Dienstag, 31. August 2010

Angkor 1999 (I)

Mein Visum für Thailand lief aus. Ich musste kurz aus dem Land heraus, um bei der Einreise ein neues zu bekommen. Darum flog ich nach Phnom Penh. Meinen Kambodscha-Reiseführer hatte ich vergessen, also schloss ich mich einem älteren Pärchen aus Neuseeland an, das ich beim Geldumtausch am Flughafen kennenlernte. Wir bestiegen ein Taxi und steuerten N.s Gästehaus an, eine typische Backpacker-Absteige, eigentlich das, was ich sonst meide, wegen des unvermeidlichen Geschwätzes und der Kifferei der Jugendlichen, die man dort regelmäßig antrifft. Man musste sein Zimmer mit einem Vorhängeschloss verriegeln, vor dem mehrstöckigen Haus warteten bereits aufdringliche Mopedfahrer, um einem die wichtigsten Ausflugsziele aufzudrängen. „Killing Fields, Mister?“, meinte einer, „I am policeman, you safe with me.“ – „Oh, fine, I am policeman myself, so you safe with me, too“, log ich radebrechend und stapfte zu Fuss einmal ums Karree, um mich später in der Nacht besser orientieren zu können. Mit dem Besuch des Königspalastes und des Nationalmuseums war der erste Tag ausgefüllt. Im Palast und seiner berühmten Silberpagode sprach eine Führerin wehmütig von den verstorbenen Kindern König Sihanouks, denen man dort Grabstätten errichtet hat. Manchmal, so sagte sie, könne man den König über den Palasthof streifen sehen.
   Beim Nationalmuseum angekommen beobachtete ich, wie ein Mopedfahrer im Vorbeibrausen blitzschnell einer Frau in ihre Umhängetasche griff und ihre Geldbörse entwendete. Von weitem machten Angestellte des Museums, die den Vorgang ebenfalls registriert hatten, die überraschte Frau, die gar nichts bemerkte, lauthals auf den Diebstahl aufmerksam und riefen nach der Polizei. Ich setzte mich ins Café eines Franzosen und fragte ihn, ob so etwas an der Tagesordnung sei. Er hätte noch nie solches gesehen, meinte er, und er sei schließlich schon seit fünf Jahren in Phnom Penh. Als ich am Abend im Gästehaus in geselliger Runde einen Banana-Shake trank, berichteten einige amerikanische Studenten sichtlich erregt, dass zwei andere Gäste bei Einbruch der Dunkelheit überfallen worden waren. Ein Motorrad hatte neben ihnen angehalten, einem Touristen wurde eine Knarre an den Kopf gedrückt, beide um ihr Geld erleichtert. N., der Besitzer des Gästehauses, schlug vor, nachts nur in Gruppen auszugehen. Später las ich in der englischsprachigen Phnom Penh Post die Polizeiberichte. Fast jeden Tag kamen auf ähnliche Art Menschen zu Tode. Sie wurden von Räubern erschossen, weil sie ihre Goldketten, ihr Geld oder ihr Motorrad nicht herausgeben wollten. Die Waffen der Gangster waren also geladen. Überhaupt schien das Leben in Phnom Penh recht explosiv zu sein. Einen Journalisten hatte es zerrissen, nachdem sein Taxifahrer mal kurz auf dem Markt verschwunden und mit einem Paket zurückgekommen war. Ein paar Minuten danach explodierte das Paket. Der Fahrer hatte sich eine Mine gekauft, und sie war während der Fahrt hochgegangen.
   Ich philosophierte laut vor mich hin, dass es nicht meine Art sei, einfach mein Geld herauszugeben, dass ich aber auch keinen Ärger wolle. Ob es nicht friedlichere Plätzchen in Kambodscha gäbe? Am nächsten Tag schlug mir N. vor, mit meinen Freunden (für die er das ältere Pärchen hielt, mit denen ich angekommen war) per Speedboat Richtung Siem Reap zu fahren, um mir dort die Ruinen von Angkor anzuschauen.
   Ein Tag blieb für einen Bummel durch die langgezogenen Alleen von Phnom Penh, Kambodschas Hauptstadt, die ein Erbe der Franzosen sind, für Besuche in den wichtigsten Tempeln und ihren weltlichen Kontrast: den obligatorischen Ausflug zum Schießstand. Ich fuhr mit einer Gruppe junger Amerikaner dorthin, die wirklich jede herumliegende Waffe ausprobieren wollten. Mir genügte die A-47, weil man mit Maschinengewehren auf Schießständen in Deutschland nicht üben darf. Die einzige Frau, die dabei war, konnte es nicht lassen, sogar Handgranaten in einen Teich zu werfen. Allerdings traf sie nicht und riss große Löcher in die umliegende Erde. Kleine Kinder, die in armseligen Hütten nahe dem Schießstand wohnten, sammelten die leeren Patronenhülsen von uns Touristen ein, weil sie dafür etwas Geld bekommen konnten. Wir waren die einzigen, die Gehörschutz trugen.
   Am nächsten Morgen fuhren wir nach Siem Reap. Die russischen Schnellboote, die auf dem Tonle Sap bis nahe Siem Reap verkehren, haben nicht den besten Ruf. Schon manches Mal sind sie abgesoffen. Zum Glück war der Wasserstand dann meist niedrig. Bilder von Touristen, die auf den Dächern der unter die Wasseroberfläche gesunkenen Boote auf Rettung durch Fischerbarken warten, sind keine Seltenheit. Irgendwo auf dem Fluss wurden wir angehalten, Soldaten kamen an Bord und kassierten offenbar ein Schutzgeld vom Bootsführer. Kurz danach wurde der Fluss Tonle Sap zu einem großen See gleichen Namens. Ausgerechnet da, wo die wenigsten Fischerboote auf dem See dümpelten, wären wir fast mit einem kleinen motorisierten Kahn kollidiert. Showeinlage oder Toilettenpause des Kapitäns?
   Am Ziel wurden wir erwartet. Der Fahrer eines Gästehauses, dessen Name ich nun verschweige, weil es später noch Ärger mit ihm gab, brachte uns im klimatisierten Minibus auf einer knapp halbstündigen Fahrt in die Kleinstadt Siem Reap. Die Zimmer waren schlicht, fünf Dollar pro Nacht ohne Fernseher und Deckenventilator – was in Thailand zu diesem Preis Standard wäre –, die Speisekarte sehr vielfältig und mit zahlreichen europäischen Speisen lockend. Schon wieder Backpacker. Immerhin, ich freundete mich schnell mit Tom aus England an, der früher Manager war und nun, um die fünfzig Jahre alt, mit seiner CD-Sammlung im Gepäck die ganze Welt bereiste. Vollbärtig, anspruchslos und mit streng limitiertem Budget war ihm ein gutes Bier am Abend das Wichtigste. Das gab‘s offenbar in Laos besonders preiswert, wo ihn das beschauliche Leben in den Bann gezogen hatte. Wir sollten noch jahrelang per email Kontakt halten. Er hatte sich etwas unglücklich in Vietnam verliebt und träumte von einem eigenen Gästehaus in Laos. Von wo auch immer er mir schrieb, ich bekam nie das Gefühl, dass es irgendwo interessanter sein könnte als in Südostasien.
   Am nächsten Morgen wollten wir uns den angeblich unvergleichlichen Sonnenaufgang in Angkor Wat anschauen, dem Hauptmonument aus dem alten Khmer-Reich, das zwischen dem neunten und dreizehnten Jahrhundert seine Blütezeit erlebte. Freilich tauchten Wolken auf und ich fragte mich, in welchem Land man nicht versuchte, Touristen einen Sonnenaufgang schmackhaft zu machen. Glaubte man, dass wir Europäer in unseren Heimatländern morgens nicht aus dem Bett kommen? Mein Mopedfahrer stellte sich namentlich vor: „Rain. Like the rain.“ Und deutete zum Himmel. Bald stellte ich fest, dass sein Englisch sehr rudimentär war. Er besuchte eine Schule nahe dem Gästehaus, wie so viele Fahrer, die hofften, einmal als Tourguide arbeiten und gut verdienen zu können. Wenn ich als studierter Amerikanist den selbsternannten Lehrern lauschte, ersetzte das die Harald Schmidt Show. Es war einfach zu komisch, wie penetrant falsch und systemlos viele von ihnen unterrichteten. Tom kaufte Rain ein gutes Wörterbuch. Ich lud ihn regelmäßig zum Essen ein, aber als er mich einmal mit in die Hütte seiner kranken Mutter genommen hatte, wurde mir klar, dass ich besser daran täte, ihm neben den sechs Dollar, die er pro Tag für seine Fahrdienste verlangte, etwas Geld zu geben. Denn das Essen, das ich im Gästehaus zu mir nahm, wäre ihm selbst zu teuer. Mit dem Trinkgeld konnte er aber eine ganze Woche woanders essen gehen. Viele Kambodschaner kommen mit ein bis zwei Dollar pro Tag aus. Den Fahrern geht es da schon besser, vor allem, wenn ihnen das Moped gehört und sie nichts vom Verdienst an einen anderen Besitzer abgeben müssen. Tourguides bekommen etwa 20 Dollar pro Tag, je nach Sprache. Wer Japanisch kann, erhält mehr. Wer Deutsch spricht, am meisten.
    Wir klapperten in den folgenden Wochen die Tempelruinen im weitläufigen Komplex von Angkor ab. Kaum dass ich einen Ort betreten hatte, folgten mir Kinder. Wind zufächelnd, schweigend, Informationen nachplappernd, die sie den professionelleren Guides abgelauscht hatten. Ich testete einen, Joy, stellte mich vor ein Hinweisschild, das die Geschichte des danebenliegenden Tempels umriss. Dann fragte ich ihn gezielt nach gerade angelesenen Details. Er wusste alles, also bot ich ihm an, in den folgenden Tagen mein Guide zu sein. Bald ging ihm der Stoff aus und er wiederholte sich, auf die immer gleichen Details auf den Reliefs hindeutend. Eines Abends erzählte er von einem Sportereignis, das er sich gerne anschauen würde. Ich meinte, wir müssten seiner Mutter Bescheid geben, doch er sagte, die wäre es gewohnt, dass er wegbliebe.

Sonntag, 29. August 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 77

Das Tor

Meister Gensha und Meister Jizô saßen bei einem Gespräch zusammen. Als es spät in der Nacht war, meinte Gensha: „Mein Gehilfe hat bereits das Tor geschlossen. Wie kannst du noch rauskom-men?“ Jizô antwortete: „Was ist das Ding, das du ‚Tor‘ nennst?“


Meister Kidô

Jizô sage: „Wir sind wie Vater und Sohn.“

Meister Hakuin

Harmonisch singen Vater und Sohn.

Samstag, 28. August 2010

Hirnforschung und die Zukunft der Meditation

Ich wurde auf das unten stehende Video aufmerksam gemacht. Es brachte mich darauf, dass die Hirnforschung hilft, den Buddhismus zu demystifizieren. Ihre wesentlichen Erkenntnisse, an Meditierenden gewonnen:

1) Der Meditierende ist glücklicher. Diese Erkenntnis bringt dem Buddhisten nicht viel, da auch Glück vergänglich und eine Form des Leidens ist. Außerdem kennt jeder glückliche Menschen, die nicht meditieren.

2) Der Meditierende entwickelt mehr Mitgefühl. Im Buddhismus ist dies karuna und entsteht - so man nicht glaubt, es auf einem ethischen Pfad entwickeln zu können - durch die Erfahrung der "Einheit alles Seienden". Damit steht sie mit Erkenntis

3) in Verbindung: Der Meditierende erlebt die Aufhebung der Trennung von Subjekt und Objekt, das Alleinssein. Dafür werden zwei Hauptgründe genannt: Die mangelnde Durchblutung bestimmter Hirnregionen und die durch Meditation erhöhte Funktion von sogenannten Gamma-(Hirn-)Wellen (über 30 Hz). Daraus folgt für mich, dass in absehbarer Zeit Methoden entwickelt werden, die die Mangeldurchblutung jener Hirnregionen künstlich herbeiführen, ebenso wie womöglich den Anstieg von Gammawellen. Da es sich um rein physiologische Phänomene handelt, können diese die Meditation überflüssig machen. Es wird sich zeigen, dass es keine Meditation braucht, um das zu erfahren, was gemeinhin als wesentliche Erfahrung der "Erleuchtung" gilt. Hingegen wird sich nichts daran ändern, dass die Meditationshaltung die Verwirklichung des Buddhas darstellt.


Braincast 199 – Meditation im Scanner from Anita Leyh on Vimeo.

Freitag, 27. August 2010

Das Oberflächen-Zen Nishijimas

"Menschen, die Schlechtes begehen, sinken und Menschen, die Gutes praktizieren, steigen auf." Aargh, wo sind nur die wahren Zen-Lehrer???
   Heute machte ich mal wieder eine konsternierende Leseerfahrung. Nein, nicht mit guter Literatur, sondern mit diesem Vortrag des Nishijima-Schülers Seggelke. Er dreht sich um Ursache und Wirkung und Dogens Shobogenzo-Kapitel "Shinjin inga" - genau dasjenige, das die größten Widersprüche etwa zu seinen Erkenntnissen in "Uji" (Raum-Zeit) aufwirft. Seggelke greift die Gedanken des Normalbürgers auf, dass es nun mal böse Menschen gäbe, die davonkommen, und hält dagegen das Gleichnis von jenem Menschen, der nicht ans Karmagesetz glaubte und sich immer wieder als Fuchs reinkarnierte: "Dōgen macht aber deutlich, dass dieser Satz („Sei nicht unklar über Ursache und Wirkung“) unmissverständlich Klarheit darüber schafft, dass es überhaupt keine Ausnahme und keine Abweichung bei diesem Gesetz gibt. Nishijima Roshi vertritt dies genau so."
   Abgesehen von der wirklichen albernen Vorstellung, die doch nur noch als märchenhafte Metapher taugt, jemand würde sein Menschen- gegen ein Fuchsdasein eintauschen können und dies sei quasi eine Strafe, ist eine solche Argumentationsweise geradezu fundamentalistisch. Dem common sense wird einfach der Buchstabenglaube entgegengesetzt, und dies im Namen eines Zen-Meisters. Das ist ja haarströmend, wie ich wohl schon oft meinen ehemaligen Religionslehrer zitierte. Der Satz Dogens bedeutet genau dies, wenn man Dogen nicht zu einem weltabgewandten Trottel machen will: "Achte auf Ursache und Wirkung." Wer jedoch die meditative Erfahrung der Einheit von Raum und Zeit gemacht hat, kann nicht mehr behaupten, dieses Gesetz würde "ohne Ausnahme" gelten, denn genau die von Seggelke selbst erwähnte Gleichzeitigkeit oder "Nicht-Zeit" lässt ein Ursache-Wirkungsprinzip auf einer gedachten Zeitachse von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in sich zusammenfallen. 
   Muss ich noch einmal den Namen Henry Kissinger erwähnen? Mitverantwortlich für den Bombentod unbeteiligter Kamodschaner und Laoten im Vietnamkrieg und vor allem, weswegen ihm in einigen Staaten die Auslieferung nach Den Haag droht, für den Völkermord in Osttimor. Nur, weil's ein so prominentes Beispiel ist. Der Typ wird immer noch z.B. von Sandra Maischberger hofiert und ins deutsche Fernsehen eingeladen. Aber wahrscheinlich besitzt Seggelke kein TV-Gerät. So wie Dogen keinen Boten hatte, der ihm was von Dschingis Khan erzählt hätte.
   Also: Keine Regel ohne Ausnahme. Das gilt insbesondere im Zen. Die wahre Erkenntnis im Zen besteht in jener der Regellosigkeit, das Leben ist bar jeder Gerechtigkeit per se, wenn der Mensch sich nicht selbst darum kümmert. Und dann ist es zwar Ursache-Wirkung, doch niemand wird dadurch von selbst zum Fuchs. Ursache-Wirkung heißt einfach: Du bist moralisch für das verantwortlich, was du tust, und es hat Folgen.
   Zu dieser Erkenntnis gelangte ich selbst übrigens, als ich beim Gassigehen mit einem Tierheimhund auf einen toten Fuchs stieß. Ich rief das Forstamt an und sagte: "Da liegt Dogens Shinjin inga, schauen Sie doch mal, vielleicht war es die Tollwut."

Donnerstag, 26. August 2010

Eihei Koroku: Verse (II)

Auf die Verse des Staatsbeamten Ô reimend

  1. Gewöhnliche Menschen sind in ihrer Täuschung so verwirrt und mit den drei Giften angefüllt,
dass ihre täglichen Handlungen weit von der Wahrheit des Weges entfernt sind.
Doch an diesem Morgen kam er hierher und trat das Feuer des Ofens aus.
Darum ist sein ganzer Körper leicht und seine Füße sind nackt[1].

  1. Wenn eine Blüte erscheint, macht sie alle Dinge lebendig.
Schon bald trifft man überall den Frühlingswind an.
Darum musst du keinem Blütensucher außerhalb des Tores nachlaufen.
Wie oft du verwirrt an einer Weggabelung stehst und einen Schritt vor und zurück machst!


[1] D.h.: Er hinterlässt keine Spuren.

Mittwoch, 25. August 2010

Eihei Koroku: Verse (I)

Auf die Verse von Shûsai Bunpon reimend

a. Nach dem Weg strebend, verfasst er manchmal Gedichte,
vollkommen und herausragend in Wort und Wahrheit.
Doch die Weisheit scheint aufs gesamte Universum.
Welchen Teil hältst du für jenseits des Buddha-Landes oder des Nicht-Handelns?


b. Ein abgestorbener Baum und ein Fels sind ein Labyrinth.
Wenn du von jemandem ein Pferd bekommen hast, gib einen Ochsen zurück.
Entsage der Welt und geh auf einen abgelegenen Berg,
ohne den Wunsch zu hegen, ein leeres Reisfeld zu bestellen.


c. Wenn du einen silbernen Berg und eine Eisenwand in Stücke schlagen kannst,
wer auf der Welt wird dann in der Lage sein, dies zu durchschauen?
Hier kommt ein Zen-Mönch, der sich in eine Gottheit oder einen Dämon verwandeln kann.
Du bist also selbst unter Vögeln und wilden Tieren so großzügig wie ein Fuchs.


d. Bunpon sieht sogar in einem zerbrochenen Atom große Sutren
und legt den wunderbaren Dharma dar, um der Menschen Essenz klar aufzuzeigen.
Dem Schoß eines Esels entspringen, um in dem eines Pferdes wiedergeboren zu werden.
Wenn du es einmal verdreht hast, ist es ganz unverbraucht.


e. Ein unterstellender Ausdruck wie die „Drei Lehren“ 
   kennt ursprünglich keinen Unterschied,
doch wenn ihr diese Lehren nur ein wenig falsch versteht, 
   werden sie verschiedene Bedeutungen erzeugen.
Wenn ihr klärt, dass weder der Mensch noch die Welt eine Substanz haben,
werdet ihr eine Grenze niedertrampeln
   und in eure ursprüngliche Heimat zurückkehren.


f. Bunpon wurde mittels großer Barmherzigkeit mit den fühlenden Wesen vertraut.
Er wusste von allen Dingen, die vor seiner Geburt lagen,
   und verwirklichte wunderbare Weisheit.
Der Stern von sandai* taucht auf und ein König scheint große Tugenden zu besitzen.
Frei wirkend wie die aufgehende Sonne, wartet er nicht auf ein Wort seines Meisters.

[* Symbol für Friedenszeiten]

Dienstag, 24. August 2010

Alkohol und Weisheit

Sich durch Alkohol zu berauschen ist verpönt im Buddhismus. Die Übersetzungen des entsprechenden Gebotes, der betreffenden Regel, weichen voneinander ab. Zuweilen werden auch andere Drogen damit umfasst, und die Interpretation des Gebotes wird angewandt auf alle Suchtmittel, auch Zigaretten.
   Viele von uns werden jedoch den Verdacht nicht los, dass es neben all dem Leiden, dass der Alkoholiker sich und seinen Nächsten einbrockt, auch einen Zusammenhang zwischen den im Rausch gewonnenen Einsichten und einer gewissen Kreativität geben könnte. Ich glaube, so kann man es sagen, ohne jemanden zum Säufer zu machen. Denn in einer Hinsicht dürften wir alle zustimmen, dass dies möglich ist: im Hinblick auf den Liebes-Rausch.
   Raymond Carvers erste Frau berichtet im folgenden Film freilich von "kreativen Pausen" ihres Mannes, wenn der Suff im Vordergrund stand. (Die Fortsetzung des Filmes findet man auf youtube.) 
   Wer Carvers Leidens- und Schriftstellerkollegen John Cheever, schon krebskrank, in der legendären Dick Cavett-Show zusammen mit John Updike sehen möchte, der klicke hier.
   In den zittrigen Aufnahmen von Charles Bukowski ist seine Erkenntnis zur Vergänglichkeit der Liebe enthalten. Erst am Wochenende unterhielt ich mich mit zwei vom Christentum beeinflussten, reifen Frauen, und ich vergaß ganz darauf hinzuweisen, dass der Buddhismus eine andere Aussage treffen könnte als: die Liebe ist ewig.

Montag, 23. August 2010

Schreiben ist Religion

Heute las ich in "On Becoming a Novelist" von John Gardner (1933-1982). Er war Autor und Schreiblehrer, mit Einfluss auf einen meiner Lieblingsautoren, Raymond Carver. Der letzte Absatz seines Ratgebers für Romanautoren zieht eine interessante Parallele zwischen dem religiösen Pfad und dem Weg eines Autors. Ich übersetze:
   "Der wahre Romanautor ist einer, der nicht aufgibt. Romane schreiben ist nicht so sehr ein Beruf wie es ein yoga ist, ein 'Weg', eine Alternative zum gewöhnlichen Leben-in-der-Welt. Sein Nutzen ist quasi-religiös: eine veränderte Qualität von Geist und Herz - Befriedigungen, die kein Nicht-Autor verstehen kann; die Härten dieses Lebens bringen im Allgemeinen nur dem Geist (spirit) Gewinn. Wer sich authentisch zu solch einer Tätigkeit berufen sieht, dem genügt dieser spirituelle Gewinn."

Sonntag, 22. August 2010

Zen-Buddhismus und Pali-Kanon

(recycelt aus einer Mailingliste)
 
Es gibt nicht DIE "Sicht des Buddha" - nur Deine eigene.

Würde man sich bemühen - statt dem Zugeständnis an die eigene Schulrichtung und Lehrtradition, inclusive eines Bewusstseins für deren Schwerpunkte und deren Versuche, Ungereimtheiten auszubügeln - eine "objektive" Sicht aus den Schriften allein zu entwickeln, so wäre diese eine der "Verwirrung".

Eine kongruente Sicht aus der schriftlichen Überlieferung abzuleiten ist unmöglich, das sollte man sich zunächst klarmachen, ehe man an die Schriften herangeht. Wer das nicht tut, wird zwangsläufig enttäuscht - oder geistige Verrenkungen vornehmen müssen. Widersprüche werden bleiben - und die Frage, was wir heute daraus machen. Wir sehen das immer wieder, wenn verschiedene Schulrichtungen hier aus dem gleichen Kanon zitieren.

Daran erkennt man auch, wie weit Zen-Lehrer wie Seggelke sind, wenn er Folgendes behauptet - selbst wenn es gut gemeint sein sollte: "Es soll auch heute z. B. angebliche Zen-Buddhisten geben, die sich niemals mit den Reden Gautama Buddhas selbst eingehend beschäftigt haben und sich nur auf bestimmte Bruchstücke der Lehren von Bodhidharma stützen. "

Was meint er wohl mit den "Bruchstücken"? Richtig ist, dass sich der authentische Zen-Buddhist so viel mit dem Pali-Kanon ("den Reden Gautama Buddhas", die tatsächlich Überlieferungen diverser Personen aus dem Gedächtnis über mehrere Generationen sind) beschäftigen kann, wie er mag - den Schlüssel dazu liefert ihm tatsächlich erst die Tradition,  die sich auf Bodhidharma gründet. Und um es noch einmal zu betonen, der trug laut Überlieferung das Lankavatara-Sutra mit sich, nicht den Pali-Kanon. Zen-Lehrer, die sich im Pali-Kanon verheddert haben und häufiger darin lesen als in der Chan-Überlieferung, gibt es in Deutschland zuhauf.

Samstag, 21. August 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 76

Geräusche

Als Meister Gensha zum ersten Mal in den Distrikt Hoden kam, wurden alle möglichen Zeremonien abgehalten, um ihn zu begrüßen. Am folgenden Tag fragte er den Priester Shôtô: „Wo sind all die Geräusche, die wir gestern hörten, hingegangen?“ Shôtô zog den Saum seiner Robe hoch. Gensha meinte: „Das hat nichts damit zu tun.“

Meister Kidô

Shôtô sage: „Ich danke dir vom Grund meines Herzens 
für deine Freundlichkeit.“

Meister Hakuin

Kein Kind fühlt eine Abneigung
gegen die Hässlichkeit seiner Mutter.

Kodo Sawakis Lieblingsnonne

Kasai Joshin-san (1914-1984), Kikue genannt, war noch ein Baby, als ihr Vater, ein Arzt, Selbstmord beging. Auch Kikues Mutter starb früh, weshalb ihr Großvater sie großzog. Mit Anfang Zwanzig wurde sie mit dem Besitzer eines Kleidergeschäftes verheiratet. Dieser besuchte gern Geishas, und so ließ sich Kikue schon bald von ihm scheiden und zog zu ihrer Tante in Tokio, die Schülerin von Harada Sogaku Roshi war. Kikue nahm an deren wöchentlichen Zazen-Treffen für Laien teil (zazenkai). Bald wurde sie von Hashimoto Eko Roshi ordiniert und übte sich im Kesanähen, Zazen und dem Bettelgang (takuhatsu) im Kaizenji, einem Nonnentempel in der Präfektur Aichi. Nach einigen Jahren hegte sie Zweifel und kehrte zu ihrer Tante in Tokio zurück. Dort hörte sie zum ersten Mal Lehrreden (teisho) von Sawaki Roshi  (1880-1965) und wollte seine Schülerin werden. Es war nicht leicht, den Lehrer zu wechseln, doch Hashimoto und Sawaki kannten sich. Trotzdem hielten sich beide bedeckt und ermutigten Kikue nicht, noch stimmten sie deren Entscheidung zu. Da schnitt sich Kikue ihren kleinen Finger ab: "Ich wollte so sehr Sawaki Roshis Schülerin werden ..."
   Kikue alias Joshin-san widmete ihr Leben dem Nähen der Kesa. 1974 wurde sie ins San Francisco Zen Centre (des verstorbenen Suzuki Roshi) eingeladen, um Kurse zu geben. Sie lehrte, dass die von Hand genähte Robe den vollständigen Körper Buddhas repräsentiere und dass jede angefangene Robe bis zum letzten Stich fertiggenäht werden müsse. Kikue hielt niemals Dharma-Reden. Bei langen Sesshin im Antaiji fungierte sie als Köchin und war dafür bekannt, dem furchteinflößenden Koho (Watanabe) die Stirn zu bieten.
   Im Winter 1982 wurde ihr das beschwerliche Leben im eingeschneiten Antaiji,  dem von Sawaki begründeten Tempel, zu anstrengend, und sie zog ins Haus ihrer älteren Schwester nach Tokio. Sie sagte: "Nachdem ich Sawaki Roshis Schülerin geworden war, hegte ich keine Zweifel mehr und diente ihm friedvoll. Er fand damals einen Tempel in Kobe für mich, wo ich mit einer anderen Nonne leben konnte. Das hielt ich  aber nicht lange aus, und Sawaki Roshi war enttäuscht von meinem Temperament. Doch später machte er sich solche Sorgen um mich, dass er mich sogar adoptieren wollte. Ich lehnte das ab, weil ich um seinen Ruf fürchtete."
   Kikues Grabstein befindet sich heute hinter dem von Sawaki Roshi im Antaiji.


Quelle: Grace Schireson: Zen Women (Somerville 2009)

Dienstag, 17. August 2010

Warum Weisheit vor den Geboten kommt

(recycelt aus einer Mailingliste)

Kürzlich hatte ich eine ernüchternde Erfahrung mit jemandem, dessen Blog ich schätze. Es ging um die Ansicht, belegt durch Zitate, dass der Buddha gegen Ehebruch sei. Ich analysierte diese Zitate und sagte, hier sei klar davon die Rede, dass ein Verheirateter nicht seine eigene Frau teilen solle (also Egoismus). Ehebruch war in diesen Zitaten stets, nicht eine verheiratete Frau zu nehmen, und eben nicht, was im Fall des Buddhisten Tiger Woods diskutiert wurde, dass ein Verheirateter irgendeine (auch nicht-verheiratete) Frau nimmt. Schließlich zog sich der Theravada-Mönch auf eine Auslegung zurück, die doch nun mal seit 2.500 Jahren Bestand habe und nach der dann eben die unverheiratete Frau den Ehebruch beginge. Das aber stand in seinen Zitaten eben gar nicht. Und ich warte bis heute auf umfassendere.

Es ist absolut klar, dass Lehren, die zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten entstanden, nicht allgemein verbindlich sein können. Was wusste Buddha z.B. von der chinesischen Ethnie, wo die Frau das Sagen hat und ihrem Mann erlaubt, sich andere Frauen zu nehmen? Wäre das ein Thema gewesen, hätten das die Pali-Kanoniker auch abgehandelt, genauso wie die Polyandrie in Nepal usf.

"Verbindlich" für den Zen-Buddhisten ist also zu fragen, wie ein "leeres" Ego so an der eigenen Frau hängen kann wie das der Pali-Kanoniker. Nicht, dass ich das nicht nachvollziehen könnte. Aber wir dürfen dabei nicht stehenbleiben. Das ist unser Zen-Weg, das Anhaften zu hinterfragen.

"nicht eingebettet ist in den Dreiklang von sila (Ethik), samadhi (Versenkung), prajna (Weisheit)"

Auch das ist ein alter Hut - der Theravadin. Auch Lehrer wie Thich Nhat Hanh trennen dies nicht sauber.  Wenn man die sila wörtlich befolgt und sich in Versenkung übt, hat man dann automatisch prajna? Ist das seine Ansicht?

Zunächst erfahren wir allerdings im Pali-Kanon, dass ganze Heerscharen von Zuhörern erwachten, indem sie Buddhas Worten lauschten. Also ohne dass jemand die sila überprüfte. Dieser Dreiklang ist nicht mal im Pali-Kanon ausgemacht. Wir könnten lediglich davon ausgehen, dass die sila mit einer gewissen Selbstverständlichkeit sowieso eingehalten wurden. So ist das auch heute die Regel. Der Hinweis auf die Sila erscheint mir etwas schwach, erkennt man doch an der Macht des Dharma, dass er auf ganz andere Weise verwandeln kann.

Der Theravadin Buddhadasa Bhikkhu  beschrieb, wie die Reihenfolge ist: "Morality has to do with behaviour and happiness and is basically the same the world over. A religion is a system of practice of a higher order which differs greatly among the various religions." Dann, so baut sich z.B. sein Handbook for Mankind auf, kommt er zu "insight": "morality und concentration" - also sila und samadhi - seien für dieses höchste Gut zwar eine Grundlage.  Doch: "Buddhism aims directly at the complete elimination of defilements."

Es ist doch wichtig zu verstehen, dass dies durch die sila nicht gelingt, auch nicht durch samadhi, sondern letztlich nur durch prajna. Im Zen heißt dies "Erwachen", Buddhadasa Bhikkhu nennt es "insight". Nur auf dem klassichen Übungsweg des Ordinierten oder dem Stufenweg der Tibeter wird daher etwas zur Grundlage, was tatsächlich umgekehrt prajna zur Grundlage hat. Dies erkennen wir am Erwachen von ganz unterschiedlichen Individuen, die alle ganz unterschiedlich moralisch gelebt haben und dennoch durch "insight" in den Buddha-Dharma erwachten. In Wahrheit entsteht die Moral also aus prajna.

Es gibt dafür einen ganz einfachen Test. Wenn von sila die Rede ist und wenn in Diskussionen darauf hingewiesen wird, geht es regelmäßig um das ÄUßERE Einhalten von Regeln, so wie sie der Interpret versteht. Tatsächlich ist bekannt, dass aber bei den sila die Einstellung zählt. Man kann z.B. auch bestimmte sila äußerlich korrekt und tadelsfrei einhalten, aber egozentrische Motive dabei haben. Natürlich soll das auch laut dem Pali-Kanon nicht sein. Es ist jedoch nicht möglich, dies an den diskutierten Äußerlichkeiten festzumachen. Das Einhalten der sila bedeutet im Hinblick auf prajna also nicht viel. Auch lässt sich prajna nicht auf Äußerlichkeiten beschränken. Wer die sila einhält, kann nicht unbedingt prajna erkennen, aber wer prajna hat, sollte erkennen, warum jemand die sila einhält. Auch wenn der Shakyamuni Buddha noch so sehr Moral predigt, die Umsetzung wird offenbar als selbstverständlich angesehen, wenn erst Erwachen/Nicht-Anhaften da ist. Nicht aber umgekehrt.

Die Feuerpredigt: http://www.palikanon.com/vinaya/mahavagga/mv01_03_15-21.htm#Feuerpredigt
Die dort genannten "Flechtenasketen" waren Brahmanen, die sich "die Zöpfe abschnitten". Brahmanen lebten vor ihrer Bekehrung natürlich nicht erklärtermaßen nach den sila Buddhas. Am Ende jedoch heißt es: "Als diese Belehrung vorgetragen wurde, wurde den tausend Mönchen die Gemütsverfassung frei von den Beeinflussungen ohne zu ergreifen."

Das ist die Beschreibung von Erwachen.

Das Problem ist immer dasselbe. Wenn man meint, man könne mit dem Pali-Kanon eine konsistente Lehre konstruieren, bedarf es nur des Nachschlagens, um diesen Irrtum zu korrigieren. Aus diesen Gründen entstand Zen. Von Anfang an beschäftigten sich Zen-Meister mit der Überlieferung, und sie verstanden, dass die Feuerpredigt bedeutet: Prajna steht über - und nicht neben - den sila.

Montag, 16. August 2010

Warum man alle das Gleiche lehren sollte und Nibbana gemäß der dukkha-Lehre gleich dem Tod sein müsste

(aus einer Mailingliste)

I. "Die häufigsten Mißinterpretationen der Lehre rühren von der Annahme, daß jede Belehrung für jedermann gleichermaßen geeignet ist und daß sie, jeweils für sich genommen, nur vorläufige Belehrungen sind."

In Foren habe ich immer wieder erfahren, dass dies nicht eine häufige Mißinterpretation, sondern im Gegenteil die gängigste ist. Und erkannt, dass genau sie falsch ist.

Dies ist also eine der Meinungen, gegen die ich scharf angehe. Aus einem einfachen Grund. Aus eigener Erfahrung betrachte ich es als Aufgabe, den Dharma allen Menschen gleichzeitig vermitteln zu können - in einer heterogenen Gruppe von Akademikern und Analphabeten wäre es die Aufgabe Buddhas, die passenden Worte oder Gesten für alle zu finden. Ich halte dies für möglich. Ansonsten stelle ich die Gegenfrage: "Was im Pali-Kanon hat der Buddha denn für die Gebildeteren gesprochen, sag es mir, dann spar ich mir den Rest." Diese elitären Ausreden haben für mich gar keinen Wert. Und tatsächlich gelang es dem Buddha. Man sieht es an Predigten, bei denen gleich tausend Menschen erwachten. Es ist unvorstellbar, dass diese eine homogene Gruppe bildeten. Tatsächlich ist es so, dass es nicht einen Buddha Shakyamuni gibt, sondern viele Schreiber, Redner, Überlieferer. So erklärt sich der unterschiedliche Stil, so erklären sich widersprechende Aussagen. Das ist die einfachste und beste Erklärung, die sich mit sonstigen religionswissenschaftlichen Erkenntnissen deckt. Es ist nicht so wesentlich, dass die Zuhörer sich unterschieden, sondern die Pali-Kanoniker. Und einige von ihnen waren recht beschränkt.

An verschiedenen Beispielen lässt sich das im Detail belegen. Der Vinaya, als Mönchslektüre gedacht, definiert z.B. erst den Unterschied zwischen Mensch- und Tierleben. Dieser Unterschied ist jedoch für jeden Buddhisten unabdingbar. Zu glauben, es genüge, wenn Mönche ihn kennen, ist grotesk. Erst das Parajika, der Ausschluss eines Mönches aus der Sangha nach Töten eines anderen Menschen, macht das klar - denn das Töten eines Tieres ist lediglich ein Pacittiya-Vergehen. Der Irrglaube, man dürfe die Schriften so lesen, als würden sie sich an eine je spezielle Hörerschaft richten, würde hier dazu führen, dass die anderen das Töten eines Mensch- und Tierlebens auf die gleiche oder auch nur annhähernd gleiche Stufe stellen. Es gibt, wie wir wissen, inzwischen viele buddhistische Lehrer im Westen, die genau dies tun - und üblerweise sogar welche, die nach dem Vinaya ordiniert wurden. Sie leiten aus dem Gebot des Nicht-Tötens eine Allgemeingültigkeit ab, die durch den Vinaya widerlegt ist. Der Vinaya stuft ab.

II. Buddhadasa Bhikkhu: "Morality ... cannot do away with suffering."

Ich sage es einmal ganz einfach. Der Schmerz existiert als "Gefühl" - und ebenso als Schmerz-Bewusstsein. Dies ist seine eigentliche Existenz. Darum ist der Schmerz selbst dukkha. Im Unterschied zu den anderen gemeinhin zitierten "Gefühlen" ist er jedoch der Überwindung nicht ohne Weiteres zugänglich. Jedenfalls, in bestimmten Bereichen, nicht mehr mit den Mitteln des Achtfachen Pfades usf.

Die Definition von Nirwana ist: Vollständige Elimination von dukkha. Die Elimination von Schmerz ist im Leben nicht möglich bzw. mehr oder weniger Zufall (oder in den Augen mancher eine Folge von Karma). In der inneren Logik der Sutren - gleicht man sie mit diesen Erkenntnissen und Erfahrungen ab, die zu Zeiten Shakyamunis bekannt gewesen sein dürften - ist es demnach unmöglich, Nirwana im Leben zu erreichen. Genau dies lehren - und erhoffen - aber auch viele Theravadin. Es kann ihnen folglich nie gelingen, denn den Schmerz können sie nicht ausschalten, egal, wie sie denken, meditieren, sich in Gleichmut üben - und ich meine, nochmal, den Schmerz, der dukkha ist. Denn der Schmerz ist nie etwas anderes. Das Lamentieren mag es sein, doch der Schmerz ist es nicht. Der Liebeskummer, der Ärger, die Wut sind jedoch immer etwas anderes. Sie sind eben keine physiologische Notwendigkeit. Der Schmerz schon. Er besitzt die Eigenschaft, sich ganz gegen unseren Willen und trotz allen Vorbeugens etc. anzuhaften, und er tut dies zuweilen mit einer Kraft, die mit keiner Beleidigung, Schmähung, Liebe, Lob usf. vergleichbar ist.

Nibbana ist hingegen das Ungestaltete.

"A.III. 47-48 Das Gestaltete und das Ungestaltete

Drei Merkmale des Gestalteten gibt es, ihr Mönche. Welche drei?

* Ein Entstehen zeigt sich;
* ein Vergehen zeigt sich; und
* eine Veränderung des Bestehenden zeigt sich.

Diese drei Merkmale des Gestalteten gibt es, ihr Mönche.

Drei Merkmale des Ungestalteten gibt es, ihr Mönche. Welche drei?

* Kein Entstehen zeigt sich;
* kein Vergehen zeigt sich; und
* keine Veränderung des Bestehenden zeigt sich.

Diese drei Merkmale des Ungestalteten gibt es, ihr Mönche"

Kein Entstehen, kein Vergehen, keine Veränderung - genau dies ist nicht möglich beim Schmerz, und zwar unabhängig von der Haltung dazu.

Sonntag, 15. August 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 75

Wissen

Ein Mönch fragte Meister Gensha: „Die weite Welt ist wie eine glänzende Perle. Warum weiß ich das nicht?“ Gensha erwiderte: „Was ist der Nutzen von Wissen?“

Meister Kidô

Gensha sollte fragen:
„Warum verletzt du dich selbst?“

Meister Hakuin

Was ist das vor deinen Augen?

Dienstag, 10. August 2010

Ratschläge fürs Leben

"Sei frei von Habgier
   - das ist besser als Spendenfreudigkeit.
Sei frei von Unwissenheit
   - das ist besser als Zazen.
Sei frei von Zorn
   - das ist besser als Gelübden zu folgen.
Sei frei von Gedanken
   - das ist viel besser als ihnen nachzujagen."


(Baisaô, 1675-1763, der alte Zen- und Teemönch)

[Bild: Porträt Baisaôs von Ike Taiga mit Kalligrafie von Baisaô. Aus: Eastern Buddhist, No. XVII, 2.]

Montag, 9. August 2010

"Illusionen" beim Philosophen Hartmann

"Damals war die öffentliche Diskussion (...) über Hartmann als den Schöpfer des neuesten großen philosophischen Systems so lebhaft, dass man sogar sagte, das 19. Jahrhundert habe zwei Dinge hervorgebracht: die Eisenbahn und Hartmanns Philosophie.
   Vor allem die 'drei Stadien der Illusion' ließen mich Dankbarkeit der Philosophie gegenüber empfinden. Um zu beweisen, dass das Glück nicht Ziel des Menschenlebens sein könne, entwickelte Hartmann das Konzept der drei Stadien der Illusion. Im ersten Stadium versuche der Mensch, in der realen Welt das Glück zu erreichen. Hartmann zählt die Illusionen dieses Stadiums: Jugend, Gesundheit, Freundschaft, Liebe, Ehre auf und zerstört eine nach der anderen. Liebe etwa sei im Wesentlichen Leiden. (...) Im zweiten Stadium suche man das Glück nach dem Tode. Die Voraussetzung hierfür sei die Annahme der Unauslöschlichkeit des Individuums. Das Bewusstsein des Individuums verlösche jedoch mit dem Tode. (...) Im dritten Stadium suche man das Glück in der Zukunft des Weltprozesses. Das habe die Annahme einer evolutionären Entwicklung der Welt als Voraussetzung. Aber wie sehr die Entwicklung auch voranschreite, Alter, Krankheit, Not und Gefahr hörten nie auf. Man nehme sie sogar schärfer wahr, da die Nerven sensibler würden. Das Leid nehme mit der Evolution zu. Betrachte man jene drei Stadien, so erkenne man, dass das Glück ewig unerreichbar sei. Hartmanns Metaphysik zufolge ist DIESE WELT DIE BESTE ALLER MÖGLICHEN WELTEN. Wenn man aber frage, was besser wäre, ihr Sein oder Nichtsein, so wäre es besser, sie existierte nicht."

Aus: Mori Ogai, Im Umbau (Frankfurt 1989)

Sonntag, 8. August 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 74

Die Tür

Meister Kinzan saß mit Meister Seppô und Meister Gantô zusammen. Meister Tôzan servierte ihnen Tee. Kinzan hatte die Augen geschlossen. Tôzan fragte ihn: „Wo bist du hin?“ Kinzan antwortete: „Ich bin in die Meditation eingetreten.“ Tôzan sagte: „Es gibt keine Tür zur Meditation. Von wo bist du eingetreten?“

Meister Kidô

Kinzan sollte stattdessen sagen:
„Ich bin heute müde.“

Meister Hakuin

Nach links und rechts schauen
und geschäftig erscheinen.

Samstag, 7. August 2010

Eine kleine Persiflage

""MEIN LEERES ICH

Unzählige Flüsse habe ich
überquert.
Bei jeder Überquerung
gab es einen Abschied.
Und bei jedem Abschied habe ich meine Schätze
einen nach dem anderen abgestreift.
Zum Durchschwimmen der Flüsse
entledigte ich mich meiner Kleidung.
Um auf den Flößen treiben zu können,
gab ich meine Edelsteine ab.
Das Übersetzen mit den Fähren
bezahlte ich mit meinen letzten Münzen.

Unzählige Berge habe ich überquert.
Bei jeder Überquerung
gab es einen Abschied.
Und bei jedem Abschied habe ich meine Schätze
einen nach dem anderen abgestreift.
Am Abgrund hängend löste ich mich vom Leid,
den Steilhang erklimmend trennte ich mich von der Freude.
Beim Überqueren der letzten Bergpässe
habe ich schließlich
sogar die Sehnsucht nach dir aufgegeben.

Nachdem ich all diese Berge und Flüsse
überquert habe,
ist mir nichts mehr geblieben,
was ich dir darbringen könnte.

Da ich völlig leer bin,
bin ich nun auch nicht mehr ich.
So vermag ich nur noch
als vollkommene Lehre,
als ein Nichts
vor dich zu treten.
Mögest du dich
dieses leeren Wesens
annehmen!"

(Oh Sae-young: Das ferne Du, Göttingen 1999)

Bei all den vielen Abschieden - sind da nicht auch immer wieder viele Hallos? Ich hätte das Gedicht etwas weniger melancholisch gestaltet. Und was den letzten Absatz angeht, so lädt er zum Sarkasmus ein.

"Hier bin ich, ich bin ein Nichts, vollkommene Leere."
"Geil, auf so einen Typen hab ich schon immer gewartet."

Montag, 2. August 2010

Sonntag, 1. August 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 73

Das Kissen

Meister Kinpô hob ein Kissen auf und sagte: „Jeder nennt dies ein Kissen, doch ich behaupte, es ist keins.“ Ein Mönch fragte: „Wie nennt Ihr es denn?“ Kinpô hob das Kissen noch einmal hoch und meinte: „In diesem Fall sollte ich es machen wie alle anderen.“ Dann fragte er selbst: „Wie nennst du es?“ Der Mönch erwiderte: „Ein Kissen.“ Kinpô sagte: „Du bist mir in die Falle gegangen.“

Meister Kidô

Wenn der Mönch sagt: „Ein Kissen“,
wirf es ihm ins Gesicht.

Meister Hakuin

In Schlafhaltung auf dem Bett liegen.