Montag, 29. November 2010

Ko Un: Gedichte (VI)

Erinnerungen an Gräber

In meiner Jugend war ich stark von Gräbern fasziniert,
besonders den sechshundertachtzig 
   auf dem Zentralfriedhof von Hwangdung.
Auf meinem Nachhauseweg pflegte ich
auf dem Sarabong-Friedhof auf der Insel Cheju einzuschlafen.
Ich machte daraus eine Gewohnheit, neben den Gräbern zu schlummern.
Das sprach sich herum
und die Leute begannen, mich den Sarabong-Geist zu nennen.

Wenn jemand gestorben war und ein neues Grab auftauchte,
fühlte ich mich so glücklich.
„Da bist du ja endlich!
Willkommen, Freund!
Nirgendwo geht’s dir so gut wie hier“, sagte ich.
So glücklich war ich.

Bei Einbruch der Nacht
trank und trank ich,
bis ich völlig betrunken war.
So wurde ich neben einem neuen Grab ohnmächtig 
   und machte mein Nickerchen.
Einmal biss mich in der Dämmerung ein Tausendfüßler.
Eine Woche lang schmerzte meine eine Gesichtshälfte
und schwoll auf die Größe eines Kürbis an.

Als Novize verbrachte ich einst
auf dem Weg zum Mirae-Tempel in Tongyong
einen halben Tag auf einem Friedhof.
Ich vergaß völlig, auf welchem Botengang ich war.
Später tadelte mich der Obermönch schwer.

Seitdem sind Jahrzehnte vergangen
und nun habe ich erkannt:
Tiere machen keine Gräber.
Insofern sind Tiere besser als Menschen,
denn sie hinterlassen keine Grabstätten.
Sie sind sogar besser als Götter,
und hundert Mal besser als ich.

(…)

***

Scheiße

Unter dem Busch
schiss der Hund.
Er hob seinen wedelnden Schwanz
und schiss.

Hier drüben
schiss ich und fühlte mich wohl.

Ich fühl mich wohl, ich fühl mich wohl.
Später erkannte ich:
das war nicht ich.
Es war nicht ich, es war der Hund,
der schiss.

Nun, wo ich’s weiß, fühl ich mich glücklich und traurig zugleich.

Sonntag, 28. November 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 85

Die Essenz des Hörens

Ein Mönch fragte Meister Dôjô: „Wie kann jemand die Essenz von Sehen und Hören erfassen, ohne von den Umständen gefangen genommen zu werden?“ Dôjô sagte: „Höre!“ Der Mönch ver-beugte sich. Dôjô meinte: „Wenn ein Gehörloser ein fremdes Lied singt, kann er es nicht aus sich selbst heraus kennen, ob es nun gut oder schlecht, erhaben oder schmuddelig ist.“ Der Mönch fragte: „Aber die ursprüngliche Essenz des Hörens ist doch vorhanden?“ Dôjô erwiderte: „Der Fels steht in der Luft, das Feuer brennt im Wasser.“


Meister Kidô

Sage: „Komm und stell dich hierher!“
Wenn er zögert, spuck ihn an und jag ihn davon.


Meister Hakuin

Wie erwartet, konnte er es nicht erfassen.

Samstag, 27. November 2010

Die 10 Schüler Buddhas (IV): Maudgalyayana

4.      Maudgalyayana: Ein Experte für geheime Kräfte

Den Reichtum aufgeben, um den einen Weg zu suchen
Shakyamunis Schüler Maudgalyayana disziplinierte sich unermüdlich selbst und strebte danach, den buddhistischen Weg zu perfektionieren, ohne jemals seine geheimen Kräfte zu missbrauchen oder mit ihnen zu prahlen. Sein guter Freund Shariputra und er galten jüngeren Mönchen als buddhistische Musterschüler.
   Maudgalyayana wurde in dem Dorf Kolita als Sohn einer reichen Brahmanen-Familie geboren. Er hatte viele Bedienstete und lebte in einem geradezu himmlisch palastartigen Heim. Er hatte alles, was man sich nur wünschen konnte. Neben ihm wohnte Shariputra, mit dem er seit seiner Kindheit spielte und lernte. Ihre Freundschaft war stark und hielt bis zum Tod.
   Obwohl die beiden Männer glücklich schienen, waren sie von aufwühlenden Gedanken belastet, die sich verfestigten, als sie an einem Fest auf einem Berg teilnahmen. Selbst inmitten des tummelnden Pulks von glücklichen Zelebranten überkam sie ein verwirrendes Gefühl. Dieses Gefühl der Sinnlosigkeit hielt an, bis ihnen klar wurde, dass sie sich auf der Suche nach etwas befanden: „All diese Fröhlichkeit ist vergänglich. Wir müssen nach wahrer, ewiger, unveränderbarer Fröhlichkeit suchen“.

Von Shakyamuni auserwählt
Die beiden machten sich auf eine weite Reise voller Übung und Selbstzucht, um auf diesem Weg den richtigen Lehrer zu finden. Schließlich trafen sie auf einen asketischen Mönch namens Assaji, der ihnen von Shakyamuni erzählte, und wurden dessen Schüler. Maudgalyayana und Shariputra  waren von Haus aus weise und gaben sich der Suche nach dem einen Weg hin. Bereits nach kürzester Zeit wusste Shakyamuni, dass die beiden sich zu seinen herausragendsten Schülern entwickeln würden.
   Mit Shakyamunis Unterstützung machte sich Maudgalyayana sofort auf den Weg zum  Geierberg, wo er nach sieben Tagen als Schüler Shakyamunis durch Zazen-Meditation die Erleuchtung erfuhr. Shariputra erlebte seine Erleuchtung nach fast einem halben Monat. Die beiden bekamen sehr hohe Positionen im Orden, viel höher als die mancher Ältester. Shakyamuni sagte zu den anderen: „Maudgal-yayana kann euch erziehen und Shariputra ist wie eine Mutter. Folgt ihrem Beispiel und übt fleißig“. Viele Gläubige verehrten Maudgalyayana wegen seiner weitreichenden geheimen Kräfte und Shariputra wegen seiner erhabenen Weisheit.

Gewissenhaftigkeit übersteigt geheime Kräfte
Viele Traditionen legen Zeugnis über Maudgalyayanas Größe ab. Die Erleuchtung verlieh ihm außergewöhnliche geheime Kräfte. Dennoch war er nie besonders stolz auf sie oder prahlte mit ihnen. Seine wahre Größe lag in seiner Treue zu Buddha und der Ernsthaftigkeit seines Bestrebens. Mehrere Geschichten verdeutlichen diese Eigenschaften.
   Eines Tages kam der Wächtergott Indra zu Shakyamuni, faltete ehrfürchtig seine Hände und fragte: „Was muss ich tun, um Erleuchtung zu erfahren?“ Shakyamuni antwortete: „Lösche alle Begierde und alle Bindungen in deinem Geist aus.“
   Maudgalyayana hörte zufällig das Gespräch mit an und folgte Indra mit Hilfe seiner übernatürlichen Fähigkeiten in seinen Palast über dem Berg Sumeru. Indra hieß ihn willkommen und lud ihn ein, seinen Palast mit den hundert Türmen, den himmlischen Mädchen und den empfangsbereiten Frauen, die dort wohnten, zu besichtigen. Maudgalyayana verurteilte Indras hedonistische Haltung und schüttelte den Palast so lange mit seinem großen Zeh, bis Indra sich Shakyamunis Worte ins Gedächtnis rief und sie aufsagte. Maudgalyayana ermahnte Indra, diese Lehre zu beschützen und zu praktizieren und kehrte daraufhin an Shakyamunis Seite zurück.
   Bei einem anderen Ereignis bemerkte er, auch dank seiner geheimen Kräfte, dass die Seele seiner Mutter Hunger litt. Er wollte ihr Essen bringen, doch das löste sich sofort in Flammen auf und verschwand. Er wusste nicht, was er tun sollte und wandte sich ratsuchend an Shakyamuni, der ihm sagte: „Am 15. Juli gehen alle Mönche in die Regenzeit-Klausur und tun Buße. Wenn du an diesem Tag an hunderttausend Mönche spendest, wird das Leiden deiner Mutter durch das angesammelte Verdienst deiner Taten gemildert werden.“ Maudgalyayana tat, was Shakyamuni ihm geraten hatte, und brachte somit dem Geist seiner Mutter die Befreiung. [Diese Geschichte gilt übrigens auch als Ursprung des O-bon-Festes.]

Maudgalyayanas Tod
Maudgalyayana starb keinen friedlichen Tod. Sein Leben lang hatte er den Orden Shakyamunis aufgebaut, beschützt und gefördert. Dies missfiel einigen herzlosen Menschen so sehr, dass sie nach seinem Leben trachteten. Zunächst floh er vor ihnen, um sie vor der Sünde des Tötens zu bewahren, aber er konnte ja nicht für immer auf der Flucht sein. Schließlich fassten ihn jene brutalen Leute und schlugen ihn mit Stöcken, bis seine Knochen brachen und seine Haut aufplatzte. Mit Hilfe seiner übernatürlichen Kräfte gelang es ihm, seinen gebrochenen Körper zu Shakyamuni zu tragen, an dessen Seite er sich niederlegte und starb.
   Der frühe Tod Shariputras und der darauf folgende Tod von Maudgalyayana lösten in Shakyamuni große Trauer aus. In Übereinstimmung mit der buddhistischen Lehre, nach der alle Dinge in der Welt unbeständig sind, hat er sicher seine anderen Schüler und Gläubigen unterwiesen, dass sich Maudgal-yayana trotz seiner überlegenen geheimen Kräfte dem Ende seines Lebens stellen musste.
   Im Buddhismus bestehen die übernatürlichen Kräfte im Überschreiten von scheinbar Unmöglichem, indem man die Menschen und Dinge durch die Augen eines Buddhas sieht. Sie beinhalten nicht die Fähigkeit, dem Tod zu entkommen.
   Nach Maudgalyayanas Tod ließ Shakyamuni ein Stupa im Bambushain-Kloster errichten und brachte ihm Opfergaben dar. Es heißt, dass er selbst kurz darauf gestorben sei.

Ein Beispiel für andere Mönche
Da im Buddhismus Weisheit über den übernatürlichen Fähigkeiten steht, heißt es, dass Shariputras Kräfte etwas größer waren. Aber Maudgalyayanas Kräfte können als Belohnung angesehen werden, die sich seiner angeborenen Weisheit, seiner unermüdlichen geistigen Suche nach dem einen Weg und seiner gewissenhaften Selbstdisziplin verdankt. Unter Berücksichtigung ihrer individuellen Fähigkeiten und ihrer gemeinsamen Stärke unterstützten Maudgalyana und Shariputra andere Mönche in der Ausbildung; sie waren hervorragende Schüler und genossen Shakyamunis vollstes Vertrauen. Auch nach ihrem Tod wurden sie von vielen Mönchen als Vorbilder betrachtet.

Freitag, 26. November 2010

Zen als Erektionshilfe?

Christoph Jantzen hat einen neuen bissigen Text ueber seltsame Gaeste in seinem Haus verfasst. Da schon beim Anblick des hemdsoffenen Kursleiters einschlaegige Assoziationen in mir geweckt wurden, verblueffte mich seine abwegige Erkenntnis ueber den Manne: Dieser wolle nicht Sex, sondern ejakulieren, und es ginge um die "winzige Sekunde (der Leere) danach". Also, ich muss da widersprechen. Hier in Thailand, wo ich mich gerade noch befinde, geht man einfach in die Apotheke und besorgt sich Kamagra, die billige indische Version von Viagra (oder das gleichfalls wirksame Cialis), wenn man seine Erektion verlaengern will. Dennoch geht es nicht ums Ejakulieren. Ich habe z. B. bereits vor der Pubertaet masturbiert und Orgasmen gehabt, wie viele andere Menschen auch, und ich kann selbst dann noch orgasmen, wenn ich mich hierzulande mal voellig ausejakuliert habe. Das sind verschiedene Dinge. Entscheidend dabei ist nicht das "danach", sondern das (Zucken) "waehrenddessen". Es passiert genau waehrend des Orgasmus - und der meist gleichzeitigen Ejakulation - und ist gerade darum so gut, weil dann nur die reine Gegenwart existiert. Ob man das mit den Kursteilnehmerinnen esoterischer Veranstaltungen nicht erleben kann?

Montag, 22. November 2010

Ko Un: Gedichte (IV)

In der Haupthalle eines Tempels

Hol den Buddha runter!
Hol diesen hübschen, wohlgenährten Buddha runter!
Was ist das für ein elegantes, dünnes Bärtchen?
Am folgenden Tag
reiß diese angemalte Hure eines Tragebalkens nieder!
Wofür zum Teufel ist dieser Drachenkopf gut?
Reiß den ganzen Tempel nieder,
vertreib die Mönche,
mach alles zu Staub und Schrott!
Puuh!

Nicht-Buddha, das ist der wahre Buddha.
Unsere großmäulige Marktfrau in Seoul, sie ist der wahre Buddha.
Wir alle sind wahrhaft Buddhabuddhabuddha.
Lebender Buddha? Eine einzige Zigarette,
da ist ein wirklich cooler, heiliger Buddha.

Nein, auch das nicht.
Selbst wenn die Welt voller Kuchen wäre
und jeder genug zum Leben hätte,
in sagenhaften Klamotten, mit allerhand Gütern gesegnet,
dank der Verbindung von Koreas und Amerikas Technologie,
wenn jeder frei leben könnte, ohne Rechte zu verlieren,
Himmel!
Paradies!
vollkommenes, unvergleichbares Eden, mit Juwelen gepflastert, selbst dann
müssten Tag für Tag Menschen die Welt verändern.
In jedem Fall
muss Tag für Tag diese Welt auf den Kopf gestellt
und als blühende Lotusblume erneuert werden.
Und dies ist Buddha.

(…)

***

Mopp

An windigen Tagen,
wenn die Wäsche im Wind flattert,
möchte ich zu einem Mopp werden,
ja, ohne unterwürfig zu sein, möchte ich ein Mopp werden.
Ich werde nicht fragen,
wie weit unser Land verschmutzt und besudelt ist.
Ich möchte nur zu einem Mopp werden
und demütig wenigstens einen Ort sauberwischen.

Ich darf die Tage nicht vergessen, als ich, zum Mopp geworden,
meine Gefängniszelle säuberte.

Ja, ich will zum Mopp werden.
Wenn ich erst ein Mopp bin,
will ich mein ganzes versautes Leben aufwischen.

Bin ich mit Aufwischen fertig,
möchte ich den dreckigen Mopp auswringen,
wieder und wieder,
nochmal und nochmal,
bis er es nicht mehr aushält.

Ich möchte als neuer Mopp
in einem neuen Land wiedergeboren werden.

Sonntag, 21. November 2010

Kidô Goroku Kôan Nr. 84

Der Gelbe Fluss

Ein Mönch suchte Meister Tokusan auf. Plötzlich näherte er sich dem Meister und machte eine rasche Geste in seine Richtung. Tokusan sagte: „Du bist so unhöflich, dass du Schläge von diesem Stock in meiner Hand verdienst.“ Der Mönch ging mit flatternden Ärmeln davon. Tokusan meinte: „Ich lasse das durchgehen, aber du hast nur die Hälfte erfasst.“ Der Mönch drehte sich um und schrie: „Katsu!“ Tokusan schlug ihn und sagte: „Du musstest mich ja unbedingt dazu bringen, dich zu schlagen.“ Der Mönch erwiderte: „Es gibt auf jeder Seite klarsichtige Menschen.“ Tokusan meinte: „Sie wurden mit Augen geboren.“ Der Mönch riss die Augen mittels seiner Hände weit auf, sagte „Miau!“ und ging davon. Tokusan meinte: „Der Gelbe Fluss ist nur alle dreitausend Jahre klar.“


Meister Kidô

Ich bin daran gewöhnt, Menschen zu schlagen, doch heute würde es einfach nichts bringen.
Steck jemanden für lange Zeit ins Gefängnis
und er wird ausgekocht.

Meister Hakuin

Es war ganz sicher so.

Freitag, 19. November 2010

Die 10 Schüler Buddhas (III): Ananda

3.      Ananda – Unentbehrliches Gedächtnis

Eine gütige Natur
Ananda, der Shakyamuni  die letzten fünfundzwanzig Jahre seines Lebens als persönlicher Begleiter diente, hörte mehr von den Lehren als jeder andere Schüler und brachte erstaunliche Konzentration auf, um diese im Gedächtnis zu behalten. Deshalb ist er auch als unübertroffener Zuhörer der Lehren bekannt. Sein starkes Gedächtnis spielte eine große Rolle beim Zusammenstellen der  Lehren auf der Ersten Ratsversammlung, die nach Shakyamunis Tod abgehalten wurde.
   Als Mitglied der Shakya-Kaste war Ananda Shakyamunis Cousin. Obwohl er zu Buddhas Begleiter ernannt wurde, erwartete er nie eine Sonderbehandlung. Shakyamuni vertraute ihm wegen des Eifers, mit dem er der Lehre lauschte, aus tiefstem Herzen.
   Als äußerst gütiger Mensch drängte Ananda Shakyamuni, den Unglücklichen zu helfen, was auch die folgende Geschichte offenbart:
   Eines Tages beim Spazierengehen hörte er die schmerzerfüllten Schreie von Kindern. Er trat in ihr Haus, um sie zu trösten und fragte, was vorgefallen war. Die Kinder antworteten: „Was sollen wir beiden Brüder jetzt nur machen? Als Mutter starb, arbeiteten wir zusammen mit Vater, um über die Runden zu kommen. Aber dann starb auch Vater. Also entschieden wir, dass Mönchwerden der einzige Weg ist, um am Leben zu bleiben. Als eines Tages die Schüler von Shakyamuni vorbei kamen, fragten wir sie, ob wir ihrer Gruppe beitreten könnten. Sie lehnten ab, weil wir noch keine fünfzehn Jahre alt sind.“
   Ihre Misere machte Ananda so traurig, dass er Shakyamuni überredete, den beiden Kindern den Einstieg ins religiöse Leben zu erlauben. Stark betroffen von Anandas Mitgefühl sagte Shakyamuni in ruhigem Ton: „Die beiden Jungen können bereits die Vögel verjagen, die über Felder und Obstgärten herfallen. Wir können sie als reife ‚Vogel-Jäger‘ des religiösen Lebens akzeptieren, obwohl sie noch keine fünfzehn Jahre alt sind.“ Auf diese Weise rettete Anandas Besorgnis die beiden Jungen aus der Not.

Ordination der Frauen
Anandas unermessliche Besorgnis gegenüber anderen führte sogar zu einer Änderung der Ordensregeln. Nachdem ihr Sohn das weltliche Leben aufgegeben hatte und der Shakya-König gestorben war, verfiel Shakyamunis Pflegemutter in solch tiefe Trauer, dass sie ebenfalls in Erwägung zog, sich dem religiösen Leben zuzuwenden. Aber in der von Männern beherrschten Gesellschaft jener Zeit sollten Frauen zu Hause bleiben und sich um die Familie kümmern. Einige Ordensmitglieder waren besorgt, dass die Anwesenheit von Frauen ein verführerisches Hindernis für Mönche sein könnte, die sich doch bemühten, sich von Täuschung zu befreien. Deshalb bestand der ursprüngliche buddhistische Orden weiterhin nur aus Mönchen, und auch Shakyamunis Pflegemutter wurde ausgeschlossen.
   Mahaprajapati und andere Frauen der Shakya-Kaste, die ebenfalls Nonnen werden wollten, schnitten als Zeichen ihrer Ernsthaftigkeit ihre Haare ab. Daraufhin riefen sie barfuß, mit Bettlerschalen in den Händen, Shakyamuni an. Ananda begrüßte sie und sprach zu Shakyamuni in ihrem Namen: „Die bud-dhistischen Lehren sind offen für Männer und Frauen. Warum sollte Frauen der Zutritt zum Orden verwehrt sein?“ Als Shakyamuni nicht antwortete, fuhr Ananda fort: „Wenn sie den Lehren Buddhas folgen, an den Regeln des Ordens festhalten, gewissenhaft und diszipliniert sind, können Frauen dann nicht auch Erleuchtung erfahren? Bitte denk darüber nach als Wiedergutmachung für deine eigene Mutter und öffne diesen hingebungsvollen Frauen den Weg zur Ordination.“
   Von Anandas Enthusiasmus angesteckt, erlaubte Shakyamuni Frauen den Einstieg in ein religiöses Leben unter der Bedingung, dass sie sich an spezielle Regeln halten sollen. Somit wurde der erste Orden für Frauen ins Leben gerufen.

Endlich erwacht
Shakyamunis nahender Tod muss für Ananda, der ihn immer begleitete, seine Predigten hörte und seinen Lehren folgte, verheerend gewesen sein. Trotz des ständigen Kontakts mit den Lehren blieb Ananda unerleuchtet und fürchtete wahrscheinlich, dass mit Shakyamunis Ableben die Tür zur Erleuchtung für ihn für immer verschlossen bliebe. Ohne auf Anandas Gefühlszustand Rücksicht zu nehmen, sagte  Shakyamuni in seinem Sterbebett: „Ananda, alles Leben findet irgendwann ein Ende. Trauere nicht, wenn ich gegangen bin. Nimm meine Lehren und Regeln als Mentor und lehre dich selbst gewissenhaft.“
   Obwohl Ananda durch diese Worte ermutigt wurde, bereitete ihm der Verlust seines Lehrers solchen Kummer, dass er seine Tränen nicht unterdrücken konnte.
   Kurz nach Shakyamunis Tod bereitete sich der Orden auf das Erste Ratstreffen vor, bei dem die Predigten und Aussagen Buddhas zur Aussendung in die Welt zusammengestellt wurden. Da er Shakyamunis persönlicher Begleiter war, wurde Ananda auserwählt, eine leitende Rolle beim Zusammenstellen der Lehren zu übernehmen. Einige der Ältesten waren mit dieser Entscheidung nicht einverstanden, da Ananda noch nicht Erleuchtung erfahren hatte.
   In der Nacht vor der Ratssitzung – im Bewusstsein, dass er sich zu sehr auf Shakyamuni verlassen hatte – widmete sich Ananda konzentriert der Selbstdisziplin. Als er gerade zu Bett gehen wollte und kurz bevor sein Kopf das Kissen berührte, erfuhr er vollständige Erleuchtung.
   Von Freude erfüllt benutzte er seine außerordentliche Gedächtniskraft, um die Lehren Shakyamunis  für die historische Zusammenstellung aufzusagen.

Friedensstifter bis zum Ende
Es heißt, dass Ananda einhundertzwanzig Jahre alt wurde. Eine Geschichte beschreibt, wie bedacht-sam und sanftmütig er all die Jahre war.
   Als er bemerkte, dass sein Tod nahte, machte sich Ananda Sorgen um die Konflikte zwischen den Königreichen von Magadha und Vaishali. Er hatte viele Anhänger in beiden Ländern und befürchtete, dass es nach seinem Tod zu Auseinandersetzungen um seine Überreste kommen könnte. Der Ganges bildet die Grenze zwischen den beiden Königreichen. Ananda nahm ein Boot und fuhr bis zur Mitte des Flusses. Er erreichte ein Stadium von Disziplin, dass es ihm ermöglichte, seinen Körper in Flammen aufgehen zu lassen, und äscherte sich selbst ein. Daraufhin teilten seine Anhänger in Magadha und Vaishali seine Überreste gleichmäßig untereinander auf.
   Gegen Ende seines Lebens brachte er all seine Kräfte im Einsatz für den Frieden auf. Seine großen Errungenschaften auf der Ersten Ratssitzung und sein tiefes Mitgefühl bilden einen fortwirkenden Teil der Geschichte des Buddhismus.

Paul Theroux: Blinding Light

"And he had discovered through the drug's blinding light that the truth was sexual: the source of truth was pleasure itself, fundamental and sensual. Everything else was a dishonest aspect of an elaborate and misleading surface - all lies." (p. 144)

"It's become clear that cash is the only way to deal with problems in life." (D.B.C. Pierre: Vernon God Little)

Montag, 15. November 2010

Ko Un: Gedichte (III)

Zerstörung des Lebens

Trenne dich von Eltern! Trenne dich von Kindern!
Dies und das, und dies nicht das,
und alles andere ebenso –
schneide es ab und töte es mit der scharfen Klinge der Nacht.
Jeden Morgen sind Himmel und Erde
behäuft mit allem, was tot ist.
Unsere Aufgabe ist, dies den ganzen Tag zu begraben

und dort eine neue Welt zu errichten.


Spiel und Spaß in der Umlaufbahn

Letzte Nacht schnitt ich mir einen Arm ab
und gab ihn einer armen Frau.
Dann schnitt ich den anderen Arm ab –
und gab ihn ihr ebenfalls.
Nun hab ich also keine Arme mehr. Ha ha ha.

Am frühen Morgen schnitt ich mir beide Beine ab
und gab sie einem Faulenzer in meiner Nähe.
Nun bin ich beinlos. Ha ha ha.
Ich frage mich jedoch:
Was zum Teufel tue ich da? Ha ha ha.

Heute früh gab ich meinen Rumpf
einem Löwen im Zoo.
Nun habe ich also
keine Schulterblätter mehr. Und auch keinen Nabel.
Keine Lungen. Erst recht keine Milz und keine Leber. Ha ha ha.

Da kann man nichts machen. Nun bin ich nichts
als ein Kopf, nichts als ein Kopf,
nichts als ein Kopf. Ha ha ha.
Ein Mönch mit Glatze aus dem Chogye-Tempel
kickt meinen Kopf beiseite.

Ab geht’s, drehe mich fröhlich im Kreis,
ein anderer Mönch mit Glatze köpft mich weg.
Ich steige hoch,
dann fall ich runter, plonk.
Weltmeisterschaft! Olympiade! Ha ha ha.

Schaut euch das an!
Mit einem einzigen Kopfstoß schick ich diese Erde,
diese hilflose Erde in die Irre,
na klar, aus ihrer Bahn.
Ich schicke diese Welt davon,
um für immer in der Leere des Weltalls zu verschwinden.

Kidô Goroku Kôan Nr. 94

Die Hirschherde

Ein Mönch fragte Meister Yakusan: „Auf der Ebene, wo Kurzgras wächst, gibt es Hirschherden. Was soll man tun, um einen Hirsch unter Hirschen zu erlegen?“ Yakusan erwiderte: „Nimm dich vor meinem Pfeil in Acht!“ Der Mönch ließ sich fallen. Yakusan sagte zu seinen Gehilfen: „Schleift diese nutzlose Leiche nach draußen!“ Da ging der Mönch weg. Yakusan meinte: „Dieser Kerl spielt mit Dreck. Er kennt keine Grenzen.“


Meister Kidô

Es ist gruselig, allein in einem alten Haus zu leben.


Meister Hakuin

Welch Anbindestange für einen Esel.

Die 10 Schüler Buddhas (II): Shariputra

2.      Shariputra: Der Weise
Die jungen Jahre
Shariputra, der als der weiseste von Shakyamunis zehn Schülern galt, war ein Vorbild für alle anderen Mönche und Führer des Ordens. Wir können viel von seinem Leben lernen.
   In einem Brahmanen-Dorf namens Nalandagrama im alten Königreich von Magadha lebte ein Mann, der für seine Debattierkünste berühmt war. Eines Tages wurde er von einem jungen Disputant übertroffen. Obwohl er gewonnen hatte, blieb der jüngere Mann bescheiden und sensibel gegenüber den Gefühlen seines Gegners. Daraufhin gab ihm der ältere Mann seine Tochter zur Frau. Das Paar hatte einen Sohn, den sie Upatishya nannten und der später den Namen Shariputra annahm.
   Upatishya hatte einen guten Freund namens Kolita. In der Tat wurden beide von ihren Müttern am gleichen Tag geboren. Beide entstammten reichen Familien und waren herausragend in der Wissenschaft und den Künsten. Eines Tages erweckte der Anblick eines religiösen Festes, das von einer Menge Gläubiger bestritten wurde, den Eindruck der Sinnlosigkeit in den Köpfen der beiden. Sie dachten: „Feste dieser Art anzuschauen ist zwecklos. Keiner dieser Menschen wird für immer leben. Kann denn in dieser Welt nichts dem Geiste unendlichen Frieden bringen?“ Sie entschieden, die Suche nach Erleuchtung bedeute das einzig wahre Glück, und beschlossen, das weltliche Leben für ein Leben religiösen Strebens aufzugeben.

Die Suche nach der wahren Lehre
Auf der Suche nach dem einen Weg reisten sie durch ganz Indien, um einen guten Lehrer zu finden, doch leider vergebens. Eines Tages traf Upatishya auf den Ehrwürdigen Assagi, einen der ersten Mönche unter Shakyamunis Führung, der die Erleuchtung erfuhr. Die bedachte Art seines Bettelns machte einen starken Eindruck auf Upatishya, der, nachdem er Assagi gefragt hatte, wer sein Lehrer war, sagte: „Freund, du kannst mir so viel oder wenig erzählen wie du magst, stelle nur sicher, dass du mir den Geist dieser Lehre darlegst“.
   Assagi erklärte ihm nur einen Teil von Shakyamunis Lehren. Upatishya verstand auf Anhieb und erlangte einen erhabenen geistigen Zustand, gefolgt von völliger Klarheit. Mit Freude in seinem Herzen nahm er Kolita mit sich, um Shakyamuni zu sehen.
   Im Venuvana, einem Kloster jener Zeit, sah Shakyamuni die beiden schon aus der Ferne näher kommen und prophezeite, dass sie eines Tages zu seinen wichtigsten Schülern würden. Als sie formell zu Schülern Shakyamunis ernannt wurden, nahm Upatishya den Namen Shariputra und Kolita den Namen Maudgalyayana an.
  Eines Tages trafen sich Shakyamuni und ein weiterer Mönch, der sich im Noviziat befand, in der Höhle, in der Shariputra lebte. Obwohl die Predigt, die Shakyamuni hielt, nicht an ihn adressiert war, hörte Shariputra jedes Wort und verstand auf Anhieb. Daraufhin erfuhr er die wahre Erleuchtung.
Dies ereignete sich am vierzehnten Tag, nachdem er in den Orden aufgenommen worden war. Shakyamuni erkannte all das Gute, dass Shariputra in seinen früheren Leben getan hatte. Danach verfolgten Shariputra und Maudgalyayana den buddhistischen Weg der Gewissenhaftigkeit und dienten als Beispiel für andere Mönche.

Der edel gesinnte Geist
Durch seine unerschütterliche Ruhe gewann Shariputra das Vertrauen vieler Gläubiger. Um seine geistige Stärke auf die Probe zu stellen, schlug einmal  ein gewisser Brahmane auf Shariputra ein und ging dann einfach weiter. Shariputra ging seines Weges, als ob nichts passiert wäre. Als Shakyamuni davon erfuhr, sagte er: „Erleuchtete Menschen haben mit dem Ärger abgeschlossen.“
   Bei einem anderen Ereignis erhielt ein Mönch als Gegenleistung für eine medizinische Behandlung  eine Mahlzeit. Als er das Essen Shariputra anbot, schlug dieser das Angebot aus, erhob sich und ging fort. Shakyamuni hatte davon abgeraten, dass Mönche irgendeine Art von Belohnung erhalten. Darum lobte er Shariputras Verhalten. Er sagte: „Wer, wenn er die Torheit eines anderen beobachtet, sich selbst ermahnt, lebt auch im Wissen um die Trauer, die in der Torheit des anderen verborgen liegt.“
   Da Shariputra freiwillig von Ort zu Ort reiste und die Lehren verbreitete, gewann er mehr und mehr Schüler, die ihn alle tief verehrten. Darunter waren auch seine eigenen Geschwister und Verwandte und ein Waisenkind, das er zum Mönch erzog.
 
Die Aussöhnung
In späteren Jahren wurde Shariputra von der Gewissheit gequält, dass seine Mutter ihn hasste, weil er und alle ihre anderen Kinder das weltliche Leben aufgegeben und die Familie ohne Nachkommen, die das Vermögen hätten verwalten können, verlassen hatte. Als er an Durchfall erkrankte und merkte, dass er bald sterben würde, besuchte er seine Mutter ein letztes Mal. Sie war überrascht zu sehen, wie Gottheiten vom Himmel herabsanken, um ihm einen Krankenbesuch abzustatten.
   Sie sagte: „Mein Sohn, du stehst über den Göttern!“
   Er antwortete: „Shakyamuni steht über allem!“
   Seine Mutter hörte sich an, was ihr Sohn zu sagen hatte, und öffnete sich Buddhas Lehren. Mit einem ruhigen Geist starb Shariputra in Frieden. Zwei Wochen später folgte ihm Maudgalyayana.
   Shakyamuni sagte angesichts der Trauer und den Wehklagen der Mönche über Shariputras Tod: „Die Buddhas der Vergangenheit hatten hervorragende Schüler und die Buddhas der Zukunft werden diese auch haben. Nichts in dieser Welt dauert für immer. Verlasst euch auf euch selbst und legt euren Glauben in Buddhas Lehren.“ Die verbliebenen Schüler nahmen sich diese Aussage zu Herzen und folgten dem Weg Buddhas mit Gewissenhaftigkeit.

Donnerstag, 11. November 2010

Gao Xingjian: Soul Mountain

Der Nobelpreistraeger schreibt ueber die Ethnie der Miao.

"The young men are even less inhibited and come right up to the women to choose the one they like best, as if they are choosing a piece of fruit. At this point the women move their handkerchiefs and fans, and the more they are examined the more feeling they put in their singing. When a conversation starts, the young man takes the woman's hand and they walk off together. (...) I am suddenly surrounded by an expanse of passions and think that the human search for love must originally have been like this. So-called civilization in later ages separated sexual impulses from love and created the concepts of status, wealth, religion, ethics and cultural responsibility. Such is the stupidity of human beings."

"I turn and see four or five girls on the slope all singing to me. One again calls out in a clear voice 'older brother'. (...) She is still a child, her face hasn't lost that childish look - the high forehead, upturned nose, small mouth. If I give the slightest sign I know she will come away with me, snuggle up ... But this tension is unbearable ... I've never encountered this style of love. It is what I dream about but when it actually happens I can't cope."

Sonntag, 7. November 2010

Ko Un: Gedichte (II)

Grenzen der Meditation

Vor ein paar Tagen kam ein Toter aus seinem Grab zurück.
Mit dem gleichen alten Lächeln, seine Kleidung aus der Asche erneuert,
legt er Rechenschaft über sich ab. 
   Um ihn leuchtet ein verschwommenes Licht.
Er spricht sich aus, geht dann wie ein Zeichen davon.
Mein junger Bruder neben mir verabschiedet ihn, 
   mit gereinigtem Körper und Geist.

So verbringen wir jeden Nachmittag, begrüßen und verabschieden uns.
Gelegentlich höre ich die Toten Koreas reden.
Ich denke, dass sie ein paar Dinge auslassen.
Wie könnten sie alles in einer kurzen Auferstehung offenbaren?
Ihre Geschichte von dem, was vor und nach ihrem Tod geschah,
enthält mehr, als ein paar Worte ausdrücken könnten.

(…)

Jeden Nachmittag empfangen und verabschieden wir 
   Gäste aus dem Jenseits der Gräber.
Das Licht jenseits des Fensters ist eine Sonnenuhr, 
   die uns die Zeit verrät.
Jedes Wort, das mein Bruder von den Toten hört,
wird zunächst an der Sonne getrocknet, dann aufbewahrt.
Wahrlich, diese Welt ist die jenseitige Welt, riesig und weit;
diese Welt ist ein Grab.
Lass uns morgen die, die kommen, nicht zurückschicken,
   lass sie mit uns zusammenleben.

***

Verse

Ich möchte ihr einen Sahnebonbon kaufen,
doch ich habe keine Tochter,

als ich im Herbst an einem Laden vorbeikomme.

Kidô Goroku Kôan Nr. 83

Die Sänfte

Als Meister Seppô einen Besuch bei Meister Yusen beendete, begleitete ihn dieser zum Tor und sah, wie er in eine Sänfte stieg. Yusen fragte: „Dies wird von vier Männern getragen. Von wie vielen Männern wird das getragen?“ Seppô lehnte sich vor und meinte: „Was hat er gesagt?“ Yusen wiederholte es. Seppô rief: „Los, los! Er versteht nicht.“


Meister Kidô

Antworte anstelle von Yusen:
„Ehrwürdiger, bitte sitzt still in Eurer Sänfte.“

Meister Hakuin

Seid vorsichtig auf Eurem Weg.

Die 10 Schüler Buddhas (I): Mahakashyapa

(In den kommenden Wochen sollen die zehn Hauptschüler Buddhas vorgestellt werden. Mit freundlicher Genehmigung der Sotoshu Shumucho übersetzt aus einer früheren Version von http://global.sotozen-net.or.jp/ durch Katrin Hugo.)

1.      Mahakashyapa: Ehrenhafte Armut und Selbstlosigkeit

Frischvermählte, die das Weltliche aufgeben wollen
Mahakashyapa wurde in die Kaste Kashyapa im Dorf Mahatitta im alten indischen Königreich Magadha geboren. Sein ursprünglicher Name war Pippala, weil es hieß, dass sich seine Mutter während seiner Geburt unter einem Pippal-Baum ausgeruht hat.
   Von Haus aus intelligent, beherrschte er bereits mit acht Jahren die Gebote Brahmans und bewies großes Talent in allen Bereichen des Lernens und der Künste. Als er älter wurde, begann er, das Leben eines wohlhabenden Brahmin zu verschmähen und wollte sein weltliches Leben zugunsten religiösen Strebens aufgeben.
   Im Gegensatz zu seinen Vorstellungen waren seine Eltern darauf erpicht, dass er bald heiratete und den familiären Stammbaum fortsetzte. Um seine Eltern zu beruhigen, heiratete er, wenn auch unfreiwillig. Wie sich jedoch herausstellte, wollte seine neue Frau ebenfalls das weltliche Leben aufgeben. Obwohl sie nun verheiratet waren, gelobten sich beide ein reines Leben ohne jegliche Begierde.

Die Begegnung mit Shakyamuni
Zwölf Jahre später, nachdem seine beiden Eltern gestorben waren, beobachtete Pippala eines Tages eine Schar von Würmern, die sich auf ausgelegten Bohnen auf einer Strohmatte tummelten, und wurde bedrückt bei dem Gedanken an die vielen Leben, die er Tag für Tag versehentlich ausgelöscht hatte. Daraufhin beschloss er, ins religiöse Leben einzusteigen. Er machte sich auf die Suche nach einem guten Lehrer und versprach seiner Frau, sie sofort zu informieren, sobald er einen gefunden habe. So begann er sein ersehntes Leben voller religiöser Übung. Es heißt, dass an dem Tag, an dem Pippala seine Entscheidung getroffen hat, Shakyamuni unter dem Bodhi-Baum die Erleuchtung erlangte.
   Als Mitglied der Kashyapa-Kaste wurde Pippala bald der große Kashyapa oder Mahakashyapa genannt. Eines Tages, als er aus religiöser Selbstzucht von Dorf zu Dorf reiste, begegnete er Shakyamuni, der von einer Horde Schülern umgeben war. Von dessen Ehrwürdigkeit berührt, warf sich Mahakashyapa nieder und verlangte als Schüler aufgenommen zu werden, da es keinen anderen Lehrer für ihn gebe.
   Shakyamuni erkannte Mahakashyapas vollkommene Aufrichtigkeit und wies ihn gewissenhaft in die Lehren ein. Nach acht Tagen erfuhr Mahakashyapa die Erleuchtung. Seine Frau wurde zur Nonne und erfuhr infolge religiöser Disziplin ebenfalls die Erleuchtung.

Glück im bescheidenen Essen finden
Mahakashyapa hielt strikt die Übungen der Enthaltsamkeit ein. Er legte jegliches Interesse an Nahrung, Kleidung und Behausung ab und lebte ein einfaches Leben, beschränkt auf das Notwendigste. Er befolgte die zwölffachen Übungen, die auf die Beseitigung aller Bindungen ausgelegt sind.
1. An einem ruhigen Ort fernab von menschlicher Zivilisation üben.
2. Nur Nahrung zu sich nehmen, die durch Betteln erworben wurde.
3. In einer strikten Reihenfolge von Tür zu Tür betteln, keine auslassen.
4. Die Almosen auf eine Mahlzeit am Tag beschränken.
5. Sparsam essen.
6. Nachmittags nichts mehr essen.
7. Kleidung aus weggeworfenen Lumpen fertigen.
8. Nur die Gewänder besitzen, die von Shakyamuni vorgeschrieben sind.
9. Auf einem Friedhof leben.
10. Unter einem Baum in einem ruhigen Wald leben.
11. Auf unbebautem Land sitzen.
12.  Nur sitzen, sich nicht hinlegen.
    Die folgende Anekdote beschreibt das Ausmaß, in dem Mahakashyapa die Regeln befolgte:
   „Als ich in ein Dorf kam, um dort zu betteln, näherte ich mich höflich einem sehr kranken Mann, der seine alte Hand, die eine kleine Menge Reis enthielt, öffnete. Als der Mann den Reis in die Schale warf, fiel auch einer seiner faulen Finger in die Schale. Ich setzte mich neben einen Zaun und aß die Mahlzeit. Danach war ich von einem Gefühl der Dankbarkeit erfüllt.“
  Das besondere Essen der Reichen mied Mahakashyapa und bettelte lieber bei den Armen. Ihre ungeschönten Angebote erfreuten ihn, denn durch ihren Erhalt gab er den Gebern die Gelegenheit, Verdienst anzusammeln.
   Ein bestimmtes Dorf wusste nicht, wie es mit den eifrigen Bettelmönchen umgehen sollte. Maha-kashyapa  gewann den tiefen Respekt der Dorfbewohner, indem er ihnen erklärte, was man tun muss, um mit Frieden im Geiste zu leben. Gelegentlich, wenn auch Shakyamuni in der Gruppe anwesend war, kamen die Kinder zu Mahakashyapa, um ihm ihre Gaben anzubieten.

Lebenslange Enthaltsamkeit
Als Mahakashyapa älter wurde, machte sich Shakyamuni mehr und mehr Sorgen um seinen Gesundheitszustand. Seine aus Lumpen zusammengenähte Kleidung war wahrscheinlich zu schwer und bedrückend. Shakyamuni sagte also zu ihm: „Du bist nun ein alter Mann. Warum trägst du keine leichtere und sauberere Kleidung? Auch könntest du anstatt immer nur zu betteln auch mal eine Essenseinladung eines Gläubigen annehmen. Es ist kalt draußen im Wald. Warum kommst du nicht und lebst in meinem Tempel?“
   Obwohl Mahakashyapa aufgrund diese fürsorglichen Worte sehr dankbar war, antwortete er: „Die enthaltsame Art zu Leben macht mich glücklicher als alles andere. Wenn ich dabei bleibe, setze ich ein gutes Beispiel und ermutige auch jüngere Generationen“. Shakyamuni  begrüßte seine Einstellung sehr und erlaubte Mahakashyapa, weiterhin so zu leben, wie er es für richtig hielt; dennoch warf er ein aufmerksames Auge auf ihn.

Der Führer des Ordens
Seine tiefe Ernsthaftigkeit wurde bewundert, und Mahakashyapa konnte im Alter als bedeutsamer Ordensältester Shakyamuni helfen. Als er von Shakyamunis bevorstehendem Tod unterrichtet wurde, war Mahakashyapa so sehr von Trauer ergriffen, dass er ohnmächtig wurde.
   Noch bevor er sich völlig von seiner Trauer erholen konnte, traf er die bedeutende Entscheidung, die große Anzahl von Shakyamunis Lehren und klösterlichen Geboten zusammenzutragen und anzuordnen, so dass sie korrekt an die Nachwelt weitergegeben werden konnten. Er trachtete auch danach, die Zustimmung der anderen Schüler zu gewinnen.
   Sehr bald versammelte er alle Ältesten zur sogenannten Ersten Ratssitzung. Unter ihnen war auch Ananda anwesend, der sich ständig an Shakyamunis Seite aufgehalten und dadurch die größte Anzahl seiner Lehren vernommen hatte. Sein erstaunliches Gedächtnis erwies sich beim Zusammentragen der Lehren als sehr kostbar.
   Mahakashyapa wurde zum Führer des Ordens ernannt. Zwanzig Jahre nach dem Zusammentragen der Lehren, bemerkte er, dass nun auch seine Zeit gekommen war. Er vertraute Ananda den Orden an und bestieg den Berg Kukkatapada-giri. Die Stille seiner letzten Momente wurde der Würde dieses Mannes gerecht. Er verteilte Gras auf dem Boden und setzte sich darauf, um in Shakyamunis Gewand und mit seiner Bettelschale neben sich zu meditieren. Er fügte seine Handflächen in ehrfürchtiger Haltung zusammen, und während er für den Frieden alles Lebenden betete, erreichte er das meditative Stadium und tat leise seinen letzten Atemzug. Es heißt, dass der Berg um ihn herum zum Zeitpunkt seines Todes mit lautem Getöse abbröckelte und Mahakashyapa eins mit ihm wurde.
   Mit dem Geringsten zufrieden und immer gradlinig war Mahakashyapa nicht nur ein strenger Asket, sondern auch – vor allem im Alter – das vereinigende Zentrum des Ordens und die treibende Kraft hinter der großen Aufgabe, die Lehren Buddhas zusammenzutragen. Man kann sagen, dass sich der Buddhismus ohne ihn nie so entwickelt hätte. Die Tatsache, dass ein solch wunderbarer Schüler ihn verehrt hat, gilt als Zeugnis für die Größe Shakyamunis.

Montag, 1. November 2010

Ko Un: Gedichte (I)

[Hier beginnt eine Serie von Gedichten des bekanntesten koreanischen Autors Ko Un, der einst ein Zen-Mönch war - was man seinen Versen immer wieder anmerkt. Die  kaum angemessen übersetzbaren Gedichte wurden erstmals für diesen Blog ins Deutsche übertragen und umspannen die ganze Schaffensperiode von Ko Un.]

Insektenstimme

Spätherbstblätter sind gefallen.
Zweige dehnen sich nackt.
In solch einer Jahreszeit,
könnte da ein dunkler Strom im Untergrund fließen?
Meine Träume werden vom Geräusch des Wassers unterbrochen,
als würde ein unterirdischer Strom nach oben wogen.
Als ich lausche, schwindet sein Klang. Doch in der blauen Nacht,
da ich versuche, wieder einzuschlafen, höre ich ihn wieder.
Nicht mit meinen Ohren,
aber mit meinen Augen.
In der Tiefe meiner Augen, ein Insektenbrummen!
Keine Ohren.
Kein Ton.
Dämmerung, die im Dunkel meiner Augen erwacht.