Sonntag, 8. Juli 2018

Höhlenrettung, Aberglaube und Mönchskorruption in Thailand

 Als ich gestern vom enttäuschenden kleinen ASEAN-Filmfest in Bangkok zurückkam (die Filme waren so langweilig, dass man sie kostenlos sehen durfte) und im Bus den Soundtrack zur NETFLIX-Serie "The Get Down" auf den Ohren hatte, kam mir plötzlich im Dämmerschlaf der Gedanke, ob es wohl möglich sei, zwei trainierte Delphine in das Höhlensystem in Thailand einzubringen, wo man jetzt gerade, da ich dies schreibe, mit der Bergung der dort von Wassermassen eingeschlossenen 12 Jungen und ihrem Fußballtrainer begonnen hat. Sehr viele Menschen haben sich mit sehr vielen Ideen eingebracht, einige auch tatkräftig. Einer der eingesetzten thailändischen Navy Seals kam bereits ums Leben. Trotzdem war man nun der Meinung, den im Tauchen ungeübten Kindern den stundenlangen Weg durchs Wasser nicht mehr ersparen zu können. Tatsächlich ist selbst bei mir im Südosten des Landes das Wetter gerade so schlecht, dass ich eben nicht mal die Berichterstattung im TV sehen konnte, der SAT-Empfang war gestört. In diesem Jahr hat es besonders früh besonders viel geregnet.
   Was sich im Zusammenhang mit dieser Aktion abspielt, wirft auch ein Licht auf den thailändischen Buddhismus und Volksglauben, die Hand in Hand gehen. Traditionell wurden in Höhlen Menschen bestattet und man schreibt ihnen Geisterwelten zu, assoziiert mit diesen Orten also vor allem den Tod. Da nun eine lokale Mönchsgröße zunächst behauptete, die Eingeschlossenen würden gerettet und man würde sie bald finden, und sie kurz darauf tatsächlich entdeckt wurden, sahen viele die übersinnlichen Fähigkeiten dieses Mönches bestärkt - und der Preis von ihm gesegneter Amulette schoss in die Höhe. Wie ich schon im letzten Beitrag schrieb, erfüllt hier Religion die Funktion der Hoffnung, denn selbst wenn der Mönch sich täuschte, würde man wohl später darüber hinwegsehen und ihn für seine moralische Unterstützung loben. Tatsächlich hat er in meinen Augen nur eine sowieso wahrscheinliche Prognose abgegeben, die keinerlei Rückschlüsse auf seine spirituelle Begabung zulässt. Nehmen wir hingegen an, jemand hätte seinem instinktiven Gefühl Ausdruck gegeben, dass es mindestens einen Toten geben wird (steckt dahinter womöglich die magische "12"?) - wenn auch die Frage bliebe: wann? -, man hätte auf ihn eingeschimpft und sein Verhalten für unverantwortlich gehalten. Hätte sich die Voraussage bestätigt, wäre ihm dennoch der Unmut der anderen gewiss gewesen. Der Mönch, der Gutes verheißt (auch wenn seine Religion auf der Erkenntnis von Unbeständigkeit fußt), und das Volk, dass von ihm Hoffnung gemacht bekommen will, ergänzen sich symbiotisch. Mit Realismus und Wahrheitsfindung hat das noch nichts zu tun.
   Auch einen deutschen Experten, der wohl über den Verdacht buddhistischer Schwafelei erhaben war, sah ich im Fernsehen. Er meinte noch vor ein paar Tagen, die Bergung oder ein längerer Aufenthalt in der Höhle seien gar kein Problem, es gebe genug Sauerstoff usw. Ich habe aber niemanden das sagen hören, was ich inzwischen aus den Aufnahmen der hungrigen Kinder entnahm, nämlich dass sich mindestens zwei in einem kritischeren Zustand befinden, als der Öffentlichkeit weiß gemacht wurde (was einer der Hauptgründe für die nun doch etwas hektisch gewordene Rettungsaktion sein dürfte). Ich frage mich inzwischen nur noch, ob man die Kinder tatsächlich nicht sedieren kann, weil sie ein enges Teilstück bewusst ohne fremde Hilfe bewältigen müssen. Und auch wenn ich prinzipiell keine Angst vor Mensch und Tier kenne, weiß ich wohl um situationsspezifische Panik, die mich sogar schon mal bei einer Wurzelbehandlung am hintersten Zahn dazu trieb, mir diesen lieber ziehen zu lassen, so stressig kam mir der Versuch der Zahnerhaltung vor. Kaum auszumalen, welches Panikpotential in den Kindern steckt, wenn über ihnen eine Felsdecke, vor ihnen dreckiges Wasser und unter ihnen die dunkle Tiefe lauert - und sie diese Gedanken nicht verscheuchen können. Die Ironie des Schicksals ist dabei, dass den Jungen die traditionellen thailändischen Vorurteile über Höhlen bereits im Kopf sitzen. Während ich also ein trauriges Lehrstück erwarte, machen sich andere bereits darüber Gedanken, wie der Hype um diese Höhle(n) in Zukunft kommerziell ausgenutzt werden kann. Man erwartet einen Ansturm von Touristen.
   Der häufige Regen jedenfalls bestimmte auch meine vergangenen Tage in Bangkok (die Filme des Festivals liefen erst gegen Abend), so dass mir nicht viel Zeit zur Erkundung der interessanten Stadt blieb. Wie so oft lief ich einfach mal los, weg von der Khao San Road, wo ich diesmal mein Hotel gebucht hatte (und das voller die ganze Nacht hindurch labernder, wahrscheinlich bedrogter junger Leute war - ein Hoch auf Ohropax!). Wie es das Karma so will ... lief ich dann passenderweise im Wat Saket ein. Denn als nächsten Blogbeitrag hatte ich doch mithilfe des englischen Wikipedia einen Überblick über den Thai-Buddhismus eingeplant, der einen "höchsten Patriarchen" kennt (jener, der angesichts obiger Tragödie zum Rezitieren des Metta-Suttas riet). Aus diesem Wat Saket wurden am 24. Mai diesen Jahres einige Mönche festgenommen, der Abt Phromsitti floh zunächst, er wollte angeblich erst mal einen buddhistischen Feiertag würdigen, ehe er sich eine Woche darauf der Polizei stellte. Danach wurde er entrobt - eine formale Voraussetzung für die Festnahme - und wieder zum Bürgerlichen Thongchai Sukho. Auf zehn seiner Konten sollen sich 132 Millionen Baht (knapp 4 Mio. Euro) angesammelt haben. Klar, dass ich mir da die 50 Baht (ca. 1,30 Euro) für den Aufstieg des Tempelberges ersparte mit dem Hinweis, Wat Saket habe ja nun wahrlich genug Kohle gescheffelt. 
   Auf die Details der Veruntreuungen will ich nicht eingehen, es werden die üblichen Konstrukte behauptet, etwa Firmengeflechte, über die Tempeleinahmen verschwanden und auf Privatkonten landeten. In ganz Thailand wurden in jüngerer Zeit etliche auch hochrangige Mönche dessen bezichtigt und inhaftiert, und sofort kam der Verdacht auf, die Militärregierung würde denjenigen Zweig des thailändischen Buddhismus angreifen, der dem Königshaus traditionell ferner stehe und aufmüpfig sei. Als jedoch auch von deren Seite ein namhafter Mönch verhaftet wurde, hieß es, dies sei nur geschehen, um den Eindruck zu erwecken, es ginge dabei fair zu. Bei der von mir kürzlich gemeldeten Farce, die einen der Mönche nach Deutschland trieb und um Asyl bitten ließ, war in der deutschen Presse zu lesen, die bloße Tatsache, dass Thailand Ermittler hinterhersandte, um seine Auslieferung zu erwirken, errege schon den Verdacht, es handle sich um ein politisch motiviertes Verfahren. Wie ich hier aber an vielen Beispielen deutlich machte (auch von unbedeutenderen Äbten, die mit mir nach fünf Minuten schon über Geschäfte sprachen statt über ihre versifften Tempeltümpel), ist der moralische Abstieg des thailändischen Klerus geradezu unverkennbar. Der größte Tempel Pattayas etwa ist trotz königlicher Weihen auf den ersten Blick vor allem ein zugestellter kostenpflichtiger Parkplatz. Wenn endlich mal etwas gegen welche Form des Kommerzes im orangenen Gewand auch immer getan wird, sollte man dies zunächst unterstützen. Die thailändische Gesellschaft ist die letzte, die einen finanziell korrumpierten Klerus gebrauchen kann, da sie in meinen Augen ohnehin zu materieller Oberflächlichkeit neigt ("sanuk", Spaß haben, ist das Lebensmotto) und diese sich ungünstig mit spirituellem Unsinn zu paaren droht. Das Metta-Sutta mag man darum vor allem für die Mönche selbst rezitieren, auf dass sie zur Einsicht kommen. Was die Höhlenrettung angeht, so ist es wohl hilfreicher, mit aufmerksamen Augen die Details zu verfolgen und auch das Nachspiel, das folgen wird.


   (Fotos: Keller/Wat Saket - Lageplan und Spendenbox mit Abtsfiguren; 
oben: T-Shirt Beflockung in Bangkoker Hinterhof)
   

Sonntag, 1. Juli 2018

Aua! Dieser Buddhismus macht Kopfschmerzen

Ich bin mit dem Update nicht hinterher gekommen. Hinter mir liegt ein Monat körperlichen Unwohlseins, die schlimmsten vier Migränewochen meines Lebens, denen ich nun mit einer Kortisonspritze im Krankenhaus begegnete, um nicht dauernd Schmerzmittel einnehmen zu müssen. Dazu die Info meiner Zahnärztin, dass meine nach 10 Jahren herausgefallene Brücke nicht einfach wieder eingesetzt werden könne, sondern eine neue hermüsse, dazu noch 3-4 Kronen über die Nachbahrzähne, die ich mir wohl infolge einer Mischung aus Säureangriffen (Reflux) und nächtlichem Zähneknirschen (ich frage mich, woher der Stress kommen soll, auch wenn ich rege träume) und weil ich mich nicht mit einer Aufbiss-Schiene anfreunden konnte, verdient habe. Bakterien aus ein paar dreckigen geküssten Hurenmäulern und meine Putzfaulheit dürften ein Übriges dazu beigetragen haben. Wer übrigens glaubt, Zahnreparaturen wären deutlich billiger in Thailand, der irrt. Wenn ich mich so in Expat-Foren umschaue, scheint es sich nur noch um eine Ersparnis von 20-25 % zu handeln gegenüber den Preisen in Deutschland. Dazu kommt, dass Zusatversicherungen hier nicht greifen und die Auslands-KV nur bis zu bestimmten Beträgen dazuzahlt, in den ersten Versicherungsjahren recht wenig. Gestern hat mich dann noch der Verzehr dreier roter Drachenfrüchte lahmgelegt, die teils nach 2 Stunden schon wieder aus meinem Arsch gerauscht kamen und die Kloschüssel blutfarben versprenkelten. Ich fühlte mich wie mit einem Noravirus, aber heute früh war alles überstanden. 
   Aus diesem Grund erlaube ich mir - ehe ich auf akademische Arbeiten zurückkomme - zur Entspannung ein paar kritische Kommentare zu Dingen, die mir in meiner erzwungenen Häuslichkeit unter die Augen kamen. Ich will daran noch einmal deutlich machen, mit welcher Art von Buddhismus ich nichts anfangen kann, ja welche Art ich für schädlich halte. Da sind zum einen kostenlose Ebooks von Geshe Kelsang Gyatso. Der ist nicht irgendwer, sondern hat angeblich sogar schon über eine Million Bücher verkauft, mit seiner "New Kadampa Tradition" mehr als 1.110 Zentren und Gruppen begründet. Er beruft sich auf Trijang Lobsang als seinen Lehrer, der auch den 14. Dalai Lama unterrichtete, betrachtet jedoch offenbar im Gegensatz zu diesem Dorje Shugden als erleuchtet. In seinem Buch "Moderner Buddhismus" findet sich diese Stelle: "Töten wir zum Beispiel aus Wut eine Mücke, schaffen wir die Ursache, in der Hölle wiedergeboren zu werden ... Würde mich heute jemand eine dumme Kuh nennen, könnte ich das schwer ertragen, aber was werde ich tun, wenn ich tatsächlich eine Kuh, ein Schwein oder ein Fisch werde - die Nahrung von Menschen?"
   Auf diese primitve Art - den Zuhörern und Lesern Angst vor etwas völlig Unbeweisbarem zu machen und dabei den gesunden Menschenverstand zu verspotten und dem Töten einer Mücke die drastischsten Konsequenzen beizuordnen - wird leider noch heute sehr häufig Buddhismus den Massen gelehrt. In Thailand hat das lange Zeit die hier schon erwähnte Sekte mit ihrem TV-Sender DMC übernommen. Nun gibt es eine neue Initiative, die auf den ersten Blick seriöser erscheinen mag, zumal sie namhafte Unterstützer wie Gillette, die Bangkok Bank und CP hat, Letzteres ein Konglomerat von Charoen Pokphand, das weltweit über 300.000 Menschen beschäftigt und dessen Produkte bei mir zuweilen etwa in der Tiefkühltruhe liegen. CP steckt auch hinter der Supermarkt-Kette 7 Eleven und den thailändischen KFC-Filialen sowie dem Telekommunikationsgiganten True Move.
   Das von ihnen gesponserte Projekt heißt "True Little Monk", ein "Übungsprogramm in Weisheit für Novizen". Auf deren Website steht überraschenderweise ein ausländischer Mönch im Mittelpunkt, Ajahn Jayasaro, der 1958 als Shaun Michael Chiverton in England geboren wurde und 1980 bei Ajahn Chah ordinierte. Ich hörte mir mal einen Beitrag von ihm auf Youtube an, zum Thema "Vergangene Leben". Hier stellt er zwar zunächst fest, dass man daran nur "glauben" könne, doch dann folgen die seltsamsten Gründe, um diesen Glauben rational zu untermauern, da er sie für "gute Beweise" hält, wobei er diese Formulierung gleich ändert zu "Stützen des Glaubens", kurz danach wiederum als "gesunden Menschenverstand" bezeichnet: 1) Der Buddha, der davon berichtete; 2)  Meditierende, die sich an solche Leben erinnerten; 3) 3- bis 5jährige Kinder, die unter wissenschaftlichen Bedingungen solches belegen konnten; 4) Menschen, die dies unter Hypnose berichteten.
  Wenn es das ist, was nach angeblich jahrelangen Retreats, Lehrtätigkeit, dem Vorsitz eines Klosters als Abt und einem Ehrendoktor in Buddhologie herauskommt, dann ist es wirklich besser, ich empfehle meinen Lesern das heutige World Cup-Spiel von Kroatien oder die Matches von Manchester City in der nächsten Saison: Wer genau hinschaut, versteht danach womöglich mehr vom Leben, als wenn er solchen Buddhisten zuhört. Denn im Fußball steckt zuweilen mehr Wille zur Wahrheit und (Geistes-)Gegenwärtigkeit.
   Was man aus dieser Geschichte lernt, ist, dass auch die reichsten Menschen spiritueller Dünnbrettbohrerei zugänglich sein können (oder meinen, sich damit schmücken zu müssen). Aus diesem Grund haben sich religiöse Schwafler auch immer wieder potente Unterstützer und Sponsoren geangelt. Für die Ärmeren unter uns kein schlechter Trost: Mit wenig auszukommen und dabei noch den besseren Durchblick haben zu können.
   Wer es hingegen fiktiv mag, könnte gleich zur Literatur greifen, etwa zu Mariana Lekys neuem Roman "Was man von hier aus sehen kann", und darin einem Zen-Mönch begegnen. Oder er lässt sich ein paar Sätze aus László Krasznahorkais "Im Norden ein Berg ..." (Fischer 2007) durch den Kopf gehen, wo ein Enkel des Prinzen Genji über den Buddha sagt: "Wir wissen nicht mehr, was du von der Welt gedacht hast. Wir verstehen jedes deiner Worte falsch. Wir sind völlig verloren." Macht nix, möchte ich diesem Prinzen-Enkel zum Troste sagen, das erging dem Buddha nicht anders.

[Weltweit begleitet man im Moment die Rettungsaktion von 12 thailändischen Jungen und ihrem Trainer, die in einem überfluteten Höhlensystem in der Provinz Chiang Rai eingeschlossen sind. In diesem Zusammenhang bat der hiesige "höchste Patriarch" um die Rezitation des Metta-Suttas, und ich konnte einige m. E. verfrühte, wenn auch verständliche Freudensausbrüche im TV sehen. Hier zeigt sich wieder die tröstende und Hoffnung machende Funktion einer Volksreligion, auf die so viele Menschen nicht verzichten können. Die Frage, die sich in diesem Fall exemplarisch aufdrängt, ist, inwiefern dies zu unrealistischen Erwartungen führt. In Kürze werde ich darum explizit auf den thailändischen Buddhismus eingehen.]


(Hab ich dieses Video schon mal verwendet? Bitte mitteilen.)