Mittwoch, 29. Juni 2016

Warum Buddhisten keine Vegetarier sein müssen

Ein Leser fragte mich neulich, warum ich - bei meiner Empathie für Menschenaffen - so spitz auf buddhistische Vegetarier reagiere. Ich nehme das zum Anlass, meine Position ausführlicher als vor ein paar Jahren darzustellen.
   Zunächst geht es mir nicht um gesundheitliche oder ökologische Aspekte, wie ich hier schon einmal schrieb. Auch ich senke meinen Cholesterinspiegel, wenn ich auf tierische Produkte verzichte, beanspruche weniger Anbaufläche und verursache weniger CO2-Ausstoß, sollten meine Nahrungsmittel überwiegend vegetarisch sein. Mir geht es allein um die unzureichende ethische Begründung von Buddhisten, und ich ergänze noch, die mangelnde Logik prominenter Philosophen wie Peter Singer. Ich will darstellen, warum gerade der Buddhismus sich eignet, die verzerrte Sicht aufs Leiden zu korrigieren.

1) Es gibt eine Regel, kein Leben zu nehmen. Im Ordenskodex für Mönche wird klar, dass menschliches Leben über tierischem steht. Ein weiterer Hinweis sind die Essensvorschriften für Mönche. Zehn Arten von Fleisch werden verboten, darunter Tiere, die kulturell bedingt in Süd(ost)asien schon lange einen besonderen Schutz genießen (wie Elefanten), oder solche, die man vermenschelt hat (wie Hunde). Diese Vorschriften zeigen, dass Vegetarismus für Buddhisten nicht angedacht ist, da Essensspenden von Rind, Schwein, Huhn oder Fisch (oder auch von Insekten) weiterhin verzehrt werden können. Für Laien gelten diese Einschränkungen sowieso nicht. 

Fazit 1: Die Regel zum Abstehen vom Töten wird im Palikanon nicht so ausgelegt, dass man die Nachfrage nach Fleisch verringert, indem man überhaupt keines mehr isst. Fleischgenuss wird als normal angesehen. Allerdings wird zwischen Tieren ein Unterschied gemacht, die üblicherweise fürs Essen Gezüchteten können weiterhin sogar von Mönchen vertilgt werden.

2) Oft wird auf Textstellen verwiesen, die den Metzger für sein schlechtes Karma bedauern. Wir neigen dazu, das auf unsere Zeit zu projizieren, aber früher schlachteten sehr viele Menschen ihr Vieh selbst. Im Grunde waren sie also alle Metzger, herausgehoben wird aber der Berufsstand, der besonders viel schlachtet oder mit Tieren handelt. 

Fazit 2: Schlachten in Maßen ist kein besonderes Thema im Buddhismus, was wohl auch daran liegt, dass die Mönche sonst der Gefahr mancher Mangelernährung ausgesetzt gewesen wären, wenn gar kein gespendetes Fleisch mehr in ihren Topf gewandert wäre.

3) Wie Peter Singer argumentieren viele Buddhisten mit der Verpflichtung, Leiden von Tieren zu vermeiden. Übersehen wird dabei, dass jedes Wesen nur einmal stirbt und das Leiden des Sterbens nicht vermeidbar ist. Allerdings kann man Unterschiede in der Dauer des Leidens - von der Erkenntnis, sterben zu müssen, bis zum Tod - feststellen. Im Buddhismus wird nicht schlüssig gezeigt, dass ein Tier die Ursachen des Leidens aufheben könne, denn dazu würde ja auch Einsicht in die vier Wahrheiten gehören, das Beseitigen von Unwissenheit und das Praktizieren des achtfachen Pfades. 

Fazit 3: Es ist Tieren bei der logischen Anwendung des buddhistischen Heilsweges nicht möglich, ihr Leiden aufzuheben.

Welche Leiden hebt aber nun der Mensch auf? Es ist weder das Sterben an sich, das er mit dem Tier teilt, noch sind es körperliche Schmerzen per se. Was er ändern kann, ist das "Leiden am Leiden", er kann sich mental z. B. so üben, dass er dem Tod - zumindest scheinbar - gelassen ins Auge sieht. Dies ist Tieren so auch nicht möglich, da sie adrenalingesteuerte Fluchtreaktionen zeigen, wenn sie Gefahr wittern. Das Äquivalent zum coolen Zenmeister, der ein Gedicht schreibt und sich dann sozusagen selbst für immer schlafen legt, wäre ein Tier, das keine Zeit hat, lange zu leiden und diese natürlichen Reaktionen zu zeigen, die im Übrigen auch ein Mensch zeigen würde. (Über die Frage, ob es sich überhaupt lohnt, für das unabwendbare Sterben, das meist konkret nur einen sehr geringen Teil der Lebenszeit wirklich Kummer macht, ein jahrelanges Training auf sich zu nehmen, habe ich hier schon einmal gesprochen - ich glaube das nicht, lediglich eine Anwendung dieser Angstfreiheit während der Lebensspanne vor dem Sterben - wie z. B. von den Samurai gelehrt - macht Sinn). 

Peter Singer ist Anhänger des (Präferenz-)Utilitarismus, der eine Handlung als richtig ansieht, wenn sie ebenso viel oder mehr Glück für die Beteiligten bringt als etwaige Alternativen. Ja, Singer spricht wirklich von "Glück". Das ist im Grunde schon ein Fehler, denn das Glück von Menschen bemisst sich subjektiv, und wenn die meisten Menschen auf einer Glücksskala einen Absturz erleben, weil sie kein Fleisch mehr auf dem Tisch haben, hat Singer sich damit selbst ins Knie geschossen. Für die Tiere wiederum existiert wohl gar keine "Glücks"kategorie. Für Tiere existieren Hunger oder Nicht-Hunger, Krankheit oder Nicht-Krankheit als wesentliche Kriterien ihres Wohlbefindens. Der Tod ist keine Kategorie, der sie - wie uns Menschen - darauf brächte, sich mal jahrelang in die Berge zurückzuziehen, um sich darauf vorzubereiten. Wenn Tiere das vielleicht tun, dann um tatsächlich zu sterben. Mein Eindruck ist, dass Singer - im Gegensatz zu mir - nie länger auf einem Bauernhof und mit (Schlacht)Tieren gelebt hat. Er will Handlungen nach den "Folgen" (Konsequentialismus) beurteilen, nicht nach den Motiven (siehe auch den kürzlichen Beitrag zum "effektiven Altruismus" hier in diesem Blog). Moralisch richtig würde also, was die besten Konsequenzen für alle hat.

Wenn man Singer weiterdenkt, bedeutet dies, dass kaum noch Kühe und Schweine und Hühner zur Welt kämen, weil sie niemand nur zum Spaß versorgen wird. Singer stellt damit Nicht-Leben über das Leben, es ist moralisch richtiger, etwas nicht ins Leben zu lassen, wenn es später gegessen wird. Diese Idee ist für mich absurd und noch so eine Kopfgeburt, da die ganze Natur und auch das Tierleben auf dem Prinzip "Fressen und Gefressenwerden" beruht. Unsere Tierhaltung zwecks Nahrungsversorgung ist lediglich eine Fortsetzung dieses Prinzips, an dessen Ende wir als Menschen das Glück haben, selbst kaum von jemandem gefressen zu werden. 

Gehen wir mehr in die Tiefe. Singer meint, es ginge um Intressenabwägung, jedes Tier habe als elementarstes Interesse, Schmerz zu vermeiden. Hier stimme ich ihm zu, weswegen Tierhaltung entsprechend zu gestalten ist. Im Hinblick auf das Töten (oder: Sterben) bedeutet es lediglich, dass es möglichst schmerzfrei sein sollte. Wir Verbraucher müssten das mit höheren Preisen bezahlen. Sehr wahrscheinlich würde das den Fleischkonsum verringern. Im gleichen Sinn kann ich Singers Kritik an manchen Tierversuchen nachvollziehen.

Fazit 4: Leiden von Tieren ist nur im Hinblick auf Schmerzen und Angst zu verringern. Darum muss man aber nicht für Vegetarismus, sondern für eine andere Art der Tierhaltung plädieren, die vor allem mehr Auslauf und Platz für die Tiere berücksichtigt. 

Ich bin noch mit einer solchen Tierhaltung groß geworden. Singer rät deshalb dazu, kein Fleisch zu kaufen, wenn man nicht wüsste, von welchem Betrieb es käme, also keines aus irgendeiner Massentierhaltung. Ein riesiger Stall voller Kühe, die an Melkmaschinen angeschlossen sind, ist freilich noch kein Grund für Boykott, wenn man sich solche Betriebe mal selbst anschaut und nicht nur verfettete Hühner mit kaputten Beinen vor Augen hat. Massentierhaltung ist also auch vertretbar, wenn sie auf Schmerzvermeidung achtet, sie ist nicht an sich verwerflich. Ich glaube, da hat Singer eine eher romantische Vorstellung vom Landleben. Um die Massentierhaltung an sich zu verringern, ist es wohl am besten, man mindert die Überpopulation der Menschheit mit ihren Bedürfnissen. Ein weiterer Weg könnte der Verzehr von Insekten statt Säugetieren sein, da ihre Züchtung und Haltung offenbar klimafreundlicher ausfällt.



Mittwoch, 22. Juni 2016

Was macht eigentlich Thay, der ehemalige Thich Thien Son?

Das Gleiche wie vorher. Wozu offensichtlich auch Scheiße verzählen gehört. Auf das vormals weiße Outfit wird jetzt aber schon gern mal eine braune Weste gezogen, damit es mönchischer wirkt. Offenbar steht der vermeintlich entrobte Thay immer noch über den anderen Ordinierten, wie dieses Foto nahelegt. Und schließlich wollen die alt bekannten durchnummerierten Zen-Kurse und Module (Motto aus einer Kursbeschreibung: "es gibt Fehler, in die wir immer wieder hineintappen" ...) gut verkauft sein. An seiner Seite werkelt auf oder vielmehr in "Buddhas Weg" weiterhin Bhante Punnaratana. Als ich mal guckte, wer denn sonst noch so mitmischt, fiel mir Hyon Gak Sunim (Paul Muenzen) ins Auge, ein komischer Vogel, den ich bereits vor Jahren hier mal kritisch beäugt hatte. Der baut sich offenbar zudem gerade ein Zentrum in Regensburg auf. In einer vollmundigen (Selbst)Beschreibung heißt es von ihm, er sei "als erster Westlicher seit der kommunistischen Revolution in China zum Mönch geweiht" worden. Tatsächlich hat er damals wohl mit seinem Lehrer Seung Sahn einen Abstecher nach China gemacht. Falsch ist es dennoch. 
   Einer, dem es vor dem gakkernden Sunim gelang, war der aus Ungarn stammende, Deutsch sprechende Jude Ignacz Trebitsch. Nach Pali-Studien in Sri Lanka und der Exekution seines Sohnes, der an einem Raub beteiligt war, ordinierte er 1931 in China, wurde zu Zhao Kong und wehrte sich gegen die japanischen Besatzer. 


  
Eine gute Gelegenheit, auf den angeblich allerersten Westler hinzuweisen, der als buddhistischer Mönch ordiniert wurde, U Dhammaloka alias Laurence Carroll. Der um 1850 geborene irische Tramp musste einst wegen schlechtem Benehmen in Rangoon an Land und machte schon bald als vollordinierter Rebell von sich reden, der in flammenden Reden gegen die katholische Kirche (der er das Verteilen von Bibeln untersagte) und die britischen Besatzer wetterte. Seinen Humor bewies er u.a., als er in einer Zeitung eine Stange Geld bot, wenn ihm jemand eine jungfräuliche Mutter zeigen könne. Über die Landesgrenzen Burmas hinaus wurde er als Kämpfer für Erziehung und Unabhängigkeit bekannt, gründete Schulen in Singapur und Bangkok und lehrte gar in Nepal. Wie Zhao Kong später in China, war auch er ständig unterwegs. Da ihn die Obrigen unter Druck setzten, soll er seinen eigenen Tod vorgetäuscht haben. Vielleicht könnt Ihr demnächst irgendwo die Doku "Dharma Bun" über ihn sehen.

Dienstag, 14. Juni 2016

Effektiver Altruismus - und
Kôdô Sawaki über Spendenfreudigkeit

"Wenn wir das Universum nicht mit einem Blick erfassen, weinen und lachen wir. Ist unsere Sicht umfassend, dann gibt es weder Anziehung noch Ablehnung: Die Dinge sind, wie sie sind, das ist alles. Dies ist nur dies, das ist nur das. Und doch können wir nicht begreifen, dass Sozialarbeit, deren Zweck es ist, Gutes zu tun, den Begünstigten vielleicht nicht glücklich macht. Tatsächlich vergrößern wir die Demütigung eines Armen, indem wir ihm Geld geben, und lassen ihn unbefriedigter als zuvor zurück. Ich sage immer, dass man bei den Armen betteln gehen sollte. Der Bedürftige denkt sich dann: „Die können mich immer noch um etwas bitten“, und sogleich entdeckt er seine Würde als Mensch wieder. Darum bettelte Shâkyamuni unter den Elendsten der Elenden um Almosen. Wenn jemand gibt, dann ist er nicht arm. Der Beweis ist, dass ein Reicher es ablehnt, Almosen zu empfangen, da es sein wichtigstes Attribut verletzen würde, seinen finanziellen Status, ohne den er nicht mehr existieren kann. Er hasst es, als Geschenk seinen liebsten Besitz zu bekommen, nämlich Geld. Mit diesem Beispiel haben wir die Essenz des Universums erfasst. Ein solch heller Blick ist nicht erklärbar. Er bedeutet, das Auge zu haben."

Bei meinem ersten Kambodscha-Aufenthalt gab es eine Menge zu tun. Die Armut, die ich sah, war erschütternd. Ich beschloss, mich insbesondere um die Familie eines jungen Mädchens zu kümmern, das mich beeindruckt hatte, weil sie mir - eigentlich Schals und Flöten an Touristen verkaufend - auf meinen genervten Einwurf, ich bräuchte ein Auto, bei meiner Rückkehr aus einem alten Tempel ein Auto besorgt hatte und weinte, als ich ihr sagte, das sei ein Scherz gewesen. Ich war bei der Geburt ihrer jüngsten Schwester dabei (zusammen mit einem japanischen Filmteam) und machte ihren geschwächten zweijährigen Bruder, der nicht laufen konnte, zum ersten Patienten eines Kinderhospitals, mit all der Aufmerksamkeit, die das mit sich brachte. In den Folgejahren brachte ich bei meinen Besuchen natürlich Geschenke mit. Da meine finanzielle Situation - nach deutschen Verhältnissen - eher angespannt war, sagte ich der inzwischen erwachsen gewordenen Bekannten, das nächste Mal würde ich vielleicht mit leeren Händen kommen. Mir war nicht entgangen, dass ich mit meiner Spendenfreudigkeit auch Erwartungen und entsprechend sehnsüchtige Blicke erzeugt hatte. Da antwortete sie: "Das macht nichts. Wir werden dann dich unterstützen." Zwei Jahre später kam ich zum südostasiatischen Neujahr dort an, und ganz verschiedene Menschen aus dem Dorf versorgten mich jeden Tag mit mehr Klebreis und Banane (im Bambusrohr), als ich essen konnte. 

Im Lauf der Zeit habe ich mir folglich selbst Gedanken über das richtige Geben gemacht. Ein Patentrezept habe ich nicht, aber durch meine eigenen Recherchen zu Hilfsorganisationen, die insbesondere in Kambodscha tätig sind, gebe ich heute der ernüchterten Rat, gar nichts zu spenden, insbesondere nicht an solche, die vorgeben, Kinder zu schützen (was nicht nur für kleine, sondern auch für bekannte  und "geprüfte" NGOs wie Save the Children, Plan International, World Vision usf. gilt, einzig bei den SOS-Kinderdörfern bin ich optimistischer gestimmt). Vor allem religiös motivierte Helfer richten viel Schaden an, da sie die Einheimischen regelmäßig mit ihren beschränkten Vorstellungen belästigen. Selbst nicht dezidiert religiöse Vereine neigen aber zur Indoktrination, und in den Ungebildeten finden sie oft leichte Beute. Viel Geld kommt nicht an, und selbst die angeblich notwendigen Verwaltungskosten sind im Grunde immer zu hoch. Erst vorgestern traf ich einen gebildeteren Inder mit Frau und erwachsener Tochter im größten buddhistischen Tempel hier in Pattaya, und hörte nicht nur, dass das Problem der Kindstötung von Mädchen (letzte Woche nochmal bei Markus Lanz hochgespielt) nicht mehr so signifikant sei, sondern dass es sogar Gesetze gegen das einseitige Verteilen von Mitgift (worunter die Eltern von Töchtern leiden) gibt. Der Inder sprach aber auch von der Unzahl Hilfsorganisationen in seinem Land und fasste es so zusammen: "Ich habe noch nie erlebt, dass irgendeine NGO entscheidend etwas geändert hätte. Die finanzieren sich vor allem selbst."

Als ich in einem historischen Bericht zum Wiederaufbau Kambodschas nach der Zeit der Roten Khmer sogar das Eingeständnis eines OXFAM-Mitarbeiters las, man habe Reisspenden an Konsorten wie Hun Sen zugestimmt, weil sonst niemandem geholfen worden wäre (die Clique um Hun Sen hatte gefordert, über die Verteilung selbst zu bestimmen, sonst gäbe es gar keine; danach wurde ein Großteil dieser Spenden Kadern und Beamten, der üblichen Sippschaft eben, zugeleitet und nicht den Armen, die hungerten, und das half, die heutigen Machtverhältnisse im Land zu begründen), wurde mir der zynische Teil einer pragmatischen Hilfsbereitschaft klar. Das Motto ist hier offenbar: Besser es kommt was bei den Armen an, als gar nichts - auch wenn wir damit korrupte Diktatoren stützen. Solchen NGOs fehlt es in meinen Augen an Rückgrat und klaren Ansagen. Ich bringe darum auch keine Kleider und Bücher mehr in OXFAM-Shops, wie ich es früher machte. Wer sich ein Bild von der moralischen Korruptheit Hun Sens machen will, dem sei der folgende Clip ans Herz gelegt.




UNICEF kann ich nicht unterstützen, seit sie Journalisten in den Hochzeiten der Boulevard-Hysterie über Kinderprostitution Videokassetten zur Verfügung stellten, in denen  unkommentierte Filmausschnitte das Problem nahelegten, aber nicht beweisen konnten: So wurde etwa ein geschminktes philippinisches Mädchen auf einer Fähre gezeigt (vermutlich sogar ohne deren Einverständnis), damit der Journalist dann seine Texte darüber sprechen konnte. Suggestives Bildmaterial sollte hier die eigene Recherche ersetzen. Wie ich in diesem Blog schon schrieb, war bei Nachrecherchen zu Beiträgen quer durch die deutschen TV-Sender festzustellen, dass die dort angesprochenen Sachverhalte nicht stimmten und dass das Ausmaß des Problems übertrieben wurde, um die Bemühungen von Interessengruppen (auch bei der UNICEF) zur allgemeinen Anbebung des Begriffes "Kindheit" auf 18 Jahre zu unterstützen und Gelder für den Schutz von Kindern mit möglichst schockhaften Bildern (die von Werbeagenturen produziert wurden) und erfundenen statistischen Behauptungen zu ihrer Ausbeutung einzuwerben. Das Problem existiert zwar, aber in anderen Dimensionen und Formen als behauptet.

Auf die Schwächen einer utilitaristischen Denkweise habe ich schon einmal mit Hinblick auf die lückenhafte Logik des Tierschützers Peter Singer hingewiesen (das Thema Tierschutz und Vegetarismus will ich demnächst noch ausführlicher beleuchten). Kürzlich stellte die Frage "Wie kann meine Hilfe am meisten Menschen nutzen?" der junge Philosophie-Professor William McAskill in seinem Buch "Gutes Besser tun" (Ullstein 2016) über "Effektiven Altruismus". Man könnte McAskill als Fallstudie fürs "Helfersyndrom" lesen, geht es ihm doch um die Optimierung unseres Helfens im Sinne eines durchgeplanten Lebens inklusive Ausbildung und Beruf. Ich kann mich aber zunächst mit vielen seiner Vorschläge anfreunden. Da werden Hilfsorganisationen daraufhin abgeklopft, wie viele Menschen wie sehr von ihnen profitieren, und ein metrisches Äquivalent zur Bemessung namens QALY (1 QALY bedeutet ein zusätzliches, gesundes Lebensjahr) eingeführt, mit dessen Hilfe man z. B. feststellen kann, dass ein für einen besonders Armen gespendeter Dollar hundert Mal mehr nutzen kann als wenn man den Dollar einem Mitglied der Wohlstandsgesellschaften gäbe (was freilich dazu führen müsste, dass Bettlern auf deutschen Straßen das Geld zugunsten von Spenden an Arme in Drittweltländern entzogen würde ...). QALY macht auch deutlich, wie umgerechnet auf jedes Todesopfer 333.000 Dollar beim letzten großen japanischen Erdbeben eingeworben wurden, für Armut-relevante Themen jedoch nur 15.000 Dollar. Von daher leitet der Autor ab, dass bei Naturkatastrophen eher nicht gespendet werden solle, da sie - je nach medialer Aufmerksamkeit, versteht sich - unverhältnismäßig besser unterstützt würden als ebenso wichtige Anliegen.

Insgesamt geht es McAskill um Lebensverlängerung und Verbesserung der Lebensqualität der Unterstützten. Dabei solle man moralisch, aber nicht emotional handeln. Hier sehe ich die ersten beiden Probleme. Zum einen ist jede Hilfe, die nicht zuerst die Überbevölkerung auf der Erde bekämpft, nicht die effektivste. Zuallerst müssten Maßnahmen zur Eindämmung dieser Überbevölkerung ergriffen werden, da man mit der Verteilung von Malarianetzen und Entwurmung (drei der von McAskill bevorzugten Hilfsorganisationen tun genau dies) immer auch an den Symptomen herumdoktort statt an den Ursachen: Gäbe es nicht so viele Menschen, gäbe es auch nicht so viele Arme. 

Zum anderen bedeuten uns nicht alle Menschen das Gleiche, und gerade wenn wir persönliche Beziehungen zu Armen aufbauen, können wir ihnen das Selbstwertgefühl (von dem auch Sawaki oben spricht) geben, das beim anonymen Helfen zu wenig bedacht wird. Ich habe beobachtet, wie mein Helfen Erwartungshaltungen weckt und zu Nichtstun führen kann. Besser ist, wenn der Bespendete auch einmal etwas tun kann, seine Gastfreundschaft zeigen, ein Mahl zubereiten, eine Leistung auf dem Gebiet erbringen, das er beherrscht. Da viele von uns in arme Länder reisen, besteht die Möglichkeit, dass wir von selbst auf die Dinge kommen, die auch McAskill vornehmlich unterstützt: Entwurmen, Malariaschutz, Ausgleich von Mangelernährung.

Abgesehen davon ist doch auffällig, wie McAskill, der selbst diverse Organisationen in seinem Sinne betreibt, dazu rät, das eigene Geld aus der Hand zu geben. Ich bin ganz anderer Ansicht. Man sollte alles dafür tun, dass man die Kontrolle darüber, wo die Spenden hingehen, selbst behält. Dass es McAskill und Co. um die Deutungshoheit in diesem Bereich geht, wird klar, wenn sie auf die Großspender hinweisen, die 10 bis 50 % oder sogar mehr ihres Einkommens weggeben (der Durchschnitt liegt ansonsten bei 2 %). Die meisten von uns würden nach diesem Modell nur relativ wenig ausrichten, wenn sie von ihren kargen Einkommen noch etwas entbehren. Ich selbst habe Armen Moskitonetze und Entwurmungsmittel in einem Land gekauft, wo die größte Dichte an Hilfsorganisationen herrscht(e), nämlich in Kambodscha. Mit anderen Worten, all diese Großspender und ihre Organisationen kommen offenbar nicht dorthin, wo ich hinkomme - und das waren keinesfalls abgelegene Orte. Deshalb ist leicht zu erahnen, wie wenig von ihrem Geld dort angelangt, wo es angelangen sollte. Zumal auch McAskill groteske Summen nennt, die man mit ein bisschen Recherche um ein Vielfaches unterbieten kann, etwa die Kosten für Handpumpen. 

Natürlich kann man als Einzelner auch viel falsch machen. Ich habe einmal die Pfützen vor der Hütte einer malariaerkrankten Familie beseitigen wollen, indem ich in ihrem Dorf Rohre für den Abfluss der Wasserlachen rund um den Brunnen verlegen ließ. Die Rohre führten leicht abhängig zu einem Bach, so die Idee. Als ich ein, zwei Jahre später wiederkam, waren die Rohre hinter der Hütte der Bekannten aufgeschichtet, also wieder ausgegraben worden. Das Gefälle hatte nicht genügt, ein Rückstau hatte sich gebildet und zu stinkenden Rückständen geführt. Hier hätte die Hilfe von Experten meinen Fehler wohl vermeiden helfen. 

McAskill macht viele intelligente Bemerkungen, er beschreibt die bekannte "moralische Lizenz", die dazu führt, dass Menschen, die etwas Gutes getan haben, oft in der Zukunft weniger Gutes tun und sich darauf ausruhen (ein Problem, das sich m. E. auch im Buddhismus beobachten lässt, wo diejenigen, die Gelübde ablegen und sich zum Guten verpflichten, damit schon meinen, den wesentlichen Teil getan zu haben). Manche Menschen würden eher gut aussehen und sich gut fühlen wollen, als wirkliches Interesse daran haben, Gutes zu tun. 

Der Autor räumt auch mit Vorurteilen auf. So würden nur 10 % des CO2-Abdruckes von Nahrungsmitteln durch den Transport zustandekommen, aber 80 % durch die Produktion, so dass ein von Weitem eingeführtes Nahrungsmittel weniger schädlich sein könne als ein lokal hergestelltes (hier schlägt der Autor Spenden an Cool Earth vor, die indirekt dazu beitragen, Regenwald zu erhalten). Außerdem kämen z.B. nur 11 % des Preisaufschlages für Fairtrade-Kaffee in den Herstellungsländern an. Auch diese Details machen das Buch empfehlenswert (zu einem weiteren seiner Hauptanliegen, dem Vegetarismus, später mehr, denn er lehnt in dieser Reihenfolge alles ab: Rindfleisch-Eier-Hühnerfleisch-Schwein-Fisch). Auch die so genannten "Sweatshops", Fabriken, in denen unter oft fragwürdigen Bedingungen unsere Kleidung hergestellt wird, verteidigt McAskill: Die Einheimischen wollten dort arbeiten, weil der Lohn besser sei als anderswo.

Das größte Problem ist für mich gar nicht, dass nicht genug Geld für die Verteilung etwa von Moskitonetzen und Entwurmungsmitteln in den Zielländern vorhanden wäre, sondern wie Entwicklungshilfe versickert und die oft korrupten Regime in den ärmeren Ländern dadurch gestützt werden, dass man ihnen die Fürsorge für ihr Volk abnimmt, anstatt zuerst diese Regierungen zu beseitigen. Das wäre, wenn man schon rational-moralisch argumentieren will, oberstes Gebot. Insofern scheitert Effektiver Altruismus an seinen eigenen moralischen Grenzen, die dafür offensichtlich keine Lösung bieten.

* Kôdô Sawaki: Das Lied des Erwachens. Kommentare zu Yôka Daishis Shôdôka. Ab 3. Juli im Handel.

Dienstag, 7. Juni 2016

Der Mord am Gorilla Harambe

"Wo Tiger und Mensch zwei sind, kann er sterben. 
Doch wo Tiger und Mensch eins sind, gibt es keine Furcht, keine Gefahr. 
Welches Geschöpf, das eins mit sich ist, würde sich schon selbst angreifen?"

(Meister Po in der TV-Serie "Kung Fu") 

Kein Ereignis hat mich in den letzten Wochen so bewegt wie der Mord am Silberrücken Harambe, einem Gorilla, der im Zoo von Connecticut gefangen war. Das Filmmaterial dürfte hinlänglich bekannt sein. Auf dieser Seite des US-TV-Senders ABC (auf dem kleinen Bildschirm im rechten Frame) macht ein Moderator am Ende die treffende Bemerkung: "Der Gorilla hat nichts falsch gemacht." Getötet wurde er trotzdem, um, so hieß es, das Leben eines kleinen Jungen zu retten, der zu ihm mehr oder weniger auf eigenen Wunsch (und durch Nachlässigkeit der Mutter) ins Gehege gefallen war.
   Die Argumente, die für die Tötung von Harambe angeführt wurden, können mich nicht überzeugen, selbst wenn sie von angeblichen Experten kommen (die sich hier insgesamt nicht einig sind). Es vergingen fast zehn Minuten, in denen der Gorilla das Kind längst hätte töten können, allerdings nach Sichtung der Amateuraufnahmen und laut Zeugenaussagen eher Anzeichen von Beschützerinstinkt zeigte. Die Geste etwa, wo er den Jungen am unteren Rücken berührt, ähnelt der eines anderen Zwischenfalls aus dem Jahr 1986. Wenn zehn Minuten lang keine Tötung erfolgte (auch wenn es sicher ein paar Minuten gedauert hätte, einen Schützen beizubringen), dann stellt sich die Frage, wieso bei dieser Sachlage eine solche Hasenfuß-Entscheidung noch getroffen wurde. In einem weiteren vergleichbaren Fall von 1996, wenn dort auch ein Weibchen beteiligt war, gab es ebenfalls Hinweise darauf, dass die Gorillas kein Interesse daran haben, ein Menschenkind zu töten. Selbst bei einem Übergriff aus dem Jahr 2004, wo Kinder einen Gorilla aufs Äußerste gereizt hatten, er Amok lief und zwischenzeitlich den Kopf eines Dreijährigen im Maul hatte, blieb nur der Gorilla auf der Strecke - und erschossen wurde er, als er mit weißen Kindersandalen in der Hand auf ein Sondereinsatzkommando zulief. Wenn ein Gorilla droht, heißt das freilich nicht, dass er mordet:



Es mag lächerlich erscheinen, wenn ich nun meine einstige Spielerei mit Makaken in Angkor erneut auspacke, aber es gibt eine Parallele. Diejenigen, die dort mit den Affen vertraut sind und Bananen an Touristen verkaufen, damit diese die Tiere füttern können, halten selbst Abstand von den Tieren und raten anderen dazu. Ich konnte nur ungestört mit den Tieren spielen, als die "Experten" weg waren, Der Affen- Anführer hatte anfänglich kurz an meinem Genick geknabbert, und ich habe das so gedeutet: Ein Alpha-Tier zeigt seine Zähne, macht klar, wer das Sagen hat. Es weiß aber auch, wie der grundsätzliche Wille zur Gewaltlosigkeit deutlich gemacht werden kann - indem man nicht die Haut des anderen verletzt.
   Bei einem Ausflug auf den Phnom Bokor trafen wir in einem buddhistischen Tempel auf eine alte, blinde Makakendame, die sich gern streicheln ließ. Es gab dort auch ein Jungtier, mit dem meine Bekannte und ich verletzungsfrei spielten. Das Tier ging bei seinen freundschaftlichen Bissen bis an die Grenze, ähnlich wie manche Hunde. Eine Touristin wurde jedoch von dem Jungtier leicht verletzt, sie zog sich eine blutige Hautverletzung zu. Es war diejenige, die vorher durch den Stuss, den sie redete, aufgefallen war.
   Eine andere Makakengruppe hatte einen Anführer (oder vielleicht eher "Stammesältesten") mit wirklich beeindruckenden Fangzähnen. Nachdem er sie mir vorgefletscht hatte, teilte ich ein Getränk mit ihm und er klatschte mich wahrhaftig zum Abschied ab, den er als einziger so lange herauszögert hatte, dass seine Horde fast schon in der Ferne nicht mehr zu sehen war.
   Die Tiere leben frei und haben doch ähnlich häufig Kontakt mit Menschen wie ihre Artgenossen im Zoo.      
   Seit diesen Erlebnissen verspüre ich eine besondere Verbundenheit mit Affen. 

 

Als anlässlich der letzten Winterolympiade die Deutsche Bahn Freifahrten an den Tagen spendierte, die auf Goldmedaillengewinne der deutschen Sportler folgten, nutzte ich diese für etliche Tagestrips in deutsche Zoos. In einem verbrachte ich lange Zeit vor einer Scheibe, hinter der ein Gorilla saß. Wir sahen uns an, und ich hatte sogar den Eindruck, dass es uns gelang, miteinander zu scherzen.
   Ich habe drei deutsche Zoos angeschrieben*, um zu erfahren, ob sie genau so wie in Cincinatti gehandelt hätten und ob es außer Betäubungspfeilen keine Alternativen für schneller wirksame Betäubung von Gorillas gibt. Ich hätte auch fragen können, welche Statistiken über die Mordwilligkeit von Gorillas gegenüber Menschen und speziell Kindern Aufschluss geben, aber diese Peinlichkeit wollte ich den Zoos ersparen. Die erste Frage, die ich mir selbst nach dem Mord an Harambe stellte, war die, ob ich noch jemals wieder einen Zoo betreten sollte, wenn man dort offensichtlich so wenig von den Tieren versteht.
   Mehrere Aktionen sind unmittelbar nach dem Vorfall ins Leben gerufen worden, die vor allem darauf abzielen, Eltern in die Haftung zu nehmen, die ihr Kind nicht hinreichend im Zoo beaufsichtigen. Das interessiert mich nicht, zumal wir hier den Sonderfall haben, dass ein kleiner Junge ins Gehege selbst hineinwollte und sofort alle davon ausgehen, dass dies für den Vorfall keinerlei Bedeutung hätte. Man bedenke hierbei, dass der Junge in keinem Augenblick des Kontaktes mit dem Gorilla geschrien oder geweint haben und beim Todesschuss dessen Hand gehalten haben soll.
   Mich interessiert, ob man den Schützen vor Gericht bekommt** und diejenigen, die íhn zu dem Schuss veranlasst haben. Die Sache sollte verhandelt werden, nicht weil ich diese Menschen bestraft sehen will, sondern weil man hieran exemplarisch erörtern kann, ob wir Menschenaffen nicht möglichst so behandeln sollten wie Menschen, wenn es um moralische Fragen geht. Und einen "unbescholtenen" Menschen, sagen wir von geringem IQ, der ein Kind durch ein Wasserbad geschleift und vor sich abgesetzt hätte, den hätte man auch nicht erschossen, wenn er 300 Kilo auf die Waage brächte, nur weil er dem Kind den Schädel hätte zertrümmern können. Um so etwas müsste sich eigentlich das Great Ape Project kümmern, also habe ich auch da mal nachgehakt und werde ggf. diesen Beitrag aktualisieren (obwohl sich in einem Kommentar auf deren Facebook-Seite bereits andeutet, dass Zoos Affen wie Sklaven halten und behandeln, also auch abschießen dürfen ...).
   Vielleicht wird der kleine Junge, der zu den Gorillas wollte und für dessen Leben ein anderes geopfert wurde, mal ein engagierter Tierschützer.



Nachtrag: Ich habe diesen Beitrag vor einigen Tagen verfasst und inzwischen einige Antworten erhalten. Das Great Ape Project sieht aufgrund der Rechtslage keine Chance, gegen den Zoo in Cincinatti vorzugehen. Die Tiere würden dort wie Sklaven betrachtet, weshalb es wichtig sei, ihnen so bald wie möglich Grundrechte zu verschaffen.
   Als einziger deutscher Zoo antwortete mir der Frankfurter aus meiner Heimatstadt. Maßnahmen wie die obigen erforderten nun einmal Zeit (weswegen zehn Minuten verstrichen), das Erschießen sei aber dann ohne Alternative und man hätte unter solchen Umständen in Frankfurt genauso handeln müssen, da das Verhalten des Gorillas unberechenbar sei.
   Das Projekt von Jane Goodall, der bekannten Schimpansenexpertin, verweist auf diese email. Sie gibt einen Hinweis auf die Deutung des Affenverhaltens und auf das Problem, dass die verbleibende Horde nun hat.

Mittwoch, 1. Juni 2016

Wenn Mönche mit Tigern handeln (104 kg*)

Aus aktuellem Anlass habe ich den Beitrag über "Effektiven Altruismus" mit einem weiteren Zitat aus dem neuen Sawaki-Buch um zwei Wochen verschoben (nächsten Mittwoch folgt ein weiterer Beitrag zum Tierschutz, der ebenfalls schon heute gut gepasst hätte). Die beiden Kommentare, die bereits eingegangen waren, werden dann in zwei Wochen freigeschaltet. Danke!



Seit einigen Tagen wird also im thailändischen "Tiger Tempel" (Wat Pa Luangta Maha Bua Yannasampanno) aufgeräumt. Der Tempel war eine Touristenattraktion, weil man sich dort mit schläfrig wirkenden Tigern, die oft von Mönchen sogar unangekettet spazieren geführt wurden, fotografieren lassen konnte. Sein Umsatz soll mehrere Millionen US-Dollar im Jahr betragen haben. Tierschützer erhoben immer wieder Vorwürfe, zuletzt auch wegen illegalen Tierhandels (abgesehen davon, dass die Haltung der Tiere dort gegen thailändisches Recht verstieß). In China werden z. B. Tigerkrallen und -penisse als Potenzmittel verzehrt. 
   Auf der anderen Seite kümmerte sich der dortige "Animal Rescue Centre" um vernachlässigte oder abgegebene Tiere. Der Tempel ist nach einem der in Thailand beliebtesten Mönche benannt, Maha Bua Nanasampanno (1913-2011), der dessen Gründung selbst angeregt hatte. Ajahn Maha Bua (dessen eigener Waldtempel Wat Pa Ban Tat war) hat sich einst nicht nur an der Staatsrettung beteiligt, als er in der Wirtschaftskrise die Thais zu immensen Geld- und Goldspenden aufrief, mit denen u. a. die Kredite an den Internationalen Währungsfond zurückgezahlt werden konnten - was allerdings gegen Maha Buas Willen geschah. Er unterstützte zunächst auch den inzwischen verurteilten Ex-Staatslenker Thaksin, ehe er ihn des Angriffs auf die Monarchie bezichtigte: Für Maha Bua und viele Thais stellt der König die Verkörperung des buddhistischen Dhamma dar. 
   Hält man sich dieses komplexe Beziehungsgeflecht - und die Gewinnspanne des Tempels - vor Augen, kann man sich vorstellen, warum es so lange dauerte, bis ein Gericht die Konfiszierung der Tiger ermöglichte. 
   Tiger auf Drogen, mit denen man sich ablichten kann, findet man in Thailand auch anderswo. Dass ausgerechnet ein buddhistischer Tempel im Gefolge Maha Buas diesen Kommerz auf die Spitze trieb, ist besonders pikant, da der Altehrwürdige nicht zuletzt für seine kleine Schrift "Wisdom develops Samadhi" angesehen war, die - was der Titel nicht gleich deutlich macht - die Entwicklung von Weisheit auf der unabdingbaren Grundlage von sila, moralischen Verhaltensregeln, beschreibt. Insofern ist der Tiger-Tempel für mich nur ein weiterer Beweis dafür, dass ein solcher Weg, der sich krampfhaft auf sila gründen will, am ehesten zum Scheitern verurteilt ist. Ein Buddhist bezieht seine wahre Stärke besser nicht aus Vorschriften, sondern aus selbst verwirklichter Weisheit. 
   In den Freitagabend-Ansprachen, die General Prayuth regelmäßig über Dutzende TV-Sender ausstrahlen lässt, hat er immer wieder um Geduld für die Umsetzung seiner angekündigten Maßnahmen gebeten. In einem eindrucksvollen Plädoyer für den sparsamen Umgang mit Wasser - er erinnerte u. a. an das traditionelle "Besprenkeln" zu Ehren der Eltern - kurz vor dem Neujahrsfest Songkran im April hatte er eine wichtige Botschaft ans Volk gebracht, auf die seine Landsleute (und etliche verrückte Ausländer) besser hätten hören sollen. Doch die Zeichen, dass sein Durchgreifen in vielen Bereichen fruchtet, mehren sich nun.

[* Zum ersten Mal in 10 Monaten ist mein Gewicht wieder signifikant gestiegen. Durch etwas mehr Bewegung und weniger Essen konnte ich zuvor im Schnitt ein Kilo pro Monat abnehmen, aber im Mai habe ich intensiv an einer Übersetzung gearbeitet und ein Dutzend Mal Pizza und Fast Food von Burgerläden bestellt (hmm. lecker!) - und das ist die erwartete Quittung.]