Donnerstag, 30. September 2010

Bankei - Honshin no Uta (I)
Das Lied vom ursprünglichen Geist

(Das Lied vom Ursprünglichen Geist (Honshin no uta) hat viele Namen. Es ist auch als "Amagoi-uta" bekannt, ein "Gebet um Regen", weil Bankei damit einst eine Dürre bekämpft haben soll. Andere nennen es "Odori-uta", ein "Tanzlied", und Bankei soll es Kindern zur Instruktion hinterlassen haben. Wieder andere glauben darin ein "Mühlenlied" (Usuhiki-uta) zu sehen, dass beim Mahlen von Getreide gesungen wurde.)

Ungeboren und unvergänglich ist der ursprüngliche Geist.
Erde, Wasser, Feuer, Wind
   - eine zeitweilige Unterkunft für die Nacht.
Gebunden an dieses flüchtige, brennende Haus,
entzündest du selbst das Feuer und nährst die Flammen,
die dich verzehren.

Denk an die Zeit zurück, als du geboren wurdest:
Du kannst dich an nichts erinnern!
Halte den Geist deines so in die Welt Kommens aufrecht,
und sogleich sind Körper und Geist ein lebender Tathagata.

Gedanken daran, was gut und was schlecht ist,
sind nur von diesem deinen Selbst abhängig.
Im Winter bringt ein Lagerfeuer Freude,
doch zu welchem Ärger wird es im Sommer!
Selbst die Brisen, die du im Sommer liebtest,
werden schon zur Plage, bevor der Herbst vorbei ist.

Hast du Geld, schaust du auf die Armen herab -
hast du vergessen, wie es war, als du selbst arm gewesen?
Das Geld, das du im Leben
   mit einem Dämonenherzen angesammelt hast,
wirst du mit Schrecken und Angst beäugen,
   weil es von hungrigen Geistern begehrt wird.

Dein ganzes Leben wirfst du weg im Durst nach Gold,
doch am Ende deines Lebens erkennst du:
   All dein Besitz war nutzlos.
Anhaften, Begehren und so fort -
   in meinem Geist sind sie nicht,
darum kann ich heute sagen: Die ganze Welt ist mein!

Dein Begehren nach der Geliebten
   existiert nur in der Gegenwart,
aufgrund der Vergangenheit, bevor du ihr begegnet bist.
Sich an jemanden zu erinnern heißt: Du kannst nicht vergessen.
Sich nicht an jemanden zu erinnern: Du hast niemals vergessen.

Denkst du an die Vergangenheit,
   kommt sie dir wie ein Abendtraum vor.
Erkenne dies und du weißt: Alles ist nur eine Lüge.

Wer vom Leben in dieser fließenden Welt des Leides verbittert wird,
peinigt sich selbst und belastet sein Denken,
indem er über sinnlosen Träumen brütet.

Da letztlich diese fließende Welt unwirklich ist,
halte nicht an den Dingen in deinen Gedanken fest,
sondern gehe hin und singe!

Mittwoch, 29. September 2010

Bankei - Gedichte (III)

Was bedeutet das schon: das alte Jahr, das neue Jahr?
Ich strecke meine Beine aus und habe allein einen ruhigen Schlaf.
Sagt nicht, die Mönche würden keine Lektionen erhalten:
Hier und dort singt die Nachtigall: das höchste Zen!

********

Im Frühling die Kirschblüten,
im Herbst das Herbstlaub.
Die verschiedenen Formen der Natur, so wie sie sind:
Worte des Dharma.

********

Gut ist schrecklich,
schlecht ist schrecklich
und schrecklich ist ebenfalls schrecklich.
Die Dinge und Ereignisse 
sind nur das Ergebnis der Umstände.


(aus: Bankei zenji zenshû)

Dienstag, 28. September 2010

Bankei - Gedichte (II)

Der GEIST stimmt mit allen Umständen überein,
   doch weder entsteht noch vergeht er.
Die Weisen vergangener Zeiten priesen dies als Zazen.
Blinde nutzen ihre Sitzkissen ab, während sie auf Erleuchtung warten,
als wollten sie einen Spiegel machen, indem sie einen Ziegel polieren.

********

Das "Große Wirken" manifestiert sich ohne feste Regeln,
begegnet jeder Situation nach ihrer Art, nie zu früh, nie zu spät,
stößt vor, zieht sich zurück, schreitet voran, weicht zurück -
   all dies findet jenseits des Bereiches der Gedanken statt.
Wenn du in Harmonie mit dem GEIST stehst,
   bewegen sich Arme und Beine von selbst.

********

(Erläuterung für einen Konfuzianer)

Von Anbeginn kennt der Große Weg keinen Unterschied
   zwischen weltlich und überweltlich,
lass Buddhismus und Konfuzianismus an ihre Quelle zurückkehren,
   und alle Unterschiede verschwinden.
Wenn du es direkt durchdringst, ohne Worte und Buchstaben,
dann kannst du vorwärts oder rückwärts gehen,
   alles, was du tust, erzeugt eine belebende Brise.*

(* d.h., alles ist in der Sphäre der Erleuchtung)

Montag, 27. September 2010

Bankei - Gedichte (I)

Worten hinterherjagend, Phrasen verfolgend,
   wann wird es je genug sein?
Ihr macht euch selbst fertig,
   indem ihr Kenntnis anhäuft und über alles Bescheid wisst.
Die Selbst-Natur ist leer und erleuchtend,
   lasst die Dinge sich also um sich selbst kümmern.
Ansonsten habe ich euch nichts zu geben.

********

Es reicht weiter als Vergangenheit und Gegenwart 
   und durchdringt das gesamte Universum,
schaust du danach, kannst du es nicht finden, doch wenn du es rufst,
dann antwortet es mit einer saitenlosen Laute,
   einer lautlosen Melodie.
Das hat nichts damit zu tun, ob man Mönch oder Laie ist.


********

Nicht wütend, wenn misshandelt, nicht glücklich, wenn gepriesen - 
ein großer Einfaltspinsel im Universum!
Mich an die Umstände anpassend,
   trägt es mich nach Nord, Süd, Ost und West,
ohne dass ich meine Hässlichkeit und mein Ungeschick
   Himmel und Erde verbergen müsste.

(aus: Bankei zenji zenshû)

Sonntag, 26. September 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 81

Verwandlung in einen Büffel

Wann immer ein Neuling eintraf, fragte ihn Meister Tôzan Gyôsô: „Was hältst du von der Geschichte, nach der Meister Isan sich in einen Büffel verwandelt?“ Doch niemand bewies Verständnis. Als Meister Setchô ankam, fragte ihn Tôzan dasselbe. Setchô antwortete: „Er wollte denen, die nach ihm kamen, ein Beispiel geben.“ Tôzan setzte gerade zu einer Erwiderung an, als Setchô sein Sitzkissen schwang und sich zum Gehen bereit machte. Tôzan sagte: „Komm her!“ Setchô erwiderte: „Ich war bis jetzt noch nicht in der Halle.“[1]


Meister Kidô

Frage stattdessen: „Was hat der Büffel gesagt?“

 Meister Hakuin

Das Biest!


   [1] Um die Eintrittszeremonie ins Kloster zu vollziehen.

Samstag, 25. September 2010

Dumoulins Traditionstafeln und die Zen-Spülmaschine

Zunächst der Hinweis auf die Traditionstafeln (lineage charts) aus Heinrich Dumoulins "Geschichte des Zen-Buddhismus", die hier als pdf vorliegen:

Außerdem habe ich eine amüsante Glosse von Eugen Pletsch (Golf Gaga) bekommen. Hier ist seine Website.

Freitag, 24. September 2010

Verse von Heoeungdung Bon (1515-1565)

Kam wie ein Geist,
dann fünfzig Jahre Verrücktsein.
Mit Ruhm und Schande ist's nun vorbei,
die Maske ist gefallen.

Donnerstag, 23. September 2010

Verse von Mangong (1871-1946)

Ich habe mich nie von dir getrennt
und du hast mich nie verlassen.
Bevor einer von uns aufgetaucht ist,
was war da?

Mittwoch, 22. September 2010

Die falschen Ansichten von Thich Nhat Hanh (III)

(Zum Todestag Dôgen Zenjis hier ein Podcast.)
 
9) S. 96: "Es gibt viele sichere Dinge, auf die wir uns stützen können - die Erde, die Luft, den Buddha, das Dharma, die Sangha."
   Ein Haitianer und ein Anwohner Tschernobyls würde da zurecht zweifel äußern. Auch der Zen-Buddhist soll dies tun: "Wenn du den Buddha triffst, töte ihn." DAS ist die Erziehung zu einer kritischen Haltung, auch Lehrern gegenüber, wie sie TNH nicht brauchen kann, weil er viele Menschen um sich scharen möchte.

10) "Die moderne Psychologie untersucht psychische Phänomene nur an ihrer Oberfläche." (S. 113) Hört, hört, das könnte Woody Allen sagen, der nach einer fast lebenslangen Tiefenanalyse zum Schluss käme, es habe nichts gebracht. Vorher bringt er uns aber alle nochmal kräftig zum Lachen.

11) Wie sichert man sich seinen Expertenstatus auf dem Buddhismus völlig frachfremden Gebieten? Hiermit: "Diese (buddhistischen) Grundsätze können auch angewandt werden, um unsere Umweltprobleme zu lösen, zum Beispiel den Treibhauseffekt und das Schwinden der Ozonschicht." Nein, mit TNHs Grundsätzen ist das unmöglich. Zum Treibhauseffekt trägt z.B. das Abholzen des Regenwaldes bei, das in großem Stil von Kriminellen begangen und unterstützt wird. Da helfe nur eine Armee, die die besseren Waffen hat. Wenn man jedoch meint: "Flüsse, Meere, Wälder, Berge, Erde und Steine - sie alle sind unser Körper" (S. 123), dann kann ich das nachvollziehen, so lange von Nieren- und Gallensteinen die Rede ist.

12) Und nun wieder der Klops des Tages. Im Diamant-Sutra heißt es:

   "'Was meinst du, Subhuti? Kann man über den Buddha meditieren mit Hilfe der zweiunddreißig Merkmale?'
   Subhuti sagte: 'Ja, Weltverehrter. Wir sollten die zweiunddreißig Merkmale benutzen, um über den Tathagata zu meditieren.'
   Der Buddha sprach: 'Wenn du sagst, du kannst die zweiunddreißig Merkmale benutzen, um den Tathagata zu sehen, ist dann der Cakravartin ebenfalls ein Tathagata?'
   Subhuti sagte: 'Weltverehrter, ich verstehe deine Belehrung. Man sollte NICHT die zweiunddreißig Merkmale benutzen, um über den Tathagata zu meditieren.'"

   Alles klar? Das "NICHT" wurde von mir hervorgehoben. Die Lehre der 32 Merkmale (u.a. wird da der - medizinisch als krankhaft angesehene - Rückzug des Penis in den Körper genannt, der Plattfuß, 44 Zähne und lange Affenarme bis zu den Knien) wird im Diamantsutra als Bullshit enttarnt. Was aber meint TNH: (S. 124) "Das bedeutet nicht, dass die Meditation über den Buddha vermittels der zweiunddreißig Merkmale falsch ist." Aber natürlich ist sie das. Aus welcher Zen-Überlieferung leitet TNH denn bitteschön die Meditation über Plattfüße ab?

Erst in der Zusammenfassung am Ende dieses Buches deutet sich eine korrekte Zen-Sicht an, als hätte TNH diese von irgendwo abgeschrieben, aber bei der Analyse der einzelnen Textabschnitte nicht adäquat umgesetzt (also nicht wirklich verstanden). Ironischerweise schreibt er selbst (S. 135): "Beobachten wir eine Person, die uns dieses Sutra vermittelt, können wir normalerweise ganz genau sagen, ob sie es im Geist der Zeichenlosigkeit tut. Wir können hören oder spüren, ob die Erklärungen von der Idee getragen werden: 'Ich bin die Person, die dieses Sutra lehrt, und du bist die, die zuhört.'"
   Ja, genau so wirken die Belehrungen TNHs auf mich.

Dienstag, 21. September 2010

Die falschen Ansichten von Thich Nhat Hanh (II)

Es geht weiter. TNH konnte einst nicht an einen Baum pinkeln.
   5) S. 52: "In dem Augenblick, in dem ich auf den Baum zutrat, empfand ich so großen Respekt für seine Schönheit und Würde, dass ich mich nicht überwinden konnte, vor ihm zu pinkeln. Es schien mir unhöflich, ja respektlos zu sein. (...) Nachdem ich das Diamant-Sutra studiert hatte, erkannte ich, dass auch das Holz, die Fliesen und der Zement [im Badezimmer] wundervoll und voller Leben sind, und ich fühlte mich nun sogar unbehaglich, wenn ich meine eigene Toilette benutzte. (...) Inzwischen kann ich in der freien Natur pinkeln, mit großem Respekt für die Bäume, die Büsche und mich."
   TNH, ein Fall für den Psychologen? Eher befremdet hier sein Unwissen, seine Naivität. Kann man mit einer solchen den Buddha-Dharma überhaupt adäquat erfassen? Hat TNH nicht gelernt, dass Urin steril ist und er durchs Pinkeln dem Baum zu trinken gegeben hätte? Ich dachte, TNH hätte in Vietnam Berührung mit dem Landleben gehabt. Dort sammelt man die Ausflüsse von Tieren (Jauche) und verteilt sie als Dünger auf dem Feld, um die nächste Ernte zu verbessern. Das Diamantsutra ist jedenfalls alles andere als eine Pinkelhilfe.

6) S. 54: "Viele vietnamesischen Boat People hatten bei ihrer Reise auf hoher See nur eine Abschrift des Herz-Sutra bei sich. Rezitieren wir diesen Prajnaparamita-Text mit wollkommener Aufmerksamkeit, dann werden wir ohne Angst sein." 
   Hier endet TNHs betuliche Schilderung. Keine Rede von den Boat People, die das Herz-Sutra rezitierten und dennoch ertranken. Was war in diesem Fall entscheidender: dass sie womöglich keine Angst hatten, oder dass sie ertranken? Wir sollten hier aufpassen. Auch Taisen Deshimaru Roshi erzählte einmal, wie er - ebenfalls bei einer Überfahrt auf See - das Herz-Sutra rezitierte bzw. schrieb und darauf sein Überleben zurückführte. Dies ist nur sentimentales Gerede. Was uns das Herz-Sutra lehrt, ist etwas ganz anderes, es verweist nicht auf eine Abhängigkeit von sich selbst, sondern über sich hinaus: Zen ist die Wahrheit AUSSERHALB jeder Sutren. Es ist nicht möglich, durch Rezitieren des Herzsutras eine Welle von sich abzuwenden. Fast alle Scharlatane im Buddhismus erkennt man daran, dass sie - mehr oder weniger offen - Methoden zur Allmacht des Menschen daherreden oder gar lehren. Man kann solche Geschichten wie TNH und Deshimaru erzählen, aber man darf die Erzählung nicht an der falschen Stelle abbrechen.

7) Besonders beliebt machen sich buddhistische Lehrer gern in Sachen interreligiöser Dialog. Statt auf Unterschiede hinzuweisen, verwischen sie diese. TNH ist einer von denen, die nicht erkennen wollen, wie fundamental sich schon Theravada- und Mahayana-Buddhismus unterscheiden. Doch dazu gleich mehr. Zunächst sagt er übers Christentum (S. 78):
   "Bei seinem letzten Mahl zum Beispiel hielt Jesus ein Stück Brot in die Höhe, teilte es mit seinen Schülern und sagte: 'Freunde, esst dieses Brot. Es ist mein Fleisch, und ich reiche es euch dar.' Als er den Wein einschenkte, sagte er: 'Dies ist mein Blut, das ich euch darreiche. Trinkt es.' - Vor vielen Jahren traf ich einmal Kardinal Danielou in Paris, und ich sagte zu ihm: 'Ich denke, Jesus lehrte seine Schüler die Praxis der Achtsamkeit:'"
   Das ist allerhand. Auch hier übersieht TNH das wesentliche der Metapher: Fleisch und Blut. Zuallererst hätte er verstehen müssen, dass die Sprache von Jesus nichts mit TNHs Achtsamkeit zu tun hat, aus der dieser z.B. den Vegetarismus ableitet. Ich sage es noch einmal: Nicht Fruchtfleisch und Pflanzensaft, sondern "Fleisch und Blut". Doch die Zuhörer und Leser bevorzugen Harmonie, und TNH erschafft sie.

8) Und nun zum Klops des heutigen Tages. Es geht um die "Einmal-Wiederkehrer" und "Nie-Wiederkehrer". Dazu führt TNH auf S. 82 aus: "Doch in Wahrheit kommen wir von nirgendwoher und gehen nirgendwohin. Und darum sagen wir, dass eine solche Person ein Einmal-Wiederkehrender ist." 
   Sprachlich logisch wäre an sich ein "Nie-Wiederkehrender", doch hier wiederholt TNH den  untenstehenden Wortlaut aus dem Diamant-Sutra. Dieses wurde bereits in klarer Abgrenzung zu Theravada-Doktrinen verfasst, und man sollte genau verstehen, wo die alten Lehren abgelehnt werden und wo nicht.  Im Folgenden wird etwas anderes betont, nämlich, dass es niemanden gibt, der wiederkehrt. Die Stelle im Diamant-Sutra:

   "'Was glaubst du, Subhuti, denkt ein Einmal-Wiederkehrender: 'Ich habe die Frucht der Einmal-Wiederkehr erlangt'?'
   Subhuti erwiderte: 'Nein, Weltverehrter. Warum? Einmal-Wiederkehr bedeutet gehen und noch einmal wiederkehren; aber in Wirklichkeit gibt es kein Gehen, genauso wie es kein Wiederkehren gibt. Das meinen wir, wenn wir Einmal-Wiederkehrender sagen.'
   'Was glaubst du, Subhuti, denkt ein Nie-Wiederkehrender: 'Ich habe die Frucht der Nie-Wiederkehr erlangt'?'
   Subhuti erwiderte: 'Nein, Weltverehrter. Warum? Nie-Wiederkehr bedeutet nicht in diese Welt zurückzukehren; aber in Wirklichkeit kann es so etwas wie Nie-Wiederkehr nicht geben. Das meinen wir, wenn wir Nie-Wiederkehrender sagen.'"

TNH muss die korrekte Deutung dieser Textstelle ablehnen, weil er in seiner Lehre Theravada und Mahayana krude mischt. Was oben gesagt wird ist, analog zum gestrigen Punkt 4), dass sowohl 'Einmal-Wiederkehr' wie 'Nie-Wiederkehr' nur Konzepte ohne Substanz sind. Noch einmal: Die aus dem Pali-Kanon abgeleiteten Konzepte des "(Nicht)-Wiederkehrens" sind substanzlos. Es heißt nicht: Wir kommen nirgendwo her und gehen nirgendwohin. Vielmehr wird der Kreislauf der Wiedergeburten abgelehnt. Das Sutra besagt nämlich: Es gibt keinen, der wiederkehrt. Die Ausrichtung ist nicht auf Vergangenheit oder Zukunft, sondern auf das Hier und Jetzt. Der Erkenntnisweg könnte vielleicht so beschrieben werden:
 - Ich bin. (Illusion)
 - Ich bin nicht. (Erkenntnis der Leere)
 - Ich bin hier und jetzt (nichts). (Vereinigung der relativen mit der absoluten Erkenntnisebene)
 Wenn der erste Satz "1" wäre und der zweite "0", ergäbe sich im Grunde eine paradoxe Gleichung "1=0". Danach bestätigen wir das Leben, wie es ist.
 TNH kritisiert im Zusammenhang damit den Glauben an "eine Lebensspanne". Doch es ist nicht das Bewusstsein einer Lebensspanne, sondern das Festhalten am Selbst, das uns Probleme bereitet. Darum konnte mir einst ein weiser Obdachloser, als wir einem Plakat des Dalai Lama gegenübersaßen, auf die Frage, ob er an die Wiedergeburt glaube, antworten: "Oh nein, dann wäre dieses Leben ja sinnlos." Das heißt, Menschen können tatsächlich aus dem Glauben an "eine Lebensspanne" Trost beziehen statt Kummer. Halten sie jedoch am Selbst fest, ist dies der Grund für ihr Leiden.
   Die Kritik am Theravada ist viel schärfer, als uns TNH glauben machen will, wie wir auch morgen sehen werden.

Montag, 20. September 2010

Die falschen Ansichten von Thich Nhat Hanh (I)

Im Folgenden, und aus Anlass einer kommenden Neuveröffentlichung des Diamantsutras (in Zusammenarbeit mit einem koreanischen Zen-Zentrum in Berlin), möchte ich mich mit den kruden Lehren des vietnamesischen falschen Zen-Buddhisten Thich Nhat Hanh (künftig: TNH) beschäftigen. In einem Forum wurde ich mal gefragt, was mich denn an seinen Aussagen konkret befremde. Damals fasste ich meine Kritik allgemein zusammen, wollte aber noch einmal anhand seiner Schriften seine Manipulationsversuche und seine Verwirrung konkret aufzeigen.
   Grundlage ist sein Buch "Das Diamant-Sutra" (engl. "The Diamond that cuts through Illusion") in dem Sammelband Über die Worte Buddhas (Theseus Verlag 1995). Ich hangele mich chronologisch durchs Buch.

1) Auf S. 39 spricht TNH über die Bettelgänge: "Selbst wenn ein Mönch weiß, dass die Menschen in einem bestimmten Haus unfreundlich sind und ihm kein Essen geben werden, so muss er doch auch zu diesem Haus gehen und für einige Minuten dort stehenbleiben ..." Schon auf der folgenden Seite jedoch schreibt TNH über den Buddha, der bevorzugt Bodhisattvas unterstützt: "Es ist Energieverschwendung, die zu unterstützen, die nur für sich selbst leben und andere vergessen." Zum einen betont TNH die Praxis der Unterschiedslosigkeit, nach der vor jedem Haus gebettelt wird, zum anderen rechtfertigt er das Unterscheiden von Menschen je nach ihrer Neigung zum Buddha-Weg. Dieser Widerspruch bleibt ungeklärt. Dabei ist es ganz offensichtlich auch eine Energieverschwendung, vor den Häusern der Menschen zu betteln, die einen verachten und einem nie was in die Bettelschale geben, um im Sinne von TNHs Logik zu bleiben.

2) S. 44: "Doch er erfuhr diese karmische Wirkung als Resultat einer vergangenen Handlung, von der noch immer Energie weiterwirkte, bis sie zur Ruhe kommen konnte. Das bedeutet aber nicht, dass der Buddha nach seinem Tod nicht vollständiges Verlöschen verwirklicht hätte." Müssen wir uns hier nicht fragen: Woher weiß TNH dies, wenn doch karmische Wirkung das Resultat einer Handlung sein kann, an die man sich gar nicht mehr erinnert, die also nie sicher irgendeiner vergangenen Tat zugeordnet werden kann? TNH will hier jene Kommentatoren ablehnen, die an ein "restefreies" Nirvana erst nach dem Tod glauben, wenn die 5 Daseinselemente (skandhas) erloschen sind. Er schreibt weiter: "Obgleich ihre Körper existieren und sie auf den Wellen von Geburt und Tod dahinziehen, leiden sie nicht. Die Leidensreste im unvollständigen Nirvana [d.h. dem "mit Rest"] liegen also nicht in den fünf Daseinsgruppen begründet. Es handelt sich vielmehr um ein Leiden, das als die karmische Wirkung vergangener Handlungen übriggeblieben ist."
   Wenn man das Leiden so mystifiziert, lässt sich alles Leiden in der Welt mit dem Hinweis auf eine späte karmische Reifung irgendeiner missratenen Tat in der Vergangenheit erklären. Diese Erklärung dient natürlich einem möglichst plausiblen Lehrgebäude, wie es TNH gerne entwerfen möchte. Er übersieht jedoch, dass es dann auch unmöglich ist zu wissen, ob nicht solches karmische Reifen erst nach dem Tod sich auswirkt (selbst beim Buddha), zumal TNH es für einen Fehler hält, nur an ein Leben zu glauben: "Diese falsche Auffassung wird 'Auffassung von einer Lebensspanne' genannt." (S. 51)

3) Besonders beliebt sind TNHs Einsprengsel zu Umwelt- und Naturschutz, der Verbundenheit mit dem Kosmos und dem Getier. "Sie (andere Menschen) sehen es sofort; sie erkennen es daran, wie wir eine Katze, eine Raupe oder eine Schnecke behandeln. Wenn wir Geschirr abwaschen, legen wir dann die Essensreste beiseite, um die Vögel damit zu füttern?" (S. 45)
   Man muss kein Vogelkundler sein, um zu wissen, dass es im Allgemeinen unnötig ist, Vögel zu füttern, wenn sie vorher nicht gerade in einen Käfig gesteckt wurden oder ausgesprochen niedrige Temperaturen herrschen. Der Witz ist jedoch, dass wir genau die vorher genannten Tiere, nämlich Schnecken und Raupen, den Vögeln hinlegen müssten, wenn wir ihnen ihren üblichen Speiseplan gönnen wollten. In der allgemeinen Betulichkeit der TNH-Reden geht auch so etwas unter.

4) Kommen wir zum größten Klops für heute. Es geht um folgende Passage aus dem Diamant-Sutra:

   "Und wenn die nicht zu zählende, unermessliche, unendlich große Anzahl der Wesen befreit ist, denken wir nicht, dass auch nur ein einziges Wesen befreit ist.
   Warum ist das so? Wenn, Subhuti, ein Bodhisattva an der Vorstellung festhält, dass ein Selbst, eine Person, ein Lebewesen oder eine Lebensspanne existiere, dann ist er kein echter Bodhisattva."

Zwischden diesen beiden Absätzen meint TNH in Anspielung auf ein faules Mitglied einer Gemeinschaft:        
    "Unterscheidet ihr während eurer Arbeit nicht zwischen der Person, die die Arbeit verrichtet, und der, die es nicht tut, so handelt ihr wahrhaft im Geist der Nicht-Form." (S. 48).
   So also liest TNH die Sutren. Das gleicht einer mittleren Katastrophe. Tatsächlich ist in obigem Abschnitt davon die Rede, dass es keine Befreiung eines Wesens geben kann, weil das Wesen an sich "leer" oder auch "schon befreit" ist. Dies ist der Kern der Zen-Lehre. Es geht nicht darum, dass wir nicht "einen Befreiten von allen Befreiten" unterscheiden sollten. Keineswegs geht uns nach der Erkenntnis der Leere (shunyata) auf einer horizontalen Ebene (also im Samsara, wie wir etwa auch bei Masao Abe lesen können) die eigentliche "Unterscheidungskraft" flöten. Genau darum können wir einem Faulen auch sagen, dass er faul sei, und ihn deutlich von einem Fleißigen abgrenzen. Und wir können im Übrigen wissen, dass "eine Lebensspanne" so wenig an Eigennatur hat wie "ein Lebewesen" - und dennoch beide im Samsara genau als solche existieren. Diese Dinge zu verwechseln ist ein Kardinalfehler, von dem dann viele Irrtümer TNHs ausgehen, wie wir in den kommenden Tagen noch sehen dürften.

Sonntag, 19. September 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 80

Ein Schlag auf die Nase

Meister Unmon sprach zu Meister Haryô: „Meister Seppô sagte einst: ‚Öffne die Tür, und Daruma[1] tritt ein.‘ Was meinte er damit?“ Haryô erwiderte: „Das schlägt dir auf die Nase.“ Unmon fragte weiter: „Als Shura[2] die Geduld verlor, ergriff er den Berg Shumi, stieg zum Himmel auf und forderte Taishaku[3] zum Kampf heraus. Warum aber musste er nach Japan gehen, um sich zu verstecken?“ Haryô sagte: „Du solltest besser nicht so darüber denken.“ Unmon fragte: „Was hast du dann vorhin mit ‚schlagen‘ gemeint?“ 


Meister Kidô

Haryô sollte stattdessen sagen:
„In diesem Alter solltest du es besser wissen.“

Meister Hakuin

Danke, Meister, für Eure Mühen an meiner statt.



   [1] Bodhidharma, der Begründer des Zen.
   [2] Ein legendärer Kriegsgott.
   [3] Ein legendärer Gott und Shuras Feind.

Samstag, 18. September 2010

Frauen im Islam: Die Minangkabau

Vorneweg: Was Sarrazin tatsächlich sagt.

Keine Regel ohne Ausnahmen: Kürzlich schrieb ich noch, dass der Islam den Frauen weniger Freiheiten gewähre als der (Zen-)Buddhismus. Wie um mich Lügen zu strafen, fiel mir der folgende Text ins Auge:
   "Die Minangkabau sind ein malaiisches Volk, das im Padang-Hochland von Sumatra lebt. (...) Die Mehrzahl von ihnen sind Muslime und betreiben Nassreisanbau. (...) Im Gegensatz zu anderen Ethnien in Indonesien haben die Minangkabau ein matrilineares Verwandtschaftssystem, das heißt, die Erbschaft geht von den Müttern auf die Töchter über. (...) So ergibt sich eine interessante Mischung aus dem indigenen Gewohnheitsrecht (adat) und islamischen Gesetzen, die patrilinear ausgerichtet sind. (...) In Bezug auf die rumah gadang (Wohnhäuser) obliegen den Frauen die Bestimmungsrechte, die Männer bezeichnen sich selbst als 'heimatlos'."

(Gabriele Fahr Becker: Ostasiatische Kunst (Ullmann 2008). Das Buch, eher: der Katalog, kostet nur 19,90 Euro bei einem Gewicht von über 5 kg!)

Freitag, 17. September 2010

Die Fallstricke für einen Bodhisattva

"Diese vier, Râshtrapâla, sind Fallgruben für Bodhisattvas. Welche vier? Mangel an Respekt; Undankbarkeit und Spaß an der Täuschung; Ruhm- und Gewinnsucht; Betrug und Prahlerei."

"Diese vier, Râshtrapâla, bedeuten ein Hindernis für die Erleuchtung der Bodhisattvas. Welche vier? Mangel an Glauben, Trägheit, Arroganz und Gedanken des Neides und der Eifersucht bezüglich anderen."

"Diese vier, Râshtrapâla, sollten nicht von einem Bodhisattva aufgesucht werden. Welche vier? Ein verderbender Freund; einer mit falschen Mutmaßungen über die Dinge; einer, der den wahren Dharma ablehnt; einer, der Weltliches begehrt."

"Diese vier Dinge, Râshtrapâla, führen zum Leiden der Bodhisattvas. Welche vier? Hochmut bezüglich der eigenen Erkenntnis, Gedanken von Neid und Eifersucht, ein Mangel an Hingabe, die Anwendung einer unzureichenden Erkenntnis."

"Diese vier, Râshtrapâla, sind Fesseln für Bodhisattvas. Welche vier? Verachtung anderer Menschen; die Ansicht, Versenkung durch weltliche Mittel sei religiöse Übung; das Sichgemeinmachen mit unbeherrschten, schamlosen Menschen ohne Erkenntnis; das Verbrüdern mit gesellschaftlich hochstehenden Patronen."

Donnerstag, 16. September 2010

Die Eigenschaften eines Bodhisattva (II)


"Ein Bodhisattva, Râshtrapâla, sollte vier Dingen desinteressiert gegenübertreten. Welchen vier? Dem Leben im Haushalt, Gewinn und Ruhm, dem Verbrüdern mit wohlhabenden Schutzherren und seinem Körper und Leben gegenüber."

"Diese vier Dinge, Râshtrapâla, lassen Bodhisattvas ohne Bedauern sein. Welche vier? Nicht die Moral zu verletzen, das Wohnen in der Wildnis nicht aufzugeben, mit den vier Traditionen für spirituell Hochstehende übereinzustimmen* und tiefe Gelehrsamkeit zu erlangen."

"Diese vier Haltungen, Râshtrapâla, sollten vom Bodhisattva nachgeahmt werden. Welche vier? Ein gutes Schicksal zu erlangen, indem man der Erscheinung eines Buddha begegnet; seinem Lehrer zu gehorchen und ihm frei von weltlichen Ansinnen zu dienen; Unterkünfte in abgeschiedenen Gegenden willkommen zu heißen, da man gegen Gewinn und Ruhm gleichgültig ist; Beredsamkeit bezüglich des tiefgründigen Dharma zu erlangen,indem man ihm unablässig folgt." 

"Diese vier Dinge, Râshtrapâla, reinigen den Pfad zur Erleuchtung für Bodhisattvas. Welche vier? Den Bodhisattva-Pfad für einen, der nicht getrennt von unbehinderter Einsicht ist; das Leben in der Wildnis für einen, der Heuchelei, Prahlerei und Erpressung (von Geschenken der Laien) ablehnt; das Nicht-Erwarten einer Belohnung für einen, der jeden Besitz loswird; den Wunsch nach dem Dharma bei Tag und Nacht für einen, der nicht nach den Fehlern von Dharma-Predigern sucht."

* caturnâm âryavamshânâm anuvartanatâ. Der "ârya" ist ein edler Spiritueller, die ersten drei "Traditionen" für Mönche sind: zufrieden sein mit jeder Robe (Kleidung), mit jeder Almosengabe (Nahrung) und mit jeder Unterkunft; für die vierte Tradition gibt es unterschiedliche Angaben wie die Zufriedenheit mit jedweder Medizin oder aber die Freude an spiritueller Übung und Enthaltsamkeit. 

(Foto: Zur aktuellen Sarrazin-Diskussion - Mülltüten von arabischen Nachbarn, die teils mehrere Tage neben meiner Tür lagen, obwohl die Verursacher mehrfach das Haus verließen; das Problem wurde vor einigen Jahren bereits abgestellt.)

Mittwoch, 15. September 2010

Die Eigenschaften eines Bodhisattva (I)

Das Râstrapâlapariprcchâ-Sûtra handelt vor allem vom abgeschiedenen Mönchsdasein im Walde - im Gegensatz zu einem Leben in etablierten Klöstern - und betont die Fähigkeit des Buddhisten zur Mildtätigkeit, d.h. zur Aufgabe eigenen Besitzes. In einer schönen Aufzählung von je vier Eigenschaften eines Bodhisattva antwortet der Buddha auf die Fragen des Râshtrapâla. Die interessantesten Stellen seien hier wiedergegeben. Zur Vertiefung wird empfohlen: Daniel Boucher: Bodhisattvas of the Forest and the Formation of the Mahâyâna (Honolulu 2008).

"Ein Bodhisattva Mahâsattva, Râshtrapâla, der mit vier Dingen ausgestattet ist, erlangt Reinheit. Mit welchen vier Dingen? Mit Verhalten, das tugendhaftem Neigen und Streben entspricht; mit Gleichmut gegenüber allen Lebewesen; durch das Nachsinnen über die Leere; dadurch, dass er tut, was er ankündigt."

"Diese vier Dinge, Râshtrapâla, sind Ermutigungen für Bodhisattvas. Welche vier? Das Erlangen der dhâranî*, das Erlangen tugendhafter Freunde, das Erlangen von Verständnis für den tiefgründigen Dharma, das Erlangen der Übung reinen moralischen Verhaltens."

"Es gibt vier Dinge, Râshtrapâla, die den Bodhisattvas, die im Samsâra feststecken, Freude bereiten. Welche vier? Dem Buddha (in Form der Bodhisattvas) begegnen, den Dharma vernehmen, sämtlichen eigenen Besitz aufgeben und den unfassbaren Dharma erdulden."

* dhâranî werden hier eher als einprägsame Dharma-Rezitationen denn als magische Sprüche verstanden.

(Foto: Müllplatz vor Haus in Frankfurt-Griesheim Nord  (trotz Zazen ;-) in dem der Anteil der Muslime von 0 Prozent in 1990 auf 50 Prozent in 2010 anstieg, was auf einer systematischen, aber geleugneten Ghettoisierung basiert.)

Dienstag, 14. September 2010

Mit Chenresig meditieren

"Chenresig ist die Verkörperung von Liebe und Mitgefühl, deshalb lächelt er auch voller Zuneigung alle Wesen an und versucht, sie mit den Strahlen seiner Liebe zu erreichen. (...) Als Nächstes stellt ihr euch vor euch im Raum Chenresig vor. In der Vorstellung schaut ihr, wie er zu allen Wesen lächelt, weil er möchte, dass es allen gut geht. (...) Wenn ihr eine Stelle kennt, wo es viel Leiden, Schmerz oder Not gibt, oder auch eine Stelle, an der es Umweltverschmutzung oder viel Müll gibt, könnt ihr die Strahlen auch gezielt dorthin schicken." (Fundstelle)
   Im Jahr 2000 besuchte ich den Müllberg "Smokey Mountain" in Manila (Foto oben). Wie so viele Müllberge, wuchs er ständig an. Nun habe ich endlich herausgefunden, was dafür verantwortlich ist: Die Chenresig-Meditation und tibetische Mönche! Wieder ein Beweis dafür, welche Art von Buddhismus nicht funktioniert.  
   Genauso nutzlos ist die Kalachakra-Einweihung: "On a temporary level, an empowerment prevents obstacles to practicing, such as problems with health and wealth" - auf einer temporären Ebene könne die Einweihung also Gesundheit und Reichtum bringen. Schauen wir uns die Lebenserwartung der Tibeter an: Im  Jahr 2004 liegt sie bei 67 Jahren und damit unter der von Deutschen, bei denen Kalachakra weniger verbreitet ist. 1959 lag die Lebenserwartung in Tibet sogar nur bei 35 Jahren - und da gab es Kalachakra schon. Und was den Reichtum angeht - ich kann nicht erkennen, dass gerade die Anhänger des tibetischen Buddhismus und seiner Initiationen damit besonders gesegnet sind.
   "On an absolute level, an empowerment plants the seed for enlightenment" - auf einer absoluten Ebene pflanze die Kalachakra-Einweihung den Samen zur Erleuchtung. Der Same ist jedoch in uns allen bereits gesät, es ist die ursprüngliche Buddha-Natur. Niemand kann diese säen, doch sie kann sich gewissermaßen selbst ernten.

Montag, 13. September 2010

Update zu Thich Thien Son (alias Thay)

Weil es vielleicht in der Kommentar-Funktion zu einem alten Beitrag ("Würde ein falscher Zen-Meister sich als schwul outen") unterginge, poste ich hier mal einen kürzlich eingegangen Kommentar und die Übersetzung vietnamesischer Gebetsformeln. Ich weiß, dass eine beträchtliche Anzahl von Lesern dieses Blogs auf Neuigkeiten zum Fall Thich Thien Son wartet und fasse zwischenzeitlich mal zusammen:

- Die "Deutsche Buddhistische Ordensgemeinschaft" (DBO) hat es abgelehnt, die Verantwortung für einen Ausschluss von Thich Thien Son (alias Thay) aus der Mönchsgemeinschaft (Entrobung) zu übernehmen, auch nachdem die Zeugenaussagen von Hue Gioi  vorlagen (siehe Beitrag "Für'n Arsch" über die Suche oben links). Sie verwies noch auf die Pagode Vien Giac in Hannover als Ansprechpartner. 

- Die Pagode Vien Giac in Hannover und ihr Altabt Thich Nhu Dien haben auf entsprechende Anfragen, wann das nach dem Vinaya nun fällige Ausschlussverfahren Thich Thien Sons (TTS alias Thay) aus der Pagode Phat Hue in Frankfurt eingeleitet wird, nicht geantwortet. Man muss dazu wissen, dass Thich Nhu Dien mit der DBO in enger Verbindung steht. Er ist offenbar auch mitverantwortlich für die Einsetzung von TTS als Abt.

- Auch von Seiten der Deutschen Buddhistischen Union (www.dbu.de) wurden keine besonderen Anstrengungen mehr unternommen, die nach dem Buddha-Dharma fällige Entscheidung über den lebenslangen Ausschluss von TTS aus der Mönchs-Sangha zu forcieren.

Stattdessen verwässert dieser falsche Abt weiter den Buddha-Dharma, lehrt esoterischen Krempel (Feng Shui) und baut sein kommerzielles Odenwald-Unternehmen "Buddhas Weg" weiter aus, in denen zwanzig einstündige Massagen so viel kosten wie ein zweiwöchiger Urlaub in Thailand mit Flug, Verpflegung und zwanzig zweistündigen Massagen.

Hier also nun der Kommentar und seine Erläuterung:

"Anonym hat gesagt… A Di Đà Phật , hallo du nicht machen meine Meister schlecht jaa. Meine Meister er braucht nur bissen Liebe. Das ist nick schwul. Nam Mo Bon Su Thich Ca Mau Ni Phat. Thich Hue Giac."

Eine Vietnamesin erläutert:
"Der 1. viet. Teil "A Di Đà Phật" ist die Abkürzung von der sehr populären Nianfo (Nembutsu) in Buddismus auf vietnamesisch. Der vollständige Satz lautet "Nam Mô A Di Đà Phật" (Namo Amitabha Buddha). Menschen sagen "Nam Mô A Di Đà Phật", wenn sie Buddha anrufen wollen :D.

Mehr Info kannst du unter dem folgenden Link finden :
http://de.wikipedia.org/wiki/Nianfo.

Oft wird der Satz als Anfang eines Wunsches an Buddha benutzt, oder zum Beenden einer Ansprache. A Di Đà Phật = Mein Amitaba Buddha!

Der 2.viet. Teil "Nam mô bổn sư thích ca mâu ni phật" ist auch ein Nianfo. Der gilt nicht als "Anrufen", sondern eher als ein Nianfo, um Repekt vor Buddha zu präsentieren.
Nam mô ( Namo) = Anrufung.
Bổn Sư = der Lehrer.
Thích Ca Mâu Ni = sakkamuni ( Gautama in Große Fahrzeug).
Phật = Buddha.
Nam mô bổn sư thích ca mâu ni phật = Mein Lehrer Sakkamuni Buddha!"

Sonntag, 12. September 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 79

Die Schwelle

Meister Chôkei fragte einen Mönch: „Wo bist du hergekommen?“ Der Mönch antwortete: „Von Meister Kuzan.“ Chôkei sagte: „Kuzan hat mal gesagt, er würde nie die Schwelle dieses Steintores überschreiten. Wenn jemand dich danach fragte, was würdest du antworten?“ Der Mönch erwiderte: „Letzte Nacht blieb ich im Hôji-Tempel.“ Chôkei fragte: „Was, wenn ich dir mit dem Stock auf den Rücken schlage?“ Der Mönch antwortete: „Wenn Ehrwürden mir solch einen Schlag versetzt, wird das lobenswert sein.“ Chôkei sagte: „Ich hätte dich fast entkommen lassen.“


Meister Kidô

Zündet ein Feuer an und spielt miteinander!

Meister Hakuin

Du hast Kuzan wirklich erkannt.

Samstag, 11. September 2010

Ordnung halten:
Der Film "Das Schreiben und das Schweigen"

In alten japanischen Filmen hat mich oft die Inneneinrichtung von Wohnungen fasziniert. Karg, aufs Nötigste reduziert, dennoch schön. An meiner einen Wand klebt hingegen noch eine übertriebene Fototapete, auf der eine Insel zu sehen ist. Mit einem Umzug sollte sich das ändern. Vor einiger Zeit habe ich mithilfe einiger Menschen meine Notizen teilweise ausgewertet (darunter z.B. Übersetzungen wie zu den "10 Schülern Buddhas", die ich demnächst hier nochmal einstellen werde). Meine Bücher wurden alphabetisch geordnet (mein Zen-Regal ist etwa so umfangreich wie das meiner Romane).
   Heute sah ich in einer Pressevorführung "Das Schreiben und das Schweigen", eine Doku über Ernst Jandls Lebensgefährtin, die Lyrikerin Friederike Mayröcker. Man merkte ihrem Gesicht ihr Alter (sie wurde 1924 geboren) nicht an. Doch ihre Wohnung sah aus wie die eines Messies. Da ihre Werke von Wilhelm Genazino empfohlen wurde, ist es naheliegend, ein von ihm immer wieder genanntes Gefühl zu zitieren, das mir beim Anblick ihrer Papierstapel und -wüsten kam: Ekel. Mayröcker legt Ideen in Wäschekörben ab. Sie schreibt von Hand und auf mechanischen Schreibmaschinen. Sie kann dies am ehesten bei Regen, die Sonne mag sie nicht im Zimmer haben, dann zieht es sie jedoch raus in die Natur. Solche Gefühle kann ich nachvollziehen. Was jedoch den Kult der Staatsbibliothek und des Literaturarchivs Wien angeht, die jedes Papierstück der Dichterin wie schon den Nachlass Jandls sammeln und dazu noch die Schallplattensammlung, Koffer und naive Zeichnungen archivieren - da hört mein Verständnis für den Personenkult auf. Ich erinnere mich an den Filmemacher Vlado Kristl, der in Happenings nach einem Screening seine Filme vernichtete. Das hatte mehr von einer Zen-Haltung.
   Der Film kommentiert nicht. Mehrfach spricht Mayröcker davon, wie schnell sie hohen Blutdruck bekäme. Als sie ihn einmal gemessen hat, meint sie, sie müsse Medizin einnehmen. Das Display zeigt jedoch 148 zu 83.
   Manchmal ist es besser, man weiß nicht zu viel Privates von Autoren, deren Werk man schätzen könnte.

Freitag, 10. September 2010

Konfuzianische Kritik am Zen

   Da bemerkte einer:
"Das war noch nicht alles, was jener Gelehrte gegen Euch erhoben hatte. Er erzählte außerdem von einem Zen-Mönch. Dieser sagte, dass er seit nunmehr fünfzehn Jahren danach trachte, die Selbst-Natur zu schauen (見性), und dazu Sitzmeditation praktiziere; doch bis heute sei es ihm noch nicht gelungen.* Wenn man es aber erreiche, dann müsse man vor Freude wohl in die Luft springen. Wenn jetzt aber jemand kommt und erzählt, das Herz sei leicht zu verstehen, dann müsse dieser jemand wohl ein Blender sein. Das aber ist es doch, was Ihr behauptet. Ihr sagt, dass keine besonderen Anstrengungen nötig sind; es reiche, dem natürlichen Lauf der Dinge zu folgen. Auf diese Weise versammelt ihr Tag für Tag mehr Menschen um euch, die nun ihre Zeit verschwenden. Auch sagt ihr, dass ihr die Gründe (d.i. Ursachen und Wirkungen) sehen könnt. Doch sagte dieser Zen-Mönch, dass es ihm selbst nach fünfzehn Jahren noch nicht gelungen sei, das Wesen zu schauen. Wie kann jemand wie Ihr, der ohne Bildung ist, behaupten solches Wissen zu haben? Derart waren die Zweifel dieses Gelehrten; würdet Ihr dazu etwas sagen?"

   Ich antwortete: 
"Dass dieser Mönch noch nicht weit fortgeschritten ist, steht außer Frage. Sein Denken richtet sich nur darauf, wie das Mysterium (妙) zu erkennen sei. Als Sakyamuni bei Tagesanbruch den Morgenstern erblickte, erlangte er die große Erleuchtung (悟). Als jedoch Ling Yun aus China die Pfirsichblüten sah, erlangte er dadurch keine Erleuchtung. Nach der Erleuchtung sieht man den Mond als Stern; aber wie könnte man einen Pfirsichbaum wie einen Kirschbaum ansehen, solange man noch nicht erleuchtet ist? Ist es darum etwas Bedeutendes, wenn man ohne lebendige Erfahrung ist und das Herz noch nicht im Stand der Aufrichtigkeit steht, fünfzehn Jahre lang seinen Geist und seine Energie zu vergeuden?"

* Die „Schau der Selbst-Natur“ (kenshô) ist ein zentrales Anliegen des Zen-Buddhismus und Teil seines in vier Leitsätzen zum Ausdruck gebrachten Selbstverständnisse, nämlich (1) „eine besondere Lehre außerhalb der orthodoxen Überlieferungzu sein (kyôge-betsuden), (2) „Unabhängigkeit von den Schriften“ (furyû-monji), (3) direkt auf den Geist des Menschen zu verweisen (jikishin-ninshin) und (4) „Buddhawerdung durch Einsicht in die Selbst-Natur zu erlangen (kenshô-jôbutsu).

[aus Ishida Baigan (1685-1744): Gespräch zwischen einem aus der Stadt und einem vom Land (Tohi-mondô), übersetzt von Dr. Julian Braun.]

Donnerstag, 9. September 2010

Ist der Mensch gut?

"Das bisher Gesagte stellt die Kenntnis der menschlichen Natur an erste Stelle. Wenn man die Natur erkannt hat, ist es leicht, auch entsprechend zu handeln. Auch Menzius hat gesagt, dass man um die Menschen zu leiten, ihnen zuerst die Kenntnis der menschlichen Natur lehren soll. So heißt es gleich am Anfang: 'Die menschliche Natur ist gut.'* Dies ist etwas, was Menzius entdeckt und offengelegt hat, und was von den früheren Weisen noch nicht verkündet worden war. Durch die Erkenntnis kommt man schnell zum Handeln. Wenn man sich zuerst aufs Handeln konzentriert, dann kommt man spät zur Erkenntnis. Darum ist das Erkennen der menschlichen Natur vorrangig."

* Die Lehre des Menzius von der „guten Natur des Menschen“ (性 善 説) setzte sich gegenüber der seines Konkurrenten Xunzi durch, welcher von einer verderbten menschlichen Natur ausging (性 悪 説). 

[aus Ishida Baigan (1685-1744): Gespräch zwischen einem aus der Stadt und einem vom Land (Tohi-mondô), übersetzt von Dr. Julian Braun.]

Mittwoch, 8. September 2010

Wie man sich vor Vampiren schützt

Noch einmal das Goldglanz-Sutra. Die den zehn Stufen der Versenkung entsprechenden Dhâranî-Formeln. Bitte laut vorlesen: 

   1. Tadyathâ purana manurati tuhu tuhu tuhu: yaya sûryaprabhâsa: tanti yaya cantira adiyu tanti tapati uruksana tanun prasavana kuru svâhâ!
   2. Tadyathâ urusu urusu ari ari cili cili urusura suranan sâdhu sâdhu urusu ari huru huru svâhâ!
   3. Tadyathâ tantaki bantaki karati kivurti kivurti tantari svâhâ! (Hierzu wird vermerkt: "Deshalb, wenn irgendwelche Lebewesen diese Dhâranî-Formel halten und recitieren, werden sie von den Schäden reissender wilder Thiere und von den Schäden der Yaksha und der Vampyre (Râkshasa), von den Schäden von Menschen und Nicht-Menschen, von den Schäden von Feuersbrünsten ... errettet und befreit werden.")
   4. Tadyathâ siri siri darmini darmini dari tarini siri sirini pasya pasya pasvini yantamini svâhâ!
   5.*
   6. Tadyathâ vituri vituri marani kari kari: vitura anti uru uru uru uru: curu curu turu turu bhaishajya barisu svasti sirin satvaranca sitirantu mantra batani svâhâ!
   7. Tadyathâ cahi caha caha caharu yavruhi yavruhi amrta uvani: bari sari vinutaki maruvati yanitikika binta yavrani: amrtaki mahucuyu svâhâ!
   8. Tadyatâ siri siri siri sirani viti viti kiri kiri: huru huru curu curu yantamati svâhâ!
   9. Tadyatâ hari cantaraki kurimba rati durasi bata batasi siri siri kusiri kusiri garbha siri suvasti sarin satinanaca svâhâ!
   10. *

Und hier, täterätä,  die "das gediegene Gold" genannte Mega-Dhâranî:

   Namo ratnatrayâya ya: Tadyathâ nom kudi kuti kucari kucari iriti miriti svâhâ!

(* unvollständig. Vorschlag: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah)

Dienstag, 7. September 2010

Angkor 2001

(Zwischen 1999 und 2001 wurde der Angkor Verlag gegründet, der seinen Namen den Erlebnissen in Kambodscha verdankt.)

Mit 35 Kilogramm Brillenspenden im Gepäck flog ich diesmal direkt nach Siem Reap, auch wenn aufgrund eines Monopols von Bangkok Airways die Preise für die Flüge aus Bangkok völlig überzogen sind. Dafür hatte man mich das Übergepäck kostenlos in die Propellermaschine mitnehmen lassen. Wir flogen knapp über einer Wolkendecke, Blitze zuckten um uns herum. Ich fragte mich, warum dieser Fall nicht auf meiner Videokassette gegen Flugangst behandelt wurde. Bei der Landung bizzelte es plötzlich heftig an der Stelle, an der die Nase in die Stirn mündet. Später erklärte mir mein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, dass diesem harmlosen Phänomen mit Nasentropfen (nicht Meerwassersprays) vorzubeugen wäre, es aber in manchen Fällen auch auf eine Nervenreaktion von der Halswirbelsäule aus zurückzuführen sei, die durch die Veränderung der Druckverhältnisse im Flieger bewirkt würde.
   Die Brillenspenden lösten den Anfang einer Serie von Enttäuschungen aus. Ich brachte etwa einhundert Gestelle ins Provinzkrankenhaus und erfuhr zwei Tage später, dass sie nicht etwa umsonst an die Bürger verteilt, sondern verkauft würden. Den Angestellten in meinem Hotel bot ich an, sich je eine Brille zu nehmen. Als ich von einem Tagesausflug wiederkam, war der halbe Karton leergeräumt. Dann fuhr ich mit einem Rucksack voller Gläser nach Angkor hinein. An den Ständen der Verkäufer versammelten sich schnell alte Menschen, die die Gläser an sich nahmen. Ich erklärte ihnen, dass man nur die Brille nehmen solle, die einem hilft, und sie verstanden, dass sie die Gläser sorgsam ausprobieren mussten. Dennoch griffen sich einige Kinder gleich mehrere Gestelle und rannten davon. Ich bekam den Tipp, in Tempel zu gehen, weil dort alte Menschen Zuflucht fanden. In dem Gebäude hinter der „Elefantenterrasse“ (beim Bayon) traf ich ein, als die Mönche gerade ihr Essen beendet hatten. Ein paar Jungen warteten schon darauf, die Reste davon zu verspeisen. In einer Ecke saßen Nonnen, die dankbar nach der passenden Gläserstärke suchten. So war’s schon besser. 
   Die Kinder hatten sich verändert. Ihre Forderungen waren aggressiver geworden. „Mister, one dollar“, sagten die Jungen. Joost, der ein Kinderkrankenhaus leitete, meinte zu mir, die Kinder würden sich dabei sicher keine großen Gedanken machen. Warum aber rufen sie nicht „Praam Roi“, wie die Nonne, sondern wollen gleich das Achtfache, einen ganzen durchschnittlichen Tagesverdienst für nichts? Ein anderes Kind, das bei Straßenbauarbeiten mithilft, kann am Ende eines schweißtreibenden Tages mit der gleichen Summe zufrieden sein, ein Maurer in der Stadt erhält anderthalb Dollar.
   Mit einer unangenehmen Selbstverständlichkeit brach man gegebene Versprechen. Einigte man sich per Handschlag mit einem Pickup-Fahrer darauf, zu einem bestimmten Preis mit Khmer-Freunden den Innenraum auf der Fahrt nach Phnom Penh teilen zu können, informierte einen am Tag  der Abreise der gleiche Fahrer, dass es nun zehn Dollar mehr koste. Solches passierte mehrfach, und im Gegensatz zu Thailand, wo man sich flexibel beim Handeln zeigt und einem Touristen eher hinterherläuft, als gar kein Geschäft zu machen, verhielten sich die Pickup-Fahrer in Kambodscha absolut stur. Dabei war klar, dass sie von Einheimischen deutlich weniger bekämen. Als schließlich auf einer Bootsfahrt nach Battambang statt des angekündigten Speedboots nur ein lahmer Kutter, der zweieinhalb Stunden länger dorthin benötigte, zur Auswahl stand und ich deshalb die Hälfte meines Einsatzes, immerhin einhundert Dollar, zurückverlangte, erlebte ich nicht nur, wie leichtfertig Khmer die Verantwortung auf andere schieben. Es bestätigte sich auch die Erfahrung vieler Südostasienreisender, dass bei Schwierigkeiten solcher Art die Behörden stets auf der Seite ihrer Landsleute stehen. So wurde ich bei Gericht gefragt, wie viel ich denn zahlen würde, damit der Fall zur Verhandlung käme.
   Die Tante von Ron bot sich an, einen Bekannten um seinen Pick-Up zu bitten. Sie wollte gerne umsonst mitgenommen werden. Ich willigte ein. Wir fuhren in die Stadt, der Bekannte kam herbei und wollte mich ebenfalls über den Tisch ziehen. Die Verhandlungen wurden abgebrochen, Rons Tante schwang sich auf ihr Moped und brauste heimwärts. Es war schon dunkel geworden, und da ich in der Stadt schlief, wäre es besser gewesen, wenn sie Ron und ihre Freundin mit ins Dorf zurückgenommen hätte. Ich fragte Ron, was das für ein seltsames Verhalten sei und warum ihre Tante gar nicht an sie dächte. Ich würde sie zwar gern nach Hause bringen, fände das Wegbrausen ihrer Verwandten aber doch recht egoistisch. Schon lief Ron wütend davon und nahm sich ein Mopedtaxi. Am nächsten Tag hatte sich die Sache bis in ein Nachbardorf herumgesprochen, wo man mich ausgesprochen freundlich und verständnisvoll aufmunterte.     
   Als ein mitgereister Kumpel sein Wochenticket verlängern wollte, für das er immerhin schon sechzig Dollar hingeblättert hatte, war das nicht mehr möglich. Ich hatte zwei Jahre zuvor noch für zwanzig Dollar mehr eine Verlängerung auf einen Monat erhalten, er musste nun für vier zusätzliche Besuchstage von Angkor nochmals sechzig Dollar zahlen. Als ich den Vorschlag machte, den Getränkestand von Sara, einer Freundin Saans, unter einen wunderschönen, riesigen Baum zu bringen, statt ihn meterweit von der Elefantenterrasse entfernt ins Abseits zu stellen, erfuhr ich von den widerstreitenden Kräften in Angkor. Die Polizei, die von den Ständen monatlich eine Gebühr kassierte, lag im Clinch mit der Apsara Authority, die für das Erheben von Eintrittsgeldern und den Schutz der Denkmäler zuständig ist. Würde man Saras Stand umsetzen, so ein Polizist, den ich mit der Aufsicht auf mehr Profit ködern wollte, dann würde die Apsara Authority das sofort reklamieren. Ein fotografierender Tourist hatte sich schon einmal beschwert, dass die Sonnenschirme der Stände mit ihrer Markenwerbung Aufnahmen der Tempelgebäude stören würden. Die Apsara Authority will nun die Zahl der Stände limitieren und kontrollieren. Auf der anderen Seite sind neue entstanden, weil nun auch in den Tempeln die Eintrittskarten kontrolliert werden. Kinder, die einem früher Luft und ein paar Informationen zufächelten, sind dort nicht mehr gern gesehen. Auch sie mussten stets der Polizei ihren Obolus entrichten. Inzwischen werden draußen Linien gezogen, die die Stände klar voneinander abgrenzen und vorgeben, wie weit sich die Verkäufer auf Touristen zubewegen dürfen. Den Fremden entgegenzulaufen ist nicht mehr gestattet, Zurückhaltung angesagt. Mit all diesen Restriktionen ist ein großer Teil des Charmes von Angkor und seinen Bewohnern verloren gegangen; nur ein kleiner Teil seiner nervigen Aspekte wurde beseitigt. Nicht jedem sind die robotergleich ihre Verkaufssprüche wiederholenden Kinder im Schlepptau erträglich gewesen, wollen sich doch viele Touristen mit Büchern in der Hand konzentriert der Betrachtung von alten Reliefs und Steinfiguren widmen. Mir gelang es, einen Kompromiss zu finden. 
   Als ich vor Angkor Wat zu sehr von nörgelnden Kindern belagert wurde, schimpfte ich, sie hätten kein Benehmen. Am nächsten Tag kamen sie nach und nach an den Tisch, an dem ich meine Cola schlürfte, setzten sich zu mir, malten mir Bilder mit ihren Namen darauf und sangen gefühlvolle Lieder. Ein kleines Mädchen berichtete stolz, dass ein Freund ihrer Familie sie mit nach Amerika nehmen wolle. Ihr Englisch war erstaunlich flüssig, so dass ich Zweifel daran bekam, ob es überhaupt richtig war, die Kinder in der Schule zu unterrichten und mich fragte, ob es nicht effektiver wäre, sie dort zu lehren, wo sie auch arbeiten. Das Mädchen hatte sich ihre Sprachkenntnisse auf all den Ausflügen mit dem Amerikaner angeeignet, der beruflich in Kambodscha war. Dann wischte mir ein Mädchen mit ihrer bloßen Hand den Schweiß von der Stirn. Ich denke noch heute an diese einfache und tiefe Geste. Die Khmer haben eine eigene Art, nur Gutes zu sprechen. Sie vermeiden geschickt böse Worte. Es tat mir leid, dass bei diesem Aufenthalt so viele kulturelle Spannungen auftauchten. Ich sprach kein Khmer und konnte nicht darüber kommunizieren. Viele Probleme blieben einfach unerledigt im Raum stehen. Nur durch die Kinder keimte immer wieder Hoffnung auf. Am Tag darauf testeten sie, ob ich all ihre Namen behalten hatte. Dann wollte jemand auf meinem Leihmoped Fahren üben. Schließlich kamen wieder alle herbei, und wie durch ein Wunder bauten wir während der folgenden Fahrstunden nicht einen Unfall.

Montag, 6. September 2010

Warum Sutren gefährlich sind

Was ist die Gefahr von Sutren? Dass sie uns der Realität entfremden. Dies geschieht auch im Mahayana. In den vergangenen Tagen las ich im "Goldglanz-Sutra" (Suvarnaprabhâsa), dass von Dr. W. Radloff aus dem Uigurischen (!) ins Deutsche übersetzt wurde (Osnabrück 1970, Neudruck der Ausgabe von 1930, über die Fernleihe zu bekommen). Neulich zitierte ich noch eine Stelle aus dem Sutra, die ich ganz gut fand. Bei genauerem Hinsehen  entdeckt man in dem Sutra jedoch auch eine Menge Unfug, den man auch aus anderen Schriften der buddhistischen Überlieferung kennt. Dort heißt es u.a.:

   1) "Da wir alle, bevor wir als Thiere geboren wurden, in der Menschen-Existenz Übelthaten begangen hatten, sind wir dieses Mal in der Thier-Existenz wiedergeboren worden. Wenn die Zahl der Jahre und Monate der Büssung für unsere Schuld und Sünden erfüllt und vollendet worden wäre, so hätten wir unsere jetzigen Körper verlassen und würden wiederum in der Menschen-Existenz wiedergeboren worden sein." (S. 3)
   Diese Einstellung findet man auch in anderen Sutren. Das Tier wird damit zu etwas Minderwertigem degradiert und es wird tatsächlich behauptet, ein Mensch könne als Tier wiedergeboren werden und ein Tier als Mensch. Sollten wir darüber nicht lachen? Zen als Wahrheit "außerhalb von Schriften" heißt auch: Solch einen Unsinn müssen wir nicht unterschreiben.

   2) "Es mögen alle Lebewesenkinder durchaus keine bösen schlechten Stimmen vernehmen! Dem Auge widrige nicht ersehnte schlechte Gestalten mögen sie nicht sehen! Alles möge in Bezug auf Gestalt und Äusseres schön sein!" (S. 61)
   Unfassbar! Ja, solch eine Welt wäre "schön", doch was hat sie mit unserer zu tun? Diese Textstelle zeigt uns lediglich, wie normal, illusorisch und verkommen auch die Sutrenschreiber waren.

   3) "Die Bodhisattvas ... versenken und üben sich in dem Dhyâna, welches 'die Hungersnoth, das Elend, die Krankheiten und Seuchen und die übrigen Drangsale und Leiden Anderer Vernichtende und das Bereiten der Ruhe und Freude' genannt wird." (S. 106)
   Zum einen ein Größenwahn, an solche Kräfte zu glauben, zum anderen die Gefahr, dass der Meditierende meint, die größten Sorgen der Menschen würden sich schon richten, wenn er sich nur versenkt. Das tun sie nicht. Selbst wenn sie ihm nichts mehr ausmachten, anderen schon.

   4)  "So beeilen sich die Bodhisattva in der Zeit der drei Asamkhya der hundert Mahâkalpa für die Bettler und Bittsteller sich ihre Köpfe abschneiden zu lassen, sich ihre Augen ausstechen zu lassen, ihre Haut schinden zu lassen, ihre Knochen zerbrechen zu lassen ..." (S. 123)
   Diese Stelle zeigt uns, dass es auch damals schon pathologische Masochisten gab. Das ist gefährlicher Unsinn. Und ich wette, niemand kennt einen solchen Bodhisattva. 
   Zugleich zeigt diese Stelle auch, wie man beliebig zu den eigenen Gunsten aus Sutren zitieren kann. Ich könnte nämlich genau dieses Zitat denjenigen vorhalten, die meinen, sie könnten einer Organspende nicht zustimmen, weil sie ja vielleicht noch ein Bewusstsein haben, wenn der Arzt meint, sie hätten keins mehr. Dann stünde da oben nämlich eindeutig, wozu ein Bodhisattva schon lebend bereit sein muss, wieviel mehr also erst, wenn er im Koma liegt?

   Das Zitieren aus Sutren, so stellte es sich mir in den letzten Jahren in Foren und auf Mailinglisten dar, ist oft nichts anderes als Sophisterei. Das Abschwächen ehemals drastischer Bilder zu schwächeren  modernen Metaphern und Gleichnissen ist eine Gratwanderung, ebenso der Versuch, das vor vielen hundert Jahren Gesagte auf ganz andere Lebensumstände im Hier und Jetzt anzuwenden.

(Wer dennoch daran glaubt, der möge übermorgen die unverfänglichsten Worte des Sutras lesen, nämlich die Dhârani-Formeln, die den zehn Stufen der Versenkung entsprechen.)

Sonntag, 5. September 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 78

Der Vogelschrei

Meister Kyôzan wartete auf Meister Isan, als plötzlich der Schrei eines Vogels ertönte. Isan meinte: „Er sagt es, wie es ist.“ Kyôzan riet: „Erzähl das niemandem.“ Isan fragte: „Warum nicht?“ Kyôzan erwiderte: „Weil es zu freimütig ist.“ Isan meinte: „Kyôzan ficht viele Lehren an.“ Kyôzan fragte: „Was hat es mit all diesem Anfechten auf sich?“ Da klopfte Isan drei Mal auf seinen Zen-Sitz.


Meister Kidô

Kyôzan sage: „Vor dir kann man wohl
nichts geheim halten, stimmt’s?“


Meister Hakuin

Der Riesenvogel spreizt seine Flügel und fliegt in die Wolken empor, die jede Richtung überschatten.
Der Wirbelwind wühlt die vier Ozeane auf.

Samstag, 4. September 2010

Angkor 1999 (IV)

   Als ich dem japanischen Filmteam begegnete, fiel mir ihr Dolmetscher auf, ein Khmer, der Japanisch konnte und den Namen einer Mangafigur trug: Akira. Er lud mich in sein im Aufbau befindliches Kriegsmuseum ein, dass er bald eröffnen wollte. Ich fuhr durch ein Gebiet neben der Straße nach Angkor, wo man vor allem Kriegs- und Minenopfer sowie ehemalige Bewohner von Flüchtlingslagern angesiedelt hatte. Die Lager befanden sich an der Grenze zu Thailand. Akira war Minenräumer gewesen und lange Zeit auch für die UN im Einsatz. Er hatte sich Land an dem kleinen Flüsschen gekauft, das nach Siem Reap führte, und damit vielen Einheimischen die Angst vor diesem Areal genommen, das als stark vermint galt. Noch schlief er in einem Wachturm, hinter Reissäcken und unter einem Maschinengewehr. Ebenerdig befanden sich seine Ausstellungsräume, entschärfte Minen unterschiedlichster Art, mit Hinweisschildern in verschiedenen Sprachen versehen. Akira konnte zu jeder eine Geschichte erzählen. Auch zu den Bildern mit Szenen aus dem Alltagsleben im Krieg, die er zusammen mit einem Freund gemalt hatte. Auf einem sah man eine explodierende Kuh. Akira erinnerte sich, dass die Soldaten Kühe über die Erde laufen ließen, die sie für vermint hielten. Explodierten die Kühe, war eine entscheidende Ernährungsgrundlage der Bevölkerung zerstört. Akiras Eltern waren von den Rebellen der Khmer Rouge getötet worden, die ihn ihrerseits andernorts aufgriffen und in ihre Gruppe aufnahmen. Mit zehn Jahren, das war 1983, hielt er seine erste Waffe in den Händen. Mit Dreizehn wurde er von Vietnamesen gefangengenommen, die ihm nur eine Wahl ließen: Tod oder Dienst in der vietnamesischen Armee. Fortan bekämpfte er selbst die Khmer Rouge. 1990, als sich die Vietnamesen zurückzogen, trat er ins kambodschanische Militär ein. Als er in den 90er Jahren einen Japaner kennenlernte, der nicht nur für seine Geschäfte in Kambodscha bekannt wurde, sondern auch dafür, dass er ständig junge Frauen ehelichte und ihren Eltern dafür je ein Haus und einen Brunnen baute, eignete er sich die Sprachkenntnisse jener Nation an, die wohl die meisten Touristen ins Land schwemmt. Denn Japan ist von Kambodscha nicht so weit entfernt wie europäische Länder oder gar die USA. In den 40er-Jahren hatten die Japaner sogar einmal Kambodscha besetzt, bis sie den Zweiten Weltkrieg verloren. Für die erlebnishungrigen Fotomanen aus Ostasien, deren Urlaubszeit stets knapp bemessen ist, bietet Angkor ein kulturelles Intensivprogramm.
   In Angkor Thom, meinem Lieblingsareal mit dem buddhistischen Bayon-Tempel, der von lächelnden Buddhagesichtern dominiert wird, nahm ich mein Mittagessen ein, bei Saan und ihrer Mutter, die wie die anderen Standinhaber beim Anblick von Touristen diesen rufend und winkend entgegenliefen und sie in der Landessprache ihrer vermuteten Herkunft ansprachen. „Mister, you want cold drink“ riefen sie, und „Ooni-san“. Als hätten sie alle gemeinsam das gleiche Seminar besucht, machten sie auch in ganz Angkor dieselben Fehler. Wollte man mit zwei Bekannten auf dem Moped zum Barey, einem von Grundwasser gespeisten See in der Nähe Angkors fahren, meinten sie: „We go there threegether“ – abgeleitet von „together“. In der Stadt ließ ich für Saan eine Speisekarte in Englisch und Japanisch wasserfest auf ein Schild malen, damit die Touristen schon von weitem ihr Angebot erkennen konnten. Den Schildermaler bat ich, eine bunte Zeichnung dazuzufügen. Er entschied sich für einen dampfenden Suppenteller. Einmal hatte ich Saan um eine Massage meiner verspannten Schulterblätter gebeten, was sie schüchtern ablehnte. Ich insistierte, woraufhin drei weitere Khmer gemeinsam mit ihren Fäusten auf meinen Rücken eintrommelten. Als kleines Schmankerl ließ ich deshalb, allerdings nur auf Japanisch, einen Zusatz auf dem Schild anbringen: Schultermassage – 1 Dollar. Ich dachte mir, das würde die japanischen Restauratoren, die am Bayon arbeiteten, amüsieren. 
    Zu Saans Bekannten zählte die alte Nonne Prüem, die zahnlos auf Betelnüssen herumkaute und, wenn man sie in die Seite knuffte, sich wie die Puppe einer Spieluhr schüttelte. „Praam Roi“, hatte sie mich im Bayon angesprochen und die Hände zum Gebet gefaltet. Das heißt fünfhundert und meint Riel, eine kleine Spende in Landeswährung, damals knapp dreißig Pfennige. Ich setzte mich zu ihr und bettelte mit. Mein „Praam Roi“ mit gerolltem R amüsierte bald nicht nur die Touristen, sondern auch die bessergestellten Khmer, die aus allen Landesteilen nach Angkor zur Erholung kamen. Prüems Tageseinnahmen stiegen sprunghaft an. Ich traf den britischen Mitarbeiter eines Entwicklungsprogramms für die Provinz Rattanakiri. Zur gleichen Zeit tauchten Soldaten im Bayon auf und blickten finster drein. In ihrem Gefolge ein kleiner, leger gekleideter Mann mit Brille, der mich auf Englisch ansprach. Er war ein eitler, hochrangiger Offizier, der die Soldaten als Leibwächter dabeihatte – und eine Frau, die ihn um zwei Köpfe überragte und auffällig edel angezogen war. Ihr Blick war professionell verschleiert und der Offizier meinte gackernd: „This is my chick.“ Sein Huhn verstand offenbar kein Wort. Der Entwicklungshelfer nahm den Zwischenfall zum Anlass, von einem betrunkenen Offizier zu erzählen, der ihm seinen besten kambodschanischen Mitarbeiter genommen hatte. Bei einem nächtlichen Saufgelage hatte er plötzlich seine Waffe gezogen und im Übermut seinen Kumpanen erschossen. Zur Rechenschaft gezogen wurde der Soldat nicht.    Schließlich wurde es Zeit zu gehen. Mein Visum hatte ich um zehn Tage überzogen. Ein Beamter in Siem Reap meinte, ich müsse einen Dollar pro Tag Strafe zahlen. Da ich über Phnomh Penh ausreiste, war ich kaum überrascht, dass man mir 30 Dollar abnehmen wollte. Ich protestierte und bekam daraufhin einen ganzen Stapel von Quittungen gezeigt, die über die Strafen anderer Touristen Aufschluss gaben. Regelmäßig waren drei Dollar für jeden überzogenen Tag berappt worden. Den Vogel schoss ein Chinese ab. Er war drei Monate überfällig gewesen und hatte 270 Dollar nachgezahlt. Ich drohte mit einem Artikel über diese Abzocke, dachte daran, dass man Journalisten in diesem Land vor nicht allzu langer Zeit noch erschlagen hatte und lauerte. Tatsächlich gelang es mir, den zuständigen Polizeichef auf zwei Dollar pro Tag herunterzuhandeln. Immerhin.

Freitag, 3. September 2010

Eine kurze Unterbrechung:
Thilo Sarrazin und Michel Friedman

(Heute zwei Leserbriefe, die sich auf die verlinkten Artikel beziehen. Ich fühle mich - auch anlässlich der altersschwachen Aussagen von Günter Grass in der letzten Ausgabe der Literatursendung "Druckfrisch"  - bemüßigt, meinen Senf dazuzugeben. Günter Grass hatte im Hinblick aufs Asylrecht davon gesprochen, er würde keinen Eid mehr auf die Verfassung leisten, er betrachte unser Grundgesetz als ausgehöhlt. Tatsächlich könnte man es, im Gegensatz zum Nobelpreisträger, als eine Katastrophe ansehen, eine weitere Million Türken nach Deutschland einzulassen, so wie man fortwährend ihren Beitritt zur EU betreibt. 
   Einer der wenigen lautstarken Mahner gegen eine muslimische Übervölkerung ist Thilo Sarrazin. Um es vorwegzunehmen - natürlich sind nicht alle Muslime Semiten, es werden hier also verschiedene Problemfelder nur angerissen. Und es ist wohl so, wie Wilhelm Genazino mal schrieb: Erst kommt die Armut, dann der Faschismus. Dessen eingedenk, dennoch die folgenden Worte, ehe es mit eher beschaulichen Momentaufnahmen aus Angkor weitergeht).

Zur F.A.Z:

"Dass aus Gründen der political correctness auf deutschen Intellektuellen rumgehackt wird, die Klartext reden, ist ja nichts Neues. Wenn einmal erst diejenigen zu Worte kämen, die mit den kritisierten Muslimen zusammenleben - in Vorstädten und sozial schwachen Gebieten, wo nämlich die meisten von ihnen sind -, könnte sich keiner mehr selbst was mit einer 'intellektuellen Einsamkeit' Sarrazins in die Tasche lügen. Wir wissen hier genau, was er meint. Bei uns benehmen sich tagtäglich die Kinderscharen von vielen - wenn auch nicht allen - der nicht integrierten, zuhause stets nicht Deutsch sprechenden Familien daneben. Wir sehen die Jugendlichen dealen, die Kinder Eigentum zerstören und rücksichtslos Krach machen, bis teure soziale Projekte angeleiert werden. Wir schieben ihre Kinderwägen vorm Briefkasten weg und machen die Treppe sauber, wenn sie mal wieder die Hausordnung vergessen oder sich zu schade dafür sind. Auch die Behauptungen zur Teilvererbung der Intelligenz können von etlichen Wissenschaftlern bestätigt werden - es kommt nur drauf an, wen man fragt. Es wäre also gar nichts dagegen einzuwenden, wenn man - ähnlich den einst angeforderten indischen Computerspezialisten - vornehmlich intellektuelle Muslime ins Land ließe."

Zur FR:

"Für Michel Friedman ist also die Behauptung, Juden würden sich ein Gen teilen, eine 'hochgefährliche bio-genetische Aussage'. Da erkennt man doch gleich den Demagogen. Natürlich teilen sich Menschen wie auch Ethnien Gene. Das ist das 1x1 der Genforschung, was soll daran gefährlich sein? Geben wir doch die Frage an Herrn Friedman zurück: Glauben Sie, Herr Friedman, dass Juden keinerlei Gene gemeinsam haben? Wahrscheinlich interpretieren Sie 'Juden' als eine Glaubensgemeinschaft, zu der z.B. auch Afrikaner und Ostasiaten übertreten können. Diese Menschen teilen dann vor allem den Glauben, neben einer Anzahl von Genen. 
   Herr Sarrazin meinte aber die Abstammung als Jude. Er hätte besser vom 'semitischen Gen' gesprochen. Nach DNA-Untersuchungen des Max-Planck-Institutes sind sogar Kurden - wie Aramäer, Araber und eben Juden - semitischer Herkunft. Es lässt sich demnach wissenschaftlich beweisen. Dies ist also 'das Gen', wovon Sarrazin spricht. Herr Friedman weiß als gebildeter Mensch von solchen Möglichkeiten, über die DNA die Herkunft von Menschen zu bestimmen. Die Kriminologie macht sich diese Erkenntnisse längst zunutze. Friedmans Fangfragen-Methode ist daher journalistisch unredlich." (Quelle)


[Grafik: Heierlon, wikipedia.de. Anm.: In Berlin haben ca. 80 % der jugendl. Intensivtäter einen Migrationshintergrund. Von diesen wiederum stammen laut obiger Grafik mind. 85 % aus dem islamischen Kulturkreis, d.h. dass insgesamt ca. 70 % der jugendlichen Intensivtäter in Berlin einen muslimischen Hintergrund haben - in unserer Bundeshauptstadt!]

Donnerstag, 2. September 2010

Angkor 1999 (III)

    In Siem Reap fragte ich eines Abends einen Khmer auf der Straße nach dem Weg zum Krankenhaus. Er erkundigte sich, ob mir etwas fehle. Nein, meinte ich, aber ich hätte einige Medikamente dabei, die von der Behandlung meines krebskranken und inzwischen verstorbenen Vaters übrig geblieben waren, darunter ein paar starke Schmerzmittel. Da stellte sich heraus, dass mein Gegenüber Arzt in einem Kinderkrankenhaus war. Dieses Hospital sollte ein paar Tage später offiziell eröffnet werden. Es war von einem amerikanischen Fotografen japanischer Abstammung mithilfe finanzkräftiger Freunde gebaut worden, weil sich die medizinische Versorgung des Provinzkrankenhauses in Siem Reap katastrophal darstellte. Nachdem zu Zeiten der Roten Khmer, besonders zwischen 1975 und 1979, die gesamte Intelligenz und Bildungsschicht Kambodschas ausgerottet worden war, herrscht nun extremer Nachholbedarf bei der Ausbildung von Medizinern. Das Angkor Hospital for Children (AHC), so sein Name, sollte nach acht Jahren in die Hände von Kambodschanern übergehen und bis dahin nicht nur für Kinder sorgen, sondern auch die Ausbildung von Ärzten und Krankenschwestern verbessern. Ich freundete mich mit Bonami, dem Kinderarzt, an und traf drei weitere Angestellte des Krankenhauses, die in der Pharmazie und im Labor arbeiten sollten. In den Abendstunden spielten sie auf der Veranda des Mietshauses, in dem sie alle wohnten, ein paar Partien Schach und unterhielten sich über die fesche Tochter der Vermieterin. In Siem Reap gab es kein Kino und keine Kegelbahn, nur ein paar Karaoke-Schuppen und Billardlokale. Die Nachtclubs waren meinen neugewonnen Kumpanen zu teuer, wenn auch verlockend. Zwei von ihnen waren zwar schon verheiratet, ihre Frauen aber weit weg in Phnom Penh. Sie erzählten mir, für Kambodschaner sei es nicht ungewöhnlich, arbeitsbedingt nur alle drei Monate den Ehepartner zu sehen. Für Männer galt, was ich schon in Thailand beobachtet hatte: Sie dürfen sich nach Landessitte eine junge Nebenfrau halten. Kommt ein Kambodschaner zu Geld, neigt er dazu, sich nach einer Jungfrau umzusehen. In Thailand wehren sich viele Frauen längst dagegen und verlassen ihren untreuen Ehemann; ich prophezeite meinen Freunden deshalb Ungemach. Als wir so durch die Straßen zogen und hier mal ein Heineken und dort einen Fruchtshake tranken, bemerkte ich jedoch, dass sich ihre Sehnsüchte eher in der Phantasie abspielten. Sie flirteten und schauten sich die schönen Bedienungen an, dabei blieb es. Bonami meinte dennoch, es sei heute schwer, überhaupt noch eine Jungfrau in Kambodscha zu finden. Für Asiaten hat dies nach wie vor einen höheren Stellenwert als für Westler.
   Der Leiter eines zweiten Kinderkrankenhauses namens Jayavarman VII, das an der Straße nach Angkor steht und an dem zu dieser Zeit Tag und Nacht gebaut wurde, der egozentrische Schweizer Kinderarzt und Musiker Beat Richner, hat sich mit der UNO angelegt, weil er die sexuelle Umtriebigkeit ihrer Soldaten in den neunziger Jahren für die Hauptursache der zunehmenden HIV-Infektionen hält. Damals waren die internationalen Truppen in Kambodscha stationiert, um politische Unruhen im Keim zu ersticken und die Wahlen zu sichern. Meine Bekannten sahen Richners Auslegung skeptisch. Es hatte Tests bei den Soldaten gegeben, als sie Blut spendeten, die keine signifikante HIV-Rate erkennen ließen. Wie schon in Thailand deutete das Sexualverhalten der Einheimischen selbst, die nur selten bereit sind, ein Kondom zu benutzen, einen wahrscheinlicheren Grund für die Ausbreitung von HIV an.
  Zur Eröffnung des Angkor Hospitals schlug ich vor, den kleinen gehbehinderten Bruder Rons zum ersten Patienten zu machen. Zu meiner Überraschung war nicht nur der Gründer Kenro Izu, sondern auch das japanische Fernsehen an diesem Tag anwesend und Rons Bruder wurde zum ersten Star ihrer Dokumentation. Die Ärzte empfahlen den Eltern spezielle gymnastische Übungen zur Stärkung der Muskeln des kleinen Jungen. Ron gelang es inzwischen durch ihre Englischkenntnisse den Regisseur der Doku zu beeindrucken. So sah ich das Team ein paar Tage später bei Rons Hütte wieder, wo sie noch ein paar Aufnahmen von dem Jungen machen wollten. Rons Mutter lag gerade in den Wehen, und weil man im Krankenhaus angesichts ihres fortgeschrittenen Alters und ihrer zahlreichen Kinder (von denen einige während der Pol Pot-Ära verhungert waren) bereits gewarnt hatte, diese Geburt könne für sie gefährlich werden, bat ich das Filmteam, sie in deren Minibus ins Krankenhaus zu fahren. Gerade wollten wir dem Fahrer Bescheid geben, da hörten wir aus der Hütte schon Babygeschrei. Die Mutter hatte keinen Laut von sich gegeben. Ihr Kind war einfach aus ihr herausgerutscht. Eine alte Hebamme aus dem Dorf band es ab. Dem kräftigen Kameramann trieben die Aufnahmen vom plärrenden Neugeborenen die Tränen in die Augen. Ich sagte zum Team, das wären wohl die stärksten Aufnahmen, die sie in Kambodscha bekämen, dafür könnten sie Ron doch ein Fahrrad für den Weg zur Schule kaufen. Sie waren einverstanden. Es kostete fünfundvierzig Dollar und war in China hergestellt. Wir durften uns einen Namen für das Neugeborene aussuchen und entschieden uns für einen japanischen: Sakura, die Kirschblüte.
   Immer wieder hatten mir meine Bekannten aus dem Hospital von einem schmackhaften Palmwein vorgeschwärmt, den ich unbedingt mal probieren sollte. Man könne allerdings nicht garantieren, dass er ganz sauber hergestellt sei. Ich fand heraus, dass der Vater einer Freundin Rons diesen Palmwein produzierte. Doch wann immer ich danach fragte hieß es, man würde lediglich den Palmsaft abzapfen, kochen und verkaufen. Vielleicht hatten sie schon einmal einen besoffenen Deutschen gesehen? Mich führten sie wohl an der Nase herum. Den Palmsaft schmeckte ich trotzdem, er konnte direkt vom Baum getrunken werden. Der Vater kletterte behende hoch, kam mit einem vollen Plastikbehälter herunter, die Flüssigkeit wurde durch ein Sieb geschüttet und so trinkbar. Köstlich. 
   Eigentlich wollte ich längst wieder in Thailand sein, aber die Freundlichkeit und Offenheit vieler Khmer hielt mich in Kambodscha zurück. Weil ich die Tempel gesehen und nicht allzu viel zu tun hatte, versuchte ich weiter, die Lebensverhältnisse der Dorfbewohner kennenzulernen. Dann kam mir die Idee, eine Woche lang in einer von Japanern erbauten Schule mit den Schülern Englisch zu sprechen. Ich stellte mich dem einzigen Lehrer vor, der am Vormittag zwei Stunden Khmer und Mathematik unterrichtete. Er nahm mein Angebot an, ohne selbst Englisch zu können, setzte sich in den ersten beiden Stunden meiner Tätigkeit zu den Schülern, verkürzte jedoch fortan seinen eigenen Unterricht, um eher zur Feldarbeit zu kommen, die ihn besser ernährte als sein Job in der Schule. Lehrer erhielten wie andere Beamte vom Staat nur zwischen 15 und 20 Dollar Monatsgehalt. Sie mussten sich Zusatzeinnahmen verschaffen. Häufig rechneten Polizisten, Richter und Ärzte ihre Leistungen für Beschwerdeführer, Klienten und Patienten extra ab, Lehrer fand man nicht selten beim Ackerbau wieder.
    Meine Klasse bestand aus Kindern im Alter von sieben bis sechzehn Jahren, sie waren diszipliniert, gutgelaunt, wissbegierig und von schneller Auffassungsgabe. Ihr Lerneifer hat mich völlig überrascht. Wenn ich ein Kind drannahm, erhob es sich, bevor es sprach. Am Ende des Unterrichts standen alle Kinder auf und sangen ein Lied für den Lehrer. Wieder war ich gerührt. Ein Mädchen hatte ihr Haar geschoren. Ich sprach sie darauf an und wollte gerade scherzhaft mit der Hand über ihre Stoppeln streichen, da wich sie mir kichernd aus und rannte davon. Normalerweise ist der Kopf Tabu, man berührt ihn nicht leichtfertig. Die anderen Kinder erklärten mir, der Vater des Mädchens sei gestorben. Wenn ein Elternteil in Kambodscha stirbt, wird den Kindern der Kopf kahlgeschoren. Ich hatte die Kleine schon für eine Nonne gehalten. Eines Morgens störte ein anderes Mädchen den Unterricht, weil sie ständig aus dem Fenster schaute und mich auf draußen spielende Kinder hinwies. Ich forderte sie auf, sich allein ganz nach hinten zu setzen. Das verblüffte alle. Das Mädchen fing kurz darauf an zu weinen und rannte aus dem Klassenzimmer. Abends saß ich vor der Hütte ihrer Verwandten, wo ein Fest gegeben wurde und man sich einen Fernseher nebst Videorekorder und großen Boxen geliehen hatte. Es lief ein mir unverständliches kambodschanisches Melodram in miserabler Qualität. Plötzlich tauchte jenes Mädchen auf und brachte mir wortlos wie zur Entschuldigung einen Teller voller Süßigkeiten.