Sonntag, 31. Oktober 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 99

Nur ein regeltreuer Mönch

Ein Mönch brachte ein Kind zu Meister Kyôshô und sagte: „Dieser Junge stellt ständig Fragen zur Lehre Buddhas. Ehrwürden, bitte prüft ihn und seht selbst.“ Kyôshô ließ Tee bringen. Nachdem er selbst getrunken hatte, reichte er die Tasse dem Kind. Als dieses gerade die Tasse nehmen wollte, zog Kyôshô seine Hand zurück und fragte: „Kannst du‘s mir nun sagen?“ Das Kind erwiderte: „Bitte fragt.“
   Danach wollte der Mönch wissen: „Was haltet Ihr von diesem Kind?“ Kyôshô antwortete: „Es wird ein oder zwei Leben lang bloß ein regeltreuer Mönch sein.“


Meister Kidô

Auch der Mönch wurde getroffen.


Meister Hakuin

Man wird es nach dreißig Jahren wissen.

Samstag, 30. Oktober 2010

Ugrapariprcchâ: Der Bodhisattva-Weg (III) -
Bettler

Heute kommen wir zu den schönsten Stellen des Ugra-Sutras. Zunächst die guten Taten des Bodhisattva:
   "Unbewegt von Gewinn oder Verlust, Ruhm oder Schande, Lob oder Tadel, Glück oder Leiden*, transzendiert er weltliche Dinge. Er wird nicht arrogant, wenn er Reichtum anhäuft, noch entmutigt, wenn es ihm an Gewinn, Ruhm oder Lob mangelt. Er erfreut sich nicht an falschem Benehmen; da sein Geist nicht darin weilt, beobachtet er nur sein Entstehen. Er tut, was er versprochen hat. (...) Er erwartet keine Belohung für seinen Dienst an anderen und ist dankbar für das, was andere für ihn tun. Er verteilt Reichtum an Arme und beruhigt die Furchtsamen. (...)
   Er betrachtet jede Freude an den Objekten der Begierde als unbeständig. Um seinen Körper sorgt er sich nicht, sieht sein Leben als Tautropfen an und seinen Reichtum wie eine Luftspiegelung. (...)
   Er denkt daran, die Substanz aus seinem unsubstantiellen Körper zu extrahieren, aus seinem unsubstantiellem Leben und aus seinem unsubstantiellem Reichtum. Was bedeutet es, die Substanz aus seinem unsubstantiellem Körper zu ziehen? Es bedeutet, Freude an allem Tun zu haben, das anderen dient, respektvoll mit den eigenen Lehrern zu sprechen und sie zu ehren (...) Was bedeutet es, die Substanz aus seinem unsubstantiellen Leben zu ziehen? Es bedeutet, nicht die Wurzeln der Güte zu schädigen, die zuvor gepflanzt wurden, sondern sie wachsen zu lassen. Und was bedeutet es, die Substanz aus seinem unsubstantiellem Reichtum zu ziehen? Es bedeutet, den Geist des Geizes im Zaum zu halten und den Geist großer Freigebigkeit zu nähren sowie Geschenke zu verteilen."

Vor unserem Frankfurter Hugendubel stehen beinahe täglich ein jüngerer und ein älterer Bettler, die unermüdlich jeden Passanten anschnorren. Ich habe da meine eigene Auffassung zu, angesichts der großen Armut, die ich z.B. in Kambodscha sah. Die Vorstellung, dass ein solcher Bettler hierzulande noch zusätzlich einen Anspruch auf Sozialhilfe geltend macht (oder ihn alternativ geltend machen könnte), lässt mich keine Sympathien für diese Schnorrer hegen. Was ist also ein "legitimer" Bettler? Das Ugra-Sutra rät jedenfalls hierzu:

   "(1) Oh hervorragender Haushälter, sobald der Laienbodhisattva um welch ein Objekt auch immer gebeten wird, soll sein Geist nicht länger daran festhalten; auf diese Weise wird seine Übung des Gebens vervollkommnet.
   (2) Wenn er aufgrund des Geistes der Erleuchtung gibt, wird die Übung der Moralität vervollkommnet.
   (3) Wenn er gibt, ohne Wut und Feindschaft in den Bettlern zu erzeugen, dann wird seine Übung des Erduldens (kshânti) vervollkommnet. 
   (4) Wenn er nicht wankenden Geistes zweifelt: 'Was wird aus mir, wenn ich dies weggebe?', dann vervollkommnet er seine Übung der Anstrengung.
   (5) Wenn jemand an einen Bettler gibt und danach frei von Sorge und Bedauern ist, wird so seine Übung der Meditation vervollkommnet.
   (6) Und wenn er gegeben hat und sich davon kein Reifen der Früchte dieser Tat verspricht, dann vervollkommnet er die Übung der Einsicht."


(* diese vier Gegensatzpaare werden als acht weltliche Dinge, lokadharma, bezeichnet)

Freitag, 29. Oktober 2010

Ko Un: Gedichte (V)

Deine Beredsamkeit

Jedes Mal, wenn du eine Rede hältst,
jedes Mal überwältigt deine Beredsamkeit deine jungen Hörer.
Ich stehe auf und gehe raus.
Warum? Weil deine Beredsamkeit
vollkommene Zuversicht ausstrahlt,
doch kein bisschen Pein.
Mehr als das!
Weil in deiner Beredsamkeit
überhaupt kein fester Glaube steckt.

Bevor ich dich verachte, verachte ich
all diejenigen, die ganz wild nach deinen Worten sind.
Um Himmels willen!

***

Kürbisblüte

33 Jahre bin ich Poet
und habe fröhlich Schönheit definiert.
Jedes Mal habe ich ohne zu zögern behauptet:
„Schönheit ist dies“, oder
„Das ist ein Verrat an der Schönheit“.
Ich habe mich wegen der verschiedenen ästhetischen Theorien verrückt gemacht.
Doch in keiner von ihnen befand sich jemals Schönheit.
Ich schlief bei eingeschaltetem Licht ein.

Ich fürchte so die verflossenen Tage!
Versuch niemals, Schönheit zu definieren.
Niemals.
Nie.

Wie könnte Schönheit beschrieben werden?
Wegen der langen Regenzeit
gab es keine Blüten auf den Kürbispflanzen.
Nun, wo der Regen vorbei,
ist endlich eine Blüte erblüht,
darin zittert eine Biene –
und draußen zittere ich.

Kürbisblüte, die vor Leben strotzt!
Wahre Schönheit!

Ugrapariprcchâ: Der Bodhisattva-Weg (II) -
Alkohol

Ein weiteres Kuriosum - und einigen anderen Sutren widersprechend* - sind die Ausführungen zum Alkoholausschank im Ugra-Sutra:
   "Dann, wenn der Gedanke, den ganzen Besitz wegzugeben, in ihn dringt, denkt er bei sich selbst: 'Ich sollte denen Essen geben, die hungrig sind, und denen zu trinken, die durstig sind', und er schenkt sogar Alkohol an andere aus. Dabei reflektiert er folgendermaßen: 'Nun ist die Zeit, das Geben zu vervollkommnen. Die Zeit ist gekommen, anderen zu geben, wonach immer sie verlangen. Darum sollte ich so handeln: Nachdem ich auf diese Weise Alkohol an verschiedene Menschen ausgeschenkt habe, sollte ich Achtsamkeit und Bewusstheit in denen erzeugen, die in ihrem Verhalten verlässlich sind.' Und warum dies? All ihre Bedürfnisse zu befriedigen heißt, die Handlung des Gebens eines Bodhisattvas zu vervollkommnen. Darum, oh herausragender Haushälter, wird der Laienbodhisattva, selbst wenn er Alkohol ausgibt, nicht von den Tathâgatas eines Verstoßes bezichtigt."

(* siehe z.B. Pratyutpanna-buddha-sammukha-avasthita-samâdhi-sûtra)

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Ugrapariprcchâ: Der Bodhisattva-Weg (I) -
Frauen

Lasst uns mal ein bisschen in der "Befragung des Ugra(datta)" lesen. Jan Nattier (übrigens die Frau von John McRae, dem Experten für chinesisches Zen), hat ein sehr lesenswertes Buch inclusive Übersetzung des Ugrapariprcchâ geschrieben, mit einem wahninnig ausführlichen Apparat, den man aber nicht unbedingt braucht, um sich über so manche Textstelle nicht schlecht zu wundern: A Few Good Men (Honolulu 2003). Das Sutra, das hier verhandelt wird, liegt mal wieder nicht vollständig im Sanskrit vor, dafür aber in drei chinesischen Übersetzungen (u.a. von Dharmaraksha alias Chu Fa-hu), einer tibetischen und  indischsprachigen Auszügen in Shântidevas Shikshâmuccaya. Das Sutra wird von Nattier als Bodhisattva-, nicht als Mahayana-Sutra eingestuft, weil es sich nicht explizit vom Hinayana abgrenzt, nicht die "Leere" erörtert, keine Verehrung himmlischer Buddhas und Bodhisattvas kennt (ein schöner Zug, statt Bodhisattvas um Hilfe zu bitten, wird hier auf Selbstverantwortung und Einsicht gesetzt). 
   Ein zentraler Begriff ist der grhapati (Pali: gahapati), der  gemeinhin als "Haushälter" übersetzt wird und den Laien bezeichnet, der nicht im Kloster lebt. Übersetzungsvorschläge reichen bis hin zu "Kapitalist", da mit dem grhapati oft der Beruf eines Händlers verbunden wird.  Der "Haushälter" ist hier also stets jemand von gewissem finanziellem und gesellschaftlichem Status. Im Gegensatz zum upâsaka, der als Laie im Grunde an einen klösterlichen Orden angebunden war, waren die grhapati ungebundener. Der Buddhologe Hirakawa sieht einen Wandel von dieser ursprünglich unabhängigen Bodhisattva-Bewegung hin zu einer klösterlichen Form des Mahayana, bis auch die Laien sich einer Ordination unterzogen. Das vorliegende Ugra-Sutra beschreibt sowohl die Regeln für (vorklösterliche) Laien wie auch für Mönche. Es wendet sich, wie man an den Formulierungen erkennt, an Männer. Im Gegensatz zu den Weisheits-Sutren betont das Ugra-Sutra von den sechs pâramitâ in erster Linie die Gebefreudigkeit (dâna).
   Kommen wir zum Sutra selbst. Zunächst macht es uns Männern Hoffnung: "Zufrieden mit den eigenen Frauen (ja, Plural, laut des Sanskritzitates!) und ohne Verlangen nach den Frauen der anderen" heißt es da in einem Satz aus einem der Gebote, und endlich wähnt sich der Buddhist im Muslimdasein, das ihm die Vielweiberei gestattet (wenn auch nur mit "eigenen" Frauen). Doch schon geht's in die andere Richtung: Packt einen das Verlangen nach der eigenen Frau, so solllte man diese als unrein ansehen. In einem späteren Kapitel wird detailliert beschrieben, wie man die Abneigung gegen die eigene Frau kultiviert. Sie sei anzusehen als "Freund in Glück und Genuss, doch nicht im nächsten Leben, Gefährtin beim Essen und Trinken, aber nicht beim Erfahren der Früchte des Handelns, kurz: eine Freundin im Vergnügen, aber nicht im Leid." Die tibetische Übersetzung verschärft noch den Ton, man solle die Frau als Feindin, Henker, Dämon, Hexe, Menschenfresser ansehen, als undankbar, begehrlich und als schlechten Freund. Im folgenden Kapitel wird erläutert, wie man sich dem eigenen Sohn entfremdet. Wer schon immer mal einen Hinweis brauchte, um seine Familie zu zerrütten - hier wird er fündig. Und das sind erst die Regeln für den Laien. Selbst zusammengefasst klingen sie noch unmenschlich: Sei niemandem Freund noch Feind ...

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Der Zyklon Nargis und Trost im Glauben

Aus (mir unverständlichen) Jugendschutzgründen ist nur in der Nacht zwischen 22 und 6 Uhr online die Doku über die Folgen des Zyklons Nargis zu sehen, der in Burma mehr als 140.000 Menschen das Leben gekostet haben soll. Dieser inoffiziell gedrehte Film ist ein Beispiel für eine gelungene Dokumentation mit Aussagekraft (und Stil) in Bild, Ton und Schnitt. An einer Stelle erzählt eine Mutter, wie sie sich mit ihren beiden Kindern im Arm festhielt und beschloss, dass sie gemeinsam überleben oder in den Fluten untergehen würden. Das erinnerte mich an die Aussage einer deutschen Mutter, die beim Tsunami auf Phuket ebenfalls ihre zwei Kinder in den Armen hielt und sich entschied, eines loszulassen, damit das andere (mit ihr) überleben konnte. In diesen Haltungen gibt es einen feinen Unterschied.
   Manche Betroffene erzählten stoisch, wie es ihnen ganze Großfamilien wegschwemmte. Im Tempel, wo sie dem Mönch nachbeteten, kamen ihnen dann endlich die Tränen. Der Tempel bot Trost. Vor ein paar Tagen sah ich The Book of Eli, wo der Protagonist in einer nachapokalyptischen Welt eine Bibel unter Einsatz seines Lebens schützt, um sie dorthinzubringen, wo man die heiligen Schriften aufbewahrt. Ein Bösewicht will sie ihm abluchsen, denn es ist die letzte, alle anderen wurden nach einer ungenannten großen Katastrophe zerstört. Der Bösewicht meint, mit diesem Buch könne man die Menschen beherrschen, und dafür ist es ihm gerade recht. Für den Helden jedoch, der die Bibel Wort für Wort auswendig lernt, ist sie Trost und Hoffnung auf einen Neuanfang. Mit den buddhistischen Schriften ist es nicht anders. Auch sie erfüllen gleich mehrere Zwecke. Für welchen entscheiden wir uns?

Dienstag, 26. Oktober 2010

This Prison Where I Live:
Der burmesische Komiker Zarganar




Seit ein paar Tagen plage ich mich mit dem Gedanken herum, wie ich von Michael Mittermaiers und Rex Bloomsteins Doku "This Prison Where I Live" erzählen soll. Ich habe die Pressevorführung genutzt, um mit der Frau zu flirten, deren blonder Pferdeschwanz vor mir mich wesentlich mehr interessierte als das meiste, was sich auf der Leinwand abspielte. Abgesehen von der teils verrissenen Kamera und einigen wirklich überflüssigen Einstellungen, will uns der Film vor allem die Paranoia spürbar machen, die einen erfasst, wenn man von meist zivilen Schergen einer Militärregierung verfolgt und beobachtet wird - wo man doch nichts anderes möchte, als den Starkomiker Burmas, Zarganar, zu porträtieren bzw. später, nachdem er wegen seiner großen Klappe inhaftiert worden ist, im Gefängnis zu besuchen. Für schräge Witze über die Regierung bekommt man hierzulande einen Preis, in Burma - heute Myanmar genannt - schon mal lebenslänglich. Thema und Bildmaterial reichen dennoch bloß für einen Kurzfilm, wenn uns mal etwas gezeigt werden müsste (denn darum heißt es ja Kino), wird es uns nur erzählt. Harrt man dennoch bis zum Ende aus, hört und sieht man immerhin den besten Witz von Zarganar.
   Mit dem Humor der Südostasiaten ist das so eine Sache. Wie oft habe ich schon mit Einheimischen in Thailand und Kambodscha vorm Fernseher gehockt und mir ihre Lieblingskomödianten angeschaut, und wie oft dabei an Knallchargen gedacht, wenn man mir verzweifelt versuchte die Gags zu übersetzen. Der erste Satz in Khmer, den ich lernte, hieß so ähnlich wie: "Skoal Agram de?", was bedeutet: "Kennst du Agram?" und fast immer zu Gelächter führte, weil Agram ein landesweit bekannter Komiker ist.
   Mittermaier ist sicher die leise Hoffnung anzurechnen, mit dem Film eine solche Öffentlichkeit zu schaffen, dass Zarganars Gefängnisstrafe womöglich verkürzt wird. Von meiner längst überfälligen Burmareise hält mich die Humorlosigkeit der dortigen Militärs nicht ab - sondern die Tatsache, dass kurz vor den Wahlen im kommenden November das Visa on Arrival mal wieder abgeschafft wurde.

[Filmausschnitt Copyright: Senator Film]

Montag, 25. Oktober 2010

Yamazaki Ansai:
Shintoismus und Buddhismus

"Yamazaki Ansai (1618-1682) ist in den Darstellungen zur japanischen Philosophie und Geistesgeschichte v.a. als Begründer des Suika-Shintô bekannt; eine der großen Shintô-Strömungen der Tokugawa-Zeit (neben dem Yoshida-Shintô, dem Watarai-Shintô, dem Fukko-Shintô und dem Sannô Ichijitsu Shintô). Während dieser Zeit wandten sich die Shintô-Denker vom Buddhismus ab und den konfuzianischen Lehren zu; daneben prosperierten natürlich auch die konfuzianischen Strömungen (Shushigaku, Yômeigaku, Kogaku, Shingaku, Mitogaku, Setchugaku, Kokugaku)." 
   Es folgt ein Auszug aus seinem Text „Vermeidung der Irrlehren“ (Byaku´i), wie die Einleitung mit freundlicher Genehmigung von Dr. Julian Braun.

„Die konfuzianischen und die buddhistischen Lehren ähneln sich in vielen Punkten. Aber selbst wenn sich die Übereinstimmungen wie z.B. bei zwei sich äußerlich gleichenden Menschen nicht auf die Erscheinung beschränken, sondern sich sogar auf ihr Bestreben und Gemüt erstrecken, so sind die beiden ihrem eigentlichen Wesen (黄本) nach doch gänzlich verschieden. Darum muss hier unbedingt Richtiges von Falschem unterschieden werden. Meister Cheng Hao, der ´Klare Weg´ (廖明), hat demgegenüber vehement darauf hingewiesen, dass die beiden Lehren sich vielleicht äußerlich gleichen, innerlich aber völlig verschieden sind. Um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden zu verdeutlichen, hat er folgende Methode benutzt: Wir verwenden häufig den Ausdruck, ´auf den Weg hören/den Weg vernehmen´. Dieses Hören beschränkt sich dabei nicht auf das alltägliche Hören, sondern meint das eigenen Verkosten der Gründe (天理お味わわ) und das rechte eigene Verhalten. Der Weg existiert ganz natürlich als Prinzip der Beziehungen zwischen Herr und Untertan, Eltern und Kindern, Eheleuten, Geschwistern und Freunden und hat nichts mit dem unergründlichen Mysterium der Buddhisten zu tun, demzufolge man, wenn man einmal zur großen Erleuchtung gelangt ist, von diesem Augenblick an alles klar versteht. Wir selbst sind mit den täglichen Dingen zufrieden und dem Bemühen sie zu achten; was darüber hinaus geht, bereitet nur Kummer und Schmerzen, weshalb es besser ist, nicht danach zu verlangen. Aber solche einfachen, grundlegenden Prinzipien machen den heutigen Menschen nicht mehr genug Freude. Statt dessen erfreuen sie sich lieber an aufgeblasenen buddhistischen Lehren und irgendwelchen tiefgründigen Vorlesungen; ist so etwas nicht unvernünftig? 
   Die Heiligen und Weisen des Altertums erklärten den Weg damit, dass ´die Worte unbedingt redlich und die Taten unbedingt anständig´ sein sollten*; sie lehrten, dass man diese beiden  Anforderungen im täglichen Leben durchsetzen solle, ohne auch nur im Geringsten davon abzulassen. Der erleuchtete Shun vergaß nicht den weisen Yao; selbst wenn er in seinen eigenen vier Wänden oder beim Essen war, dachte er immer an ihn. In den buddhistischen Lehren wird hingegen das eigene Herz nur von einem selbst reflektiert; heißt dies nicht, dass man lediglich sich selbst beobachtet? Wohin soll das führen? Das eigentliche Wesen des Herzens ist unvorstellbar und unerreichbar. Und ferner besteht ein gewaltiger Unterschied zu Eurer Erklärung, derzufolge sich das Bewusstsein, welches die Dinge anfänglich nicht erkennt, nachdem es einmal in Kontakt mit ihnen getreten ist, sich auf alles erstreckt.
   In eurer Zen-Schule geht es doch darum, alles im eigenen Herzen zu finden; dies ist ein höchst missverständlicher Ausdruck. Die rechte geistige Haltung den Dingen gegenüber kommt vom Himmel und liegt im eigentlichen Wesen (des Menschen); sie erfolgt ohne Mühe, wenn man die grundlegenden himmlischen Prinzipien entdeckt. Was aber sind die ´himmlischen Prinzipien´ (天天)? Wenn Sakyamuni die himmlischen Prinzipien erkannt hätte, wie könnten sich dann seine früheren und späteren Lehren so widersprechen? Das entscheidende an seinen Unterweisungen ist die Verirrung des ursprünglichen Geistes (黄人), doch war er sich dessen nicht bewusst. Heutzutage folgen viele Gelehrten solchen falschen Erklärungen. Ich bin zwar noch nicht davon beeinflusst, befürchte aber, dass sie sich bereits auch auf redliche Menschen erstrecken; darum sollte man besonders vorsichtig sein.“

(* Lunyü, XV.6: „Zi-Zhang fragte, wie man sich benehmen solle, um überall zurecht zu kommen. Konfuzius antwortete: Offen und ehrlich reden, redlich und pflichtbewusst handeln – damit kommst du selbst bei den Barbaren zurecht. ... Stehst du, dann sieh diese Worte ´offen, ehrlich, redlich, pflichtbewusst´ gleichsam vor dir, wie der Wagenlenker das Pferdegespann. Sitzt du im Wagen, dann sei es, als ob sie im vorderen Querbalken eingeritzt seien. So wirst du dich überall richtig verhalten.“)

Sonntag, 24. Oktober 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 98

Die fünf Augen

Als Meister Tokushô Meister Rokumon besuchte, fragte ihn dieser: „Wo bist du hergekommen?“ Tokushô antwortete: „Aus Yokuin. Letzte Nacht habe ich im ‚Hôkoji-Felsen‘ verbracht.“  Rokumon fragte: „Welches der fünf Augen[1] ist das eigentliche?“ Tokushô antwortete: „Ich kenne schon lange deinen Namen.“ Rokumon meinte: „Was hat dieser Ort mit dir zu tun?“ Tokushô sagte: „Wovon sprichst du?“


Meister Kidô

Tokushô sollte sagen:
„Ein Verhungernder wird keine Zeit
für die Auswahl seiner Speisen verschwenden.“


Meister Hakuin

Ich bin gekommen, um Euch zu sehen, Ehrwürden.


   [1] Das materielle Auge, das göttliche Auge, das Auge der Weisheit, das Auge des Gesetzes und das Auge Buddhas.

Samstag, 23. Oktober 2010

Jun Tsuji:
Epikureismus und Buddhismus

Jun Tsuji (1884-1944) war nach der englischen Wikipedia Dadaist, Nihilist, Feminist und noch so einiges andere. Sein Leben war karg, sein Denken wurde u.a. von Tolstoi, Wilde, Voltaire und vom deutschen Philosophen Max Stirner beeinflusst. Nach dem epikureischen Ideal der "Unerschütterlichkeit"  oder Sorglosigkeit (Ataraxie) lebte er als Vagabund auf Wanderschaft und schrieb darüber. In seinem Stück "Tod eines Epikureers" muss der Protagonist sich der fließenden Natur der Dinge (Panta Rhei) stellen, die der Autor in Beziehung zu Stirners "kreativem Nichts" setzt - da die Substanzlosigkeit der Dinge das Potential für Kreativität und Wandel enthalte.
   Tsuji verfiel zunehmend dem Alkohol, und doch ist es kein Wunder, dass er sich auch dem Buddhismus über Shinran und den Jôdo Shinshû-Klassiker "Tannishô" näherte, der Dialoge enthält, die dessen Schüler Yuien mit Shinran führte. Fortan gab Tsuji das Schreiben auf und zog als Shakuhachi spielender Komusô-Mönch (das sind die aus der Fuke-Schule des Zen mit den "Körben" überm Kopf) durch die Gegend. Tsuji nannte sich selbst einen Unmensch. Am Ende verhungerte er. Sein Grab findet sich in Tokios Saifuku-Tempel.

Ryuten Paul Rosenblum Roshi: Vorträge

Was haltet Ihr davon?

P.S.: Weil noch genug Exemplare hier waren, haben alle Teilnehmer an der Diamantsutra-Verlosung je ein Exemplar gewonnen. 

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Pyrrhonismus und Buddhismus

"Pyrrhonismus ist die Bezeichnung für eine Variante des Skeptizismus, die auf den antiken griechischen Philosophen Pyrrhon von Elis (ca. 365/360 v. Chr. – ca. 275/270 v. Chr.) zurückgeht. Der Pyrrhonismus, auch 'pyrrhonische Skepsis' genannt, ist die älteste in Europa entstandene Form des Skeptizismus. Seine Anhänger werden Pyrrhoneer (seltener Pyrrhoniker) genannt." So definiert Wikipedia. In einem Essay der aktuellen Ausgabe des Journal of Buddhist Ethics werden die Parallelen zum indischen Buddhismus aufgezeigt.
   In einem weiteren Artikel wird Ugo Dessis Buch   "Ethics and Society in Contemporary Shin Buddhism" besprochen, dass einen guten Überblick über führende Denker des "Reine-Land-Buddhismus" gibt. Erwähnt werden darin u.a. der Widerstand der Shin-Buddhisten gegen die staatliche Unterstützung des Yasukuni-Schreines, in dem auch Kriegshelden verehrt werden, oder ihr Einsatz für Lepröse und gesellschaftliche Außenseiter (burakumin) in Japan. Im Zentrum stehen die Idee von "shinjin" (der Geist, der die Leidenschaften durschaut und sich der Macht Amida Buddhas - der nicht-egoistischen Kraft - anvertraut), das Bodhisattva-Ideal der aktiven Zuwendung zu anderen und der Gemeinschaftsgedanke ("togetherness").

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Bhante Dhammikas Buddhismus-Lexikon

Bhante Dhammika hat sein englischsprachiges Lexikon "Buddhismus von A-Z" mit den ersten 500 Einträgen online gestellt. Einer der Gründe, warum ich seinen Blog nicht mehr verlinke, ist solch unsägliches Geschwafel wie unter dem Stichwort "Prostitution" (auch wenn man ansonsten viel vom Bhante lernen kann). Hier schreibt mal wieder - wie so oft - ein Mönch, der nicht weiß, wovon er spricht (im Gegensatz zum Seung Sahn darf ich das hier mal annehmen): Prostitution in Anspruch zu nehmen sei "schäbig" (sordid) und "unerquicklich" (unedifying) [???], und verstoße gegen die erste und dritte Regel, weil man jemanden "sexuell ausbeute". Der Feminist im Mönchsgewand. Leider bemerkt er gar nicht, dass die von ihm selbst  erwähnte Kurtisane Ambapâli nicht nur einst den Buddha unterstützte, sondern dies nur aufgrund ihrer verfickten Existenz tun konnte ...
   Glücklicherweise war ich mal dabei, als sich spät am Abend der Bhante mit seinem Gastgeber und mir über ein Buffet im China-Restaurant hermachte. Damals hat er bei mir noch Pluspunkte gesammelt.

Dienstag, 19. Oktober 2010

D.J. Khyentse: Weshalb Sie KEIN Buddhist sind

Heute war ich in der Bibliothek der philosophischen und theologischen Hochschule St. Georgen, die an der Stadtgrenze zu Offenbach liegt. Eine Regelung der Fernleihe besagt, was noch im Stadtgebiet des Entleihers eingesehen werden kann, das soll er bitteschön dort lesen. Während ich dort also auf "The Zen Canon" von Steven Heine wartete, konnte ich mir ein Werk durchlesen, das ich wiederum aus der UB Frankfurt über die Fernleihe bekommen und nach St. Georgen mitgenommen hatte und das mir von ein paar Seiten empfohlen worden war. Ein Fehler.
   Der Autor von Weshalb Sie kein Buddhist sind, Dzongsar Jamyang Khyentse, ist Bhutanese, Jahrgang 1961, bekannt als Regisseur von "Spiel der Götter" und in seiner Heimat Oberhaupt des Dzongsar-Klosters und für ca. 1.600 Mönche verantwortlich. Bis zur Lektüre seines Buches hatte ich noch einige Hoffnung auf den bhutanesischen Zweig des Buddhismus gesetzt, nun ist sie dahin. Der Knackpunkt sind die "Gefühle", zag bcas (sprich: sagtsche), deren Übersetzung der Autor eigens ein Nachwort widmet. Obwohl er sich der Fallstricke dieses Wortes bewusst ist, führt er folgendes aus: Kein Buddhist ist, wer

1) an eine dauerhafte Substanz oder ein dauerhaftes Konzept glaubt,
2) nicht glaubt, dass alle Phänomene illusorisch sind,
3) glaubt, dass Erleuchtung innerhalb der Sphären von Zeit, Raum und Kraft/Energie existiert,
4) nicht glaubt, dass ALLE GEFÜHLE SCHMERZ SIND.

Ich möchte nicht auf die Eigenschaften des atman (zu denen Charakteristika wie "nitya", ewig, gehören), die der Buddha laut dem Mahaparinirvana-Sutra (MPNS) kurz vor seinem Tod korrigierend in seine Lehre einbrachte, eingehen, um nicht zu langweilen (Punkt 1). Im allgemeinen kann ein Zen-Buddhist die Punkte 1-3 unterschreiben, wobei der dritte darauf hinausliefe, dass Erleuchtung entweder "unendlich" und damit raum- und zeitlos wäre (und man sich dann gleichzeitig Raum und Zeit als endlich denken müsste) oder aber wir ja alle schon von Anfang an erleuchtet sind.
   Ich will mich auch nicht wundern darüber, dass sogar ein Bhutanese Muslime nicht ab kann: "Muslime schreien, sie würden verfolgt, und vergessen dabei die Zerstörung, die ihre Mogul-Vorfahren angerichtet haben." (S. 67) Und dass er natürlich alles Chinesische schlecht macht ("die tief sitzende Heuchelei vieler asiatischer Staaten wie China und Singapur", S. 54). So etwas bringt Pluspunkte unter den westlichen Anhängern des Shangrila-Buddhismus. Zu populistisch und platt sind auch des Autors Ausflüge in den Boulevardjournalismus dieser Welt: "Gefühle können krank und verdreht sein, bis hin zu Pädophilie und Bestialität führen. Der Kannibale von Rothenburg ..." Solche Gleichsetzungen kennt man von RTL II, wo gerade eine Serie "Tatort Internet" läuft, in der Erwachsene sich als 13-jährige ausgeben, um endlich nachweisen zu können, dass es andere Erwachsene gibt, die das ausnutzen wollen.
   Einen eigenen Blog-Beitrag erforderte auch eine Erwiderung auf Khyentses Behauptung, Mahayana-Sutren würden den Fleischgenuss untersagen (es sind im Wesentlichen das MPNS, das Lankavatara- und das Angulimaliya-Sutra, die dies behaupten, von denen zwei in Khyentses Buddhismus - siehe oben - keine Rolle spielen dürften, und diese Entwicklung zum Vegetarismus entstammt sowieso erst dem späten Mahayana).

Kommen wir zum zentralen Problem in Khyentses Deutung: Gefühle seien aus Egoismus geboren, Siddharta "entdeckte weierhin, dass wir nicht unsere Gefühle sind." (S. 55)
"Wenn das Gewahrsein verloren gegangen ist, haben wir das, was Buddhisten Unwissenheit nennen. Genau aus dieser Unwissenheit entstehen unsere Gefühle."
"Wenn man vom Pfeil des Verlangens getroffen wird, verlässt uns [sic] jeglicher gesunder Menschenverstand." (hier folgt ein Vergleich mit "Maras Pfeilen", S. 64)

Und nun halten wir mal kurz inne und fragen uns aufrichtig, ob wir das tatsächlich so sehen, ob das unsere Wahrheit ist, oder ob uns hier nicht wieder mal einer was predigen will, was er selbst gar nicht lebt. Gefühllose Menschen - sind die nicht manipulierbarer als solche, die als Bündel von Wut, Eifersucht, Liebe und Lust daherkommen? Ist es nicht nur scheinbar umgekehrt? Kann man nicht einem Schüler mit dieser Art von "Gefühlskälte" ein solch hohes Ziel vorgeben, dass er scheitern und sich immer wieder verzweifelt an den Lehrer wenden muss (der es selbst damit ganz anders hält)? Ist das nicht einer der billigsten Tricks des Mode-Buddhismus? Habt acht!

Khyentse gibt uns einen Hinweis für den Grund seiner Fehldeutung. In seiner Sprache bedeutet "rangwang" ich + Macht, "shenwang" andere + Macht. Der Autor folgert: "Man ist glücklich, solange man selbst die Kontrolle hat" (S. 69). Mit seinem einfachen Schwarzweiß-Denken, dass sich oben schon andeutete, ist ihm nicht bewusst, wie viele Menschen heute gerade in der Machtlosigkeit ihr Glück finden (etwa bei SM-Spielen). Wenn Glück "Bewusstheit" bedeutet, wie der Autor meint, wieso macht er sich nicht bewusst, dass er hier nur ein Gefühl gegen das andere austauscht: "Hellwach auf einem Felsgrat zu balancieren ist nicht mehr so beängstigend, ja, es kann sogar ziemlich AUFREGEND sein" (S. 72)?
   "Wenn sie sich ihrer Gefühle bewusst werden, sobald diese auftauchen, ... schränken sie deren Aktivität ein." (S. 71) An diesen Sätzen lässt sich nicht nur zeigen, worauf ein Verhältnis Meister-Schüler im Vajrayana-Buddhismus basiert - nämlich auf der Manipulation natürlicher Regungen im Schüler. Vielmehr zeigen sie auch die Rückständigkeit dieses Fahrzeuges auf. Wir sagen im Zen: Wenn du traurig bist, sei traurig, wenn du fröhlich bist, sei fröhlich. Wir fliehen die Gefühle nicht. Wir stellen uns ihnen. Wenn wir sie uns bewusst machen, dann verbinden wir damit kein Ziel. Ich würde sofort aufhören zu meditieren, wenn ich dadurch die Liebe zu einer Frau "einschränken" würde. Jedem Leser dürfte klar sein, welcher katastrophale Unfug in diesem Missverständnis des Autors angelegt ist. Unsere Aufgabe ist die Akzeptanz, das Durchschauen und das LoslassenKÖNNEN von Gefühlen, letzteres, das Können, ist die Option, die uns befreit. Eine Option ist keine Verpflichtung. Wir alle wissen genau, dass nicht alle Gefühle Schmerz sind, denn Vergänglichkeit ist nicht dasselbe wie Schmerz. Hier liegt der Irrtum Khyentses. Es ist möglich, Gefühle ganz im Augenblick zu erleben, in ihrer momentanen Existenz, ganz in ihnen "aufzugehen", ohne unterscheidendes Bewusstsein, das sie in ihrer (zukünftigen, projezierten) Vergänglichkeit sieht, und in diesem Moment ein "schmerz-freies" Gefühl zu erfahren, ja: Gefühl zu sein. Dies wissen in der Regel auch Nicht-Zen-Adepten, auch Anfänger auf dem Weg. Erst recht kennzeichnet es den langjährigen Schüler, der nach Zweifeln und dem Auskosten beliebiger Freiheit wieder da anlangt, wo er eigentlich begonnen hat: Dort, wo die Dinge so sind, wie sie sind. Lust ist Lust und damit basta. Schmerz ist Schmerz und damit basta. Du lachst, na schön. Du weinst, auch okay.

Doch da, wo Unterscheidungskraft angebracht wäre (und nicht dem Alleinssein mit der Wirklichkeit im Wege steht), fehlt sie Khyentse: "man genießt Kaviar ... nimmt gekochte Vogelnester zu sich ... für ihre Eitelkeit wird ein Leben ausgelöscht." Ohne weitere Definition, wieso und was überhaupt "ein Leben" ist, schmeißt dieser Ordensleiter auf unsägliche Weise mit Parolen um sich. "Die Einstellung, dass unsere Eitelkeit das Leben EINES ANDEREN wert ist, basiert auf einem Feshtalten am Ich" (Hervorhebungen von mir, S. 137). Ja, um Buddhas willen, wo ist denn bitte das Ich der Tiere, die ständig das Leben anderer Tiere nehmen? Ist damit nicht der Beweis erbracht, dass es nichts mit dem "Ich" zu tun hat? DAS nenne ich, um den Autor zu zitieren, "nur eine oberflächliche Frömmigkeit" (S. 142)

Gegen Ende meint Khyentse auch noch: "Man kann tatsächlich ein Drogensüchtiger sein und dennoch die vier Siegel (s.o.) akzeptieren." Nein, das kann man nicht. Offenbar braucht man doch das Zen, um zu verstehen, dass LoslassenKÖNNEN sich mit SUCHT nicht vereinbaren lässt. Dieses Loslassen ist immer Freiheit, niemals Abhängigkeit. Es ist auch die Freiheit, auf den Himalaya-Buddhismus zu scheißen, solange er uns nichts besseres zu bieten hat.

Montag, 18. Oktober 2010

Koan: Two Moon Butterflies

(Ich sitze gerade am Reprint des Mumonkan von Heinrich Dumoulin, mir raucht schon der Schädel vom Korrekturlesen - und da finde ich dies.)

Sonntag, 17. Oktober 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 97

Geheimsprache

Der Minister Seishôshô brachte eine Spende zu Meister Ungo und fragte: „Buddha hat seine Geheimsprache, während Kashô[1] nichts verbirgt. Was bedeutet das?“ Da rief Ungo nach Seishôshô. Der sagte: „Ja?“ Ungo fragte ihn: „Verstehst du?“ Seishôshô verneinte. Ungo sagte: „Wenn du nicht verstehst, zeigt das: Der Buddha hat seine geheime Sprache. Wenn du verstehst, bedeutet das: Kashô verbirgt nichts.“


Meister Kidô

Anstelle des Ministers sage: „Ich verstehe.
Würde ich nicht verstehen,
könnte ich nicht mit ‚Ja‘ antworten.“


Meister Hakuin

Überaus glänzend.
Blendend weiß.


   [1] Buddhas Schüler Mahakashyapa.

Samstag, 16. Oktober 2010

Diamant-Sutra neu erschienen (Verlosung)

Der International Zen Temple e.V. Berlin hat das Diamant-Sutra auf Spendenbasis neu herausgebracht, in Englisch-Deutsch auf gegenüberliegenden Seiten, hinten auch mit dem chin. Originaltext und ausführlichem Glossar, alles in schöner gebundener Form. Ich habe dafür, dass ich meinen Verlagsnamen auf dessen Wunsch zur Verfügung stellte, einige Exemplare erhalten, und verlose nun drei davon. Ansonsten bitte ich, diese Botschaft zu verbreiten und auf den möglichen Erwerb direkt beim Zen-Tempel hinzuweisen. Es sollten aber keine "Massenbestellungen" dort eintreffen (wenn man fair bleibt, würde das Buch im Laden seine 15,- Euro kosten, dort ist es aber wie gesagt nicht zu haben).

Ich bin ansonsten nicht mit dem Tempel verbunden und kann darüber keine Auskunft geben.

Wer eine Ausgabe dieses Diamant-Sutras haben möchte, schreibe im Kommentar, 1) welches buddhistische Buch (Sutra, Sachbuch etc.) endlich mal auf Deutsch erscheinen sollte, oder 2) welches das wichtigste buddhistische Buch in seinem/ihrem Leben war. Teilnahmeschluss ist Freitag, der 22. Oktober (23: 59 Uhr). Bitte eine email oder gleich die Postanschrift hinterlassen.

"Was denkst Du, Subhuti, gibt es irgendeinen Dharma, den der Tathagata gelehrt hat?
Subuthi sagte zum Buddha: Von der Welt Verehrter Einer, nichts ist vom Tathagata gelehrt worden."

Freitag, 15. Oktober 2010

Der seltsame Seung Sahn

Im Johannes Herrmann Verlag sind inzwischen drei Bücher des koreanischen Zen(Seon)-Lehrers Seung Sahn erschienen. Zunächst versprach mir die Lektüre Vergnügen, als ich las: "Wenn du keine Art von Geist bewahrst und nur die Richtung hast, alle Wesen zu retten, dann sind Gelübde nicht notwendig ...", doch bei weiterem Lesen wurde mir dann etwas bange, und das unten stehende Filmchen mag belegen, wieso. Seung Sahn (1927-2004) gehörte dem  zölibatären Chogye-Orden an, von dem ich mal einen kleinen (Co-)Übersetzerpreis fürs "Jikji" erhielt, das Fragment einer Koan-Sammlung, das nicht nur Weltkulturerbe ist, sondern auch das älteste aus beweglichen Metall-Lettern gedruckte Buch. In letzter Minute brachten die Koreaner im Jahr 2005, damals Gastland, eine englischsprachige Jikji-Übersetzung auf die Buchmesse, nachdem ich meine deutsche aus eigener Tasche finanziert hatte. Der (Geld- und Sach-)Preis des Chogye-Ordens kam mir wie ein billiges Trostpflaster vor. Leser findet das Werk auch kaum, man ist hier halt an die japanischen oder wenigstens chinesischen Namen der alten Meister gewöhnt und tut sich schwer mit den koreanischen Ausdrücken.
   Die rechte Zen-Sprache zu finden war dann auch ein Hauptanliegen von Seung Sahn. "Gehe geradezu", der "Weiß-Nicht-Geist" oder der "Einfach-Genau-So-Geist" (der die Dinge auffasst, wie sie sind), gehören zu seinen Lieblingsausdrücken. Immer wieder fordert er auf - im Gegensatz zu bekannten Meditationsformen aus dem Theravada, möchte man meinen -, weder Gefühle noch Gedanken "zu prüfen". Das Verwirrspiel um die Koan-Lösung treibt er natürlich auf die Spitze. In "Zehn Tore" (Gießen 2008) meint er, wenn jemand traurig sei, dann sei er auch traurig (S. 23). Das machte mich stutzig. Später (S. 149) sehen wir einen typischen Austausch zwischen Schüler und Lehrer: "Wie heißt du?" - Ich schlage auf den Boden ... - "Nur das?" - "Jerry Shepherd." - "Wie alt bist du?" - Ich schlage auf den Boden. - "Nur das?" - "Achtunddreißig". Ob einen das nicht der Klappse näher bringt als dem Erwachen?
   Wenden wir uns dem Werk "Nur Weiß-Nicht" (Gießen 2010) zu, es enthält "Gesammelte Lehrbriefe".
   1) Eine gewisse Beliebigkeit drängt sich auf, wenn Seung Sahn einerseits davon spricht, dass man genau da, wo man ist, seine Aufgabe erfüllen kann, an anderer Stelle (S. 64) jedoch rät: "Die Schule deines Sohnes zu wechseln ist eine sehr gute Idee. Manchmal, wenn die Situation schlecht ist, ist alles schlecht; wenn die Situation sich ändert, dann ist es möglich, alles zu ändern." Sicher, das ist eine Binsenweisheit. Sie kann nur eben auch dann gelten, wenn der Lehrer meint: "Weggehen ist nicht nötig."
   2) Ein Lehrer will jedoch seine Schüler halten. Darum rät Seung Sahn einer Frau, deren Mann ihren Hang zum Buddhismus nicht unterstützt: "Aber wenn dein Mann dich wirklich hundertprozentig liebt, wird er wahrnehmen, warum du Zen praktizieren willst und warum töten nicht gut ist. Dann wird er zu angeln aufhören und er wird dir folgen." Hmm. "Aber wenn die Frau ihren Mann wirklich liebt, dann hält sie ihm schon mal die Rute", antwortet da Gui Do.
   3) S. 97: "Wenn der Geist von jemandem, der praktiziert, rein ist, preisen ihn alle im Himmel, aber wenn ein solcher mit Sex in Verbindung ist, verlassen ihn alle Gottheiten." Ja, der Seung Sahn ist ein rechter Anhänger der Ordensgelübde, schon vorher hat er sich an dieses Thema herangepirscht: "Ein Mönch oder eine Nonne zu sein bedeutet, alle Anhaftungen abzuschneiden und eine vollkommen freie Person zu werden. Dem Haar anzuhaften kann dabei nicht helfen, also schneiden wir es ab." (S. 86) Dann fordert er, sich nur ordinieren zu lassen, wenn man die Gebote zu 100 % befolgen will. Gehen wir davon aus, dass Seung Sahn selbst dies tat (in der Kommentar-Funktion ist Platz für Sexskandale, wie ihr wisst), dann dürfte er keine Ahnung haben, wovon er spricht, wenn er von "Sex" redet. Es gibt eben kaum Verfechter eines Dualismus Mönch-Laie, die in dieser Hinsicht keinen Stuss reden und dabei nicht auch anmaßend wirken. Ich kann mir z.B. erst seit ein paar Tagen vorstellen, wie man sich fühlt, wenn unwillkürlich ein Finger zuckt (die Nebenwirkung einer Migräne-Prophylaxe). Diese Pein(lichkeit) war mir unbekannt, bis ich sie erfuhr. Dass man beim Sex von allen guten Geistern heimgesucht werden kann, das muss man eben auch persönlich erleben.
   4) An Wiedergeburt glaubte der Bursche auch. So schreibt er einem Matthew auf S. 128: "Du mochtest die Gelübdezeremonie. Das ist wunderbar. In einem früheren Leben hast du Praktizieren-Karma gemacht, deshalb erhältst du das Ergebnis in diesem Leben." Komisch, bei mir ist es genau umgekehrt. Ich habe ein paar Äonen lang Praktizieren-Karma gemacht, und nun kann ich endlich ein zufriedener Laie sein.

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Weisheiten Suzuki Roshis (II)


Eine Schülerin vertraute Suzuki Roshi ihre große Liebe zu ihm an, und dass diese sie verwirre.
   "Mach dir keine Sorgen", meinte der Roshi, "du darfst dir alle Gefühle für deinen Lehrer erlauben, die du willst. Das ist in Ordnung. Ich habe genug Disziplin für uns beide."

***

Bei einem Vortrag über das Verbot berauschender Substanzen überraschte Suzuki Roshi mit dieser Deutung: "Dies bedeutet, den Buddhismus nicht zu verkaufen. Nicht nur Alkohol, auch eine spirituelle Lehre kann berauschen."

***

Ein junger Mann fragte Suzuki Roshi, was er von LSD hielte.
   Dieser antwortete: "Erleuchtung ist kein Bewusstseinszustand." ("Enlightenment is not a state of mind.")

(nach: David Chadwick: Zen is Right Here. Boston 2001)

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Weisheiten Suzuki Roshis (I)

Einmal sagte Suzuki Roshi: "Wir sollten Zazen wie jemand praktizieren, der stirbt. Für so einen gibt es nichts mehr, worauf er sich verlassen könnte. Wenn ihr diese Art von Verständnis erlangt, wird euch nichts mehr an der Nase herumführen."

***

Einmal fragte ein junger Mann den Suzuki Roshi: "Was sollte ein Zen-Übender eigentlich in seiner Freizeit machen?"
   Verblüfft schaute ihn Suzuki Roshi an und wiederholte die Frage. "Freizeit?" Er wiederholte es noch einmal und fing dann laut zu lachen an.

***

Ein Schüler Suzuki Roshis bekam nach eineinhalb Jahren Übung ein Privatgespräch. Er sagte: "Ich halte es nicht mehr aus, ich werde hier weggehen."
   Suzuki Roshi meinte: "Du versuchst es und versuchst es und du scheiterst, und dann - gehst du noch tiefer."

Von Göttern und Menschen

Heute sah ich vorab den Film "Des Hommes et des Dieux", der auf einer wahren Begebenheit in den 90er Jahren beruht. Er handelt von einer Trappistengemeinschaft in Algerien, in deren Kloster einheimische Dorfbewohner medizinisch behandelt werden und das Nebeneinander von muslimischem und christlichem Glauben kein Problem zu sein scheint. Als Terroristen den Abt bedrängen, kann dieser sogar aus dem Koran zitieren. Da dort später einer der Terroristen behandelt wird und der Abt beim Tod ihres Anführers auch für diesen betet, zieht er sich den Zorn des Militärs auf sich. Schließlich werden unter bisher ungeklärten Umständen die meisten Mönche des Klosters entführt und - nachdem Austauschverhandlungen mit der französischen Regierung gescheitert sind - enthauptet. Bis heute wird die Frage aufgeworfen, ob nicht das algerische Militär für diesen brutalen Akt verantwortlich sei, und anlässlich des Filmes, der in Frankreich die Kinocharts anführte, hat Sarkozy die Angelegenheit nun zur Chefsache gemacht.
   Eigentlich wollte ich den Film so zusammenfassen: Zwei Bruderschaften von  Naivlingen treffen aufeinander, die Gruppe ohne Waffen wird gemeuchelt. Stellenweise langweilten mich die Bilder der "Zisterzienser der strengeren Observanz" (deren Orden OSCO abgekürzt wird und 2.600 Mönche und 1.883 Nonnen in 96 Klöstern weltweit hat), obwohl diese Trappisten gar nicht so schweigsam waren, wie man denkt. Mir ist es ja lieber, wenn ich beim Dôgen-Studium auch mal etwas Jazzmusik laufen lassen kann. Nun gut, es gab dann doch noch mehr Parallelen zum Zen. Die Trappisten wollen nicht bekehren, sind gastfreundlich, teilen, arbeiten körperlich, vor allem in der Landwirtschaft, wandern an einem Tag im Monat durch die Natur. Im Presseheft heißt es so schön: "Die Mönche singen mit einer Stimme, um in Gemeinschaft mit dem Atem des Lebens im geistigen Kampf zu verschmelzen." Wenn man sich nicht auf den körperlichen Kampf vorbereitet, endet man unter den damaligen Bedingungen aber leicht mit Grabesstimme.

(Foto: NFP Distribution)

Dienstag, 12. Oktober 2010

Die Unterschiede in Religionen

Heute las ich auf der Facebook-Seite zu "1Q84", dem neuen Roman von Haruki Murakami, dass dieses Buch das meistgeklaute der diesjährigen Buchmesse sein dürfte und auch ansonsten ganz schön am Stand seines deutschen Verlages gerippt wurde. Das hat mich irgendwie amüsiert. Seit Jahren erlebe ich den Verlag DuMont als den unfreundlichsten auf der Buchmesse. Es gab noch Zeiten, da konnte man gar keine Bücher dort kaufen, jetzt schenkten sie einem am verkaufsoffenen Sonntag, dem letzten Messetag, gerade mal 30 Prozent. Ich war aber eigentlich auf Tauschtour und hatte kiloweise Romane aus meinem Verlag dabei (in den letzten Jahren klappte das, in bescheidenerem Umfang, auch mit Sawaki-Büchern). Die Festangestellten bei DuMont hielten gar nix vom Tauschen, eine Praktikantin nahm Reißaus und hatte die gleiche schlechte Laune, und ich musste schließlich feststellen, dass meine Knete nicht für Mariana Leky, sondern "nur" für Michel Houllebecq reichte. Zum Stehlen ließ ich mich dennoch nicht hinreißen, auch wenn mir kurz darauf ein lockerer Herr am Stand von ... sagte: "Nehmen Se's doch einfach mit", weil er nix Tauschbares in meiner Riesentasche fand. Ja, sogar am Stand von ... (eigentlich mein Intimfeind) funktionierte das (ich kann nicht mal die Titel nennen, doch glaubt mir, es war ein pfundschweres Fest mit der Bitte: "Aber packen Sie die Bücher gleich weg."). Während andere Besucher eine lange Schlange an der "Kasse" bildeten, gab mir schließlich eine Naomi Campbell (rein äußerlich) am Rowohlt-Stand einen Riesenrabatt, weil mein Sawaki-Tauschpartner vom Vorjahr nicht zu finden war - und noch ein Lächeln dazu. Also DuMont, diese Kneifer, die sich einst von einer Beinahe-Feministin im literarischen Quartett die Murakami-Übersetzungen der Bandinis versagen ließen, ich könnte ... Aber dann doch lieber ein Zitat aus einem ihrer Bücher, "Ich habe einen Traum":

"Unfähig, die Religionen klar voneinander zu unterscheiden, ist er (der "verkrüppelte Banause") zu einem Werturteil erst recht nicht in der Lage. Z.B. ist er unfähig zu sagen, diese Religion ist nobel und ausgezeichnet, jene andere ist Mittelmaß und nur von geringem Nutzen. Diese dritte indes ist wirklich unerträglich. Dabei sind gerade eine intellektuelle Prüfung der Religionen und eine Beurteilung ihrer Moral eine Aufgabe, der sich jeder Mensch stellen muss."

Der Autor Michel Houllebecq wurde oft zitiert, der Islam sei "die dümmste Religion".

Sonntag, 10. Oktober 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 96

Der Gipfel

Meister Tôzan fragte einen Mönch: „Wo warst du?“ Der Mönch antwortete: „Ich bin in den Bergen herumgeschlendert.“ Tôzan fragte: „Hast du den Gipfel erreicht?“ Der Mönch sagte: „Habe ich.“ Tôzan fragte: „Waren da Menschen?“ Der Mönch erwiderte: „Da war niemand.“ Tôzan meinte: „Du hast den Gipfel nicht erreicht.“ Der Mönch fragte: „Wenn dem so ist, wie kann ich da wissen, dass es dort niemanden gibt?“ Tôzan sagte: „Warum bleibst du nicht eine Weile hier?“ Der Mönch antwortete: „Ich würde gern bleiben, aber jemand aus dem Westlichen Himmel[1] lässt mich nicht.“


Meister Kidô

Nicht, dass ich nicht bleiben wollte,
aber hier sind nur wenige, die ich kenne.


Meister Hakuin

Ich habe Angst,
all meine Nachkommen zu verlieren.


   [1] Gemeint ist Bodhidharma.

Samstag, 9. Oktober 2010

Stephen Batchelors Bekentnisse

Vor ein paar Tagen hatte ich etwas Zeit, die in buddhistischen Kreisen viel diskutierten Bekenntnisse eines ungläubigen Buddhisten von Stephen Batchelor intensiv querzulesen. Das heißt, ich habe mir einen Überblick verschafft, ohne jede Zeile gelesen zu haben. Der Autor lässt sein Leben als Buddhist und verschiedene Lehrer Revue passieren. Einige Passagen hätten von mir sein können, will ich mal unbescheiden behaupten, in denen er nämlich logisch herleitet, was seine Zweifel an der Karma- und Wiedergeburtslehre begründet. Im Unterschied zu mir hat Batchelor sich in zehn Jahren als Mönch auch den Frust angetan, die eigenen Lehrmeister in ihren beschränkten Gedankengebäuden gefangen zu sehen.

Einer davon war Geshe Rabten, der den "Beweis" für die Wiedergeburt in die subjektive Erfahrungsebene verwies. Batchelor fragte sich damals zweifelnd, wie ohne Wiedergeburt ein Kreislauf von Geburt und Tod möglich sei, man könne doch ohne Wiedergeburt "mit Mord davonkommen". Rabtens Mangel an objektiven Beweisen behagt Batchelor jedoch nicht, zumal sein Lehrer jede abweichende Meinung gar als "unmoralisch" ansah. Batchelor lässt immer wieder Zitate aus dem Pali-Kanon einfließen, so aus "Das Rad der Lehre drehen", wo als Auswirkung von Buddhas Erwachen derselbe konstatiert: "Dies ist die letzte Geburt." Außerdem würden die Brahmanen in Udhana 6.4 diskutieren, ob der Tathagata nach dem Tod noch existiere, was keinen Sinn machte, wenn man dem Buddhismus einen klassischen Wiedergeburtsglauben unterstellt. Später führt Batchelor noch Samyutta Nikaya IV, 229-31 an, wo Buddha zu Sivakha sagt, dass diejenigen unrecht hätten, die behaupten, Freude und Schmerz kämen von früheren Leben her, weil dies "über das hinaus(gehe), was sie selbst erkannt haben".

Batchelor ist auch ein typisches Beispiel für den suchenden Buddhisten, der sich vielerorts umtut, um der Wahrheit näherzukommen. Er beschreibt seine vier Jahre Jungscher Psychotherapie ("Sandspiele") und die Bestätigung seiner philosophischen Studien bei Heidegger ("In der Welt sein") während der Achtsamkeitsmeditation. Der Autor lässt auch ziemlich abstruse Meditationsmethoden nicht aus: "Obwohl ich mich täglich als Vajrayogini, als leuchtend rote, menstruierende, sechzehnjährige Daikini visualisierte" - und das ausgerechnet, um der erotischen Fantasien Herr zu werden. Batchelor liest Alan Watts, wird von Geshe Kelsang Gyatso beeinflusst und erkennt schließlich: "Indem man dem Tod die Endgültigkeit nimmt, wird er seiner stärksten Kraft, das Leben hier und jetzt zu beeinflussen, beraubt."

Dann wendet er sich dem koreanischen Seon (Zen) bei Kusan Sunim ("Nine Mountains") im Songgwangsa-Tempel zu, von dem er lernt, dass Fragen interessanter als Antworten seien und die Achtsamkeit auf Atem und Körper nicht wichtiger als einem Leichnam beim Ausatmen zuzusehen. Hier lassen sich, denke ich, weitere Wurzeln für Batchelors kritische Sicht finden. Interessant sind dabei auch die Einsprengsel, die seine umfassende Sicht aufzeigen. So erwähnt er den Einsatz paramilitärischer Mönche unter Sosan bei Koreas Kampf gegen die japanische Armee 1592 ebenso wie die Intrige des Dalai Lama gegen die Dorje Shugden-Praxis, die zur Versöhnung der Gelugpa und Nyingma (historisch Gegner dieser Praxis) führen sollte und die Religionsfreiheit der Tibeter einschränkte (Geshe Rabten hielt an Dorje Shugden fest, der als schützender Bodhisattva verehrt wurde, und verwies darauf, dass dies auch Trijang Rinpoche, der Junior-Tutor des Dalai Lama, getan hatte).

Was Batchelor hingegen beeindruckt, sind Werke wie "Clearing the path" von Nanavira Thera und vor allem Trevor Lings "The Buddha. Buddhist Civilisation in India and Ceylon", das den Buddhismus als Versuch versteht, eine "neue zivile Ordnung" herzustellen (und nicht eine Religion). "Heute stellt der Buddhismus für mich eine Philosophie des Handelns und der Verantwortung dar", schreibt Batchelor, und fasst seine Maximen so zusammen: "Umarme, las los, halt inne, handle." Beim Rezitieren des Herzsutras, beim Verbeugen usf. fühle er sich "stets ein wenig als Schwindler". Praxis liegt für ihn "nicht länger darin, zu lernen, wie man spirituelle Ziele erreicht, sondern darin, den achtfachen Pfad in jedem Aspekt unserer Existenz zum Ausdruck zu bringen."

Interessant ist noch die Beschreibung der 11jährigen angeblichen Wiedergeburt Geshe Rabtens, die den Autor nicht erkennt. Und im Zusammenhang mit der hierzulande kürzlich um einen Sexskandal geführten Diskussion die Tatsache, dass die persönliche Befürwortung des Dalai Lama in jenem offenen Brief in Tricycle Bd. 3, Nr. 1 (1993) gestrichen wurde, der Schüler auffordert, Lehrer mit unethischem Verhalten zu konfrontieren und, wenn keine Besserung einträte, deren Verhalten öffentlich zu machen. Es wurde oft kolportiert, der Dalai Lama selbst habe solche Vorschläge gemacht, was demnach falsch ist - er zog zuletzt also seine Zustimmung zurück, was sich mit seinem Verhalten auf der Großveranstaltung 2009 in Frankfurt deckt.

Wenn ich es nicht überlesen habe, hätte das Thema Karma wohl einer ausführlicheren Betrachtung bedurft, dennoch sind Batchelors Ansichten - leicht nachvollziehbar - die eines kritischen Geistes, der sich aller überlieferten Lehren entledigen will, die sich nicht mit seinem gesunden Menschenverstand und seinem Wissen vereinbaren lassen.

Freitag, 8. Oktober 2010

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Dienstag, 5. Oktober 2010

Montag, 4. Oktober 2010

Der Buddha im Weinkeller

Als ich mir gerade einen Martini gönne (nicht geschüttelt, doch ein klein wenig gerührt, nämlich von Clint Eastwoods Nelson Mandela- und Rugby-Film "Invictus" [endlich hab ich die Regeln kapiert]), ruft meine Mutter an. Am verkaufsoffenen Sonntag (gestern) gäbe es im architektonischen Glanz- und Glasstück MyZeil auf Frankfurts Einkaufsmeile eine Buddha-Ausstellung. Ich fuhr dort also mit der Rolltreppe nach oben, weil ich dachte, die Exponate seien sicher auf alle Stockwerke verteilt, und oben sei ja am meisten Platz. Natürlich waren sie im Erdgeschoss. Und nanu, was seh ich da - die Buddhas aus Myanmar und Thailand sitzen alle in vollem Lotussitz! Ich reibe mir die Augen, schaue mir die Tafeln an,  wonach die thailändischen Figuren aus der Ayutthaya-Epoche (1351-1767) stammen. Wenn ich daran denke, wie lange es dauerte, bis ich beim Goldhändler in Pattaya vor zehn Jahren meinen Buddha-Anhänger in vollem Lotussitz gefunden hatte ("Not Thai style", meinte der Verkäufer noch, "why do you want?" - "Only correct style", erwiderte ich). Die Theravada-Länder sind also besser als ihr, äh, mein Ruf.
   Bei meinen Bemühungen, einen auf Kunstgeschichtler zu machen und mir die Unterschiede der Buddha-Köpfe zu merken, kam ich zu folgendem Schluss: Der thailändische Buddha lächelt kaum, aber seine Nase ähnelt der, die sich manche Freudenmädchen gern für Geld richten lassen, nämlich einer westlichen, wobei sie an der Spitze sogar etwas überhängen kann. Der kambodschanische Buddha hat die Mundwinkel am höchsten gezogen, doch sein Lächeln wirkt nicht ganz echt; dafür ist seine Nase platter (authentischer) und die Augen sind am vollkommensten geschwungen. Der burmesische Buddha hingegen hat das schönste und deutlichste Lächeln. Und natürlich besitzen sie alle lange Knabberohrläppchen.
   Die Exponate  auf der Zeil stammten übrigens aus dem Buddha-Museum in Traben-Trarbach (was für ein wunderschönes Kôan) und sind da u.a. in einer Jugendstil-Weinkellerei untergebracht. Das folgende seltsame Filmchen kommt auch von dort.

Sonntag, 3. Oktober 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 82

Reiskuchen

Meister Kyôzan und Meister Kyôgen machten gerade Reiskuchen, als Meister Isan sie besuchte. Isan sagte: „Als Meister Hyakujô lebte, kannte er es genau.“ Kyôzan und Kyôgen schauten einander an und fragten: „Wer könnte darauf eine Antwort geben?“ Isan meinte: „Da gibt es jeman-den.“ Kyôzan fragte: „Wen?“ Isan deutete auf einen Büffel und forderte: „Sag es! Sag es!“ Kyôzan riss ein Grasbüschel aus, während Kyôgen einen Eimer Wasser holte. Der Büffel neigte seinen Kopf, aß das Gras und trank das Wasser. Isan sagte: „So ist es. So ist es. So ist es nicht. So ist es nicht.“ Kyôzan und Kyôgen verneigten sich vor dem Büffel. Isan sagte: „Manchmal hell, manchmal dunkel.“


Meister Kidô

Statt Isans letzter Antwort sage:
„Alle Mühen sind vergeblich.“

 Meister Hakuin

Dieser und jener besitzen die Mittel.

Samstag, 2. Oktober 2010

Bankei - Honshin no Uta (III)
Das Lied vom ursprünglichen Geist

Heutzutage schere ich mich nicht darum,
   die ganze Zeit erleuchtet zu sein.
Die Folge davon ist, dass ich morgens aufwache
   und mich gut fühle!

Für das Heil der Welt zu beten,
   oder für deine eigenen selbstsüchtigen Wünsche,
bedeutet nur, mehr und mehr Selbstzentriertheit
   und Arroganz anzuhäufen.

Auch ich bin nun des Betens fürs Seelenheil müde,
ziehe nur gelassen umher, lasse den Atem kommen und gehen.

Stirb - dann lebe Tag und Nacht inmitten der Welt!
Wenn du dies tust, kannst du die Welt in deinen Händen halten.

Es sind die Buddhas, die ich bedaure:
bei all dem Schmuck, den sie tragen, müssen sie ganz geblendet sein.

Es ist noch zu früh für dich, ein Buddha im Tempelschrein zu werden.
Mach dich zu einem Deva-König*, der draußen vorm Tor steht!
Wenn du nach dem Reinen Land suchst
   und eine Belohnung für dich erstrebst,
wirst du dich am Ende von Buddha verachtet finden.

Die Menschen haben von Anbeginn keine Feinde,
du schaffst sie selbst, indem du um richtig und falsch kämpfst.
Klar sind die Funktionsweisen von Ursache und Wirkung,
du aber wirst verwirrt und weißt nicht,
   dass du dir dies selbst zufügst: Man nennt es Selbstzentriertheit.

Hast du dich an die bedingte Welt gewöhnt,
   bist in der Welt der Vergänglichkeit groß geworden,
und lässt dich dennoch so täuschen,
dann bist du es, der den Kürzeren zieht.

Der unbedingte Geist ist ursprünglich ungeboren,
was bedingt ist, das existiert nicht,
   darum gibt es auch keine Täuschung.

Auch wenn die Jahre voranschreiten,
   kann der Geist selbst nicht altern.
Dieser Geist, der stets derselbe ist.
Wunderbar! Fabelhaft!
Wenn du schließlich den gefunden hast, der niemals alt wird:
"Ich allein." **

Das reine Land, wo man in Frieden verkehrt,
ist HIER und JETZT,
   es ist nicht weit weg und nicht stundenlang fern.

Wenn jemand dir eine Teeschale zuwirft, fang sie auf!
Fang sie behende mit einem weichen Stoff,
   mit dem Stoff deines fähigen Geistes!



(* Wächtergottheit mit erschreckendem Gesichtsausdruck;
** Buddha soll nach seiner Geburt gesagt haben: "In Himmel und Erde bin ich allein verehrungswürdig.")

Freitag, 1. Oktober 2010

Bankei - Honshin no Uta (II)
Das Lied vom ursprünglichen Geist

Nur der ursprüngliche Geist existiert in Vergangenheit und Zukunft,
die fließende Welt wird vergehen.
Nichts wird bleiben, überhaupt nichts.
Dies ist Bedeutung von "lebendiger Tathagata".

Den Dämonengeist hast du selbst erzeugt,
wenn er dich gnadenlos quält, bist nur du daran schuld.
Handelst du falsch, wird dein Geist zum Dämon,
es gibt keine Hölle außerhalb davon.

Die Hölle verabscheuen und sich nach dem Himmel sehnen,
heißt sich in einer freudvollen Welt leiden zu machen.
Du denkst es sei gut, das Böse zu hassen,
doch was böse ist, das ist der hassende Geist selbst.

Gutes, sagst du, heiße Gutes zu tun,
doch schlecht ist tatsächlich der Geist, der dies denkt!
Rolle Gut und Schlecht gleichermaßen zu einer Kugel,
wickel sie in Papier und wirf sie weg - vergiss sie!

Mysterien und Wunder - so was gibt es nicht!
Doch wenn du nicht verstehst, ist die Welt voller seltsamer Dinge.
Dies ist das Gespenst, das täuscht,
das uns die falsche Welt für wirklich halten lässt.

Ruhm, Reichtum, Essen und Trinken, Schlaf, sinnliche Freuden -
sobald du die fünf Begierden kennst,
   werden sie zum Führer in deinem Leben.


Vorstellungen davon, was einer tun sollte, gab es von Anbeginn keine.
Darum zu kämpfen, was richtig und falsch ist,
   das ist das Tun des Ichs.

Wenn du dein Studium des Buddhismus beendet hast,
   wirst du erkennen, dass du nichts Neues gewonnen hast.
Auch Erleuchtung und Täuschung gab es zu Beginn nicht,
es sind Ideen, die du aufgegriffen hast,
   die deine Eltern nicht gebaren.