Mittwoch, 25. Juni 2014

Warum so viele Kambodschaner aus Thailand flohen

Die fluchtartige Rückkehr von über 200.000 Kambodschanern in ihr Heimatland dürfte eine komplexere Ursache haben als die bloße Furcht vor harschen Maßnahmen der thailändischen Militärregierung gegen illegale Einwanderer. Dafür spricht zum einen, dass auch viele legale Einwanderer das Land verlassen haben, zum anderen, dass es keine Massenflucht von Arbeitern aus Myanmar und Laos gab, die unter den gleichen unterschiedlichen Voraussetzungen (mal mit, mal ohne Pass) in Thailand arbeiten. Es ist ja bekannt, dass der kambodschanische Premier mit dem im Nachbarland geschassten Thaksin Shinawatra befreundet ist, und leicht kann man sich ausmalen, wie die beiden einen Plan ausheckten, die momentane Thai-Regierung zu destabilisieren und in Misskredit zu bringen. Dazu wurde zum einen das Gerücht gezielt gestreut, dass Einwanderer misshandelt oder gar ermordet worden seien (damit auch die Legalen Angst bekämen), zum anderen ging etwa unter den Illegalen die Mär um, wer nach dem 25. Juni nach Kambodscha ohne Pass zurückkehren wolle, dem würde die Einreise verweigert (was sogar Bettler auf Pattayas Straßen in Unruhe versetzte). Wäre am ersten Gerücht etwas dran gewesen, müsste man sich fragen, warum nicht auch etwa Burmesen in massive Nervosität gerieten. Das zweite Gerücht bewahrheitet sich nun auf eine perfide Art. 

Ein Kambodschaner, der einen Reisepass beantragte, musste dafür bis vor Kurzem 124 USD hinblättern, also etwa das Doppelte von dem, was ein Thai dafür bezahlt, und wesentlich mehr als uns Deutsche ein solcher Pass kostet. Wer es irgendwie eilig hatte  (z.B. Ausländer, die ihre Frau mit in die Heimat nehmen wollten und für sie Dokumente benötigten), durfte mit massiven Zuschlägen rechnen. Nun wurden vierzig angeblich zertifizierte Agenturen in Kambodscha beauftragt, ein Komplettpaket für die ausreisewilligen Arbeiter zu schnüren, für je 49 USD. Es beinhaltet den nun nur noch 4 USD teuren Reisepass, 20 USD für die Thai-Arbeitsgenehmigung, 10 USD für die kambodschanische Behörde, die ihrerseits eine Arbeitsgenehmigung fürs Ausland erstellt (!) sowie 15 USD für Transport und Verpflegung nach Thailand. Wenn man nur davon ausgeht, dass von den Rückkehrern die Hälfte bisher ohne Pass war, dann bedeutet dies, dass die kamboschanische Regierung mit den Neuanträgen über eine Million USD in kurzer Zeit verdienen würde. Da ich selbst schon für 15 Dollar von Kambodscha bis weit nach Thailand reiste, und das auf halbem Weg in einem VIP-Bus, machen auch die vierzig Agenturen dabei ihren Reibach (wer mal auf der Pritsche eines Wagens mit stehenden Arbeitern war, kann sich vorstellen, wie der Massentransport dort organisiert wird). Fragt sich nur noch, wem diese Agenturen gehören, mit dem das so genannte "trafficking" nun also legalisiert wird.

So verständlich das Anliegen der thailändischen Regierung ist, so offensichtlich auch die Heuchelei auf kambodschanischer Seite, die zunächst die Gegenseite heftig für den Exodus kritisierte und doch durch die horrenden Forderungen für Reisepässe die Ausbeutung der Khmer im Nachbarland erst ermöglichte. Kürzlich war ich mal wieder auf mehreren Baustellen, um ein paar Geschenke zu verteilen, und wie es meine Gepflogenheit ist, erkundige ich mich nach dem jeweiligen Tageslohn. An einer Baustelle bekamen die Khmer nur 200 Baht (ca. 4,50 Euro, 300 Baht sind der gesetzliche Mindestlohn), und da ich schon beim Betreten von einem aggressiven, betrunkenen Thai, der dort die Security spielte, verfolgt und aufgefordert wurde, zu gehen (ich ignorierte ihn weitgehend, wie es die Khmer taten), war auch gleich klar, dass es sich hier um illegale Beschäftigungen handelte. Natürlich heißt das nicht, dass ich ins blanke Elend blickte - nebenan spielten etliche der Khmer am frühen Abend Ball, insgesamt war die Stimmung nicht anders als auf den besser bezahlten Plätzen. Wer seine Heimat für solch einen Tageslohn verlässt, der wählt wahrscheinlich auch nicht Hun Sen. Diesem ist tatsächlich zuzutrauen, dass er potentielle Oppositionelle eher aus ihrer Heimat aussperrt als ihnen dort Arbeit zu verschaffen. 

Wer nur mal eine Woche nach Angkor reist, vom Charme des Kulturerbes und der auch dort noch ländlich geprägten Khmer verzaubert wird, dem entgeht das Ausmaß der staatlich sanktionierten Dummheit Kambodschas. Einer der Höhepunkte aus den vergangenen Jahren bestand in einer Direktive, Ausländern über 50 Jahren das Heiraten von kambodschanischen Frauen zu verbieten. Ich erinnere mich noch gut, wie ein General sich im Jahr 1999 mir in den Ruinen Angkor Thoms vorstellte, umringt von seinen Bodyguards, und auf eine zwei Köpfe größere junge Schönheit an seiner Seite mit den Worten "She is my plaything" verwies. Der Anblick älterer Ausländer mit jüngeren Khmer hingegen hatte einen Politiker so abgetörnt, dass er jene rassistische Anordnung erließ, die es folglich sogar einem 51-jährigen Deutschen unmöglich machte, eine 49-jährige Khmer zu heiraten.

Dieser Blödsinn hat Methode, und wenn man sich die stundenlangen mit Schlangenzunge geführten Reden Hun Sens im Fernsehen anhört, kann man dann schon mal auf solche kruden Ideen verfallen wie der Abt der Tuol Krasaing-Pagode. In seinem Sportwagen fuhr er zur Beerdigung seines Vaters, als ihn unterwegs der Drang überkam, sich mit Bier vollaufen zu lassen. Dass nun ein paar Dinge nicht mehr zusammenpassten, war ihm klar. Gut vorbereitet zog er sich einfach eine Militäruniform über, die ihn als Leutnant auswies. Dann baute er einen Unfall und die Sache flog auf, er landete im Knast. Ein paar Gläubige wurden zitiert, sie würden seiner Pagode schon lange nichts mehr spenden. Ob das einen Mönch, der bereits einen Sportwagen fährt, kratzt? 

(Theravada-Mönche bei Bauarbeiten in einem Tempel Poi Pets; Foto: Keller)

Mittwoch, 18. Juni 2014

Best of ... Spam-Mail

(Ich hatte gerade Lust, mich zu amüsieren, und hab mir darum mal die Spam-Mails der letzten Wochen genauer angeschaut, die ich sonst einfach lösche. Bekanntlich findet man auch im Müll hin und wieder Perlen. Eigentlich sollte ich den Spam-Ordner umbenennen in: Realsatire. Hier mein Best of ...)

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I am happy to know you, but God knows you better and he knows why he has directed me to you at this point, so do not be afraid. I prayed and got you email id from your country's ministries of commerce and foreign trade departments. I am writing this mail to you with heavy sorrow in my heart, this massage mighty come to you as surprise but i chose to reach you through internet because it still remains the fastest medium of communication through this medium internet has been greatly abused.Please give me this little chance to explain myself to you, I would have like to meet you face to face before departing from this mother earth but due to the illness continue to deprive the chance but even if I die on the process of this operation I will still praise ALMIGHTY.

My name is Mrs. Esther Heidi i am a dying woman and i decided to donate what I have to you for charity work/assistance to less privileged people in the society. I am 63 years old I am suffering from a long time cancer of the lungs which also affected my brain (...)
 

 

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Bitte offnen Sie die Anlage.
Die angehangte Datei ist sicher pdf-Datei.

Dank
Verwaltung

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Es ist frustrierend, wenn wir unseren 40er erreichen und unsere Bemühungen plötzlich unbemerkt bleiben. Die Peinlichkeit, die man spürt, wenn man Liebe mit seiner Frau macht, und man unbeabsichtigt wieder zuerst kommt und den enttäuschten Blick seiner Frau sieht. Ich verstehe komplett, wie das ist, ich habe das gleiche Problem durchgemacht.

Ich heiße Ray und ich möchte Ihnen helfen, die Beziehung zu Ihrer Frau wieder aufflammen zu lassen. Ich möchte Ihnen helfen, mit unserer 100% pflanzlich und natürlich hergestellten Potenzpille Stay Up Much HARDER im Bett 10 x länger wie gewöhnlich durchzuhalten Mit dieser Pille können Sie im Bett nicht nur länger durchhalten, Sie steigern auch Ihr Selbstvertrauen!

 

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"You have more friends on Facebook than you think."

 

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   (Foto: Keller/Mülltrenner in Amlong Pi, Kambodscha)

Donnerstag, 12. Juni 2014

Blödiane

Heute will ich mal wieder was Frisches einschieben, in dem Tonfall, den man von mir gewohnt ist. Komme nämlich gerade von einem Kurztrip zwecks Visaverlängerung aus Pakse in Laos zurück und habe dann mit dem Zug noch eine kleine Reise durch die Reisfelderregion Thailands, einen Teil des Isaans gemacht. Dann kam eben was Interessantes in Sachen Unbuddhisten rein, offenbar ist mal wieder einer am dortigen Zensor hängengeblieben. Vorneweg, einige wollen es ja nicht glauben, dass man sich verbal aufregen und dabei gelassen bleiben kann - ich muss meinen Blutdruck regelmäßig messen, ärztliche Anweisung, und er ist gerade bei ... 135:86 (und das trotz Erkältungsmitteln). Am Ende wird es, versprochen, noch richtig buddhistisch.

1) Wie es die zwölfgliedrige Kette des Entstehens so will (hoho, ich komme gleich drauf zurück), hatte ich just vor meiner nötigen Visumreise, die auf einen runden Geburtstag fiel, eine Frau zu Gast, die ich gerade erst kennengelernt hatte, die mir das Kompliment machte, ich sei der beste Lecker, und der ich dann spontan anbot, sie mit auf die Reise zu nehmen (ach, diese Männer ...). Zuvor jedoch hatte ich mögliche Ziele genannt, und bei Pakse kurz hinter der laotischen Grenze (im Süden des Landes) erzählte sie mir, da lebe der Vater ihres Kindes, der einst illegal in Thailand arbeitete. Darum also entschied ich mich für Pakse, wollte ihr eine Freude machen und versuchte am folgenden Tag vier Stunden lang, die Tickets online bei Air Asia zu buchen, mit ständigen Fehlermeldungen, die man laut Hotline gleich abstellen wollte. Am folgenden Tag versuchte ich es zur Sicherheit nochmal im Internetcafe, mit dem selben Misserfolg, stieg auf Nok Air um, deren Tickets man sogar im 7 Eleven-Supermarkt bezahlen kann (und die, wie sich herausstellte, sogar einen Snack ohne Zuschlag servierten). Das Zeitfenster für die Buchung war jedoch klein, sonst musste man immer wieder von vorn anfangen. Man mag es nicht glauben, die Frau konnte ihr Glück immer noch nicht fassen und nervte mich minutenlang am Telefon mit "Ohs", "Ahs", Gelächter, "really?" und anderen Nachfragen, als ich ihr Geburtsdatum und ihren vollständigen Namen für die Buchung erfragte. Die Buchung drohte also zu platzen, bis ich entnervt aufgab. Das sollte ich nicht bereuen. Ich flog alleine nach Ubon auf der Thai-Seite, fuhr über die Grenze, Pakse stellte sich als staubige Baustelle heraus, das Thai-Imitat-Essen war teurer als im Nachbarland, versalzen und gemüsefrei (Chilli-Chicken), und dann kam ein Laote mit mir ins Gespräch, der sanitäre Anlagen in Dörfern initiierte und am Ende tatsächlich meinte, die Demokratie habe doch noch nie funktioniert. 
  Mag sein, dass einer, der im Auftrag einer sozialistischen Regierung in einem der korruptesten Länder dieser Welt unterwegs ist, so etwas sagen muss, für mich war das jedoch der Grund, sogleich nach Thailand zurückzukehren, das er fälschlich ebenfalls für demokratisch hielt, wo es sich doch offensichtlich noch immer um eine absolute Monarchie handelt. Es ist jedenfalls das Land, wo die Westler sein wollen, und zwar in erheblich größerer Anzahl als in dessen sozialistischen oder anarchischen Nachbarländern. Irgendetwas scheint der Laote nicht verstanden zu haben, als er in Australien studierte. Wie um die Sache zu kommentieren, spürte ich beim Warten auf den Minibus zur Grenze plötzlich ein Krabbeln über meiner Socke, und siehe da, die größte Kakerlake, die ich je sah, hatte sich an meine Wade geheftet. Was ich auch immer über Kakerlaken sagte, in Thailand und sonstwo hatte das noch keine gewagt. Dieser blöde Finne, der mal meinte, ich sollte es nochmal mit dem Süden von Laos probieren, wo mir schon im Norden ähnliches einst widerfahren war, das Land ärmer, aber alles teurer als in Thailand ...


(Foto: Keller)

2) Der nächste Blödian war dann der unvermeidliche Koberer oder Schlimmeres, der bei meiner Rückkehr aus dem Somdet-Park in Srisaket in Thailand (eine der wenigen Sehenswürdigkeiten in bzw. bei der Stadt) auf seinem Moped neben mir hielt. Ich war verschwitzt, stundenlang marschiert (5 Liter Flüssigkeit an diesem Tag getrunken und nix abgenommen), da kommt mir der Typ so (ich übersetze): "Was haben Sie denn in dem Park gemacht? (Vögel gezählt ...) Sind sie alleine? (Nein, Aniki steht da im Busch und wartet nur auf ein Handzeichen von mir ...) Kann ich Ihnen helfen (d.h., wollen Sie nicht ein Stück mitfahren, damit ich sie ausrauben/in den Arsch ficken/ihnen eine Hure/meine Tochter verscherbeln kann)? (Nein, mein Arzt hat mir alles andere als Laufen verboten ...).
   Das ist die Krux mit dem Alleinreisen und -laufen. In Siem Reap, nicht weit von Angkor, kann man nach Einbruch der Dunkelheit damit rechnen, regelmäßig mit dem Spruch "You want marihuana, you want girls?" von der Seite angequatscht zu werden. Nichts geht mir mehr auf den Geist als wenn einer meint, ich bräuchte ihn, um gute Weiber zu finden, weshalb ich einem dort schon mal beim dritten Mal mit dem Tode drohte und den Touristenpolizisten in der Nähe gleich davon in Kenntnis setzte (das ist das Schöne, wenn man davon ausgehen kann, dass die Korrupten unter einer Decke stecken).

3) Gerade kam eine email rein, von einem "Bernd", der mit mir auf dem Unbuddhisten gleichgesetzt wurde (der "Unbuddhist" ist jener Idiot, der nicht kapiert, das man sich unter diversen Usernamen auf diversen Plattformen wie Google und Wordpress anmelden kann, ohne damit seinen bürgerlichen Namen verschleiern zu wollen/müssen). "Bernd" geht wie ich davon aus, dass seine Beiträge unabhängig von ihrem Gehalt und Bezug auf dortige Texte nicht erscheinen, wenn sie den wunden Punkt der Non-Buddhisten treffen. Er tat dies so, und ich ergänze das noch:

"Es folgt ein letzter Versuch, den in mehreren emails von Matthias geäußerten Vorschlag, auf die Thesen von ihm und seinen Genossen einzugehen, was er in meinen Beiträgen offenbar regelmäßig nicht erkennen kann. Das ist nämlich in aller Einfachheit und Verständlichkeit ganz einfach. Zitat aus dem obigen Beitrag:
   “Die kognitive Entscheidung des Buddhismus besteht aus dem Postulat der raumzeitlichen Wechselhaftigkeit (samsara) als bedingt Gegebenem und aus demjenigen der Kontingenz (paticcasamuppada) als dessen bedingender Tatsache. (Wallis, 228; unsere Hervorhebung)”
   Argument 1: Dieses Postulat ist in meinen Augen falsch, es handelt sich um eine falsche Prämisse. Richtig heißt es in der Art des Buddhismus, die die Genannten NICHT betrachten (da sie “pars pro toto” institutionellen und kommerziellen Buddhismus verallgemeinern) zum Beispiel:
   “Die kognitive Entscheidung des Buddhismus besteht aus dem Postulat, dass die Art, in der ein Mensch denkt, von diesem so zu durchschauen ist, dass er sich der Gedankenprozesse hochbewusst wird und seine an die Gedanken gebundenen Gefühle und Handlungsweisen von sich einst verselbständig habenden Gedankenketten unabhängig machen kann.”

Argument 2: Der Satz von Wallis macht logisch keinen Sinn, da “Kontingenz” in der Philosophie folgendes bedeutet: “die Nicht-Notwendigkeit potenzieller Ereignisse im Gegensatz zu metaphysischer, schicksalshafter Notwendigkeit”. Hingegen bedeutet “paticcasammuppada”: bedingtes Entstehen oder Entstehen in Abhängigkeit, es ist also von einer Notwendigkeit gekennzeichnet, was im Bild der zwölfgliedrigen Kette verdeutlicht ist.
  Glen Wallis hätte dann diese Begriffe gleichgesetzt, was keinen Sinn macht. An dieser Begriffsverwirrung wird das grundlegende Verständnisproblem für andere deutlich. Etwas nicht-notwendiges (Kontingenz) kann nicht “bedingende TATSACHE” sein. Es ist eigentlich unbegreiflich, wenn es sich hier nicht um eine unsägliche Übersetzung handelt, wie ein Akademiker, der selbst aus dem Palikanon übersetzt, solche Verdrehungen verursacht.
   (...) IHR habt nicht verstanden. Der Buddhismus ist eine Geistesschulung, kein Dogmen- oder Lehrgebäude."

Dem ist durchaus noch etwas hinzuzufügen. Hier bestätigt sich wieder meine These, dass es nicht so sehr um den institutionellen, sondern konkret um den Theravada-Buddhismus und seine Lehren bei den Projektionen des (kommunistisch/feministisch-misanthropen*) Unbuddhisten geht. Auch wenn Wikipedia das vielleicht nicht so sieht, ist etwa im Madhyamika und im Zen die zwölfgliedrige Kette des Entstehens, verstanden als Leerheit (shunyata), ein ganz anderes "Postulat" als die Bedingung von "Samsara". Sie ist vielmehr Kennzeichen der Dinge, der Existenz, und damit auch der Glieder dieser Kette wie Sinnesorgane, Bewusstsein etc. Ähnlich dem Taoismus sieht das Zen die geistigen Phänomene als Täuschungen oder als traumhaft an, im Erwachen zur Erkenntnis deren Leere (und eben nicht der Erkenntnis einer logischen Ereigniskette, die nur eine vorübergehende LeHre darstellt) ist Samsara als solches aufgelöst (weshalb auch "Samsara und Nirwana sind eins" gesagt wird). Diese Erkenntnis ist ganz wesentlich anders und hat andere Folgen als ein Festhalten an einem uralten Dogma, das nur im Theravada (wie die edlen vier Wahrheiten) als unverrückbar zentraler Glaubensinhalt gilt. Im Zen ist diese zwölfgliedrige Kette bereits dekonstruiert. Wie so oft auch in buddhistischen Foren wird hier also eine Anfänger- oder schulspezifische Sicht verallgemeinernd als wesentliche Erkenntnis (Postulat) aller buddhistischen Lehrer und Praktizierenden angesehen. Und das ist dann mein Geburtstagsgeschenk an die Leser dieses Blogs. Buddhismus wird interessant, wenn man ihn akademisch untersucht oder vom Standpunkt tieferer Erkenntnis betrachtet und nicht von dem derjenigen, die am Anfang ihres Weges schon genau das Gleiche behaupten und nachplappern, was ihnen ihre Theravadalehrer am Ende ihres Weges nur beibringen können. 

Natürlich gibt es Wichtigeres. Vor allem das Knie von Luis Suarez.

Oder sein Gebiss ... **

(* Ergänzung vom 23.6.)
(** Ergänzung vom 24.6.)

Mittwoch, 4. Juni 2014

Meister Wuzhu (714-774)

Im Jahr 1900 fand man in den Mogao-Höhlen nahe der Oase von Dunhuang das Lidai fabao ji, die „Aufzeichnungen des Dharma-Juwels über Generationen hinweg“, das vor allem vom Chan-Meister Wuzhu (714-774) handelt und wohl einige Jahre nach seinem Tod verfasst wurde. Wuzhus Schule der Bao Tang („Schützt die Tang-Dynastie“) war in der Provinz Sichuan beheimatet. Trotz einiger traditioneller Züge fällt Wuzhus Lehre durch fortschrittliche Eigenarten auf, etwa seine „formlose Übung“ (die zugleich den Fortbestand seiner Schule erschwerte) und die Würdigung von weiblichen Praktizierenden. Folglich wurde er von etlichen Chan-Zeitgenossen attackiert und seine Nachfolge des koreanischen Meisters Wuxiang angezweifelt. Wendi L. Adamek hat dem Meister mit The Teachings of Master Wuzhu. Zen and Religion of No-Religion (New York 2011) eine ausführliche Arbeit gewidmet.

***
 
Meister Kim [Laienname von Wuxiang] benutzte gern Worte aus dem Nirwana-Sutra: „Der Haushund entspricht dem täuschenden Denken, das Rotwild der Buddha-Natur.“ Er sagte auch: „Nicht-Denken ist das vollständige Erfüllen von sila, samâdhi und prajnâ.“

Meister Tang fragte mich, mit was ich mich auf dem Berg Tiangu beschäftige. Ich antwortete: ‚Ich tue nichts, ich bin nur versunken und vergesslich.‘ Da sagte Meister Tang erfreut: ‚Du bist vergesslich, und auch ich bin vergesslich!‘

Betrachtet den direkt erfassenden Geist als bodhimanda (den Ort der Übung). Betrachtet das Bestreben zu üben als bodhimanda. Berachtet den tiefgründigen Geist als bodhimanda. Betrachtet das Unbefleckte als bodhimanda. Betrachtet Nicht-Ergreifen als bodhimanda. Betrachtet Nicht-Ablehnen als bodhimanda. Betrachtet Nicht-Handeln als upâya. Betrachtet die Weite als upâya. Betrachtet Gleichmut als upâya. Betrachtet das Überschreiten von Kennzeichen als Feuer und die Befreiung als Weihrauch. Betrachtet Nicht-Widerstehen als Reue. Betrachtet Nicht-Denken als Vorschriften, Nicht-Handeln und Nichtszuerlangen als Meditation, Nichtdualität als Weisheit. Die künstlichen Rituale aber seht nicht als bodhimanda an.

Sich nicht der Geburt fügend, unabhängig von Stille, ohne in samâdhi einzutreten, ohne in sitzender Meditation zu verweilen, ist da Nicht-Geburt und Nicht-Übung und der Geist kennt weder Verlust noch Gewinn.

Wie es im Dhammapada heißt: Wenn du den Dharma des ‚guten Bestrebens‘ predigst, dann tust du dies aus Selbsttäuschung. Ohne Selbsttäuschung gibt es kein ‚gut‘ oder ‚gutes Bestreben‘. Kannst du den Geist ohne Täuschung erfahren, dann kennt wahres gutes Bestreben keine Grenzen.

Yijing fragte den Ehrwürdigen: „Chan-Meister, wie erzeugt ihr Sitzmeditation (zuochan)?“ Wuzhu erwiderte: „Nicht erzeugen ist Chan.“

Absichtslosigkeit ist der Weg, Nicht-Besinnen ist Chan. Weder ergriffen noch abgewiesen, kommen die Dinge an und sind doch nicht erzeugt.

Im Fangguang jing heißt es: „Wenn ein einziger Gedanke das samâdhi stört, ist das, als würden dreitausend mit Menschen angefüllte Welten zerstört. Wenn ein einziger Gedanke im samâdhi ist, ist das, als würden dreitausend mit Menschen angefüllte Wesen belebt.“

Im Vimalakirti-Sutra heißt es: „Der Geist weilt nicht innen und existiert auch nicht außen – dies nennt man stilles Sitzen. Wer so sitzen kann, wird von den Buddhas authorisiert.“

Man erklärt das Nirwana für sich selbst als gültig. Haltet euch nicht an die unvollständige Lehre des Tathâgata. Zum eigenen Verständnis zurückkehrend, regt Selbsterwachen die Übung an. Die Buddhas bestätigen einen solchen Menschen als einen, der wahres samâdhi erlangt hat.

Beim Lernen wächst jeder Tag um Tag, beim Üben des Weges schrumpft er Tag für Tag. Es mindernd und immer mehr mindernd, gelangt einer schließlich zum Nicht-Handeln.

Wenn kein karmischer Lohn gesucht wird, dann tritt er von selbst ein.

Werden keine täuschenden Gedanken gehegt, dann sind die Vinaya-Vorschriften erfüllt. Es wäre besser, man zerstörte die sila, aber nicht das wahre Sehen. Sila verursachen Wiedergeburt im Himmel und führen zu mehr karmischen Fesseln, während wahres Sehen Nirwana erlangt.

Meister Zizai sagte: „Inmitten von Reinheit ohne die Kennzeichen von Reinheit zu sein, das ist die wahre Reinheit der Buddha-Natur.“

Prajnaparamita ist Wirklichkeit und nicht Leere.