Samstag, 31. Juli 2010

Ein paar Fehler Nishijima Roshis ...
und wie man eine Robe anlegt

Im letzten Jahr war ich stark in Zen-Foren unterwegs, noch immer diskutiere ich auf einer Mailingliste mit, und ich bin mir bewusst, dass meine Anschauungen einigen dort aufstoßen und auch nicht unbedingt meinem Verlagsgeschäft dienen müssen. Doch der Zen-Weg ist keiner des Kommerzes, und wenn es dabei um Leben-und-Tod geht, dann sicher auch um so etwas Hehres wie die Wahrheit.
   Zuletzt rissen wir das Thema an, was eigentlich "Erwachen" sein könne, und wie ich in einem anderen Blog-Beitrag schrieb, möchte ich Dogens Sichtweise insofern korrigieren, als ich nicht an ein "Abfallen des Körpers" noch einer "Geist-Körper-Einheit" glaube (auch wenn die erlebte Entgrenzung vorübergehend den Körper mit einschließt) bzw. meine Erfahrung nicht so nenne möchte.
   In einem Blog der Dogen-Sangha stieß ich bereits nach ein paar Minuten Lesen auf zwei offensichtliche Lehrinhalte Nishijima Roshis, der nicht nur wegen seiner Shobogenzo-Übersetzungen als Dogen-Experte gilt. Dogen-Experte heißt aber meist eben auch: mit der Dogenschen Betriebsblindheit geschlagen. Ich greife die Punkte heraus, die sein Schüler Seggelke über ihn behauptet.
   1) "Nishijima Roshi ergänzt, die Verwirklichung oder Erleuchtung bedeute, dass wir zu unserem eigenen natürlichen Ursprung zurückkehren, weshalb sie keinen fundamentalen Umbruch in unserem ursprünglichen Charakter bewirke." (Eintrag vom 5. Juli 2010)
   Falls mit dieser nebulösen Formulierung kein Zirkelschluss gemeint sein soll, (Ursrpung=Charakter)  sondern was ich denke, möchte ich widersprechen. Keine fundamentale religiös-mystische Erfahrung bleibt ohne entscheidende Auswirkungen auf den Charakter und die Lebensweise. Bei mir führte sie z.B. dazu, dass ich einen Verlag mit Zen-Schwerpunkt gründete und mich verstärkt und im Lauf der Zeit von Dingen (Besitz) trennte. Außerdem sah ich den Tod anders als zuvor und verhielt mich anders dazu. Es sind manchmal nur kleine Kursänderungen, die an ganz andere Orte führen. Dies leitet über zu Punkt
   2) "Nishijima Roshi sagt dazu, dass es bei der Erleuchtung wesentlich sei, sich diese immer als Zustand des Gleichgewichts zu vergegenwärtigen. Wir sollten niemals irgendeine großartige Besonderheit dabei erwarten. Da die Erleuchtung im Gleichgewicht stattfinde, sei sie immer ruhig und schön wie die Natur." (Eintrag vom 30. Juni 2010)
   Sicher ist es richtig, "nichts zu erwarten". Jedoch wird ja im nächsten Satz genau das Gegenteil gemacht, nämlich eine bestimmte Erwartung erzeugt: Die Erleuchtung sei "ruhig und schön wie die Natur". Tatsächlich gibt es keine festgelegte Form der Erleuchtung, und ganz sicher kann man nicht nur zu einer Seite der Wirklichkeit erwachen und dies für eine vollständige Erleuchtung halten. Die Natur ist nun mal auch "unruhig und hässlich", wenn wir ihr denn schon Eigenschaften zuweisen. In ihr findet ein in unseren Augen oft grausamer Kampf ums Überleben statt. 
   Wenn wir erwachen, dann zum Guten wie zum Bösen. Alles findet seinen Platz, nichts ist ausgeschlossen. Erst die Tatsache, dass wir die Phänomene als das erkennen, was sie sind (als "leer"), macht dann auch das Loslassen so viel leichter. 
   Es ist jedoch ein Irrtum zu glauben, ein Erwachter kenne nur noch "das Gute". Wir könnten nun zahlreiche Zen-Meister aufführen, die als erwacht galten, aber offenbar - zum Beispiel durch Kriegsteilnahme - nicht nur Gutes taten. Im Umkehrschluss ließe sich ihnen das Erwachtsein absprechen. Es ist jedoch realistischer, davon auszugehen, dass sie in ihrem (vollständigen) Erwachen die Notwendigkeit des Bösen erkannt haben könnten, so wie es sich zum Beispiel darstellt, wenn man es gegen etwas anderes einsetzt, das man als böse empfindet (sei es der Kommunismus oder sei es ein Hitler, der auch nur mit Gewalt zu beseitigen war).
   Zu erinnern ist jedoch auch daran, dass im Dogenschen Sinn - wenn wir den Schwerpunkt seiner Lehre etwas anders setzen - kein singuläres (oder wiederholtes) Erleuchtungserlebnis vonnöten ist. Die Haltung des Zazen ist eines der brauchbarsten Mittel, das Erwachen zu "symbolisieren", also dessen Kern - das Nicht-Anhaften an Gedanken - zu praktizieren. Man kann dies auch ohne Zazen tun. Man kann auch als Nicht-Buddhist so tief von einer Erkenntnis erschüttert werden, dass wir sie als Erwachen bezeichnen dürfen. Wenn das Erwachen jedoch nicht unseren Charakter und unser Handeln verändert, dann dreht es sich sinnlos um sich selbst.

Donnerstag, 29. Juli 2010

Missverständnisse im Zen (III): Körper

Was ist eigentlich mit "Körper" im Buddhismus gemeint? Ist der Buddhismus nicht dem Christentum überlegen, weil er keinen zwanghaften Unterschied zwischen Geist/Seele und Körper konstruiert, sondern sie als eins betrachtet? Wie steht es dann aber mit den Passagen, die das Fleischliche in den Sutren kaum weniger verwerfen als mancher Bibeltext?
   Der Körper sind in der Buddha-Lehre viele, manche heißen sogar so, obwohl sie doch eher eine feinstoffliche oder lichtvolle, in der Regel nur den Bodhisattvas sichtbare Buddha-Gestalt bezeichnen (Sambhoga-kâya). Wenn Dôgen also davon spricht, Körper und Geist abzuwerfen (shinjin datsuraku), was macht dann ausgerechnet der Zen-Adept, der kerzengerade in einem für Knie eher ungesunden vollen Lotussitz dahinmeditiert? Was wirft er ab? Es ist nicht das Fleisch, das Bedingte, nicht dass, was aus den skandha besteht und von uns Körper genannt oder gar mit uns identifiziert wird. Denn tatsächlich darf ein Zennie sogar sagen: "Ich bin Körper." Was er abwirft, ist der Körper des Geistes, nicht "Körper und Geist" (ob nun eins oder nicht). Eine Passage aus dem Samâdhirâja Sutra* mag dies verdeutlichen (Kap. XII, Abschnitt 9):
   "Der Körper des Tathagata sollte als gleich mit dem Intellekt angesehen werden, der aus unzähligem Verdienst entsteht, aus dharmas geboren wird, frei von allen Kennzeichen, tiefgründig, unerkennbar, aus unerkennbaren dharmas bestehend, bewegungslos, unbefestigt, in der Essenz identisch mit dem Raum, unsichtbar und jegliches Sichtfeld überschreitend, das ist der absolute Körper, der verstanden werden muss."
    Wenn wir uns nicht an den fleischlichen Körper klammern, müssen wir auch nicht zwanghaft Zazen betreiben. Genauso wenig müssen wir uns sorgen, wenn jener Körper schmerzt. Das Nirvana des  fleischlichen Körpers wird dauerhaft erst im Tod erreicht, indem er vergeht. Wann aber befreien wir unseren Geist und den "Körper unseres Geistes"?

[* Das Samâdhirâja oder Candrapradîpa Sutra entstand im 2. Jh. n. Chr. Es spielt in der Madhyamaka-Schule eine bedeutende Rolle, auch wenn es weder zum tibetischen noch chinesischen Schriftkanon gehört. In Nepal wird es als eins der "9 Dharmas", der höchststehenden Texte, angesehen; in der Kagyu-Tradition findet man darin die Ankunft Gampopas und der Karmapa vorausgesagt. Der Ausdruck samâdhi wird in diesem Sutra gleichbedeutend mit Sutra und shûnyatâ (Leere) benutzt.]


Mittwoch, 28. Juli 2010

Traumebenen: Christopher Nolans INCEPTION

Voll eingeschlagen bei den US-Filmfans hat Inception (Bundesstart: 29.07.10): In der Internet Movie Database, einem Referenzwerk für Filme, steht er bereits in der Alltime-Hitlist auf Rang 3. Und man muss dem Regisseur und Drehbuchautor bescheinigen, bei ähnlicher Komplexität wie in seinem "Memento" (einem quasi rückwärts erzählten Film) auch hier beim Spiel mit Zeit, Raum und in diesem Fall vor allem Traum für atemlose Spannung zu sorgen. Nicht jeder fand nach einem Pressescreening wirklich Sinn in einer Geschichte von Traumforschern oder eher -sicherheitsleuten, die bis in die 3. Traumebene (den Traum im Traum im Traum) herabsteigen, um Menschen zu manipulieren. Doch dass am Ende zweieinhalb Stunden im Kino vergangen waren, in denen es kaum jemand gewagt hatte, aufs Klo zu gehen, überraschte dann selbst die Kritiker.
   Mich, einem heftig, oft relativ klar und manchmal gar luzide Träumenden, erinnerte es mal wieder daran, dass man nicht alles für bare Münze nehmen muss, was Zen-Meister so erzählen. Deshimaru Roshi z.B. meinte mal, er würde nicht mehr träumen und ein Erwachter träume nicht. Dann wäre Christopher Nolan auch ein Zen-Meister, denn er träumt, bei aller Faszination fürs Thema, ebenfalls nicht - d.h., er kann sich nicht daran erinnern (so wird es richtig). Meine Traumwelt ist insgesamt etwas abwechslungsreicher geworden als früher, es gibt aber immer noch die üblen Gesellen, die mir, meist unmittelbar nach dem Einschlafen, irgendwie ans Leder wollen (und dabei meist unsichtbar sind), und dann auch wieder diese erotischen Träume, in denen eben alles wahr und einfach perfekt ist (dass es sich um einen Traum handelt, merke ich dann, wenn ich mir doch selbst einen runterholen muss). Außerdem träume ich Filme oder unvollendete TV-Serien weiter, letzte Nacht Deadwood, eine der besten. Wirklich spannend also, diese Träumerei. Selbst ein Hund scheint ja zu träumen, wie er so im Schlaf jault und zuckt. Um es zynisch zu sagen, dafür könnt ich glatt auf die Erleuchtung verzichten. Tatsächlich träumen der Hund und ich aber ganz folgerichtig, schließlich haben wir ja beide Buddha-Natur. Richtig betrachtet, messen wir den Träumen nicht mehr Illusionscharakter als unserer im Wachzustand gemeinhin verzerrten Wahrnehmung bei, erkennen aber auch das Potential, das sie uns aufzeigen, um die wach erlebte Wirklichkeit ggf. dahingehend verändern zu können. Und wie es im Film heißt: Im Traum denken wir oft, wir würden eben NICHT träumen.
   Mein Lieblingssatz aus obigem Trailer: "Der Traum stürzt ein." Wer's schafft, sollte in die Originalfassung gehen.
 (Copyright Foto/Icon: Warner Bros.)

Sonntag, 25. Juli 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 72

Fußspuren

Ein Mönch fragte Meister Dôgo: „Der Bodhisattva hat keine geheimen Kräfte. Warum ist es dann unmöglich, seine Fußspuren zu entdecken?“ Dôgo antwortete: „Nur diejenigen, die den gleichen Weg gehen, kennen ihn.“ Der Mönch fragte: „Kennt Ihr ihn, Ehrwürden?“ Dôgo sagte: „Ich weiß nicht.“ Der Mönch fragte: „Warum wisst Ihr es nicht?“ Dôgo erwiderte: „Fort mit dir! Du verstehst meine Worte nicht.“


Meister Kidô

Nur weil ich so ähnlich bin.

Meister Hakuin

Dies ist, was Meister Gensha sagte.

Mittwoch, 21. Juli 2010

Tangen Harada Roshi im Bukkokuji

Das folgende Video ermöglicht einen kurzen Eindruck von Tangen Harada Roshi, geb. 1924, der Schüler des legendären Daiun Sogaku Roshi (1871-1961) war. (Dessen bekanntester Dharma-Nachfolger wiederum dürfte Hakuun Yasutani, der Begründer der Sanbokyodan-Linie sein.)
   Tangen Harada Roshi erzählte einst, dass er als Kamikaze-Flieger vorgesehen war, der Krieg jedoch vor seinem Einsatz endete. Auf youtube findet man noch einige Videos mit ihm, u.a. eine Teezeremonie und Fragen an einen Zen-Meister, die er zwar teils auf Englisch beantwortet, deren Tonqualität jedoch schlecht ist. Sein Tempel Bukkokuji ist bei Ausländern beliebte Anlaufstelle.

Dienstag, 20. Juli 2010

Zeit und Uhr

Seit einiger Zeit trage ich keine Armbanduhr mehr. Manchmal, wenn ich Termine habe, nehme ich das Handy mit, das dann auch als Uhr dient. Heute las ich:

"Uhren machen keinen Unterschied.
Es sind nicht die Uhren, nicht die kleinen spitzen
Geräusche der Unruhe, die tickt und tickt
und auch nicht die Jahrhunderte
nicht der Tod, der kommt, was immer wir tun.

Zeit ist Anwesenheit.
Der Tennisball von gestern ist unwiderruflich
fort, man kann ihn nicht mehr zurückschlagen.
Es gibt einzig und allein ein Jetzt
und dieses Jetzt wird niemals enden."

[Lars Gustafsson: Jahrhunderte und Minuten. Gedichte. (Frankfurt 2009)]

Montag, 19. Juli 2010

Baisaô, der Teemönch

Gekkai Genshô (1675-1763) erhielt die Tonsur mit elf Jahren vom Abt des Ôbaku-Tempels Ryûshinji, Kerin Dôryû. Bekannt wurde Gekkai als der Teemönch Baisaô,  nachdem er im Alter in den Laienstand gewechselt war auch als Laie Yûgai. Doch bereits als Mönch war er vor allem in Kyoto unterwegs, um den durch ihn bekannt gewordenen Sencha-Tee anzubieten - umsonst oder gegen eine kleine Spende. Es sind einige Briefe erhalten, in denen Baisaô u.a. auf die Kritik antwortet, er dürfe als Mönch doch keine Geschäfte betreiben. Baisaô erinnert sich an all die Meister, die als Sandalenflechter, Bootsmänner und sogar Schwertverkäufer ihr Einkommen hatten (was einmal mehr widerlegt, dass man im Zen auf eine wörtliche Befolgung der Gebote größten Wert legte). Man fühlt sich an Ikkyu erinnert, wenn Baisaô schreibt: "In einem Sutra heißt es: 'Wenn der Geist rein ist, sind es auch die Buddha-Länder.' Wenn der Geist also frei von Unreinheit ist, dann ist überall, wo du stehst, ein Buddhaland, sei es im Schnapsladen, auf dem Fischmarkt, im Bordell oder bei Bühnenaufführungen. Warum? Weil selbst dann dein Geist im Tempel der großen Erleuchtung selbst weilt".
   Norman Waddell hat in Baisaô - The Old Tea Seller (Berkeley 2008) die überlieferten Gedichte des Teemönches übersetzt und sein Leben auf ca. 100 weiteren Seiten zusammengefasst. Lyrik verkauft sich in Deutschland ja schlecht, darum darf man nicht auf eine Übersetzung hoffen, das Buch ist aber in so einfachem Englisch gehalten, dass man es auch in dieser Form schätzen kann.

(Abb.: Porträt Baisaôs von Itô Jakuchû, aus einem Ausstellungskatalog des Kyoto National Museum 2000)

Samstag, 17. Juli 2010

Freitag, 16. Juli 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 95

Kein Name

Meister Chôshi fragte einen Mönch: „Woher kommst du?“ Der Mönch antwortete: „Aus der Kôseki-Einsiedelei auf dem Berg Kyûka.“ Chôshi sagte: „Welche Art von Mann steht deiner Einsiedelei vor?“ Der Mönch antwortete: „Es ist ein alter und ehrwürdiger Mann, der Meister Baso folgte.“ Chôshi fragte: „Wie wird er genannt?“ Der Mönch sagte: „Man hat ihm keinen Namen gegeben.“ Chôshi erkundigte sich: „Gibt er sich keinen Namen oder gibst du ihm keinen?“ Der Mönch fragte: „Wo sind die Augen dieses älteren Mannes?“ Chôshi meinte: „Wenn der Vorsteher deiner Einsiedelei heute hierher käme, würde er meinen Stock kennenlernen.“ Der Mönch erwi-derte: „Ich habe Glück, dass Euer Ehrwürden mich so davonkommen lasst.“ Chôshi sagte: „In den kommenden hundert Jahren wird man kaum noch einmal einen solchen Mönch finden.“


Meister Kidô

Barbaren dringen nach China ein.


Meister Hakuin

Ein Stummer isst eine bittere Melone.

Missverständnisse im Buddhismus (IV):
Wiedergeburt

Zum Grundwissen im Buddhismus gehört die zwölfgliedrige Ursachenkette, die das "Entstehen in Abhängigkeit" beschreibt. Auf sie wird u.a. verwiesen, wenn Lehrer meinen, die Wiedergeburt sei nun mal ein unabdingbarer Bestandteil des Dharma. Was aber, wenn diese Kette nur acht Glieder hätte? Edward Conze deutete schon in Buddhistisches Denken (Frankfurt 1988) an, dass es sich "bei der Kette der zwölf Glieder, wie sie in der Orthodoxie der theravâdins und sarvâstivâdins erscheint, um eine spätere scholastische Version einer leicht abweichenden früheren Theorie handelt."* (S. 223)
   "Unwissenheit wäre demnach nicht nur nicht unbedingt das erste Kettenglied, sondern ihr würden dem Suttanipâta zufolge upâdhi, "Zuneigungen"(?) vorausgehen, dem Majjhima-Nikâya zufolge die Ausflüsse (âsava). Außerdem enthalten einige der älteren Aufzählungen Bedingungen, die in der festgelegten Fassung des Grundsatzes fehlen, etwa "Wahrnehmungen" und "vielfältige Konzepte" (prapanca), die in der Heilslehre des mahâyâna eine entscheidende Rolle spielen. (...) vier der Kettenglieder fehlen. Es sind dies 4. Name und Form, 5. die sechs Sinnesfelder, 11. Geburt und 12. Verfall und Tod. Übrig bleiben
1. Unwissenheit
2. Karma-Bildung
3. Bewusstsein
6. Kontakt
7. Gefühl
8. Verlangen
9. Ergreifen
10. Werden.
   Nun ist leicht zu erkennen, dass die vier fehlenden Punkte eben genau diejenigen umfassen, die der Seelenwanderung des Individuums sozusagen Körperhaftigkeit geben und das Los des wandernden Organismus beschreiben. Es scheint daher keineswegs ausgeschlossen, dass dieser Lehrsatz ursprünglich nichts mit der Frage der Wiedergeburt zu tun hatte und dass die Anordnung seiner Teile auf die drei Lebensspannen eine sholastische Ergänzung darstellt."
   Leider hat auch Dôgen diese Ergänzung übernommen. Hätte es nicht gerade durch die Zen-Übung ein Leichtes sein können, sich von den Gedanken an mehrere Lebensspannen zu verabschieden? Wie so oft, bietet jedenfalls der widersprüchliche Pali-Kanon hierfür ebenfalls Grundlagen.

P.S.: Munish Schiekel wies mich dankenswerterweise auf einer Mailingliste gerade darauf hin, dass Richard F. Gombrich in seinem Buch What the Buddha Thought (2009) ein ganzes Kapitel diesem Thema widmet und Conzes Verdacht verifiziert und vertieft.

* In der Fußnote werden von Conze für die abweichende Version beispielhaft aufgezählt: Sn 727-53, 862ff., DN ii 62, MN i 48.

Mittwoch, 14. Juli 2010

Hakuins Dokugo Shingyô: Mahngedicht (II)

"Ssuma aus der Sung-Zeit* war ein wahrer Prinz,
wie schade, dass solch wertvolle Augen verschlossen blieben.
Wann immer er schwierig zu lösende Koan las,
behauptete er, es wären Rätsel zum Mönche-Ärgern.
Für die schwersten Verbrechen müssen Menschen stets Buße tun,
und die Verleumdung des Dharma ist kein geringes Vergehen!
Viele Banden aus Schurken dieser Art gibt es auf der Welt,
die Zen-Landschaft ist unglaublich öde.
Wenn ihr aber einmal den Geist der Buddha-Patriarchen erfasst habt,
wie könntet ihr da blind für deren Worte bleiben?
Um festzustellen, wie authentisch eure eigene Verwirklichung ist,
benutzt die Patriarchenworte wie strahlende Spiegel.
Heutzutage ist die Zen-Übung anmaßend und flach,
man folgt den Worten der Falschen oder den eigenen Launen.
Wenn Hörensagen und Bücherwissen eure Bedürfnisse befriedigen,
dann sind die Gärten der Patriarchen
noch eine Million Meilen entfernt.
Darum ersuche ich euch, große Menschen:
Vergesst euer eigenes Wohlbefinden!
Lasst die fünblättrige Zen-Blume** noch einmal erblühen!"

(* Der bekannte konfuzianische Gelehrte Ssuma Kuang, 11. Jh., stand dem Buddhismus nicht ablehnend gegenüber; Hakuin kritisiert ihn dafür, in seinen Schriften durch Missverständnisse der Zen-Lehre Schüler in die Irre geführt zu haben.
** Ein Verweis auf die fünf Schulen des Zen, die während der Tang-Dynastie aufkamen.)

[Quelle: Norman Waddell: Zen Words for the Heart. Hakuin's Commentary on the Heart Sutra (Boston & London 1996)]

Dienstag, 13. Juli 2010

Der Dalai Lama spricht ... Unsinn



Da hatten mich schon einige Aussagen im Interview des Dalai Lama (DL) mit der Bild-Zeitung überrascht, z.B. dass er neun Stunden schläft und Kindererziehung nur als Belastung ansieht (kurz danach jedoch u.a. die Familie als einen "wirklichen Wert des Lebens" bezeichnet). Am dümmsten war seine Aussage, er läse keine Romane, sie seien "nur Fiktion". Zwei Stunden nach meiner Lektüre dieses Interviews - bei dem ich ihm entgegnet hätte, auch der Pali-Kanon sei schließlich nur ein Märchenbuch, genau wie der Koran, die Thora und das Neue Testament, es käme halt drauf an, was man daraus macht - erkannte ich dann in Tobias Wolffs Roman "Alte Schule", wie sehr das Lesen von "Fiktivem" das Leben von Menschen beeinflussen kann, und wie stark ein authentisches Leben die Schreibe. Es ist wirklich traurig, dass der DL der ihm von Kindesbeinen eingetrichterten Weltsicht keine anderen Horizonte beifügt. Hat er wirklich nicht verstanden, dass auch die Schreiber der von ihm studierten Sutren ihre Fantasie benutzten, um sich in Worten einer erkannten Wahrheit zu nähern? Wohl nicht, denn an einer Stelle kolportiert er wieder mal, dass mentales Glück körperlichen Schmerz unterwerfen könne und erweckt damit den Eindruck, das könne stets so sein - dabei hängt es lediglich vom Ausmaß der Schmerzen ab: Sind sie zu stark, bist du (Meditierender) garantiert zu schwach. Insofern ist das, was der DL sagt, sogar gefährlich.

Lustiger ist das lange, in DL- und Indisch-Englisch geführte Interview oben vom Sender NDTV. Aus der Neurowissenschaft meint der DL mitzunehmen, dass wir alle gleich seien, dabei zeigt gerade sie das Gegenteil, wie z.B. durch Ausschalten bestimmter Regionen im Hirn Kriminalität möglich oder erleichtert wird. Dieses ständige Beharren auf der Gleichheit ist im Übrigen eine der hartnäckigen Fiktionen des DL. Alle Systeme, die versuchten, die Gleichheit der Menschheit im großen Stil auf dieser Welt zu etablieren, führten ins Verderben. Doch der DL sieht sich - in sozialökonomischer Hinsicht - ja als Marxisten, was soll man da anderes erwarten.

Ansonsten - die üblichen Gemeinplätze, mit denen religiöse Führer bei der dummen Masse durchkommen. Z.B. dass die Dinge in Tibet sich "definitiv in 5, 10 oder 15 Jahren ändern werden". Und voller Illusionen ist der DL auch, wenn er meint, dass 99 % der Menschen innerhalb wie außerhalb Tibets für einen Kurs der Nicht-Gewalt sind. Ich bloggte hier schon, dass junge Tibeter wahllos auf Wildtiere schießen, wenn sie durch die Pampa gurken. Und wie falsch der DL die Bedeutung von Tibet einschätzt, heutzutage eine Provinz im riesigen und mächtigen China, die in der Weltpolitik nie eine bedeutende Rolle spielen kann. Was zum Buddha bildet er sich da nur ein?

Montag, 12. Juli 2010

Hakuins Dokugo Shingyô: Mahngedicht (I)

Zen-Meister Hakuin (1686-1769) verfasste einen Kommentar zum Herzsutra mit dem Titel Dokugo Shingyô (Zen-Worte fürs Herz). Daraus möchte ich seine ermunternden und selbstironischen Schlussverse übersetzen.

"Diese vom Unkraut gewürgten Felder aus Siebenwort-Furchen,
diese Türme aus Geschwätz in fünf Zeilen,
waren nicht für die Augen hartherziger alter Priester gedacht,
ich schrieb sie für euch Mönche auf, die ihr frierend und hungrig in euren Hütten hockt.
Denn solange ihr nicht den Weg findet und euch nicht selbst verwandelt,
bleibt ihr einer bodenlosen Grube gefangen.
Seht es ein: Das Problem ist euer augenloser Zustand.

Wenn ihr auf ein Wort trefft, das ihr nicht versteht,
dann zerbeißt es sofort! Kaut es durch bis ins Mark!
Sobald ihr bis auf die Knochen in kalten Todesschweiß getränkt seid,
sind alle Zen-Koan mit Stamm und Wurzel ausgerissen.
Mit Mühen und Beschwerden erhaschte auch ich einst einen Blick auf die Grenze
und zerbrach die unjustierte Waage.
Ist erst das Werkzeug der Unwissenheit endgültig zertrümmert,
werdet ihr von der Furchtlosigkeit und dem Mut eines Löwen erfüllt.
Die Gnade des Zen bringt diese Kraft hervor,
warum durchdringt ihr sie nicht bis zur Vollkommenheit?
Heutzutage wenden sich Menschen vom Zen ab, als wäre es Dreck.
Wer ist da, um den Lebensfaden der Weisheit weiterzutragen?
Ich bin nicht nur ein alter Mann, der gern Verse schreibt,
ich möchte wahrhaft Suchende inspirieren, wo auch immer sie sind.
Die Begabten werden sofort erkennen, wohin der Pfeil fliegt,
andere werden nur an meinen Rhythmen und Reimen herummäkeln."

Sonntag, 11. Juli 2010

Missverständnisse im Zen (II):
Paramita

Unter (Zen-)Buddhisten, die besonderen Wert auf die Einhaltung der sîla, der Verhaltenregeln, legen, findet man häufig die Tendenz, die sechs Tugenden (paramita: Freigebigkeit, Sittlichkeit, Geduld, Bemühen, Meditation, Weisheit) nebeneinanderzustellen. Wie wir jedoch im Herzsutra lesen, ist die Weisheit das wesentliche Element: "Das Weisheits-Paramita ist das große Mantra, das wunderbare Mantra, das höchste Mantra, das alles Leiden beenden kann." Damit ist das Leiden der Illusion gemeint. Weisheit verschafft einen klaren Blick. Weder die Sittlichkeit noch die Geduld noch die Meditation allein  - oder auch gemeinsam - sind also dazu in der Lage, und man sollte nicht glauben, dass sie unabdingbar zur Weisheit führten (eine solch stufenweise Entwicklung wird jedoch häufig von Anhängern des tibetischen Buddhismus postuliert).
   In seinem Theaterstück über den 6. Patriarchen Huineng hat es der chinesische Literaturnobelpreisträger Gao Xingjian schön zusammengefasst. Er verweist hier explizit die Spendenwilligkeit oder Freigebigkeit (dana) in ihre Schranken, indem er Huineng dessen Lehre zusammenfassen lässt:
   "Tempel bauen, Spenden geben und jemanden unterstützen sind bloß verdienstvolle Werke. Doch wahres Verdienst liegt im Dharma-Körper, nicht auf jenem Feld der Verdienste. Unsere Natur zu verwirklichen heißt gong, Gleichberechtigung und Rechtschaffenheit sind de. Zusammen bilden sie gongde, was Verdienste bedeutet. In unserem Herzen sollten wir die Buddha-Natur erkennen, in unserem Verhalten respektvoll sein. MIT ALL UNSEREN GEDANKEN sollten wir Gleichberechtigung und Rechtschaffenheit stützen, dann werden die Verdienste reichlich sein."
   Selbst dieses fiktive Theaterstück erfasst also den Unterschied: Die Weisheit liegt in den Gedanken und ist nicht zuallererst ein bestimmtes, leicht als buddhistisch korrekt einzuordnendes Tun. Erst aus der Weisheit entsteht das rechte Tun.

[Quelle: Gao Xingjian: Snow in August (Hongkong 2004)]

Samstag, 10. Juli 2010

Missverständnisse im Buddhismus (III): Selbstmord

Immer wieder findet man seltsame Ansichten von Buddhisten, nach denen so etwas wie ein individuelles Herz oder Bewusstsein nach einem Selbstmord überleben könnte und durch diesen ein ungünstiges Karma sich fortpflanze (etwa bei Dr. Lautwein). Die Ansichten im Pali-Kanon bezüglich des Suizids sind jedoch durchaus nicht eindeutig, sondern komplex, um nicht zu sagen: widersprüchlich. Im Samyutta Nikaya (S.4.23.) lesen wir von Godhika, der sich erdolchen will. Da er nicht mehr am Leben hängt, darf er das und findet gar Erleuchtung im Selbstmord. Interessanterweise ist es hier Mara, Buddhas übler Gegenspieler, der darauf pocht, Bhikkhus dürften nicht Hand an sich selbst legen.
   Im Vinaya, dem Verhaltenskodex für Ordinierte, finden wir dann detaillierte Ausnahmen für den Selbstmord (durch Nicht-Essen), darunter auch bei unheilbaren Krankheiten. (Vin. A. [Kommentar] 467)
   Seltsam mutet der Tenor an, der den Erwachten unter derartigen Umständen die Selbsttötung erlaubt, den Unerleuchteten jedoch nicht. Dabei sind es gerade sie, die besonders unter Schmerzen und Gebrechen leiden könnten. Hier stimmt dann einiges bei den Exegeten des Pali-Kanon nicht. Wieso sollte jemand, der das Leiden aufheben will, eine solche Zweiklassengesellschaft definieren, und warum sollte jemand so kramphaft dieses Leben zur Erkenntnis und Durchdringung des Leidens (d.h. zum "Erwachen") nutzen müssen - auch unter größter Pein -, wenn doch bei einer Wiedergeburt eine weitere Chance gegeben wäre?
   Fazit: Nutze dein (einmaliges) Leben, erwache, und am Ende entscheide selbst, ob Du reif bist, ggf. ein bisschen nachzuhelfen. 

Freitag, 9. Juli 2010

Missverständnisse im Buddhismus (II): Zölibat

Zu seinem 75. Geburtstag meinte der Dalai Lama kürzlich, der Zölibat sei etwas, was ihn "von gewöhnlichen Tieren unterscheidet". Und: "Sex macht den Menschen gemein mit allen anderen Tieren." Im Gegensatz zum Dalai Lama kann sich jedoch so manches Tier auch ohne Sex per Jungfernzeugung fortpflanzen und würde sich deshalb gewiss vom "gewöhnlichen Dalai Lama" unterscheiden wollen, so zum Beispiel die Tigerpython, die Truthenne, der Hammerhai, die Honigbiene, der Komodowaran und die Pechlibelle (wieso "Pech"?). Damit haben sie nicht das Problem des zölibatären Dalai Lama, durch ihr Verhalten zum Aussterben ihrer Art beizutragen - und dass, wo doch der Buddha sagte, dass es eine besondere Gnade sei, als Mensch geboren zu sein. Durch den Zölibat wird die Wiedergeburtslehre (vom Menschen) gleich mit ad absurdum geführt.
   Dass der Sex den Menschen nicht mit Tieren gemein macht, liegt aber vielmehr daran, dass er bei uns Menschen nicht primär zur Fortpflanzung betrieben wird (wie man ja am Dalai Lama sieht), sondern aus Lust und Spaß an der Freud. Sex im Zustand des Nicht-Unterscheidens - der, wenn man so will, gedankenlosen Hingabe, des "Einfach so Tuns" - fällt dem Menschen gar nicht so leicht. Dafür kann der Mensch den Sex "verfeinern" - wann würde zum Beispiel der Führer eine Affenhorde seine Schimpansinnen bitten, scharfe Nylonstrümpfe für ihn anzuziehen? Gut, denen wiederum fällt sicher was anderes ein, um auf sich aufmerksam zu machen, doch welche Mutter würde, wie der weibliche Komodowaran, erst männliche Nachkommen (jungfernhaft) zeugen, um dann endlich wieder mit (eben diesen) Männchen kopulieren zu können? In der Tat ist der sozialisierte Mensch weit davon entfernt, in Sachen Sex sich mit "allen anderen Tieren gemein" zu machen. Wie sagte schon Luther: "Was nicht ins Weib (heute würde er wohl zynisch ergänzen: oder den Knaben) geht, das geht ins Hemd."

(Foto: "Raul654", wikipedia.de)

Donnerstag, 8. Juli 2010

Missverständnisse im Buddhismus (I): Leiden

In seinem Buch "Weshalb Sie kein Buddhist sind" stellt Dzongsar Jamyang Khyentse aus Bhutan folgende Definition auf: Ein Buddhist ist, wer folgende Wahrheiten akzeptiere:

1. Alle zusammengesetzten Dinge sind unbeständig.
2. Alle Empfindungen sind schmerzvoll.
3. Kein Ding besitzt eine innewohnende Existenz.
4. Nirwana ist jenseits aller Vorstellungen.

Ich als Zen-Buddhist muss widersprechen. Da ist mein Alltag, und von dem habe ich doch recht klare Vorstellungen. Seltsamerweise ist er mit Nirwana identisch. Ein anderes Nirwana kümmert mich nicht.
   Punkt 2 habe ich übersetzt aus "All emotions are pain". Doch das ist nur der Fall, wenn man die FALSCHE Sichtweise auf die Emotionen hegt. Ist das nicht lustig? Mit der rechten Sicht verliert nämlich die Vergänglichkeit der Phänomene ihre Bedeutung und ihre GEGENWÄRTIGKEIT tritt in den Vordergrund. Einen Orgasmus erleben heißt dann einen Orgasmus erleben - und nicht nicht über seine Endlichkeit nachdenken. Selbst wenn man einzelne Sekunden, Minuten, Stunden usf. aus dem Leben der meisten Menschen isolieren würde - sie wären nicht schmerz-, sondern lustvoll, sie wären voller Glück. Weil sie so empfunden werden. Allerdings muss der Orgasmus im Wissen um seine Unbeständigkeit nicht auf einen Himmelsthron erhoben werden, denn was für ihn gilt, das gilt auch für andere Tätigkeiten und Erfahrungen unseres Lebens. Eine Ansicht wie die von Dzongsar Jamyang Khyentse macht es unmöglich, dass der Buddhismus sich weltweit als Lebensanschauung durchsetzt. Sie widerspricht der tatsächlichen Erfahrung der meisten Menschen - und der Zen-Lehre und Erfahrung einer "Einheit von Raum und Zeit". 

Es gibt keinen zwingenden Zusammenhang zwischen "Unbeständigkeit" (Punkt 1) sowie "Nicht-Substantialität" (Punkt 3) und Leiden. Die Erfahrung von Unbeständigkeit und Nicht-Substantialität birgt  nämlich auch Nicht-Leiden.

Mittwoch, 7. Juli 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 71

Heute ist ein Feiertag

Am Tag der Wintersonnenwende stellte Meister Jimyô eine Zeichnung vor der Tempelhalle auf und sagte: „Wer das versteht, ist eins mit dem Leben.“ Der Obermönch sah es und meinte: „Meister, Ihr wisst doch, heute ist ein Feiertag.“

Meister Kidô

Der Obermönch sage: „Ich sollte Euer Ehrwürden im Krankenzimmer besuchen.“

Meister Hakuin

Eine Katze abzeichnen.

Dienstag, 6. Juli 2010

Noch eine Dharani-Zauberformel


Zu den schönsten Mangas dieser Erde gehören die drei Serien von Kazuo Koike und Goseki Kojima: Lone Wolf and Cub (auch auf Deutsch), Samurai Executioner und Path of the Assassin. Aus Volume 5 dieser Reihe (erschienen bei Dark Horse 2007) stammt eine weitere Dharani-Zauberformel. Ich übersetze die Silben. Zu lesen sind die Bilder von oben nach unten und von rechts nach links! Zum Vergrößern bitte anklicken.




Rin = Stärke
Pyô = Kanal
Tô = Harmonie
Sha = Heilen


Kai = Gefühl von Gefahr
Jin = Gedankenlesen
Retsu = Kontrolle über Raum und Zeit
Zai = Kontrolle über den Himmel und die Elemente
Zen = Erleuchtung
Akuma Kôfuku = Dämonen ergeben sich
Onteki Taisan = Verschworene Feinde sind in die Flucht geschlagen
Shichinan Sokumetsu = Die sieben Widrigkeiten verschwinden augenblicklich
Shichifuku Sokushô = Die sieben Wohltaten entstehen sogleich

Missverständnisse im Zen (I):
Bodhidharmas Mark

Ich möchte in loser Folge eine Reihe "Missverständnisse im Zen" und "Missverständnisse im Buddhismus" nutzen, um mit den m.E. gröbsten Lehr- und Denkfehlern der buddhistischen Tradition aufzuräumen. 

Heute geht es um die falsche Deutung von Bodhidharmas "Mark"-Gleichnis. Bodhidharma hatte vier seiner Schüler auf ihr Verständnis geprüft und ihnen gesagt, dass sie seine Haut, sein Fleisch, seine Knochen und sein Mark erlangt hätten. Das "Mark" besaß Dazu Huike (487-593), der Bodhidharmas Dharma-Nachfolger wurde. Soweit scheint klar, dass es sich hier um unterschiedliche Stufen der Verwirklichung handelt und nur das "Mark" dem völligen Erwachen entspricht.
   Dôgen meinte jedoch: "Alle vier Schüler hatten Verwirklichung und Verstehen. Jedes Menschen Erlangen ist Haut, Fleisch, Knochen, Mark." Dôgen meint, dass Bodhidharmas Aussage nicht bedeute, das Verständnis des einen sei tiefer als das des anderen. In dieser für Dôgens Stil zuweilen typischen Relativierung verweigert er sich jedoch einer Festlegung, die für Bodhidharma Ausdruck seiner klaren Wertung war. Dôgen verdreht Bodhidharmas Aussage damit zu etwas, was wiederum auf das "von Anbeginn an erwacht sein" verweist, auf die inhärente Buddha-Natur, die nicht erst erworben werden muss. Dôgen und Bodhidharma sprechen hier jedoch nicht von den gleichen Dingen, weswegen eine Umdeutung von Bodhidharmas Aussage in die Irre führt. Von heutigen Zen-Lehrern wird sie gelegentlich auch als Ausrede benutzt, sich bei Wertungen anderer Lehrer bedeckt zu halten, anstatt klare Aussagen über den Erkenntniszustand eines anderen zu treffen.

Sonntag, 4. Juli 2010

Wie nützlich ein (totes) Schwein sein kann

In den vergangenen Tagen habe ich oft Tiere zum Gegenstand des Blogs gemacht - und die Notwendigkeit sie zu töten, trotz anderer Erwartungen, die man Buddhisten gegenüber hegt. Nun erschien im SZ-Magazin eine Übersicht der Produkte, die man aus einem geschlachteten Schwein herstellt. Darunter sind viele, die nicht nur ich nicht missen möchte. Sicher gibt es hier und da Alternativen, interessant ist jedoch auch, welches Dana, welche Gabe, ein solches Schwein darstellt. Daraus wird nämlich u.a.:

- Brot
- Kaugummi
- Negativfilm einer Fotokamera
- Herzklappe
- Seife
- Erdbeer-Käse-Kuchen
- Streichholz
- Wein
- Fruchtsaft
- Tiramisu
- Farbe
- Lakritz
- Bremsscheibe eines Zuges
- Patronenkugel
- Bier
- Heparin (Blutgerinnungshemmer)
- Papier

usw. usf. Nicht zuletzt auch Hunde- und Schweinefutter.
Ja, das Leben eines Vegetariers ist nicht so einfach, will er konsequent sein ...

(Foto: Scott Bauer/Wikipedia.de)

Samstag, 3. Juli 2010

Warum trotz Buddha nicht alles Leiden überwindbar ist

 (recycelt von einer Mailingliste)

I. Liebeskummer/von Geliebten getrennt zu sein: Vom Buddha als Leiden bezeichnet.

II. Krankheit: Vom Buddha als Leiden bezeichnet.

Diese beiden Dinge greife ich exemplarisch heraus. Allgemeine Ansicht: Wir können nicht das Leiden, sondern die Einstellung dazu, das "Leiden an dem Leiden" ändern.

Was heißt das für I? Wir können also das Leiden am Liebeskummer ändern. Richtig? Ja. ABER:
Wir können auch den Liebeskummer selbst meditativ eliminieren. Darum geht es, auch im Theravada. Nicht nur, nicht am Leiden des Kummers zu leiden, sondern den Kummer nicht aufkommen zu lassen.

Was heißt das für II? Wir können das Lamentieren über Schmerzen ändern. Richtig? Ja. ABER:
Wir können den Schmerz ab einer gewissen Stärke NICHT meditativ eliminieren. Wir können es NICHT verhindern, dass er aufkommt.

Wir reden nicht von den gleichen Dingen. Der Schmerz existiert auch ohne das Leiden daran. Der Liebeskummer nicht. Genau genommen ist von den Geliebten getrennt zu sein nur ein Problem, wenn wir es dazu machen. Der Schmerz aber ist es auch dann, wenn wir ihn nicht dazu machen. Darum muss man erkennen, dass die Lehre Buddhas im Hinblick auf körperliche Leiden nicht viel nutzt. Ein Nebensatz "Krankheit ist Leiden" oder auch die Umdeutung "an Krankheiten leiden wir" in Bezug zu "ich kenne den Weg zur Überwindung des Leidens" muss darum in die Irre führen. Nein, für die Überwindung dieses Leidens kennt Buddha keinen Weg. Vielleicht der Schmerzmittelfachmann. Gegenprobe: Man schalte Gier, Hass, Verblendung aus (nach der 2. Edlen Wahrheit) Und? Schmerzen sind immer noch da. Liebeskummer nicht. Auch wenn's ein langer Weg sein mag.

Begründung, warum dies falsch gelehrt wurde: Unterschiedliche Schreiber des Pali-Kanon mit unterschiedlichen geistigen Kapazitäten. Begründung, warum es noch immer falsch verstanden wird: Schriftglaube statt Nachdenken und Nachprüfen (experimenteller Beweis).

Freitag, 2. Juli 2010

AQAL! oder: Der Handel mit Zigaretten

Schön, wenn einem der Blog-Update mal so leicht gemacht wird. Christoph Jantzen vom Haus Lueginsland hat mir mal wieder aus der Seele gesprochen. Ganz nebenbei erwähnt er auch noch ein Zigarettenunternehmen, dessen Glimmstängel augenscheinlich in Südostasien achtjährige Kinder kaufen und rauchen können (während man hierzulande einen auf Jugendschutz heuchelt). Und wer genau liest, versteht auch, warum ich mir bei einem Spiel der Japaner im Achtelfinale lieber die Haare raufe als morgen zu jubeln, wenn Thomas Müller dem Maradonna zeigt, was ein wirklich bodenständiger Ballkünstler und a Pfundskerl ist. 

(Abbildungen: Packung der Marke "Victory" mit grafischer Anlehnung an die Kulturdenkmäler von Angkor Wat, dem Wahrzeichen Kambodschas; erworben von einem Kind hinter einem Verkaufsstand in Kambodscha, an dem auch Kinder diese Zigaretten kaufen konnten. Zum Vergrößern bitte anklicken.)

Donnerstag, 1. Juli 2010

Der Handel mit Fleisch

(recycelt aus einem Forum) 
Von den "fünf Arten des Handelns" ist für mich das Verbot des Handelns mit Fleisch (wozu dann wohl auch Fisch gehören dürfte) unhaltbar. Man braucht nur den Fernseher einzuschalten, um mindestens drei Mal die Woche irgendwelche Fischer in buddhistischen Ländern zu sehen, deren Überleben genau davon abhängt - und nicht deshalb gefährdet ist, weil sie dies tun, sondern weil große Fangflotten die Meere leerfischen. In Kambodscha müssen einige sogar mit Rattenfleisch handeln. Ich würde wahrscheinlich einem Mönch an der Robe zerren, würde ich mitbekommen, dass er einem solchen Rattenfleischändler, der am Ende des Tage 4 Dollar Gewinn gemacht hat, dies noch untersagen will, während er selbst sich - womöglich noch im Widerspruch zum Vinaya - im Tempel von einem kleinen Jungen massieren lässt. Die Praxis spricht hier eine andere Wahrheit als die Theorie. Für den Rattenfleischhändler und Fischer führt der Verzicht auf den Fang und Handel mit Tieren konkret nicht "zu Segen und Wohl", sondern zu Fehlernährung und Armut. Der normale Weg der Erkenntnis besteht dann darin, eine unbrauchbare Regel auszumerzen. Das Übelste an dieser Geschichte ist jedoch, dass auch der Fisch- und Rattenhändler dem Mönch in aller Frühe womöglich was in seine Bettelschale tut, und sei es nur Reis und Gemüse - und dies nur tun kann, weil er arbeitet. Da auch die Schlauberger von Mönchen und Nonnen jedoch nicht in der Lage sind, die Welternährung auf kompletten Vegetarismus umzustellen, ist dieser Teile der Lehre nicht heilsam, sondern illusionär. Oder im besten Falle Zukunftsmusik. Und das war er schon zu Zeiten des Shakyamuni, als noch weitaus mehr Menschen auf der Welt nicht auf Fleisch verzichten konnten.