Dienstag, 28. Juni 2011

Einvernehmlicher Sex mit Patient(in) strafbar!

Auch wenn der Patient in sexuelle Handlungen einwilligt, macht sich der behandelnde Therapeut strafbar (Az: 4 StR 669/10). Nach Ansicht der Richter am Bundesgerichtshof missbraucht er dabei seine Autoritätsstellung. Mehr auf NTV.

Montag, 27. Juni 2011

Phobos und Deimos


Die Gezeiten entstehen durch das Aufeinanderwirken der Anziehungskräfte von Erde, Mond und Sonne. Die Anziehungskraft der Sonne hält die Planeten auf ihrer Umlaufbahn. Der Mond zieht das Wasser auf der ihm zugewandten Erdseite an. Auf der dem Mond abgewandten Seite wirkt die Fliehkraft der Erde, die durch die Erddrehung entsteht. Diese Fliehkraft erzeugt eine weitere Flut. Durch die Erddrehung wandern die beiden Fluten um die Erde herum und bewirken so den Gezeitenwechsel. Weil der Mond für einen Erdumlauf 24 Stunden und 50 Minuten benötigt, dauert ein Gezeitenwechsel 12 Stunden und 25 Minuten. Die Gezeiten verschieben sich demnach täglich um 50 Minuten.

In mir gibt es auch Gezeiten. Ich weiß das, seit ich Gallensteine habe. Erst dachte ich natürlich, ich müsste sterben, als ich diese Schmerzen unterm rechten Rippenbogen bekam, die irgendwo bis hoch in die Schultern zogen. Ich ging zum Hausarzt, um mir meine Krebsdiagnose zu holen. Er schmierte mir ein Gel auf den Bauch und schaute in einen Apparat, wie ich ihn in einer Krimiserie im TV mal gesehen hatte, wo dann so was Weißes im Schwarzen pocht und der Arzt sagt: Sie sind schwanger. Und dann gehen die Probleme los. Aber ich bin ja ein Mann. Also musste es Krebs sein. Der Arzt sagte: „Sie haben zwei Gallensteine.“ Ich fragte: „Wie viel Zeit bleibt mir noch?“ Der Arzt: „Damit kann man hundert werden. Wenn sie Koliken bekommen, ist es besser, die Gallenblase rauszunehmen.“ Er drückte mir einen Zettel in die Hand, auf dem stand, was ich nicht mehr essen sollte, um meine Galle nicht unnötig aufzuregen. Es waren alle guten Sachen dabei, Schokolade, Eis, Cocktails, kalte Cola und sogar Berliner Pfannkuchen, so dass ich auf der Rückseite sofort nach der Anleitung zum Selbstmord suchte. Zur Sicherheit gab mir der Arzt ein paar Zäpfchen mit, für den Fall, dass ich Krämpfe bekäme. Ich erinnerte mich, wie man mir als Kind Zäpfchen reinschob. Ich fragte ihn: „Entschuldigen Sie, wie macht man das? Ich hab mir noch nie selbst was hinten reingesteckt.“ Der Arzt führte eine Hand hinter seinen bekittelten Po und machte: „Einfach rein und pfft!“ Dabei zog er seine Hand in einem Bogen nach oben, so dass ich dachte, das Zäpfchen würde bestimmt in meinem Hintern abgehen wie eine Rakete und am Ende, wenn ich das zu doll machte, oben wieder herauskommen. Ich hielt mich an die Diätempfehlungen auf dem Handzettel. Eines Tages wurde ich jedoch von einem Marktforschungsinstitut zu einem Biertest eingeladen. Dem Tester sagte ich, dass ich zwei Gallensteine habe und man ein Bier erfinden müsse, dass Gallensteine auflöse. Er meinte: „Sie haben sich bestimmt zu viel geärgert.“ Ärger kann nämlich Gallensteine machen. Wenn ich mich ärgerte, konnte ich sie tatsächlich spüren. Darum beschloss ich, sie auf jeden Fall zu behalten und so zu lernen, mich nie mehr zu ärgern, weil es nun ja im Körper weh tat und nicht mehr nur eine Sache der Seele war, die ja zum Glück keine Seelensteine kennt. Ich trank alle Biere aus, weil sie kostenlos waren, und weil ich danach so glücklich wurde, taten die Gallensteine nicht weh. Zwei Wochen danach schlug das Wetter um. Die Wolken am Himmel schienen immer tiefer fliegen zu wollen, es gab ständig Gewitter und meine Gallensteine machten dumpfe Schmerzen. Ein bisschen schummrig war mir auch, so als hätte ich eine Droge genommen, und auch so, als könnte jeden Moment was Schlimmes passieren. Es passierte aber sonst nichts. Der Arzt meinte, meine Steine wären zu groß, um durch die Gallengänge zu wandern und da womöglich hängen zu bleiben. Wahrscheinlich hätten sie sich vor den Ausgang der Galle gelegt und deren Flüssigkeit könne nicht mehr abfließen. Dann sagte er: „Wenn sie Koliken bekommen, ist es aber besser, die Gallenblase rauszunehmen.“ Der Arzt sagte auch, die Gallenflüssigkeit sei zäh, mit Rumhopsen sei es da nicht getan, wenn man die Steine bewegen wolle. Ich versuchte es zuhause mit einem Kopfstand. Dann kam mir die Idee, durch die Kraft meiner Gedanken die Steine aufzulösen. Bei der nächsten Ultraschalluntersuchung waren sie ein bisschen größer geworden. Als Vollmond war, zwickten meine Steine erneut. Ich dachte mir, der Mond wird wohl die Gallenbrühe anziehen und damit auch die Steine. In mir ist also Ebbe und Flut. Um den Mond ein bisschen friedlicher zu stimmen, gab ich meinen Steinen Namen: Phobos und Deimos. Das sind Marsmonde. Aber da es keine Mondmonde gibt, hoffte ich, der Mond, der die Gezeiten macht, würde sich damit begnügen.

Sonntag, 26. Juni 2011

EHic: Noch ein Cocktail ...

[Beitrag für einen Stadtschreiberwettbewerb der Stadt Triberg, in der einst Hemingway weilte]

Liebe Stadt Triberg,

ich schreibe Ihnen aus einem Reich der Träume und der Erinnerung, das ich mit unzähligen Geisterwesen teile. Es würde Wochen dauern, Ihnen dieses Reich verständlich zu machen, weshalb ich mich damit gar nicht aufhalten möchte, wo Ihre Zeit doch so viel kostbarer ist als meine. Nur soviel: Sie sollten einmal überlegen, ob es nicht eine feine Idee wäre, eine Kuckucksuhr mit einem Torero zu erfinden, der zu jeder vollen Stunde hinter einem Türchen hervortritt, während aus einem zweiten ihm ein Stier entgegenkommt. Statt des Rufes eines Kuckucks würde man den Applaus von Zuschauern vernehmen, und um Punkt Zwölf könnte der Torero vielleicht gar dem Stier unter lautem Gejohle einen tödlichen Stoß versetzen. Als ich von einer solchen Uhr träumte – und Sie müssen wissen, wir haben hier kein Kino und unsere Träume erscheinen uns so kristallklar wie Ihnen heute Ihre digitalen Filme –, da sah ich mich auf einmal aus einem Zimmer ins Freie hervortreten und ein beruhigendes Rauschen vernehmen. Zuerst dachte ich, dass mir der Tinnitus einen Streich spiele und sich als ein angenehmer Freund ausgebe, bevor er mich schlagartig erwachen ließe. Dann aber spazierte ich im Traume – ich erkannte das ganz deutlich – durch Triberg, diesen Ort, in dem man sich nicht verlaufen kann und der mir aus meinem Erdenleben in guter Erinnerung ist. Ich folgte dem Rauschen bis zu den Wasserfällen, bei denen ich prompt meine Atmung vertieft und meine Brust erweitert und befreit spürte. In dem Zustand, in dem ich mich befand, war ich für Triberger und ihre Gäste natürlich völlig unsichtbar, dennoch, glauben Sie mir, habe ich in den Wasserfällen ein Bad genommen, wobei das Wasser aufgrund meiner materiellen Zusammensetzung – wenn man meine Form überhaupt so nennen kann – durch mich hindurch floss. Ein angenehmes Gefühl, vergleichbar dem Genuss eines Daiquiri, wenn er die Speiseröhre hinunter gleitet. Aus gegebenem Anlass – Antonius Meilan, der mich begleitete, hatte sich neulich bei mir über diverse „Panscher“ beschwert – möchte ich noch einmal betonen, dass in einen Hemingway Daiquiri 4 cl weißer Rum, 1 cl Maraschino, 1 cl Grapefruit- und schließlich der Limettensaft gehören, falls Sie noch ein bisschen mit meinen Angewohnheiten werben wollen. Was mich zum Fortgang meines Traumes führt. In Gutachs Wassern tauchten nämlich plötzlich Forellen auf, die wie fliegende Fische in der Luft schwebten, nicht aber mit ihren Flossen, sondern mit ihren von innen rot leuchtenden Kiemen flügelgleich zu schlagen schienen, während ihren übergroßen runden Mäulern folgende Worte in tiefem Chorgesang entströmten: „Barbar – Barbar – Barbar!“ Nun also wird es doch noch ungemütlich, dachte ich mir, und hielt sie für die Vorboten der Hölle. Antonius Meilan jedoch beobachtete, dass den Forellen am Ende jedes Wortes die Luft ausging und sie nur noch stumm ihre Mäuler zu einem „A“ formten. Nachdem sie abgetaucht waren, tippte mich von hinten jemand an. Ich drehte mich herum. „Guten Tag, ich bin Frau Franz.“ Frau Franz nahm mich an der Hand und zog mich mit leuchtenden Augen in eine Kirche namens „Maria in der Tanne“. Dort standen keine Forellen, sondern Hunderte Paar Espadrille-Sandalen in der Luft, wie zum Gebet mit den Sohlen aneinandergelegt. Dann tauchte ein Herr auf, der sich als „Friedrich Schwab“ vorstellte und dessen Haut glänzte wie die eines Neugeborenen (was freilich nur Wesen in unserem Zustand wahrnehmen konnten). Schwab war wie ein Bräutigam gekleidet und bat mich, Trauzeuge zu sein. Die Espadrille-Sandalen applaudierten, und so nahm die Zeremonie ihren Lauf, ohne dass sich ein Pfarrer hätte blicken lassen. Ich dachte mir, so etwas müsse man ihm doch mitteilen, und hinterließ eine winzig kleine Spur unserer Anwesenheit, denn mehr ist uns bei Ausflügen aus unserem Reich nicht gestattet. Wenn Sie also das nächste Mal die Kirche besuchen, schauen Sie sich doch bitte mal ganz genau um.

In Freude über das Wiedersehen

Ihr La Papa (Ernest)

Samstag, 25. Juni 2011

Aufruhr?
Heute mit Gewinnspiel!

(Es gibt neue Kommentare zum Blogbeitrag "Anshin Thomas", siehe rechte Leiste. Wer da war, sollte mal darüber berichten. Hat offenbar für Unruhe gesorgt.)

[Den heutigen Text verfasste ich einst aus Zorn über zwei Politiker. Wer weiß, welche beiden ich meine, kann zwei Romane aus meinem Verlag gewinnen. Antwort bitte an schnippschnupp (at) yahoo.de]

La Le Lu

Den Kellerschrank zersägt-zerlegt,
hämmernd und zimmernd unentwegt
am Galgen, den ich Vertretern bau,
ihr Handeln schwach und mächtig lau.

Der eine mit hehrem Friedensgesäusel –
er selbst wohnt im Millionenhäusl –
sagt Kämpfern auf den Philippinen,
die gnadenlos ihr Land verminen:
‚Haltet ein und lasst sie leben,
wir werden euch Millionen geben.
Es gibt hier keine Männer mehr,
kein Anstand nicht und keine Ehr,
drum fordert nur, was ihr denn wollt,
gern zahlen wir Erpressers Sold.‘

Und wenn der eine Friedensmacher –
er weiß, er braucht ja keine Lacher –
Soldaten schickt in Jugos Land,
als seines Glückes Unterpfand,
im Orient, im fernen vorder‘n,
Heerschaften kann zurückbeordern,
dann ist der nächste Sieg der Seine.
Diplom-artig erstickt im Keime
der Freiheitskampf, den er als Linker,
auf Bullen trampelnd einst – oh, spinnt er? –
noch gut verstand und unterstützte,
nun trägt er jedoch keine Mütze,
und scheitert am Parteiergreifen,
am lauten für die Schwachen Keifen,
die jagen will vom Heil’gen Land
Gelobter unter Gottes Hand.

Komm, Palma, hilf! Den Galgen schwer,
alleine heb ich nimmermehr,
denn halten muss er auch den Dicken,
der ehrvorschiebend schützt die Cliquen,
die einst geschmiert das Räderwerk
von Schwarzpartei und Rollstuhlzwerg.
Wenn wir sie haben und sie baumeln,
vor Freude trunken werd ich taumeln,
du wend dich ab auf mein Geheiß
sonst siehst du nochmals ihren Scheiß.

Freitag, 24. Juni 2011

Haschkekse

(Erinnerungen an die Studienzeit ...)
Haschkekse. Damit wollen sie mich jetzt überzeugen. Ein paar Kumpels, denen ich immer wieder – während sie an ihren Joints saugten – versicherte, das Zeug würde bei mir nicht wirken. Außer einem starken Reizhusten und barbarischen Kopfschmerzen am folgenden Tag passierte auch das letzte Mal wieder nix. In der Neuen Revue hatte ich mal gelesen, dass Menschen, deren Endorphinausschüttung auf Spitzenniveau funktioniere, nicht zu Alkoholikern oder Drogenabhängigen würden, weil sie sich den Kick aus sich selbst holten. Nicht, dass meine Kumpels abhängig wären, aber irgendwie gehört der Joint bei ihnen sogar zum Scrabble spielen. Nach einer Weile fangen sie an, unentwegt zu labern, und alles wird für die Haschpapis lustiger als für mich. Ich erinnere mich lieber an diese Klasseszene aus einem Werk der Coen-Brueder, The Hudsucker Proxy, als ein dicker Geschäftsmann aus einem Wolkenkratzerfenster in den Tod springt und unterwegs den unten stehenden Leuten zuwinkt, sie mögen aus dem Weg gehen. Noch beiläufiger lullt einen die schwarzhumorige Unbekümmertheit des Dude (Jeff Bridges) in und als The Big Lebowski ein, eines Kiffers, der beim Tauchgang in die eigene Kloschüssel seine Überlegenheit beweisen kann. Übrigens: Ist diese Szene nicht der Beweis dafür, dass Plumpsklos einen Haufen Nachteile haben, abgesehen davon, dass einem ständig das eigene Pisswasser an den Arsch spritzt, wenn man nach dem Pinkeln reinkackt? Der Film ist nicht zuletzt auch ein Plädoyer fürs Bowlen, einer Sportart, die für mich nur einen Vorteil hat – dass sie aus der Hüfte kommt. Zu Zeiten, als bei mir noch mehr Geld im Portemonnaie war, frönte ich wie der Dude meiner Liebe zu Cocktails. In Uninähe war bei einem Thai vier Wochen lang Happy Hour angesagt. Ich gewann ein paar Hunderter beim Pferderennen, so wie man sie als Laie gewinnt („Hey, das Pferd heißt wie diese ätzende Tussi da in der Parfümerie, auf die … so scharf ist, darauf setz ich“, grins), probierte täglich einen anderen Cocktail und hatte bald meine beiden Lieblinge gefunden: Grashopper (mit Mint-) und Fog (mit Kokosgeschmack). Und weil Cocktails wirklich lustig machen und kein Stoff der Welt so gut sein kann, liefere ich hier mal das Rezept von Dudes Lieblingsdrink: White Russian: 2 cl Wodka, 2 cl Cachaca, 2 cl Milch, Eiswürfel. Kampai!

Donnerstag, 23. Juni 2011

Kakerlaken

Ich buchte ein billiges Hotelzimmer in Thailand. Weil es keine Sterne hatte, hängte ein Ami-Tourist die US-Flagge aus seinem Fenster, um es etwas aufzuwerten. Ich musste am Tag so etwa fünf Kakerlaken von guter Daumengröße erschlagen, normalerweise mit meinem ausrangierten Adidas-Turnschuh, den ich danach sorgfältig abspülte. Im Supermarkt hielt ich nach Fallen Ausschau. Ich stellte so eine perfide mit Bananstücken vor die Tür, da fraßen die Tierchen gleich noch ein bisschen Gift mit. Am nächsten Tag hatte ich noch mehr Kakerlaken im Zimmer. Sie hatten die Falle irgendwie übersehen. Ich strich die Falle mit Leuchtfarbe an, aber das brachte auch nix. Dann fuhr ich für zwei Tage auf eine Insel. Als ich zurückkam in mein Hotel, liefen etwa zwanzig Kakerlaken durch mein Zimmer, ein paar lagen tot herum, einige fraßen sich gegenseitig auf, und: Zwei hatten es gewagt, mein Bett zu besteigen! Ich schlug alles tot, und manches noch toter als tot, was braun und ekelhaft aussah. Steckte es in eine durchsichtige Tüte und knallte die dem Hotelmanager auf den Tresen. Am nächsten Tag rückten die Kammerjäger an. Ich lüftete lange. Zwei Tage später bekam ich einen seltsamen Husten und hatte das Gefühl, einer Kakerlakenkrankheit erliegen zu müssen. Fünf Tage später war ich wieder gesund. Als ich ins Bad kam, grinste mich eine Kakerlake von der Wand aus an. 
   Komisch, dachte ich noch, die hatten es doch immer eilig, wenn ich das Licht anmachte. Ich griff nach meinem Schlappen. Dreimal drauf (einmal genügt nicht, glauben Sie mir) und dann ab ins Klo damit und nachspülen. Als ich ausholte, schwirrte mir das Vieh plötzlich um die Ohren und landete auf der gegenüberliegenden Wand. Phantastisch. In einer Woche hatten diese Dinger fliegen gelernt, um mir zu entkommen. Ich gab auf, bevor sie schießen lernten. Und fing an, ihnen Namen zu geben. Die Kakerlaken sehen alle unterschiedlich aus, und haben so ihr eigenes Tempo. Manche sind nachts sehr rücksichtsvoll und hören auf, im Papierkorb zu knabbern, wenn man aufwacht. Andere werden im Dunkeln lauter. Manche leben lieber in einer Tür, andere hinter dem Schrank. Einige essen Kopfschmerztabletten. Und manche spritzen etwas brauner als andere, wenn man dreimal draufgedroschen hat.

Mittwoch, 22. Juni 2011

Big Shit!


(Vor vielen Jahren an einen Satire-Wettbewerb geschickt ...)

Sonntags ging ich mit neun fremden Menschen in die Container. Dort wollte ich 100 Tage ausharren, um eine Viertelmillion gewinnen zu können. Dabei wurde ich – mit den anderen – ständig von Kameras beobachtet, von einem Millionenpublikum im Internet und am Fernsehbildschirm. Ich hatte eine Strategie. Alle 14 Tage mussten wir zwei aus unseren Reihen benennen, die die Container verlassen sollten. Nach dieser Nominierung entschieden die Fernsehzuschauer innerhalb einer Woche telefonisch, wer von den Genannten – das konnten bei Stimmengleichheit mehr als zwei sein – aus dem Haus verschwinden musste.

1.      Tag:
In meinem mitgebrachten Utensilienkoffer befinden sich allerhand Dinge, die ich im Laufe des Spiels einsetzen werde. Das Abführmittel, das ich heute ins von mir selbst zubereitete Mittagessen kippe (Wirkstoff: Natriumpicosulfat), habe ich als für mich „medizinisch notwendig“ durch die strenge Kontrolle der Showverantwortlichen geschleust. Drei Stunden nach dem Essen haben alle Mitbewohner vor dem einzigen Klo im Haus Schlange gestanden, einer hat sich in die Hose geschissen, ein anderer auf der Wiese abgekackt, die – von einem hohen Bretterzaun umgeben – zum Haus gehört. Ich weiß, dass die Zuschauer dieser Sendung sich über solch niveaulose Gags schlapp lachen, und außer der Fernsehcrew (die notgedrungen alle meine Vorbereitungen mitbekommt) sind sie die einzigen, die ich – vor der Kamera in der Dusche – eingeweiht habe. Natürlich tue ich so, als hätte es auch mich erwischt, was mir nicht schwerfällt, weil ich unter chronischen Verdauungsstörungen leide und nach dem Essen ganz besonders herzhaft furzen kann. Großherzig betrete ich dennoch als letzter das Klo, nur um unter einer langgezogenen Blähung, volle Kanone in die Schüssel reingedonnert, ein herzhaftes Lachen zu verbergen.
 
4.      Tag:
Soll das repräsentativ sein? Unter den Weibern ist eine Intellektuelle, die die ganze Zeit schwafelt. Die könnte meinen Schwanz schlappschwätzen, wenn ich mit ihr allein wäre. Und die anderen haben fast alle einen Typen, draußen, in der freien Welt. Apropos Typen – außer mir sind alle Sportler oder irgendwie zu muskulös geraten. Kein Hemd dabei, auch kein Bierbauch. Das darf nicht sein. Was sollen die angrenzenden Länder denken, die deutsches TV empfangen? Während sechs meiner Mitbewohner Tagespläne für ihre sportlichen Aktivitäten aufstellen und sich eine Diät auferlegen, beschließe ich, alles in mich reinzufressen und zu saufen, was ich kriegen kann, und verkünde hochheilig: „Hiermit schwöre ich, dieses Haus nicht eher zu verlassen, bis ich 20 Kilo zugenommen habe. Ich bitte euch alle, mich dabei zu unterstützen.“ Die Frauen gucken mich seltsam von der Seite an, die Intellektuelle meint: „Du (die sagen immer ‚Du, Komma‘), das ist aber ungesund. Das kann zu Gallensteinen führen.“ Na, wenn schon, denk ich mir, mit irgendwas muss ich dich ja früher oder später erschlagen, Baby.

6. Tag:
Die Nominierung steht kurz bevor. Ich furze die bekannte Melodie eines Michael Jackson-Hits, als ich unter der Dusche stehe, und sage den Mitbewohnern bei der allabendlichen Diskussion, heute zum Thema Abtreibung: „Ich liebe euch alle. Ich bin froh, dass niemand von euch abgetrieben wurde.“ Dann umarme ich sie einzeln und weine ein bisschen.

7. Tag:
Ich bin nicht nominiert. Meine Nudeln waren wohl zu gut. Es hat Devina und Alex erwischt. Als ich Devina vor der Dusche abpasse, sage ich zu ihr: „Ich will mit dir poppen. Falls du gehen musst, haben wir noch sieben Tage. Ich will keine Zeit mehr verlieren.“ Devina will mir eine kleben, dann denkt sie aber an die Kamera und lässt es bleiben. Mir ist klar, die Zuschauer wollen Sex. Und ich werde hier poppen, das steht fest, und wenn’s mit einem Typen ist. Alex kommt um die Ecke. „Warum machst du Devina so dumm an?“ Ich trete ihm gegen’s Schienbein und gehe in den Hühnerstall draußen im Garten. Die vier frisch gelegten Eier werf ich gegen den Bretterzaun. „Scheiße, Devina“, ruf ich laut, damit sie denkt, dass sie einen Fehler gemacht hat und dass ich total auf sie abfahr.

10. Tag:
Devina baut zunehmend ab. Bemerkungen über ihr Aussehen und die Nominierung nimmt sie zurecht persönlich. Sie betrachtet sich nun öfter im Spiegel, der ihr einen immer größer werdenden Pickel mitten auf der Stirn zeigt. Mittags, als die Sonne scheint und Devina sich zu den anderen auf die Wiese legt, die Augen geschlossen, beuge ich mich über sie und drück ihr ganz schnell den riesigen Pickel aus. Dann sag ich: „Wenn du nicht mit mir poppst, lieb ich dich einfach so.“ Und schleck den Pickeleiter von meinen Fingern. Devina fängt an zu heulen und packt die Koffer. Freiwilliger Abgang. Alex atmet auf. Da hau ich ihm auf die Glocke und brülle: „Du bist schuld.“ Die andern meinen, ich sei irgendwie schräg drauf und asozial. Also hol ich eine Tüte Bonbons aus meinem Koffer und teil sie auf. Ein Mann ist ein Mann, sag ich, und wen er liebt, den verteidigt er.

15. bis 17. Tag:
Die Idee mit den Kopfläusen stammt von Horst, einem Freund. Es war nicht leicht, die Dinger aufzutreiben, aber easy, sie in einer präparierten Streichholzschachtel ins Haus zu bringen. Während ich morgens, als die andern frühstücken, jedem ein Schokoladenherz aufs Kopfkissen lege, „verliere“ ich unauffällig ein paar Läuse. Diesmal darf auch das Fernsehteam nix bemerken. Junge, Junge, am nächsten Tag geht die Kratzerei los. Dummerweise hat es auch mich erwischt. Einen weiteren Tag später ist es so schlimm, dass wir nach einem Arzt verlangen. Der kommt zweimal. Zuerst, um die Diagnose zu stellen, dann, um uns ein Entlausungsmittel zu bringen – und Kahlschnitt zu verordnen. Dabei müssen wir bestimmte hygienische Vorschriften beachten. Am Ende tragen wir alle Glatze. Ausgerechnet Vlatko hat einen Verdacht. Er sieht nun aus wie ein Neonazi und mich scharf an: „Ich glaub fast, dass hier einer sitzt, der wo uns einen Streich spielt. Vielleicht einer, der wo vom Fernsehn bezahlt wird.“ Ich sehe ihn genauso scharf an und antworte: „Das kannst nur du sein, Motherfucker.“ Und wie erwartet prescht er auf mich los.

21. Tag:
Die zweite Nominierung. Diesmal bin ich aufgestellt, zusammen mit Alex und dem immer lustigen und gutgelaunten Jürgen, dessen volles Haar nun nicht mehr zu sehen ist. Morgens, wenn er vorm Spiegel steht, greift er immer noch automatisch nach dem Kamm, und zweimal am Tag fönt er sich die Glatze. Sie haben den liebsten und lustigsten Kerl gegen mich nominiert. Ich denke außerdem, dass ich ihn schon mal gesehen habe. In einer Fernsehdoku über Playboys und Dressmen. Plan B tritt in Kraft. Ein bekannter Moderator macht in seiner Fernsehsendung Stimmung für mich. Ich stehe morgens ein bisschen früher auf und schlage einem der Hühner den Kopf ab. Mit der Axt, die fürs Holzhacken gedacht ist. „Back to basics“, so das Motto unseres Container-Aufenthalts. Also einen Topf mit heißem Wasser gefüllt und das Huhn eingeweicht. Als die ersten aufstehen, bin ich beim Rupfen. Auf der Wiese liegt noch der abgetrennte Kopf mit blutigem Hals dran. „Iiiigitt“, meint Andrea. Natürlich fragen mich alle, was das soll, und ob ich wahnsinnig sei und kein Mitleid habe und so Zeugs. Ich antworte, ich sei ein Anti-Ovo-Non-Vegetarier, Fleisch sei besser als Ei. Abends koch ich mir das Huhn, aber essen will’s niemand mit mir. Die anderen fangen an, mich zu meiden. Ich schlachte ab jetzt jeden Morgen ein Huhn, und am Ende der Woche sind alle tot. Manu kotzt jeden Tag. Ich habe die Adresse einer Bulimie-Vereinigung dabei und empfehle ihr, die schon mal anzuschreiben, dann könnte ja, wenn sie das Haus verlässt, bereits eine Antwort in ihrem Briefkasten liegen. Sie verlässt das Haus freiwillig am gleichen Tag. Die Frauen schließen nun nachts ihr Schlafzimmer ab. Dazu musste eigens ein Schlüsseldienst anrücken.

28. Tag:
Alex hat’s gebretzelt. Jürgen und ich bleiben drin. Alex hatte mit der Intellektuellen was angefangen, und manchmal trieben sie’s unter der Decke. Weil Intellektuelle bekanntlich nicht gerade was vom Vögeln verstehen, hat sie’s ihm nur mit der Hand gemacht. Das können die Zuschauer nicht wissen. Ich hab morgens deshalb in die Duschkamera erzählt: „Sie schluckt es runter.“ Und weil ich nicht sicher war, ob die das auch ausstrahlen, hab ich bei jeder Gelegenheit den ganzen Tag lang immer wieder gesagt: „Sie schluckt es runter.“ Auch, wenn die anderen dabei waren, beim Essen und bei der täglichen gemeinsamen Talkrunde. Und wie ich später hörte, haben sie es tatsächlich einmal gesendet. Die Eltern der Intellektuellen sind eine Woche danach umgezogen, und als ihre Tochter den Container verlassen musste, fand sie ihr Elternhaus verlassen, ohne Nachsendeadresse. Sie wurde in viele Talkshows eingeladen, und immer wieder schwor sie: „Ich hab noch nie geschluckt, ich schlucke nicht und werde nie schlucken. Dieser Typ ist so ein gemeines Arschloch, ich verstehe gar nicht, warum der noch im Container ist.“ Damit meinte sie mich. Doch ich greife vor. Noch ist sie ja drin.

34. Tag:
Eine schöne Wochenaufgabe. Wir sollen ein Lied einstudieren, dass die Produktionsgesellschaft vermarkten will. Ich singe so schräg wie möglich und treibe alle zur Weißglut, dann heule ich los und nenne Endpol, den Big Boss der Gesellschaft, einen Menschenschinder. Ich drohe, das Wort genauso oft zu wiederholen wie den Satz mit dem Schlucken, so laut, dass den ganzen Tag nix anderes mehr zu hören sein wird im Container, da versprechen sie mir, mein Gejaule mit auf die CD zu pressen.

35. Tag:
Bin schon wieder nominiert. Mit der Intellektuellen. Mir geht die Raucherei meiner Mitbewohner auf die Nerven, und ich stecke mir eine meiner indonesischen Nelkenzigaretten an. Da merken alle, wie lästig Zigarettenrauch sein kann, und sie rauchen ein bisschen weniger. Für Manu, die ja freiwillig gegangen war, kommt Joni, die ist so süß, dass ich mich gleich an sie ranmache. Weil sie keine Vorurteile gegen mich hegt, ändere ich meine Strategie. Von nun an schreib ich jeden Tag Liebesbotschaften, ich versteck sie auf Schnipseln in der Toilettenrolle, bevor Joni aufs Klo geht, ich sticke ihr was auf die Innenseite ihres Waschhandschuhs, ich bring ihr Frühstück ans Bett, ich wasch ihre Sachen. Eines Morgens zünde ich eine Kerze an, mach eine Nadel drüber heiß und ritz mir damit ihren Namen quer über die Brust. Sie ist geschockt. Das verstehe ich nicht, denn außer mir waren bereits alle anderen im Container tätowiert. Ich sag: „Wenn du mich nicht liebst, wird es nie wieder eine Frau tun.“ Sie nimmt mich in die Arme, denn sie ist eine Walldorf-Schülerin. Ich beiße ihr ins Ohrläppchen. Nachts grabe ich im Garten ein tiefes Loch. Nach und nach wird daraus ein unterirdisches Tunnelsystem, wie es die Vietnamesen im Krieg gegen die Amis anlegten. Als es fertig ist, nehm ich Joni mit runter, und wir poppen da, wo es keine Kameras gibt. Danach geh ich durch einen der Stollen bis zu meiner Bank, wo ich mir unbemerkt einen Kontoauszug hole. Ah, gut, die Sozialhilfe ist da! Auf dem Rückweg stürzt der Stollen vor mir ein. Ich rufe nach Joni, aber sie hört mich nicht. Irgendwann muss sie zurück in den Container geklettert sein. „Wo ist er?“, fragen alle. „Er hat sich eine Auszeit genommen“, meint sie irritiert. Es dauert drei Tage, bis ich mir den Weg zurück freigeschaufelt hab. Als ich wieder da bin, fällt mir Joni um den Hals. Keiner hat es gewagt, mein Stollensystem zu betreten. Auch das Produktionsteam hält sich zurück. Ich plane inzwischen, einen weiteren Tunnel direkt in ein Kaufhaus zu legen, damit ich den Sommerschlussverkauf nicht verpasse. Aber als ich den Stollen wieder betreten will, hat ein Agent von ENDPOL doch das ganze Tunnelsystem zerstört.

40. Tag:
Man überrascht uns mit einer Katze. Ach, wie süß. Jürgen meint: „Isch kriesch die Krätz, geh mir bloß weg mit de Katz, isch hab ne Allergie.“ Wusstet ihr, dass Katzen auch aus großer Höhe immer auf die Füße fallen, frage ich, pack die Katze am Schwanz und schleuder sie über den meterhohen Bretterzaun. Die Katze faucht-miaut. Andrea meint gehässig: „Wohl besser, als sie zu essen.“

42. Tag:
Die Intellektuelle muss gehen. Zur Feier des Tages zieh ich mein Lieblingsshirt an, auf dem steht: „Deutsche Staatsanwälte sind unzurechnungsfähig.“ Das andere gute ist gerade in der Wäsche, darauf heißt es: „Deutsche Politiker sind feige und korrupt.“ Mein bestes T-Shirt werde ich morgen anziehen. Schwarz auf Weiß: „Michael Winterberger schuldet mir 2500 Mark.“ Auf der Rückseite: „In meiner Sozialwohnung von der Wohnheim sind Schimmelpilze.“ Wird nämlich Zeit, dass sich solche Sachen ändern.

47. Tag
Ein FDP-Politiker schwebt an einem Fallschirm in unseren Garten. Ich sage: „Leute, es sind Wahlen. Lasst uns unsere eigene Partei gründen. Unser Ziel: Allen Bürgern sollen Wochenaufgaben gestellt werden, und wenn sie sie bestehen, bekommen sie mehr zu essen von Vater Staat.“ Eine Sicherheitskraft steckt Jürgen dessen tägliche Ration Pulver zu, damit er bei Laune bleibt und seine Lebensweisheit nicht vergisst: Jeder Jeck ist anders. Ich probier das aus und streichel ihm seinen Hintern, aber er will nicht. Pah!

49. Tag
Ich bin mit Vlatko nominiert. Wir gehen raus in den Garten. Von fern schreien die Fans: „Vlatko, deine Frau geht fremd.“ Die folgenden sieben Tage wird Vlatko immer nervöser, trainiert seine Muckis doppelt so lange wie vorher und schreit den Fans zu: „Deppengeschwätz!“ Am 56. Tag haben ihn die Zuschauer rausgewählt. Er entdeckt, dass alles nur ein Gerücht war. Er hat gar keine Frau. Joni geht freiwillig, sie glaubt, dass sie schwanger ist, und weil sie schon mal gefühlt hat, wie das ist, Mutter zu sein – nämlich vor ihrer ersten Abtreibung  –, und weil ihr das nicht gefiel, hat sie’s eilig.

63. Tag
Weil ich schon wieder nominiert bin, fange ich mit einer Knoblauch-Kur an, um meine Konkurrenten zu demoralisieren. Auch die Dinge, die so gern von Kameras heimlich aufgezeichnet und im Privatfernsehen gezeigt werden, tue ich jetzt. Mein Ohrenschmalz sammle ich in einem leeren Joghurtbecher, meine Popel ess ich genussvoll auf. Weil die anderen den Zuschauern weniger bieten, darf ich auch diesmal wieder drinbleiben.

75. Tag
Die Einschaltquoten müssen runtergegangen sein. Man setzt uns Dolly D. ins Haus, eine bekannte Pornodarstellerin mit eigener Talkshow. Es dauert nicht lange, da hat sie uns in Orgien verwickelt, und weil wir uns nun alle so lieben und sie eine schlaue Geschäftsfrau ist, entwirft sie Verträge, die wir untereinander abzeichnen. Dort verpflichten wir uns, im Falle, dass wir als letzte im Container sind, unseren Gewinn mit den anderen zu teilen, die vorher gehen mussten. Egal, wer gewinnt, es wird geteilt. Uff! Der ganze Stress ist raus. Dolly hat den Frieden gebracht. Für die restlichen fünf fallen in jedem Fall je 50.000 ab, das ist besser als nix und reicht jedem von uns. Die Produzenten drohen. Dolly meint gelassen, sie würde sich gleich die Silikonkissen aus ihren Brüsten holen und mir zum Ablecken geben. Von da an mischt sich niemand mehr in unsere Orgien und Abmachungen ein.

100. Tag
Dolly ist noch da. Sie bietet mir an, nach dieser Containergeschichte in ihren Pornos mitzuwirken. Am ersten Drehtag werde ich den andern aus dem Haus wiederbegegnen. Sie sind nun alle beim Film. Auch Vlatko. Die Frauen lieben ihn, weil er sie mit englischen Adelstiteln anspricht, wenn er sie rannimmt.

*****

(Zu wenig Buddhismus, zu viel pubertärer Brachialhumor? Dann lies dies. Jemand von der schreibenden Zunft hat Richard Gere als Zen-Praktizierenden (!?) geoutet oder gar zitiert und findet es doch nicht befremdlich, dass dies mit dessen Einsatz für Tibet einhergeht.)

Dienstag, 21. Juni 2011

Goodbye, Fischer!

[Am 2. April dieses Jahres starb, nur 40jährig, der Popjournalist Marc Fischer. 2001 hatte ich für die damals populäre Plattform "Höfliche Paparazzi" ein paar erfundene und leicht durchschaubare "Star"treffen - u.a. mit mir selbst ;-) - verfasst, um diesen Hype auf die Schippe zu nehmen und ihm den Spiegel vorzuhalten. Fischer widmete ich mich, weil er in seinem Erstlingsroman eine Samurai-Fibel zitierte, deren Übersetzung mein Leben kurz zuvor einschneidend verändert hatte: Nicht nur habe ich mich seitdem mehrfach an ihren Rat gehalten, ihr Erfolg ermöglichte sogar erst meine Zen-Publikationen. - Der folgende Text spielt also mit Identitäten.]


Ich traf mich mit einem Freund, um über den ersten Roman von Marc Fischer zu reden. Darin kommt eine Samurai-Bibel namens Hagakure vor, die dieser Freund übersetzt hatte. Außerdem kannte er Marc Fischer noch von seinen Kolumnen im Trendmagazin Tempo, dass zu einer Zeit erschienen war, zu der ich noch die Bravo hätte lesen sollen. Ich kam mit Fischers Roman nicht klar und wollte nun ein bisschen Rat.
   „Also“, begann ich, „ich finde dieses Buch von Fischer sehr uneinheitlich. Es fängt gerade so an, als würde jemand dokumentarisch aus seinem Jungjournalistenleben berichten. Nur ob man ihm glauben soll, dass er Kate Moss und all die anderen Stars getroffen hat, weiß ich nicht.“
   „Doch“, entgegnete mein Gesprächspartner, „das hat er, und der Bericht über die Moss war klasse, ich könnte wetten, er hat sich darin auch über Magersüchtigkeit ausgelassen. Jedenfalls hatte ich beim Lesen das Gefühl, in eine Stimmung zurückversetzt zu werden, wie sie in manchen französischen Filmen der 60er Jahre herrscht. Seltsam schwebend und  melancholisch. Fischer schrieb nie so, wie man es erwartete. Meinst du das mit ‚uneinheitlich’?“
   „Hmm, ich denke eher, es gibt da einen Bruch zum Fiktionalen hin, man merkt – und das sollte man doch nicht –, wie er plötzlich anfängt, seinen Traum von einer anderen Welt zu entwerfen und sich immer mehr krudes Zeug zusammenspinnt. Das führt er dann so aus, als müsste er in dieses eine Buch seine  gesammelten Schubladenwerke stecken, sein Manifest, dass er mit sechzehn für eine Schülerzeitung schrieb, Auszüge aus seinem Lieblingsbuch, das von seinem eigenen Leben inzwischen überholt wurde, und eine eigentlich total banale Liebesgeschichte, die wie in einem schmalzigen Hollywoodfilm am Ende quasi das Böse besiegt, also den Protagonisten davon abhält, sich für eine Idee oder Ideologie zu opfern.“
   „Schmalzig? In seinen Kolumnen war Fischer stets geschmacksicher.“
   „Ich gebe dir ein Beispiel aus der Unterhaltung zwischen dem Erzähler und seinem Bruder: ‚Uwe?’ – ‚Ja?’ – ‚Ich war nah dran, ein Samurai zu werden wie Yoshitsune.’ – ‚Ich weiß’, sagte er. ‚Aber es gibt keine Samurai mehr, seit Jahren schon. Die letzten waren die Kamikaze-Flieger, und das ist ein halbes Jahrhundert her.’ – ‚Ich weiß’, sagte ich dumpf. – ‚Aber du bist mein Bruder. Das ist viel besser.’ – – – Das ist doch oberkitschig.“
   „Ich musste das Buch zeitweise querlesen“, gab mein Gesprächspartner zu, „und das hatte zwei Gründe. Zum einen die mangelhafte Sprache, peinliche Wiederholungen und – ein schlampiges Lektorat, davon darf man dann ja ausgehen. Fischer hätte also ganz sicher einen strengen und versierten Korrekturleser gebraucht, den ihm sein Verlag offenbar nicht zur Verfügung stellte. Das ist auch deshalb schade, weil andere Jungautoren wie Christian Kracht, der nun wirklich durchgängig flott und gekonnt schreibt, sich im selben Verlag einen guten Ruf erarbeiten durften. Und zum anderen bin ich von der mangelnden intellektuellen Tiefe von Fischers Weltverbesserungsvorschlägen enttäuscht, das heißt natürlich genauer von denen seiner Protagonisten.“
  „Der Protagonist macht sich über alle lustig“, fiel mir dazu ein, „von der RAF über Kapitalisten bis zu Demokraten. Dabei fehlt ihm aber selbst die klare Linie. Die ganze Zeit zieht er dieses Samurai-Buch als Ratgeber heran, nur um am Ende das Fazit zu ziehen, dass es nicht mehr richtig aktuell und für ihn untauglich erscheint, weil er im Grunde ein Feigling ist. Trotzdem habe ich kein Mitleid mit ihm, weil er nicht genug Charakterstärke zeigt. Er ist irgendwie kein Held, wie ich ihn mir in einem Roman wünsche.“
   „Tja, und weißt du, was mich besonders traurig macht?“
   „Nein.“
   „Er behauptet ständig, das Hagakure sei ein guter Ratgeber, tut aber dauernd das Gegenteil von dem, was darin empfohlen wird. Man könnte das als Persiflage aufs Esoterikgewerbe im weiteren Sinn ansehen, wie auch die Anspielung auf die Gurus des Managementtrainings durch die Figur des Höller, der zwar nicht als echter Sektenführer eingeführt wird, aber doch eine lichtgestaltgleiche Aura verbreitet, der sich nur wenige entziehen können. Eigentlich, wie so vieles in Fischers Roman, eine schöne Idee, aber was macht er daraus? Er entzieht sich einer Wertung seiner Figuren, so als wüsste er einfach nicht, wie er zu ihnen stehen soll.“
   „Manchmal“, ergänzte ich, „entscheidet er sich aber doch. So am Anfang, wo er meint, der Jarmusch-Film, der den Hagakure-Boom erst auslöste, hätte dem Buch nicht gutgetan. Der Held im Film aber geht einen klaren, geraden und unbeugsamen Weg. Der Erzähler in Fischers Roman scheint sich mit solchen Typen nicht anfreunden zu können, die das Hagakure fordert. Irgendwie hat er alles missverstanden, das Buch, das ihm als Leitfaden dienen sollte, seine Freundin, seinen Mentor ...“
   „Ach“, seufzte mein Gesprächspartner da, „dieses Kapitel, in dem der Erzähler als Briefkastenonkel arbeitet, eigentlich auch nur so ein auffälliger Pausenfüller, enthält doch eine Pointe, die Fischers wirkliche Klasse zeigt. In seiner letzten Kolumne nämlich tritt er für eine unverblümte sexuelle Freiheit ein, die prompt den Zorn des Volkes auf sich zieht. Ich kann nur hoffen, dass das wieder Fischers eigener Biografie entstammt, denn diesen Mut hat der Autor im Gegensatz zu seinem Erzähler schon. Würde mich gar nicht wundern, wenn ich im Archiv einer Hamburger Zeitung jene Kolumne finden könnte.“
   „Eine Art Idol – wunderschönes Cover, phantasievolles Motiv auf goldglänzendem Hintergrund, Fischers Freunde Coupland und Kopf besprechen ihn enthusiastisch. Sollten die ihm nicht ein bisschen kritischer begegnen, sind dafür nicht Freunde auch da?“, frage ich abschließend meinen Gesprächspartner. Und der sagt:
  „Ich liebe Fischer aus seiner Zeit bei Tempo. Und Liebe kann blind machen.“

Montag, 20. Juni 2011

Fremde Körper

[Am 29. Juni ist der erste "Tag des Schreibens". Ich werde darum ein paar Texte ausgraben und teils zum ersten Mal öffentlich machen. Der folgende wurde aus Anlass einer Veranstaltung zum Thema "Fremde Körper" verfasst und dürfte ca. zehn Jahre alt sein.]

O erzählte von ihren beiden farbigen Brüdern und dem Spott, den ihre Landsleute, die Thailänder, ihnen angedeihen ließen. Die Geschichte der O. Während in meiner Heimatsiedlung in einer deutschen Großstadt, sozialer Wohnungsbau mit hohem Ausländeranteil, Mütter ab 28 und ihre Töchter schon mit 15 zur Fettleibigkeit neigen, saß O wie der vielzitierte Strich in der Barlandschaft Pattayas und begrüßte mich, indem sie ein kleines Messer vor sich auspackte. Wie sich auf dem Hotelzimmer herausstellte, trug sie BH-Polster, damit ihre winzigen Brüste – die man in Asien viel häufiger an erwachsenen Frauen sieht als hier – aufgeblasener wirkten. Mir konnten sie nicht klein genug sein, doch O war davon überzeugt, dass wir Ausländer „nom iai“ (große Brüste) bevorzugten. Bald berichtete sie mir von den Brüdern, die ihre Mutter von einem schwarzen US-Amerikaner empfangen hatte. „Kameen“ ist wohl das übliche Schimpfwort der Thais für die allzu Dunkelhäutigen unter ihnen, die nicht selten aus Kambodscha stammen, dem Land der Khmer, das sich einst auch über Siam ausdehnte. Von daher also wehte der Wind.

Da man nicht selten auf dem Lande Geisterglauben antrifft – mein eigenes nächtliches Herumspuken im Hotelzimmer gehört zu den regelmäßigen Vergnügungen in Thailand, sofern ich neben einer Frau schlafe -, war die hartnäckige Abwehr des „Dunklen“ gar nicht so verwunderlich. Folgerichtig werden die Ausländer, die ihren Urlaub in der Sonne brutzelnd verbringen, milde belächelt. Geht man mit einer noch so patenten Thailänderin an den Strand, wird sie sich nur deshalb mit der Sonnencreme ihres ausländischen Begleiters einreiben, weil sie glaubt, das würde ihre Haut verschönern. Garantiert setzt sie sich danach ausschließlich unter den Sonnenschirm, in den Schatten. Gerne zupft sie auch an unserem Körperflaum, denn Asiaten sind an Armen und Beinen nur spärlich behaart. So ist es: Wir wollen braun werden wie sie. Sie weiß wie wir. Wir rasieren uns die Beine, sie hätten gern mal Haare drauf.

In der tiefsitzenden Schwierigkeit, von Natur aus Schwarzen unbefangen zu begegnen, sind wir uns offenbar ähnlich. Kürzlich hätte ich fast ein Blind Date nicht abgesagt, weil ich wusste, sie ist eine Farbige. Würde sie die Absage nicht auf ihre Hautfarbe zurückführen? Hatte sie mir nicht erzählt, dass der Vater ihres Ex-Freundes mal zu seinem Sohn meinte: „Die geht mir hier nicht aufs Klo.“? Jedenfalls habe ich tatsächlich festgestellt, dass Afrikanerinnen anders riechen als Asiatinnen. Und das nicht nur die Hautfarbe, sondern der Geruch eines fremden Körpers über meine Sympathie bestimmt. Und vor  allem: die Form des fremden Körpers. Es ist möglich, sich in ein Volk zu verlieben, weil es voller perfekter Körper ist. Nehmen wir zum Beispiel Beine. Wollen Sie leugnen, dass die Beine von Japanerinnen durchschnittlich kräftiger sind als die Beine von Thais (selbst wenn sich letztere öfter auf Reisfeldern verdingen)? Wollen Sie etwa leugnen, dass, wenn sie von Rasta-Löckchen angetörnt werden, Jamaika paradiesischer ist als Oberhessen?

Wenn wir fremde Körper imitieren, sind wir jedoch meist selektiv. Tätowierungen, die wir uns von australischen Ureinwohnern abschauen, hindern uns nicht daran, auf Minderheiten herumzutrampeln. Wenn wir uns als Frau die Nasenflügel und Lippen durchstoßen, entblößen wir noch lange nicht unsere Brust. Eine Filmemacherin, die unter Brasilianern am Amazonas drehte, erzählte davon, wie die fast nackten Wilden auf der Bekleidung des Filmteams herumgrabschten, um festzustellen, wer von den Fremden Mann und wer Frau war. Unsere Intimzone ist per Intim-Norm auf sechzig Zentimeter festgelegt. Wer uns spontan zu nahe kommt, beunruhigt meist. Ebenso sparsam sind in der Regel unsere Versuche, in die Intimzonen anderer einzudringen, die wir nur flüchtig kennen. Ganz anders wieder die Thais, die einen schon mal bei der Hand nehmen, um einem den Weg zu zeigen, sich selbst aber nur selten küssend in der Öffentlichkeit präsentieren, auch wenn sie verheiratet sind.

Ich habe nie begriffen, warum sich Asiaten beim Chirurgen ihre wundervollen „Schlitzaugen“ rund machen lassen, und warum selbst Comicfiguren in Japan oft westliche Antlitze tragen. Gelingt die Identifikation mit dem fremden Aussehen, dem fremden Körper? Können Sie, liebe Leser, sich denn vorstellen, in Ihren Träumen ein Held zu sein mit dem Aussehen eines Japaners?

Kennen Sie dieses zarte japanische Model, das den erfolgreichen und fetten Sumo-Ringer ehelichte? Glauben Sie da noch an die gute, alte Missionarsstellung? Oder meinen Sie, die beiden seien sich ja schließlich gar nicht fremd, weil sie doch demselben Kulturkreis entstammen? Mir ist das schon fast egal. Neuerdings zieht mich schokoladenbraune Haut magisch an. Mir ist nicht die andere Haut fremd, sondern die andere Form, vielmehr die Form, die ich nicht mag, genauer: die Form, die mich nicht erregt und inspiriert. Fremde Körper sind für mich: dicke Körper. Gibt es ein Trainingsprogramm, das mir hilft? Ich könnte eine schwarze Afrikanerin zur Frau haben und lieben, aber keine Dicke. Was passiert, wenn ich solch ein Trainingsprogramm durchlaufen hätte? Was ist danach ein „fremder Körper“, auf den ich meine Abneigung projiziere? Der alte, faltige? Der kleine, aufgestumpte? Was empfindet ein Blinder, wenn er "faltig", "dick", "klein" oder "groß" fühlt? Hat er die gleichen Aversionen und Vorlieben, oder sind die rein visuellen Ursprungs?

In Kambodscha brachte ich mal eine befreundete Familie in ein von einem japanischen Fotographen neugegründetes Kinderkrankenhaus. Als ich die Familie - für die eine beinahe kostenlose medizinische Untersuchung und Versorgung, wie sie in diesem Krankenhaus angeboten wurde, überraschend war - in ihrer Hütte abholen kam, brachte man noch einen kleinen  Jungen mit einem aufgeblähten Bauch herbei. Das verschmutzte XL-T-Shirt, in dem er steckte, reichte bis zu seinen Fußknöcheln. Er weinte und weinte. Im Krankenhaus nahm mich ein Arzt zur Seite und diagnostizierte bei dem Kleinen vorläufig eine malariabedingte Anämie. „Wenn dem Jungen jemand auf den Bauch schlägt“, so erklärte er mir in Englisch, „werden seine inneren Organe platzen.“ Ein paar Bluttransfusionen könnten vorläufig helfen, doch wir alle hatten uns hier und da schon finanziell verausgabt, so musste der Junge erst einmal in sein Dorf zurückkehren, ohne mit Gleichaltrigen richtig herumtoben zu dürfen. Die aufgeblähten Bäuche, die bisher mein Mitleid erregt hatten, gehörten völlig unterernährten Kindern. Diese Krankheit aber war mir neu. Sie verursachte beinahe Angst, einen fremden Körper zu berühren, von dem mir die Ursache seiner Form nicht bekannt war. 

In Thailand kommt ein Single schnell auf andere Gedanken. Im Taxi nach Pattaya lästert ein Broker (was macht der hier?) über die abstoßenden Nutten und dass er sie nie küssen würde, weil er sich dann Karies holen könne. Ja, Karies sei ansteckend. Auch eine Art, fremde Körper abzulehnen, denke ich, und lasse meine Zunge durch eine Zahnlücke rollen. „In Frankfurt“, entgegne ich, „sind sogar die Auflagen für Syphilis- und Tripper-Tests gelockert worden, weil diese Krankheiten in Bordellen seltener vorkommen als früher.“ So hatte es mir ein Insider erzählt. „Hier hat doch jede zweite Hure Aids“, meint der Broker, doch mir, der ich seit Jahren regelmäßig dort einen Freund besuchte, waren nur zwei Fälle bekannt, beides Transsexuelle, Männer, die zu Frauen wurden, weil ihnen ihr Körper fremd war, und die sich dann doch anders verhielten als die „echten“ Frauen. In Statistiken tauchten sie zwar als solche auf, praktizierten jedoch viel häufiger Analverkehr. In den Krankenhäusern vor Ort herrschte Unverständnis über unsere westliche Aids-Hysterie, eine interessante Übersicht zeigte auf, dass die meisten HIV-Infizierten aus Gegenden kamen, in denen sich kaum Touristen tummeln, der Drogenmissbrauch aber verbreitet ist. Der Körper der „Durchschnitts-Prostituierten“ allerdings, die nicht selten einer kaputten, aber einigermaßen monogamen Ehe entflohen ist, die nicht fixt und deren Kunden aus dem Westen häufiger auf Kondomen bestehen als Einheimische, wird zum neuen Fremdkörper aufgebaut. Von den deutschen Gesundheitsbehörden zwischen den Zeilen, von der Werbung plakativer, von Feministinnen oft vehement. Es ist keinesfalls beruhigend zu sehen, wie auch Frauen fremde Körper schaffen, von denen es sich zu distanzieren gilt. Körper in der Fremde, voller Fremdkörper. Dieselben Frauen womöglich, denen ihre eigenen Körper so fremd sind, dass ihre Freundinnen oder ihre Männer sie ständig deren Attraktivität versichern müssen.

Wenn Sie denken, dass früher alles besser war, möchte ich ihnen sagen, dass es manchmal seltsame Gründe hatte. Lesen Sie den Bericht des chinesischen Gesandten Chou Ta-Kuan, der Ende des 13. Jahrhunderts nach Kambodscha reiste, um die dortigen Sitten und Gebräuche zu studieren, besonders im heute als Weltwunder zu besichtigenden Angkor, wo der König residierte. Hier ist sein Bericht über fremde Körper und was dazu führte, sie als nicht-fremd in die Gemeinschaft zu integrieren. Übersehen Sie bitte nicht, wie man schon damals eine Verbindung zwischen tödlicher Krankheit und Geschlechtsverkehr ziehen konnte ...

„Krankheit und Lepra                                       

Die Kambodschaner heilen sich selbst oft von Krankheiten, indem sie ins Wasser tauchen und sich immer wieder den Kopf waschen. Dennoch trifft der Reisende auf viele Leprakranke. Selbst wenn diese Unglücklichen mit ihren Landsleuten essen und schlafen, wird kein Protest laut. Einige behaupten, Lepra sei eine Folge des Klimas. Sogar einer der Herrscher erkrankte daran, deshalb betrachten die Menschen das nicht als eine Schande. Meine bescheidene Meinung ist, dass die Krankheit entsteht, wenn jemand unmittelbar nach dem Geschlechtsverkehr ein Bad nimmt – eine Angewohnheit, die, wie man mir sagte, hier sehr verbreitet ist. Neun von zehn Fällen von Durchfall enden tödlich. Wie bei uns kann man Arznei auf dem Markt kaufen; von dieser und ihren seltsamen Namen habe ich keine Kenntnis. Es gibt sogar Zauberer, die ihre Kunst an den Kambodschanern ausüben. Äußerst absurd!“ (aus: Sitten in Kambodscha)

Samstag, 11. Juni 2011

Geben Sie mir nun Ihre Karte!

Im folgenden Roman nehmen Menschen Forgettol, um zu vergessen, und Akzeptol, um die Dinge anzunehmen, wie sie sind.

"'Ich muss den Stand Ihres Karmas wissen.'
   Er war zu verzweifelt, um sich in wirkliche Empörung hineinzusteigern. Er griff bloß in seine Jackettasche und schob mir die Plastikkarte über den Schreibtisch zu. Während ich sie durch meinen Taschendecoder zog, vermied er jeden Blickkontakt.
   Sie war leer. Der Magnetstreifen auf seiner Karte war komplett gelöscht. Der Junge stand auf Null; das bedeutete, er war ein toter Mann. Ich nahm an, er wusste das.
   Wenn das Inquisitionsbüro deine Karte auf Null setzte, hieß das, du durftest dich nicht mal dabei erwischen lassen, die Tür einer öffentlichen Bedürfnisanstalt laut zuzuschlagen, ohne dass dein Karma-Status ins Minus sank."

(Jonathan Lethem: Der kurze Schlaf. Köln 2003)

Donnerstag, 9. Juni 2011

Die Nishijima-Linie zum Karma

Nishijima Roshi: "My actions are carved in the universe."

Gui Do: "My actions are carved by and in emptiness."

Der Nishijima-Schüler und Dharma-Erbe Seggelke
versucht sich am Karma:



Und nun schaue man sich dies an. Und sinne über die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und den Spielraum unseres Handelns nach. So versteht man Karma tief und gründlich.

Mittwoch, 8. Juni 2011

Sogyal Rinpoche auf Wikipedia.de +
nochmal Thich Thien Son ("Thay")

Hier meine versuchte Ergänzung zu einem weiteren offenbar Sexbesessenen, den die "Deutsche Buddhistische Union" (DBU) noch 2009 hofierte:

"Im Jahr 2009 distanzierte sich die irische Staatspräsidentin Mary McAleese, in deren Land er ein großes Zentrum betreibt, von Sogyal Rinpoche, nachdem bekannt geworden war, dass er in den USA ein Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs einer Schülerin (mit einem Streitwert von 10 Mio. USD) außergerichtlich beigelegt hatte. Vorwürfe dieser Art waren gleich von mehreren Schülerinnen gegen Sogyal Rinpoche erhoben worden.[9]" (Quelle)

Kann man im Moment oben unter "Ungesichtete Änderungen" aufrufen. Bin gespannt, ob's reinrutscht.

Und dann, oh Wunder, gab es gleich zwei Versuche, Thich Thien Son (TTS) über meine Kommentarfunktion zu verteidigen. Eine Person gab sich als "Journalist" aus, verlinkte aber ihren Namen auf die Startseite eines Onlinedienstes, eine andere Person gab heute ein paar Stunden später ein: "Auch ich finde es befremdlich wie über TTS herum gegeiert wird ...", obwohl ich den anderen Kommentar gar nicht freigegeben hatte. Beide Texte werde ich nicht freigeben.

Zur gleichen Zeit erreichte mich die email einer Person, die sich fragte, ob sie denn tatsächlich im Zentrum "Buddhas Weg" auftreten solle. Ich möchte deshalb wiederholen, dass TTS ("Thay") von einer Art "Ältestenrat" im Rahmen eines Ordensverfahrens bereits sexuellen Fehlverhaltens "überführt" und zur Reue aufgerufen wurde. Und dass in meinem Blog akribisch nachgewiesen wurde, wie dieser Ältestenrat jedoch die schwer wiegendere Tat, die zur ENTROBUNG von TTS ("Thay") hätte führen müssen (nämlich Sex mit Penetration, was einem Ordinierten seiner Tradition verboten ist und wenigstens ein weiteres Ordensverfahren, Vinaya Kamma, nötig gemacht hätte), ignorierte, weil der für den "Ältestenrat" verantwortliche Abt aus Hannover selbst Vietnamese ist und für die Einsetzung von TTS ("Thay") in Frankfurt mitverantwortlich. Den schwersten Vorwurf versuchen also auch andere vietnamesische Ordinierte zu vertuschen. Ein weltliches Gericht ist jedoch nicht nötig, um festzustellen, dass TTS ("Thay") bereits kein Mönch mehr ist (wenn er denn je ein ordentlicher war), dies wurde anhand buddhistischer Schriften aufgezeigt. Doch für Nicht-Buddhisten ist dies schwer zu durchschauen. Darum ist das Folgende wichtig.

Außerdem gibt es FÜNF Eidesstattliche Versicherungen bzgl. der genannten Fehlvergehen von TTS ("Thay"). Diese kann man unter Umständen bei der Deutschen Buddhistischen Ordensgemeinschaft einsehen. Wenn also jemand behauptet, ein Journalist zu sein und an dieser Sache investigativ zu arbeiten, dann soll er bitte seine Arbeit richtig machen. Jeder andere, der zu dumm ist, hinter der Polemik in diesem Blog die klar benannten Fakten zu sehen und der sich nicht die Mühe macht, hinter das oberflächliche Gelaber dieses Amateur-Buddhisten und seiner Schergen zu blicken, hat seinen Beruf verfehlt. Ein Anruf bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft könnte ebenfalls weiterhelfen.

Was der SZ im Falle des falschen "Shaolin"-Abtes Coulombe gelang, wird - ob mit oder ohne diesen Blog - anderen guten Journalisten (oder womöglich dem gleichen?)  auch mit der vietnamesischen "Mönchsmafia" gelingen. Es ist nur eine Frage der Zeit, und des Willens.

Dienstag, 7. Juni 2011

Joko Beck im Hospiz

Ein deutscher Zen-Lehrer erzählte mir einmal, warum sich Joko Beck von Joshu Sasaki Roshi distanziert hatte: Der alte Knacker hätte sich an ihre junge Tochter herangemacht. Ich wollte dazu kürzlich noch eine Stellungnahme der Amerikanerin einholen, aber ihr ging es gesundheitlich schon nicht mehr gut. Inzwischen hat ihre Tochter sie ins Hospiz gebracht. Joko Beck isst nicht mehr viel (außer Eis) und verliert an Gewicht, es geht zu Ende. Ihre Bücher fand ich einst gut lesbar, einen "gemischteren" Eindruck machte sie in diversen Youtube-Clips.

(Anm.: Joko Beck starb am 15. Juni 2011. Ihre letzten Worte sollen laut Joan Halifax gewesen sein: "This too is wonder." - kolportiert Wikipedia. Wir werden also alle noch unser blaues Wunder erleben ...)

Alan Watts goes South Park

Mit Prickles (Stacheln) und Goo (Glibber).

Freitag, 3. Juni 2011

Wie Erwartungshaltungen Urteile bestimmen ...

... zeigte sich, wo wir gerade beim Thema waren, ebenfalls in Cannes. Dort wurde im Mai "The Tree of Life" von Terrence Malick zum Gewinner der Goldenen Palme gekürt - und von zahlreichen Kritikern gelobt. Bei der dortigen Vorführung selbst gab es jedoch auch laut vernehmbare Buhrufe. Wieso scheiden sich an ein und dem gleichen Kunstwerk so sehr die Geister? Ich glaube, es liegt daran, dass manche Menschen in ihren Erwartungen einfach nicht enttäuscht werden wollen, ja dies einfach nicht zulassen können.


Die Premiere dieses Filmes wurde mehrere Jahre lang verschoben. Regisseur Terrence Malick hat sich in der Filmwelt durch sein öffentlichkeitsscheues Benehmen und seine geringe Anzahl von Werken einen ähnlichen Ruf wie einst J. D. Salinger in der Literatur erworben. Als Poet des Kinos geschätzt, versuchte er sich nun an einer Darstellung der Schöpfungsgeschichte. In den ersten dreißig Minuten meint man einen  irgendwie bekannten Beitrag von National Geographic zu sehen, bloß ohne Kommentar, für den Steven Spielberg in einer Szene noch ein paar schlecht animierte Dinosaurier auslieh: Vulkane explodieren, Quallen schwimmen dahin, die Zeit vergeht, und eine Kritikerin meint doch tatsächlich, so müssten sich ihre Zunft-Vorfahren beim ersten Sehen von Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" gefühlt haben. Ich stimme nur in einem zu - auch Menschen in Affenkostümen können schmunzeln machen. An die beklemmende Bildgewalt dieser SF-Story kommt Malicks Werk jedoch nicht heran, es bleibt durchschaubar um Mysteriösität bemüht und in klischeehaften Vorstellungen von Männern und Frauen stecken. Irgendwie hat das Festival von Cannes, das (siehe den Beitrag vom 01.06.) einen anderen Künstler schasste, der tatsächlich Wahrnehmungsgrenzen zu sprengen vermag (und nicht wie Malick - der in Cinemascope hätte drehen müssen - im falschen Format gefangen ist), einen solchen Sieger verdient. Das belegt die diesjährige ästhetisch-ethische Unsicherheit der dortigen Entscheider.

(Foto: Fox Searchlight)

Donnerstag, 2. Juni 2011

Der geistige Atom-SuperGAU Deutschlands

Vor einiger Zeit rief ich noch zu einer einstündigen Stromsparaktion auf. Das würde ich heute nicht mehr so unbefangen tun. Im kommenden Winter drohen uns nämlich ungewollt sowieso Stromausfälle, weil die hörige Herde der Panikneurotiker beschlossen hat, uns bewährte Energiequellen zu versagen. Wenn dann erst mal tatsächlich Rechner um Rechner abstürzt, werden sie noch was zu hören bekommen, denn es geht ja heutzutage längst nicht mehr um ein bisschen Dunkelheit oder ein paar Sekunden weniger TV-Unterhaltung.
   Ich habe mir hier eine schöne Übersicht aus der Zeitung gerissen, die ich einem Freund zeigen will, der tatsächlich glaubt, die Welt könne diesmal am deutschen Beispiel genesen, nämlich unseren "beispielhaften" Atomausstieg nachvollziehen (wie man bereits aus anderen Ländern - außer der Schweiz, die sich noch mehr in Schwierigkeiten bringen dürfte - hört, dürfte das nicht ohne Weiteres geschehen). Die Solarwirtschaft hat schön vorgerechnet, wie wir den Weltenergiebedarf decken könnten:

- 3,5 x mit der Sonne
- 1 x per Erdwärme
- 0,5 x per Windenergie
- 0,4 x per Biomasse
- 0,15 x per Fließwasserkraft
- 0,05 x per Meeresenergie.

Nur 13 % der geeigneten Dachflächen in Deutschland würden die Photovoltaik (für Sonnenenergie) nutzen. Und die Uranvorräte gingen in dreißig Jahren eh zur Neige. Das mag einerseits beruhigend sein. Pech nur,  dass die dreckige Kohle erst in 200 Jahren ausgeht und etliche neue Kohlekraftwerke den Energieausfall  infolge der Abschaltung von Kernkraftwerken mitkompensieren sollen ...

Eine Welt, die so ihren Energiebedarf deckt, wie die Solarwirtschaft es ausmalt, werde ich jedoch nicht mehr erleben. In der Übergangszeit wäre es mir ganz recht, wenn die Art der Energiegewinnung, die bisher die wenigsten Toten mit sich brachte, also die Kernenergie, verfügbar bliebe. Ich habe auch keine Lust auf entsprechend höhere Strompreise. Diese erbärmliche Panikmache der Deutschen, der fast kein Politiker mehr Einhalt gebietet, weil es offenbar keinen mehr mit genug Verstand, Vernunft und Rückgrat gibt, hat sich ja gerade auch im EU-Normen verletzenden Gurken-Boykott infolge der EHEC-Hysterie bestätigt. Und zu allem Überfluss wollen nun alle sich ihre maßgebliche Rolle beim Atomausstieg auf die Fahnen schmieren, auch die, die es einst verbockt hatten. Soviel Irrsinn entspricht der Stufe 7 auf meiner Bullshit-Skala. Und bevor einer mir mit Endlagern kommt, weil er bisher nur von Gorleben gehört hat, möge er das mal bei Wikipedia nachlesen.

Mittwoch, 1. Juni 2011

Wer ist ein Nazi?

In einem intelligenten Beitrag hat der ehemalige Oberstaatsanwalt und immer noch Filmspezialist Dietrich Kuhlbrodt - pikanterweise in "der Freitag" - eine Art Verteidigungsschrift für den Filmemacher Lars von Trier verfasst, der bei den letzten Filmfestspielen von Cannes zur persona non grata erklärt worden war, nachdem er auf einer Pressekonferenz zunächst seine Vorliebe für nationalsozialistische Ästhetik, dann den Wunsch, ein Jude zu sein bekundet und schließlich gesagt hatte: "Ich bin ein Nazi." Mir war sofort klar, dass man einen solchen Satz aus seinem Mund wie aus dem eines Harald Schmidt nehmen sollte, als blanken und herausfordernden Zynismus. Denn ich hatte ihn schon einmal gehört, vor vielen Jahrzehnten von meinem Vater.

Damals hatte ich ein wenig Ahnenforschung betrieben und mich u.a. mit dem Dritten Reich befasst. Schließlich stellte ich die Frage, die so viele Söhne ihren Vätern stell(t)en, wenn diese am Zweiten Weltkrieg teilnahmen. Mein Vater war Jahrgang 1927. Viele Patronen konnte er offenbar nicht abfeuern, erzählte stattdessen, wie sie als Minderjährige mit Suppenkübeln durch Wälder eilten. Er geriet aber in französische Gefangenschaft und musste dort unter Tage arbeiten (wo, wie er betonte, die marokkanischen Aufseher die unmenschlichsten waren, während er mit den Franzosen auch später noch Freundschaft hielt). Ich bohrte und bohrte, wollte wissen, was er im Krieg so angestellt hatte. Schließlich sagte er entnervt: "Ja, ich war ein Nazi."

Es ist fast wie mit Judenwitzen - Juden selbst dürfen sie natürlich erzählen, alle anderen sollen vorsichtig sein. Darum durfte mein Vater, ein gelernter Landwirt, als Betroffener auch einen zynischen Schlusspunkt zu unserem Gespräch setzen, ein 55-jähriger dänischer Künstler darf dies jedoch nicht ungestraft tun. Freiheit des Geistes sieht anders aus. Wie heißt es doch so schön: Man beurteile einen Menschen nicht nach seinen Worten, sondern nach seinen Taten. Mein Vater musste sich darum auch bei niemandem weicheiig für seinen Satz entschuldigen. Der dänische Regisseur tat es - und damit der Meinungs- und Redefreiheit  wie der Aufgabe eines Künstlers so wenig einen Gefallen wie die Verantwortlichen des Filmfests.


(Abbildungen: Beim Aufräumen des Kellers meiner Mutter haben wir vor ein paar Wochen diese Schulunterlagen mit Schreibübungen meines Vaters entdeckt. Die Beilage zum Abschlusszeugnis kann einen ob ihrer kräftigen Worte zur Heimatliebe - wenn man den "Führer" wegstreicht - durchaus beeindrucken; zu meiner Zeit gab es beim Abitur einen läppischen Text von Alexander Solschenizyn, von einem Schuldirektor, der den Eindruck eines Kommunistenhassers gemacht hatte.)