Sonntag, 28. Februar 2010

Warum sieht die Elster einem Stinktier ähnlich?

Wie kann man als Buddhist eigentlich der Falle entgehen, den Menschen für die Krone der Schöpfung zu halten (Verzeihung, ein Ausdruck aus christlichen Kreisen)? Da sind doch die sechs  Bereiche oder sechs Welten. Eine davon ist die Welt der Tiere: "Hier sind geistige Unwissenheit und Stumpfheit der Tiere anzutreffen, die zur Unterdrückung der Tiere durch die Menschen, zu Jagd und Fleischgenuß führen. Der Buddha mit dem Buch der Tugendvollkommenheit will den Tieren den Weg in das Reich des Wissens führen. Der Buddha mit dem Schwert weist den Weg auf den Pfad der sittlichen Zucht." Spontan hier angegoogelt. 
 
Also, das war noch nie mein Ding, einer Kakerlake beizubringen, nur vor 12 Uhr mittags zu essen. Oder einem Hund aus Brehms Tierleben vorzulesen. In der Tat sagte ein mir durchaus sympathischer burmesischer Abt (ich kenne auch einen unsympathischen), als ich ihn mal fragte, wie denn eine Schmeißfliege je aus ihrer Welt heraustreten und erwachen könne: Auch diese Fliege könne schließlich Gutes tun. Als ich so darüber nachdachte, fiel mir auf, dass praktisch alle Tiere nur Gutes zu tun scheinen - ganz im Gegensatz zu uns Säuge-Tieren (aber der Pali-Kanon hatte da noch ein anderes Klassifizierungssystem). Da Tiere ihren Instinkten, vor allem dem Überlebenstrieb, folgen, und ganz offensichtlich keine dicken Ethikschwarten schreiben, kann man ihnen kaum vorwerfen, Schlechtes zu tun. Wie ich so weiterüberlegte, wurde mir klar, dass meine Frage falsch gestellt war. Ich hätte fragen sollen: "Wie kann ich, geehrter Abt, eigentlich zur Schmeißfliege werden?" Und wenn auch einige vor ihrem Bildschirm jetzt einwerfen mögen, das sei ich schon, ist dieser Lehrinhalt doch von wirklicher Gefahr. Wer die gestern verlinkte Doku über den Prionen-Entdecker gesehen hat, der bekam ein Beispiel für die enormen Leistungen von Tieren, die - wenn sie's könnten - eigentlich ständig über uns lachen müssten. Obwohl gerade vom "Engagierten Buddhismus" Impulse für ökologisch und ökonomisch bewusstes Handeln ausgehen, sehen zahlreiche Buddhisten - weil sie nicht mit der so verstandenen Überlieferung in Konflikt geraten wollen - noch immer Tiere als bemitleidenswert unterentwickelte Geschöpfe an. Ja, sogar Vegetarier kann man dabei erwischen, wie sie mit dem Finger belehrend auf die sechs Welten verweisen.

Ich meine, so lange wir nicht erkennen, dass wir für das Gleichgewicht der Natur in diesem Lebensraum Erde eines der überflüssigsten Lebewesen sind, haben wir unsere wahre Stellung und Bedeutung verkannt. So lange wir uns nicht drei Mal mehr vor der Kakerlake verneigen können (ehe wir so lange auf ihr rumklopfen, bis endlich ihr brauner Lebenssaft rausspritzt) als vor unserem Meister, verstehen wir nicht mal, wer von uns beiden da lebenstauglicher ist. Was der Buddha tatsächlich lehrte: Dies ist eben keine Frage von Macht, Kraft und scheinbarer Überlegenheit. Das Wesen ohne Rang und Namen, völlig ungebunden und frei - das ist die Schmeißfliege (auch wenn sie gleich die Klatsche fängt).

Und nun muss ich mich nur ein wenig querlegen, um die Kurve zu diesem Buchtipp zu bekommen. Sante Poroomas "Jenseits aller Begriffe und Worte" ist erschienen. Eine gelungene Einführung in den Buddhismus und kompakte Übersicht seiner wesentlichen Lehrinhalte. Es gab aber ein paar Stellen zur Wiedergeburt, die ich ablehnte, und darum habe ich das Büchlein damals nicht selbst publiziert. Der Übersetzer hat's mir nicht übel genommen, und weil Sante ein Schüler auch von Philip Kapleau war, konnte ich eigentlich auch nicht anders handeln. Ich empfehle das Werk also ausdrücklich, und gebe hier noch aus meiner damaligen Ablehnung zu bedenken: 

"'So dreht sich das Lebensrad schneller als wir es verstehen können; in jedem Moment wird ein neues 'Ich' geboren, und damit ist die Unwissenheit über die wahre Natur der Wirklichkeit weiter auf dem Vormarsch.  Wir sind eine wiedergeborene Version einer Person, welche heute morgen aufgestanden ist, und diese Person ist die Wiedergeburt derjenigen, die gestern Abend zu Bett ging. Wiedergeburt bedeutet, dass man weder sagen kann, es sei dieselbe Person, welche in den drei Zeitabschnitten da ist, noch dass sie nicht dieselbe Person ist.' (Porooma)

Nun, wenn das so ist, warum dann überhaupt etwas dazu sagen? Es ist doch in shunyata (der Leere) letztlich gar keine Person. Also auch keine Person zum Wiedergeborenwerden. Wenn wir dies in unserer Zen-Übung erkennen mögen, warum sollten wir uns dann noch um die für mich unmögliche Erklärung von Wiedergeburt bemühen?

Dazu kommt das Problem, dass wir gemeinhin im Ich, dessen Leere ja zu durchschauen wäre, eine gewisse Kontinuität sehen. So empfindet es der Normalverbraucher, so definiert es der Psychologe. Dieses Verständnis greift Sante im Absatz danach auf. Er benutzt dann die Metapher des Lego-Autos, dessen Steine sukzessive ausgetauscht werden. Dieses Bild ist in zweierlei Hinsicht unglücklich. 1) Es muss einen Austauschenden geben. 2) Sante meint: "und niemand könnte sagen, wann das eine verschwand und wann das andere auftauchte." Aber genau das können wir ja schon sagen, indem wir es zum Beispiel filmisch festhalten - doch mit dem nebulösen 'Ich' können wir das (noch immer) nicht."

So ist das Verlegerleben, wenn man selbst im Zen steht. Und wer mir immer noch nicht glaubt, dass nicht mal Tiere eine Wiedergeburt brauchen, der schaue sich den Trailer zur "Pelzigen Rache" an.

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