Freitag, 22. Mai 2015

Amerikanisches Zen (II): Feministische Umdeutungen

Zu meiner Überraschung kann ich nach dem II. und III. Kapitel von "Hidden Lamp" das Buch nun doch empfehlen. Eine Fülle von Texten fand mein Gefallen, was auch an der Auswahl der kommentierten Geschichten lag. Ich mache mir aus Zeitgründen momentan nicht die Mühe, die Autorinnen alle zu verlinken: Pat Enkyo O'Hara (Maezumi-Glassman), Christina Feldman (Insight Meditation), Reigetsu Susan Moon (Shunryu Suzuki), Myoshin Kate McCandless (Suzuki), Catherine Genno Pagè (Genpo Merzel), Nancy Genshin Gebish (Maezumi), Tonen Sara O'Connor (Tozan Akiyama), Sobun Katherine Thana (Suzuki), Thannisara (Ajahn Chah, Chan, Reines Land), Myokei Lynda Caine-Barlett (Nichiren), Shinshu Roberts (Suzuki), Ursula Jarand (Soko Morinaga), Eve Myonen Marko (Glassman), Sallie Jiko Tisdale (Jiyu-Kennett), Laurie Scaley Senauke (Suzuki), Laura del Valle (Zoketsu Norman Fischer), Grace Schireson (Suzuki). Die vielen Nennungen von Lehrerinnen in der Suzuki-Linie täuschen etwas darüber hinweg, dass diese überproportional in dem Buch repräsentiert sind und es ebenso viele schwache Beiträge aus dieser Linie gibt. Die besseren sind insbesondere auf den Einfluss von Zoketsu Norman Fischer zurückzuführen, wie mir scheint. 
   Die größte Überraschung für mich war, dass erneut aus der Maezumi- und Glassman-Linie mehrere interessante Texte auftauchten (Eve Myonen Marko ist Bernie Glassmans Ehefrau, allerdings auch von ihm zu einer seiner Dharma-Erbinnen ernannt, was zumindest ungeschickt ist). Wie Ihr wisst, habe ich Glassman in erster Linie seine plakativen Meditationen in Konzentrationslagern übel genommen, weil sie vor allem vom Showeffekt leben. Was ich damit u. a. meine, hat ein ebenfalls lange von mir kritisierter und inzwischen etwas lieb gewonnener Jude, nämlich Henryk Broder erläutert. Aufgrund der o. g. Texte habe ich Glassman aber nun aus meiner Liste der nicht empfehlenswerten Zenlehrer entfernt. Ein Lehrer gewinnt eben durch gute Schüler/innen (Peter Matthiessen hatte ich schon empfohlen).
    Was in den fragwürdigen Kôan-Interpretationen auffällt, ist ihre feministische Umdeutung. Als Yuanwu Keqin einer Jiao-an rät, ihre Ansichten zu tilgen, um frei zu werden, entgegnet diese in einem Vers, es bliebe dennoch Sand in den Augen. Dies wird als Korrektur des Lehrers gesehen im Sinne von: "Auch dann werde ich noch ein Mensch sein." Diese Deutung mag gerade noch angehen. In anderen Fällen wird die Kraft eines Kôan jedoch geschwächt. Judith Simmer-Brown meint, nicht nur Buddhas, sondern alle Wesen seien durch die Vagina ihrer Mütter zur Welt gekommen. Wenn wir mal vom Kaiserschnitt absehen, gibt es hier ein Problem mit der buddhistischen Mythologie: Buddhas Mutter soll ihn ja durch den Eintritt eines weißen Elefanten seitlich in ihren Leib empfangen haben, und da trat er dann bei der Geburt auch aus. Genau wie bei der Christuslegende wird die Vagina also eher "geschont".
   In einigen Kôan, die wir kennen, sagt ein Schüler etwas offensichtlich Passendes, es wird aber vom Meister nicht angenommen. Nach einigem Hin und Her fragt der Schüler dann, wie es denn der Meister ausdrücken würde. Und dieser benutzt exakt die gleichen Worte wie der Schüler, die er eben noch aus dessen Munde ablehnte. Diese Geschichten zeigen uns vor allem, dass hinter dem Gesagten authentische Erfahrung stehen soll. Auf Nachplappern wird kein Wert gelegt. In einer Story dieser Art begegnet Chaochou (Joshu) einer alten Frau auf einem Acker und fragt sie, was sie täte, wenn sie einem Tiger begegne. Die Alte meint, sie habe vor nichts in der Welt Angst, und arbeitet weiter. Daraufhin brüllt Chaochou wie ein Tiger. Die Alte brüllt zurück. Chaochou kommentiert: "Da ist immer noch dies." Chi Kwang Sunim (Kusan) aber meint in ihrem Kommentar, beide seien im Gleichgewicht. Das geht mir dann, bei allem Charme gerade der Omis in Kôan, doch zu weit.



Montag, 11. Mai 2015

Ole macht den Hampelmann




Wie ich kürzlich schon schrieb, haben sich in den letzten Monaten die Zugriffe auf Beiträge über "Lama" Ole Nydahl auf diesem Blog gehäuft. Und die dämlichen Kommentare dazu, die ich meistens lösche. Sie sind fast immer anonym verfasst und kommen auch stets durch die Hintertür nach dem Motto: Ein guter Buddhist tut dies und das nicht (außer natürlich es ist der Ole) und wie man sich übles Karma auflade (das könnt ihr ja oben gut erkennen - wer nicht aufpasst, tanzt noch als Opi hässliche Weiber mit ner Flasche in der Hand an). Statt diese Beiträge freizuschalten und zu kommentieren, ging ich nochmal auf die Suche nach Youtube-Clips, die den Ole als den Dummschwätzer entlarven, für den ich ihn halte. Und siehe da, ich hab was Altes ausgegraben, wie Ihr unten seht. Hier ein paar Zitate, die klarmachen, wie Wohlfühlbuddhismus funktioniert (Übersetzung von mir):

"... die Meditation beginnen mit dem Gefühl: 'Ich meditiere nun zum Nutzen aller Wesen' und sie beenden, indem man all diese guten Gefühle teilt ... und für alle, die schnelle Erleuchtung wollen ... die offene, klare Essenz im Innern kontinuierlich erfahren wollen ... gibt es Methoden, bestimmte Formen der Energie und des Lichts zu visualisieren ... und Mantras oder Vibrationen zu benutzen ... und sie aufzulösen und immer wieder ins uns zu vermischen."

Ich habe schon Leute im Cannabisflash so daherreden hören. Erschreckend. Für mich hat der Mann - wahrscheinlich infolge seiner selbst eingestandenen Drogenexzesse (Details auch zu seiner Vergangenheit als Drogenhändler finden sich hier) - einen frühen Dachschaden davongetragen, der sich in seinem sinnlosen Geplapper äußert, das seine Anhänger, die hier auf diesem Blog kommentieren wollen, regelmäßig genauso wenig verstehen wie offenbar er selbst, und dass dann zum gleichen kopierten Gebrabbel in Schriftform führt.

Der beste Satz, in dem sich der Ole, natürlich auch wieder unbewusst, selbst beschreibt, ist hier: "The whole spiritual thing is missing." Eine wirklich traurige Stelle gibt es auch, bei ca. Minute 5, wo er berichtet, dass ihm sein Lama in Sikkim von der Knöchelverletzung seiner Mutter in Dänemark erzählte - und wie sich das später als wahr bestätigte. Man möchte fast weinen, wenn man sich den naiven Ole von einem tibetischen Scharlatan an der Nase herumgeführt vorstellt.

Ab ca. Minute 7 will der Ole den Zuschauern weißmachen - nachdem er sich und seine Clique zuvor als die Experten für Tod und Wiedergeburt ausgegeben hat -, dass der 15. Karmapa seine Wiedergeburt ganz exakt vorhergesagt hätte. Leider zeigt der Ole in seiner Mimik die ganze Palette von Zeichen, die darauf hindeuten, dass einer die Unwahrheit sagt bzw. nicht recht glaubt, was er von sich gibt, wozu das Heben der Augenbrauen und gehäuftes Zwinkern zählen.

Gegen Ende übernimmt der Moderator dann noch diesen Eso-Duktus, wenn nach dem Tod "regelmäßige Gedanken als objektive Teile äußerer Realitäten" erscheinen sollen.

Mit solchen Dingen hat es jedoch folgende Bewandtnis: Sie geschehen nicht nach dem Tod, sondern im gegenwärtigen Leben. Dies zeigte mir kürzlich erst wieder ein luzider Traum, in dem ich beschloss, die mich - im Traum - umgebenden Geistwesen oder Dämonen um Hilfe zu bitten, statt Schabernack mit mir zu treiben, was in den folgenden Tagen ein körperliches Problem beseitigte, worunter ich ein paar Wochen gelitten hatte, und zu weiteren "schönen" (und erotischen) Träumen führte. Dies sind und bleiben jedoch alles Ausgeburten eines (lebendigen) Geistes. Das läuft also in einer Art Selbsthypnose oder in einem Zwiegespräch mit dem eigenen Geist ab. 

Der große Irrtum des Ole Nydahl und seiner Anhänger besteht darin, dass sie diese Projektionen des eigenen Geistes nach außen übertragen und damit den Kardinalfehler begehen, gegen den sich der Kern der buddhistischen Lehre richtet: Nicht die Welt und unsere Überzeugungen als Ergebnis unserer eigenen Vorstellung zu erkennen. Das Traurige ist, einen buddhistischen Lehrer seinen eigenen Illusionen aufsitzen, damit durch die Welt reisen und andere Leute belästigen und in eine ähnliche Verwirrung stürzen zu sehen. Tatsächlich ist Ole Nydahls ganze Lehre m. E. auf eine unbegründete Angst vor etwas Nachtodlichem zurückzuführen, was ganz einfach als vortodliche Imagination durchschaubar sein kann. Genau wie alle Spinnereien, die sich im Hirn so abspielen, und denen wir - wenn wir ihre Subjektivität und Begrenztheit erkannt haben - nach Belieben Aufmerksamkeit widmen können oder auch nicht. So locker könnte man das jedenfalls handhaben, wenn man nicht irgendwann einmal einen Horrortrip erlebt und - statt ihn angemessen zu verarbeiten - sein ganzes Leben vor ihm Reißaus genommen hätte. Die ganzen Reisen des "Lama" Ole Nydahl um die Welt sind in meinen Augen nichts anderes als eine fortwährende Flucht vor diesem von seinem eigenen (Körper und) Geist fabrizierten Horror. Diese Angst spricht auch aus vielen Kommentaren von Nydahl-Anhängern, die sich regelmäßig durch ihr falsches Verständnis von Karma verraten.



Dienstag, 5. Mai 2015

Crowdfunding für Film über Soyu Matsuoka

Soyu Matsuoka (1912-1997) war neben Sokei-an, Nyogen Senzaki u. a. einer der Pioniere des Zen in den USA. Ende der 40er Jahre eröffnete er einen Zentempel in Chicago, verließ aber später die Soto-Schule Japans, da er ihre Ausbildungsklöster und ihre Authorität für hinderlich auf dem Weg der persönlichen Erfahrung des Zen hielt. Matsuokas Dharma-Erben wurden folglich auch immer wieder in Frage gestellt. Einer von ihnen, Zenkai Taiun Michael Elliston (der 2007 offiziell von Shohaku Okumura, einem Schüler Kosho Uchiyamas [Antaiji], bestätigt wurde), will sich nun auf die Spuren seines Lehrers in Japan begeben. Ein junges Filmteam möchte dazu eine Doku drehen und stellt ihr Projekt auf der Crowdfunding-Plattform "Kickstarter" vor. Ich könnte mir vorstellen, dass bei der Recherche in Japan einige Überraschungen zutage treten, und habe selbst einen kleinen Beitrag gegeben.
   Zitat von Matsuokas Nachfolger Zenkai: "Don't Americanize Zen!" Ich empfehle sein Teisho  über "Dying" und den Tod seines Bruders.

[Foto zeigt Soyu Matsuoka und Shunryu Suzuki]

Samstag, 2. Mai 2015

Amerikanisches Zen (I): Frauen und Sex

Ich lese gerade "The Hidden Lamp", herausgegeben von Zenshin Florence Caplow und Reigetsu Susan Moon (Wisdom 2013), mit einem Vorwort von deren Rôshi Zoketsu Norman Fischer, einem der brauchbaren US-Zenlehrer. Es handelt sich um eine Sammlung von kurzen Geschichten und Kôan aus der buddhistischen Tradition, in denen Frauen eine Rolle spielen. Alle werden auch von Frauen kommentiert, also von Buddhistinnen, in der Regel Zen-Lehrerinnen. In den kommenden Beiträgen will ich mich dem ein oder anderen Abschnitt aus diesem Buch widmen. Im Ganzen taugt es m. E. nicht für eine Übersetzung [Im zweiten Teil wird deutlich werden, warum ich meine Ansicht änderte, ich lese das Buch langsam.]

Um mich nicht zu beeinflussen und da mir die meisten Autorinnen unbekannt waren, habe ich mir stets erst ihre Darlegungen durchgelesen, dann ihren Hintergrund nachgeschlagen. Neben einem Glossar und der Auflistung der Textquellen enthält das Buch nämlich auch eine Bibliografie und ein paar Sätze zu jeder Lehrerin. Heute bin ich mit etwa einem Viertel des Buches durch. Etwas überraschen mag die überwiegende Mittelmäßigkeit, die aus den Erbinnen der Shunryu Suzuki-Linie spricht. Schwach erscheint in diesem Buch auch die Linie Houn Jiyu-Kennetts. Bestätigt hat mich das psychologisierende und oft wertende Schreiben der Schülerinnen aus dem Umfeld Philipp Kapleaus und die Unklarheit, die häufig aus Beiträgen von Schülerinnen Seung Sahns spricht (siehe rechts die Rubrik "Lehrer, von denen der Asso-Blog abrät").

Zugesagt haben mir so weit die Beiträge von Merle Kodo Boyd [Bernard Glassman/Wendy Egyoku Nakao], Angie Boissevain [Kobun Chino/Vanja Palmers], Daiyu Judith Randall [Shunryu Suzuki/Paul Haller] und - mit Abstrichen - Natalie Goldberg [Dainin Katagiri & TNH]. Um das vorwegzunehmen: Ich finde es erfreulich, wenn (ehemalige) Schüler/innen mäßiger Lehrer einen guten Eindruck bei mir hinterlassen. Im Falle Frau Goldbergs aber scheinen mir die "Abstriche" auf Einflüsse von TNH zurückzuführen zu sein, bei dem sie "ordiniert" haben will.

Eine Lehrerin, die mir ein Begriff war, da Eido Shimano Roshi sie zur Nachfolgerin ernannte, ist Roko Sherry Chayat. Sie schreibt an einer Stelle über ihre Kôan-Schulung: "Ich wusste, dass meine Antworten der Herausforderung nicht gerecht wurden. Ich spürte, dass das Kôan eine aggressive körperliche Handlung erforderte." Das ist umso bemerkenswerter, als sie - wie Goldberg zu Katagiri - eine sexuelle Beziehung zu ihrem Lehrer gehabt haben soll. Dieses Thema spielt auch in den ersten von mir kritisierten Textpassagen eine Rolle.

---

In einer bekannten Zengeschichte unterstützt eine Frau zwanzig Jahre lang einen Einsiedlermönch. Dann testet sie ihn, indem sie ihre junge, hübsche Tochter vorbeischickt. Der Mönch lehnt die körperliche Annäherung an sie ab, die alte Mutter verbrennt daraufhin dessen Einsiedlerhütte. Die Pointe ist offenbar, dass die Zenübung nicht zum Leugnen einfachster körperlicher Bedürnfisse führen sollte. 

Zenkei Blanche Hartman jedoch macht in ihrem Kommentar daraus den Ansatz eines feministischen Manifestes. Prinzipiell kann ein solcher Tonfall in einem Buch dieses Anliegens nicht überraschen. Es sind jedoch die ungeklärten Widersprüche in ihrem Text, die aufhorchen lassen. So sagt sie an einer Stelle: "Ich spüre, dass es einen Weg zu leben gibt, auf dem nicht jeder zum Sexualobjekt verdinglicht ("without objectifying anyone as a sexual object"), wo aber die Schönheit von Menschen weiterhin gewürdigt wird. Dies bedeutet, nach den Geboten zu leben." Ein paar Absätze danach zitiert sie Bruder Steindl-Rast: "Wenn ich jeden auf die gleiche Art lieben will, dann muss ich entweder zölibatär leben oder sehr promisk!" 

Nun ist bei dogmatisch Gläubigen die Pflege extremer Gegensätze nichts Neues, aber wie könnte ein promiskes Leben ohne die unterstellte Objektifizierung der Frau einhergehen, die eine Standardfloskel des Feminismus ist? Ich wundere mich darüber, dass eine Zenlehrerin nicht den Tatsachen ins Auge schaut: Zum einen ist mit der Lust auf Menschen nicht automatisch verbunden, sie nicht mehr als Subjekt wahrzunehmen. Zum anderen werden ja gar nicht alle Frauen begehrt, sondern die Schönen am häufigsten und intensivsten; es sind also bei Weitem nicht alle Menschen betroffen. 

Vor ein paar Tagen rief ich eine junge Mutter an, die sich vor zwei Jahren noch prostituierte. Dann erbte ihr Lebensgefährte, der Vater ihres Kindes, eine Menge Geld und ein Haus von einem alten, wahrscheinlich schwulen Ausländer, der an einer langwierigen Krankheit verstorben war. In der Übergangszeit, als das Erbe vor Gericht geklärt wurde, ging sie noch anschaffen. Wir hatten immer ein angenehmes Verhältnis, das auch kaum getrübt wurde, als ihre damals beste Freundin (meine Hauptgefährtin) sich mit ihr etwas verkrachte. Einmal kroch sie für eine Nacht bei mir unter, weil sich ihr Partner eine Nebenfrau genommen hatte und sie darüber erbost war. Inzwischen hat dieser von dem Erbe ein Internetcafé eröffnet, in dem sie arbeitet. 
   Ihre alte Telefonnummer funktionierte noch. Ich erkundigte mich vorsichtig, ob sie denn noch mit Ausländern Sex habe. Sie lachte und sagte: "Mit dir schon." Ich frage mich also, ob Frauen wie Zenkei Blanche Hartman oder Männer wie Steindl-Rast begreifen, dass es eine Art "unabhängiger promisker Lust" gibt, die nicht bindet und den anderen als Person wahrnimmt und achtet, aber als eine unter vielen. Der Ausschließlichkeitsanspruch, der aus den Worten dieser beiden Lehrer spricht (im Falle des Christen aus der Vorstellung des Zölibats) kann für mich kein Zeichen spiritueller Reife sein. Er spiegelt jedoch eine typische Wunschvorstellung gewöhnlicher Frauen an ihre Partner wieder.

Deutlich wird dies auch im Kommentar von Hoka Chris Fortin zu Miaozongs bekanntem "Dharma-Interview". Miaozong studierte, noch bevor sie Nonne wurde, bei Meister Dahui (Tahui) und bekam ein Zimmer im Gebäude des Abtes. Das brachte den Obermönch auf die Palme, weshalb Dahui ihm riet, doch mal mit der Dame zu reden. Miaozong fragte diesen Mönch dann, ob er ein weltliches oder ein Dharma-Gespräch wolle. Dieser verlangte ein Dharma-Gespräch. 
   Zunächst musste er seine Gehilfen wegschicken, dann rief sie ihn herein. Dort lag sie splitternackt auf dem Rücken. Der Mönch deutete auf ihre Genitalien und fragte: "Was für ein Ort ist das?" Miaozong erwiderte: "All die Buddhas, Patriarchen und Mönche kommen von da." Der Mönch fragte: "Darf ich eintreten?" Miazong sagte: "Pferde ja, Esel nein." Da fiel dem Mönch nichts mehr ein und Miaozong erklärte das Gespräch für beendet.

In Fortins Kommentar heißt es nun: "Miaozongs grenzenloses Vertrauen in den reinen Dharmakörper der Übung und ihr verkörperter Glaube ("embodied faith") in die Heiligkeit eines Frauenkörpers fanden in mir Widerhall wie das Brüllen eines Drachen." Doch obwohl sie später schließt, Ansichten, die Frauen diskriminieren, seien laut dieser Geschichte keine Brücke zur Erleuchtung, übersieht Fortin in ihrem gesamten Text die Pointe dieses Kôan aus dem Shonan Kattoroku: Der Obermönch hätte Miaozong besteigen und lieben sollen, damit seine heimliche Eifersucht und verklemmte Sexualität geheilt worden wären. Miaozong bot ihm nicht weniger an, als sie auch Dahui angeboten hat oder hätte.

Fazit: Gebote werden selbst dann gelebt, wenn man seiner erotischen Zuneigung zu anderen Menschen Ausdruck verleiht. Dies geschieht - so wollen es auch traditionelle Zen-Stories - nicht selten im körperlichen Liebesakt. Wer seine Liebesfähigkeit nicht auf die ausdehnen kann, die davon sich und andere ernähren, der kann in meinen Augen keine angemessenen Kommentare über einen Mönch, der ehrlich zu seiner Impotenz stand, oder eine Nonne, die sich schlicht einem Eifersüchtigen zum Sex darbot, verfassen. An dieser Krankheit leidet im Allgemeinen das ganze Teisho-Gewese im Zen. Es ist wie bei einer billigen thailändischen Seifenoper, wo man die Pointen im Voraus kennt, weil sie sich seit Dekaden nicht ändern und kaum mal einer mit einem anderen, frischen Blick auf die Überlieferung schaut.

[Video: Sakanaction, weitere schöne Videos auf ihrem Youtube-Channel]