Mittwoch, 30. September 2015

Der koreanische Mönch Wonhyo

"Das Falsche wird von selbst verschwinden, während das Richtige sich offenbart - so wie echtes Gold aus sich selbst strahlt, und falsches nicht."


Wonhyo Taesa (617-686) war einer der führenden Denker der koreanisch-buddhistischen Tradition von "Essenz-Funktion" (chin. 體用). Er verfasste über  80 Werke, von denen seine Kommentare zum Mahayana Mahaparinirwana- und Vajrasamadhi-Sutra und zum "Sutra der Glaubenswerweckung" (Mahāyāna śraddhotpādaśāstra) am einflussreichsten wurden. Letzteres, das Ashvagosa zugeschrieben wird, aber chinesischen Ursprungs sein soll, vereinfachte Wonyho zu der Botschaft, dass das Universum kein dunkel und hell, kein Leben und keinen Tod kenne und nur sich selbst habe, ohne irgendwelche Etikettierungen.    
   In China und Japan wurden besonders Vertreter der Huayan- bzw. Kegon-Schule von Wonhyo beeinflusst.  Die Inhalte dieser Traditionen, das ostasiatische Yogâcâra und das Thema Buddha-Natur standen im Mittelpunkt von Wonhyos Interesse. In seine Essays finden jedoch auch der Reine-Land-Buddhismus, das ostasiatische Mâdhyamaka und der Tientai-Buddhismus Eingang. Eine seiner wichtigsten Abhandlungen ("Ijangui") handelt von den "zwei Hindernissen".
   Dass Wonhyo gern singend durch die Straßen tanzte, sah man ihm als upaya (geschickte Lehrmittel) nach. Er hatte auch einen Sohn mit einer verwitweten Prinzessin, der zu einem bekannten konfuzianischen Gelehrten wurde. Mit seinem Freund Uisang, dem Begründer der Hwaeom(Huayan)-Schule in Korea, machte er sich einst als Mönch auf den Weg nach China. Unterwegs fanden sie des Nachts Unterschlupf, erkannten aber erst am Morgen, dass dieser ein Grab darstellte und Wonhyo Wasser aus einem Schädel getrunken hatte - und nicht aus einem Gefäß, wie er im Dunkeln gedacht hatte. Wonhyo erbrach sich, wunderte sich aber dann über die menschliche Vorstellungskraft. Nach dieser Erfahrung ("Alles ist eins und dieses Eine ist leer")  entrobte er und zog fortan als Laie predigend durchs Land. So wurde er zum Volkshelden. 
   Wonhyos Gesamtwerk wird gegenwärtig ins Englische übersetzt und soll später bei der University of Hawaii Press erscheinen. 



[Englische Lyrics]

Mittwoch, 23. September 2015

Das mangelnde Mitempfinden buddhistischer Mönche

Nicht jeder kann in den buddhistischen Orden eintreten. Bei der klassischen Aufnahmezeremonie wird der Anwärter u. a. gefragt, ob er Epilepsie, Ekzeme, Lepra oder Tuberkulose habe. Weitere Ausschlussgründe nach dem Vinaya lesen sich wie eine Manifestation der Mitleidslosigkeit. Besonders "Aussätzige", also solche mit deutlich sichtbaren, eiternden Hautkrankheiten, wurden geschasst. Kein Wunder also, dass der Buddhismus in Sachen Nächstenliebe immer wieder schlecht gegenüber dem Christentum abschneidet. Da hilft es auch nicht, als Erklärung anzuführen, man wolle die Mönche nicht damit belasten, sich um Kranke kümmern zu müssen. Geistige Ausschlussgründe kann es natürlich kaum geben, da ja die Trübung des Geistes das Gegenteil von Erleuchtung ist und damit alle, die den buddhistischen Weg einschlagen, Geisteskranke sein müssen. Warum also tatsächlich dieses Beharren auf einem "reinen" Äußeren von Ordinierten? Für mich belegt das nur die Heuchelei der ebenfalls vorhandenen Ausschlussgründe Homo- und Bisexualität. Tatsächlich sollten möglichst gut aussehende Mönche in den Orden eintreten, bei denen sogar auf einen tadellosen Arsch Wert gelegt wurde. Denn selbst Hämorrhoiden machten die Ordination unmöglich! Hier eine Liste weiterer unerwünschter Gebrechen:

- Humpeln
- Einäugigkeit
- Blindheit
- Taubheit
- Kropf
- Asthma/chronischer Husten
- Körperlähmungen
- verbundene Augenbrauen (!!)
- fehlende Körperglieder
- zusätzliche Körperglieder (wie ein 6. Finger)
- Klumpfuß
- Buckligkeit
- Zwergenhaftigkeit

Es ist wichtig, dabei nicht zu vergessen, dass diese Ratschläge auf einen Erwachten zurückgehen sollen. Und Teil eines Gedankengebäudes (im alten, also Theravada-Buddhismus) sind, der es als unabdingbar ansieht, durch das Entwickeln von Ethik und Moral zum Erwachen zu kommen. Weisheit, Meditation und (eine so verstandene) Moral gingen demnach Hand in Hand. Wenn es noch eines Beweises bedürfte, dass dieser Weg nicht zur Weisheit führt, wäre er also im Palikanon (Vinaya) selbst erbracht. 



[Shamisendemon zur Instrumentalversion der B-Seite von Kyarys neuer Single - die mal wieder besser ist als die A-Seite ...]

Mittwoch, 16. September 2015

Ungültige Nonnenordinationen durch Ajahn Brahm
und Thich Nhat Hanh (Zusammenfassung)*

Auf einer Mailingliste fasste ich kürzlich noch einmal die Hauptkritik am Ansatz von Ajahn Brahm (Peter Betts) zusammen. Grundlage der Diskussion war hier ein Essay von Bhante Analayo über die Rechtmäßigkeit der Bhikkhuni-Ordination. Aufgrund der momentanen Aufmerksamkeit für den Dünnschiss, den Brahm mit zwei Büchern auf die Sachbuch(!)-Bestsellerliste Deutschlands brachte, halte ich eine erneute Kritik für angebracht. (Der Literaturkritiker Denis Scheck besprach Brahms Werke so: Mit dem Kategorischen Imperativ Kants sei ihr ganzer Inhalt bereits zusammengefasst).

1) Zunächst lese man Analayos Anmerkungen zum Umweg über die Ordination im Dharmaguptaka Vinaya. Hier benutzt der Autor häufiger das Wort "vielleicht", um zu zeigen, dass es dabei durchaus Ungereimtheiten gibt - wie wird man z. B. in der Theravada-Sangha angenommen, wenn man in einer anderen ordiniert hat usw. Ich habe kürzlich auf dieser Liste einen Aspekt ergänzt. Da diese Ordinationen in der Regel in Tempeln der Linji-(Zen)-Tradition in Taiwan stattfanden, habe ich gefragt, inwiefern sich der Geist eines "Linji" (mit dem, was ihm zugeschrieben wird) überhaupt mit einem solchen Regelwerk vereinbaren ließe. Aus all diesem folgt, dass dieser Umweg - zumal aus Sicht der Inhalte, die die Linji-Tradition ausmachen - relativ absurd ist (eine Kritik, die auch an den entsprechenden Chan-Orden in Taiwan ginge). Er spielt deshalb auch in Analayos Zusammenfassung am Ende seines Essays keine Rolle. Ein weiterer Aspekt ist, dass der von Nonnen zuweilen eingebrachte Hinweis, es handele sich bei diesem (taiwanesischen) Nonnenorden um einen "ununterbrochenen", von Analayo in einer Nebenbemerkung ebenfalls widerlegt wird. Er sei vielmehr im 5. Jhd. von Sri Lanka nach China gekommen und der diesbzgl. Dharmaguptaka-Vinaya im 8. Jhd. dort staatlicherseits abgesegnet worden. Mit anderen Worten, Analayo gibt hier einige Hinweise, die für Methode 2 sprechen.

2) Dies ist die Ordination durch Bhikkhus zur Neugründung eines Nonnenordens, wie sie in Sri Lanka 1998 geschah (siehe S. 34 des Aufsatzes). Die Perspektive: Nachdem diese Nonnen entsprechend zehn Jahre vollordiniert wären, könnte von da an die "duale" Ordination stattfinden, da es ab dann ja zwei voll funktionsfähige Orden für bhikkhu und bhikkhuni gäbe. Ajahn Brahm hat sich aber auch Nonnen der o. g. chinesischen Tradition bedient. Das gleiche gilt für das kürzliche Event der Nonnenordination in Deutschland. Hierzu wurde schon gesagt, dass Brahm deshalb sowieso von Beginn an den Ausschluss aus seiner Thai-Sangha erwarten durfte. Es hatte also keinerlei Vorteile, erneut den fragwürdigen Umweg über im Dharmaguptaka Vinaya Ordinierte zu nehmen statt von nun an konsequent das "Model Sri Lanka" in die Welt zu tragen. 

Wichtig ist auch, dass hier unterstellt wird, eine dem Vinaya gemäße Handlung zu vollziehen, dazu aber eben auch die Anwesenheit von 10 Nonnen gehört. Die eigentliche Formulierung (siehe Kap. 14 in unten genannter Übersetzung des Vinaya) bezieht sich auf nicht mehr klare Grenzen um das Ganges-Gebiet, außerhalb derer nur 5 Nonnen oder Mönche für die Ordinationszeremonien ausreichend seien. Dahinter steckte jedoch ein Motiv. Hierbei beziehe ich mich auf eine Definition z.B. bei der genannten Gruppe aus Deutschland (Anenja Vihara), die gerade Nonnenordinationen durchführte: "Buddha hat zwar erlaubt, dass in einem Land wie Deutschland - im Unterschied zu den Ländern, in denen seine Lehre wie in Indien schon weit verbreitet war - die Zahl der Sanghamitglieder ("das Quorum") halb so groß sein kann; doch auch dies bedeutet die Anwesenheit von mindestens fünf Bhikkhunis und fünf Bhikkhus." Wie ich schon sagte, kann man religionshistorisch davon ausgehen, dass es zu Shakyamunis Lebzeiten in Indien weniger (!) Buddhisten gab als heute in Deutschland oder Australien - da beißt sich die Katze also nochmals in den Schwanz. 

Analayo spricht in seinem ganzen Essay übrigens nicht ein Mal von Ajahn Brahms Ordinationsansatz. Er sagt vielmehr: Die zweifache (duale) Ordination sei vorzuziehen, sobald es bereits einen Nonnenorden gibt (S. 26). Kurz davor hat er erklärt, warum ein Theravada-Orden (und nicht eine Ordination im Dharmaguptaka-Vinaya oder, wie ich es direkt sage: im Umfeld eines Zen-Ordens) der bessere Weg sein dürfte. Darum kann man Analayos Essay ebenfalls als Kritik an Ajahn Brahms (und ggf. dem "deutschen" Weg) lesen.

3) Für Thich Nhat Hanhs Ordination von Chan Khong gilt das oben gesagte so nicht, denn TNH ist laut eigenen Aussagen im Dharmaguptaka Vinaya ordiniert. Hier bestand ein Nonnenorden, und darum hätte seine Frau Chan Khong zuerst von diesem ordiniert werden müssen, um (vinaya-)rechtsgültig von TNH ordiniert werden zu können. Dies ist die korrekte Reihenfolge, wenn ein Nonnenorden bereits existiert. Das spezielle Problem der Theravada-Nonnen stellt sich in diesem Fall gar nicht.

4) Auf einem anderen Blatt steht, warum nicht Frauen einfach einen Nonnenorden gründen, ohne sich um all diese Formalitäten zu scheren (meinen Segen hätten sie). Mir geht es hier um die Kritik an jenen Mönchen, die davon leben, den Eindruck zu erwecken, dem Vinaya zu folgen - diesen aber tatsächlich beliebig zurechtbiegen. Damit ist nicht Analayo gemeint, sondern z. B. Ajahn Brahm oder TNH. Diese Heuchelei aufzuzeigen ist wichtig. Das Lächerliche in ihrem Akt besteht darin, immer wieder der Form genügen zu wollen, aber dabei die Zuschauer bewusst darüber hinwegzutäuschen, dass sie diese Form ständig verletzen. Es ist ein Trauerspiel, in dem sich Berobte nur allzu oft verstricken.

5) Warum der Vinaya als solches auch aus ethischen Gründen nicht mehr haltbar ist und hinter die Standards einer modernen demokratischen Gesellschaft und ihrer Rechtsprechung zurückfällt, wird klar, wenn man sich seine Ausschlusskriterien ansieht. Nicht ordiniert werden können zum Beispiel Menschen abnormen Geschlechts - womit etwa Transsexuelle gemeint sind (siehe S. 189/1.) - und Epileptiker (S. 194, 2.a.). Solche Ausgrenzungen machen deutlich, wie sinnlos ein Festhalten am Wortlaut des Vinaya per se ist.


(* Gewichtsangaben zu meiner Person erst wieder, wenn sich was ändert. 106 Kilo sind offenbar die erste Schallmauer.)

Mittwoch, 9. September 2015

Religion als Pflicht:
Mosebach und Kermani
(106 kg)

Im SZ-Magazin 35/2015 unterhielten sich die Autoren Martin Mosebach (Katholik) und Navid Kermani (Islamwissenschaftler und Muslim) über den Glauben. Anwesend ist natürlich ein SZ-Journalist. Kermani hat sich Verdienst erworben, indem er auf die "Schönheit des Islam" hinwies. Kürzlich betrachtete er mit "Ungläubigem Erstaunen" fasziniert die Bilderwelt des Christentums. Die Konversation der beiden war dennoch in mancher Hinsicht erschreckend. 
   Zunächst das Positive. In einer Moschee gäbe es kein Zentrum, weil Gott überall gegenwärtig sei, so Kermani. Solch ein Satz weckt angenehme Assoziationen in Zenbuddhisten, die sich mit allen Phänomenen verbunden fühlen. Doch Kermani bedauert auch, dass "sowohl katholische als auch islamische Traditionen wegbrechen" und dies "gefährlich" sei, weil sie meist als Fundamentalismus zurückkehrten und so Gewalt entstünde. Dies ist ein leicht durchschaubarer Versuch, die gegenwärtigen gewaltsamen Exzesse von Menschen, die sich auf den Islam berufen, als mangelndes Verständnis seiner Tradition zu erklären, als tatsächliche Abkehr vom Glauben. Wie wir wissen, hat jedoch jeder Schriftglaube, insbesondere monotheistischer Natur, das Problem, dass in seiner Tradition Gewalt gerechtfertigt wurde und mit Blick in die heiligen Bücher jederzeit mit passenden Zitaten erneut gerechtfertigt werden kann. Der Makel dieser Religionen ist in Wirklichkeit gerade der Ballast ihrer Tradition. Kermani meint, der Fundamentalismus würde an einen "Uranfang" zurückkehren und die Tradition überspringen wollen. Tatsächlich hat aber das Morden im Namen Gottes Tradition, und diese musste sich, nach den Anfängen, erst einmal aufbauen, um so genannt werden zu können. Diese Tradition des Mordens in gutem Glauben oder gar im Namen Gottes wirkt auch im Judentum und Christentum fort.
  Nicht weiter überraschen kann dann, dass Kermani - wie uns aus Foren bekannte buddhistische Schriftgläubige - vorschlägt, "dass man einen Text, der vor 2000 Jahren geschrieben wurde, ernst nimmt - und zwar jedes Wort und jede Geschichte" (wobei er den Koran aber nicht als Buch, sondern als "liturgischen Vortrag" verstanden haben will, als vieldeutige Poesie, die nicht wörtlich genommen werden dürfe). Bei Mosebach führt das zu einer anderen schrecklichen Analyse, nach der das Christentum fälschlich seine Aufgabe in Philantropie und dem Kampf für Menschenrechte sähe, statt "in die Gegenwart des lebendigen Gottes" geführt zu werden. Man meint wirklich, man säße in einem Gottesdienst und lausche einer gewöhnlichen Predigt mit den üblichen Floskeln. 
   Interessant ist auch, dass Mosebach, der die Rückkehr zur lateinischen Messe fordert, das Beten auf den Knien vorzieht. Wenn wir mal für einen Moment innehalten und uns vergegenwärtigen, dass es unbequem ist und im Zen oft ebenso auf eine unbequeme, auf die Dauer schmerzhafte Meditationshaltung gepocht wird, verstehen wir besser, welche Kennzeichen Religionen gemeinsam haben. Eines davon ist auch die Betrachtung der Weltkonflikte durch die vom eigenen Glauben gefärbte Brille. Mosebach meint, die Konflikte zwischen Indern (Hindus) und Pakistani (Muslimen), Deutschen (Christen) und Juden, Türken (Muslimen) und Armeniern (Apostolischen) seien "Konflikte von  höchst assimilierten Gruppen" gewesen. Obwohl sie sich ganz offensichtlich aus unterschiedlicher Religionszugehörigkeit speisten. Als Beispiel friedlichen Miteinanders erwähnt er ausgerechnet die USA, und das zu einer Zeit, wo sich die tödlichen Schüsse weißer Polizisten auf Schwarze häufen. 
   Wie ernst die beiden Freunde es meinen, zeigt die Anekdote, nach der Kermanis Tochter einmal bei einer Messe zur Eucharistie eingeladen wurde. "Unverzeihlich" findet Mosebach das. Bei diesem "Abendmahl" wird der Kreuzigung und Auferstehung Christi gedacht, im Grunde isst man ihn dabei jedoch auf, pardon, verleibt man ihn sich ein ("Dies ist mein Leib. Dies ist mein Blut."). Warum sollte eine junge Muslima sich nicht einen - ihrer Religion nach - Propheten reinziehen? Was ist daran "unverzeihlicher", als wenn Mosebach in einer Moschee und Kermani in einer Kirche beten? 
    Kermani relativiert das Geschehen: "Ich bin ein Freund des Gutmeinens." Diese Denke habe ich hier schon desöfteren zerpflückt, denn sie ist auch Kern des buddhistischen Fundamentalismus (wenn die ISIS-Krieger keine glaubwürdigen Muslime sind, wäre Kermani also der wahre Fundamentalist). Nicht das Ergebnis einer Tat zähle - so hilfreich und "gut" es auch sein mag - sondern die Absicht, also der (flüchtige) Gedanke, den bestenfalls nur der Denkende selbst kennen kann. Das wäre so, wie wenn ein Arzt, dem man sagt, man habe jahrelang täglich ein Glas Rotwein getrunken, weil man beschwipst sein wollte, einen wegen dieser Absicht tadelt, obwohl die Herzwerte sich dadurch gebessert haben. Eine wirklich gute Sache wird in dieser Ethik also kleingeredet, sollte eine schlechte Absicht damit verbunden gewesen sein. Statt wenigstens einzusehen, dass die "gute Tat" den "üblen Gedanken" bereits gereinigt hat. Mosebach scheint das ähnlich zu sehen, denn es "tröstet" und "ermutigt" ihn, wenn koptische Christen in Libyen sich enthaupten lassen, statt von ihrem Glauben abzuschwören (und so wahrscheinlich ihr Leben zu retten). Der Tod ist manchem traditionell Gläubigen eben näher als das Leben - hier wie da.
   Zur Ehrenrettung der Autoren muss gesagt werden, dass Kermani dennoch weiß: "Wir werden reicher, indem wir weniger werden", und Glaube letztlich als "Auslöschung des Ichs" sieht. Allerdings steht auch dies unter der Prämisse: "Gott weiß es besser." Und wird dennoch von der Ansicht begleitet, es gäbe einen "vollkommenen Menschen" (zum Beispiel Jesus).

Mittwoch, 2. September 2015

Der Dalai Lama ruft zum Appell!
(106 kg)

Im März diesen Jahres schoss der Dalai Lama (DL) einen Friedensappell ab, der offenbar verpuffte. Ich bekam davon erst jetzt mit. Es zeigte sich mal wieder, dass wir teils auf einer Wellenlänge liegen (böse Zungen behaupten sogar, der DL schriebe neuerdings vom "Asso-Blog" ab), und dann auch wieder nicht. Wie ich hier selbst schon sagte, müssten Religionen überwunden werden und es ginge der Erde im Grunde ohne uns Menschen besser. Allerdings braucht der Dalai Lama für solche Einsichten offenbar vier Stunden Meditation pro Tag und ich nur noch vier Minuten. Wo das doch Binsenweisheiten sind. Und davon ist auch sein Appell voll: Achtsamkeit, Gewaltfreiheit, Mitgefühl. Große Schlagworte des Populärbuddhismus. Es scheint ihm zu entgehen, dass andere Kulturen und Religionen, mit denen er die Versöhnung sucht, nicht unbedingt in diesem Vokabular denken. Was mich auch befremdet ist, warum sich der Dalai Lama überhaupt zu solch einem Appell berufen sieht. Daran an schließt sich ein Interview mit dem professionellen Schwarzseher Franz Alt, der den DL u. a. mit "Heiligkeit" anredet (ich glaube, wer so etwas tut, kann sich nicht auf gute Erziehung berufen, sondern hat schlicht ein Rad ab). Die Publikation des Interviews wurde offenbar von Red Bull gesponsert, die ansonsten zuweilen tödliche Abenteuersportarten promoten. Ob die beiden Gesprächspartner vorher mit der mancherorst schon mal verbotenen Brause abgefüllt wurden, ist nicht bekannt. Schauen wir doch mal, was sie sagten.
   Der DL meint, Frieden könne nur von Dauer sein, wenn man Menschenrechte achte, genug zu essen habe und der Einzelne und die Völker frei seien. Schon im nächsten Satz jedoch verweist er darauf, dass wir wahren Frieden zwischen uns nur durch inneren Frieden erreichen könnten. Was denn nun, möchte man da fragen (was seinem Interviewer nicht gelingt), wird der Friede nun durch äußere Bedingungen geschaffen oder durch innere? Der DL beantwortet es an anderer Stelle: Ohne den inneren Frieden könne der äußere nicht geschaffen werden.
   Der DL meint auch, dass die sieben Milliarden Menschen auf der Welt "mental, emotional und physisch gleich" seien (???). Er hält Ethik für "die Wissenschaft vom Glück" (sie ist jedoch das Philosophieren über Moral). Er glaubt auch, dass die Wissenschaft uns lehre, wir hätten von Geburt an ein Recht auf Glück (wer nun noch daran zweifelt, dass er mit den US-Amerikanern gemeinsame Sache macht, dem ist nicht mehr zu helfen). Der DL behauptet sogar, dass alle 1.000 Artikel, die von Chinesen in jüngerer Zeit über Tibet geschrieben wurden, den tibetischen "Ansatz" unterstützten (das ist noch die alte Rhetorik des Politikers und Staatsführers). Franz Alt meint dann noch begeistert, der DL habe freiwillig seine Macht aufgegeben, als er vor vier Jahren von seinem Amt als Staatsoberhaupt zurücktrat (welche Macht, wo doch die Chinesen eingewandert sind und er im Exil lebt, und sich nichts an seinem Einfluss auf die Tibeter änderte, da er seinen Dalai Lama-Status nicht aufgegeben hat?).
   Die größte Heuchelei stellen nach wie vor die Ausführungen des DL zur Gewaltfreiheit dar. Nicht nur kennen wir Bilder, wo sich tibetische Mönche - verständlicherweise - immer wieder gewaltsam gegen die chinesischen Besatzer zur Wehr setzten. Wir wissen auch: Solange es irgendwo einen haltlosen Gewalttäter gibt, wird unser befriedeter Geist nicht ausreichen, um ihn gewaltlos von Schandtaten abzuhalten. Eine gegenteilige Einstellung wäre nicht nur naiv, sondern auch privilegiert, ein Luxus. Denn der Dalai Lama selbst reist oft in gepanzerten Fahrzeugen und mit Leibwächtern. Er tut also, wenn er sein Leben in Gefahr sieht, genau das, was die meisten anderen Menschen täten. Das Waffentragen überlässt er aber anderen. Das ist in etwa der gleiche Zynismus, mit dem Buddhisten traditionell das Metzger(- und Waffen)handwerk - auf Grundlage des Palikanon - schlecht reden, dann die Fleischspenden der Laien annehmen und verschlingen, um im nächsten Moment auf denen rumzuhacken, die unreine Berufe ausführten, von denen sie eben noch profitiert haben.

Den kostenlos in allen Weltsprachen downloadbaren Text gibt es auch in gebundener Ausgabe mit gerade mal 56 Seiten zu kaufen. Er schaffte es bis auf die Spiegel-Bestsellerliste. Ein Amazon-Rezensent fasst die Schrift treffend zusammen: Eine Sammlung von Kalendersprüchen.