Dienstag, 27. September 2016

Thay (Thich Thien Son) und die kleinen Jungs

"Mai Hue Giang Tran (Thich Thien Son) hat am 15. und 16.Novemher 2013 vor 5 Mönchen und 3 Nonnen zugegeben, dass er den 12jährigen Hue K. missbrauchte. Es gibt eine Audioaufzeichnung des Treffens, die der Frankfurter Staatsanwaltschaft vorliegt. Ebenso besitzt die Frankfurter Staatsanwaltschaft mindestens eine eidesstattliche Versicherung eines Teilnehmers dieses Treffens, die u.a. aussagt:

… Dabei gestand er vor uns allen, dass er den damals ca. 12-jährigen […] manipulativ zu sexuellen Handlungen verführt habe, was dieser bestätigte.

Es handelt sich klar um Machtmissbrauch gegenüber Untergebenen, da er damals einigen jungen, unerfahrenen Mönchen erklärt habe, solche sexuelle Handlungen gehörten zur (geheimen) Mönchsausbildung, um diese »Kräfte« kennenzulernen und zu überwinden. ..."

Nun also hat Tenzin Peljor, von dessen Blog "Buddhistische Sekten" ich das zitiere, offenbar die Schnauze voll und meint endlich, er müsse auch gegenüber der Öffentlichkeit entscheidende Details benennen. Tenzin vermutet, die Frankfurter Staatsanwaltschaft könne sich - ähnlich wie einst die Darmstädter bei den gerade viel diskutierten Missbrauchsfällen an einer Schule - vielleicht von "Thay" und seinen Anwälten täuschen lassen. 
   Da möchte ich Tenzin mal einen anderen Gedanken nahelegen. Die Frankfurter StA ist dafür bekannt, bei Missbrauchsdelikten an Kindern schnell mit dem Verdacht organisierter Kriminalität von Pädophilen zur Hand zu sein. In diesem Fall hieße das allerdings, dass man "in den eigenen Kreisen" ermitteln müsste, denn dass Kinder in die Obhut von Thich Thien Son (TTS) und seinem "Tempel" gelangten, geschah ja mit Segen des Jugendamtes und der Stadt Frankfurt. Wenn ich so dächte, wie es offenbar viele Staatsanwälte tun, dann würde sich dieses filmreife Szenarium mit folgender Frage ergeben:

Wer hatte noch alles Sex mit den minderjährigen Jungs (Politiker, Sozialarbeiter, Justizangestellte usw.), an wen wurden die Jungs (Kinder) "durchgereicht"?

Ich denke aber nicht so. Ich will weder mit den Spießern verwechselt werden, die damals vehement im Forum der DBU und anderswo aufbegehrten, als ich den Verdacht nahelegte, es ginge TTS nicht nur um heranwachsende junge Männer. So etwas nennt man Profiling, Indizien sammeln, Instinkt, Erfahrung. Nicht umsonst habe ich mich damals vor Ort begeben und mir selbst angesehen, welche Blicke und Gesten da so ausgetauscht werden, und mit dem Satz kommentiert: "Da stimmt was nicht." 

Hue Bao, wo bist Du? Es ist Zeit für Dich, zu sprechen. Kannst Du diese Verantwortung übernehmen?

Wir haben es hier also entweder mit einem ganz ausgewaschenen Skandal organisierten Missbrauchs zu tun, an dem solche beteiligt sind, die ihn absegneten oder nun Strafverfahren vereiteln. Das würde jedenfalls eine andere Staatsanwaltschaft in Erwägung ziehen. Oder mit Korruption.

Ich jedoch halte Unfähigkeit für eine ebenso plausible Erklärung. Ich weiß noch, wie ich einmal selbst auf dem Polizeipräsidium antanzen durfte, weil ich mir japanische Softporno-Magazine bestellt hatte, in denen alle Geschlechtsteile mit schwarzen Balken übermalt waren, und den zuständigen Kommissar fragte, was daran erregend sein solle. Der rief daraufhin den zuständigen Staatsanwalt an, und der kommentierte meine Frage mit dem Satz, ich wüsste wohl genau, was Pornografie sei und was nicht. Schließlich bekam ich tatsächlich ein Schreiben, in dem dieser Staatsanwalt bejahte, zensierte Magazine - die damals in japanischen Buchhandlungen frei verkauft wurden - könnten erregen, und im Postversand könne schließlich ein Minderjähriger an sie gelangen. Mit dieser reichlich dummen Begründung (so könnte man auch den Versand von Hämmern verbieten, weil jemand damit einen Mord begehen könnte), kam es dann zu einem Verfahren, das ich für mich entschied. Allerdings hatte inzwischen jemand meine Magazine aus der Asservatenkammer entwendet, und ich habe bis heute keinerlei Entschädigung dafür erhalten. Meine Randbemerkung dazu war: "Wenn ihr Pornomagazine braucht, besorgt sie euch gefälligst selbst!"

Diese Anekdote dürfte Telzin kaum schockieren, eher amüsieren, da man von mir in dieser Hinsicht ja gewohnt ist, dass ich auf einigen Freiheiten beharre. Was mich von Anfang an an dieser Geheimnistuerei der Ordinierten störte, die ja nur aufgriffen, was andere angestoßen hatten, ist die Befürchtung, dass sich dahinter eine ganz andere spießige Geisteshaltung offenbaren wird, mit der ich ebenfalls nichts zu tun haben will. Ja, ich habe TTS hier in über einem halben Dutzend Beiträge an den Pranger gestellt, aber in ein paar weniger hätte ich das schon allein wegen seines seichten Dharma-Geschwätzes und seiner Unkenntnis des Zen getan. Was ich sehen möchte, ist sehr wohl - und das dürfte ich mit Tenzin gemein haben - ein ordentliches Strafverfahren, in dem die Beteiligten zu Wort kommen. Was ich vermeiden will, ist eine Dämonisierung, wie sie kürzlich die Doku "Der pädophile Patient" auf ARTE unterschwellig nahelegte und wie sie leider verbreiteten Ansichten entgegenkommt (ich will damit TTS nicht als pädophil bezeichnen, da er ja nicht auf Kinder fixiert zu sein scheint). Dabei wird prinzipiell nicht mehr gefragt, welche Lösungen es außer Wegsperren, Geldstrafen, Abstinenztherapien usw. noch geben könnte. Selbst Akademiker, die sich in ihrer einseitigen Ideologie des asexuellen Kindes (das es nicht gibt) verfangen, hofieren nur das Dogma, nach dem etwas nicht sein darf, was die Toleranz der meisten Menschen überfordert. 

Ich finde es ätzend, wenn jemand sich in Robe ein Image aufbaut, das ihm dazu verhelfen soll, vornehmlich materielle und sexuelle Gelüste zu befriedigen. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die ausschließlich auf Kinder fixiert sind und diese Ansicht teilen: Sie verachten all jene, die dem gängigen Klischee des Manipulators entsprechen, der das Machtgefälle zum Kind hin ausnutzt, es verwirrt und ihm schadet. Sie wissen, dass jeder TTS die Chancen verringert, dass man sie differenziert wahrnimmt und sich Gedanken darüber macht, ob nicht wenigstens in einem gewissen Alter (einer gewissen Entwicklungsstufe) bestimmte sexuelle Annäherungen möglich sein könnten, die frei von jedem Zwang, von Manipulation, von Heuchelei und krudem religiösem Gewäsch die Integrität aller Beteiligten bewahren wollen. Wir sind weit davon entfernt, und ich fürchte, dass TTS, die bisher recht verschwiegene Sangha und jene auf einem Auge blinden Akademiker der ARTE-Doku letztlich allesamt nicht viel dagegen tun, dass schon die nächsten Gestalten irgendwo ihr Gutmenschen-Image aufbauen, sei es als Pädagogen, als buddhistische Lehrer, als Trainer, oder in anderen halbwegs angesehen Berufen, um dann von oben herab ihre eigenen sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Um dies zu verhindern, muss man auch über die Sexualität von Kindern sprechen, und man muss sich ehrlicher fragen, was machbar ist und was nicht, und wie man das ggf. Mögliche in den Bereich des Tolerablen und offen Gelebten hinüberbringt. Eine solche Kultur würde auch heimliche Übergriffe in Schulen und Klöstern erschweren.

Es lohnt sich jedenfalls, Tenzins letzten Beitrag zu lesen. Als Zeugen von "exzellenter Reputation" bezeichnet er z. B. Ajahn Brahm, der von einem betroffenen Jungen ebenfalls eingeweiht worden war. Im Gegensatz zu TTS wurde Ajahn Brahm jedoch von seiner thailändischen Sangha einst wegen eines viel geringeren Vergehens (seiner Nonnenordination, die es bereits anderswo gab und die er sich hätte ersparen können) ausgeschlossen, während TTS-Thay von seiner Vietnamesensangha (vor allem dem Abt der Pagode in Hannover und ein paar verkappten Kommunisten) von all den bei Tenzin aufgelisteten parajika-Vergehen, die zum Ordensausschluss führen, "freigesprochen" wurde. Auf Ajahn Brahm als Zeugen würde ich jedenfalls keinen Pfifferling geben, denn der wusste also bereits 2010 von den sexuellen Übergriffen, hat aber gerne noch 2012 ein Retreat in "Buddhas Weg", einem Ableger von Thays Pagode Phat Hue, abgehalten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt ...


[Dichterpriester Saigyô mit zwei Jungen, 1820]

Mittwoch, 21. September 2016

Zitate aus der TV-Serie Kung Fu (II)

   Meister Po: Sei du selbst und fürchte dich nicht, in den Augen anderer nackt dazustehen. Wisse aber, dass andere sich oft so verkleiden, dass sie Einfaches nicht verstehen können. Der Staub der Wahrheit wirbelt umher und sucht sich seine eigenen Ritzen zum Eindringen. Ein Baum, der im Wald fällt, macht kein Geräusch, wenn man keine Ohren hat zu hören. Und doch fällt er.

***

   Meister Khan: Wenn ein Zimmermann beim Hausbau einen Nagel einschlägt und er sich verbiegt, verliert der Zimmermann dann das Vertrauen in alle Nägel und hört auf, Häuser zu bauen?

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   Meister Po: Zur Vollkommenheit muss ein Mensch Mitempfinden und Weisheit gleichermaßen entwickeln.

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    Meister Khan: Ignoriere die beleidigende Zunge. Ducke dich vor dem provozierenden Schlag. Renne vor dem Angriff der Starken weg. Das Wildschwein rennt vor dem Tiger davon, da es weiß, dass jedes Wesen, das von der Natur mit tödlicher Stärke versehen wurde, das andere töten könnte. So rettet es durch Wegrennen sein eigenes Leben und das des Tigers. Das ist keine Feigheit. Es ist die Liebe zum Leben.

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   Meister Khan: Wir haben dich unterrichtet, junger Mann, weil du bereits wusstest.

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    Meister Khan: Schau dir die Welt an, in der du lebst, und diesen Fischteich. Da sind zwölf Fische, zwölf Welten.
   Der junge Caine: Aber nur ein Teich.
   Meister Khan: Viele. Der eine, den du siehst, der, den ich sehe, und die Welt jedes einzelnen Fisches. Sieh dich selbst nicht als Zentrum des Universums.

***

   Meister Po: Wo ist das Böse: In der Ratte, deren Natur es ist, Reis zu stehlen? Oder in der Katze, deren Natur es ist, die Ratte zu töten?
   Caine: Die Ratte stiehlt. Aber für sie ist die Katze das Böse.
   Meister Po: Und für die Katze ist es die Ratte.
   Caine: Meister, einer von beiden muss doch böse sein.
   Meister Po: Die Ratte stiehlt nicht, die Katze tötet nicht. Regen fällt, der Fluss fließt, ein Berg verweilt. Alles handelt nach seiner Natur.
   Caine: Dann gibt es also nichts Böses für Menschen? Kann jeder sich sagen, was er tue, sei gut, zumindest für ihn selbst?
   Meister Po: Ein Mensch kann sich viel einreden, aber besteht sein Universum denn nur aus ihm selbst?

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   Meister Khan: Wer überzeugend von Frieden sprechen will, darf sich nicht bewaffnen. Wer überzeugend von Frieden sprechen will, darf aber auch nicht schwach sein. Darum machen wir jeden Finger zum Dolch, jeden Arm zum Speer und jede offene Hand zur Axt oder zum Schwert.

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   Meister Po: Grashüpfer, als ich ein Junge war, bin ich einmal in ein tiefes Loch gefallen, habe mir etwas gebrochen und konnte nicht mehr heraus. Ich hätte dort sterben können, aber ein Fremder kam vorbei und rettete mich. Er sagte, es sei seine Pflicht: Für die Hilfe, die er einmal erfahren hatte, müsse er im Gegenzug zehn anderen helfen, die wiederum zehn anderen helfen würden, so dass die guten Taten sich wie die Wellen verbreiten würden, die ein Stein macht, den man in einen Teich wirft. Ich war einer von seinen zehn, und du bist nun einer von meinen geworden. Ich gebe diese Verpflichtung an dich weiter.

***

   Caine: Meister Po, ich habe eine schöne Frau kennengelernt, aber wie weiß ich, ob es wahre Liebe ist?
   Meister Po: Selbst wenn du verliebt bist, kann nichts deinen Weg ändern, denn der steht schon geschrieben. Ist es wahre Liebe, wird sie unbezwingbar sein wie der Wind, der durch die Berge zieht, oder die Sonne, die auf die Pflanzen scheint. Wenn es wahre Liebe ist, werden die Menschen sie schon von Weitem erkennen, und sie wird unantastbar sein. Wahre Liebe ist wie die Natur, niemand kann sie leugnen.


                                               [Tsai Ming Liang "Walker"]

Mittwoch, 14. September 2016

Zitate aus der TV-Serie Kung Fu (I)

Das wollte ich schon lange mal machen: Die besten Zitate aus der alten TV-Serie "Kung Fu" zusammenstellen, mit den Meistern Khan und Po aus dem Shaolin-Kloster, in dem der junge "Grashüpfer" (Caine) das Zen, den Taoismus und das Kung Fu kennenlernte. Als ich klein war, spielte ich das mit zwei Schulkameraden in den Schulhofpausen nach, ich war der Grashüpfer, die anderen meine Lehrer. Ich frage mich, was aus den beiden geworden ist ... Da ich die DVDs nicht zur Hand hatte, musste ich die Originalzitate von Websites selbst übersetzen.

***

   Caine: Meister, unsere Körper haben viele Bedürfnisse: Hunger, Durst, Liebe. Sollen wir versuchen, sie zu befriedigen?
   Meister Khan: Nimm sie einfach zur Kenntnis, und Befriedigung wird folgen. Eine Wahrheit zu unterdrücken bedeutet, ihr unerträgliche Macht zu verleihen.

***

   Meister Khan: Alles Leben ist heilig. So wird auch die Vereinigung von Mann und Frau geachtet. Ohne sie gibt es kein Leben, aber aus solch einer Vereinigung kann Leben entstehen.
   Der kleine Caine: Muss man Leben also immer verteidigen?
   Meister Khan: Der Dorn verteidigt die Rose. Er verletzt nur den, der die Blüte der Pflanze stehlen will.

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   Meister Khan: Begegne Üblem mit Stärke - aber bestärke das Gute im Menschen durch Vertrauen. So sind wir auf das Üble vorbereitet, ermutigen aber das Gute. 
   Der kleine Caine: Ist das Gute unser Lohn fürs Vertrauen?
   Meister Khan: Wenn wir nach einem Ideal streben, suchen wir nicht nach Belohnung. Doch Vertrauen bringt manchmal eine große Belohnung ein, die sogar das Gute übertrifft.
   Der kleine Caine: Was übertrifft denn das Gute?
   Meister Khan: Die Liebe.

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   Meister Po: Vollkommene Weisheit ist ungeplant. Vollkommenes Leben ist keine Garantie für einen friedlichen Tod. Lerne zuerst zu leben. Lerne zweitens, nicht zu töten. Lerne drittens, mit dem Tod zu leben. Lerne viertens zu sterben ... 
   Um Liebe zu verstehen, sei wie der Gebirgsbach, der, obwohl taub, seine Melodie für andere singt. Spür den Schmerz von zu viel Zärtlichkeit. Wache morgens mit beflügeltem Herzen auf und danke für einen weiteren Tag der Liebe.

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   Meister Po: Der nichtunterscheidende Geist ist wie die Wurzel eines Baumes - er nimmt alles in sich auf, was er berührt, sogar das Gift, das ihn töten könnte.

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   Meister Khan: Vielleicht ist die richtige Schlussfolgerung, nicht so einfach zu Schlussfolgerungen zu kommen.

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   Meister Khan: Was hat dir Angst gemacht?
   Der junge Caine: (aus der Meditation kommend) Ich habe die Stille gehört, Meister.
   Meister Khan: Du hast Einssein erlebt. (Er befragt ihn nach der Seidenraupe.)
   Der junge Caine: Die Seidenraupe stirbt, die Motte lebt, und doch sind sie nicht zwei verschiedene Wesen, sondern ein und dasselbe.
   Meister Khan: Mit dem Menschen ist es genauso. Seine falschen Ansichten müssen sterben, damit er die Freude des Weges kennenlernen kann. Was du in der Stille gespürt hast, ist real. Etwas in dir stirbt. Man nennt es: Unwissenheit.

***
  
   Caine: Der Körper ist der Pfeil, der Geist der Bogen. Du musst lernen, die Stärke des Geistes zu nutzen.

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   Meister Po: Wer kann sich selbst gut genug kennen, um für alle zu sprechen? Wer ist so tief in sich verwurzelt, dass er alle hören kann? Der Weise sagt: 'Forme Lehm zu einem Gefäß, baue Türen und Fenster in ein Zimmer ein: Es ist doch die Leere, die die Dinge nützlich macht.' Wir sollten also auf die Leere zwischen uns hören.

***

   Meister Khan: Alle Lebewesen sind eins mit der Natur. Kein Leben ist unbedeutend. Wenn wir bereit zum Lernen sind, können alle uns ihre Tugenden beibringen. Vom Kranich lernen wir Grazie und Selbstbeherrschung. Die Schlange lehrt uns Geschmeidigkeit und rhythmische Ausdauer. Die Gottesanbeterin lehrt uns Schnelligkeit und Geduld. Vom Tiger lernen wir Zähigkeit und Kraft. Und vom Drachen, auf dem Wind zu reiten. Leben erhält Leben, alle Lebewesen brauchen Nahrung. Doch durch Weisheit lernt der Körper, sich auf Wegen zu erhalten, die allen zu leben erlauben.

***

   Meister Khan: Meide, statt zu kontrollieren. Kontrolliere, statt zu verletzen. Verletze, statt zu verstümmeln. Verstümmle, statt zu töten. Denn alles Leben ist wertvoll, keines kann ersetzt werden. 

***

   Caine: Ich suche nicht nach Antworten, ich versuche, die Fragen zu verstehen. 

***
   [Die folgenden Zitate stammen wohl vom Caine aus der neueren Serie "Kung Fu - The Legend Continues", der ich ansonsten nicht viel abgewinnen konnte.]

   Der mutige Kämpfer meidet Gewalt. Der talentierte Soldat meidet Wut. Der große Krieger kämpft nicht wegen Nichtigkeiten.

   Wenn ein Auge aufs Ziel gerichtet ist, hast du nur eines, um nach dem Weg zu suchen.

    Ich kann hinter die Augen sehen. Und das ist manchmal eine bedauerliche Gabe.

   Wenn jemand etwas Übles sieht und nichts dagegen tut, wie kann er sich da noch als Mensch bezeichnen? 

   Wahre Einsicht kann nicht durch spezielles Wissen, durch Sieg oder Niederlage oder durch Dogmen erlangt werden. Sie geschieht nur durch das Erleuchten des eigenen inneren Selbst. Mit anderen Worten: Es ist egal, wer gewinnt und wer verliert.


        
         [Endtitel von Dohee-ya (A Girl at my Door) von July Jung; Music performed by Han Hee Jeong]

Mittwoch, 7. September 2016

Brad Warner-Bullshit: Wiedergeburt

果報を求めたり間違うた理屈を言うている者は皆外道である。ヤレ死んでも 未来 ないとか、ヤレあるとか、卑しくも独断の混じった学理を唱える者はみな外道である
"Wer nach Belohnung sucht oder von irregeleiteten Theorien spricht, ist ein gedo (Nicht-Buddhist). Besteht er darauf, auch nur auf geringste Weise theoretische Lehren mit persönlichem Dogmatismus zu vermischen, zum Beispiel mit der Behauptung, dass es nach dem Tod zukünftiges Leben gäbe oder nicht gäbe (!), ist er ein Nicht-Buddhist." 

Das ist von Kôdô Sawaki und stammt aus seinen Kommentaren zum Shôdôka. Ich habe die Stelle im Buch anders übersetzt, hier ist sie etwas wörtlicher, wie sie mir Okumura Shohaku freundlicherweise vorlegte. In meiner englischen Vorlage war die Stelle "oder nicht" in Klammern, und ich wollte sicher gehen, dass sie von Sawaki stammt. Interessanterweise hat Okumura nämlich diese Ansicht übernommen, es gäbe hinsichtlich eines Lebens nach dem Tode weder eine bejahende noch verneinende Antwort. Und nun fand ich diese Ansicht auch bei Brad Warner. Also gehen wir's an, und schauen wir, warum Brad falsch liegt, wenn er behauptet, sowohl der Buddha als auch Dôgen hätten nicht an Wiedergeburt geglaubt.

Die Ansicht, dass der Buddha das Thema "Leben nach dem Tod" mit Schweigen beantwortete oder für unpassend hielt, wird immer wieder in Foren oder Blogs vertreten. Tatsächlich ist der Palikanon hier - wie so oft - widersprüchlich, in der Gesamtheit der Aussagen muss man diese Ansicht m. E. jedoch verwerfen. Zwar meint der Buddha, die Wirkungen des Karma genau auszutüfteln würde einen verrückt machen (ummada, A. II, 80, alle folgenden Referenzen beziehen sich auf die Ausgabe der Pali Text Society, mein Dank geht an Bhante Dhammika). Andererseits bestätigt er, dass Erwachte kurz vor ihrem Erwachen Kenntnis ihrer früherer Leben erlangen könnten (pubbe nivasanussati, D.I,81). Buddha erklärt auch, dass gandhabba, der Zustand eines Bewusstseins zwischen Leben und Tod, die Voraussetzung für die Empfängnis sei (M.I,265). Dies geschähe für die meisten Menschen unbewusst (asampajana), für einige spirituell Hochentwickelte bewusst (D.III,103). Jedenfalls trenne sich das Bewusstsein beim Tod vom Körper (acetana, M.I,296), bis es ins befruchtete Ei eindringe (D.III,103; S.V,370), wo es einen Ruheort (patiññthà) fände (D.II,63).

Es gibt nach dem Buddha einen Zustand, "wo man gestorben (den Körper abgelegt hat), aber noch nicht wiedergeboren ist" (S.IV,400), außer für den, der Nirwana erlangt hat (S.IV,73): Für einen Erwachten existiert demnach "kein hier, kein dort, kein dazwischen". Mit anderen Worten, für den Erwachten gibt es auch kein Leben nach dem Tod, und wer erwacht ist, kann ganz im Sinne Buddhas die Frage nach einem Leben nach dem Tode verneinen. Genauer könnte er sagen, dass es für den Erwachten keines gäbe, sondern nur für den Unerwachten, und für diesen wie oben die Zwischenstadien beschreiben und die Möglichkeit, selbst im "Zwischenzustand" noch Erleuchtung erlangen zu können (antaraparinibbayi, S.V,69). 

Um das Problem zu umgehen, dass bei einer Lehre des Nicht-Selbst nichts wiedergeboren werden kann, wurde häufig das Billardspiel als Analogie herangezogen. Eine Kugel stößt an eine weitere, und während die erste zum Liegen kommt, setzt sich ihre Energie in der zweiten fort. Es muss dabei jedoch eingeräumt werden, dass dies in etwa den Vorstellungen entspricht, die sich selbst völlig Ungläubige noch vom "Weiterleben" eines Menschen im Diesseits machen, indem sie nämlich feststellen, dass die Gedanken und Werke einer Person über seinen Tod hinaus Wirkungen entfalten können. Im Grunde taugt eine solche vereinfachte Vorstellung jedenfalls nicht mehr dazu, irgendwelche Folgen schlechten Handelns "selbst" bei einer Wiedergeburt (punabbhava, D.II,15) erleben zu müssen. Das gerade kann ja nach der Nicht-Selbst-Lehre nicht sein. Was also da "von Schoß zu Schoß" (Sn.278) geht, aber besser nicht mehr weiterwirken sollte, ist einer recht schizophrenen Sicht aufs Leben geschuldet. Zum einen soll das Menschenleben nämlich ein großes Glück sein, da es die Möglichkeit bietet, Buddhas Lehre kennen zu lernen und zu erwachen, zum anderen ist dieses Leben offenbar so scheiße, dass man alles dransetzen soll, kein neues auszulösen oder irgendwie daran beteiligt zu sein. (Das Bodhisattva-Ideal, nach dem man sein Nirwana hintanstellen soll, bis alle Menschen "gerettet" sind, lasse ich hier mal außen vor, weil es die Dinge noch mehr kompliziert - wenn jemand dies wörtlich nähme, könnte er ja gar nicht anders, als an irgendeine zumindest billardmäßige Wiedergeburt zu glauben). Im siebten Buch des Khuddaka Nikaya, dem Petavatthu, geht diese Sache noch weiter: Unmoralisches Treiben lässt Menschen als Geister wiederkehren. Es ist kein Wunder, dass auch Dôgen darauf hereinfiel, und dass sich sogar Kôdô Sawaki einer Unentschiedenheit zur Frage des Lebens nach dem Tode anschloss ...

Der dritte Abschnitt karmischer Vergeltung ist der nach zwei aufeinander folgenden Leben. Er mag drei, vier oder sogar hunderttausend Jahre auftauchen, nachdem das Karma eingeleitet wurde. Bodhisattvas empfangen Vergeltung [für ihre Übung] in ihrem dritten Leben. (...)

Der Ehrwürdige Shishibodai und der Patriarch Eka waren ohne Zweifel die Opfer von Morden durch die Hände böser Menschen. Weil sie aber weder in ihrem endgültigen Körper waren noch davon abgehalten wurden, die Periode des Chû-in zu betreten [durch eine der fünf falschen Handlungen], gibt es keinen Grund anzunehmen, dass sie in ihrem nächsten Leben keine karmische Vergeltung empfingen. (...)
  
Chôsa fuhr mit den folgenden Versen fort:

„In Wirklichkeit existiert keine zeitbedingte Existenz,
es existiert keine zeitbedingte Nicht-Existenz,
Erleuchtung und karmische Vergeltung haben nur eine wahre Natur.“

Chôsa war einer von Nansen Fugans[1] langjährigen und herausragenden Schülern. Obwohl sein Verständnis vieler Aspekte des Dharma fraglos fehlerfrei war, zeigte seine Erklärung Kogetsu gegenüber, dass er den Sinn bösen Karmas nicht verstanden hatte.

Das sind Ausschnitte aus Dôgens Shôbôgenzô-Kapitel "Sanjigô" (Karmische Vergeltung in drei Zeitabschnitten). Sie deuten an, worin das Widerstreben vieler Sôtô-Anhänger gegen klare Aussagen zum Nachtodlichen seine Ursache haben könnte. Es wäre besser, man würde Dôgens mangelndes Verständnis in diesem Kapitel hinterfragen. Oder seiner Wiedergeburt, wo auch immer sie sei, erklären, inwiefern Chôsa den Geist des alten Chan begriff, der Dôgen hier offenbar entschlüpfte ;-)

                             



   [1] Nan-ch’uan P’u-yuan (748–835).