Sonntag, 29. April 2012

Geburtsfehler der Religion

Fundamentalisten gibt es auch im Buddhismus zuhauf. Nicht nur Theravadins, die am Wortlaut des Palikanon kleben, auch solche, die das Wort ihrer Lehrer und Überlieferungen - welcher Tradition auch immer - wie als gottgegeben ansehen. Stefan Weidner verglich das in seiner Islambetrachtung "Mohammedanische Versuchungen" (Frankfurt 2008) so:

"Wie jede Religion die Mängel ihres Anfangs bis zu ihrem Verblühen mit sich herumschleppt und manche an diesen Mängeln verblüht ... Keine Religion ist frei davon, und die Aufgabe der Theologen besteht häufig nur darin, diese Mängel in Vorteile umzudeuten, sie wegzudiskutieren oder auf günstige Weise zu begründen und zu rechtfertigen. Sie gleichen damit den Chirurgen, die Geburtsfehler nachträglich operativ korrigieren, und wie ein Erwachsener nach einer solchen Operation von seinem ursprünglichen Gebrechen kaum etwas spürt und man es ihm nicht ansieht, erkennt der unbefangene Gläubige bei einer theologisch gut verarzteten Religion kaum etwas von ihren ursprünglichen Schwächen. ... Man gewöhnt sich allmählich an sie und begreift sie womöglich als Vorteil."

Theologe kann man hier getrost durch Mönch ersetzen, manchmal sogar mit Akademiker. Die so genannte Deutungshoheit also.

Freitag, 27. April 2012

Der Zen-Meister Taego (I)

Taego (1301-1382) verkörperte koreanisches Zen und wetterte gegen minderwertige Lehrer und die allgemeine Dummheit. Ich möchte hier ein paar seiner stärksten Sätze aus dem Taego Hwasang Orok vorstellen.

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Hier ist ein gutes Zimmer für den König der Leere. Früher nannte man es Glückswolkenhöhle. Heutzutage lebt hier nur ein verarmter Mann des Weges. Mögen auch Buddhas und Patriarchen vorbeikommen, er wird sie nicht empfangen. Klaräugige Berobte können sich ihm nicht nähern. Doch sag mir, wer kann ihn sofort abschneiden? 

Die Lehre gemäß des Buddha verbreiten, Wesen gemäß ihrer Fähigkeiten empfangen: Pah! Was für ein eitles Geschwätz!

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Der ganze Kanon der schriftlichen Lehren, die auf Worte Buddhas zurückgehen, ist nur ein geschicktes Mittel, um die innewohnende erleuchtete Natur der Menschen aufzuzeigen. 

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Geist ist Buddha, Buddha ist Geist. Außerhalb des Geistes kein Buddha, außerhalb Buddhas kein Geist.

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Nun, wo du dein Zuhause verlassen hast, musst du die Entschlossenheit eines großen Menschen entwickeln und einen mutigen und unerschrockenen Geist entfalten.

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Plötzlich kann dein Geist nirgendwohin gehen und wird mit der Wirklichkeit eins.

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Die Wurzel des Menschengeistes ist von feiner und wundersamer Art. Sie kann weder mit Worten noch mit Gedanken noch durch Stille erfasst werden.

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Wenn du ans Ende des Weges kommst und einer Eisenwand gegenüberstehst, sind die an Objekte gebundenen Gedanken und falsche Besorgnisse für immer beruhigt. Die Wirkung ist wie weiße Strahlen des Mondlichtes, die Eis durchdringen. Allmählich erreichst du den Ort, wo Wachsein und Schlafen eine Soheit sind.

[Mehr in J. C. Cleary: A Buddha from Korea. The Zen Teachings of Taego. Boston 1988]

Mittwoch, 25. April 2012

Daitô Kokushi: Reden ist Zen


Wie öde, untätig auf dem Boden zu hocken,
nicht meditierend, ohne Durchbruch.
Schau da die Pferde am Kamo-Fluss galoppieren!
Das ist Zazen!

Daitô alias Myôchô Shuhô (1282-1334) war in China ein Schüler Hsü-tangs (jap. Kidô) und in Japan ein Schüler vor allem Daiôs. Aus der Linie von Daitôs Nachfolger Tettô Gikô stammen prominente Meister wie Ikkyû und Takuan. Daitô ist vor allem als wichtiger Interpret der Kôan-Tradition bekannt. Einst stellte er klar:

"Das Herz (heart) selbst ist wahrlich der Buddha. Was 'die eigene Natur sehen' genannt wird, bedeutet, den Herz-Buddha zu erkennen. Legt wieder und wieder eure Gedanken ab und entdeckt den Herz-Buddha. Man könnte annehmen, dass er nur in der Sitzmeditation erkannt würde. Dies ist jedoch ein Fehler. Yung-chia sagte: 'Gehen ist Zen, Sitzen ist Zen. Redend oder schweigend, den Körper bewegend oder nicht, ist er in Frieden.' Dies lehrt uns, dass Gehen, Sitzen und Reden allesamt Zen sind. Nicht nur Zazen und das Unterdrücken der Gedanken. Ob beim Aufstehen oder beim Hinsetzen, bleibt konzentriert und aufmerksam. Plötzlich wird euch das ursprüngliche Gesicht begegnen."

Kein Schirm - durch und durch nass werdend, 
mache ich den Regen zu meinem Mantel.

Montag, 23. April 2012

Der Alte im Turban

"Irgendwo in der Steppe saß mit untergeschlagenen Beinen ein Alter im Turban und meditierte. Als er aufsah, fragte ich ihn: Worauf zielt dein Gebet? Der Alte erwiderte: Auf das Nicht-Denken; wenn du verstehst, was ich meine. Und weiter fragte ich: Wie könnte einer ins Reich des Nicht-Denkens gelangen? Darauf der Alte: Halte die Zunge im Munde, auf dass du nichts berührst.
   Unterwegs im fremden Land, auf dem Bettrand sitzend morgens im Hotel, machte ich einmal das Experiment. Bald schlossen mich flackernde Flammen ein, oder der Nordwind umwirbelte mich mit Geheul, ein eisiger Regen strich über mich hin. Jetzt war ich Fudo-myoo, jetzt Han-shan oder Shih-te. (...)
   Indessen schwebte mir das Gesicht des Alten im Turban herauf. Ein einsames Gesicht. Gesicht eines Mannes, der fahnenflüchtig war seit Jahrzehnten."

[Yasushi Inoue: Eroberungszüge. Berlin 1982. Fudo-myoo, der "Unbewegliche", ist der Vernichter allen Übels, Han-shan und Shih-te waren Dichtermönche im China der Tang-Zeit (618-905)]

Samstag, 21. April 2012

Wie das Selbst das Selbst abwirft

"Sieger bin ich über alles, das ich kannte, aber ungebunden bin ich an alles, das erobert und bekannt ist. Indem ich alles aufgebe, bin ich frei durch die Zerstörung des Begehrens. Nachdem ich so alles unmittelbar selbst verstanden habe, wen soll ich meinen Lehrer nennen?"

Edie Meidav erzählt in ihrem Epos "Henry Goulds magische Reise" (München 2003) von einem, der auszog, um ausgerechnet auf Sri Lanka (Ceylon) in den 30er-Jahren eine ideale Gesellschaft zu errichten. Viele Kapitel werden durch buddhistische Ideale wie im obigen Zitat eingeleitet. An einer Stelle siegt jedoch die Sinnlichkeit über den religiösen Pfad (fette Hervorhebung von mir):

"Als sie und Henry sich lieben an diesem windigen Nachmittag (...) geschieht eine Preisgabe, wie Henry sie niemals zuvor erfahren hat. Nicht bei der Meditation und niemals beim Erfolg. (...)
   Es ist vielleicht, weil er sich endlich gestattet, mit ihr zusammen zu sein - an dem Angelpunkt, an dem er nicht mehr sagen kann, wo sie beginnt und er endet. Das also ist es, was die Buddhisten meinen, sein Gedanke ist Gedanke. Sie suchen sich langsam ihren Weg durch die Nachmittagsliebe. Dies ist das Selbst, das das Selbst abwirft.
   Er sieht ihren Schimmer, sieht die Kaskade von Haar, das sich auf dem Kissen ausbreitet, und denkt, sie ist hier, um gekannt zu werden; er kann diesen Blick festhalten, bis sie ihn ergreift, ohne zu blinzeln und auch ohne Furcht. Heute sind diese Augen nicht so gespenstisch, nein, sie erkennen ihn. Sie wählen ihn geradezu. Hier stehe ich auf meiner Warte und stelle mich auf meinen Turm. Keine Sprache ist vollkommen genug, um genau diese Tatsache zu vermitteln. Sie ist erkennbar nur in dieser besten und einfachsten Art des Schweigens."

Donnerstag, 19. April 2012

Warum Fremdgehen gut sein kann

Im Blog des Theravada-Mönchs Sujato findet sich ein Plädoyer für die Ehe von Partnern gleichen Geschlechts. Dabei wird auf die Regel/das Gebot gegen sexuelles Fehlverhalten eingegangen. Wie üblich, wird es so interpretiert, dass Ehebruch untersagt sei. Im Einzelnen wird dem Mädchen und der jungen Frau Schutz durch Familienmitglieder zugesagt, so lange sie also unter der Obhut anderer stünde, sei sie gewissermaßen tabu. Sujato meint, was explizit über die Frau bzw. das Mädchen im Palikanon gesagt wird, könne auch für den Mann gelten. Und dann: "Homosexuality is not an issue", der Buddha habe nicht die Person, sondern die Tat beurteilt, und er habe stets auch das Mitempfinden für die Ausgegrenzten gezeigt, was sich also auf sexuelle Minderheiten beziehen ließe. Seltsamerweise sagt Sujato jedoch auch: "Rape, paedophilia, adultery: these and many other problems are clearly mentioned in the early texts, and the Buddha made it clear that he didn’t approve of them." Er nennt also Vergewaltigung, Pädophilie und Ehebruch in einem Atemzug und behauptet, Shakyamuni hätte sie klar abgelehnt. Die Textbeweise bleibt er schuldig.

Solche unwissenschaftlichen und ungeheuerlichen Aussagen dürfen nicht verwundern, kommen sie doch von jemandem, dem der Sex laut Ordenskodex untersagt ist. Eine "Philia", wie auch immer, bezeichnet eine Liebe (und nicht notwendigerweise Sexualität), so z.B. auch die Homophilie die Liebe Gleichgeschlechtlicher. Sie ist also das Gegenteil von Vergewaltigung. Letztere ist deshalb auch Bestandteil des Strafgesetzes, erstere nicht. Außerdem gab es in Indien schon vor langer Zeit Kinderehen, die erst im 20. Jahrhundert überwiegend abgeschafft wurden. Es ist also davon auszugehen, dass der Buddha, was unser heutiges Verständnis von Pädophilie angeht, keineswegs unserer Meinung war, da er sich nicht gegen die Kinderehen aussprach (denn dort ging das Mädchen ja von der Obhut der Familie in die des Ehemannes über, was laut Palikanon in Ordnung war). Auch wenn dieses Thema die meisten Menschen beunruhigt, der hier durchscheinende Opportunismus Sujatos könnte direkt aus einer feministischen Kampfschrift stammen, wäre da nicht - der Ehebruch.

Dass Homosexuelle in erster Linie für die Ehe kämpfen, wenn sie sich für ihre Gleichberechtigung stark machen, ist nicht zu erkennen. Und wenn, dann hat es damit zu tun, dass daraus finanzielle und andere Vorteile erwachsen können, die man sich nicht entgehen lassen will. Nicht zuletzt dürfte die Adoption von Kindern erleichtert werden. Was bei Sujato zwischen den Zeilen anklingt ist jedoch die Ehe als ideale Form der Partnerschaft auch Gleichgeschlechtlicher, und daran darf man zweifeln, wenn schon bei den Gegengeschlechtlichen in unseren Breitengraden etwa die Hälfte der Ehen scheitert.

In einem weiteren Blog, wo ich mich zu Sujatos Ansichten äußerte, versprach ich einen persönlichen Bericht eines Ehebruchs. In einer Umfrage unter 10.000 Menschen für den so genannten "Playboy-Report" (wissenschaftlich, trotz dieses Namens, und unter der Leitung von Prof. Habermehl) können wir lesen, dass ca. 50 % der Befragten sagen, das Fremdgehen ihres Partners habe ihrer Beziehung nicht geschadet (wobei noch ein beträchtlicher Teil dazukommt, der solches erst gar nicht erlebt hat). Eine Aussage, dass Ehebruch (oder "Beziehungsbruch") wirklich "Bruch" ist, lässt sich also sachlich gar nicht halten. Schon von daher muss man recht altbacken wirken, wenn man an jahrtausendealten Ratschlägen festhält.

Auf meiner letzten Asienreise begegnete ich einer Frau wieder, die ein kleines Geschäft für Touristen betreibt, mit T-Shirts, Taschen etc. Ich hatte sie das erste Mal gesehen, als sie ca. 19 war, bildschön, und wie sich nun herausstellte, damals bereits Mutter. Ihr Ehemann wurde mir ebenfalls vorgestellt. Im Lauf der Jahre bekam sie noch viele Kinder. Nun war sie Anfang 30, konnte etwas Englisch, redete sehr offen mit mir, und wie sich herausstellte, hatte ihr Ehemann eine Affäre in der Stadt, schlief meist auswärts, und sie war bereit, mit mir ein paar Tage zu verreisen. In der dörflichen Gegend, aus der sie kommt, wird schnell klar, ob die Gemeinschaft so etwas absegnet, und insbesondere die Frauen waren auf ihrer Seite: Der Ehemann war schuld, sie liebte ihn noch immer, aber sie wollte sich nun auch Freiheiten gönnen. Wir waren dann also eine gute Woche zusammen und reisten durchs Land. Man konnte den Mann nur um diese Frau beneiden, ich sah davor und danach, wie sie die Kinder versorgte (was zwischenzeitlich ihre Mutter übernommen hatte), sich ums Vieh kümmerte, dann noch ihren Shop managte. Kein böses Wort, unendliche Geduld, Bescheidenheit - im Grunde war diese Frau die Verkörperung buddhistischer Tugenden. 

Als wir zurückkamen, hatte die Polizei die Zufahrt in ihr Dorf aus Sicherheitsgründen für Autos abgeriegelt, so dass unser Taxi uns zurück zum Hotel brachte. Von dort rief sie ihren Mann an und bat, sie mit dem Motorrad nach Hause zu fahren. Als er kam, ging mir natürlich so einiges durch den Kopf. In den letzten Tagen hatte er sie immer häufiger angerufen und einmal ein sehr bewegendes Lied am Handy gesungen. Ohne es wörtlich zu verstehen, bekam ich das Gefühl, er wolle sie zurückhaben. Ich gab ihm also die Hand, er war überraschend kräftig und sah mich ernst an, und ich sagte so etwas wie "Thank you and good luck." Ein paar Monate später rief ich meine Bekannte an, hörte ihn im Hintergrund und fragte, ob alles in Ordnung sei. Ja, sagte sie, er sei zu ihr zurückgekehrt.

Es ist eine einfache Geschichte, die mit allzu komplizierten Menschen nicht funktionieren dürfte. Und dennoch ein gutes Beispiel für Ehebruch nicht allzuweit von Shakyamunis Lebensraum, der für die Frau das gewünschte Ergebnis zeitigte und mir eine schöne Zeit bescherte, ohne dass ein übler Nachgeschmack blieb. Im Bereich der Sexualität und Partnerschaft ist vieles nicht so schwarz-weiß, wie es Sujato zu glauben scheint, wenn er das, was der Shakyamuni gesagt haben soll, so stehen lässt, und dass, was er nicht sagte, nach Gutdünken interpretiert.

Mittwoch, 18. April 2012

Das Elefantenhaus























Hier noch eine Serie von Filmclips über das Leben und die Lehre Buddhas, u.a. mit dem
2011 in Bangkok verstorbenen Experten für frühes chinesisches Chan, John McRae.

Dienstag, 17. April 2012

Wollt ihr ewig leben?

Im letzten Kapitel von Julian Barnes Roman "Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln" (Reinbek 2000) führt er einen interessanten Gedanken aus: Was, wenn die Menschen ewig leben könnten? Hier kommen sie alle ins Himmelreich und können sich aussuchen, wie sie es gerne hätten. Am längsten halten auf diese Weise die Religiösen durch, die sich am Gottesdienst ergötzen. Von den Nicht-Religiösen sind es z.B. Gelehrte und Juristen, die so viel zu untersuchen und zu streiten haben, dass sie jahrhundertelang damit beschäftigt sind. Schließlich wollen aber auch sie nicht mehr. Dann genügt es, einfach sterben zu wollen, und es geschieht ...
   "Und wie sterben sie? Bringen sie sich selber um? Bringt ihr sie um?" (...)
   "Gottes willen, nein. Wie gesagt, heutzutage geht es demokratisch zu. Wenn man wegsterben will, tut man es. Man muss es nur lange genug wollen, dann klappt es schon, es geschieht einfach. Der Tod hat nichts mehr mit Zufall oder düsterer Unvermeidlichkeit zu tun, wie beim ersten Mal. Hier herrscht die totale Willensfreiheit, wie Sie bestimmt schon gemerkt haben." (...)
   "Diese Probleme, die ich mit dem Golf und dem Sorgenmachen hatte. Reagieren andere Leute auch so?"
   "O ja. Wir erleben es oft, dass Leute um schlechtes Wetter bitten, zum Beispiel, oder dass etwas schiefgeht. Es fehlt ihnen was, wenn nie was schiefgeht. Manche wollen Schmerzen haben." (...)
   "Und wie groß ist der Prozentsatz derer, die sich dafür entscheiden wegzusterben?"
   "Oh, hundert Prozent, natürlich. Über viele Tausende von Jahren, nach der alten Zeitrechnung, natürlich. Aber ja doch, jeder entscheidet sich dafür, früher oder später."
   "Also ist es genau wie beim ersten Mal? Am Ende stirbt man immer?"
   "Ja, nur dürfen sie nicht vergessen, dass die Lebensqualität viel höher ist. Die Leute sterben, wenn sie wirklich genug haben, nicht vorher. Beim zweiten Mal ist es viel befriedigender, weil es gewollt ist."

Im 13. Jahrhundert hatte der Sufi Ibn Arabi bereits eine Welt ausgemalt, die das Paradies darstellte. Der Tod auf Erden wurde von einer als Firdausiyin bezeichneten Glaubensgemeinschaft als gewünschtes Ereignis angesehen, das gegen die ansonsten im ewigen Leben drohende Langeweile wirke. Ungläubige seien diejenigen, die nicht verstünden, dass sie bereits im Paradies lebten.

Sonntag, 15. April 2012

Verse des Zen-Mönches Shôtetsu (1381-1459)


Wie natürlich sie einander zur rechten Zeit begegnen:
Das Wasser, das nicht denkt: "Komm, nimm dir hier deine Herberge!"
Der Mond, der nicht nach einer Unterkunft fragt.

***

Da niemand zu Besuch kommt, 
habe ich keinen zum Quatschen,
was mein Haus zu einem Ort macht,
wo ein Mensch ohne Sorgen lebt.

***

Mit jedem neuen Frühling
sprechen die Blüten kein Wort
und legen doch den Dharma dar.
Sie wissen um dessen Kern
von den sich zerstreuenden Sturmböen.

***

Hier bin ich nun,
fort von der grausamen Welt,
auf einer Insel,
und vertraue den Faden meines Lebens
einer Leine ohne Haken an!

(Steven D. Carter: Unforgotten Dreams. New York 1997)

Freitag, 13. April 2012

Der Körper lebt, die Seele stirbt

Die Terasse des Leprakönigs ist ein Bühnenstück von Yukio Mishima (1925-1970), benannt nach dem gleichnamigen Tempelkomplex in Angkor. Am Ende gibt es einen Dialog zwischen der Seele, die stirbt, und dem Körper. Mishima interpretiert den Bayontempel mit seinen Gesichtern des Buddha Avalokiteshvara als quasi ewige, spiegelbildliche Verkörperlichung des Khmer-Königs Jayavarman VII., der den Bau in Auftrag gab. Die Idee, dass nicht die Seele, sondern der Körper unsterblich sei, findet hier ihren in Stein gemeißelten Ausdruck. Der Körper spricht zur Seele in einem zennahen Duktus:

"Stirb nun also, verlösche. Der frische Morgenatem, der Morgenwind, in die weiten Lungen inhaliert - auf diese Weise beginnt der Tag für den Körper. Dann badet der Körper, kämpft, rennt, liebt, betrinkt sich mit den besten Weinen der Welt, wetteifert, um zu sehen, welche Form die schönere ist, macht Komplimente usf. - bis er sich am Ende des Tages mit einem anderen Körper zur Ruhe bettet. Der Körper eilt also durch jeden Tag mit von duftenden Seewinden geblähten Segeln.
   Etwas zu planen - das war deine Krankheit. Etwas zu machen - das war deine Krankheit. Meine Brust glitzert wie ein Schiffsbug in der Sonne, während ich das Wasser mit den mitleidslosen Rudern der Jugend durchpflüge.
   Ich komme nirgendwo an. Ich habe kein Ziel. Ich schlage einfach weiter mit meinen fünffarbigen Flügeln wie ein Kolibri, der in der Luft steht. Meinem Beispiel nicht zu folgen - das war deine Krankheit."

Mittwoch, 11. April 2012

Verse von Kenji Miyazawa

Wenn du so sehr am Frieden leidest,
werde ich dir die Familie ins Haus schicken,
die jene Exekution überlebt hat.

***

Und es muss sein, dass ich bald sterben werde,
doch was auf Erden ist das, was man Ich nennt?
Ich dachte, überdachte es mehrere Male, las und las,
hörte, es wäre dies, wurde gelehrt, es wäre jenes,
doch am Ende ist es noch nicht klar,
was Ich genannt wird ...

(Kenji Miyazawa, Lyriker, 1896-1933, Anhänger des Nichiren-Buddhismus und der Kokuchûkai.)

Montag, 9. April 2012

Nicht-Gier

So heißt eines der zehn "Gebote" von Jiun Sonja (1718-1804), einem gelehrten Mönch der Shingon-Schule des Buddhismus: "Wenn du mit der Regel der Nicht-Gier lebst und Farben betrachtest, dann sind alle - ob blau, gelb, rot oder weiß - hinreichend, um deine Augen zu nähren; und all die Winde in den Kiefern und das Murmeln des Wassers - wie Saiten- und Flötenmusik - sind deinen Ohren genug."

Samstag, 7. April 2012

Wessen Gedicht steckt dahinter?


Den ganzen Tag höre ich die Worte der Freudenmädchen.
Es ist, wie alte Bekannte zu treffen.
Sag nicht, dass immer wieder Zweifel aufsteigen -
jedes Mal, wenn es aufgebracht wird, ist es neu.


(Tipp: Gesucht wird eine Frau, die an Ta-hui schrieb. Nur ihre erste Verszeile wurde hier geändert. [Ein Preis war ausgelobt, wurde aber abgelehnt.])

Das Ultrabuch des Zen-Meisters

Der am Ende des Spots zu sehende Phil Jackson war ein bekannter US-Basketballcoach, der mit den Chicago Bulls und Los Angeles Lakers elf Mal den NBA-Titel holte. Sein holistischer Trainingsansatz brachte ihm den Beinamen "Zen-Meister" ein, da er sich nach eigenen Angaben in seinem Leben vor allem an Robert Pirsigs "Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten" orientierte. 

Donnerstag, 5. April 2012

Was Günter Grass gesagt werden muss

Es war eigentlich strategisch falsch, weil gegen einen ehemaligen Waffen-SSler die Vorwürfe nur aus dem Setzbaukasten der politisch Korrekten geholt werden mussten. Aber da Günter Grass ein Literatur-Nobelpreisträger ist und ich nicht, hat man weltweit seine nur lachhaft als Gedicht verkleidete politische Botschaft abgedruckt, und mein nun gleich entstehendes wahres Gedicht wird bloß eine Hundertschar wahrnehmen, obwohl ich nie was mit den Nazis zu tun hatte. Immerhin hat der mich zuvor oft durch eher verwirrte Botschaften nervende Grass für einen erheiternden TV-Abend gesorgt, an dem noch einmal das blödeste Märchen aller Zeiten auf allen Kanälen erzählt werden durfte: Dass ein muslimisches Land wie der Iran, das mit den muslimischen Palästinensern sympathisiert, die - wie wir alle wissen - in Israel Tür an Tür mit den Israelis leben, durch einen atomaren Erstschlag Israel auslöschen könnte. Also seine eigenen Glaubensbrüder notgedrungen gleich mit. Etwas Dümmeres wurde seit der Biowaffen-Sage, die zum Einmarsch der USA in den Irak führte, nicht mehr erzählt. Oder denkt man, den Shiiten seien die Sunniten egal? Nein, halt, ich hab's: In Wirklichkeit geht es wohl nur darum, dass die Perser arischen Ursprungs sind und damit für das Dämonische schlechthin stehen müssen. 

Ist das eigentlich noch steigerungsfähig? Und weiß wirklich nur Grass, was ein "Maulheld" ist? Trotzdem darf man den Iranern "die Bombe" wünschen. Nämlich für den potentiellen Zweitschlag. Hier noch einmal ein Beispiel dafür, wie Israel in Gestalt des Mossad offenbar gezielt Feinde tötet. Mir ist schon klar, dass man diese Aktion ebenfalls als eine Art Zweitschlag ansehen kann, mit rabbinischer Logik. Illegal ist sie trotzdem.

Nun also mein Gedicht - damit es keine Zweifel gibt, reimt es sich. Es spricht ein "Maulheld". (Anm. für Behörden: Dies ist Satire!)

Was du darfst, darf ich nicht auch:
Scheiße labern, nur ohne Bauch?
Was ich will, das hast du schon:
Anlagen für Billigstrom.
Und ne Bombe noch dazu,
dann hab ich vor den Amis Ruh.
Womöglich gar vorm Peresshit,
wünscht mein Freund Ali - der Semit.

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Da ich es bisher noch immer geschafft habe, die Kurve zum Buddhismus zu bekommen, hier ein süßer Ausschnitt aus einem Teisho von Mumon Roshi, dessen erster Satz bei der Verdauung der obigen Lektüre helfen mag. Ich weiß gar nicht, was mich heute mehr erheiterte:
"'Die ganze Welt der Dinge bin ich selbst.' 
Ihr müsst dies mit eurem ganzen Wesen erfahren, und wenn ihr dann Fräulein Ursprüngliches Antlitz erst einmal erblickt habt, dann werdet ihr euch Hals über Kopf in sie verlieben und alles dransetzen, sie wiederzusehen."

[Li Ai Vee: Bambus im Wind. Stäfa 1999]

Dienstag, 3. April 2012

Enni Ben'en: Selbsterwachen und Zen


Enni Ben'en (1202-1280) fuhr 1235 nach China und wurde nach sieben Jahren von einem Nachfolger in der Yang-ch'i-Linie des Lin-chi, Wu-chun Shih-fan (1177-1249) authorisiert. In Japan genoss er im Vergleich zu seinem Zeitgenossen Dôgen, der ihn folglich attackierte, einen besseren Ruf in den Herrschaftskreisen. Enni begründete das im chinesischen Stil errichtete Tôfuku-ji-Kloster, in dem er auch Hallen für die Tendai- und Shingon-Praktiken zuließ. Interessant ist seine Sicht auf Bodhidharma, den er als Selbsterwachten bezeichnet und der für ihn offenbar nicht als Metapher für die Sitzmeditation steht. Vielmehr seien nach dem Selbsterwachen das Zazen und direktes Zeigen (auf den eigenen Geist) als (weitere) anleitende Techniken dazugekommen.

"Ihr sollt verstehen, dass es Methoden gibt, zu helfen und anzuleiten: eine ist die Technik der Sitzmeditation, die andere die Technik des direkten Zeigens. Sitzmeditation ist die große Ruhe, direktes Zeigen die große Weisheit. Vor dem leeren Äon, jenseits der alten Buddhas, war (jedoch) Selbsterwachen ohne einen Lehrer, ohne diese Techniken, das, was Bodhidharma lehrte, die geheime Übertragung durch persönliche Erfahrung. Nach dem leeren Äon gibt es nun Erwachen und Täuschung, Fragen und Antworten, Lehrer und Schüler; all dies sind anleitende Techniken ...
    Durch sich selbst ohne Lehrer erwachen wie vor dem leeren Äon und durch einen Lehrer erweckt zu werden wie nach dem Erscheinen von Buddhas und Vorfahren, also Erwachen und Erwecktwerden, sind (letztlich) beides Techniken des Anleitens. All dies wurde von Buddhas und Vorfahren übermittelt als unvorstellbares befreites Wirken."


(übersetzt nach "A New Zen Reader", New Jersey 1996)

Sonntag, 1. April 2012

April, April,
ich bin gar nicht tot!

Wenn ich auf den Seiten von Buddhismus heute der Diamantweg-Sekte (Karma Kagyü) surfe, kommen mir Ideen für eine Glosse nach der anderen. Kürzlich wurde der Tod Tenga Rinpoches vermeldet, und auf der englischen Wiki fand sich folgender Abgesang: "Rinpoche has entered the after-death-meditation, called Thugdam." Der Rinpoche ist also in die Nachtodmeditation namens Thugdam eingetreten. Wie ihr auf obigem Link sehen könnt, erscheint ihm beim Sterben für einen Augenblick die "wahre Natur des Geistes". Halt!, denkt da der Zenbuddhist, was kann denn daran Besonderes sein, wo sie sich bei einem "fortgeschrittenen Praktizierenden", dem allein sich solches offenbaren soll, doch längst im Laufe seines Vorlebens gezeigt haben müsste - sonst wäre er ja nicht erwacht. Ein schönes Beispiel tibetischer Logik, und dafür trainieren die Adepten zwanzig Jahre lang eifrig das Debattieren ... 

Viel lehhreicher ist freilich die Einleitung zur Erklärung von Thugdam. "Der 16. Karmapa war bekannt für seine Beziehung zu Vögeln, insbesondere zu Kanarienvögeln. Wie man zum Beispiel in den Büchern von Lama Ole Nydahl lesen kann, ließ Karmapa sich oft zu Tierhandlungen bringen, um dort Vögel mit besonderen Qualitäten auszuwählen. Diesen Tieren lehrte er Meditation, und zum Zeitpunkt ihres Todes waren diese Vögel fähig, einen tiefen Meditationszustand zu verwirklichen." Dann wird die Todesstarre eines Vogels als Beleg angeführt. Leute, was soll ich euch sagen, schon wieder habe ich die Bestätigung bekommen, dass ich der wahre 17. Karmapa bin. Denn wenig später wird beschrieben, wie ein Kanarienvogel in die Nachtodmeditation eintritt und erst sechs Stunden später erkaltet. Genau wie bei unserem Kanarienvogel! Ja, ich weiß noch genau, es war im Winter, unsere Ölofenheizung ausgefallen, und als das süße Vögelchen gestorben war, setzten wir uns um den Käfig herum und wärmten uns sechs Stunden lang die Hände über seinem Köpfchen. Ich selbst habe mir dabei die Handfläche verbrannt und kann noch heute eine Narbe zum Beweis zeigen. Wie schön, dass wir jetzt alle wissen, wie es dazu kommen konnte. Nun erklärt sich auch, warum, als wir noch auf dem Bauernhof lebten, mein Lieblingsschwein tot auf zwei Beinen stehend gefunden wurde und unsere Milchkuh Berta im Lotussitz verschied. Hätten wir damals mal einen Rinpoche auf dem Hof gehabt, wäre uns allen das nicht so peinlich gewesen. 

[gez. der 17. Karmapa]