Sonntag, 28. Februar 2010

Warum sieht die Elster einem Stinktier ähnlich?

Wie kann man als Buddhist eigentlich der Falle entgehen, den Menschen für die Krone der Schöpfung zu halten (Verzeihung, ein Ausdruck aus christlichen Kreisen)? Da sind doch die sechs  Bereiche oder sechs Welten. Eine davon ist die Welt der Tiere: "Hier sind geistige Unwissenheit und Stumpfheit der Tiere anzutreffen, die zur Unterdrückung der Tiere durch die Menschen, zu Jagd und Fleischgenuß führen. Der Buddha mit dem Buch der Tugendvollkommenheit will den Tieren den Weg in das Reich des Wissens führen. Der Buddha mit dem Schwert weist den Weg auf den Pfad der sittlichen Zucht." Spontan hier angegoogelt. 
 
Also, das war noch nie mein Ding, einer Kakerlake beizubringen, nur vor 12 Uhr mittags zu essen. Oder einem Hund aus Brehms Tierleben vorzulesen. In der Tat sagte ein mir durchaus sympathischer burmesischer Abt (ich kenne auch einen unsympathischen), als ich ihn mal fragte, wie denn eine Schmeißfliege je aus ihrer Welt heraustreten und erwachen könne: Auch diese Fliege könne schließlich Gutes tun. Als ich so darüber nachdachte, fiel mir auf, dass praktisch alle Tiere nur Gutes zu tun scheinen - ganz im Gegensatz zu uns Säuge-Tieren (aber der Pali-Kanon hatte da noch ein anderes Klassifizierungssystem). Da Tiere ihren Instinkten, vor allem dem Überlebenstrieb, folgen, und ganz offensichtlich keine dicken Ethikschwarten schreiben, kann man ihnen kaum vorwerfen, Schlechtes zu tun. Wie ich so weiterüberlegte, wurde mir klar, dass meine Frage falsch gestellt war. Ich hätte fragen sollen: "Wie kann ich, geehrter Abt, eigentlich zur Schmeißfliege werden?" Und wenn auch einige vor ihrem Bildschirm jetzt einwerfen mögen, das sei ich schon, ist dieser Lehrinhalt doch von wirklicher Gefahr. Wer die gestern verlinkte Doku über den Prionen-Entdecker gesehen hat, der bekam ein Beispiel für die enormen Leistungen von Tieren, die - wenn sie's könnten - eigentlich ständig über uns lachen müssten. Obwohl gerade vom "Engagierten Buddhismus" Impulse für ökologisch und ökonomisch bewusstes Handeln ausgehen, sehen zahlreiche Buddhisten - weil sie nicht mit der so verstandenen Überlieferung in Konflikt geraten wollen - noch immer Tiere als bemitleidenswert unterentwickelte Geschöpfe an. Ja, sogar Vegetarier kann man dabei erwischen, wie sie mit dem Finger belehrend auf die sechs Welten verweisen.

Ich meine, so lange wir nicht erkennen, dass wir für das Gleichgewicht der Natur in diesem Lebensraum Erde eines der überflüssigsten Lebewesen sind, haben wir unsere wahre Stellung und Bedeutung verkannt. So lange wir uns nicht drei Mal mehr vor der Kakerlake verneigen können (ehe wir so lange auf ihr rumklopfen, bis endlich ihr brauner Lebenssaft rausspritzt) als vor unserem Meister, verstehen wir nicht mal, wer von uns beiden da lebenstauglicher ist. Was der Buddha tatsächlich lehrte: Dies ist eben keine Frage von Macht, Kraft und scheinbarer Überlegenheit. Das Wesen ohne Rang und Namen, völlig ungebunden und frei - das ist die Schmeißfliege (auch wenn sie gleich die Klatsche fängt).

Und nun muss ich mich nur ein wenig querlegen, um die Kurve zu diesem Buchtipp zu bekommen. Sante Poroomas "Jenseits aller Begriffe und Worte" ist erschienen. Eine gelungene Einführung in den Buddhismus und kompakte Übersicht seiner wesentlichen Lehrinhalte. Es gab aber ein paar Stellen zur Wiedergeburt, die ich ablehnte, und darum habe ich das Büchlein damals nicht selbst publiziert. Der Übersetzer hat's mir nicht übel genommen, und weil Sante ein Schüler auch von Philip Kapleau war, konnte ich eigentlich auch nicht anders handeln. Ich empfehle das Werk also ausdrücklich, und gebe hier noch aus meiner damaligen Ablehnung zu bedenken: 

"'So dreht sich das Lebensrad schneller als wir es verstehen können; in jedem Moment wird ein neues 'Ich' geboren, und damit ist die Unwissenheit über die wahre Natur der Wirklichkeit weiter auf dem Vormarsch.  Wir sind eine wiedergeborene Version einer Person, welche heute morgen aufgestanden ist, und diese Person ist die Wiedergeburt derjenigen, die gestern Abend zu Bett ging. Wiedergeburt bedeutet, dass man weder sagen kann, es sei dieselbe Person, welche in den drei Zeitabschnitten da ist, noch dass sie nicht dieselbe Person ist.' (Porooma)

Nun, wenn das so ist, warum dann überhaupt etwas dazu sagen? Es ist doch in shunyata (der Leere) letztlich gar keine Person. Also auch keine Person zum Wiedergeborenwerden. Wenn wir dies in unserer Zen-Übung erkennen mögen, warum sollten wir uns dann noch um die für mich unmögliche Erklärung von Wiedergeburt bemühen?

Dazu kommt das Problem, dass wir gemeinhin im Ich, dessen Leere ja zu durchschauen wäre, eine gewisse Kontinuität sehen. So empfindet es der Normalverbraucher, so definiert es der Psychologe. Dieses Verständnis greift Sante im Absatz danach auf. Er benutzt dann die Metapher des Lego-Autos, dessen Steine sukzessive ausgetauscht werden. Dieses Bild ist in zweierlei Hinsicht unglücklich. 1) Es muss einen Austauschenden geben. 2) Sante meint: "und niemand könnte sagen, wann das eine verschwand und wann das andere auftauchte." Aber genau das können wir ja schon sagen, indem wir es zum Beispiel filmisch festhalten - doch mit dem nebulösen 'Ich' können wir das (noch immer) nicht."

So ist das Verlegerleben, wenn man selbst im Zen steht. Und wer mir immer noch nicht glaubt, dass nicht mal Tiere eine Wiedergeburt brauchen, der schaue sich den Trailer zur "Pelzigen Rache" an.

Samstag, 27. Februar 2010

Daniel Carleton Gajdusek - Genie und Pädophiler ... und ein Kommentar von Zhuxian

Daniel Carleton Gajdusek (1923-2008) entdeckte die Prionen und war Nobelpreisträger für Medizin. Er adoptierte mindestens 57 Kinder, vorwiegend aus Neuguinea und Mikronesien, wohin ihn immer wieder seine Forschungsreisen getrieben hatten. Mit 74 Jahren musste er für ein Jahr ins Gefängnis, weil er  - wie er es wohl ausdrückte - mit dem Glied eines seiner Adoptivsöhne gespielt hatte. Das Interessante hierbei ist, dass Gajdusek glaubte, weil dies in der Heimat des Jungen verbreitet und "normal" sei, würde es auch in einem anderen Kulturkreis funktionieren.

Um zu verstehen, wie entscheidend das individuelle Erleben eines solchen Vorganges sein kann - und allen, die sich für den Fall Phat Hue interessieren - sei folgende Doku ans Herz gelegt, die noch gut vier Tage online zu sehen ist. Auf www.arte.tv unter "Arte +7" (in der Leiste oben klein zu sehen) findet sich mit Datum 24.02., 23:10 Uhr  der Film "Das Genie und die Jungs" des herausragenden schwedischen Dokumentarfilmers Bosse Lindquist. Man möge ihn wirklich von der ersten bis zur letzten Minute anschauen. So viel Offenheit und versammelte Intelligenz findet man selten in einer Doku. Er kann allerdings aus Jugendschutzgründen nur zwischen 23 und 5 Uhr betrachtet werden. In der Beschreibung heißt es u.a.: "Wie definiert man menschliche Klarsicht? Wann stößt reine Intelligenz an ihre Grenzen? Wie kommt es, dass ein Mensch mit überdurchschnittlichem IQ einem offensichtlichem Selbstbetrug erliegt? Und wo liegen die Grenzen des menschlichen Einfühlungsvermögens?"

Der chinesische Zen-Meister Zhuxian (1292-1348) sagte einst (als würde er über den einen, nicht aber über den anderen hier Genannten sprechen):

"Diese weltlichen Angelegenheiten haben einen großen Einfluss auf die Menschen, die von ihnen davongerissen werden, wenn ihre Wurzeln im Aberglauben liegen und ihre Widerstandskraft nur gering ist, wenn ihre Übungen und ihre Gelübde nicht tief gründen und wenn sie nicht vollkommen aufrichtig in ihrem Herzen sind. Wenn die Menschen erst davongetragen sind, werden die weltlichen Dinge zu einem Hindernis, das sie in sich einschließt und aus dem sie nicht mal mehr für eine Minute entkommen können. Sie setzen einfach ihre unbedeutende Arbeit fort - ihr unwürdiger Geist hat keinen anderen Plan, er will nur sich selbst nutzen und nähren und andere an Ruhm übertreffen, sonst nichts.
   Angeblich religiöse Menschen treffen sich mit ihren Spezis und gründen Sekten für die Getäuschten und Interessengruppen für Teufel. Wenn du aus diesem Grund ein religiöses Leben aufnimmst, wie sollen dein Körper und Geist dann Frieden finden? Haben die Menschen erst ihre  Irrtümer verfestigt, wird alles, was sie sagen und tun, zum Geschäft der Täuschung. Weil ihre Ansichten an der Wurzel schon nicht stimmen, verfehlen auch ihre Taten das Mark. Fallt nicht unter dieses Pack!"

Freitag, 26. Februar 2010

Tiger Woods und der buddhistische Ehebruch-Knüppel


Wie man an meinem Beitrag zu Goldie Hawn sieht, bin auch ich mir nicht zu schade, ab und an einen populären Namen hier einfließen zu lassen. Tiger Woods, selbst erklärter Buddhist, ist der nächste. Allerdings mag ich nicht in den Tenor zahlreicher Buddhisten-Blogs einstimmen, die in der Regel unter Hinweis auf die buddhistischen Sila (Hauptregeln) sein Verhalten verdammten und die Entschuldigung bei seiner Frau begrüßten. Nun, mich geht eigentlich weder das eine - mit wem es Tiger Woods treibt (wozu wohl auch seine Frau zählt) - noch das andere - bei wem er sich entschuldigt (was er nun auch bei seiner Frau tat) - etwas an. Vor allem glaube ich nicht, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass sich dadurch etwas ändert. Gut die Hälfte aller Verheirateten in der westlichen Zivilisation geht offenbar fremd, wenn ich so die neuesten Studien sehe, und insofern ist Tigers Verhalten nicht nur "mainstream", sondern auch für die Zukunft recht wahrscheinlich.

Was mich an der Diskussion unter Buddhisten befremdet (auch in zwei der von mir verlinkten Blogs), ist zum einen der konstruierte Zusammenhang zwischen Reichtum und sexuellen Gelüsten. Es dürfte eigentlich jedem klar sein, dass es nur eine Frage der Örtlichkeit und des Milieus ist, ob auch ein armer Westler sich so viele Partnerinnen wie Tiger leisten kann, insbesondere, wenn er auf den käuflichen Sex zurückgreift. Wahrscheinlich stehen ihm sogar mehr Gespielinnen zur Verfügung, weil er nicht unter Beobachtung durch Journalisten u.a. steht. Wenn ich mir anschaue, was hier in meinem sozialen Brennpunkt im Haus schon los war, kann ich keinesfalls die Hoffnung hegen, es ginge unter den Ärmeren gesitteter zu.

Zum anderen ist befremdlich der Hinweis auf folgende Regel, die gemeinhin mit dem christlichen Gebot "Du sollst nicht ehebrechen" verwechselt wird: Kamesu Micchacara Veramani Sikkhapadam Samadiyami. Das heißt in etwa: "Ich gelobe, Abstand zu nehmen von sexuellem Fehlverhalten." Dies ist die Regel für männliche und weibliche Laien. "Veramani Sikkhapadam Samadiyami" heißt: Ich nehme die Übungsregel auf mich, "Micchacara": nicht den falschen Weg zu gehen, "Kamesu": wegen sexuellem Vergnügen. Im Pali-Kanon finden wir zwar etliche Stellen, in denen der Buddha vom Ehebruch abrät, aber in dieser Regel kann er nicht automatisch impliziert sein - denn die Ehe selbst kann ja genau die sexuelle Abhängigkeit, den "Weg sexuellen Vergnügens", von dem die Sila spricht, beinhalten. Wenn mit dieser Regel automatisch Ehebruch gemeint wäre, dann würde Buddha die Ehe zwangsläufig als das Gegenteil und nicht den Hort "sexuellen Vergnügens" sehen.  Das macht wenig Sinn.

Außerdem versteht der Buddha Ehebruch ganz offensichtlich so: Ein Mann nimmt sich eine verheiratete Frau (und nicht: ein verheirateter Mann nimmt sich eine unverheiratete Frau). Für mich ist das nur ein Beleg mehr für die Untauglichkeit eines Klebens am Pali-Kanon. Im Samyutta Nikaya etwa heißt es: "Wenn jemand mit meiner Frau Sex hätte, würde mir das nicht gefallen; genauso wenig würde es einem anderen gefallen, wenn ich mit seiner Frau Sex hätte [Anm: Man denke hier nur an Swingerclubs]. Was mir unangenehm ist, muss auch anderen unangenehm sein, und wie könnte ich ihnen dies aufbürden?"- Ich muss schon sagen, für einen Zen-Adepten ist eine solche Rede ausgesprochen flach. Wir fragen uns: Wieso ist mir das denn unangenehm? Oder besser: WEM ist denn da was unangenehm? Und wenn wir diesen Übungspfad gehen, dann werden wir auch nicht mehr die (letztlich nicht nur altruistische, sondern eben auch egoistische) Sichtweise hegen, dass alles, was mir unangenehm ist, auch anderen unangenehm sein müsse.

Da es nötig ist, mithilfe der textlichen Überlieferung dieser Sila Bedeutung zu geben - selbsterklärend genug ist sie nämlich nicht -, taugt die Assoziation mit den wesentlicheren Lehrinhalten des Buddhismus (die sich eben nicht primär mit der Ehe beschäftigen) viel eher zum Verständnis.Was würden wir hier erwarten? Wohl vor allem, dass "sexuelles Fehlverhalten" dadurch vermieden wird, dass wir niemandem damit schaden.  Dass wir mit unserer Sexualität achtsam umgehen. Dies wird freilich auch oft erst im Nachhinein klar - wir kennen wohl alle Menschen, die zeitweise mit ihren Partnern glücklich waren, später und mit zeitlichem Abstand aber diese Beziehungen (und die darin vorkommende Sexualität) bedauern. Was wir uns also wohl darunter vorstellen, ist einvernehmliche Sexualität - eine im gegenwärtigen Geschehen des Sexes von allen Beteiligten gewünschte Aktion.

Nun ist der/die "Betrogene" in der Regel an dieser Aktion nicht beteiligt. Was ist das Motiv, wonach hier Schaden entsteht (wenn wir die Zeugung außerehelicher Kinder und damit verbundener Probleme mal beiseite lassen)? Ist es nicht der Egoismus des Partners? Wird nicht sogar in offenen Beziehungen, in der "Polyamory", auf die mich heute eine Bekannte hinwies, die Eifersucht noch als eines der größten Hindernisse - aber eben auch als Übungsfeld gesehen? Warum sollte ausgerechnet ein Buddhist, der danach strebt, nicht nur seinen Egoismus, sondern auch den der anderen Menschen zu vermindern, auf diesen Rücksicht nehmen? Ist sein/ihr Ehebruch automatisch egoistisch? Es gibt zu viele Ausnahmen, um eine solche Regel konstituieren zu können. Und zu viele Formen des Zusammenlebens, von denen der Buddha nichts wusste. Genauso wenig, wie sich die Verfasser des Vinaya z.B. den Sado-Masochismus als verbreitete Sexualform vorstellen konnten und auch zum Sex zwischen den Generationen keine speziellen Regeln verfassten. Was nämlich als leidvoll und schädlich angesehen wird, hängt auch immer von der Zeit und dem Ort ab, wo sich die Sexualität abspielt. In wie vielen Sprachen dieser Welt wohl ein Wort wie "Ehebruch" gar nicht existiert?

Ich nehme an, dass die wirklichen Probleme - aus einer tiefen (prajna) und nicht oberflächlichen (sila) Ebene des Dharma gesprochen -, die wir in dem Sexskandal um Tiger Woods erkennen, diese sind: 1) Das Anhaften und "Nicht-Teilen-Wollen" auf Seiten seiner Ehefrau; 2) das Anhaften an häufigem Sex auf Seiten Tigers. Insofern wurden beide Probleme durch eine öffentliche Entschuldigung höchstwahrscheinlich nur kaschiert und nicht behoben. Im Gegensatz zu den meisten Bloggern sehe ich freilich im ersten Punkt mehr Schwierigkeiten. Denn wer auch immer, ob Mann oder Frau, auf eine solche Art am Partner anhaftet, der kann auf dem buddhistischen Pfad kaum als erwacht gelten. Wer jedoch mit vielen Partner Sex hat, der muss deshalb noch lange nicht abhängig sein. Ich kenne Tigers Hormonspiegel nicht, aber ich weiß von mir selbst, dass es viel einfacher ist, auf Sex zu verzichten, als den exklusiven Besitzanspruch auf eine bestimmte Partnerin aufzulösen.

Am 15. April startet der bisher wohl kommerziellste Film Atom Egoyans in deutschen Kinos: Chloe. Das Foto oben (Copyright: Kinowelt) zeigt die unglaublich erotische Amanda Seyfried, die von einer sich als gehörnte Ehefrau sehenden Julianne Moore auf deren Film-Ehemann angesetzt wird, um zu überprüfen, ob der denn wirklich fremdgeht. Der spannend-schöne Film  deutet die vielen, oft unausgesprochenen Facetten der Liebe zwischen den Geschlechtern und Generationen  an, und gerade weil sein Ende etwas misslingt, bleibt beim Zuschauer wohl der Wunsch zurück, dass wir es in Sachen Liebe (und Sex) nur dann besser machen werden, wenn wir aufhören mit der Heuchelei, Eifersucht und dem Buchstabenglauben an Worte wie "Ehebruch".

Donnerstag, 25. Februar 2010

Wie Ikkyu einen Knaben raubte ...

No-bushi: Ich bin im Grunde auch gar nicht wegen Eurem Geld gekommen. Euren Kopf will ich. (Er ergreift das Langschwert.)
(In diesem Augenblick schlägt der Tempeldiener die Augen auf. Er verkriecht sich, außer sich vor Schrecken, unter die Decken.)

Ikkyū: Meinen Kopf wollt' Ihr? Könnt Ihr denn irgendetwas mit solch einem Kopf anfangen?

No-bushi: Ja, Euren Kopf. Euch leben lassen hieße das ruhig belassen, was das ganze Reich immer weiter in Verderb und Verwirrung bringt.

Ikkyū: Wieso?

No-bushi: Ehrwürdig Edler werden als der lebende Buddha verehrt. Doch indes Ihr solchen Rang einnehmt, trinkt Ihr Wein, eßt Fleisch, habt Knaben-Umgang, gebt Falsches vor, laßt Euch in Straßenraub ein, dichtet Verse und Bilder der Unzucht; laß ich einen Priester Buddhas wie Ihr am Leben, so drehen sich mir ja die Eingeweide im Leib herum.

Ikkyū: Es stimmt, was Ihr sagt. Gleichwohl: wenn ich es für gut erachte Wein zu trinken, so trinke ich Wein; wenn ich es für gut erachte Fleisch zu essen, so esse ich Fleisch; wenn ich es für gut erachte Leben zu töten, so töte ich Leben; immer und überall, wenn ich etwas für gut erachte, so tue ich es, auch wenn Ihr bei all dem sagt, es sei Sünde. Es ist nicht Sünde. Gleichviel Shakamuni darüber sagen mag.

No-bushi: Wann sollte es gut sein, Wein zu trinken oder Fleisch zu essen?

Ikkyū: Zum Beispiel: vor einem Manne, der für sich im geheimen Wein trinkt und Fleisch ißt, über andren Leuten aber, die Wein trinken und Fleisch essen, Fall und Verderben ausruft – vor solch einem mag man wohl Wein trinken und Fleisch essen.

No-bushi: Gibt es denn Gelegenheiten, da einer, selbst im Stande des Geistlichen, leben töten mag?

Ikkyū: Es gibt sie. Vor einem Manne, der edle Männer und Frauen in Schrecken hält, indem er sagt, sie versänken in die Hölle, wenn sie irgendein Leben töteten – vor solch einem mag man Leben töten mit unbekümmertem Sinn.

No-bushi: Und in die Häuser der Freude gehen?

Ikkyū: Um klar zu machen, daß auch der Ausschweifung Verfallene und Dirnen selbst, wenn sie mit ganzer Seele wollen, das Wissen, das Erlösung ist, erlangen können – deshalb gehen, sollte das etwas Böses sein? Mir wenigstens ist eine Dirne lieber als einer gegen andre so gestrenger Herr Ritter, als Ihr einer seid.

No-bushi: Und Knaben-Umgang? Wie wollt Ihr das gut finden?

Ikkyū: Ich finde es nicht gut. Nur: wenn der Knabe von einem widerwärtigen Kerl gehalten wird, sollte es da nicht ein Gutes sein, den Knaben zu rauben? Aus Mitgefühl zu ihm, könnt ich mich dazu finden, mit ihm umzugehen. Und dann, auch dann – das war immer mein Gedanke – sollt es mir gerade gelingen, einen rechten Menschen aus ihm zu machen.


[Quelle: "Ein Tag aus dem Leben Ikkyus" von Mushakôji Saneatsu, in der Übersetzung von Hermann Bohner (Auszug). Copyright: Adi Meyerhofer, München]

Mittwoch, 24. Februar 2010

Naikan: Die Innenschau als Methode gegen die [Zen-]Krankheit


Hakuin Zenji (1686-1769) beschäftigte sich in seiner Schrift Yasen kanna (Nächtliche Plauderei auf dem Boot) mit einer Gesundheitsmethode, die "Innenschau" (naikan) heißt. Am Interessantesten erscheint mir das Vorwort, das von Kitô, dem "Hungernden und Frierenden", stammt. Ein Auszug:

"Wenn man bei der Zen-Meditation die Kontrolle über das Feuer des Herzens verliert, werden Körper und Geist erschöpft und die Eintracht der Fünf Speicherorgane wird durcheinander gebracht. Diese Krankheit, welche von keiner Heilkunst kuriert werden kann, ist ein Fall für das Geheimnis der Zinnober-Schulung*. Wenn man diese Übung praktiziert, werden ganz gewiss bedeutende Ergebnisse erlangt. Um dieses Geheimnis zu erlernen, ist es zunächst notwendig, in einen tiefen Schlaf fallen zu wollen. Zunächst schließt man die Augen; und wenn man dann einzuschlafen beginnt, streckt man kräftig beide Beine durch, lässt die fundamentale Lebenskraft (yuan-qi) am Nabel kreisen und von da aus das 'Meer der Energie' (qihai), das Zinnoberfeld (tanden)**, Hüfte und Beine, Fußsohlen und Herz erfüllen. 
   Dieses Meer der Energie und das Zinnoberfeld, Hüfte und Beine, Fußsohlen und Herz sind mein 'ursprüngliches Angesicht' (honrai no menmoku, 'das Gesicht vor der Geburt'). Was für ein Aussehen hat dieses ursprüngliche Angesicht? Das Meer der Energie und das Zinnoberfeld sind meine eigentliche Heimat. Das Meer der Energie und das Zinnoberfeld sind das Reine Land (jôdo) meines "Nur-Bewusstseins" (yui-shin). Was ist das Würdevolle dieses Reinen Landes? Das Meer der Energie und das Zinnoberfeld sind der Amida meines eigenen Leibes. Wie erläutert dieser Amida meines eigenen Leibs den Dharma?
   Wenn man derart wiederholte Male nachdenkt, dann wird die fundamentale Lebenskraft des Leibes schließlich Hüfte und Beine, Füße und Herz erfüllen. Unterhalb des Nabels wird sie sich ansammeln wie ein Flaschenkürbis, wie ein fest gefüllter Lederball. Wenn man diese Übung ein bis drei Wochen fortsetzt, dann werden Erschöpfungen und Beschwerden sowie Stauungen der Vitalkraft (...) geheilt werden. (...)
   Die Krankheit eures Gemüts ist vollständig geheilt, doch seid ihr damit zufrieden? Wenn man genesen ist, will man sich nicht mehr zur Meditation hinsetzen; wenn man zu erwachen beginnt, dann soll es rasch geschehen. Auch ich litt in jungen Jahren an schwer zu heilenden, ernsthaften Beschwerden (...) und ich dachte mir, dass ich lieber tot wäre. Durch glückliche Umstände wurde ich schließlich über das Geheimnis der Innenschau belehrt; und wie auch ihr konnte ich dadurch vollständig geheilt werden."

[* Anm: Ein Begriff der inneren Alchemie; Metapher für innere Umgestaltung. ** Das untere Zinnoberfeld liegt zwischen Nabel und Nieren, das mittlere in der Herzgegend, das obere im Hirn.]

[Foto, mit Gruß an A.: Keller (Kambodscha); Quelle: Dr. Julian Braun: Zen und die Kunst, das Leben zu nähren. Ein Beitrag zur Yangsheng-Tradition im Japan der Tokugawa-Zeit. Grin-Verlag 2009.]

Dienstag, 23. Februar 2010

Canisius und Phat Hue: Sex und Missbrauch in Kirche und Buddhismus (Teil 5)


Heute habe ich erfahren, dass die Pfeifen bei der DBU (Deutsche Buddhistische Union) in einem Jahr nochmal über den Aufnahmeantrag von Phat Hue entscheiden wollen. Ein Skandal. Die Entscheidung fiel ohne Gegenstimme. Damit bestätigt sich, dass es im Rat der DBU keine Vertreter mit echtem Rückgrat gibt. Und Heino - Du hast es ja vorhergesehen mit Deiner Marzipan-Wette in einem Kommentar, und ich konnte einfach nicht dagegenhalten ;-) Gib mir noch etwas Zeit, dann wende ich mich auch dem anderen falschen Abt zu. Im DBU-Forum schreibe ich nicht mehr.

Zunächst erkläre ich, wie die DBU über Aufnahmeanträge zu entscheiden hat.

"Benennung und Bevollmächtigung von zwei Vertrauenspersonen: eine aus dem Rat und eine neutrale Person. Eine von beiden sollte Fachkenntnisse aus dem Bereich der antragstellenden Gruppe besitzen. Die Vertrauenspersonen haben die Aufgabe sich ein Bild von der antragstellenden Gemeinschaft durch Besuche vor Ort zu machen – u.a. durch Einzelgespräche und entsprechende Nachforschungen (z. B. Besuch von Lehrveranstaltungen)."

Es wurde der Bericht einer Insiderin abgeliefert, der mir bekannt ist. Aufgrund dieses Berichtes ist eine Nicht-Aufnahme im Grunde schon zwingend. Ich kann diese Person nicht outen, aber sie war lange im Tempel aktiv.

"Bei Ablehnung durch den Rat wird die antragstellende Gemeinschaft eingeladen und ihr werden die Gründe für die Ablehnung erläutert. Es besteht dann die Möglichkeit den Aufnahmeantrag vor der MV zu wiederholen."

Das Prozedere ist also: Bei Ablehnung durch den Rat kann auf der Mitgliederversammlung (die wäre für April terminiert) der Antrag wiederholt werden. Dort sind natürlich mehr Menschen anwesend. Offenbar hat der Rat befürchtet, die Mitglieder könnten Phat Hue ablehnen, und überlässt nun - entgegen diesen Statuten! - der Mitgliederversammlung NICHT die Entscheidung. Der Rat bevormundet also die Mitglieder der DBU. Wenn die Mitglieder abgelehnt hätten, dann hätte nämlich dies gegolten:

"Bei Ablehnung des Antrags ist ein erneuter Antrag nach angemessener Frist (frühestens nach drei Jahren) möglich."

Der Rat der DBU hat also am vergangenen Wochenende gegen seine eigenen Statuten verstoßen und verarscht seine Mitglieder. Wie gut, dass ich keines bin.

Und nun rekapitulieren wir noch einmal das Geschehen mit ein paar Details, die Ihr noch nicht alle kennt. Damit klar wird, wie sich das alles andeutete. Zunächst hat sowohl die Vorsitzende Vajramala, obwohl selbst Laiin (in einem auf Lama Anagarika Govinda zurückgehenden "Orden") telefonisch darauf hingewiesen, dass man die Zusammenarbeit mit der Pagode Phat Hue zum Dalai Lama-Event im letzten Sommer nicht mehr abbrechen könne. Das war bereits ein schlechtes Zeichen und  ließ vermuten, dass es dem Rat der DBU egal ist, welche Vorwürfe gegen Kooperationspartner erhoben werden. Wir erinnern uns, dass man noch nach dem Event zuließ, dass die Pagode bzw. deren Marketingfachmann dubiose Rechnungen der Öffentlichkeit unterbreitete, nach denen bei der Veranstaltung ein Verlust entstanden war. Ich habe damals das Argument überprüft, aufgrund einer Bombendrohung habe man die Security verstärken müssen. Ich brachte in Erfahrung, wie schlecht die bezahlt ist, und kam zu einer ganz anderen, geringeren finanziellen Belastung.

Vor dem Vesakh-Fest in Frankfurt, für das die Pagode seit Jahren verantwortlich zeichnet, schrieb mir die in Deutschland bekannte Zen-Lehrerin Waskönig (Ex-Ratsmitglied), der Abt würde dort nicht auftreten. Ich war da. Der Abt auch. Er leitete die Zeremonien, als wäre nichts gewesen. Die Verarsche ging jedoch weiter. Vajramala meinte, der Abt hätte signalisiert bekommen, sich bei dem Dalai Lama-Event im Hintergrund zu halten und würde dies auch tun. Ich war da. Der Abt empfing den Dalai Lama, er bekam mit seiner Sangha eine persönliche Audienz, er saß in vorderer Reihe während der Vorträge. Die Verarsche ging jedoch  noch weiter. Vajramala sagte z.B. auch, wegen seiner Tierversuche wolle man  - den von mir geschätzten ! -Prof. Wolf Singer, den Hirnforscher, nicht zu der Veanstaltung einladen (sondern nur seine Tochter). Kurz nach dem Event fand ich dann dieses Video (das unterste, "Round Table 1").

Ich möge doch vor der Ratssitzung gern nochmal alles zusammenfassen, sagte Vajramala. Was ich tat. In einem zweiseitigen Schreiben, das - wie jenes der Insiderin - keinen Zweifel daran ließ, dass die Pagode nicht aufgenommen werden kann. Die Verarsche geht jedoch weiter. Herbert, Moderator des DBU-Forums auf dharma.de, meinte sinngemäß, man habe ja so unbefriedigende Erfahrungen während des Dalai Lama-Events mit der Pagode gemacht ...: "Die werden nicht aufgenommen", ja, so sagte er es. Seltsam, dass nicht mal er eine Gegenstimme erhob. Immerhin, er hatte noch den Anstand mir dieses Detail der Ratssitzung mitzuteilen.

Okay, wir sind quitt. Für meinen Buchmessestand auf Spendenbasis, den mir die DBU bzw. Herbert verschaffte (falls sich jemand darüber wunderte), habe ich im Gegenzug meinen Flyer, wenn auch ermäßigt, zu immer noch sündhaft teurem Preis dem Magazin der DBU beigelegt (den gleichen Flyer konnte ich anderswo für ein Drittel des Preises beilegen) - das hätte ich sonst nie gemacht. Ich schulde denen nichts. Ich will aber auch nicht mehr mit ihnen in Verbindung gebracht werden. Man sollte einen alternativen Dachverband aufmachen. Die DBU: Unterwandert von Ole Nydahl-Anhängern, jetzt geht es schon wieder ums Geld. Auf die paar Tausend Vietnamesen, die der Pagode irgendwie (noch) zugewandt sind, will man eben nicht verzichten. Anstatt ihnen zu einem anständigen Abt zu verhelfen.

Doch die Verarsche geht noch immer weiter. Ich hörte, dass eine "Vereinigung der Buddhistischen Vietnam Flüchtlinge in der BRD, (VBVF), Hannover" nun auch im Wartestatus für die Aufnahme in der DBU ist. Ich rufe also da an und stelle eine Frage, damit ich weiß, dass mein Gegenüber hinreichend Deutsch kann. Das kann er. Dann frage ich, ob sein Verein mit der Pagode in Frankfurt oder Hannover etwas zu tun habe. Da sagt er: "Nein." Ich wiederhole meine Frage und er sagt, sie hätten ihre eigene Gemeinde. Selbst wenn das ein Missverständnis war - heute erfahre ich, dass hinter dem Verein eben doch die Pagode Vien Giac steht. Die doch kürzlich zu mir meinte, bei ihnen gäbe es keine Kindermönche, und auf der Website glatt das Gegenteilige stehen hat. Ja Himmel, gibt es denn hier keine Vietnamesen, wie ich sie in Vietnam kennenlernte, echte Männer, deren Wort was zählt und die mir nicht ins Gesicht lügen?

Apropos Lügen - es gibt keine Antwort des Altabtes von Vien Giac, Thich Nhu Dien auf die Frage, wo denn bitte genau, und wann, und mit welchen Teilnehmern (von 20 war mal die Rede, und so sieht es der Vinaya vor) die Vinaya Kamma, der Ordensrat, in der Sache Thich Thien Son tagte. Wir erinnern uns: Der Betroffene und Zeuge Ghampierapanyo war damals ausgeladen worden! Für Verschleierung und geheime Absprachen sind Zeugen auch nicht gefragt.

Und jetzt kommen die auch noch durch die Hintertür und wollen in die DBU.

Das Mahaparinirvana-Sutra (es kommt bald, heute habe ich das Vorwort von Dr. Shenpen Hookham erhalten und muss es nun noch übersetzen) kannte bereits Gemeinschaften wie die DBU - Verzeihung, ihren "Rat" - und charakterisierte sie so:

"Ein Sangha von Toren ist ein solcher, der aus denjenigen besteht, die in der Isolierung leben, deren Verdienst gering ist und die stumpfsinnig sind. Sie reinigen in geringem Grade ihren eignen Zirkel am Ende der Regenzeit (pravârana) und an Poshadha–Tagen, aber sie bemühen sich überhaupt nicht, diejenigen zu reinigen, die gegen die Sittenregeln verstoßen. Die, die mit jenen zusammen wohnen, die gegen die Sittenregeln verstoßen, heißen ein Sangha von Toren, während jemand, der die Unziemlichkeiten der Stumpfsinnigen korrigiert, ein Âcârya heißt."

[Foto: Keller (Kuba)]

Montag, 22. Februar 2010

Small Mind - Big Mind:
Goldie Hawns buddhistisches Programm für Kinder

(Zunächst: Ein längerer Kommentar eines Leser zu den Vorgängen von Phat Hue ist eingegangen.)

Eine Zeitlang lebte ich neben Ally Mc Beal (Calista Flockhart), Jennifer Aniston und Goldie Hawn. Jennifer und Goldie hab ich mal nassgemacht, bei einer Wasserschlacht, und Ally Mc Beal hat mir mal einen Kuss gegeben. Jedenfalls dachte ich neulich, als ich drei Studentinnen und Ex-Nachbarinnen wiedersah, dass sie tatsächlich eine Ähnlichkeit mit diesen Schauspielerinnen besitzen. Wobei K. sogar besser aussieht als Jennifer. Ihre Schwester war es, die mich oft an die (junge) Goldie Hawn erinnerte. Diesen Wuschelkopf, den ich seit Shampoo (mit Warren Beatty) ins Herz geschlossen habe. Goldherz-Goldie ist inzwischen Mitte 60, hat immer noch dieses blonde Wuschelhaar und möchte nun auch Kindern in Großbritannien den Buddhismus nahebringen und soziale wie emotionale Stabilität vermitteln. Seit 2003 betreibt sie die Hawn Foundation und brachte dafür Neurowissenschaftler, Pädagogen und Verhaltensforscher zusammen, um ein Programm namens "Mind Up" zu entwickeln, dass inzwischen erfolgreich an Schulen eingesetzt wird. Es zielt darauf ab, Achtsamkeit, Empathie, Optimismus, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit u.a. zu entwickeln und richtet sich speziell an kleine Kinder. In dem Youtube-Video weiter unten spricht sie davon (Englisch). In Filmen hat man Goldie in den vergangenen Jahren kaum noch gesehen, umso mehr freut mich, dass sie ihre Zeit für andere einsetzt.

Dass der Stress, den Kinder durchleben, zumindest in unseren westlichen Großstädten zugenommen hat, erkenne ich, wenn ich auf dem Weg zu meiner Mutter eine Schule passiere. Der Lärm, der in den Pausen auf dem Schulhof entsteht, hat in den vergangenen Jahren sukzessive zugenommen. Aber so weit muss ich gar nicht gehen. Die gerade pubertierenden türkischen Jungs, einen Stock schräg unter mir, brüllen regelmäßig wie Irre, und da es auch nach 22 Uhr ist, werden sie einen Grund für die nächste Mietminderung abgeben. Wer also mit Goldies Programm sein Glück in Deutschland versuchen möchte, hat meinen Segen. Wenn ich mir die Generation der Brüllaffen anschaue, die in meinem sozialen Brennpunkt nachwächst, frage ich mich tatsächlich, wie viele davon nicht irgendwann hinter Gittern landen werden.

Sonntag, 21. Februar 2010

Erbärmlicher Schleimfresser:
Rechte Rede bei Buddha

Der Buddha kritisierte nach der Überlieferung heftiger, als manche Buddhisten heutzutage meinen, die mit der Keule der "Rechten Rede" schnell zur Hand sind, wenn ihnen eine Meinung nicht passt. Er sagte, man solle stets aus Mitempfinden und zur rechten Zeit kritisieren. (M I, 395)
   Als Devadatta die Sangha übernehmen wollte, nannte ihn Buddha Chavassakhelapakassa. Chava ist die Leiche, khelapaka der "Schleimfresser". (Vin. II, 188) Als der Mönch Arittha durch die Gegend lief und verkündete, sinnliche Freuden seien kein Hindernis auf dem Weg der Befreiung, nannte er ihn wiederholt einen Dummkopf (mogha purisa). (M. I, 132) Laien, die Aberglauben praktizierten, wurden vom Buddha als Ausgestoßene (candala), Schmutz (mala) und Abschaum (patikittha) der Laiensangha bezeichnet. (A. III, 206)  Über Makkhali Gosala, den der Buddha für einen Betrüger hielt, sagte er: "Ich kenne keinen, der so vielen Menschen und Göttern Verlust und Unbehagen bereitet, wie Makkhali, dieser Geblendete." (A. I, 33) Und: "So wie eine Decke aus Haaren als der niederste aller gewebten Stoffe gilt, da sie schlecht riecht, im Winter kalt und im Sommer heiß, hässlich anzusehen  und unangenehm in der Berührung ist, genau so sind alle Theorien der Asketen, und die von Makkali sind die übelsten." (A. I, 286)

Und aus gegebenem Anlass gebe ich noch dies zu bedenken:

"Einen Weisen erkennt man an drei Dingen. Er sieht einen Fehler, wie er ist. Wenn er ihn sieht, korrigiert er ihn. Wenn ein anderer einen Fehler einräumt, vergibt er ihn." (nach A. I, 103)

[Dank an Bhante Dhammika, sein Blog ist rechts verlinkt.]

Samstag, 20. Februar 2010

Die Schule der Feindlosigkeit (VII): Friedfertigkeit

   Die Friedlichkeit besitzt weder Form noch Körper. Das Bewusstsein hat keinen Gegner. Die Haltung ist unbewegt.
   Die Friedlichkeit hat weder Name noch Form. Darum ist sie Selbstlosigkeit. So kann einen der Gegner nur schwer durchschauen.
   Die Friedlichkeit ist in ihrer Gestalt weit und grenzenlos. Sie wird von nichts übertroffen; darum ist sie auch das Nichtunterliegen. Es ist wie mit dem absichtslosen Handeln von Himmel und Erde.
   Die Gestalt der Friedlichkeit ist Nicht-Handeln und Nicht-Dinglichkeit. Sie wird von nichts übertroffen; darum ist sie auch das Nichtunterliegen. Es ist wie mit dem absichtslosen Handeln von Himmel und Erde.
   Die Gestalt der Friedlichkeit ist Nicht-Streiten und Nicht-Widersetzen. Daher kämpft sie nicht gegen die Dinge, und darum kann sie auch nicht unterliegen.
   Das Wesen/der Körper der Friedfertigkeit ist Nicht-Neigen und Nicht-Nähern [d.h. zentrales Ausgewogensein]. Daher ist sie frei von Feinden und frei in ihren Wandlungen. So unterliegt sie nicht. Allein durch Selbstlosigkeit wird man frei von dem Verlangen nach Gegnern und der Begierde nach Kämpfen.


[Quelle: Dr. Julian Braun: Texte aus der 'Schule der anhaltenden Feindlosigkeit' (Heijô muteki-ryû). Ein Beitrag zum 'gemeinsamen Weg von Schwert und Pinsel' der Samurai im Japan der Tokugawa-Zeit.]

Freitag, 19. Februar 2010

Die Schule der Feindlosigkeit (VI):
Yari tomeru - Speere anhalten

Speere anhalten bedeutet soviel wie ‚Speere stoppen‘. Doch ist es nicht gut, zu stoppen. Wenn einem ein Speer begegnet, ist das eigene Herz wie der große Weg (daidô), welcher das Kommen und Gehen der Menschen und Dinge nicht verurteilt. Wenn man nicht anhält, kann man nicht getroffen werden; durch Unterbrechung aber kommt es zum Treffen. Wer Zweifel hat und durch das getrennte Bewusstsein der Menschen ins Stocken gerät, der kann nicht treffen, aber wird selbst getroffen werden. Das ist wie das Unheil selbst einzuladen. Dies gilt es gut zu verstehen.“ (Vgl. hierzu Takuan Sôhô)

„Die obigen sechs Kunstfertigkeiten sind die Gesetze vom Wesen der Friedlichkeit.“

[Quelle: Dr. Julian Braun: Texte aus der 'Schule der anhaltenden Feindlosigkeit' (Heijô muteki-ryû). Ein Beitrag zum 'gemeinsamen Weg von Schwert und Pinsel' der Samurai im Japan der Tokugawa-Zeit.]

Donnerstag, 18. Februar 2010

Canisius und Phat Hue: Sex und Missbrauch in Kirche und Buddhismus (Teil 4)


Beim Studium einiger Sekundärliteratur zum Vinaya stieß ich auf eine Passage über die dort abgehandelten sexuellen - nun, nennen wir das, was einmal Perversionen hieß: Interessen. Da gab es Passagen zur Sodomie, zur Autoerotik, zum Fetischismus und sogar zur Spektrophilie als Liebe zu Geistern. Was im Vinaya im Grunde fehlt, ist jedoch der Sado-Masochismus. Da der Vinaya auch ein Spiegel seiner Zeit ist, deckt sich das mit dem, was ich in einfachen, bäuerlichen Gefilden Südostasiens beobachtete: Die üblicherweise dort gelebte Sexualität, soweit mir davon berichtet wurde und ich die Sprache darauf bringen konnte, ist eher schlicht. Sado-Masochismus als sexuelle Spielart scheint einherzugehen mit einer gewissen Veränderung der Vorlieben vor allem von Städtern entwickelterer Gesellschaften. Was es jedoch damals schon gab, das war die Masturbation durch andere (Vin. III, 117, ich beziehe mich auf den Pali-Vinaya der Theravadins) und auch Tribadismus, das Reiben der Vulva an einem Menschen oder Gegenstand, normalerweise an der Vulva einer Partnerin. Lustigerweise klingt das Wort für diese Form des Lustgewinnes so ähnlich wie das für Buddha, den "So Gekommenen", tathâgata - es lautet nämlich: talaghâtaka. "tala" kann flach heißen (und somit die Stellung der Frauen beim Sex andeuten) oder auch die Handfläche. Und natürlich ist es verboten. Weil es samphassam - ein Gefühl, das man genießt - verschaffen könnte. Auch verboten ist übrigens - wie findig - sich mit der Ferse im Lotussitz die Scheide zu reiben (panhisamphassa), und gegen den Strom zu baden (dhârâsamphassam sâdiyantâ, Vin. II, 280).

Ich frage mich gerade, ob irgendein Leser dieses Blogs sich darüber nicht so amüsiert wie ich. Doch um zum Ernst der Lage zurückzukommen: Wer von Euch würde eigentlich sein Kind so erziehen, dass es später mal keinen Sex haben will? Genau das verlangt der Vinaya von Ordinierten. Während Regeln, nicht zu lügen, nicht zu stehlen, nicht zu töten, von allen halbwegs gesitteten Eltern ihren Kindern vermittelt werden, geht es in Sachen Sex meist nur darum, dass die Kinder nicht zu früh auf Abwege der Lust oder des Frust geraten oder Schwangerschaften auslösen. Für später wird jedoch in der Regel nicht nur Nachkommenschaft erwartet, sondern ein glückliches Sexualleben erhofft.

Das Verbot des Sexes, so sehr es auch der Ordnungswilligkeit und -notwendigkeit in Tempeln entgegenkommt, muss deshalb überraschen. Denn ein entsprechendes Gelübde abzulegen heißt, über etwas zu reden, was normalerweise nur im vertrauten Kreis und diskret verhandelt wird - und im Grunde niemanden etwas angeht. So leben im Moment zigtausende Menschen in meiner Stadt zölibatär, ohne dass es jemand weiß. Ob freiwillig oder nicht, sie haben keinen Sex, und sie würden das auch nie an die große Glocke hängen. Wenn man es so sieht, ist das Gelübde der Enthaltsamkeit fast schon auf der Ebene von Boulevardklatsch.

Umso schlimmer, das sagte ich schon, wirkt sich natürlich nach all dem Geschwöre von Abstinenz die in diesen Bereichen kaum zu vermeidende Verfehlung aus, denn sie muss ja dann möglichst geheim gehalten werden. Nun gut, Wissenschaftler sagen, ohne Lügen kämen wir auch nicht aus. Doch all diese kleinen Schwindeleien und "Notlügen" wirken harmlos gegen das, was uns als Betroffenheit und Leiden immer wieder entgegentritt, wenn Geschädigte von Übergriffen der vorgeblich Enthaltsamen berichten. Ich möchte nun einen überraschend einfachen Ausstieg aus diesem Dilemma anbieten, und zwar mit den Worten Buddhas. Er nämlich sagt im Mahaparinibbana Sutra (6,3), die Sangha könne die weniger wichtigen Regeln ändern. Da Ananda vergaß zu fragen, welche das seien, behielt man alle bei - obwohl das Regelwerk noch zu Lebzeiten Buddhas recht flexibel zu sein schien. Es ist deshalb logisch nicht zu widerlegen, dass man - ohne gegen den Pali-Kanon zu verstoßen - JEDE Regel (mangels genauer Definition der weniger wichtigeren, kleineren) ändern kann. Natürlich ist das sehr sophistisch. Man sollte annehmen, dass zumindest die Parajika, die vier Hauptvergehen, die zum (eigentlich lebenslangen) Ausschluss aus dem Orden führen, nicht zu den kleineren Regeln gehören. Aber wer sich streng an die Wortglauberei hält, der wird hier Argumentationsschwierigkeiten bekommen.

Aus diesem Grund ist es möglich, den Vinaya komplett abzuschaffen oder vollständig zu reformieren. So könnte tatsächlich die Sexualität wieder in die Verantwortlichkeit des Einzelnen verlegt werden, seine Enthaltsamkeit ebenso wie seine Lust, die dann aber -  auf der Basis von beidseitiger Zustimmung und straffrei - offen gelebt werden könnte. Dieser Weg scheint mir die beste Vorbeugung gegen ein verdrehtes Ausleben unterdrückter Gelüste zu sein und den natürlichen Bedürfnissen der meisten Menschen am ehesten zu entsprechen. Dies schließt nicht aus, dass man in einem Tempel auf Diskretion achtet. In Kambodscha habe ich beobachtet, dass sogar im Freien mitten in einem Wald ein Liebespaar aufhörte, sich an den Händen zu halten, als es mich erblickte, um nicht in dieser Hinsicht aufzufallen. Die Freiheit, sich sexuell betätigen zu dürfen, ohne dies zu tabuisieren, ist also vereinbar mit Rücksichtnahme.

Wenn wir ins Detail gehen, sehen wir schon, was ansonsten blüht: Eine Vinaya Kamma ("Bußgericht") nach der anderen. So ist es beispielsweise einem Ordinierten untersagt, in einem Fahrzeug zu reisen, außer wenn man krank sei. Als Fahrzeug galten Sänften, aber auch alle Wägen, also alles mit Rädern. Im Grunde blieben den Ordinierten dann auch heutzutage nur Schiffsreisen.* Und wie wäre es mit einem Wasserflugzeug?

Tatsächlich finden Ordenssitzungen wegen solcher Vergehen gar nicht statt. Das Regelwerk wird nicht mehr ernst genug genommen, die Ordinierten selbst verspotten es Tat für Tag durch ihre Taten. In Südostasien begegnete ich Novizen, die sich Parfüm auf dem Markt kauften, Nonnen bettelten mich offen um Geld an. Nach wie vor bildet man sich jedoch ein, nur durch die Fassade der Enthaltsamkeit die Spendenbereitschaft von Laien sichern zu können. Hierfür darf man nun getrost das Wort "Perversion" reaktivieren. Wenn man den Vinaya nicht mehr leben kann, warum sich krampfhaft daran klammern? Auf mich als Anhänger des Laienbuddhismus wirkt es gesünder, ihn vollständig zu entstauben, um auch das, was Laien von Ordinierten trennt, aufzuheben - denn auch dies ist nur Fassade. Jeder, der sich eine Robe verdienen will, mag sich so viele Regeln geben, wie er möchte. Doch niemand, der sich Regeln gibt, die er selbst verspottet,  und daraus Sonderrechte ableitet, verdient mehr Respekt als all die zigtausende Bewohner meiner Stadt, die gerade den Zölibat halten und das Wort "Buddha" nie in den Mund nehmen.


* [In der Pali Text Society Ausgabe in Mahavagga 9 = Vinaya, Vol. IV, p.191 = Book of the Discipline, part 4, p. 255. Dank an Bhante Dhammika. Fotos: Keller (Kuba)]

Mittwoch, 17. Februar 2010

Die Schule der Feindlosigkeit (V):
En-kai - Karma-Treffen

"Karma hat die Bedeutung von 'Begleitumständen'. 'Treffen' bedeutet 'gegenseitiges Entsprechen'. Es ist wie mit dem Schatten, welcher der Form folgt. Karma kann man mit einem Spiegel vergleichen; das Darauffallen eines Schattens ist das Treffen. Das (grundlegende) Klarsein des Spiegels ist unser Wesen. Wenn der Spiegel des Herz-Geistes klar ist, dann versteht man das Gute und Schlechte [die Stärken und Schwächen] eines Gegners, die darauf treffen, genau, und kann nicht unterliegen.

Weiter heißt es: Dieses Einwirken des Guten und Schlechten auf den Spiegel kommt vom Gegner; man selbst bewahrt nur das klare Wesen des Spiegels. Oder es ist so, wie wenn etwas geöffnet wird; unverzüglich kommt die eigene große Energie zum Tragen. Daher kann man auf diese Weise nicht unterliegen. Ohne anhaltende Verbundenheit ist es nicht möglich, die eigene Energie mit der des Anderen zu vereinen. Das ist gemeint mit: 'Wer sich selbst und den Gegner kennt, wird in hundert Kämpfen hundertmal siegen' (Sunzi). Dies ist das eine Mittel zum Nichtunterliegen."


[Foto: Keller (Thien-Tempel in Saigon). Textquelle: Dr. Julian Braun: Texte aus der 'Schule der anhaltenden Feindlosigkeit' (Heijô muteki-ryû). Ein Beitrag zum 'gemeinsamen Weg von Schwert und Pinsel' der Samurai im Japan der Tokugawa-Zeit. Grin Verlag 2008]

Dienstag, 16. Februar 2010

Canisius und Phat Hue: Sex und Missbrauch in Kirche und Buddhismus (Teil 3)

 Boat people ...            (Foto: Keller)
Ein paar Dinge gilt es klarzustellen. Ich habe nichts gegen Jesuiten. Mein Religionslehrer in der Oberstufe war Jesuit, er hatte zusammen mit dem damaligen Papst studiert, kam aus Polen und war sicher einer meiner besten Lehrer. Sein Lieblingsausdruck: "Das ist ja haarströmend." Bald reprinte ich außerdem das Zen-Standardwerk eines verstorbenen Jesuiten, und die Genehmigung kam, recht unproblematisch, vom Orden selbst. Ich stand immer gut mit den Jesuiten. Und ich will nicht den Teufel an die Wand malen - wenn ich vom Handbetrieb in tibetischen Klöstern sprach, dann weil ich kürzlich einige Details aus dem Manuskript einer Insiderin lesen durfte. Natürlich gibt es so etwas auch in Thailand und anderen buddhistischen Ländern. Warum? Weil die meisten Menschen Sex brauchen. Habe ich denn was gegen Sex von Buddhisten in Roben? Nein, ich bin vom japanischen Zen geprägt, wo sie sogar heiraten dürfen. Das halte ich für gesund. Warum also auf einer Pagode rumhacken, in der es Sex gibt? Weil sie nach außen so tut, als gäbe es ihn nicht. Weil sie behauptet, ihre Ordensmitglieder würden sich zur Sexlosigkeit verpflichten. Weil das Heuchelei ist. Und wem schadet Heuchelei am meisten? Einem Menschen, dessen Wertvorstellungen sich an Vorbildern erst orientieren und herausbilden müssen. Einem jungen Menschen, erst recht einem Kind. Darum hat ein Kind nichts in einem Tempel verloren, dessen Abt ein Heuchler ist und sich nicht beherrschen kann.

Es ist nicht der Mönch, welcher Sex haben will, den ich angreife. Es ist seine Unfähigkeit, einer buddhistischen Schule beizutreten, die das auch Ordinierten erlaubt - um der Heuchelei zu entgehen, der Manipulation, der Irration von Gut-Gläubigen. Es ist seine Unfähigkeit, die Robe auszuziehen, so lange er nicht den Regeln seiner Gemeinschaft folgen will, wenn diese Sex untersagt. Denn er hat sie freiwillig angezogen, er darf sie freiwillig aus- und, wenn er die Regeln wieder befolgen will und kann, wieder anziehen. Er könnte in Schwulen-Discos gehen und junge Männer haben, wahrscheinlich mehr als in seinem Tempel. Er könnte auch dafür bezahlen, wenn es ihm noch immer nicht reicht. In all diesen Fällen wären die Spielregeln klar. Durch schlechte Erfahrungen haben sich Ehemalige aus Phat Hue jedoch schon enttäuscht gänzlich vom Buddhismus abgewandt. Man muss die Verantwortung, einen Tempel zu leiten, auch tragen können. Wenn nicht, soll man sie abgeben.

Was würde ein Leser dieses Blogs eigentlich tun, wenn er hoffnungsvoll in einen Tempel geht und einen Abt beim Ansehen von Schwulen-Pornos ertappt?

Ein Tempel, der von seinen Ordinierten u.a. fordert:

Durch sexuellen Umgang – in welcher Form auch immer - stimulieren wir unser Verlangen. Wir gewöhnen uns daran, unser Verlangen auszuleben und kreieren somit mehr und mehr die Anhaftung an sinnliche Befriedigung und damit gleichzeitig die Anhaftung an ein Selbst."

und der meint, dass dieses Gelübde zusammen mit drei anderen so grundlegend sei,

"dass ihr Bruch den sofortigen Ausschluss aus der Klostergemeinschaft zur Folge hat",

der setzt sich hohe Ziele. Und wenn der Abt daran scheitert, dann muss er dementsprechend ausgeschlossen werden. Thich Thien Son ist nach Meinung des Vinaya Kamma, der "alten" Ordinierten - auch wenn sie sich nicht regelkonform getroffen haben dürften - daran gescheitert. Er wurde aber nicht ausgeschlossen. Das ist ein Skandal. Man sollte der Pagode das Vertrauen vollständig entziehen.

Was tatsächlich geschieht, sehen wir hier: In einem Ableger der Pagode namens Phat Dao im Odenwald wird der gleiche selbstgebraute Unsinn weitergetrieben. Auf 12 abgestufte Zen-Kurse (als eine Voraussetzung) folgen nun offenbar noch einmal so viele "Bewusstseinskurse" für 235 € pro Wochenende. Die Kursbeschreibung spottet jeder Kenntnis der Zen-Tradition und faselt esoterisch wie eh und je - da ist von der "Landkarte des Geistes" die Rede, von einer "Art geistigen Kurzschluss" (!) als Lehrmethode des Patriarchen Lin-chi (den die Pagode einst in einer Pressemitteilung gar als "Lichi" - wie die Frucht - bezeichnet hatte). Das Ganze wird mit Tai Chi und Wellnessprogrammen gemischt. Vergessen wir nicht, wie ein Zeuge berichtete, dass völlig unausgebildete Mönche in Phat Hue auf Patienten losgelassen wurden, die zur Massage gekommen waren. Mein eigener Orthopäde berichtete mir, dass er solche Patienten dann schon mal nachbehandeln durfte. Soll das "Buddhas Weg" sein, wie sich das Zentrum nennt?

Montag, 15. Februar 2010

Die Schule der Feindlosigkeit (IV): Ura no nami - Die Welle in der Bucht

"Die 'Welle in der Bucht' meint 'annähern und zuschlagen'. Die Bedeutung davon ist: Wenn man im Herzen selbstlos ist und die Trennung von anderen und den Dingen aufgegeben hat, vermag man sich dem Feind gut zu nähern. (...) Die Wellen der Gezeiten kommen ohne mein Zutun; sie rücken heran und schlagen zu. Wenn man sich dem Gegner freundlich nähert und Eins wird mit seiner Energie, dann kann man nicht unterliegen."


[Quelle: Dr. Julian Braun: Texte aus der 'Schule der anhaltenden Feindlosigkeit' (Heijô muteki-ryû). Ein Beitrag zum 'gemeinsamen Weg von Schwert und Pinsel' der Samurai im Japan der Tokugawa-Zeit. Grin Verlag 2008]

Sonntag, 14. Februar 2010

Canisius und Phat Hue: Sex und Missbrauch in Kirche und Buddhismus (Teil 2)

Heute hatte ich einen Kommentar von "Renge" zu prüfen. Ich schalte Kommentare selbst frei. Wenn sie mir nicht besonders zusagen, sollten sie natürlich nicht anonym sein, ein Realname wäre dann hilfreich. In seinem Kommentar meinte dieser Leser, ich würde hier etwas nicht auseinanderhalten - Gewalt und die Tatsache, dass es sich am Canisius-Kolleg um Kinder/Jugendliche gehandelt habe, sowie auf der anderen Seite Taten unter Erwachsenen, die "nicht gewaltsam" zustande gekommen seien. Ein solcher Kommentar macht mich stutzig, und ich muss den Leser "Renge" da vor sich selbst schützen: Wie kann er das denn wissen, wenn er die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nicht kennt? Im Falle Canisius sind die Fälle jedenfalls verjährt, wie man liest. 

Ich persönlich halte nichts von künstlichen Altersgrenzen. Einmal wurde ich, als Student, von einem Türsteher aus einem anderen Kulturkreis bei einem universitären Partyevent kontrolliert - u.a. mit einem Griff in den Schritt. Das passte mir gar nicht. Ich  fühlte mich beschmutzt, er hatte meine Schamgrenze verletzt, ich erklärte es ihm. Er sah es nicht ein. Ich wartete ab, bis er Dienstschluss hatte, und erklärte es ihm noch mal - so, dass er es verstand. Diese Geschichte erwähne ich gern, wenn jemand meint, man könnte sexuelle Übergriffe auf Erwachsene verharmlosen, nur weil sie per definitionem mit 18 Jahren einer anderen Kategorie Mensch angehören sollten. Mönche und Nonnen stehen in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis zum Abt, und ich sähe hier ein öffentliches Interesse beim Vorliegen etwaiger sexueller Nötigung - so wird es nämlich genannt, wenn es unter Erwachsenen stattfindet, einer aber nicht einverstanden ist. Dazu gehört nach § 177 StGB auch die "Ausnutzung einer schutzlosen Lage". Juristisch wird dies in einem Atemzug mit Gewalt und Androhung von Gewalt genannt. Ganz abgesehen von der "psychischen Gewalt", die ganz offensichtlich Menschen empfinden, wenn sie von einer Person, zu der sie naturgemäß "aufschauen", der sie Vertrauen schenken, manipuliert oder einfach übertölpelt werden. Das Ganze ist also schon darum vergleichbar, weil diese Priester nur die Chance haben kraft ihres Amtes - und nicht selten genau darum dieses Amt anstreben. 

In den seltsamen, durchnummerierten Zen-Kursen der Pagode Phat Hue ("Generation 1-12") werden ferner, unter Beteiligung einer Psychologin, Menschen dazu animiert, u.a. auch von ihren Missbrauchserfahrungen zu sprechen. Das Angebot ähnelt offenbar stark einem psychotherapeutischen, womit wir uns schon § 174c StGB nähern, der sexuellen Missbrauch an Personen, die zur psychotherapeutischen Behandlung anvertraut sind, unter Strafe stellt. Wenn also ein Priester sich z.B. Missbrauchserfahrungen von Teilnehmern seiner Kurse anhörte und diese dann gewissermaßen reinszenierte und behauptete, die Betroffenen so heilen zu wollen, was wäre das denn anderes als - gemäß seiner eigenen Aussage - eine solche Form von  therapeutischer Behandlung? Bei der niemals Sex zwischen dem (in diesem Fall selbst ernannten) Therapeuten und den ihm Anvertrauten stattfinden sollte? Die Staatsanwaltschaft, sowohl in Mannheim wie in Frankfurt (wenn nicht auch schon anderswo), sollte hier aufpassen, nicht das öffentliche Interesse zu übersehen. 

Ich möchte überleiten zu einem Thema, das hier auch noch weiterer Beiträge bedarf. Dem Vinaya. Dem Moralkodex für Ordinierte. Nach diesem ist es ein Sanghadisesa, also ein Vergehen der - so nenne ich es mal - zweitschwersten Art, das mindestens zwei "Zusammentreten des Ordens" erfordert. Das erste von  insgesamt 13 Sanghadiesesa lautet nämlich: "Willkürlich herbeigeführter Samenerguss, außer während eines Traumes, ist ein Vergehen, das das anfängliche und folgende Zusammentreten des Ordens erforderlich macht." Es ist doch tatsächlich möglich, dass buddhistische Ordinierte hier nicht unterscheiden zwischen der Masturbation (an sich selbst) und dem Rumfummeln an anderen. Da haben wir schon das erste Problem. Die ordensinterne Strafe dafür, dass ein Abt z.B. an seinen jungen Mönchen oder Nonnen herumfummelt, lautet: so lange den niedrigsten Rang im Tempel einzunehmen, wie man geschwiegen hat (was im geschilderten Falle von Thien Son übrigens dann gut zwei Jahre wären und natürlich nicht mit dem Amt des Abtes vereinbar ist). 

Selbstverständlich sehe ich, dass es einen bedeutenden Unterschied macht, ob jemand beim Sex penetiert (wird) oder nicht. Ein wichtiges Kriterium ist jedoch auch die Zustimmung. Fehlt die Zustimmung des Erwachsenen, kann auch dies zurecht bestraft werden, unabhängig von jeder Penetration. Leider ist hier die buddhistische Vinaya-Ethik etwas schwammig. Während noch die ungewöhnlichsten Fallbeispiele für Sex aufgezählt werden, die es zu ahnden gilt (z.B. Kopulieren mit Affen oder auch nur mit einem Erdloch, wie in Bertoluccis Film 1900 - was, weil es als Penetration gilt, ebenso ein schwereres Vergehen darstellt wie wenn sich einer mit überdimensioniertem Schwanz selbst penetriert, und dann ein Parajika wird, ein Vergehen, das "zu Fall bringt" und den Ausschluss aus der Sangha bedeutet!) - während all dies also akribisch verzeichnet wird, erwecken Ordinierte gern den Eindruck, mit dem Sex untereinander könnten sie davonkommen. Wie oft habe ich gehört, dass in tibetischen Klöstern die gegenseitige Masturbation eher die Regel als die Ausnahme sei? Auf keinen Fall könnte man sich, so verständlich die sexuellen Bedürfnisse auch sind (doch dazu später mehr), noch länger auf die Spendenwilligkeit der Laien verlassen, wenn wirklich klar wäre, was hinter Klostermauern abgeht.

Möglicherweise versteht man jedoch einfach ein Wort falsch.

M(a)ithunadhamma ist  die Bezeichnung für den Sex, der zum Ausschluss aus der Sangha führt. M(a)ithunadhamma beinhaltet von seiner Ethymologie her zwei Menschen. Ich weiß nicht, seit wann genau, aber in der Auslegung der Fallbeispiele ging man fehl, als man die Sexualakte, die jemand sich selbst penetrierend zufügt, als Parajika auf die gleiche Stufe wie die sexuellen Handlungen an/mit anderen stellte. M(a)ithuna geht alleine nicht. Tatsächlich ist es ein schwerwiegenderes Vergehen, einen anderen gegen seinen Willen in seine sexuellen Gelüste hineinzuziehen, als sich - auf welche Art auch immer - ganz für sich zu befriedigen. Das leuchtet heute ein, und man muss es bereits damals gewusst haben, als der Vinaya verfasst wurde. Der einzige Grund für die Entstellung in der Vinaya-Auslegung dürfte darin liegen, dass schon früh unter den Ordinierten das Bedürfnis bestand, sich zumindest gegenseitig befummeln zu können - ob mit oder ohne Zustimmung. Und dafür mit einer Art Bußverfahren davonzukommen. Das ist der eigentliche Skandal. 

Ich schlage hiermit Ordinierten, die eine solche Auslegung unterstützen, öffentlich den Vinaya um die Ohren.

Und ich weise darauf hin, dass im ursprünglichen Vinaya keine Kindermönche vorgesehen waren. Dem Abt der Pagode Phat Hue untersteht jedoch auch ein kleiner Junge. Ein kleiner Junge, dem einst von diesem Abt eingeredet wurde, er wäre die Wiedergeburt eines verstorbenen Mönches (als wäre man in tibetischen Gefilden ...) Das ist nicht in Ordnung. Es hat natürlich auch nichts mit Zen zu tun. Es wirft ein seltsames Licht aufs Jugendamt. Und es ist auch nicht in Ordnung, dass die vietnamesische Gemeinde dies duldet.

Samstag, 13. Februar 2010

Die Schule der Feindlosigkeit (III): Yûun - Spielende Wolken

"Spielende Wolken meint einen Herz-Geist, der frei wie Wolken ist. Der Grund für diesen Namen ist, dass die Energie eins ist mit der großen Leere. Die Eine Energie der großen Leere wirbelt umeinander; wenn sie Himmel und Erde nicht erfüllt, gibt es weder Zeit noch Raum. Folgt man dieser Kunst des Herzens bis zur Selbstlosigkeit, dann wird man es erreichen. Wenn man aber selbst tätig wird, dann wird man es nicht erreichen. Durch gründliche Selbstlosigkeit gelangt man zur Energie. Wenn ein Feind kommt und den Himmel schlägt, spielt man in der Erde. Wenn er die Erde fegt, spielt man in den Wolken.* Ebenso verhält es sich mit vorne und hinten, links und rechts. Folgt man daher den spielenden Wolken, dann wird man nicht mehr unterliegen."


(Anm. * Vgl. Sunzi: "Wer gut angreift, handelt wie von der Höhe des Himmels herab.")
 
[Quelle: Dr. Julian Braun: Texte aus der 'Schule der anhaltenden Feindlosigkeit' (Heijô muteki-ryû). Ein Beitrag zum 'gemeinsamen Weg von Schwert und Pinsel' der Samurai im Japan der Tokugawa-Zeit. Grin Verlag 2008]

Freitag, 12. Februar 2010

Canisius und Phat Hue: Sex und Missbrauch in Kirche und Buddhismus (Teil 1)

Der Moralkodex für Ordinierte im Buddhismus ist der Vinaya, zugleich der erste Teil des Pali-Kanon. Dort wird berichtet, wie sich ein bhikkhu, ein Mönch, selbst den Schwanz abschnitt, um sich von seinen sexuellen Zwängen zu befreien (Vin. II, 110). Einmal fand man in einer Straße Sâvatthis einen Penis (Vin. II, 269). Und im Upâlisutta (M. I, 383) hat der Beruf des Mannes, "der die Hoden abtrennt", auch einen Namen: andahâraka.

Schon immer lag also auch die buddhistische Praxis im Clinch mit natürlich ausgelebter Sexualität. Und so ist es nicht verwunderlich, dass man der Meinung war, nur wer sich jeder Sexualität enthalte, würde sich ganz auf die Verwirklichung des religiösen Pfades konzentrieren können. Schließlich wurde die Annahme, Mönche hätten keinen Sex, zu einem wesentlichen Bestandteil ihres asketischen Images: Nur wer dem entsagt, was der Otto Normalverbraucher für unverzichtbar hält, verdient Respekt und eine volle Bettelschale. Da man die Sexualität aber nicht ungestraft unterdrücken kann und nur wenige impotente, asexuelle oder besonders sublimationsfähige Menschen damit klarkommen, nicht einmal Hand an sich selbst legen zu dürfen, ist das heimliche und pervertierte Sexleben von Mönchen und Nonnen vorprogrammiert.

Wikipedia hatte seinen Eintrag zum "Sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche" gleich nach dem jüngsten Skandal am Canisius-Kolleg. Wie lange wird es wohl dauern, bis wir einen Wiki-Eintrag unter "Sexueller Missbrauch im Buddhismus?" finden. Ich selbst könnte locker einen in der Länge des obigen zusammentragen, angefangen von den Skandalen um Zen-Lehrer in den USA wie Shimano und Baker über tibetische Lehrer wie Sogyal bis hin zu unserem aktuell diskutierten, dem Abt der Pagode Phat Hue in Frankfurt, Thich Thien Son alias Thay (links im Bild Mönche des Tempels mit dem pagodeneigenen Lexus). Mitte vergangenen Jahres hatte ein ehemaliger Mönch und enger Vertrauter des Abtes  im Forum der Deutschen Buddhistischen Union (nach unten scrollen zu Beiträgen von kampierapanyo) von sexuellen Übergriffen des Abtes in dessen fußbodenbeheitztem Zimmer berichtet. Der Fall schlug auch in anderen Foren recht hohe Wellen, und bald waren Lehrer aus der buddhistischen Szene mit dem Ratschlag zur Stelle, die Sache doch erstmal nicht so aufzubauschen. Mit einiger Verzögerungstaktik - angeblich, um das Großevent mit dem Dalai Lama in Frankfurt zu schützen (der dann munter mit jenem Abt zusammentraf, als wäre nichts gewesen) - und anderen Heucheleien versuchte man, Zeit zu gewinnen und die Sache totzuschweigen. Es hieß, es würde eine Art Ordensverfahren - natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit - eingeleitet, um den Sachverhalt zu untersuchen. Zu diesem wurde der Betroffene nicht eingeladen. Ein zweiter von ihm genannter Fall, bei dem  Oralsex mit einem anderen Mönch vorgekommen sein soll (was lebenslangen Ausschluss aus der Sangha bedeutet hätte), wurde gar nicht verhandelt. Seitdem hörten wir nichts mehr. Vor allem nicht von denen, die darauf setzten, dass man unter Ordinierten die Angelegenheit schon angemessen regeln würde. Das Ordensverfahren entpuppt sich als Märchen. Es läuft vielmehr so, wie auch am Canisius-Kolleg der Jesuiten - es wird alles untern Altar gekehrt und frühestens drüber geredet, wenn es verjährt ist. Hier noch einmal zur Erinnerung, was der Betroffene am 17.06.2009 über Thich Thien Son ("Thay") schrieb:

"Mich persönlich brachte in einer Nacht zum Samenerguss. Ich habe halb geschlafen war aber zwischendrin immer wach und habe es mitbekommen. Ansonsten hat er mich häufig als ich mit ihm im Bett lag am ganzen Körper geküsst und mich an meinem Penis angefasst. Ich weiß noch von anderen Fällen, in welchen Oralverkehr vorkam."

Stattdessen treibt der Abt in Frankfurt weiter sein kommerzielles Unwesen. Nun wird die DBU über den Aufnahmeantrag der Pagode und ihrer deutsch-vietnamesischen Gemeinde entscheiden müssen, nach deren jetzt ablaufender dreijährigen Wartephase. Der Antrag muss abgelehnt werden.Für eine Sekte dieser Art darf es keinen Platz im Dachverband der Buddhisten Deutschlands geben. Thich Thien Son (Thay) ist nicht nur seinen Ausbildungsnachweis schuldig geblieben. Er lebt nicht so, wie es einem Mönch in Robe angemessen ist, er missbraucht den Namen "Zen" für kostenpflichtige Psycho-Kurse, in denen er Menschen ihre Missbrauchserfahrungen schildern lasse, die sie im schlimmsten Fall - unter dem Vorwand, ihnen solle geholfen werden - noch einmal durchlebten. Es wäre Pflicht sowohl der Ordinierten-Sangha in Phat Hue wie auch der Vietnamesen in der Gemeinde, ihn abzusetzen. In den Augen Buddhas ist eine solche Sangha keine mehr. Phat Hue ist damit nichts weiter als eine zwielichtige Sekte, der niemand mehr auch nur einen Cent spenden sollte.

"Unter diesen lehnt er [Buddha] den Sangha ab, der von denjenigen, die gegen die Sittenregeln verstoßen, verunreinigt wird. Ein Sangha, der von denjenigen, die gegen die Sittenregeln verstoßen, verunreinigt wird, ist ein solcher, der ausschließlich auf diejenigen orientiert ist, die gegen die Sittenregeln verstoßen, d.h. ist ein solcher, in dem sie nicht getadelt werden, und ist auf jeden orientiert, der sich zusammen mit ihnen um des materiellen Gewinns wegen betätigt. Auch wenn jemand die Sittenregeln aufrechterhält, zählt er zu denjenigen, die gegen die Sittenregeln verstoßen, weil er gemeinsam mit ihnen wohnt. Dies nennt sich ein Sangha, der von denjenigen, die gegen die Sittenregeln verstoßen, verunreinigt wird; demgegenüber heißt jemand, der jene, die sich ungeziemend verhalten, ablehnt: Âcârya." (Mahaparinirvana-Sutra)
[wird fortgesetzt]

Donnerstag, 11. Februar 2010

Die Schule der Feindlosigkeit (II): Inochi o suteru - Sein Leben verwerfen

"Sein Leben verwerfen hat die Bedeutung von: sein Dasein hingeben. Hierbei gibt es zwei Formen. Wenn gewöhnliche Menschen ihr Leben verwerfen, heißt dies, dass sie ihren Herz-Geist und ihre Energie töten, nicht jedoch ihren Körper. Weil der Herz-Geist derart verdunkelt ist, verlieren sie natürlich das Prinzip, und es sieht so aus, wie wenn sie sich selbst schaden. Sie sind wie Insekten, die im Sommer ins Feuer fliegen. Wir Einfältigen hingegen verstehen unter 'das Leben verwerfen' die Selbstlosigkeit. Selbstlosigkeit meint, dass es kein 'Ich' gibt. Dazu kommt das Verteidigen des Rechtschaffenen und das Nichtfürchten des Todes; weil der Herz-Geist derart klar ist, geht auch das Prinzip nicht verloren. Weiter heißt es, wenn der Körper getötet wird, nicht aber die Energie, nehme diese Energie zu und werde unzerstörbar. Wenn man um die Wahrheit des Ungeborenen und Todlosen weiß, dann gelangt man zum Nichtunterliegen."

[Quelle: Dr. Julian Braun: Texte aus der 'Schule der anhaltenden Feindlosigkeit' (Heijô muteki-ryû). Ein Beitrag zum 'gemeinsamen Weg von Schwert und Pinsel' der Samurai im Japan der Tokugawa-Zeit. Grin Verlag 2008]

Mittwoch, 10. Februar 2010

Die Schule der Feindlosigkeit (I): Kisaki kaesu - Angriffe reflektieren

Das Heijô muteki sho von 1663 enthält "Schriften von der anhaltenden Feindlosigkeit", die uns an die Texte eines Yagyu Munenori und Miyamoto Musashi erinnern. Sie weisen den Einfluss des (Zen-)Buddhismus auf die Philosophie der Kampfkünste auf. Dr. Julian Braun hat sie übersetzt. Die "Lehrbestätigungen" (menkyo) werden hier, leicht überarbeitet, mit seiner Genehmigung wiedergegeben.

"Angriffe reflektieren beruht auf der Form des Schriftzeichens für 'friedlich' (taira). Das Wesen der Feindlosigkeit ist die Unbewegtheit des Herzens. Wenn ein Feind kommt und angreift, wird er unmittelbar zurückgeworfen. Den Angriff nicht zurückwerfen wäre keine Friedlichkeit. Es wäre auch keine Unbewegtheit. Darum soll man um das Nichtunterliegen mittels des Zurückwerfens von Angriffen wissen."


[Quelle: Dr. Julian Braun: Texte aus der 'Schule der anhaltenden Feindlosigkeit' (Heijô muteki-ryû). Ein Beitrag zum 'gemeinsamen Weg von Schwert und Pinsel' der Samurai im Japan der Tokugawa-Zeit. Grin Verlag 2008]

Dienstag, 9. Februar 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 60

Eines Tages  sagte Meister Seidô, als sich alle versammelt hatten: „Das Ursache-Wirkungs-Verhältnis ist eindeutig. Was sollen wir tun?“ Ein Mönch trat hervor und berührte mit seinen Händen den Boden. Seidô fragte: „Was machst du?“ Der Mönch erwiderte: „Bitte helft mir! Bitte helft mir!“ Seidô sagte zu den Versammelten: „Dieser Mönch hat es fast erlangt.“ Der Mönch ging mit einem Ärmelflattern davon. Seidô sagte: „Die Würmer im Löwen ernähren sich vom Fleisch des Löwen.“


Meister Kidô

Wenn der Mönch mit einem Ärmelflattern geht: „Trampel nicht über die Felder der Menschen!“


Meister Hakuin

Ein sogar-am-helllichten-Tag-Dieb.

Montag, 8. Februar 2010

"Das Leben des Menschen ist wie das einer Eintagsfliege ...

... Sein schiefer Blick hängt an Himmel und Erde. Sein Sehen und Hören reicht nicht weit, sein Greifen ist fehlerhaft." 

Schreibt Miura Baien (1723-1789), ein hierzulande kaum bekannter japanischer Naturphilosoph und Ökonom. Ein Faksimile seiner Handschrift "Kagen" (Vom Ursprung des Wertes) ist hierzulande für 500 Euro zu haben. Der Mann war seiner Zeit voraus. Für ihn war eine Währung bloß Tauschmittel, und als Wertaufbewahrung barg sie Gefahren, die von modernen Wirtschaftswissenschaftlern bestätigt wurden. Er benutzte auch den Begriff danjo (Mann-Frau) statt des üblichen hito für "Mensch", weil letzterer - ähnlich dem englischen "man" in seiner Doppelbedeutung - etwas Männliches impliziert. 

Miura Baien entwickelte das Konzept von "jôri", das manche mit der Hegelianischen Dialekt verglichen. Seine Kernaussage (die auch in der zukünftigen Diskussion über die Bedeutung des atman in der buddhistischen Lehre als Gegenstück zum anatman eine Rolle spielen könnte) lautet: "Der Weg zum wahren Verständnis ist jôri. Der Schlüssel zu jôri ist, einfach die Gewohnheiten der Gedanken abzuwerfen, den rechten Zeichen zu folgen und Gegenteile als eins zu sehen." Der erste Schritt entspricht dem buddhistischen Nicht-Anhaften, der zweite der Unterscheidungskraft, der dritte vereinbart scheinbare Gegensätze. 

Ich danke für die zahlreichen Hinweise auf interessante Beiträge zur Forschung an Pflanzen, die in den Kommentaren des gestrigen Blog-Eintrags zu finden sind. Aus diesem Anlass noch eine schöne Geschichte zum Thema, die Miura Baien erzählt. Wer mehr über ihn wissen will, besorge sich Rosemary Mercer's "Deep Words" oder Dr. Julian Brauns "Einleitung seiner geheimnisvollen Worte (Gengo)":

"Einst gab es einen Mikado (Kaiser), der von einer schönen Glyzinie in Sakai hörte und diese in seinen Palastgarten bringen ließ. Eines Nachts erschien ihm ein schönes Mädchen im Traum, das traurig sang: 'Ich muss in meinen geliebten Glyzinienhain nach Sakai zurückkehren.' Da erwachte der Mikado aus seinem Traum und dachte, dass die Pflanzen sich nach ihrer Heimat sehnten. So ließ er die Glyzinie nach Sakai zurückbringen."

Sonntag, 7. Februar 2010

Apropos Mimosen: Kann man eigentlich auch Pflanzen töten?

Ergänzend zu einer andernorts in einem Forum immer wieder geführten Diskussion zum Vegetarismus möchte ich heute ein paar Pflanzen und ihr sensibles Verhalten vorstellen. Wenig überraschend, stammen die beiden ersten aus der Unterfamilie der Mimosengewächse. Zunächst der Seidenbaum (oben), den man auch Schlafbaum nennt. Abends faltet er seine Blätter zusammen und "schläft". Bei Wikipedia schreibt man "schläft" in Gänsefüßchen. Wie würde man einen Menschen foltern können? Indem man ihm Schlaf entzieht. Wenn man den Seidenbaum daran hindert, seine Blätter zusammenzurollen, dann fängt er nach zwei Wochen an zu welken und stirbt.

Die Mimose (Mimosa pudica) selbst, auch "Schamhafte Sinnpflanze" genannt (welche Pflanze könnte besser in einen religiös motivierten Blog passen?), lässt sich, wie der Mensch, mit Äther narkotisieren. Normalerweise klappt sie ihre Fiederblättchen schon bei der geringsten Berührung zusammen, doch wenn sie betäubt ist, reagiert sie gar nicht, wenn man ihr z.B. ein ganzes Blatt abschneidet.

Und dann die Telegraphenpflanze (unten), die über einen Meter hoch werden kann. Wenn man ihr Musik vorspielt, tanzen ihre Blätter.

Wer darüber und die über Entfernungen verlaufende Kommunikation der Limabohne (die ihre Kollegen vor Fressfeinden warnen kann) mehr lesen will, besorge sich die einzig brauchbare deutsche Tageszeitung SZ vom 6./7. Februar mit dem Artikel "Der Hilferuf des Rosenkohls" von Tina Baier - oder höre den älteren, gleichnamigen Podcast.

Samstag, 6. Februar 2010

Die schöne Frau auf dem Bildschirm (mit Gewinnspiel!)

"Die heiße Scheide einer schönen Frau [??]
ist voller Liebe.
Ich habe es aufgegeben,
das Feuer in meinem Körper zu löschen."

Es ging durch die Gazetten: Ein australischer Banker hatte sich vor laufender Kamera (in seinem Rücken wurde gerade ein anderer interviewt) Fotos des "Unterwäschemodells" Miranda Kerr auf seinem Bildschirm angeschaut. Er sollte deshalb entlassen werden. Als das Modell davon erfuhr, setzte sie sich selbst erfolgreich dafür ein, dass er seinen Job behalten durfte. Das machte mich neugierig. Und, wow!, links seht Ihr Miranda, und falls Ihr sie wie ich noch nie gegoogelt hattet, dann tut das mal, sie ist wohl eine der schönsten Frauen der Welt.

Für meinem Blog stelle ich mir die Frage, welcher Art die Beiträge sein sollten. Da gibt es zum einen lesenswerte Texte von Buddhisten, die vielleicht noch niemand übersetzt hat, und die hier ein Plätzchen finden könnten. Dann alte Übersetzungen, die mal woanders standen und nun verschwunden sind. Dann eigene Dharma-Kommentare, sehr verlockend und inzwischen in etlichen Blogs von Buddhisten gang und gäbe. Oder vielleicht eher Persönliches, Tagebuchartiges. Was Miranda Kerr angeht - ich bin wirklich froh, dass ich diese Schönheit nun entdecken durfte. Und wie sagenhaft sexy sie sich auch privat kleidet. Und wie kriege ich da nun die Kurve? Miranda ist Buddhistin bei den Soka Gakkai. Nam Myo Ho Renge Kyo. Die hatten mich auch schon eingeladen und sind ein nettes Völkchen. Schrein auf, rezitieren, Schrein zu. Dann Würstchen essen. Mein Ding ist es nicht, aber wenn Miranda Kerr in der hiesigen Gemeinde wäre ... Ich wurde auch an einen Satz aus dem Roman "Notizen eines einsamen Mannes" von Chu Tien-wen erinnert, den ich gerade übersetze und aus dem ich neulich schon zitierte. Ich hatte aus dem Englischen übertragen: "Angeschaut, erfreut, aber schwer zu befriedigen, der mysteriöse weibliche Körper." Das kam mir nicht stimmig vor. Meine chinesische Ko-Übersetzerin schlug für den im Original aus Passiv-Kontruktionen bestehenden Satz sinngemäß vor: "Anzuschauen und zu befriedigen, wenn auch nur schwer - der mysteriöse weibliche Körper." Zu Befehl, Miranda!

Und die nächste Kurve führt zum heutigen Gewinnspiel. Ich habe noch ein paar "Catushataka" vom eher sexualfeindlichen Aryadeva, der im Zen der Patriarch Kanadeva heißt, übrig. Wer eins gewinnen will, soll bitte erraten, von wem das obige und untere obszöne Gedicht ist. Ein Tipp: Der Autor hat was mit Zen zu tun und heißt nicht Michel Houellebecq! Antworten bitte mit email in den Kommentar. (Einsendeschluss ist der 12.02.2010, danach schalte ich die Gewinner frei. Die email-Adressen werden nicht sichtbar sein!)

"Ich erinnere mich an einen beschaulichen Nachmittag,
als sie meinen Schwanz herausfischte,
sich zu ihm hinunterbeugte
und eine Stunde lang in ihrem Mund
mit ihm spielte."

[Copyright Foto: Ahmad Fauzi Abdullah]

Freitag, 5. Februar 2010

Sei undefinierbar – Ein Brief von Yuanwu Keqin (1063-1135)

 Für Schüler mystischer Weisheiten ist das Erkennen der wahren Natur der Dinge, das Gewahrwerden der wahren Muster und in die Fußstapfen der Buddhas zu treten ihr täglich Speis und Trank.
Du solltest begreifen, dass auf dem Haarknoten (usnîsa) der Buddha-Häupter und erleuchteten Adepten ein wundersamer Zustand der „Veränderung der Knochen“ liegt, der deine Existenz verwandelt. Nur dann kann man konventionelle Kategorien und konfessionelle Grenzen überwinden und wie eine transzendente Person handeln, so dass selbst große Zen-Meister wie Linji und Deshan bei dir keine Hiebe oder Schreie anzuwenden vermögen.
Bleib jederzeit einfach frei und unbetroffen. Zeige niemals irgendwelche raffinierten Tricks – sei wie ein schwerfälliger Dummkopf in einem Dorf mit drei Familien. Dann werden die Götter keinen Weg haben, auf dem sie dir Blumen anbieten können, und die Dämonen und Außenstehenden können dich nicht bespitzeln.
Sei undefinierbar, gib keinerlei auffällige Anzeichen deiner besonderen Kenntnisse preis. Es sollte ganz so sein, als befändest du dich da zwischen Myriaden von Schätzen, die sicher und gut versteckt in einem Schatzhaus verschlossen sind. Beteilige dich an der Arbeit der einfachen Arbeiter, dein Gesicht mit Dreck und Asche beschmiert, ohne dabei etwas zu sagen oder nachzudenken.
Lebe dein gesamtes Leben so, dass niemand etwas über dich herausfinden kann, während dein Geist und Verstand im Reinen sind. Heißt nicht vom Weg erfüllt und ohne jegliche gekünstelte oder erzwungene Maßnahmen zu sein: Da ist eine wirklich unbekümmerte Person?
Unter den erleuchteten Adepten hat die Wahrheit sagen zu können nichts mit der Zunge zu tun, und über den Dharma sprechen zu können nichts mit Worten.
Wir wissen eindeutig, dass man sich auf die Worte der Altvorderen nicht passiv verlassen sollte. Alles was die Altvorderen sagten, hatte lediglich zum Zweck, dass die Menschen die letztgültige Wirklichkeit direkt erleben sollten. Daher ist das Lehren der Sutren wie ein Fingerzeig auf den Mond, und die Sprüche der Zen-Meister sind wie ein Stück Ziegel, mit dem man für gewöhnlich an eine Tür klopft.
Wenn du das erkannt hast, komme zur Ruhe. Wenn du beständig und sorgfältig übst, deine Anwendung umfassend und alles durchdringend ist und du davon über all die Jahre nicht abkommst, dann wirst du in deinen Fähigkeiten reifen, die Lehren zu beherrschen, zusammenzutragen und abzurufen, und du wirst durch Belangloses hindurchschauen und es abschneiden, ohne eine Spur zu hinterlassen.
Wenn du an den Punkt von Tod und Geburt gelangst, wo alle Fäden zusammenlaufen, wirst du nicht durcheinander geraten. Du wirst ohne Zweifel und unerschütterlich sein, und du wirst befreit, wenn du dieses Leben hinter dir lässt. Das ist das Totenbett-Zen, für den letzten Tag deines Lebens.

[Übersetzt von Susanne König]

Donnerstag, 4. Februar 2010

Zen ist Transzendenz

Im Jahr seines Todes fand ein Interview mit Sawaki Rôshi statt. Man kann es auf Dailymotion im Original hören, garniert mit einigen Fotos des Meisters. Nach den Links folgt der Versuch einer deutschen Übersetzung.


Einleitung

Heute senden wir ein Interview mit dem in Kyôto ansässigen Zenmeister Kôdô Sawaki, Prof. h.c. an der Komazawa Universität. Er wird befragt von Shunpei Ueyama, Professor am Institut für Kulturwissenschaften der Kyôto Universität.

Kôdô Sawaki ist heute 84 Jahre alt und wohnt derzeit in Kyôto, (…) im Antaiji, der zur Sôtô-Schule gehört.

Er wird auch „Obdachloser Kôdô“ genannt, da er bis zum heutigen Tag weder ein Zuhause noch einen Tempel hat.

Er wurde 1880 in der Stadt Tsu, Präfektur Mie, geboren. Seine Eltern starben früh, und so wurde er von einem Lampion-Händler adoptiert. Mit 17 lief er von zu Hause weg, um Mönch in Eiheiji zu werden, danach pilgerte er durch ganz Japan.

U = Ueyama (Interviewer)
S = Sawaki

Interview

U: Hier ist sehr ruhig, wie lange sind Sie schon hier in Antaiji?

S: Seit 16 Jahren.

U: Zu welcher Schule gehört der Antaiji?

S: Zur Sôtô-Schule. In Antaiji wird Sôtô-Zen praktiziert.Normalerweise braucht ein Tempel eine Gemeinde, die ihn erhält. Aber Antaiji nicht, es ist nur für Leute, die Zen kennen lernen möchten. Abt Eto von der Komazawa-Universität hat sich nicht um Antaiji gekümmert. Als er gestorben war, hat die Uni mir die Verantwortung übertragen. Das war nicht mein Wunsch ... für uns war es ein verlassenes Haus.

U: Ah so ... das heißt, dass der Tempel verlassen war, oder?

S: Ja, es gab viele Geschichten um das Haus. .. in der Kriegszeit haben Aussiedler hier gelebt, auch in diesem Raum sind zum Beispiel viele Lungenkranke gestorben ...

U: Als ich Ihre Bücher gelesen habe, hatte ich den Eindruck, dass Sie schon immer viel zu tun hatten. Aber seit kurzem haben Sie sich hierher zurückgezogen und führen ein ruhiges Leben. Was machen Sie hier jeden Tag?

S: Das wundert mich selber, dass es nicht langweilig ist. Aber ich lese ja jeden Tag.

U: Was haben Sie zuletzt gelesen?

S: In der Vergangenheit habe ich nur Pflichtlektüre gelesen, aber zurzeit lese ich verschiedene Bücher. Zum Beispiel zwei Bücher über die Urbevölkerung Rumäniens von einem deutschen und einem japanischen Autor.

U: Wie fanden Sie die?

S: Das japanische Buch war interessanter, denke ich.

U: Wann haben Sie mit Zen begonnen?

S: Das war unglaublich früh, mit 16 lief ich von zu Hause weg, um Mönch im Eiheiji zu werden.

U: Schon von Anfang an im Eiheiji!?

S: Genau. Ich habe in einem Lampiongeschäft gearbeitet, aber dann bin auf und davon. Im Eiheiji gibt es eine ganz bestimmte Form von Zazen, aber mein Eindruck war, die Leute haben sich nicht konzentriert, weil sie es ungern gemacht haben. Mitte des Sommers, zur Obon-Zeit, half ich dann im Ryuunji aus, dem Tempel eines führenden Priesters (dem Ino) des Eiheiji. Als die Arbeit im Tempel eines Tages endlich erledigt war, habe ich frei bekommen. Aber ich hatte keine Ahnung ... was ich machen sollte. Weil ich keine Erfahrung hatte ... immer nur gearbeitet hatte, wie sollte ich mich amüsieren?? Da beschloss ich, in einem Hinterzimmer allein Zazen zu üben. Plötzlich öffnete die alte Frau, die mich gewöhnlich nur wie einen Laufburschen herum- kommandierte, die Schiebetür, um einige Tabletts und Geschirr in dem Raum zu verstauen. Die Alte muss gedacht haben: „Ich habe keine Ahnung von Zazen, aber das ist etwas Besonderes.“ Das war wirklich ein Wunder, ich habe das Wesen des Zazen verstanden, ohne es vorher zu erlernen. Danach bin ich ohne Geld nach Amakusa-Kyushu gegangen.

U: Sie sind zu Fuß und ohne Geld gegangen?

S: Genau. Das war sehr, sehr schwierig.

U: Warum haben Sie das gemacht?

S: Eiheiji hat mich gelangweilt und ein alter Klosterbruder hat sich gemeldet und mir angeboten, dass er mir die Reisekosten zahlt. Aber plötzlich sagte er: „Ich kann dir kein Geld geben.” Hier konnte ich nicht bleiben, aber ich wollte auch nicht zum Lampiongeschäft zurück. Ich dachte, dann es ist schon besser, dass ich ohne Geld nach Amakusa gehe und zwar zu Fuß, es wird schon werden. Aber natürlich das war sehr, sehr schwierig.

U: Übrigens, Sie haben im Horyuji-Tempel Yuishiki [die Yogacara-Philosophie] studiert. Hat dies einen Einfluss auf Ihr Leben ausgeübt?

S: Yuishiki ist eine elementare buddhistische Philosophie. Zen hingegen ist keine Wissenschaft, sondern Transzendenz.

U: Ich weiß nicht genau, was Yuishiki oder Kusya [Abhidharma] sind, aber es sind doch total logische Wissenschaften.

S: Genau.

U: Zen folgt nicht dieser Logik, Zen ist völlig anders und normalerweise wollen diejenigen, die Zen lernen, nicht Yuishiki lernen.

S: Ja. Deshalb wurde Zen zur Häresie. In meinem Fall, gab mir ein Professor an der Uni den Rat, dass es bedenklich sei, wenn ich keine Grundkenntnisse des Buddhismus hätte. Dann später nach dem Krieg ...

U: … dem Russisch-Japanischen Krieg, richtig ...?

S: Genau, nach dem Russisch-Japanischen Krieg bin ich nach Horyuji gegangen und habe dort sieben oder acht Jahre lang gelernt. Mein ganzes Leben lang war ich immer ohne ein Zuhause, musste also nie dorthin zurück gehen. In dieser Zeit habe ich den Buddhismus studiert, unter anderem das Shōbōgenzō.

U: Können Sie mir sagen, was das Merkmal des Zen ist?

S: Bodhidharma hat gesagt: „Kakunen musho“. [Anm: Etwa mit „Unendliche Leere, nichts Heiliges“ zu übersetzen] Das bedeutet, die Wahrheit ist wie der blaue Himmel ... es gibt nichts. Es gibt keine Idee von „Gut und Böse“ oder „Gewinn und Verlust“, kein Dogma, nur Leere. Weil die Menschen ihren eigenen Dogmen folgen, gibt es den Konflikt der Ideen. Wenn dies passiert, kann ich dazu nichts sagen, lediglich Zazen praktizieren.

U: Heute ist die Wissenschaft am Wichtigsten und sie bringt immer neue Theorien hervor. Wir studieren und halten sie für die Triebkraft unseres Lebens. Aber ich denke, diese Art zu leben ist das genaue Gegenteil von Zen.

S: Stimmt.

U: Vom Standpunkt des Zen aus ist die Wissenschaft also nicht gut?

S: Die Wissenschaft findet nie ein Ende, deshalb muss der Mensch in ihrem Auftrag sich stets neuen Aufgaben stellen.

U: Hat Zen ein Ende?

S: Zen oder die Wahrheit haben kein Ende und keinen Anfang. Es gibt nur eine Wahrheit, ob es sich nun um eine Urgesellschaft oder um die Menschen der Gegenwart handelt. Wir könnten auf die gleiche Art und Weise leben wie früher, nur dass die Menschen heute besorgt sind wegen des Fortschritts der Wissenschaft. Nur einen Knopf zu drücken – und eine Katastrophe passiert. Das klingt verrückt, aber ist dies die wahre Zivilisation? Da ist es sicherer, wenn die Leute zu Hause Zazen praktizieren.

U: Sie haben gesagt, dass Zen freimütig ist. Aber im Shōbōgenzō gibt es beispielsweise viele Beschreibungen der Formen des Zazen. Sie haben ja auch strenge Regeln im Bezug auf die Robe, die Sie tragen. Diese Dinge folgen einer sehr strengen Logik, und ich verstehe nicht, warum man diese strikten Formen befolgen muss, obwohl Zen doch so freimütig ist.

S: Es ist einfach so. Wie fühle ich mich, wenn ich einer Regel folge? Oder wie sieht es aus, wenn ich die Robe so trage? Erinnern Sie sich an die Geschichte aus meiner Jugend, als die alte Frau den Eindruck hatte, mein Zazen sei etwas Besonderes. Das ist wichtig.  Es heisst auch: „Iigisoku buppou“. Die Form ist wichtig, auch Dōgen hat immer auf perfekte Formen geachtet. Wenn ich in einer Robe Zazen praktiziere, dann ist es vollständig. Die Leute nennen dies die „Kesa-shu“ (Roben-Schule). Bei meinem Zazen kommt es auf die Robe an, andere Dinge sind dabei egal.

U: Es gibt die Idee von „Kai“. Wie betrachtet man „Kai“ vom Standpunkt des Zen?

S: Wenn jemand ein Vergehen beging, belehrte Siddhartha Gautama ihn eines Besseren. „Kai“ leitet sich her von dieser Belehrung. Erleuchtung heißt, die wahre Jukai“ (Belehrung) bekommen. Es gibt das Wort „Zenkai ichinyo“. Dass heißt, Zen und Kai sind identisch und bedeuten die absolute Wahrheit ... Man kann nichts Schlechtes tun, wenn man Zazen ausübt.

U: Für den Außenstehenden sah es lange Zeit so aus, dass Mönche, wie auch in Ihrem Fall, kein Familienleben haben. Auch Siddhartha Gautama hatte seine Familie für den Buddhismus verlassen. Aber zurzeit gibt es viele Mönche, die Familie haben und mit ihnen zusammen wohnen. Es gibt einen Unterschied. Ich habe den Eindruck, dass der Buddhismus gegenwärtig einen anderen Charakter hat.

S: Diese Mönche müssen strenger sein, sonst könnten sie leicht, statt Mönche zu sein, etwas anderes werden. Jedenfalls, habe ich Glück, weil ich kein Zuhause habe. Das gibt mir Erfolg als Mönch. Aber mein Leben ohne Familie ist bequem und ohne Angst. Das genügt.

U: Normalerweise denkt man, kein Geld zu haben, sei nicht angenehm. Dann ergreift man eine Berufsausbildung für einen Job. Auch Mönche versuchen oft, die Zahl der Spender, die sie versorgen, zu vergrößern. Sie aber, Rôshi, bekommen jeden Tag Essen und Kleidung nur dafür, dass sie hier in Antaiji sind. Alle Leute wundern sich, wie das funktioniert. 

S: In einem Lied von Daichi-Zenji heisst es:

„Viel Zeit ist vergangen, seit ich Mönch wurde,
immer noch folge ich den alten Meistern.
Jeden Mittag gehe ich in die Stadt, 
mache meine Almosen-Runde.
 Jede Nacht bleibe ich irgendwo in der Nähe 
der ruhig daliegenden Stadt
und mache Zazen.“

Ich aber möchte nicht die Almosen-Runde machen. Und ich hatte Glück, sie nicht machen zu müssen, weil ich viel gereist bin und immer bei jemandem unterkriechen konnte. Es gab keine Zeit fürs Almosensammeln.

U: Wenn man alt wird, beginnt man Angst vor dem Alleinsein zu haben. Geht es Ihnen auch so? Haben Sie sich jemals vorgestellt, wie es wäre, wenn Sie eine Familie hätten?

S: Nein, ich bin froh dass ich keine Familie habe. Es gäbe viel zu tun. Ich bin allein und habe nur die Verantwortung für mich. Und ich habe Glück, dass ich hier bleiben kann, obwohl ich „heimatlos“ bin. Hier wächst wildes Gras und die Haushälterin bereitet daraus Gerichte. Die Vögel singen, der Ahorn verfärbt sich rot, wenn der Herbst kommt ... Ich lebe im absoluten Glück!

  U: Können Sie mir sagen, wie der Buddhismus zur modernen Gesellschaft beigetragen hat?

S: Niemand versteht Siddhartha Gautama. Warum hat er seine Familie verlassen? Was ist „Satori”? Das ist nicht einfach zu verstehen. Aber entscheidend. Was ist am Wichtigsten? Das ist nicht „satori“, auch nicht „Übung“. Ich würde sagen, am Wichtigsten ist: „kein Zuhause zu haben”. Wenn man etwas besitzt, streitet man darum wegen dieses „Heims“.

U: Aber das klingt sehr schwierig. Normalerweise hat man am Anfang kein eigenes Haus oder Heim und man arbeitet, um ein „Heim“ zu bekommen.

S: Diese Idee ist falsch. „Bon-fu“ nennt man jemanden, der ein eigenes Heim anstrebt. Für den Bon-fu zählt nur das eigene Heim und so bricht dann Streit mit anderen aus. Und wenn sie miteinander streiten, so gibt es keine Lösung, da beide bereits einen Fehler gemacht haben. Jeder von ihnen sollte wissen, dass sie Bon-fu sind und versuchen sich gegenseitig zu verstehen.

U: Vielen Dank!


[Übersetzt von Manami Nagahari]