dogmen irren so die meisten User im Buddhaland-Forum umher und versagen sich das Dharma-Siegel. 
   Immerhin bin ich über das Forum auf telefonische Anweisungen der verstorbenen Zenlehrerin Joko Beck aufmerksam geworden, und ich möchte schon in Kürze einen Beitrag nachschieben, der an diesem Beispiel aufzeigen lässt, wer alles unter dem Zen-Label Theravada oder etwas ganz anderes lehrt, und wie selbst Menschen, die fast hundert Jahre alt werden, an den hehren Ansprüchen ihrer sila scheitern müssen, wenn sie nicht begriffen haben, dass Zen-Ethik auf der Überwindung von dualistischen Konzepten beruht.
  



Nachtrag zum Fall Genpo D: Inzwischen hat sich durch die Schilderung von einigen der sieben Betroffenen bzw. ihrer Angehöriger verdichtet, was man Genpo vorwirft (soweit ich es den Zeitungsartikeln entahm). Es geht offenbar um Nacktaufnahmen von einem 5-jährigen Neffen, Berührungen und Lecken an Genitalien von zwei Grundschülern, Berührungen an Genitalien eines 13-Jährigen, Oralverkehr (mit leichter Verletzung) an einem 13-Jährigen und Berührungen an einem 14-Jährigen [?] (siehe hier und hier). Wenigstens zwei der Betroffenen leiden offensichtlich unter dem Geschehen, wenigstens einer nach eigenen Angaben nicht (er ist erwachsen). Die Schilderungen der Mutter des tschetschenischen Jungen, der einst fröhlich gewesen sein und sich schlagartig verändert haben soll, erscheinen mir etwas fragwürdig. Wenn jemand dem Prozess beiwohnte, würde mich interessieren, ob es sich bei der Familie um Muslime handelt, die aus einem (ehemaligen) Kriegsgebiet flohen. Zumindest zum Zeitpunkt der Tat hatten sie "Kirchenasyl". Ferner sind in Tschetschenien homosexuelle Handlungen besonders verpönt. Die Motivlage dieser Zeugin sollte man also genauer bedenken.
  Dennoch sind die Taten m.E. viel weniger schwerwiegend, als manch einer in seiner Neigung zum Dämonisieren meint (wozu auch die "Augsburger Allgemeine" zählt, wenn sie den Duktus der Staatsanwaltschaft übernimmt und von "sieben Buben" spricht). Es gibt zwei Nebenkläger, und kommunikativer wie finanzieller "(Täter-)Opfer-Ausgleich" sind wohl bereits vom Angeklagten in Aussicht gestellt.
   Es ist in meinen Augen eher tragisch, dass es Genpo nicht möglich war, im Rahmen der Schutzaltersgrenze (in Deutschland bei 14 Jahren, wenn die Eltern der Jugendlichen nichts dagegen einzuwenden haben) Sexualpartner zu finden, die für seine Neigung offen gewesen wären und mit ihm einvernehmlich und straffrei hätten verkehren können. Die Hälfte der genannten Fälle drehte sich um dieses Alter, und ich kann mir nicht vorstellen, dass die meisten der anderen Taten den Angeklagten selbst befriedigen konnten. Eine Chance zur Vermeidung solcher Übergriffe könnte m.E. darin liegen, Gesellschaft so zu gestalten, dass sich die an solchen Beziehungen Interessierten einvernehmlich begegnen können. Ich gehe davon aus, dass es jetzt, wo ich dies schreibe, in Deutschland solche Beziehungen von älteren Männern (oder Frauen) zu Jugendlichen gibt, und diese - für beide Seiten - so befriedigend sein können, dass Verzweiflungstaten wie an Grundschülern oder unnötige Manipulationen des Gegenübers dann eher ausbleiben. Ich schrieb davon, dass die Sexualwissenschaft (zuletzt in der Metastudie von Rind, Bauserman et al.) zahlreiche solcher Fälle beschrieben hat, und statt diese von vornherein zu verteufeln, könnte ein Lösungsansatz darin bestehen, deren Parameter besser zu verstehen und diese Beziehungen möglich zu machen. Ob eine (individuell variable) Anpassung der Schutzaltersgrenze auf das Eintreten der Pubertät nicht sinnvoll wäre, ist eine weitere Frage, denn es ist kaum verständlich, dass man Geschlechtsreifen jahrelang den Sex verbietet, zumal Aufklärung und Verhütung frühe Schwanger- oder Vaterschaften verhindern können. Ich habe selbst schon als Grundschüler gedanklich auf meine Lehrerin masturbiert (damals noch trocken) und meine ersten sexuellen Erfahrungen mit einer Frau kurz nach der Grundschule gemacht. Ich habe auch erlebt, wie grausam Kinder sein können (eine Gruppe aus meiner Klasse zwang - unter dem Einfluss ihres zwergenhaften Rädelsführers - eine geistig etwas zurückgebliebene und völlig verängstigte Klassenkameradin in einem Park zum Entkleiden), und wenn mir in dieser Zeit etwas gefehlt hat, dann ein verlässlicher und vertrauenswürdiger erfahrener Ansprechpartner in Sachen Sexualität. Es stimmt traurig, dass Genpo offenbar nicht zu einem solchen werden konnte, sondern zu einem verzweifelten Manipulator. 

Auch wenn ich, wie kürzlich angedeutet, die Forderung unterstütze, dass man aus Genpos "Hakuin-Gemeinschaft" Hilfe für die Geschädigten anbietet (ich vermute jedoch, dass viele aus dieser Richtung keine annehmen werden), halte ich diesen "Offenen Brief" des "Doraku-an Zen Dojo (Zen-Mühle)" für daneben. Wer einen solchen Brief mit dem Wort "Abscheu" einleitet, übt sich wohl nicht recht im Buddhismus des Gleichmuts; vor allem wird hier gleich noch einmal Gericht gehalten und die Gemeinschaft mit haftbar gemacht und zur Reue verpflichtet. Das Motiv scheint mir klar. Der Betreiber der "Zen-Mühle" ist, wie Christopher Hamacher, der sich im gleichen Tenor in Foren äußert, mit einem japanischen Zen-Lehrer in München verbunden (gewesen), der sich auf die gleiche Zenlinie beruft wie Genpo, nämlich auf die Omori Sogens. Bei Hamacher und "Genko" (Dr. Jörg Bernsdorfer), der seinen bürgerlichen Namen  auf seiner Webseite verschweigt und auch den "Offenen Brief" nicht namentlich zeichnet, beruft man sich über Kokugyo Kuwahara auf den in Japan recht verehrten Omori, der jedoch Kuwahara meines Wissens nur auf dem "Pinsel-Weg" (Hitsuzendo) die Nachfolge erteilte, nicht als Zenlehrer. Dieser Wunsch, sich von Genpo D. abzugrenzen (der sich über Hozumi Gensho seinerseits in die Omori-Linie einreiht), ist in meinen Augen nichts weiter als die lächerliche Farce von anonym bleiben wollenden Feiglingen. Das kommt eben dabei heraus, wenn man meint: "Mein Protest, mein soziales Handeln, besteht darin, jetzt Zazen zu machen."