Mittwoch, 23. April 2014

Irrtümer von Gudo Wafu Nishijima und Brad Warner

Um die Reihe meiner anderswo zensierten Beiträge zu komplettieren und bevor ich mich in den nächsten Wochen wieder verstärkt Texten und Literatur zuwende, will ich hier auf meinen Versuch eingehen, das Vermächtnis des kürzlich verstorbenen Gudo Wafu Nishijima zu relativieren, wie es auf Sweeping Zen von einem seiner Schüler (Jundo Cohen) zusammengefasst wurde - und wie es Nishijima selbst darstellte. Zunächst ist interessant, wie Jundo und Brad Warner auf meinen Einwurf, Nishijima habe wohl keinen Tempel gehabt und seine Schüler seien wohl nicht bei der japanischen Sôtô-Schule registriert, auf der selben Plattform reagieren (sie finden Hinweise vor allem in einem Buch, haben sich also wohl selbst mit Nishijima in dessen Wohnung getroffen). Auf die Bemerkung Warners, Dôgen Zenji selbst hätte mit der japanischen Sôtô-Schule heute nichts zu tun haben wollen, antwortete ich, dass Dôgen heute wohl deren Präsident wäre und ein Stück Land, das man als Tempel registriert, keineswegs anerkennen würde. Die Grundlage meiner Vermutung ist Dôgens lebenslange Bemühung um das monastische Leben und dessen Regulierung bis ins Kleinste hinein sowie dessen - in der Zengeschichte übliche - Wunsch nach Förderung durch die herrschende Klasse. Mein Einwand wurde natürlich nicht veröffentlicht. Da man sich in Warners Blog registrieren müsste, verzichte ich auch darauf, mich in die dortige Fangemeinde einzureihen. Allerdings fiel mir neben diesem Video, in dem Warner wie ein Verwirrter um den heißen Brei herumredet (man solle kein Ziel haben, das sei aber unmöglich, also sei das Ziel okay, man solle einfach nur weiter praktizieren, d. h. sitzen) auch ein Text auf, indem er seine buddhistische Unbildung noch einmal unter Beweis stellt. Hier geht Brad auf einen User ein, der in Frage stellt, dass Zen mit Zazen gleichzusetzen sei, und endet seinen Beitrag mit der schlichten Behauptung, natürlich sei Dôgen der Nachfolger von Tiantong Rujing (Tendô Nyôjo, auch: Ju-ching). 

Ich zitiere hier nochmal beispielhaft eine keinesfalls alleinstehende akademischen Meinung aus meinem eigenen Blog, mit Bezug auf "Dogen Studies" von La Fleur, bereits 1985 bei University of Hawaii Press erschienen: "(Der Buddhologe Carl) Bielefeldt stellt fest, dass Ju-ching in China jedoch kein herausragender Meister gewesen sein kann. Außer Dogens Zeugnissen gibt es nur zwei weitere kurze von chinesischen Schülern Ju-chings, die erst Jahrhunderte später in Japan auftauchten. Dieser Ju-ching hat demnach weder je von einem Äquivalent zu shikantaza (Nur-Sitzen) oder shinjin-datsuraku (Körper und Geist abfallen lassen) gesprochen noch das Zazen so betont wie Dôgen. Auch findet sich kein Hinweis darauf, dass Ju-ching etwa Lin-chi oder andere Meister wie Yuen-men abgelehnt habe." Steven Heine hat mehrfach auf die Veränderung von Dôgens Lehren im Lauf seines Lebens zu einer Ablehnung des Laiendaseins (inclusive des Vimalakirti-Sutras) hingewiesen, untypisch für chinesisches Chan ist auch seine im von mir übersetzten Eihei Koroku dokumentierte Ablehnung etwas des Shurangama-Sutras.

Wenn man sich nicht nur mit Dôgen beschäftigt, kann man auch von der Einstellung des frühen chinesischen ChanHui-nengs (und das ausdrücklich im Widerspruch zu Dôgen) und von der Gleichsetzung von Meditation und Weisheit wissen. Dies alles wurde in diesem Blog desöfteren dargestellt (und in Foren immer wieder vehement von Schülern des Sôtô-Zen attackiert).

Kaum verwundert dies, wenn man weiß, dass Nishijima selbst als Kurzzeitlehrer Warners im Grunde nichts anderes im Sinn hatte als seine eigene, in der akademischen Welt unbedeutende Analyse von Dôgens Shôbôgenzô zu verbreiten (mit anderen Werken Dôgens außer seinen Kôan beschäftigte er sich offenbar kaum). Nicht nur erlebte ich in einem Briefwechsel, wie Nishijima einen anderen Dôgen-Übersetzer (den fast gleichnamigen Nishiyama vom Daimanji-Tempel) als unverständig bezeichnen ließ, auch ein Abt schrieb mir, dass Nishijima die Diskussion mit ihm abbrach, als er Argumente eines führenden Dôgenspezialisten einbrachte. Nishijimas Einsicht lässt sich mit diesem Papier zusammenfassen, dass die "drei Philosophien und eine Realität" behandelt (man vergleiche dies mit seinem Vortrag über Zazen und Schmerzen, wo er mit denselben Thesen einleitet und parallel dazu vier Arten von Schmerz konstruiert und den seltsamen Rat gibt, nicht die Absicht zu hegen, Schmerzen zu überwinden - wobei genau diese Absicht zur Einnahme von Schmerzmitteln und dem Ende des Schmerzes führen kann). Was wird hier behauptet?

Dôgen würde zunächst einen idealistischen Standpunkt einnehmen und mit abstrakten Konzepten eine Idee darstellen (subjektiv und theoretisch), dann konkretisieren (objektiv und materialistisch) und hernach mit einer realistischen Erklärung synthetisieren. Schließlich würde er mittels Symbolen und poetischer Sprache die "unfassbare Natur der Realität" darstellen. Auf diese Weise meint Nishijima die offensichtlichen Widersprüche im Shôbôgenzô wegerklären zu können. Er findet also auch ein Kapitel wie das über die "Vergeltung in drei Zeitabschnitten", nach dem Karma sich in drei aufeinanderfolgenden Leben verwirkliche, "logisch" und "realistisch". 

Nachdem Nishijima einmal diese Viergliedrigkeit festgestellt hat, sieht er darin auch die vier edlen Wahrheiten abgebildet, die er zunächst so nicht unterschreiben konnte. Folglich ist dann mit der vierten Wahrheit vom achtfachen Pfad, die für ihn in der Übung des Zazen gipfelt, die wahre Synthese erreicht. Das kommt zwar einem Dôgen-Anhänger zupass, ist aber nicht mit einem Hauptgedanken des Mahayana-Buddhismus vereinbar, wie er sich etwa im Shrimala-Sutra zeigt, wo die dritte Wahrheit (vom Aufheben des Leidens) den Kern der Lehre ausmacht und nicht ein Ritual oder eine bestimmte Praxis (dies ist im Übrigen auch in manchen von Dôgens Lehren zur inhärenten Buddhanatur impliziert). Nishijima schafft es mit anderen Worten nicht, den eigentlichen Widerspruch Dôgens, nämlich seine Erkenntnis eben dieser Buddhanatur bei gleichzeitiger Versteifung auf die eine zentrale Metapher des Buddhaseins Zazen, anders als mit einem rhetorischen Trick aufzulösen. Er übersieht damit die Ursache für Dôgens zunehmende Verklösterlichung des Zazen, die notgedrungen aus der ständigen Selbstbespiegelung folgt (und immer auch dem Wunsch nach Kontrolle über ein elitäres Wissen und eine "Linie" geschuldet ist). Von Beginn der Zengeschichte an wurde jedoch in den wesentlichen Sutren klargemacht, dass es keines besonderen Status (Mönchsdaseins) oder Rituals (Zazen) bedarf, um das Buddhadasein zu verwirklichen. Es ist darum auch kein Wunder, dass sich selbst Nishijima auf eine offizielle Dharma-Übertragung und eine Robe eingelassen hat. 

Ich kannte weder ihn noch Brad Warner persönlich. In ihrer zeitweiligen Saloppheit sind mir beide nicht unsympathisch gewesen, jedoch glaube ich nicht, dass diese Linie von irgendeiner Bedeutung sein wird. Bemerkenswert sind z.B. auch die Umformulierungen von den Hauptregeln, die Nishijima vornahm, wenn die dritte zu "Begehre nicht zu viel" wird (aber ursprünglich sich gegen Ehebruch richtete) und die fünfte zum Verbot von Alkoholverkauf (aber eigentlich gegen Rauschzustände sprach). Ob sich Nishijima hier gegen eigene Übertretungen oder die seiner Schüler vorsorglich schützen wollte, weiß ich nicht. Sein Verständnis nicht nur der Buddhalehre, sondern auch Dôgens, erscheint mir jedenfalls oberflächlich und einseitig (siehe hierzu im gleichen Text auch die von praktisch allen Dôgenschülern kolportierte Falschaussage, es bedürfe einer formellen Zeremonie der Gelübde-Übertragung [jukai]). 

Von Jundo Cohens beschriebenen "acht Arten, auf die Nishijima das Zen verändern werde", bleibt dann auch nicht viel. Man kann Schülern, die die Robe tragen und sich auf eine Dharma-Übertragung berufen müssen, nicht abnehmen, dass sie den "Unterschied zwischen Priestern und Laien aufheben" (1). "Übung und Praxis draußen in der Welt" werden regelmäßig auch nur wieder in Zazen konkretisiert, wie schon der Irrtum zeigt, Nishijima sei "Zen-Priester und arbeitender Mensch" gewesen, wo er tatsächlich erst mit 54 ordinierte und mit 58 shiho erhielt, auch wenn er schon über eine Dekade vorher Buddhismus lehrte. Mit der Bestattungskultur Japans (3) haben Zenadepten im Westen eh nichts zu tun. Ob die "Dôgen-Sanghas" zu einem Zufluchtsort für Skandalopfer (4) werden oder selbst welche hervorbringen, wird sich noch zeigen, "brandneue Ausdrücke" für ein Zenleben (5) kann ich nicht sehen, wo auf Zazen, die vier edlen Wahrheiten und den achtfachen Pfad rekurriert wird, Zazen als "Erfüllung der Wirklichkeit selbst" ist ein alter Hut Dôgens, der sich jedem Menschen widerlegt, der sich z.B. im Orgasmus selbst vergisst. Brad Warner müsste das eigentlich kapiert haben, so gerne wie er über Sex schreibt.

Die Zensur auch in diesem (kommerziellen) Forum ist auf vielerlei Arten zu erklären. Der Betreiber von Sweeping Zen, Adam Kô Shin Tebbe, wird meine Bemerkungen zum Zen in Amerika ebenso wenig schätzen wie meine Demontage der Shimano-Basher und meine Kritik an deren Unfähigkeit, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Als ich einmal dem Einwürf einer psychisch kranken Userin, ich habe ja sogar in meinem Blog vor den Lehrern Dalai Lama und Thich Nhat Hanh abgeraten, entgegnen wollte, kniff der Webmaster und sah dahinter "Verschwörungstheorien", obwohl meine Quellen teilweise auf Englisch abgefasst sind. Da ist es eben wie mit den zahlreichen Publikationen von Buddhologen, die gemeinhin vom Gros der Buddhisten nicht zur Kenntnis genommen werden - ein weiterer Fall von Leseblindheit und Ignoranz. Ich glaube sogar, dass die meisten Nishijima-Nachfolger gar nicht genau verstanden haben, was ihr Lehrer zum Kern seiner Gedanken machte. Eine Ausnahme dürfte Yudo Seggelke sein, dessen betuliche Texte erkennbar machen, wie wenig weit man mit dem Grundgerüst der Nishijima-Lehre kommt. Ein Paradebeispiel ist sein Text "Kann man den Geist anderer erkennen", der nur die Banalität kennt, ohne tiefgründige Einsicht könne man nicht mit einem Zenmeister diskutieren. Die hier kolportierte Geschichte hat jedoch eine ganz andere Pointe. Da ist einer, der meint, er könne die Gedanken eines Zenmeisters lesen, und zwei Mal gelingt ihm das vortrefflich. Beim dritten Mal jedoch bleibt er konsterniert zurück. Als er wissen will, was der Zenmeister dachte, antwortet dieser ihm: "Nichts." Damit ist gesagt, worum es eigentlich in der Zenübung geht und warum sie vom Zazen unabhängig ist: Wenn die Gedanken zur Ruhe kommen, verwirklicht sich Erwachen.


Dienstag, 15. April 2014

Die Linie Oi Saidan oder:
Nachfolger kann ich mir auch kaufen

 [Wer zuletzt lacht ... Foto: Keller/Poi Pet]

Kürzlich wurde ich mal wieder im Forum "Buddhaland" (als User "dorn", kurz davor auch als "rosie") gesperrt - als ich mich nach ca. einer Woche Abwesenheit einloggen wollte, wurde mir als Grund mitgeteilt: "Ihr solltet eure persönlichen Querelen beenden, ihr habt sie weiter geführt." Wer mit "ihr" gemeint ist, wurde auch auf Nachfrage per email nicht gesagt. Interessant ist, dass in den Wochen davor gleich mehrere Threads, in denen ich Tacheles redete, gesperrt bzw. geschlossen wurden. In einem hatte eine Userin, die den typischen Ole Nydahl-Schwurbelduktus der Verwirrheit praktiziert, ihre Therapiebedürftigkeit unterstrichen, nachdem ich ein paar wissenschaftliche Erkenntnisse zur Sexualität genannt und mich um die Widerlegung von Vorurteilen gegenüber anderen Ländern und ihrer Rechtsprechung bemüht hatte. Das war für die Userin nicht zu ertragen, die sich bald in Wahnfantasien steigerte, ebenso wenig wie das, was ich hier kürzlich schon über die Möglichkeiten eines Zenbuddhisten schrieb, mit Sex umzugehen (d.h. dank Ikkyuscher Gelassenheit mit Freudenmädchen zu verkehren). Die Art der Kommunikation verlief nach dem gleichen Muster wie im Sweeping Zen-Forum, nur auf wesentlich niedrigerem intellektuellem Niveau (dort hatte eine Userin immerhin ihre Therapiebedürftigkeit und die Gründe dafür benannt).
   Ein weiterer User namens "Jikjisa", der sich geradezu als geistiger Zwillingsbruder des mir seit vielen Jahren einschlägig bekannten "bel" bzw. "Jong Kwang" offenbarte, indem er ähnlich floskelhafte und in meinen Augen dämliche Einwürfe reflexhaft auf meine Beiträge postete (Motto: hat keine Ahnung vom Zen, praktiziert nicht), hatte sich auch gegenüber den Moderatoren nicht mehr im Griff und wurde ebenfalls gesperrt (wobei ein User freilich unter diversen Namen im Forum aktiv sein kann). Das grundlegende Problem in solchen Foren ist nicht nur, dass sich die besonders giftigen Kommentatoren nicht namentlich outen wollen, also m. E. Hosenscheißer sind, typische Poser, die sich in der Anonymität des Internets meinen auskotzen zu müssen. Dies führte beim User "bel" sogar so weit, dass er angesprochen als "Reiner Bilsig" (mit einem auf einer Mailingliste genannten Namen) zwar behauptete, dies sei nicht sein Name, jedoch zwei Beiträge, in denen dieser Name fiel, gelöscht wurden.
   Ein wesentliches Problem beim Thema Sexualität - das ich ja gerade deshalb gern anführe, weil es geeignet ist, den Lesern ihre eigenen Grenzen und Scheuklappen aufzuzeigen (seit jeher eine didaktische Methode des Zen) - ist, wenn die Intoleranten und Moderatoren selbst nicht über der Sache stehen, z.B. weil sie sexuelle Übergriffe erlebten und nicht sachlich Ursache und Wirkung des Topics und Diskussionsverlaufes analysieren können, da ihnen ihre Gefühle im Weg sind. Es ist deshalb auch fragwürdig, wenn man - wie es gerade der Papst tat - Betroffene als wesentliche Berater in Schlüsselpositionen bei so sensiblen Themen wie Missbrauch heranzieht. Die "Betroffenen" kennen in der Regel nur eine Sicht, da sind sie den "Tätern" ähnlich, weshalb man mit diesen und jenen das Thema so wenig weiterbringt wie mit Opportunisten und Applausheischern, die heutzutage z. B. Maas oder Bosbach heißen. Was diese Spießer mit einem Moderator wie "Jiun Ken" im Buddhaland-Forum gemeinsam haben, ist ihr Bedürfnis, andere gängeln und bevormunden zu wollen. Ein wenig schlechtes Gewissen ist durchaus vorhanden, wie man an diesem Thread erkennt, auf den die Antwort schlicht lautet: Der "Zen-Rüpel" hat die Aufgabe, Fassaden und Masken sichtbar zu machen und sie zum Fallen zu bringen.
   Schließlich werden einige User in buddhistischen Foren die Opfer ihrer eigenen Fesseln, wenn sie ihr krampfhastes Verorten in einer traditionellen Linie zum Anlass für Feindschaft nehmen und damit nur bestätigen, worum es in der Hagiographie und Tradition schon immer ging - mit der "Linie" ein elitäres Wissen zu beanspruchen, das dann aber nur mangelhaft vermittelt werden kann, und eine Autorität, die nach akademischer Ansicht auf Fiktion beruht. 

Weiter hatte ich im Buddhaland auf eine frühere Sperrung unter anderem Usernamen hingewiesen, die meine Kritik an Zensho Kopp zum Anlass hatte, denn offenbar ist der Inhaber der Buddhaland-Seite ein Schüler Kopps (gewesen?). In einem kleinen Austausch per privater Mail mit einem der Moderatoren hatte dieser mir mehrfach Links mit Texten und Vorträgen von Lehrern geschickt, die ihm etwas gegeben hatten. Ich stellte fest, dass diese überwiegend sich der Linie "Oi Saidan" zurechneten. Ich schrieb ihm, dass mir die Sachen nichts gäben, im Grunde hätte ich auch sagen können: Was für ein Dünnschiss! Daraufhin bot ich an, mich mal ein bisschen über diesen Oi Saidan zu erkundigen, denn einst hatte ich schon auf den Fall des fernsehbekannten Zen-Schleimi Hinnerk Polenski hingewiesen, der sich letztlich auch auf diesen beruft und sich besonders um "Führungskräfte" bemüht (Stichwort: "Zen trainiert er seit 2009 und hat seither alle relevanten Qualifikations-Instanzen absolviert"). Der Moderator teilte mir auf Nachfrage noch mit, dass sich seine Lehrer nicht durch äußere Kennzeichen (wie Urkunden etc.) auf Oi Saidan beriefen und dieser bei den Sesshin gar nicht weiter erwähnt würde. 

Wie kann es sein, dass ein Lehrer und Meister bei seinen Nachfolgern so wenig präsent ist?

Ein Insider, der heute einen Tempel in Japan führt und auch mal bei Oi Saidan übte, schrieb mir Folgendes: Dieser Lehrer - der nun übrigens 100 Jahre alt wird - schmiss nur so mit Geld um sich. Nicht nur bezahlte er einer Schülerin ihre Chemotherapie (ehrenwert), sondern auch ihm seine Fahrkarten zu Ois Tempel (erstaunlich). Auf seiner Website rühmt Oi - ein Sympathisant von Hegel, Kierkegaard und Heidegger - sich seiner zahlreichen deutschen Schüler und spricht von seiner Verbindung zu Zernickows (Sotetsu Yuzens) Lehrer Seki. Aha! Alles eine Sippschaft? Ein Schüler soll gesagt haben, dass er nur wegen des Geldes bei dem Oi gewesen sei. Üblicherweise durchliefen die Ausländer nicht die vollständige Koanschulung, sondern nähmen eine "Abkürzung" ... Es sieht also ganz danach aus, als hätte man bei Oi Saidan so schnell seine Lehrberechtigung abholen können wie im Sôtô beim kürzlich verstorbenen Nishijima. Und dazu wohl noch ein saftiges Taschengeld. Hierüber bald mehr (wer sich über Nishijima kritisch äußert, wird anderswo zensiert).

So liegen die Gründe für das Aussperren meiner Person (bzw. meiner User-Avatare) also auch in ganz profaner Angst vor unbequemen Tatsachen. Nicht jeder, der sich wie ein Rüpel aufführt, ist demnach ein Zen-Rüpel. Denn der weiß, dass man den Tatsachen ins Auge schauen sollte. Diese Fähigkeit gilt es zu erarbeiten.

Samstag, 12. April 2014

Mai kao djai - Ich versteh nix

Neulich postete jemand im Forum "Buddhaland" einen Auszug aus Thich Nhat Hanhs pathetischen Achstamkeitsübungen:
"Im Bewusstsein des Leids, das durch die Zerstörung von Leben entsteht, gelobe ich, Mitgefühl zu entwickeln und Wege zu erlernen, um das Leben von Menschen, Tieren, Pflanzen und Mineralien zu schützen."
Dazu fiel mir folgende Antwort ein:

Ich habe heute meine Zinktabletten in der Wildnis ausgesetzt.
Mein Magnesiumpulver habe ich in ein Heim für Obdachlose gebracht.
Meine Calciumtabletten habe ich gestreichelt und ihnen versichert, dass ich sie bei meinem Leben beschützen werde.

Morgen werde ich alle Eisenkapseln aus der Apotheke befreien.

[Mein Beitrag wurde als "hirnlose Provokation" vom Moderator gelöscht - normalerweise werden Threads, in denen ich mich austobe, jedoch "geschlossen" ... Wo wir gerade dabei sind, hier noch mehr Satire ...]





Ben Khon thai mee faen yarraman
Ich bin Thailänderin und habe einen deutschen Freund
Boug hai chan chauj kein pleng
Er bat mich ihm zu helfen einen Liedtext zu schreiben
Mai ru wa sa mat tam dee
Aber ich habe soetwas noch nie gemacht
Gerd palang ploe soe ai dua eng
Es könnte sein, dass ich Fehler mache
Kien nitnoi sam rap hai rong
Dass es ein schlechter Text wird
Dae nak rong mai put thai dai
Aber ich fange einfach schonmal an
Pid pang bai a pai hai dee
Dabei fällt mir allerdings ein
Hai kon fang du mai khao jai
Dass der Sänger der Band gar kein Thailändisch kann!

Mai khao jai mai khao jai
Mai pen rai put len tao nan
Mai khao jai mai pen rai
Mai mee klai ja kha chan

Mai khao jai mai pen rai
Wenn die Leute nix verstehen macht das nichts
Mai ruh wa pen peng mai dee
Weil sie dann ja nicht mitkriegen, dass das ein schlechter Text ist
Hau roh Knorkator tao nan
Sie werden nur über Knorkator lachen
Mai ruh wa chan tam pleng nee
Und niemand weiß, dass ich das gemacht habe
Dee hai chan mai tong kid mag
Toll für mich, ich brauche nicht viel nachzudenken
chai kam kam tee mai me smong
Kann einfach Sinnlos Worte aneinanderreihen
Nok ton mai ta lej ma plao
Wie Vogel, Baum, Elefant oder Kokosnuss
Pen pan ha kong kon tee rung
Denn sie verstehen ja sowieso nix!

Mai khao jai mai khao jai
Mai pen rai put len tao nan
Mai khao jai mai pen rai
Mai mee klai ja kha chan 

[Copyright by Knorkator]

Montag, 7. April 2014

Ein abschließender (?) Nachtrag zum Unbuddhisten


[Foto: Keller/Anlong Pi]

Wegen dessen Leseblindheit und Zensurhanseleien stelle ich zu einem Diskussionsbeitrag auf dem Unbuddhisten unten - leicht verändert - jene Antwort ein, die Matthias Steingass, der meditierende Y-Buddhist, mit den Worten "schreib was zum Thema" gekürzt woanders hin in seinem Blog verschoben haben wollte, worauf ich keinen Bock hatte. Steingass bevorzugt Diskussionen ad hominem. Alles, was diesem zuwiderläuft (z.B. das Benutzen diverser Usernamen, was im Fall meiner Kommentare damit zusammenhängt, auf welchem Account, Google oder Wordpress, ich gerade eingeloggt bin) stört ihn dabei, personenbezogene Thesen aufzustellen wie die der Unmoral. Im Grunde soll mir das recht sein, da ich selbst solche Personendebatten hier immer wieder anstoße, allerdings behaupte ich auch nichts Gegenteiliges (wie es Matthias tut, indem er anderen solche vorwirft und damit unterstellt, er würde es anders/besser machen). Was er nicht verstanden hat ist, dass die von mir in Anführungszeichen gesetzte "höhere Moral" ebensogut eine "tiefere Moral" genannt werden könnte. So etwas ist nicht mit Spekulativem (Nicht-Buddhismus) und Worten zu klären, sondern mit Taten. Y-Buddhisten wollen  lieber Fragen stellen. Das hier sind ethische Fragen: Hat Matthias einen Organspenderausweis, teilt er sein Geld/seinen Besitz mit anderen, von wie viel meint er leben zu müssen?
   Liebe Leser, stellt den Y-Buddhisten konkrete Fragen! Ad hominem. Denn der Y-Buddhist drückt sich, wie wir gleich lesen werden, gern um die Antworten (nicht aber um Anschuldigungen). Die überzeugendsten Antworten in ethischer Hinsicht werden letztlich mit Taten gegeben.
   Das Thema des oben verlinkten Diskussionsthreades ist, wie man an dem erkennt, was ich aus Matthias' und Glen Wallis' Texten zitiere, mit meiner Antwort genau getroffen. Aber es gibt Dinge, die Matthias Steingass nicht hören will, weil sie sein Konzept (zer)stören.
   Ich rate, den Y-Buddhisten mit gesundem Misstrauen zu begegnen. Sie pressen alles in ein begrenztes Gedankenkorsett. Andere sollen dann dafür herhalten, dieses Korsett zu stützen, indem man sie nur mit den Vorurteilen der eigenen Weltanschauung wahrnimmt. Man sollte sich sowieso vor großspurigen Moralaposteln hüten, wie wir am aktuellen Beispiel Alice Schwarzer sehen. Ihre Ansichten sind einseitig und werden den Grauzonen des Lebens nicht gerecht.

Hier also mein vollständiger Beitrag, wie er im "Unbuddhisten" erscheinen sollte. Die Zensurmaßnahmen (Auslassungen) von Matthias Steingass geben Aufschluss über seine Motivation.

(Die vielen "Ich"s im folgenden Beitrag bitte ich zu entschuldigen, es handelt sich im Grunde um eine Gegendarstellung.)
----------------------------------------------------------------------
"Guido Keller, Alfred Weiss, Sogen Ralph Boeck, Wilfried Reuter"

Arggh, was für eine Reihe. Behauptet wird, diese Leute würden "großmäulig für sich in Anspruch nehmen Buddhismus zu definieren" und "immer vom so genannten Dharma ausgehen und von dem aus die Welt beurteilen".

Ich behaupte von mir das Gegenteil. Ich habe nicht viel mit Buddhismus zu tun, sondern mit Zen, und das ist nach Ansicht sogar einiger Religionswissenschaftler kein Buddhismus mehr (schon gar nicht, wenn man ihn so betreibt wie ich, ohne Kleider- und Sitzzwang, Ritual, Hierarchie und letztlich ohne Buddha, mit ständiger Kritik auch des Palikanon usf.). Wenn ich vom Dharma rede, dann in den entsprechenden Foren, wo man sich dafür interessiert und diese Sprache spricht. Die meisten Menschen außerhalb dieser Szene, die mich kennen, wissen nicht mal, dass ich im Zen stehe. Meine Ansichten werden deshalb auch regelmäßig z.B. von den anderen drei Genannten nicht geteilt, da ich im Gegenteil vom Leben her den Dharma kondensiere, nicht umgekehrt. Ergo: Nahtoderlebnis führt zur Ansicht, dass mit dem Tod alles zuende ist (contra Reinkarnation). Armut und Phlegmatismus in bereisten und erlebten Theravadaländern führt zur Ansicht, dass der alte Buddhismus dem Fortschritt der Gesellschaft schadet und seiner Unterdrückung entgegenkommt (contra Versöhnung der buddhistischen Schulen). Gewalterfahrungen mit Kriminellen, asozialen Jugendlichen und Begegnungen mit Soldaten führen zur Ansicht, dass man auch töten können sollte, um sich und andere zu schützen (contra sila - Regeln). Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Lüge (tun wir alle) und Sexualität (Zölibat funktioniert nicht und macht neurotisch) führen zu weiterer Kritik an Gelübden und "Geboten".

Ferner: In der Zenszene des Westens ist es üblich, sich vom Ausmaß des Zazen beeindrucken zu lassen. Es gibt eine Ansicht, dass das, was eigentlich "für nichts gut ist", also ziel- und illusionsfrei geübt werden soll, einem Zweck zu dienen hat, nämlich das entscheidende Merkmal des Zenbuddhisten zu sein (typische Frage: Sitzt [=übst] du denn auch?). Hier in diesem Blog wird mit Verweis auf die Forschungsergebnisse zum frühen Zen (Chan) und die Lektüre des Späteren das Gegenteil behauptet. Insofern wird sogar die "Praxis" der Y-Buddhisten in Frage gestellt. Dass sich dies religionshistorisch herleiten lässt, ist eher ein glücklicher Zufall, der bei der internen Diskussion unter Buddhisten eine besondere Rolle spielen kann.

Was du (Matthias) wahrscheinlich nicht weißt ist, dass ich mich auch gegen einige offizielle Stellungnahmen von DBU-Buddhisten wie die gegen die Stammzellenforschung u.ä. gestellt habe. Klar kann ich das ggf. vom Dharma her begründen, aber das ist nur ein Spiel, weil es auch die anderen spielen, ihnen zu sagen, ihr zitiert doch nur selektiv. Sonst kommen sie mit dem Pauschalargument: 'Was du sagst, ist kein Buddhismus.' Ich kann also auf dieser Ebene kontern, damit es selbst von da aus Alternativen gibt. Tatsächlich geht es um wissenschaftliche Perspektiven. Ich setze solche Möglichkeiten vor irgendwas Geschriebenes oder Überliefertes.

"Shimano-Bashing" habe ich gesagt, weil du irgendwann mal hier oder im Buddhaland "ad hominem", was du ja selbst kritisierst, über ihn hergezogen bist. Klar, du hast das Archiv im Rücken, aber mir behagt das nicht, wenn sich aufgrund öffentlicher Vorwürfe, die nicht mal gerichtlich bestätigt sind, eine solche Dämonisierung von Personen breit macht (siehe gerade auch Woody Allen). Einige Teilnehmer auf Sweeping Zen, die sich als Betroffene outeten, haben meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt, was die Verantwortlichkeit der Schülerinnen selbst angeht. Erst lassen sie sich auf Sex ein, nachher wollen sie es nicht gewesen sein. Viele Männer kennen das aus ihrem Privatleben, spätestens wenn sie von sich aus mit einer Frau Schluss machten (und nicht umgekehrt).

"Glaube an den historischen Buddha; Glaube an die Reise nach innen mittels Meditation; Glaube an eine unabhängige eigenständige Persönlichkeit, die unabhängig von der Gesellschaft existiert in der sie lebt; Glaube an magische Mittel; Glaube an Insignien wie Roben, Amtstitel, jahrelange Praxis, den Dharma als Allumfassendes Wissenskompendium über das gesamte Universum (Buddha wusste schon über Quantenphysik Bescheid…), Glaube an die Übertragung etc. pp."

Glaube ich jedenfalls nicht. Das sei hiermit, wenn auch nicht zum ersten Mal, deutlich gesagt. Mir stellt sich da die Frage, ob du selbst wirklich liest, was andere schreiben.

"Non-Buddhismus stellt die Frage, wie sehen diese Ideale und Werte aus? Er gibt keine Antwort. Das ist noch eine Differenz zwischen X und NON."

DAS ist auch eine Differenz zwischen NON (Y-Buddhismus) und mir (Z). Um es mit deinen Worten zu sagen: Ich denke, dass die, die sich vor Antworten drücken, "sich was vormachen". Wie Jonas schon sagte, gibt man die Antwort mit seinem eigenen Dasein, Verhalten, Schreiben usf. Es ist allerdings erkennbar, dass du mit der klaren Wertung Shimanos eine ganz dezidierte Antwort gegeben und nicht nur Fragen gestellt hast.

"X-Buddhismus zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass er, zugespitzt ausgedrückt, eine Zettel an der Wand wo einer was draufgekritzelt hast, wichtiger nimmt als die Integrität einer Person."

Z(en)-Buddhismus traditionell nicht. Da setzt dann wieder dein Abwehrreflex ein, es gäbe keinen authentischen Buddhismus. Aber es gibt eine historische Entwicklung im Zen. Der Zettel an der Wand war früher der Mensch VOR der Wand, wie im Bodhidharma-Mythos. Auch Koan erzählen von Integrität, die Zenadepten verstehen darunter aber möglicherweise nicht das Gleiche wie du, und auch Nicht-Zennies dürften mit dir nicht immer übereingehen. Was du meinst sind also Fehlentwicklungen, die im Zen auch schon immer Kritik hervorriefen, z.B. gab es immer wieder solche Lehrer, die die Geld- und Statusgeilheit der Bonzen angriffen. Und heute gibt es die genannten Archive, und selbst wenn man Integrität wie du verstünde hat man den Beweis, dass offenbar die Mehrheit der Adepten abspringt, wenn Vorwürfe wie in den Shimano- und Sasaki-Archiven laut werden.

Ich habe euren anderen Blog eine Weile mitgelesen und mich auch geäußert. Über TNH habe ich ja schon vor Tom Pepper geschrieben und mit Sicherheit aufwändiger recherchiert als er. Das Grundanliegen von Glenn Wallis und seinem "spekulativen Non-Buddhismus", dabei bleibe ich, ist der Ausgangspunkt von Zen, und ich denke, dass Wallis wie Pepper da eine Bildungslücke haben, weshalb sie meinen, sie würden was Neues tun, wenn sie fordern: "I commission, hence, enable,  the  postulate of requisite disenchantment."
Disenchantment ist Ent-Täuschung, das Hauptanliegen des Zen seit Anbeginn."

***

Weitere zentrale Topics des Zen, wie etwa die Zirkularität von Zeit, also die Illusion von Vergangenheit und Zukunft, und die gedankliche (Fehl-)Konstruktion eines individuellen Selbstbildnisses, sind Thema der gehobenen Populärkultur in der TV-Serie "True Detective", wo Matthew McConaughey den Philosophenpart spielt. Die letzte Folge der ersten Staffel heißt "Form und Leere".

Dienstag, 1. April 2014

Eine weitere Art des Gelübdenehmens ...
und das Magzin ZEN ROAD


[Foto: Keller/Anlong Pi]

Kürzlich ließ ich mich für das neue Magazin "Zen Road" schriftlich von seinem Macher Jonas (aus der Sangha um Philippe Coupey) interviewen. Die Gelegenheit nahm ich dankbar an. Meine Antworten gab ich auf Englisch, wie sie in der englischsprachigen Ausgabe des Magazins zu finden sind, sie wurden also für die deutsche Fassung rückübersetzt. Es ist natürlich angenehm, mal etwas Platz für die eigenen Ansichten zu haben, die in den üblichen buddhistischen Magazinen nicht gern gesehen sind, weil deren Macher in der Regel Lehrern anhängen, die in diesem Blog fertiggemacht werden. Bemerkenswert ist jedoch auch, dass - obwohl ich im ersten Teil meine Auffassung von Übung und Praxis erläutere und Bezug auf die Chan-Geschichte nehme - bei der Zusammenfassung behauptet wird, ich "würde nicht einmal Zen praktizieren". Insbesondere im Umfeld der Deshimaru-Schüler ist oft nur schwer vorstellbar, dass das Praktizieren von Zen uanbhängig von Zazen geschehen kann. Dies ist eine wohl unausrottbare Krankheit, die auf Dôgen Zenji zurückgeht. Ich werde darauf in Bälde noch mit Bezug auf den kürzlich verstorbenen Nishijima und seinen Schüler Brad Warner eingehen. Manche Sôtô-Schüler verhindern damit sogar, sich vom Kern ihrer selbstbezogenen Übung freizumachen, um stattdessen diese immense Zeit, die sie mit Sitzen verbringen, in der Hinwendung an andere Menschen zu gestalten. Ein interessanter Gedanke, den ich gerade bei einer koreanischen Nonne las, drehte sich darum, dass viele von uns heutzutage doch sowieso schon dauernd sitzen würden! Doch wie sagte schon Dôgen selbst: Das Menschenleben ist kostbar, eure Zeit knapp, also vergeudet sie nicht!

Immer wieder insistieren Zenschüler auch auf den in ihren Dôjôs üblichen Ritualen des Gelübdenehmens. Im "Sutra des Perlenschmuckes von den wichtigsten Handlungen des Bodhisattvas" (T 24, 1485, 1010b-1023a) wird das Geben und Empfangen der Bodhisattva-Gelübde stark vereinfacht, Formalitäten sind abgeschafft: "Ein Ehemann und eine Ehefrau oder Verwandte können einander Lehrer sein und darum die Gelübde geben" (1021c). Im Grunde kann jeder die Gebote empfangen, da dazu nur ein Verständnis der benutzten Sprache nötig sei. "Die Bodhisattva-Gelübde können empfangen werden, aber nicht verloren gehen" (1021b). Dabei wird dieses Empfangen freilich als äußerst bedeutsam erachtet.


Dienstag, 18. März 2014

Das Ende von Thich Thien Son (II)
... und was das mit Edathy zu tun hat

Der Mönch Tenzin Peljor beschreibt auf seiner Website über buddhistische Sekten den "Fall des Zen-Meisters Thich Thien Son", der auch heißen könnte: Der Fall des Möchtegern-Zenlehrers Mai Huy Giang Tran. Was gibt es hierin interessantes Neues, das für den Fortgang der Ereignisse von Bedeutung sein könnte?

Zunächst könnte das schlechte Timing der Veröffentlichung eine Verhaftung verhindert haben.

Nachtrag vom 12.4.2014: Tenzin hat es offenbar das Hirn vernebelt, was schnell passieren kann, wenn man sich bei "Wildwasser" Rat holt ... In einem Update zu seinem Beitrag zitierte er den Bhante Punnaratana, man habe TTS bei seiner Reise nach Sri Lanka eine temporäre Ordination nach dem Theravada gewährt. Wie man auf den Fotos erkennen kann, trägt TTS jedoch weiter seine angestammte dunkle Robe und nicht die orangene, die er nach dem Theravada tragen müsste. Ich schrieb das Tenzin in seiner Kommentarfunktion und sagte, der Bhante habe sich demnach als Lügner entlarvt.  Nun steht es hier, denn anderswo ist für solche Aussagen offenbar kein Platz. Gehabt's euch wohl, ihr Ordinierten und Scheinordinierten!

Doch der Reihe nach:

1) Tenzin hat wiederholt die Staatsanwaltschaft auf TTS hingewiesen, zuletzt mit einer weiteren eidesstattlichen Versicherung eines Minderjährigen, so dass nun endlich ermittelt werde.

2) Der frühere Polizeipräsident soll ein Schüler von TTS gewesen sein. 

3) Der junge Novize Hue Bao, der zwischenzeitlich in einen Tempel der tibetischen Tradition (!) ins Ausland abgeschoben worden sein soll, hat sich offenbar als Replik auf eine Kritik von TTS auf seiner Facebookseite über nächtliche Sexgeräusche aus TTS Zimmer beklagt, wo dieser sich mit einem jungen Lover vergnügt haben soll.

4) Der Mönch Tenzin kontaktierte zwecks Beratung in dieser Sache u.a. auch den Verein "Wildwasser e.V.".

5) TTS soll, vor seiner Gemeinschaft zur Rede gestellt und mit Beweisen konfrontiert, den sexuellen Missbrauch eines "12/13jährigen Jungen" zugegeben haben.

6) Mönche seiner Gemeinschaft wandten sich an Thich Nhat Hanh um Rat.

Einige der o.g. Geschehnisse werden der Sache m.E. abträglich sein. Zum einen ist der Verein Wildwasser bei meinen jahrelangen Recherchen zu einschlägigen Themen als besonders paranoid und zahlenverstellend aufgefallen. Wenn sich das bis zur StA durchgesprochen hat, ist das ggf. ein Minuspunkt, auch wenn zeitweise solche Vereine als erste Infoquelle für Polizei und Justiz dienten und diese mit ihrem unwissenschaftlichen Material infizierten. 
   Wie man TNH um Rat fragen kann, wenn es um das Verletzen des Vinaya, der Ordensregeln geht, ist mir schleierhaft. TNH lebt offensichtlich seit Jahren selbst Seite an Seite mit einer Nonne, er verstößt gegen Besitzrechte und ordiniert gegen die einschlägigen Regeln des Vinaya Nonnen, die das dann für gültig halten. TNH war offensichtlich auch nicht in der Lage, TTS selbst beizeiten zu durchschauen.
   Für die Presse sollte Punkt 2, das mögliche Involviertsein eines früheren Polizeipräsidenten, Anlass für weitere Recherchen sein. Ich freue mich zwar, dass sich ein solcher für Zen interessiert, nicht jedoch über die Auswahl seines Lehrers. Was hatte das ggf. für Folgen auf die vorherige Einstellung der Ermittlungen (man erinnere sich, auch ich hatte - neben Tenzin - schon vor Jahren Anzeige erstattet, nachdem sich im damaligen DBU-Forum ein betroffener junger Erwachsener geäußert hatte) oder die mangelnde Durchsetzungskraft des Jugendamtes? Es ist kaum vorstellbar, dass in irgendeiner privaten Einrichtung Kinder ein und aus gehen und bei nichtverwandten Erwachsenen nächtigen, ohne dass sich dafür ein Amt hinreichend interessiert. Es sei denn vielleicht, die vom Amt bestellten Betreuer hatten etwas davon.


***

Nun der Schwenk zu Edathy. Über seinen Fall wollte ich schon lange schreiben, und er bietet hier die Möglichkeit eines Kontrastprogrammes. Gerade meldete sich Edathy, dem man den Besitz von Nacktbildern Minderjähriger nachsagt, aus Südeuropa mit der intelligenten Bemerkung, solche Bilder seien schon seit jeher auch im Sinne der Kunst von Menschen genossen worden. Ergänzend sagt er, bei den von ihm bestellten Aufnahmen sei auszuschließen, dass die Abgebildeten für härtere Abbildungen missbraucht worden seien. 
   Ich weiß nicht, was auf den Abbildungen zu sehen ist, vieles deutet darauf hin, dass es sich entweder um FKK-Aufnahmen oder um eher künstlerisch inspirierte Aktaufnahmen handelt. Edathy hat nun das Hauptargument, das ich hier bringen wollte, selbst formuliert: Ein Anfangsverdacht, der aus einer legalen Handlung sich herleitet (dem Bestellen von Aktaufnahmen), sei absurd und würde den Rechtsstaat aushebeln. Hierzu ist wichtig, was kürzlich sowohl von Anwälten wie auch Sexualwissenschaftlern bestätigt wurde, dass nämlich die Behauptung, man fände bei Besitzern solcher Aufnahmen meist harte illegale Pornografie falsch ist. Es ist eine reine Schutzbehauptung der Justiz, mit der sie z.B. die Unverletzlichkeit der Wohnung aufhebt. Statistiken liefert sie nicht. In der allgemeinen Berichterstattung tauchen häufig Funde von Tausenden pornografischen Abbildungen auf Rechnern auf, doch wird in aller Regel nicht differenziert, ob es sich dabei bloß um die üblichen Erwachsenenpornos handelt oder zumindest um legales Material.
   Im Grunde könnte der Fall Edathy damit zu einer Chance werden, die Grundrechte zu stärken. Ich bin dem Mann schon deshalb dankbar, weil Politiker wie Gabriel und Bosbach, die auf mich lange einen vernünftigen Eindruck machen konnten, nun ihr wahres Gesicht (oder zumindest einen wahren riesigen Pickel darin) zeigen. Sie nämlich halten offenkundig jemanden, der ein bestimmtes ästhetisches (und wahrscheinlich auch erotisches) Interesse hat, das nicht mehrheitsfähig ist, und der nicht nur für die Vorratssdatenspeicherung war (ergo sich ggf. selbst ins Knie geschossen hätte), sondern sich quasi als talentierter Nazijäger zeigte, allein aufgrund einer solchen Neigung plötzlich für untragbar und unfähig, etwa weiter die Vorgänge um Rechtsradikale zu untersuchen. Dieses widerliche, beifallheischende Ausgrenzen bezöge sich, nimmt man das zur Grundlage, was jene Politiker Edathy unterstellen (ein Interesse an nackten Jungens), also auf eine sexuelle Minderheit und ist nur deshalb machbar, weil man deren Anteil an der Gesamtbevölkerung auf bloß ein Prozent schätzt (während die tatsächlich schädlichen Übergriffe auf Kinder wohl eher von mind. 10 Prozent der Bevölkerung zu erwarten sind, wenn man ein gesundes Mittelmaß zwischen dämonisierenden Dunkelziffern und dem Anteil schärmerischer "Boy- und Girllover" zugrunde legt). Man kann heute hierzulande wahrscheinlich keine Wahl mehr gewinnen, wenn man auf die gleiche Art Homosexuelle basht. Vor einigen Dekaden haben noch Freudianer und Analytiker, die heute daran festhalten, in einem amerikanischen Fachkatalog die Pädophilie als sexuelle Störung zu bezeichnen (statt als legitime sexuelle Identität), die Homosexualität als Neurose angesehen. Sowohl, wenn man in die Vergangenheit schaut, als auch wenn man hier gewisse Parallelen erkennt und die Zukunft prognostiziert, kann man nur zum Schluss kommen, dass in absehbarer Zeit ein Paradigmenwechsel anstehen müsste, und Edathy könnte helfen, diesen ausulösen.
   Schon stehen natürlich die einschlägigen Hilfsorganisationen, Medien und Polit-Schleimer bereit, um stattdessen jedwede auch von Experten geforderte Toleranz gegenüber Bildern zu tilgen. Behauptet wird, man wolle nun den Handel mit Nacktfotos untersagen, was zunächst moralisch korrekt klingt. Gemeint ist wohl, dass man versuchen wird, diese möglichst flächendeckend zu verbannen. Denn von einem kostenlosen Zurverfügungstellen als Alternative wird ebenso wenig geredet wie von den Profis, die warten, bis ihre Models erwachsen sind, dann deren Einverständnis einholen und erst danach die einmal gemachten Fotos veröffentlichen. Die Hysterie geht so weit, dass kürzlich Polaroids von Balthus' Nacktkindermodell nicht in einer Ausstellung gezeigt werden konnten. Weitere lächerliche Skandale rangten sich etwa um die Arbeiten von Jock Sturges und Sally Mann.   
   Im Grunde wird angestrebt, den Menschen mit pädophilen oder pädosexuellen Neigungen zu kastrieren. Selbst gescheite Therapeuten wie der oben im Link interviewte Ahlers reden stets von der chemischen Keule als Alternative, und die anderen wollen sogar das Wichsen der Pädos erschweren, indem sie ihnen die Vorlagen entziehen. Wie schon Ernest Borneman(n) erkannte, steckt dahinter eine kollektive Verdrängung der eigenen Sexualität als Kind, ein völlig unverdautes Haudrauf auf eine kleinstmögliche Minderheit, auf die man außerdem seinen eigenen Sadismus projezieren kann wie sonst eben z.B. auf Juden oder Homos.

Damit kein Missverständnis aufkommt - man kann diejenigen, die keine Alternativen haben, nicht mit denen in einen Topf werfen, die wie TTS auch mit erwachsenen Männern offenbar sexuelle Erfüllung erfahren. Bei den Erstgenannten sollte es darum gehen, ein menschenwürdiges Leben auf der Grundlage der allgemeinen Menschen- und Grundrechte möglich zu machen. Dazu sollte auch eine akzeptable Möglichkeit der Triebabfuhr gehören, und jede Beschneidung des nach wissenschaftlichen Erkenntnissen gerade nicht zu Übergriffen führenden Konsums von erotischem oder pornographischem Material wird sich als untauglich erweisen. Der Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung ist die eine Seite, die andere Frage bleibt, wie wir eine angeborene (?) oder frühkindlich geprägte* sexuelle Präferenz für "normal" halten können, um ihr dann einen Lebensrahmen zu ermöglichen, in dem möglichst niemand zu Schaden kommt.

[* am viel versprechendsten erscheint mir die Forschung zu olefaktorischer, also Geruchsprägung.]


"Es gab aber einmal eine Zeit, in der Menschen, die allgemein anerkannte Wahrheiten in Frage stellten, von Ochsen oder Pferden buchstäblich zerrissen wurden. Die Psyche des modernen Menschen wird dagegen, im übertragenen Sinne, zerrissen von seelischen Zwangslagen, die sich in dem Ringen um Befreiung von unbewussten Verboten und Tabus äußern, wie sie von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden." - "Sexuelle Tabus?" (...) - "Natürlich - sexuelle, spirituelle, intellektuelle, welche auch immer."

(Donald Antrim: Die Beschießung des Botanischen Gartens. Edition Epoca 1999)

Mittwoch, 12. März 2014

Die "professionelle Freundin" in Südostasien

"Sex work is work - defend our right to livelihood!"

"Save Us From Our Saviours!"

(Slogans des 'Women Network for Unity' in Kambodscha)

[Foto: Keller/Pattaya]

Eine der erfrischendsten Lektüren der vergangenen Wochen (neben belletristischen Werken Richard Brautigams) war die gut lesbare, wissenschaftliche Studie Heidi Hoefingers "Sex, Love and Money in Cambodia: Professional girlfriends and transactional relationships" (Routledge 2013, teuer, aber über die Fernleihe zu bekommen). Ausgiebige Erfahrungen mit solchen "Freundinnen" habe ich selbst gemacht, wenn auch in Thailand. Tatsächlich sprengten diese jedes Klischee über die Prostitution, in der die Frauen arbeiten. So kroch schon eine kurzfristig mit ihrem Kind bei mir unter, als sich ihr Thai-Lebensgefährte eine Nebenfrau nahm ("Ich kann ihn im Moment nicht mehr sehen. Meinst du vielleicht, es ist okay, wenn ich mir nun auch einen Nebenmann nehme?"), andere lud ich gemeinsam mit ihrem Thai-Lebenspartner zum Essen ein ("Ich habe schon einmal eine Freundin verloren, weil ein Ausländer (farang) sie mir wegnahm" - "Keine Sorge ..."), mit einer weiteren besuchte ich ihre Mutter auf dem Land, durfte im besten Bett des Hauses schlafen und bekam zum Essen das ganze Fleisch auf den Teller. Mit einer Bisexuellen ging ich auf "Brautschau" (sie war zu schüchtern, nach einer Partnerin zu suchen, und ihre Eltern sollten nichts von ihrer Neigung wissen), mit einer fuhr ich von Pattaya nach Koh Samui, um zu verstehen, warum sie nur einem dortigen Zahnarzt die monatliche Ausrichtung und Kontrolle ihrer Spange überlassen wollte, wo doch in jeder anderen Großstadt hinreichend Spezialisten zu finden waren ... Es gab unzählige vertraute Gespräche - und amüsante Überraschungen, z. B. als eine Masseuse permanent die Stellung wechselte und auf Nachfrage sagte, sie habe das in einem Buch gelesen und würde mir nun zeigen wollen, was sie kann. Nirgendwo habe ich in kurzer Zeit so oft "Danke!"  gehört (und gesagt) wie in Thailand. Einmal verbrachte ich den Geburtstag einer "käuflichen" Frau in Südostasiens wohl größtem botanischen Garten Nong Nooch (er ist viel schöner als diese Website!), und sie verknallte sich in mich, weil ihr noch niemand einen solchen Geburtstag bereitet hatte. Wie erfreulich, dass Heidi Hoefinger, die u. a. an der Universität von Chiang Mai "Gender and Sexuality Studies" lehrt, nun mit Klischees über asiatische Freudenmädchen aufräumt und den Begriff "professionelle Freundin" in der Wissenschaft zu etablieren sucht.
    Eine "professionelle Freundin" (in Khmer: srey sangsar achip), die "transactional sex" betreibt, knüpft mehrere Beziehungen zu Männern aus vornehmlich materiellen Gründen (von denen laut Hoefinger aber die jeweiligen Freier meist nichts wüssten) und zeigt dabei Intimität im ganzen Spektrum von vorgetäuscht bis authentisch (inklusive sexueller, romantischer oder respektvoller Zuneigung). Dabei wird auf das Problem verwiesen, dass im südostasiatischen Kulturkreis oft die materielle Versorgung mit Liebe verknüpft ist, während Männer aus dem Westen bevorzugt dann von Liebe sprächen, wenn sie unabhängig von materieller Zuwendung besteht (und dabei das "Persönliche" vom "Politischen" trennten, also von der Tatsache, dass auch in westlichen Beziehungen monetäre Aspekte eine Rolle spielen). Die Autorin folgt der Soziologin Viviana Zelizer, für die Intimität mit ökonomischer Aktivität zu vereinbaren bedeutet, Leben zu verbinden; sie spricht daher von solchen Beziehungen als "connected lives".
   Hoefinger sammelte ihr Material in persönlichen Begegnungen über einen Zeitraum von sieben Jahren und widmet den ethischen Fragen ihrer Arbeit ein eigenes Kapitel. Obwohl sie auch einige verwerfliche NGOs zitiert, ist ihr Blick auf diese kritisch. Mit Laura Augustin, die über die internationale "Rettungsindustrie" schrieb (Sex at the Margins, London 2007), betrachtet sie sowohl das Stigmatisieren von Prostituierten zu prinzipiell machtlosen Opfern als auch das Selbstbild "gütiger Helfer" als unrechtmäßig pauschalisierende Fortsetzung des eurozentrischen Kolonialblickes.