Mittwoch, 30. Oktober 2013

Best of Hakuin (I)

(Auszüge aus Hakuins Briefen)

Schüler, die bereits zum Erlangen durchgedrungen sind, sollten sich nicht davon beirren lassen, dass die Menschen sie nicht ehren; sie sollten sich nur darum kümmern, ihr Erlangen zu vervollkommnen.

Wenn dir ein Priester erzählt, er hätte Schüler befreit, indem er sie den Dhamma lehrte, kannst du dir zweierlei sicher sein: Er ist nicht zur Quelle vorgedrungen und er ist kein echter Zenlehrer. Für dich ist jedoch nicht wichtig, ob er echt ist oder nicht. Du gelobst, mit falschen Lehrern wie ihm nie etwas zu tun zu haben. Die Zenübung muss wahr und authentisch sein und mit einem wahren und authentischen Lehrer praktiziert werden. Kannst du etwa Bodhidharma, Hui-neng, Huang-po, Hsueh-feng und Tao-wu als tote Ottern* bezeichnen? Oder ehrwürdige Lehrer wie Hui-ko, Nan-yueh, Lin-chi, Hsuan-sha und Hsiang-yen als dumme Schafe?

Schüler sollen ihren Geist sowohl in ihren Alltagshandlungen als auch in der Stille des Zazen gründlich durchdringen. Ist ihr Geist im Alltag etwa verschieden von dem während der Sitzmeditation?

Warum willst du dich starrsinnig dem Zenstil des verwelkten Sitzens hingeben, dich halbseiden in irgendeinem Hinterland hinhocken, deinen Geist zu Asche machen und Gedanken wie Gefühle auslöschen, so deine Weisheit blenden und dein Leben vermurksen?

Es heißt, man solle sich Freunde suchen, die einem überlegen sind.

Im Sutra des Glaubenserwachens (Mahāyāna Śraddhotpāda Śāstra) heisst es: "Fühlenden Wesen, die mit Mut und Tatkraft üben, kann das Erlangen der Buddhaschaft in einem einzigen Gedankenmoment geschehen. Faule Wesen dürfen jedoch nicht darauf hoffen, selbst wenn sie viele Zeitalter lang üben." Damit sind die gemeint, die zu bestimmten Zeiten für die Dauer des Abbrennens von drei oder vier Weihrauchstäbchen sitzen. Auch wenn Letztere Aussenstehenden als ehrwürdig erscheinen, da sie sich ununterbrochen und sorgfältig ihrer Übung hingeben, gelingt es ihnen nicht, ihre Verwurzelung im Leben abzutrennen. (hier zitiert Hakuin einen anderen Praktizierenden)

Die wachsende innere Stärke, die ein Mensch erfährt, nachdem er den grossen Zweifel zum Erwachen hin durchbrochen hat, kann ein Hochgefühl im Geiste erzeugen, dass der Leber schadet.

Was meinte eigentlich Meister Gudo mit den "letzten und schwierigen Grenzen"? Jene riesige Ansammlung von Fuchssabber, die die alten Lehrer in ihrem unendlichen Mitempfinden zurückliessen, um zukünftigen Generationen von Schülern zu helfen, die giftigen Ozeane der Erleuchtungsfixierung zu überqueren, den höllisch beschmutzenden Siff dogmatischer Ansichten in den Staub zu treten, sich vom diamantharten Netz der Satori-Aufklärung zu befreien und dem konstruierten Korb konzeptuellen Verstehens zu entkommen. 

Für die Zenschule zählt der gegenwärtige Augenblick - es gibt nichts, was viel Zeit benötigt. Alles, was ich euch sage, ist nur für diesen Augenblick, Medizin, um die Krankheit zu heilen. Letztlich hat es keine wahre Realität.


* Als "Tote-Otter-Zen" (shi katsudatsu) bezeichnete Hakuin das Zen der stillen Erleuchtung in der Soto-Schule.

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Samatha, samapatti, dhyana ...
und ein anderer Blick auf Meditation

Im Kapitel "Bodhisattva des gründlichen Unterscheidens" (des Sutras der Vollkommenen Erleuchtung) wird auf "25 Arten reinen Samadhis" eingegangen. Ich möchte die darin gegebene Definition dreier Meditationsarten wiedergeben.

"Wenn sich Bodhisattvas nur in völlige Stille betätigen, können sie durch deren Kraft fortdauernd Fixierungen lösen und das Letztgültige erlangen. Ohne von ihrem Sitz aufzustehen, treten sie in Nirwana ein. Diese Bodhisattvas praktizieren samatha.

Wenn Bodhisattvas alle Dinge als Illusion kontemplieren, können sie durch die Kraft der Buddhas die Dinge in der Welt in alle Arten von Auswirkungen wandeln und so die reinen, wundersamen Handlungen als Bodhisattvas vollziehen. Sie bewahren in Stille dharani und Achtsamkeit und verlieren nicht die Weisheit, die aus jener Stille erwächst. Diese Bodhisattvas praktizieren samapatti.

Wenn Bodhisattvas sich nur in dem Auslöschen von Täuschungen betätigen, ohne in deren Auswirkungen verstrickt zu werden, werden sie alle Fixierungen lösen und die absolute Wirklichkeit manifestieren. Diese Bodhisattvas praktizieren dhyana."

Mir ist es ein Anliegen, die in solchen Mahayana-Sutren angelegte und in Zen-Kreisen heute sowohl von Dogen- wie auch von einigen Koan-Anhängern kolportierte Sitzmeditation in ihrer Bedeutung zu relativieren. Zwar mag es keine einzelne Meditationsform geben, die statistisch betrachtet besser geeignet ist, den befreiten Zen-Menschen des Loslassenkönnens zu zeugen, doch ist in der Zen-Geschichte immer wieder ein wesentlicherer Aspekt betont worden. So schrieb Meister Yantou (827-887):

"Als ich früher auf Reisen war, suchte ich an ein paar Orten Lehrer auf. Sie unterrichteten die Konzentration bei Tag und bei Nacht, das Sitzen bis zum Schwieligwerden deiner Arschbacken, und all das, während dein Maul sabbert. Solche Typen sitzen in der völligen Dunkelheit des Bauches vom Urbuddha und behaupten töricht, sie würden in der Meditation ihr Erlangen aufrecht erhalten. Doch da ist immer noch ein Begehren! Habt ihr nicht gelesen: 'Wenn du unabhängig und frei von Leidenschaften bist, bist du selbst Buddha!'? Ein Altehrwürdiger sagte: 'Wenn du die Milch vergiftest, ist selbst geklärte Butter tödlich.' Dies erlangst du nicht durch Hören, du kannst es gar nicht erlangen oder darin verweilen, es ist auch nicht in deinem Ausdruck. Missverstehe nicht, was bloss ein Tor oder eine Tür ist, sonst bist du noch am letzten Tag deines Lebens verarscht und hilflos. Du solltest Künstliches und Exzentrisches meiden. Kümmere dich einfach um deine körperlichen Bedürfnisse und verbringe die Zeit gemäss deines Platzes im Leben. Und störe nicht die öffentliche Ordnung, indem du dich hochtrabend mit einem identifizierst, der dem Weg folgt."

Der vor einigen Wochen hier ausgiebig zitierte Meister Foyan beschrieb es mit seinen "Zwei Methoden des Einganges":

"Seit Urzeiten gab es zwei Methoden, die wahre, also ein Freisetzen ohne Unterbrechung, und die behelfsmässige, eine feinabgestimmte Antwort auf alle Möglichkeiten. Wenn du Eintritt durch die wahre Methode erlangst, dann verstehst du auf natürliche und spontane Art, ohne der Kontemplation zu bedürfen, du wirst nicht dahinter zurückfallen, jedoch zahlreiche erstaunliche Fähigkeiten entwickeln. Wenn du Eintritt durch die behelfsmässige Methode erlangst, musst du 'den Sitz einnehmen, die Kleidung tragen und danach für dich selbst erkennen'. Dies kann man jedoch noch nicht als das Letztgültige ansehen. Die zwei Methoden sind eine Wirklichkeit."

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Koreanischer Kitsch: Ji Kwang Dae Poep Sa Nim

Die fast 70-Jährige, die sich auf Fotos noch heute gern mit vollem Haar und viel jünger zeigt, hält sich nicht nur für eine Zen-Meisterin. Ihr werden auch Wunderkräfte nachgesagt: "Ji Kwang Dae Poep Sa Nim hat Buddha´s (das Absolute, die Wahrheit) Energie erlangt und (...) ist (...) in der Lage, die Energie der Natur auszubalancieren, damit die Natur keine Tragödien verursacht. In der Tat ist es zum Beispiel so, dass seitdem der Supreme Matriarch auf Big Island lebt, es keine Naturkatastrophen gab, die eine Auswirkung auf die Insel selbst gehabt hätten." (Zitat)
   Big Island ist ein anderer Name für Hawaii, und laut der gleichen Website ist die umtriebige Koreanerin zumindest seit Anfang der 90er-Jahre dort beheimatet (genau wie ihre Herkunft aus dem Zen lässt man genauere Details lieber im Dunklen). Hier eine Auswahl der Naturkatastrophen, die Hawaii ungeachtet dessen heimsuchten:
   Hurrikan der Kategorie 4 am 11. September 1992, 4 Tote, 1,8 Milliarden USD Schaden. Die folgenden Wirbelstürme wurden benannt: Emilia (1994), Dora (1999), Jimena (2003), Kenneth (2005), Flossie (2007), Cosme (2007), Hernan (2008), Felicia (2009). Hier noch eine Liste der Tornados.
   Blitzflut im Oktober 2004, die sechzig Häuser zerstört und einen Schaden von einer Million Dollar anrichtet.
   Sechs Wochen Dauerregen im März 2006 mit sieben Toten infolge der Fluten.
   Erdbeben der Stärke 6.7 am 15. Oktober 2006.
   Hagelsturm am 9. Maerz 2012, der grösste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1950.

Anhänger des Po(e)pstars wurden am Viktualienmarkt bei Protesten gegen den liegenden Buddha gesichtet.

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Der Ultra-Man:
Weisheiten des Karatemeisters Richard Kim (1917-2001)


Es gibt vier Dinge, an denen du nichts ändern kannst: Geburt, Altern, Krankheit und Tod.

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Eine Kata (ritualisierte Bewegungsfolge im Karate) ist eine einzigarte Methode religiöser Praxis mit dem Ziel, den Schüler zu einer direkten, intuiten Erkenntnis der Wirklichkeit zu führen. Sie soll den Körper zu einem Instrument für die Verwirklichung des "Absoluten Geistes" schmieden. 

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Es gibt bei den Kampfkünsten drei Stufen, die man sen nennt. 
   1) Sen bedeutet in der Lage zu sein, jeder Attacke effektiv zu begegnen.
  2) Go no Sen bedeutet, dass das Späte zuerst kommt (atonosaki). Der legendäre Schwertkämpfer Yagyu Jubei, dessen Vater den Yagyu-Stil der Shinkage Ryu begründete, entwarf das Konzept von Go no Sen: "Ein Kampfkünstler begegnet einem Angriff, wenn er entsteht. Die Attacke wird beendet, bevor sie ausgeformt ist." Es bedeutet, den Gedanken des anderen zu erspüren und entsprechend zu reagieren. Der Gegner macht seine Bewegung geistig wie körperlich als Erster, und doch kommt deine Bewegung ihm zuvor. Darum sagt man "Spätes kommt zuerst". Dies ist die Stufe von Meistern der Kampfkunst.
   3) Sen no Sen: Hierbei hält der Kampfkünstler den Angriffsgedanken des Gegners im Enstehen an, so dass dieser an etwas anderes denkt. So gibt es keinen Angriff, nur ein gegenseitiges "aneinander vorübergehen" (ainuke). Nur die höchsten Meister der Kampfkunst und Meditation befinden sich auf dieser Stufe. Dazu muss man zunächst kensho (Einsicht in sich selbst) und eine höhere Stufe des Erwachens erlangen. Dies ist das Ziel aller wahren Meister der Kampfkunst.

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Denke nicht, fühle! Wenn du denkst, wirst du nachprüfen und anhalten, du wirst nicht zur Quelle vordringen. Die Energie wird sich in eine andere Richtung wenden. Mache nichts mit der Energie, erspüre sie einfach und folge ihr dorthin, wo sie herkommt. Wenn dir das gelingt, wirst du verstehen. Dies ist universales Wissen, nicht Schulwissen, sondern eines, das von Beginn an existierte. Du musst es nur anzapfen. Die Samurai, denen dies gelang, hatten keine Angst zu sterben.

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Meditation ist nicht wahre Meditation, wenn du mit dem Kopf denkst. Nur mit dem Kopf denken bedeutet, jegliche Emotion zu verschieben, die versucht sich auszudrücken, wenn sie aus der latenten reinen Energie in dir hervorquellt. Indem du jedoch mit dem Herzen hörst und fühlst, kannst du in dein Innerstes und zum eigentlichen Geheimnis vordringen. Nur durch dein Herz kann Mitempfinden das Verdrängen ablösen und den wahren Menschen offenbaren.

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Wie man zum Ultra-Man wird? Nicht, indem man den Ausdruck (der Energie) kontrolliert und stoppt, was nur bedeutet, ein intensiveres Gefühl zu verzögern, sondern indem man die Energie mit ihrer Quelle verbindet. Dies geschieht, indem man wie die alten Meister meditiert, also nicht durch Sitzen mit Konzentration auf den Bauchnabel, sondern durch Anwenden des Ausdruckes der Energie. Samurai nutzten dieses tiefe Geheimnis, indem sie Gefahr zum Anlass für Meditation nahmen. Sie hielten Wut für einen der stärksten und gewalttätigsten Mechanismen, mittels derer Energie ihren Ausdruck findet. Durch die Nutzung dieser Wut für die Meditation konnten die Meister zu deren Ursprung gelangen und sahen die Wut so schwinden und reine Energie aufsteigen, die ihnen Kraft gab. Man kann derart über jede Form meditieren, mit der sich Energie ausdrückt. 
   Der Energie, die die Form "weisser Hitze" annimmt, also z.B. Wut, ist am leichtesten zu folgen. Darin liegt zugleich ein Hindernis, denn der Ausdruck "Wut" ist stets befriedigender als die Meditation darüber. Es ist leichter, seine Wut auszuleben als ihr zu ihrem Ursprung zu folgen. Darum halten es viele Menschen für angenehmer, einfach nur sitzend zu meditieren.


(nach Don Warrener: 20th Century Samurai. The Philosophy and Psychology of Richard Kim. Hollywood 2006)