Donnerstag, 22. Juni 2017

Die Angst der Buddhisten vor Putin oder: Lasst euch nicht verätischen! (aktualisiert am 03.07.)

"Ich komme aus dem Tempel, um die Tiger auszurotten." *

(aus einem Song von Wednesday Campanella, siehe unten)

Gerade schrieb mir ein alter Freund aus Deutschland, dass er kaum noch wisse, wem er medial trauen solle. Wochenlang hatte man Donald Trumps Bemerkung, die Nato sei "obsolete", auf Deutsch mit "obsolet" wiedergegeben, bis auf dem TV-Kanal Phönix jemand erklärte, es sei damit "veraltet" und "erneuerungswürdig" gemeint. Ausgangspunkt unserer Kommunikation war mein Hinweis auf Oliver Stones "Putin Interviews" gewesen, die kürzlich auch in Deutschland ausgestrahlt wurden. Diese Interviews bestärkten mich in der Auffassung, dass es gut wäre, wenn die USA einen Präsidenten hätte, der Putin zum Freund machen kann. Nun wurden Trump vor allem auf Initiative seines Erzfeindes John McCain von den Republikanern Steine in den Weg gelegt. Alles, was Putin in den Interviews vorausgesagt hatte, bestätigt sich.

Mit dem Aufruf "Stand Against Suffering" hat sich kürzlich die US-buddhistische Szene zwischen den Zeilen deutlich genug gegen Trump positioniert. Ob die auch allesamt eine Russland-Paranoia haben, weiß ich nicht. In einem geradezu lächerlich um den heißen Brei herum schreibenden und voller Plattitüden steckenden Text lehnt man sich an die mit tausend Armen helfende Kwan Yin an (also einen Mythos), um nach der Aufzählung allerlei drohender Katastrophen von Umweltzerstörung bis Krieg an die buddhistische Pflicht zum Beenden des Leidens zu erinnern. Zunächst mag es sogar erstaunen oder gar erfreuen, dass Leiden hier einmal konkret an Äußerlichkeiten festgemacht wird, spricht daraus doch der Wille zur sozialen Verantwortung. Allein ist schon dies im buddhistischen Kontext fragwürdig, da der Dharma nicht diese Art von Leiden gemeint haben kann, wenn er zu dessen Beendigung aufrief, denn er nennt ja auch unabänderliche Geschehnisse wie Altern und Tod, die nicht anders "aufhebbar" sind als durch eine veränderte innere Einstellung dazu. Mit anderen Worten, man benutzt hier den Hinweis auf die buddhistische Lehre als Ausrede, um seine politische Position klarzumachen. Das fällt insbesondere auf, wenn man sich diejenigen unter den 13 Initiatoren ansieht, in deren Schule Kwan Yin (Avalokiteshvara) eine untergeordnete Rolle spielt.

Einer davon ist Bhikkhu Bhodi. Kürzlich wurde mir in einem anderen Blog dessen Erläuterung zum Achtfachen Pfad empfohlen, weshalb ich ihn googelte. Bald stieß ich auf ein Interview, in dem Bhikkhu Bhodi gesagt haben soll, er meditiere nicht, weil ihm das Kopfschmerzen bereite. Fake News? Jedenfalls hält er Nirwana für transzendent, was wohl der eigentliche Grund für die Lese-Empfehlung war, denn mein Gesprächspartner hat einen gewissen Sinn fürs Mysteriös-Übersinnliche. Ich frage mich, wie jemand, der nicht verstanden hat, dass Nirwana und Samsara eins sind, dieser Welt wirklich helfen will. Es wundert mich auch nicht, dass einige der hier bereits Kritisierten ganz oben als Unterzeichner auftauchen, etwa Jack Kornfield und Joan Halifax, und weiter unten dann Batchelor, Glassman usw. Vielen Dank auch den anderen, ich bin jetzt gewarnt. 

Nun hat Brad Warner in seinem Blog erklärt, warum er diesen Aufruf nicht unterschrieb (da er im Grunde diejenigen, die anderer Meinung seien, marginalisiere), obwohl er selbst ein vehementer Trump-Kritiker ist. Ja, Warners eigener Blog enthielt zuletzt nicht wenige Texte, die wenigstens nicht so schwammig wie der obige Aufruf daherkamen. Doch auch Warner habe ich inzwischen in meine Liste der Lehrer aufgenommen, die mein Asso-Blog nicht empfehlen kann. Seine einseitige Trump-Kritik ist nur eines von vielen Indizien für seine zunehmend zutage tretende Verwirrung, schlimmer finde ich seinen Aufruf, ein "Patr(e)on" (Unterstützer) von ihm zu werden, mit mindestens einem Dollar pro Monat (heute sind bereits gut 400 Dollar zusammengekommen). Ich verlinke diese Seite nicht, offenbar geht man nun vom Crowdfunding für Projekte schamlos zur Einzelförderung über, und Brad schaltet da tatsächlich bestimmte Texte nur für seine Gönner frei. Irgendwie musste das so kommen. Seit Jahren sehe ich Zen-Adepten, die sich vorwiegend auf Dôgen beschränken, den Überblick und die Erdung verlieren. 

Seit Jahren sehe ich auch, wie unter dem Vorwand, Buddhismus zu betreiben, politische Ideologien annehmbar gemacht werden sollen. Einer, der sich lange hinter viel marxistisch inspirierenden Worthülsen versteckte und permanent Ethik-Diskussionen anregen will, ohne seine eigene Hinterfotzigkeit überhaupt zu erkennen, ist der "Unbuddhist", dem jeder Zug recht ist, auf den er springen kann, selbst wenn er mit tibetischen Wunderheilern und eifersüchtigen Dakinis beladen ist, wie bei Tenzin Peljor. Mit Tenzin hat es auch so eine Bewandtnis, der lehrt zwar offensichtlich, wie ich gerade auf Youtube sah, obwohl er noch ganz schön "schwimmt". Er liest Beiträge in seinem Blog nach eigenem Bekunden jedoch nur teilweise oder gar nicht, gibt dann freilich Kommentare ab, die ganz offensichtlich den Gesamtzusammenhang verfehlen.

Warum sollte es einen Zen-Buddhisten interessieren, ein "Arhat" zu sein (diese Redewendung übernahm ich dort nur als Analogie für einen Erwachten, doch eigentlich müsste jeder Buddhismus-Student zumindest die Grundmaxime des Zen, "Offene Weite, nichts von heilig", kennen, also verstehen, dass ein Erwachter im Zen eben kein Heiliger ist)? Wieso sollte jemand, der sich auf eine jahrtausendealte Zen-Tradition (dort hieß es "von Wuzu bis Sawaki") berufen kann mit dem, was er sagt (z.B. Ablehnung buddhistischer Konventionen, Annahme der eigenen Fehlerhaftigkeit) von sich behaupten, er sei der einzige, der verstünde (ich behauptete dort lediglich, dass Matthias Steingass und Tenzin Peljor nicht dort stehen, wo ich stehe, also aus der Sicht von Unerwachten argumentieren - und sie haben mir in Bezug auf sich auch nie widersprochen)? Was soll dann der dämliche Vergleich mit Lehrern, die ihre Schülerinnen ins Bett kriegen wollen, indem sie ihnen irgendwas von ihrer spirituellen Meisterschaft erzählen - ich habe keine Schülerinnen und sogar schon mehrfach ausdrücklich erwähnt, wie ich mein Sexualleben gestalte, nämlich auf der Basis ganz offener Deals in einem - für mich - recht illusionsfreien Raum (überwiegend Hurerei). Wenn einem die Argumente ausgehen, dann beendet man halt die Diskussion, so wie Tenzin, nur um dann fröhlich und erkenntnisresistent weiter den eigenen Vorurteilen zu frönen. Natürlich ist der Dalai Lama nicht erleuchtet, er ist ja selbst das Symbol einer fleischlichen Reinkarnation eines Individuums. Man sollte ihm hoch anrechnen, dass er das nicht von sich behauptet. Andererseits ist das bei vielen auch bloß Koketterie oder der Versuch, einer Falle auszuweichen (man braucht sich dann nicht mit solchen Anwürfen wie ich rumschlagen), gelegentlich zitieren sie auch nur die Lehrer, die meinten, man könne das nicht von sich selbst behaupten (und vergessen die anderen Geschichten, in denen die alten Meister von ihrem Erwachen detailliert genug berichteten).

Tenzin und Matthias sind m.E. vergiftet vom tibetischen Buddhismus und seinem inhärenten Wunderglauben und werden regelmäßig Opfer ihrer eigenen Vorurteile. In ihrem begrenzten Verständnisrahmen kann darum nur das Diskreditieren über den gemeinsamen Nenner ihrer Vorurteile erfolgen. Es muss einen Geshe geben können, der Nonnen in seinem Schoß tröstet und sich nichts weiter dabei denkt, aber die Roshis X, Y und Z haben ihren Roshi-Status nur genutzt, um Frauen in ihrem Schoß zu missbrauchen. Die Frage, warum der Geshe ein Geshe sein muss, um trösten zu können, stellen sie nicht, was bei den einen als Masche gilt, darf für ihre eigenen Gurus nicht gelten. Da ist natürlich irgendwann das große Erwachen vorprogrammiert, im Sinne einer herben Enttäuschung nämlich. Ich muss jedenfalls nicht erst mal in ein Retreat, wenn mir eine sexuell Talentierte ("Dakini") den Laufpaß gibt; irgendwo wartet schon die nächste. Und ich kann weder die Lehrer verstehen, die meinen, sie müssten über den Umweg von Manipulation aus dem sehr kleinen Pool von Getreuen (und oft psychisch Angeschlagenen) ihre Sexualpartner wählen, noch diejenigen, die meinen, sie müssten den Dharma in Robe leben oder durch politische Ideologien ersetzen. Mir wäre das viel zu kompliziert.

Ich will Tenzin gar nicht seine "guten Absichten" absprechen. MATTHIAS STEINGASS hingegen schon, denn obwohl er angeblich den Fall Genpo D. verfolgt, benutzt er in diesem Zusammenhang den Ausdruck "Kinderfickerei" und dämonisiert damit den Angeklagten, seine alte Masche, wobei er auch übersieht, dass hier in diesem Blog schon von der Anklage berichtet wurde, ehe er selbst ein Wort darüber verlor; es wäre besser, wenn Matthias mal von seinen eigenen sexuellen Erfahrungen reden würde, damit der Grund seiner Raserei vielleicht transparenter wird.

Es ist leider auch so: Missbrauch wird bevorzugt von denen gefördert, die sich in erhabene Positionen bringen, auf einem hohen ethischen Ross sitzen (das keine ausgewogene Position erkennen lässt, also mangelnde Empathie und mangelndes Verständnis für alle Beteiligten) und nicht mehr begreifen, wie stinknormal auch noch ihr eigener Guru ist. So wird dann von solchen Kritikern, weil sie immer noch die stille oder laute Hoffnung hegen, dass in ihrem "Haus" und ihrer "Sekte" alles anders sei, doch wieder nur die hierarchische Struktur gestützt, in der Missbrauch stattfindet, und in der Roben, Meister-Status, Einweihungen, Übertragungen und andere Charakteristika dafür unabdingbar sind. Nicht umsonst ist Tenzin mal in eine missbräuchliche Sekte geraten, und ich schätze, für Matthias gilt das auch. Sie arbeiten offenbar beide noch immer daran, die Gründe dafür in sich selbst auszumerzen, und diese Arbeit ist noch nicht beendet (was man u.a. daran erkennt, dass ihre Besessenheit vom Thema "Sex" den Blick auf andere, meist offener zutage tretende Mängel von Lehrern verstellt, etwa deren materiellen Gelüste, und dass sie bei alledem nicht mehr wahrnehmen wollen, wenn die Kritisierten dennoch etwas Interessantes zu sagen haben).

Im Forum "Buddhaland" kann man in den aktuellen Beiträgen zu Genpo D. nicht nur das gleiche Trauerspiel erkennen, dass die Lehre für eigene Ansichten herhalten muss (so wird gern behauptet, jegliche heutzutage verpönte Sexualität sei schon vom Buddha gemaßregelt worden), sondern auch studieren, wie der "Unbuddhist" wieder aus der Reserve gelockt ist und sich mit anderen Heuchlern durch die Threads fummelt. Etwa mit dem auf Sachlichkeit und Diplomatie machenden Moderator "void", in meinen Augen ein anonymer Trottel und Zensor nach Belieben, den ich selbst mal als Moderator vorgeschlagen hatte, nur um ihm dann auf die Schliche kommen und beobachten zu dürfen, wie sich einer, der offiziell keine hinreichend klaren Positionen beziehen kann, zwischen all den Ideologen, Verrückten und Missbrauchten im Forum zurechtfindet (die Sache spitzt sich dort gerade zu, weil er lange einige psychisch Kranke duldete und in deren Kritikern eine Gefahr sieht).**

Leider sind manche Zen-Vertreter nicht besser. So lässt sich an Sudhana (Ralf Sogen Boeck) zeigen, was auch Tenzin Peljor nicht versteht, wenn er einerseits meint, es gelte nur, was der "Buddha gesagt" habe (womit sein tibetischer Tantra-Buddhismus schon in sich zusammenfiele), dann aber nicht den Schritt zu einer nicht-dualistischen Ethik hin vollzieht (und nicht-dualistisches Denken ist ein Kennzeichen des Mahayana). Auffallend dabei ist stets, dass Schriftgläubige nur bestimmte Stellen zitieren - was ich natürlich auch kann und in den folgenden Monaten noch häufiger tun werde -, nicht jedoch eine eigene (Ein-)Sicht entwickelt wird. Das nenne ich Papageien-Buddhismus.

Sudhana bekam zunächst von Steingass Zuspruch, da beide offensichtlich einer linksgerichteten Ideologie anhängen (siehe Bourdieu et al.). Dann verstieg er sich zu der Behauptung, Genpos Lehrer Hozumi, der ihm die Lehrberechtigung und Dharma-Nachfolge erteilte, sei selbst "Missbrauchsopfer" und "Missbraucher" zugleich, letzteres, da er nicht erkannt habe, wer seines Vertrauens nicht würdig sei. Weiter oben im gleichen Thread sprach Sudhana schon davon, wie selbstverständlich "verurteilen" sei. Er leistet damit also auch nur dem Gedanken Vorschub, dass der Lehrer übersinnliche Fähigkeiten haben solle, um auch die Zukunft eines Schülers vorhersagen zu können (was sich schon allein mit der buddhistischen Lehre der Unbeständigkeit beißt). Ferner pflegt er einen einseitigen Blick auf die Angelegenheit, da er nicht buddhistisch stringent zu dem Vorfall berichtet, sondern eine Ideologie darüberlegt. Sudhana hat immer wieder den Dreiklang von sila, samadhi und prajna betont und müsste nun eigentlich erklären, inwiefern die sila verletzt wurden, wenn Genpo sogar davon ausging (Absicht), Gutes zu tun.

Erinnern wir uns hingegen daran, was ich forderte: Dass Hozumi den Genpo nicht fallen lassen und ggf. mit ihm im Gefängnis (Zazen) sitzen - und ich ergänze: vielleicht sogar die "Opfer" besuchen - solle. Der feine Unterschied hier zeigt die große Kluft des Verständnisses von Ethik auf, wie sie Tenzin und Sudhana offenbar bestenfalls theoretisch klar ist. Im einen Fall wird Ethik mit Forderungen nach "Verurteilen" und Erklärungen zum "Vertrauensmissbrauch" gelebt, im anderen Fall mit Loyalität, Verantwortung und Zuwendung beantwortet. Im einen Fall ist immer noch nicht erkannt, dass die Dharma-Nachfolge sich nicht an der Sexualität eines Menschen ausrichtet (wer hätte je gehört: Mönch Zingzang wurde das inka shomei verweigert, weil er zu viel wichste, oder: Mönch Linglung wurde das shiho nicht gegeben, weil er zu Huren ging?). Im anderen Fall ist erkannt, dass der Zen-"Meister" fehlbar sein MUSS; es ist kein Wunder, dass sich Sudhana oft echauffierte, wenn diese Fehlbarkeit hier bei einigen Lehrern, die seiner Linie irgendwie verbunden sind, aufgezeigt wurde. Diese Uneinsichtigkeit beruht auf dem Denkfehler, dass sila gleichrangig mit Erwachen oder Weisheit seien oder gar die Voraussetzung dafür. Tatsächlich zeigt sich, wie Tenzin immerhin zu ahnen scheint, nach dem Erwachen, ob sich die sila oder Bodhisattva-Gelübde immer wieder verwirklichen lassen, denn die Tatsache der Unbeständigkeit des Lebens hat sich nicht mit dem Erwachen erledigt. Nichts anderes hat auch Dôgen Zenji gelehrt, denn die fortdauernde Übung bedeutet gleichzeitig die Möglichkeit des fortdauernden "Scheiterns". Es ist also keinesfalls so - wie Tenzin missversteht -, dass moralisches Verhalten kein Thema mehr nach dem Erwachen ist, sondern dass es höheren Ansprüchen zu genügen hat (als den recht billigen, die mit den sila für Laien einhergehen).

Auch der Buddha Shakyamuni predigte diese Dinge erst NACH seinem Erwachen und wurde nicht vorher daran gemessen. Die sila kamen erst danach. Im Zen findet sich (etwa bei Sekkei Harada) die Anekdote, dass er zunächst das Kegonsutra gepredigt habe und dieses wegen seiner Komplexität zu unverständlich war, weshalb man ihn bat, es ein paar Level einfacher zu sagen. Auf diesen vereinfachten Level befindet sich etwa die Lehre vom Achtfachen Pfad, weshalb es auch im Shrimala-Sutra heißt, nur die dritte Edle Wahrheit - nämlich die Aufhebung des Leidens - sei entscheidend (denn dieses geschieht im Erwachen). Während jegliche Pfaderklärung ein Zugeständnis an die mangelnde Auffassungsgabe von Unerwachten ist, könnte ein tatsächlich Erwachter also auch einen davon abweichenden Pfad predigen (der achtfache Pfad ist eben nur die persönliche Erklärung Shakyamunis). Solange man ein Schriftgelehrter ist, wird das freilich nicht einleuchten.

Dank all diesem Dünnpfiff, all diesen Ideologien und einer immer wieder aus dem Verhalten in Diskussionen triefenden moralischen Verkommenheit oder Dummheit, die meist noch schamlos mit dem Anspruch ethischer Deutungshoheit einhergeht, habe ich übrigens kürzlich auf einer Mailingliste die Frage nach dem "Meister"(-Status) so beantwortet: Abschaffen! Wer diesen Blog über Jahre verfolgt hat, war davon wohl nicht überrascht.

[Nachtrag vom 03.07.] Tenzin Peljor hat nun das von mir kritisierte Dalai Lama-Zitat durch ein anderes ersetzt, das von noch größerem Aberglauben zeugt. Auszug: "(...) es gibt dabei [bei der Vereinigung des männlichen und weiblichen Geschlechtsorgans] keine Gier, keine Ausscheidungen und keinen Orgasmus. Vielmehr ist es eine Methode, Gier zu überwinden. In der Vergangenheit musste ein Praktizierender in Tibet in der Lage sein, übernatürliche Fähigkeiten zu demonstrieren, etwa durch die Luft fliegen, um sich für solche Praktiken zu qualifizieren. Wenn er das nicht tun konnte, wurde es ihm nicht erlaubt, diese Techniken zu nutzen. Gegenwärtig gibt es wenige tibetische Meister, die sich auf dieser Ebene befinden. Dilgo Khentse Rinpoche, den ich respektiere, machte die Anmerkung, dass es heute einige wenige realisierte Praktizierende gebe, die so etwas ausüben könnten. Ich weiß, dass einige Meditierende in den Bergen, die sich strikt an den Vinaya halten, eine außerordentliche Verwirklichung erreicht haben."

Hierzu ist klipp und klar Folgendes zu sagen:

1) Eine Erektion ohne Zusammenhang mit Gier ist zwar möglich (man denke etwa an die Morgenlatte oder an Spontanerektionen, die auf Askese folgen); dann handelt es sich freilich nicht um eine "Methode, Gier zu überwinden", sondern diese wäre bereits überwunden, sobald die Voraussetzungen für das Eindringen da sind. Jedoch ist sich die Sexualwissenschaft einig, dass sowohl "Ausfluss" natürlich und vonnöten ist (man stelle sich z.B. die Schmerzen einer Frau vor, die beim Eindringen trocken ist), als auch, dass fehlender Orgasmus beim Sex auf die Dauer zu Depressionen und Neurosen führen dürfte.

2) Es gibt keine "übernatürliche Fähigkeit", durch die Luft zu fliegen. Ergo gibt es schon allein aus diesem Grund keinen einzigen Tibeter (oder sonstwen), der dieses Tantra beherrscht oder je beherrschen wird. Damit hat der Dalai Lama dieses Tantra selbst ad absurdum geführt.

3) Meditierende in den Bergen können sich nicht "strikt an den Vinaya halten", da dieser eine Mönchsgemeinschaft erfordert und nicht die Klausur.

Das ist einer der Gründe, warum ich selbst den Dalai Lama auf die Liste nicht-empfehlenswerter Lehrer nahm.

+++

[* Warnung: Diejenigen Leser aus dem "Buddhaland", die nur Bild-Zeitungsniveau gewohnt sind und entsprechende Erwartungen haben, werden an den langen Sätzen und der Logik hier scheitern und riskieren heftige Kopfschmerzen und emotionale Unruhe!]

[** Der größte Moderatoren-Trottel ist und bleibt "kilaya", der immer noch glaubt, er könne jemanden "lebenslang sperren", obwohl ihm schon mehrfach vorgeführt wurde, dass dies in einem Forum Anonymer nicht möglich ist - auch mit einer IP-Sperre nicht, die ja immer nur schon bekannte IPs berücksichtigen kann. Seine Allmachtsphantasien spielt der feige Zensurhansel nun auch im "Anfängerbereich" aus: Analog zum Forum für tibetischen Buddhismus will er per Regeländerung jede kräftige Warnung vor den von ihm verehrten Scheinheiligen (etwas Ole Nydahl) im Keim ersticken; dass er sich selbst dabei nicht an die Regeln gebunden fühlt, hatte ich anderswo schon aufgezeigt.]


[Wednesday Campanella: Ikkyu-san.]  
Auszug aus den Lyrics: 
kittokatto kui otera no beddo de have a ikkyuu - Iss 'n Kit-Kat, gönn dir ne kleine Pause auf'm ... Mönchsbett.

Samstag, 3. Juni 2017

Buddhisten und Sex-Skandale

“Nicht von einem Moralkodex behindert zu sein und das große Ereignis der Gegenwart zu leben, ohne sich auf vorgefertigte Regeln zu verlassen -
dies können wir als Lebensmut bezeichnen." 
(Watanabe Koho, 1942-2016, einer der Dharma-Erben von Kosho Uchiyama Roshi)

Eben wird mal wieder ein bisschen auf den Schwesterseiten der Deutschen Buddhistischen Union diskutiert, bei "Buddhismus Aktuell", und zwar über den Fall Genpo und über ein Feature vom Deutschlandfunk zum Missbrauch durch Lehrer bzw. "Meister". Vor Kurzem hatte ich den Gedanken (als ein Verfahren gegen TTS eingestellt wurde), dass man diese Diskussion auf keinen Fall Berobten überlassen kann. Das führt zu nichts, weder zu gescheitem Entroben von Missetätern noch zu Verurteilungen. Und weil mir klar ist, dass einige sich fragen, warum ich Genpo Döring vorauseilend in Schutz nehme oder seine Gemeinschaft auffordere, ihn nicht fallen zu lassen, wo ich auf Thay (Thich Thien Son) kaum Gutes kommen ließ, will ich die Gelegenheit nutzen, nochmal einiges grundlegend aufzuzeigen.

1) Das Problem der Hierarchie im Lehrer-Schüler-Gefüge

Wenn Erwachsene sich einem Zenlehrer - welchen Geschlechts und welcher sexuellen Neigung auch immer - so anvertrauen, dass sie von diesem sexuell ausgenutzt werden können, sind sie auch immer selbst "schuld", also mit verantwortlich. Dieser Aspekt fällt bei der Betrachtung insbesondere der Archive zu Eido Shimano und Joshu Sasaki (in diesem Blog weidlich diskutiert) zwar auf, wird aber aus Sicht der Berobten gern vernachlässigt, weil sie in der Regel die gleiche Schwäche wie die "Missbrauchten" haben, nämlich sich freiwillig in hierarchische Gefälle und eine gewisse Lehrer-Hörigkeit begeben haben. Wir werden noch sehen, was dies z.B. im Falle Tenzin Peljors bedeutet, der im Feature zu Wort kommt und einen Blog zu buddhistischen Sekten und Missbrauch betreibt.

Ein weiterer Rädelsführer der Anklagen, insbesondere gegen Shimano und Sasaki (wobei er sich als Trittbrettfahrer an die laufenden Diskussionen hing) ist Christopher Hamacher, der in den Mittelpunkt seiner Überlegungen die Frage stellt, ob wir uns Zen-Meister zum Vorbild nehmen sollten. Offensichtlich ist es Hamacher nicht möglich, einen Menschen nur auf einem Gebiet zum Vorbild zu nehmen, von dem er möglicherweise etwas versteht (z. B. der Meditation oder dem Buddhismus), so wie es andere machen, die etwa bei einem Schlossermeister in die Lehre gehen, ohne sich für dessen Sexualleben zu interessieren oder dies kopieren zu wollen. Die Unterstellung von Hamacher, einen Zen-Meister komplett, also mit allen normalerweise zu erwartenden Defiziten, zum Vorbild nehmen zu wollen, ist schon ziemlich seltsam. Fragen wir uns zunächst, woher dieser Irrtum rühren könnte.

2) Das Missverständnis moralischer Perfektion bzw. der sila (Regeln)

Immer wieder betonen Vertreter insbesondere der weit verbreiteten Soto-Schule den Gleichklang von sila, prajna und samadhi. Tatsächlich ist dies ein Missverständnis der Lehre Dogens, der das Zazen mit der Verwirklichung des Buddha-Daseins gleichsetzte und vermeiden wollte, dass Schüler auf ein Ziel hin meditieren. Jeder, der sitzt, weiß jedoch, dass sich selbst in Versenkung und Konzentration (samadhi) nicht automatisch Weisheit einstellt, und auch kein Einhalten von Regeln. Zyniker könnten behaupten, wer Zazen macht, könne nicht "sündigen", doch die eigentliche Lebenskunst besteht ja im Vermeiden von den in den sila genannten Vergehen, also dem Töten, Stehlen, Ehebrechen, Lügen und Sichberauschen. Diese Ideen sind beinahe so allgemeingültig, dass sie kein spezifisches Zen- oder buddhistisches Kriterium darstellen können, und sie "erweisen" sich nicht im Nichtstun (außer in der Abwesenheit von Gedanken), sondern dann, wenn man nicht mehr in Zazen sitzt. Erst so lässt sich Weisheit anwenden oder überprüfen. Man gelangt zur ethischen Reife und zur Weisheit also auf einem Weg von A nach B. Nur zur Verwirklichung der Buddha-Natur gelangt man allein durchs Zazen, nach der Vorstellung Dôgens. Auch im Dôgenschen Universum ist also ein Gleichklang dieser drei Charakteristika unmöglich. Tatsächlich, darauf wies ich in diesem Blog jahrelang immer wieder auch mit Zitaten aus der Tradition hin, ist das wichtigste die Weisheit, denn nur aus ihr folgt die ethische reife Tat. Man kann mit anderen Worten immer wieder feststellen, dass unreife oder unweise Menschen auch sehr seltsame Ansichten zur Moral äußern. Würde man weise, indem man nicht tötet, nicht stiehlt usw., wäre die Welt in weiten Teilen paradiesisch. Stattdessen lehrt einen die Weisheit erst, wann Regeln einzuhalten sind und wann besser nicht (wer diesen Punkt nicht begriffen hat, ist als Zenlehrer untauglich). Versenkung ist eine Technik oder gar Daseinsweise, die zu Weisheit führt, auch wenn jemand noch nie etwas von sila gehört hat. Die Versenkung und Weisheit zu verfeinern ist tatsächlich ein schwieriger lebenslanger Prozess, die sila einzuhalten eine geradezu läppische Übung, die jeden Tag Millionen von Menschen ganz von selbst bestehen. 

Im Falle von Mönchen wie Tenzin und wohl auch Hamacher wird dann schnell der Bogen überspannt. Hamacher unterscheidet z.B. nicht mehr die einzelnen Taten von Shimano oder Sasaki nach buddhistischen sila, die lediglich den Ehebruch (oder Sex mit Strafgefangenen, Nonnen und noch in der Obhut der Eltern stehender Mädchen) im Wortlaut untersagen. Wie bei allen anderen Regeln wird dann, wenn man die erläuternden Stellen des Palikanon vernachlässigt (z.B. nur noch "sexuelles Fehlverhalten" untersagt) ein so großer Bedeutungsspielraum aufgemacht, dass man sich unter Buddhisten nicht mehr einigen wird, was denn eigentlich gemeint ist oder vielmehr: war. Die Grundlagen der ethischen Diskussion sind also schwammig. Der Buddha hat in den Regeln für Laien (die Zenmeister oft sind, da sie nicht nach dem Vinaya ordinieren) weder Hurerei noch das eigene Fremdgehen ausgeschlossen, sondern das Zersören anderer Ehen. Nicht einmal Kinderehen hat er untersagt, denn sobald Eltern ihre Mädchen aus der Obhut gaben, waren sie auch sexuell verfügbar. In seinem früheren Leben soll der Shakyamuni ja selbst der Vielweiberei gefrönt haben, was offensichtlich seine Erleuchtung nicht verhindern konnte. Da er in seinem Prinzen-Vorleben sogar unzählige Konkubinen gehabt haben soll, könnte sein Wunsch nach totaler sexueller Enthaltsamkeit von Mönchen einer früheren Sexsucht geschuldet gewesen sein, der er nur so Herr zu werden meinte.

Im Einzelfall kann man also bei der Betrachtung von Zenmeistern, die mit ihren Schülerinnen Sex hatten, oft gar nicht von einem Verstoß gegen die sila sprechen. Wer so weit mitgehen kann, bemüht alternativ gern Bodhisattva-Gelübde und verweist auf den Gleichmut, Mitempfinden und andere Tugenden, die dann jedoch so theoretisch und weltfremd verstanden werden, wie man es eigentlich nur Theravadin zutrauen würde. Im Grunde verlangt man einen Übermenschen und müsste sich dabei selbst an die Nase fassen. Nicht einmal, ob Verhältnisse mit Schülerinnen per se untersagt werden sollten, ist ausgemacht, ein bekannter US-Lehrer hielt dies für unrealistisch und machte gleich selbst vor, wie es geht, indem er eine Beziehung mit einer Schülerin einging. Den Ehebrechern könnte man die sila vorhalten, doch die Gesellschaft drumherum kennt dafür meist keine Strafen mehr. Auf welcher vormodernen Basis wird hier also Ethik verhandelt? Als ich noch Christ war, stellte man manchmal die Frage, was Jesus wohl heute täte. Ich denke, ein Shakyamuni würde heute ein paar ganz anderslautende Spielregeln hinterlassen. Da aber viele Buddhisten Schriftgläubige sind, haben sie kein offenes Ohr für solche Gedanken. Sie begreifen nicht, dass ihr Referenzrahmen aus einer bestimmten Zeit stammt und nur historisch-kritisch angemessen gewürdigt werden kann.

Es ist natürlich richtig, die Illusionen deutlich zu machen, die Menschen in die Fänge von manipulativen Lehrern treiben, die ihnen womöglich erzählen, ihre sexuelle Ausbeutung gehöre zu ihrem Erleuchtungsweg. Was ich mich dabei zuerst frage ist jedoch, was für ein Typ Mensch denn um Himmels willen mit Frauen, die so etwas sich einreden lassen, überhaupt Sex will. Von welchem Ausmaß an Dummheit oder Naivität von Erwachsenen sprechen wir hier also? Möglicherweise reden wir, um es deutlich zu sagen, von einer gehörigen Zahl von Menschen, die insgeheim und von vornherein aus sexuellem Interesse Meister aufsucht. Und das sollte nicht sein, einen Meister suche man auf, um was über Zen und Buddhismus zu lernen. Wenn er seine Kompetenzen überschreitet, dann ziehe man weiter.

Im Großen und Ganzen wird Sex zwischen Lehrern und Schülern von denen für okay gehalten, die Sekten angehören, welche genau dafür bekannt sind. In der DBU ist da federführend die Sekte um Ole Nydahl, und wenn ihr Vorsitzender dieser nahe steht, wird er sich entsprechend äußern. Ich stehe zwar im Zen durchaus Shimanos und Sasakis Einsichten nahe, halte ihre sexuellen Übergriffe, so weit sie glaubhaft dargestellt wurden (was nur für wenige gilt) jedoch für kritikwürdig. Ich plädiere deshalb dafür, dass sexuelle Beziehungen erst nach Auflösen einer solchen Lehrer-Schüler-Beziehung im Zen geschehen sollten. Allerdings darf man sich hier keiner Illusion hingeben. Wenn ich "erwacht" bin oder das von mir glaube, würde auch die Beziehung einer Frau, die einen anderen "Meister" als mich hätte, zu mir als Privatperson nicht die gleiche sein wie zu einem Unreifen oder Unerwachten. Und wenn die Frau spirituell nicht so weit ist wie man selbst, wird das Gefälle in der Beziehung weiterhin bestehen, wie es außerhalb buddhistischer Kreise ebenso der Fall sein kann. Es ist nicht möglich, dass ein Erwachter einem Unerwachten auf der gleichen Stufe begegnet, der Erwachte kann sich lediglich zurücknehmen. Frauen, die geistig-geistliche Defizite haben, werden also auch außerhalb des Zendo aus der Beziehung zu einem tatsächlich Erwachten mehr für sich gewinnen als aus Beziehungen zu Otto Normalverbrauchern. Wenn man also nicht nur aus Sexualneid die Übergriffe von Lehrern in Zendos kritisiert, sondern weil sie in diesem speziellen Kontext das spirituelle Reifen von Schüler(inne)n behindern können, dann soll man sich zugleich klarmachen, dass das nicht per se für sexuelle Beziehungen gelten kann. Man kann, wenn man erlebt hat, welchen Einfluss sexuelle Beziehungen auf das Leben anderer nehmen können, einfach nicht denen die Deutungshoheit über sila oder kai überlassen, die mit ihrer Sexualität nicht im Reinen sind, sie unterdrücken oder nur noch sublimieren wollen (wie Abstinente, Zölibatäre, Ordensanghörige usw.). Es gibt eben doch einen Zustand spiritueller Reife, der frei von Regeln am Leben teilhat, aber auf das Ausnutzen von hierarchischem Lehrerstatus verzichtet. Solch einen Zustand kann man nur kennen, wenn man ihn lebt, und dann weiß man auch um die sehr wahrscheinlichen Nöte von Shimano und Sasaki einerseits, aber auch von Tenzin und Hamacher andererseits, die diese im anderen Extrem einer überhöhten Vorstellung von Amoralität nur spiegeln. Frei scheinen mir weder die einen noch die anderen zu sein, und deshalb sind beide Seiten weder gute Vorbilder noch gute Ratgeber in Sachen Sexualität.

3) Krude Ansichten zur Sexualität

Interessanterweise hat Tenzin Peljor dann auch Zitate aus der Tradition parat, die genau den Unsinn beschreiben, den man nicht fördern sollte ("den unzerstörbaren Tropfen im Herzchakra meistern"), weil er nicht nur die selbsternannten tantrischen Meister hervorbringt, sondern Illusionen. Es gibt ganz andere Arten, mit der eigenen Sexualität klarzukommen, als sich in solche Hirngespinste zu steigern. Was aus mönchischer Tradition entstand, kann hier einfach nicht maßgeblich sein. Und es ist umso hilfloser, dann den Dalai Lama zu zitieren, der meint, nur wer ohne Regung Urin und Kot zu sich nehmen könne, der hätte "vielleicht" diese tantrischen Techniken gemeistert. Kot zu fressen ist einfach dumm, und dennoch würde ich es tun, nur um die Hoffnung des Dalai Lama zu zerstören, dass sich keiner fände, der diesen tibetischen Liebesquatsch widerlegt. 

4) Der Zen-Meister als Vorbild

Die Sehnsucht mancher Erwachsener nach Vorbildern dürfte damit zu tun haben, dass sie in ihrer Kindheit keine kannten, also z.B. die Eltern nicht dafür taugten. Wie auch immer, ein Zen-Meister hat m.E. ein Vorbild an verwirklichter Befreiung zu sein. Welcher Befreiung? Der Befreiung von zwanghaftem und zwangsläufigem Denken (und Handeln). 

Der Zen-Meister heißt so, weil er ein Meditations- und Versenkungsmeister sein sollte. Der Weg zur Befreiung erfolgt durch die Einübung des Loslassens gewohnter Denk- und Verhaltensmuster, meist in der Form von Sitzmeditation oder konzentrierten Kunst- und Bewegungsformen. Sonst hieße es ja sila- oder Gebote-Meister. Wenn ich wie unter 1) darauf bestehe, dass ein moralisches Verhalten nach den Laiengelübden zum menschlichen Allgemeingut gehört und keiner besonderen Konzentration oder Übung bedürfen sollte (wer von uns hat schon ständig Probleme mit Töten, Stehlen, Ehebrechen usw.?), dann heißt dies nicht, dass ein von Zwängen befreiter, auf die Gegenwart konzentrierter, sensitiver, sorgloser und offener Geist amoralisch wäre. Vielmehr erkennt ein solcher Geist die feinen Abhängigkeiten, in denen er noch verstrickt ist, ohne sich etwas vorzumachen (die Zigarette, den Alkohol, die Spiel- oder Sexsucht usw.). Der befreite Zen-Meister ist also kein moralischer Saubermann, sondern einer, der sich angesichts seiner Schwächen und Mängel nichts mehr vormacht, auch keine ständigen Gewissensbisse und Reueschwüre. Es ist natürlich okay, sich einen Meister zu wünschen, der es möglichst weit in Sachen "Freiheit" gebracht hat (also z.B. von den Süchten lassen kann). Es gibt eben kleinere und größere Meister im Zen, so wie es Rensing und Neuer im Fußball gibt. Der ideale Meister hilft einem Schüler auf dem Weg dahin, und er öffnet ihm auch die Augen für die Schwächen des Meisters selbst. Und genau deshalb könnte man ihn ggf. aufsuchen, vielleicht eine Weile mit ihm zusammenleben, oder ihn auch nur lesen oder hören. Der Zen-Meister heißt nicht Sex-Meister, weil das nicht sein Fachgebiet ist, und darum sollte man lernen, "Stopp" zu sagen, wenn sich der Meister auf Gebiete begibt, für die er nicht zuständig ist. Sex ist Privatsache, und wenn man Sex mit einem Zenmeister will, sollte man eine private Beziehung zu ihm suchen, nicht die professionelle, die ein Lehrer-Schüler-Verhältnis erfordert.

In diesem Sinne mache ich dann auch den Unterschied zwischen Genpo Döring und TTS. Es gab (und gibt) sicher Gründe, sich manchen Zen-Lehrern zu nähern, um von ihnen etwas über Zen zu erfahren. Mein Eindruck war, dass dies für Genpo Döring gelten könnte, für Thay (Thich Thien Son) sicher nicht. Es gilt auch für das überschaubare Werk von Joshu Sasaki und das noch lebende in Form von Eido Shimano, es gilt meines Erachtens nicht für das von Genpo Merzel und Richard Baker. Es macht einfach keinen Sinn, brauchbare Zenlehren zu meiden, weil ihre Lehrer sich sexuell nicht im Griff haben, man sollte einen Weg suchen, das eine zu bekommen, ohne das andere zu erleiden. Im Falle der Lehrer, die nicht genug auf der Pfanne haben, erübrigt sich die Beschäftigung mit ihnen sowieso schnell. Das gilt aber auch für die ganz braven und skandalfreien Edelmänner des Buddhismus, die bloß den Dünnpfiff pflegen. Was man als solchen empfindet, bleibt zwar teils Geschmackssache, doch kann man einen Weg gehen, der einen selbst zumindest geschmackssicherer macht.

[Nachtrag: Genpos im folgenden Artikel genannte Geständnisse bestätigen meine Ansicht. 
Genpo geht, im Gegensatz zu einem anderen oben Genannten, nicht über "Los" ...]