Freitag, 28. Januar 2011

Kidô Goroku Kôan Nr. 93

Direkt auf den Punkt kommen

Meister Kegon sagte: „Ich will nicht, dass ihr etwas zurückhaltet. Wenn ihr wahre Nachfolger von Rinzai, Tokusan, Kôtei, Daigu, Chôka und Sensu seid, dann müsst ihr nicht um den heißen Brei herumreden. Ihr solltet direkt auf den Punkt kommen, und ich, Kegon, bin dafür der Beweis.“ Meister Shukaku trat nach vorn und verbeugte sich. Dann richtete er sich auf und rief: „Katsu!“ Kegon rief zurück. Shukaku rief erneut, und Kegon tat es ihm gleich. Dann verbeugte sich Shukaku, richtete sich auf und sagte: „Lasst uns alle den Fehler dieses Mannes betrachten!“ Er rief noch einmal und kehrte in die Menge zurück, wobei er in die Hände klatschte.
   Kegon ging in sein Zimmer. Damals war Meister Fuketsu für das Lesen der Sutren verantwortlich. Er fragte Kegon, was am Tage so geschehen war. Kegon antwortete: „Die Menschen aus Setsu haben keine Manieren. Heute wurde ich gründlich von Shukaku gedemütigt. Lass mich nun meine Anhänger zusammenrufen, damit sie ihm eine Abreibung erteilen und ihn davonjagen.“ Fuketsu sagte: „Dazu ist es zu spät. Außerdem haben Ehrwürden die Dinge zu streng formuliert. Ihr habt ihn selbst gebeten, direkt zum Punkt zu kommen. Da er ein Anhänger des Rinzai ist, hat er sich demgemäß verhalten.“
   Erst da klang Kegons Wut ab. Fuketsu begab sich zu Shukaku, um mit ihm über diese Angelegenheit zu sprechen. Dieser sagte: „Warum musst du diesen alten Mann besänftigen? Er hätte mich mit seinem Stock schlagen sollen, bevor ich etwas sagte. Dann hätten sich meine Worte verbreitet. Da er mich aber nicht verprügelt hat, werden meine Worte nicht weit reichen.“ Fuketsu meinte: „Was ihr gerade gesagt habt, ist bereits in die Ferne vorgedrungen.“

Meister Kidô

Fuketsu sollte sagen: „Bruder Shukaku, nach welchem Saft
schaust du auf der Balkenwaage?“

Meister Hakuin

Schlau, schlau.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Kidô Goroku Kôan Nr. 92

Das Rasiermesser

Bevor Meister Sai-in sich selbst als Priester niederließ, lebte er in der Präfektur Kyo, wo er davon hörte, dass Meister Nan-in sich als Priester niedergelassen hatte. Die beiden hatten gemeinsam Buddhismus studiert, und so suchte Sai-in Nan-in auf und sagte beim Wiedersehen: „Ich habe dir nichts Besonderes zu geben, aber auf meinem Weg von Kyo hierher habe ich ein Rasiermesser im Distrikt Kôzei erworben. Das würde ich dir gerne schenken.“ Nan-in erwiderte: „Du bist also aus der Präfektur Kyo gekommen? Wie bist du dann an ein Rasiermesser aus Kôzei geraten?“ Sai-in machte mit dem Rasiermesser eine Schneidebewegung über Nan-ins Hand. Nan-in sagte: „Gehilfe, nimm das weg!“ Mit einem Flattern seiner Ärmel ging Sai-in davon. Nan-in lachte: „Ha, ha!“


Meister Kidô

Lass uns von Herzen über alte Zeiten plaudern.


Meister Hakuin

Auf vertraute Art über Berge, Wolken, den Ozean und den Mond reden.

Montag, 24. Januar 2011

Zen-Begriffe (VI): Gongo dôdan

Jenseits von Wörtern bedeutet alle Wörter (Gongo dôdan)

Menschen neigen zur Ansicht, dass Zen die Sprache und Worte ablehnt und allein auf der Erfahrung fußt, mit der innere Vorgänge verstanden werden sollen. Dennoch nutzt man im Zen unzählige Bücher, die Aphorismen und Gedanken anerkannter Mönche enthalten. Dieser offensichtliche Widerspruch offenbart einiges über die tiefgründige Zen-Welt der Worte. Ein Ausdruck demonstriert den Zen-Denkansatz: Jenseits von Worten und Intellektualisierung (gongo dôdan). Er trifft generell auf den Buddhismus zu und fand sogar Eingang in die japanische Umgangssprache.

Sonntag, 23. Januar 2011

Kidô Goroku Kôan Nr. 91

Die Frage

Meister Hyakujô sagte zum Mönch Sai, der bei ihm zu Gast war: „Darf ich dir eine Frage stellen?“ Sai erwiderte: „Ich denke, dass es etwas gibt, was nicht aus Worten besteht. Welchen Sinn hat es dann, eine Frage zu stellen?“ Hyakujô sagte: „Annan[1] wurde unterworfen; nun muss man sich um den Norden Sorgen machen.“ Sai entblößte seine Brust und fragte: „Ist es so? Ist es so?“ Hyakujô meinte: „Auf jeden Fall ist es schwer zu fassen. Auf jeden Fall ist es schwer zu fassen.“ Sai sagte: „Wenn du es verstehst, ist alles in Ordnung. Wenn du es verstehst, ist alles in Ordnung.“


Meister Kidô

Die Gebirgskette ist lang,
der Fluss fließt weit dahin.
Das Gesicht ist das eines Mannes,
das Herz das eines wilden Tieres.


Meister Hakuin

Ein Dieb ist ein gemeiner Kerl,
doch sein Verstand
kann den eines Edelmannes übertreffen.


   [1] Ein Staat in Südchina.

Samstag, 22. Januar 2011

Zen-Begriffe (V): Hyakushaku Kantô Shin Ippo

Weitermachen vom Gipfel aus (Hyakushaku Kantô Shin Ippo)

Meistens wenn wir erfolgreich genug waren, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, wollen wir eine Pause auf dem Gipfel machen, um unsere Zufriedenheit zu genießen. Aber wir müssen uns daran erinnern, dass der Fluss der Zeit unablässig weiterfließt, während wir pausieren.
   Zen ermutigt uns, unsere Aufmerksamkeit auf den ungebrochenen Zeitfluss zu richten, in Form des Satzes: „Hyakushaku Kantô Shin Ippo“, der wörtlich meint, einen Schritt von einer 100 Fuß hohen Bambusstange zu machen.
   Das „Shôbôgenzô Zuimonki“ meint dazu:
   „Schüler auf dem Weg, lasst Körper und Geist los und tretet komplett in den Buddha-Dharma ein.“ Ein alter Weiser fragte: „Auf der Spitze eines 100 Fuß hohen Mastes, wie kannst du da noch einen Schritt weiter rauf steigen?“
   In solch einer Situation denken wir, wir seien zum Tode verurteilt, wenn wir den Mast losließen, und so klammern wir uns fest.
   Die Aussage „einen Schritt weiter“ meint das Gleiche, als hätten wir erkannt, dass es nicht schlimm sei und könnten darum sogar unser körperliches Leben aufgeben. Wir sollten aufhören, uns über alles Sorgen zu machen, angefangen bei der Art zu leben bis hin zu unseren Lebensgrundlagen.
   Sofern wir diese Dinge nicht aufgeben, wird es unmöglich sein, den Weg zu erreichen, auch wenn wir so ernsthaft zu üben scheinen, als wollten wir ein Feuer auf unserem Kopf auslöschen. 
   Lasst einfach entschlossen Körper und Geist los!

Freitag, 21. Januar 2011

Zen-Begriffe (IV): Hyakufutô no ittô

Ein Erfolg unter hundert Misserfolgen (Hyakufutô no Ittô)

Shakyamunis Lehre enthält die Doktrin über die vier und die acht Leiden (shiku hakku). Die vier sind die Geburt, das Altern, Krankheit und Tod. Die restlichen vier, welche die acht Leiden vervollständigen, sind die Trennung vom Geliebten, Zusammensein mit Ungeliebtem, der Misserfolg beim Erfüllen von Wünschen und psychosomatisches Leiden. Der japanische Ausdruck „shiku hakku“ wird oft benutzt, um extreme Entbehrung zu beschreiben. Das Überwinden unabwendbaren Leidens ist eins der größten buddhistischen Ziele.
   Wir wünschen uns ständig, zu haben, was uns als wichtig, wünschenswert oder vergnüglich erscheint, aber manchmal frustriert uns der Versuch, es zu bekommen. Läufer bekommen ihren Start nicht hin, egal wie lange sie üben. Baseballspieler schwingen  hundert Mal den Schläger, ohne dass es nur einmal so klappt, wie sie es gerne hätten. Manchmal, inmitten der ganzen Übung, brechen sie plötzlich aus dieser Krise aus und machen den perfekten Schlag. Zu diesem Zeitpunkt sind sie befreit von dem Leiden, welches durch die Misserfolge beim Verfolgen des Ziels verursacht wurde. Das Glück, welches sie bei diesen Anlässen empfinden, ist das Ergebnis nicht des Zufalls, sondern von Dutzenden oder Hunderten von Versuchen. All ihre Niederlagen werden durch den Erfolg gerechtfertigt. Sie haben den einen Erfolg unter hundert Misserfolgen erfahren.

Donnerstag, 20. Januar 2011

Zen-Begriffe (III): Roseikon und Mukudoku

Totale Hingabe (Rôseikon)

Sich einer Sache voll und ganz hinzugeben ist nicht so leicht, wie es scheint. Im „Eihei kôroku“ sagt Dogen Zenji, dass es äußerst wichtig sei, seine ganze mentale und körperliche Kraft in allen Aktivitäten zu konzentrieren.
   Oder, um es anders auszudrücken, leg deine ganze Seele und deinen ganzen Körper in alles, was du tust – beim Aufstehen, beim Waschen, beim Frühstücken, bei der Arbeit, beim Treffen mit Menschen, mit denen du über die Arbeit sprichst, beim Teetrinken und so weiter.

Überhaupt kein Verdienst (Mukudoku)

Bodhiharma, in Japan immer noch unter dem Namen Daruma Daishi verehrt, führte den Buddhismus im frühen 6. Jahrhundert in China ein, während der Regierungszeit des  Imperators Wu in der Liang-Dynastie. Da der Imperator an Buddhismus interessiert war, arbeitete er voll Stolz daran, diesen bekannt zu machen, und lud Bodhidharma ein, bei ihm zu bleiben.
   Zufrieden mit seinem eigenen Glauben, meinte der Imperator einmal zu Bodhidharma: „Ich habe all diese buddhistischen Tempel gebaut,  all diese Sutras kopiert und all diese Mönche ausgebildet. Welche Art von Verdienst wird mir meine Arbeit einbringen?“ Bodhidharma antwortete brüsk: „Überhaupt kein Verdienst!“
   Kein Zweifel, dass der Imperator, Befehlshaber eines ganzen Landes, sich verachtet fühlte.

  Eigentlich warnte Bodhidharma ihn davor, Dinge zu tun, um bestimmte Ziele zu erreichen. Zen ermahnt uns strikt, von Anfang an keine Ziele zu verfolgen. Die Zen-Energie tritt immer in einer rein natürlichen, entspannten und unvoreingenommenen Weise auf.

Zen-Begriffe (II): Honrai no menmoku

Die Zen-Lehre basiert  vorwiegend auf Begriffen wie „Ursprünglichkeit“ (honrai) und Selbst (jiko).
   Das erste Glaubens-Problem, auf das Dogen Zenji stieß, nachdem er das weltliche Leben verlassen hatte, war folgendes:  Wenn es so ist, wie man uns gelehrt hat, dann vereinen alle empfindenden Wesen ursprünglich die Buddha-Natur in sich. Was ist dann der Sinn in der Aufnahme von religiösem Training und religiöser Disziplin?
   Er sprach davon, nachdem er von seinem Pilgerweg nach China zurückgekehrt und von seinem Mentor Rujing als wahrer Schüler anerkannt worden war.
   Keizan Zenji, welcher den Glauben Dogen Zenjis übernahm, sprach oft vom innewohnenden Licht. Manchmal vergessen wir die Bedeutung dieses wichtigen Wortes bezüglich des Glaubens.  Es hat eine hohe Übereinstimmung mit den zahlreichen Verweisen aufs Licht in der christlichen Bibel. Beispielsweise: „Und es soll keine Nacht mehr geben, sodass sie weder das  Licht einer Lampe, noch das Licht der Sonne brauchen; denn Gott der Herr wird ihnen Licht geben, und sie sollen regieren für immer.“ (Offenbarung 22:5)

Die Form, in der die Wahrheit wohnt

Dogen Zenji und Keizan Zenji gebrauchten oft zwei Ausdrücke – ursprüngliche Natur (honrai no menmoku) und angeborenes Licht (jiko no kômyô), welche fundamental wichtig für den Soto-Zen Glauben sind.
   „Im Frühling Kirschblüten, im Sommer der Kuckuck. Im Herbst der Mond und im Winter der Schnee – klar und kalt.“
   Dies ist das berühmteste der 60 Gedichte aus Dogen Zenjis Sammlung „Sanshôdôei“ und wird  „Ursprüngliche Natur“ betitelt. Es zeigt die unverfälschte, wahre Essenz der Natur in den vier Jahreszeiten. Frühling meint das Erblühen der Kirschbäume. Der Sommer bringt die widerhallenden Lieder der Vögel. Der wunderschöne Mond scheint klar vom Herbsthimmel. Und im Winter fällt der Schnee tief und weiß. Das ist die ungetrübte Natur der vier Jahreszeiten oder „honrai no menmoku“, wie man in Japan sagt.
   Dogen Zenji war der erste, der das Wort „honrai“ in anderem Kontext benutzte. Er sprach von „honrai shin“, dem wahren und reinen Geist, oder von „honrai no shinchi“, dem intuitiven Zustand des Geistes vor jeder vergleichenden Beurteilung.
   Der Begriff „menmoku“ ist ein anderer Schlüssel, um Dogen Zenjis Glauben zu verstehen. Der Ausdruck „honrai no menmokku“ hat die Bedeutung, dass die Form von etwas, so wie es gerade ist, tatsächlich alles ist. Dies beinhaltet, dass wir anstreben müssen, die Dinge möglichst genau zu hören und zu sehen, so wie sie sind, ohne sie durch menschliche Gedanken zu verfälschen.

Montag, 17. Januar 2011

Zen-Begriffe (I): Sottaku dôji

Sottaku Dôji: Zeitgleiches Picken der Eierschale von Innen und  Außen

Einst erzählte ein Priester des chinesischen Caodong (Zen), welcher Yuefeng Yicun hieß, seinem Schüler, dass das Verhältnis zwischen Gelehrtem und Schüler gleichzusetzen sei mit dem Picken an einer Eierschale, von der inneren und von der äußeren Schale aus.
   Als der Neuling fragte, was er meinte, erklärte der Meister: „Wenn ein Küken bereit ist zu schlüpfen, es aber nicht kann, weil es zu schwach ist, so muss die Henne kommen und ihm helfen.“  Auf die Frage des Schülers, warum dies so sei, antwortete der Meister:  „Also, die Henne beginnt, von Außen gegen die Schale zu picken und das Küken tut dies ebenfalls, allerdings von Innen heraus. Wenn die Henne pickt, brauch sie die Unterstützung des Kükens. Und wenn das Küken pickt, so brauch es die der Henne. Ohne dies könnte das Küken nicht schlüpfen.“
   Später legte Jing Qingdao seinen Auszubildenden diese Diskussion zwischen Meister und Schüler dar, also zwischen ihm und Yuefeng Yicun. Diese Geschichte, bekannt geworden als „sottaku dôji“ oder gleichzeitiges Klopfen von Innen und Außen, repräsentiert den Kontakt zwischen dem Geist des Meisters und dem des Schülers – der eine bemüht sich von innen, der andere hilft von außen. Diese Beziehung der gegenseitigen Abhängigkeit ist ebenso essenziell im täglichen Leben wie auch im Zen-Buddhismus. Niemand kann in kompletter Isolation und Unabhängigkeit leben. Jeder ist von jedem abhängig. Das Erkennen der Notwendigkeit von Hilfe auf beiden Seiten ist der Weg zu eindeutigen Beziehungen und stabiler Identität.
   „Sottaku dôji“ ist ebenfalls in der Verfestigung von Frieden zwischen den zwei  Identitäten, die jeder von uns in sich hat, hilfreich: das Ich des täglichen Lebens und das ideale Ich.

Sonntag, 16. Januar 2011

Kidô Goroku Kôan Nr. 90

Tiger und Adler

Der Mönch Sai kam in die Halle, um Meister Nichiyô zu treffen. Der klatschte dreimal in die Hände und fragte: „Draußen steht ein furcht-erregender Tiger. Wer kann ihn besiegen?“ Sai erwiderte: „Ein kluger Adler steigt gen Himmel auf. Wer kann ihn fangen?“ Nichiyô sagte: „Beides kann man nur schwer vollbringen.“ Sai meinte: „Lasst uns hier mal unterbrechen, auch wenn dieses Problem noch nicht gelöst ist.“ Nichiyô kehrte in sein Zimmer zurück, wobei er seinen Stock schwenkte. Sai sagte nichts. Nichiyô kommentierte: „Ich habe ihn abgemurkst.“


Meister Kidô

Er behält die Oberhand.


Meister Hakuin

Eine Hand hebt hoch.
Eine Hand legt ab.

Freitag, 14. Januar 2011

Die 10 Schüler Buddhas (X): Mahakatyayana

10.      Mahakatyayana: Unübertroffener Lehrer

Der Junge, der zu schlau war
Mahakatyayana, der als Junge Nalaka genannt wurde, wurde als Sohn einer Brahmanen-Familie in Avanti, im südwestlichen Teil des heutigen Indiens, geboren. Er hatte einen intelligenten älteren Bruder, der begeistert unter verschiedenen Lehrern studierte und dessen tiefgreifendes Wissen allgemeinen Respekt hervorrief. Doch Nalaka konnte schon Lehrinhalte nach einmaligem Hören verstehen, für die sein Bruder ein Jahr lernen musste, um sie zu beherrschen. Von Eifersucht getrieben dachte der Bruder sogar über Mord nach. Der Vater des Jungen ahnte dies und vertraute Nalaka seinem Onkel Ashita an, der voraussagte, dass der Neugeborene Siddhartha Gautama die Erleuchtung empfangen und zu Buddha Shakyamuni werden würde. Unter Ashitas Führung entwickelte sich Nalaka bis zu dem Punkt, an dem er übernatürliche Kräfte erlangte. Eines Tages, an seinem Totenbett, sagte Ashita zu Nalaka, dass ein Buddha auf dieser Welt erschienen sei und dass er sein Lehrling und Schüler werden sollte. Nalaka, der immer noch vom Wunsch nach Reichtum und Ehre getrieben war, machte keinerlei Anstalten, dem Ratschlag zu folgen.

Ein Gedicht, das nur Buddha deuten konnte
Eines Tages bat ein Naga-König auf der Suche nach dem wahren Buddha verschiedene Menschen, ihm ein bestimmtes Gedicht zu erläutern. Es hieß, dass nur ein wahrhaft Erleuchteter dies tun könne. Die Menschen kamen aus dem ganzen Land und versuchten, die wahre Bedeutung des Gedichtes zu ergründen, doch ohne Erfolg. Auch der allseits angesehene Nalaka empfand die Aufgabe als zu schwierig. Zu diesem Zeitpunkt wandte er sich schließlich an Shakyamuni und bat ihn um Hilfe. Sofort nachdem er das Gedicht gehört hatte, erläuterte Shakyamuni seine wahre Bedeutung. Voller Bewunderung wendete sich Nalaka umgehend vom weltlichen Leben ab und disziplinierte sich selbst, bis er schließlich die Erleuchtung erlangte. Daraufhin wurde die Vorsilbe ‚maha‘ (groß) an seinen Nachnamen Katyayana gehängt.

Der Weg zur Befreiung
Shakyamuni verehrte Mahakatyayana für sein Verständnis der Lehren und seine Fähigkeit, diese so zu erklären, dass jeder sie verstand. Viele Geschichten beschreiben, wie er die Lehren in seinen Predigten benutzte, um die Menschen zu führen.
   Als die königliche Gemahlin des Königreichs von Magadha, im Mittellauf des Ganges, starb, war der König so von Trauer erfüllt, dass er nichts mehr essen wollte und die Staatsangelegenheiten vernachlässigte. Gefolgsleute, die sich um den Monarchen und die Monarchie Sorgen machten, rieten ihm, sich an Mahakatyayana um Rat zu wenden. Mahakatyayana sagte zum König: „Die Welt ist so kurzlebig wie Träume und Fantasien. Alles hat ein Ende. Alles hört auf zu existieren. Alles Lebendige muss Alter, Krankheit und Tod ertragen.“ Daraufhin erklärte er dem König in geschickter Weise, der einzige Weg, um Frieden zu finden sei, die Unvermeidlichkeit von Alter, Krankheit und Tod zu akzeptieren. Tief ergriffen von dem, was er gerade gehört hatte, gelobte der König bis zu seinem Tod sein Vertrauen in Buddha, die Lehre und die Gemeinschaft der Gläubigen zu legen.

Acht Träume
Der König von Ujjayaini war einer der Menschen, denen Mahakatyayana die Lehren Shakyamunis erläuterte. Er war als Tyrann gefürchtet und hasste Priester. Shakyamuni schickte Mahakatyayana zu ihm. Allmahlich fing der König an, ihn für seine würdevolle Haltung und Intelligenz zu respektieren. Eines Nachts hatte der König acht Träume, die er sofort als eine Art Vorbote interpretierte. Beunruhigt konsultierte er die Brahmanen, die ihm sagten, dass die Träume eine Katastrophe vorhersagten, die nur abgewendet werden könne, wenn er das Leben der Königin, seiner Kinder und Mahakatyayanas opferte. Der gequälte König steckte in einer Zwickmühe. Schließlich ging die Königin zu Mahakatyayana und erklärte ihm die Situation. Er sagte zu ihr: „Sieben dieser Träume besagen, dass benachbarte Länder euch wertvolle Schätze anbieten wollen. Der letzte bedeutet, dass ihr euch entzweien werdet.“
   Wie Mahakatyayana vorhergesagt hatte, wurden dem König Schätze überbracht, doch er und seine Frau stritten sich über sie. In der Hitze des Augenblicks erhob der König sein Schwert gegen die Königin. Als er sie gerade damit verletzen wollte, wurde ihm plötzlich klar, dass dies die Entzweiung war, von der Mahakatayana gesprochen hatte, und er beruhigte sich. Als Antwort auf die Frage des Königs, warum ihm solch reiche Schätze geliefert wurden, sagte Mahakatyayana: „In grauer Vergangenheit wurde einem bestimmten Prinzen prophezeit, dass er und mit ihm erstaunliche Schätze in eine reiche Familie wiedergeboren würden, weil er seine Krone und sein juwelenbesetztes Schwert einst einem Buddha namens Vipasin hingegeben hatte. Du warst dieser Prinz in einem früheren Leben.“ Das erfreute den König so sehr, dass er fortan die buddhistischen Lehren, die Mahakatyayana ihm erklärt hat, verehrte.

Ein Kind mit neunzig Jahren
Es gibt viele Geschichten, die Mahakatyayanas Fähigkeit zu lehren und zu führen beschreiben. Einmal rief ein alter Brahmane nach ihm. Als Mahakatyayana sich gerade hinsetzten wollte, ohne ihn zu grüßen oder irgendetwas zu ihm zu sagen, fragte der Brahmane: „Warum begrüßt du einen alten Mann nicht und bittest ihn nicht, Platz zu nehmen?“ Mahakatyayana antwortete: „Sogar mit neunzig Jahren ist ein Mensch, der sich an Wünschen festhält, immer noch ein Kind; aber ein Mensch, der sich schon mit fünfundzwanzig von allen Wünschen befreit hat, verdient den Respekt, der älteren Menschen gebührt.“
   Ein anderes Mal fragte ein König Mahakatyayana: „Haben die Brahmanen Recht, wenn sie sich über die anderen Kasten stellen?“ Daraufhin antwortete Mahakatyayana: „Sogar ein König sollte für Boshaftigkeit bestraft werden. Ob Brahmane oder König von Geburt, es sind nicht die Kasten, sondern die Taten, die zählen.“
   Auf diese Weise machte Mahakatyayana viele Menschen glücklich, indem er ihnen Shakyamunis Lehren auf eine Art erklärte, die sie leicht verstanden.

Donnerstag, 13. Januar 2011

Die 10 Schüler Buddhas (IX): Aniruddha

9.      Aniruddha: Herausragend in geistiger Erkenntnis

Von Geburt an glücklich
Aniruddha war Shakyamunis Cousin väterlicherseits. Von allen Schülern  war sein geistiges Auge am Besten ausgebildet, die Wahrheit der Welt sowie das Leben und Sterben der anderen wahrzunehmen,. Als Sohn einer reichen Familie fehlte es ihm an nichts. Er wurde in seiner Kindheit von vier Kindermädchen betreut. Schon früh wurde er mit dem Studium verschiedener Fächer vertraut gemacht, wie der Arithmetik und Kunst. Er bezauberte seine Gefährten mit seinem guten Aussehen und seinem wohlproportionierten Körper. Seine Familienmitglieder waren von den Wundern, die um ihn herum passierten, erstaunt. Zum Beispiel hieß es, wenn er mit seinen Händen Wasser aus einer dreckigen Pfütze schöpfte, würde das Wasser sofort süß und sauber. Jeder, der ihn kannte, war fest überzeugt, dass er von Geburt an besonders gesegnet war.

Ins religiöse Leben
Später beobachtete er viele junge Männer der Shakya-Kaste, die dem weltlichen Leben den Rücken zugekehrt hatten, um ein Leben der religiösen Suche zu leben. Seine Beobachtungen und etwas, dass sein älterer Bruder einmal zu ihm sagte, brachten ihn zum Nachdenken. Sein Bruder äußerte: „Es ist traurig, aber niemand aus unserer Familie hat sich dem religiösen Leben zugewandt. Einer von uns – du oder ich – sollten den ersten Schritt tun.“ Sie besprachen die Angelegenheit und kamen zum Schluss, dass sein Bruder für die körperliche Arbeit besser geeignet wäre und den landwirtschaftlichen Familienbetrieb weiterführen sollte. Aniruddha sollte das Haus verlassen, um in religiöser Züchtigung zu leben.

Als er sich schließlich entschieden hatte, verstärkte sich seine Begeisterung und erfüllte seinen Körper. Seine Mutter, die ihn nur zögerlich gehen ließ, willigte schließlich unter der Bedingung ein, dass sein enger Freund Prinz Bhaddiya  mit ihm gehen würde. Zunächst äußerte der Prinz Bedenken und bat um einen Aufschub von sieben Jahren, doch Aniruddha konnte ihn für sich gewinnen und sieben Tage später verließen beide ihr Zuhause und das weltliche Leben.

Den Stolz ablegen
Aniruddha gab sich auf eine Art der Selbstdisziplin hin, die den Anschein des Stolzes erwecken konnte, so groß war sein Wunsch, die Erleuchtung zu erfahren. Einmal, als Shariputra, der an Weisheit herausragte, ihn vor etwas warnte, antwortete er stolz: „Ich habe bereits das göttliche Auge empfangen, um durch diese und die andere Welt zu sehen,  aber egal wie sehr ich mich selbst züchtige, das Reich der perfekten Erleuchtung habe ich noch nicht erreicht. Hast du einen guten Rat für mich?“

Shariputra antwortete ruhig: „Aniruddha, nur arrogante Menschen reden über ihre Errungenschaften und ihre begeisterte Selbstdisziplin. Wenn du deinen Stolz ablegst und dich Tag für Tag gewissenhaft der Übung hingibst, dann wird das Licht von selbst sichtbar.“ Shariputras Worte erneuerten die Demut in Aniruddhas jungem und formbarem Geist. Danach näherte er sich allmählich in vertiefter Übung dem Reich der Erleuchtung.

Eine Prostituierte unterrichten
Einmal hatte Aniruddhas gutes Aussehen einen überraschenden Effekt. Gegen Abend eines Tages, als er nach Kosala reiste, schaute er sich nach einer Schlafmöglichkeit um. Die Dorfbewohner verwiesen ihn an ein Haus, in dem eine Prostituierte lebte. Aniruddha blieb draußen, fragte aber nach einem Platz unter der Dachrinne, wo er meditieren konnte. Kunden kamen und die Prostituierte versuchte, Aniruddha ins Haus zu locken. In diesem Augenblick und mit Hilfe seiner übernatürlichen Fähigkeiten schwebte er sitzend in der Luft und wandte sich der Prostituierten zu. Es heißt, dass die Prostituierte bei seinem Anblick die Hände zusammenlegte und aufmerksam zuhörte, während Aniruddha das Gesetz erklärte.

Das göttliche Auge
Durch seine außergewöhnliche Gewissenhaftigkeit wurde Aniruddha als höchster Besitzer des göttlichen Auges verehrt – das ist die göttliche Erkenntnis. Von der Übung und der Selbstzucht erschöpft, geschah es einmal, dass er einschlief, während Shakyamuni unterrichtete. Shakyamuni tadelte ihn wie folgt: „Aniruddha, warum wolltest du eigentlich Mönch werden?“
   Aniruddha antwortete: „Weil ich die Leiden der Geburt, des Alters, der Krankheit und des Todes ablehne.“
   „Wenn das der Fall ist, warum bist du dann gerade eingeschlafen?“
   „Oh, Ehrwürdiger Shakyamuni, ich werde nie wieder vor dem Buddha einschlafen.  Ich werde diesen Schwur einhalten, egal, was mit meinem Körper passiert.“
Aniruddha hielt sein Wort und schlief nie wieder an Shakyamunis Seite ein. Shakyamuni, der sich um Aniruddhas Augenlicht sorgte, sagte einmal zu ihm: „Nahrung ist für alle Dinge notwendig. Für die Augen ist Schlaf die Nahrung. Für den Geist ist das Gesetz die Nahrung.“
Andiruddha fragte daraufhin: „Und das Nirvana?“
   „Unaufhörliche Sorgfalt ist die Nahrung des Nirvana.“
   „Dann“, sagte Aniruddha, „werde ich sehr gewissenhaft üben und nie wieder schlafen.“
Tief berührt von seinem Bestreben entschied Shakyamuni, dass Aniruddha  machen könne, was er wolle. In der Tat verlor Aniruddha sein Augenlicht, doch gleichzeitig öffnete sich sein geistiges Auge, und so wurde der erste Mönch mit dem Göttlichen Auge geboren.

Shakyamunis Mitgefühl
Nachdem Aniruddha sein Augenlicht verloren hatte, behandelte ihn Shakyamuni mit besonderem Mitgefühl. Einmal, als seine Robe zerrissen war, benutzte Aniruddha seine übernatürlichen Kräfte, um jemanden herbeizurufen, der sich durch das Flicken dieser Kleidung Verdienst erwerben wollte.
   Als er Aniruddhas Stimme hörte, ging Shakyamuni zu ihm und streckte seine Hand aus, doch Aniruddha sagte: „Ehrwürdiger Shakyamuni, diese Kleider sind für jemanden, der sich Verdienst erwerben will, indem er anderen hilft, nicht für jemanden, der die Buddhaschaft bereits erlangt hat.“  Daraufhin antwortete Shakyamuni: „Ich möchte Verdienst so sehr wie jeder andere. Ein Buddha strebt nach Verdienst, um alle lebenden Wesen zu retten.“
   Aniruddha erinnerte sich dieses Ausdrucks von Shakyamunis unendlich mitfühlendem Herzen sein ganzes Leben lang.

Mittwoch, 12. Januar 2011

Ko Un: Gedichte (XIII)

Der Berg Sumeru

Sumeru!
Dieser Berg ist der Penis eines großen Helden.
Worte wie „Nabel der Welt“
oder „Herz der Schöpfung“ treffen ihn nicht.
Es ist einfach ein Penis.

Jenseits des Himalaya hörte ein Jugendlicher aus Südindien
vom Berg Sumeru,
kam nach siebenundzwanzig Jahren als alter Mann dort an.
Es war einfach ein Penis.

In diesem Fall kehrst du am besten schnell nach Hause zurück
und machst mit der Frau Liebe, die du zurückgelassen hast.
Dann wird er zum Nabel der Welt,
zum Herz der Schöpfung.
Mach das Tor auf, lass Honig fließen!
Es ist ein Penis, dort, im Lotus.

Ko Un: Gedichte (XII)

Tibetische Nacht

Viele Stockwerke oberhalb
jeder anderen Nacht auf Erden
war die tibetische Nacht:
lange.

Lange, das heißt, wenigstens zehnmal zehntausend Jahre lang.

Innerhalb der gärenden Dunkelheit,
wurden Dunkelheiten zu Wein.

Am folgenden Morgen, als der Sonnenschein
hier und da von Eisfelsen schien,
achttausend Meter hoch,
weckte die volltrunkene Dunkelheit
die Nacht um die Nomadenzelte auf.

Seltsam.
Tibet hat keinen Bedarf an Religion,
und doch ist es nichts als Religion.
Om mani padme hum.

Es hat keinen Bedarf an streunenden Hunden,
und doch bevölkern streunende Hunde die Ebenen.
Om mani padme hum.

***
  
Himmelsbestattung

Der Bestattungsort war ein Berg von Kieselsteinen,
auf halber Höhe eines Berges.
Zwischen den Kieseln waren ein paar Minibäumchen emporgesprossen.
Auf einem flachen Stein lag eine erstarrte Leiche.

Das Aufschneiden wurde geschickt erledigt.
Die Därme wurden entnommen.
Dann schnitt der junge Sohn das Herz
wie ein Chirurg heraus und besah es sich,
genau wie die Gallenblase und die Nieren.

Der Kopf wurde so behandelt, wie es sich für einen Kopf gehört,
die Wirbelsäule wie eine Wirbelsäule.
Die Rippen wurden enthüllt und auf eine Seite gelegt.

Eine Knochenflöte blasend, ging der Liturg den Hügel hinab.
Sobald er weg war,
landete von oben ein riesiger Geier,
rollte seine Flügel ein und begann zu fressen.
Ein Weilchen später kam ein großer Rabe
und fraß seinen Teil.
Dann folgten andere Vögel.

Der Wind blieb nicht stumm, sondern erhob sich
und fegte heftig über den Hang.

Montag, 10. Januar 2011

Ko Un: Gedichte (XI)

Die Rückkehr

Im Jahr 627 begab sich der junge chinesische Mönch Xuan Zang
auf einem verbotenen Weg auf die Reise.
Selbst wenn er nicht verboten gewesen wäre –
neun von neun Mal war es ein tödlicher Weg.

Dennoch zog er los.
Siebzehn Jahre später kehrte er zurück.
Auch der Weg, den er zurück nahm,
war ein tödlicher,
doch er kam lebend an.
Auf seinen Rücken geschnürt war ein riesiger Rahmen
und obenauf hatte er
einen Sonnenschirm gesetzt,
der aus Wachspapier und Bambusstreifen bestand.
Von dessen Spitze baumelte
ein winziger Weihrauchbrenner.
Als er nach Hause kam, brannte Weihrauch darin.
Seine rechte Hand hielt einen Wedel, um Fliegen zu vertreiben,
seine linke Hand umfasste ein aufgerolltes Sutra.
So kam er nach Hause.

Wie könnte jemand wissen, was er durchgemacht hatte?
Weihrauch in diesem Gefäß verbrennend,
das vor seiner winzigen Braue baumelte,
kam der große Meister Xuan Zang
von seiner todesverachtenden Suche nach der Wahrheit zurück.
Nachdem ihm der Weihrauch 
   auf dem Weg durch die Wüste ausgegangen war,
verbrannte er ihn in seinem Herzen.

***

Seit alters

In einer Welt wie der unsrigen gibt es viel zu tun, selbst für Sandwürmer.
Der Preis
fürs Kommen eines Heiligen
ist, dass Tausende äußerst Unheiliger
mit ihm kommen.

Ich frage mich wirklich, warum der Buddha sich entschloss, zu kommen.

Sonntag, 9. Januar 2011

Kidô Goroku Kôan Nr. 89

Der Gehilfe

Eines Tages sah Meister Sekitei einen Gehilfen mit einer Schale in die Halle gehen. Er rief: „Gehilfe!“ Dieser antwortete: „Ja?“ Sekitei fragte: „Wo gehst du hin?“ Der Gehilfe erwiderte: „Ich werde meine Mahlzeit einnehmen.“ Sekitei fragte: „Als ob ich nicht wüsste, dass du deine Mahlzeit einnehmen wirst.“ Der Gehilfe meinte: „Aber was soll ich sonst dazu sagen?“ Sekitei erwiderte: „Ich frage dich einfach nach deiner wahren Natur.“ Der Gehilfe meinte: „Wenn Ihr nach meiner wahren Natur fragt, dann werde ich tatsächlich meine Mahlzeit einnehmen.“ Sekitei sagte: „Kein Wunder, dass du mein Gehilfe bist.“


Meister Kidô

Sag stattdessen:
„Wenn du keinen weiteren Versuch unternimmst, die Dinge zu unterscheiden, dann wirst du
nur schwer zu einem Ende kommen.“


Meister Hakuin

Nun ja, noch immer ein Gehilfe.

Samstag, 8. Januar 2011

Die 10 Schüler Buddhas (VIII): Subhuti

8.      Subhuti: Der die Wahrheit der Leere verwirklicht

Im Jetavana-Kloster
Subhuti, einer der zehn Hauptschüler Shakyamunis, war als sorgfältiger Beobachter der Wahrheit von shunyata bekannt, was oft als Leere übersetzt wird, aber eher der Bedeutung von Relativität gleich kommt. Es heißt, dass seine Teilnahme an auffälligeren Tätigkeiten verhindert wurde durch seine Annahme dieser Glaubenslehre und ihrer erhabenen spirituelle Übungen. Das ist auch der Grund, warum sein Name nur selten in den heiligen Schriften auftaucht. Durch das Festhalten an diesem schwierigen Konzept gewann er die eifrige Bewunderung von Gläubigen, die ihm Opfer in noch nie dagewesenen Mengen darbrachten. Darüberhinaus verdankte er seiner starken Gewissenhaftigkeit das warme Vertrauen Shakyamunis.
   Subhuti fehlte es, als Sohn einer reichen Familie, an nichts. Sein Onkel Sudatta baute das Jetavana-Kloster, in dem Shakyamuni oft unterrichtete. Wegen seiner Hingabe für den buddhistischen Orden hörte er häufig Shakyamuni zu, und dies veränderte sein ganzes Leben. Zutiefst ergriffen von der anteilnehmenden und weisen Art zu lehren, gab er sein wohlhabendes Leben für die Suche nach der Wahrheit auf. Er ging also direkt auf Shakyamuni zu und bat ihn, Mönch werden zu dürfen.

Shakyamunis ursprüngliche Form ist Leere (shunyata)
Eines Tages verschwand Shakyamuni für eine Weile von dieser Welt, um seine Mutter, die sich im himmlischen Königreich befand, anzuleiten. Obwohl sich alle anderen Schüler wegen seiner Abwesenheit sorgten, saß Subhuti in unveränderter Haltung und nähte Gewänder. Als Shakyamuni zurückkehrte, eilten alle anderen Schüler zu ihm und drängelten, weil jeder der erste sein wollte, ihn zu begrüßen. Subhuti zögerte inmitten seiner Arbeit, erhob sich, als ob er sich den anderen anschließen wollte, unterdrückte jedoch seine Gefühle und sagte zu sich selbst: „Sind nicht alle Dinge leer? Sogar Shakyamunis Gestalt ist das vergängliche Ergebnis von direkter und indirekter Ursache und existiert nicht wirklich. Sie zu verehren ist, wie die Erde, die Luft, das fließende Wasser, das lodernde Feuer und den blasenden Wind zu verehren.“
   Buddha, das Selbst und alle anderen Dinge sind unbeständig. Subhuti erkannte durch Stärkung seines eigenen Glaubens, dass Shakyamunis Gestalt unbeständig ist. Er setzte sich ruhig wieder hin und nahm seine Näharbeiten wieder auf.
   Shakyamuni richtete die folgenden ermahnenden Worte an eine Nonne, die es schaffte, als erste bei ihm zu sein, um ihn zu begrüßen: „Du bist zwar als erste bei mir angekommen, du bist aber nicht die erste, die mich verehrt. Obwohl er jetzt hier nicht anwesend ist, kann ich Subhuti sehen, der zu sich selbst spricht: Alle Dinge sind Leere (shunyata). Das ist die wahre Art, mich zu verehren.“ Seine Worte machten die Nonne auf ihre eigene Gier und Unreife als Dienerin Buddhas aufmerksam.

Frieden in einer dachlosen Hütte
Subhuti, der nie in Streitereien verwickelt war, blieb stets gelassen und ruhig. Eines Tages ging er in die Hauptstadt des Königreichs Maghada in Zentralindien. Der König Bimbisara, der den Bau des Venuvana-Klosters beauftragt und finanziert hatte, ordnete das Errichten einer Hütte für Subhuti an, doch er war mit Staatsangelegenheiten zu beschäftigt, um den Bau selbst zu überwachen. Das Ergebnis war, dass Subhutis Hütte kein Dach hatte. Da er sich nie beschwerte, erduldete Subhuti den heulenden Wind und das blendende Sonnenlicht. Glücklicherweise war das Wetter auf seiner Seite: die ganze Zeit, die er in der dachlosen Hütte lebte, regnete es nicht. Doch dies verursachte Trockenheit und großes Leiden. Das Volk suchte deshalb den König auf, der, als er erfuhr, dass es an Subhutis dachloser Hütte lag, diese sofort reparieren ließ. Dankbar für die Verbesserung seiner Lebensumstände, richtete sich Subhuti gen Himmel: „Himmel, schenke uns nun gesegneten Regen. Mein Geist ist ruhig und ich habe das Reich der Erleuchtung erlangt. Dennoch werde ich mich weiter disziplinieren und ausschließlich nach dem buddhistischen Weg leben. Bitte Himmel, bringe den Menschen gesegneten Regen.“
   Die Himmel gewährten ihm seinen Wunsch und bewässerten, zu jedermanns Freude, die Erde. Wieder einmal  priesen die Menschen Subhutis Großmut.

Als ein mächtiger Wind einen großen Baum umstürzte
Als er einmal krank war, setze sich Subhuti, trotz physischer Schmerzen, zur Meditation und fragte seinen inneren Buddha nach dem Grund und der Bedeutung seines Leidens. Der Schutzgott Indra, der von Subhutis Leiden gehört hatte, kam, gefolgt von fünfhundert himmlischen Jungfrauen und Musikgöttern, um ihm einen Besuch abzustatten. Ihr schöner Gesang und die Harfenmusik erfreuten Subhuti. Als sich der besorgte Indra nach seiner Krankheit erkundigte, antwortete Subhuti: „Der kräftigste Baum stirbt, wenn er von starkem Wind umgestürzt wird. Der ertragreichste Baum vertrocknet ohne Wasser. Um zu blühen und Früchte zu tragen, muss ein Baum Regen in der richtigen Menge bekommen. Alle Dinge erfahren die Störung und die Wiederherstellung der Ordnung. Als ich das verstanden hatte, ging meine Krankheit weg.“
   Seine Worte enthüllen das tiefe Verständnis der Lehre durch einen Menschen, der sein ganzes Leben lang Buddha gedient hat. Nachdem er das gehört hatte, kehrte Indra mir ruhigem Geist in sein himmlisches Königreich zurück.

Freitag, 7. Januar 2011

Ko Un: Gedichte (X)

Lied für ein Baby

Wenn die Welt keine Babys hätte,
dann gäbe es überhaupt keine Welt.
Ein einjähriges Baby schwankt
und hockt sich dann auf seinen Hintern.
Solch ein Tag ist wirklich die gesamte Welt.

Wenn die Welt keine Babys hätte,
dann gäbe es überhaupt keine Welt.
Das Baby schreit in der Nacht.
Solch eine Nacht ist wirklich die gesamte Welt.

Wenn die Welt keine Babys hätte,
dann gäbe es überhaupt keine Welt.
Schnell wachsend,
deutet das Baby darüber hinaus.
Darin liegt wirklich die gesamte Welt.

***

Im Haus von Prabhutaratna

In den Aufzeichnungen des Lotussutra heißt es,
Shakyamuni Buddha habe die Welt verlassen,
nachdem er achtzig Jahre barfuß durchs Ganges-Tal gewandert war,
sei gen Himmel gefahren
und habe Prabhutaratna Buddha in seiner Residenz besucht.
Die beiden wohnten fortan zusammen.
Prabhutaratnas Gesicht leuchtete mehr als zuvor,
und auch das Gesicht seines Gastes Shakyamuni
strahlte außerordentlich hell.
Die beiden kamen gut miteinander aus.
Dann verkündete ein Bodhisattva,
Prabhutaratna sei der Shakyamuni der Vergangenheit,
während Shakyamuni der Prabhutaratna der Gegenwart sei;
also wurden die zwei vollständig eins.
Die Neuigkeit verbreitete sich im Himmel und auf Erden.
Alle Überbleibsel von Shakyamuni Buddha,
die in verschiedenen Gegenden verstreut waren,
erhoben sich gen Himmel
und wurden ein Buddha.
Die Residenz von Prabhutaratna Buddha,
in der man viel zu bereden hatte,
wurde plötzlich sehr still.
Ein Buddha zu sein kann offenbar recht langweilig sein.
Also fing er an, mit unterschiedlichen Sternen zu schlafen,
in einer Nacht mit diesem, in der anderen mit jenem.
Ein armes Kind drunten auf Erden
sah jede Nacht hoch,
wie die Sterne den Himmel durchstreiften.

Donnerstag, 6. Januar 2011

Dogen: Daibutsuji Goroku (XII)

Zur Einladung eines kansu- und einen tenzo-Mönchs in die Vortragshalle sprach Dôgen in der Vortragshalle: „Chiji-Mönche[1] werden von den Buddhas in den drei Zeiten geschützt. Es gibt hervorragende Beispiele wie den Ehrwürdigen Nanda[2] und den Ehrwürdigen Tôba[3].
   Ich habe diesen Tempel gegründet, aber er ist noch nicht fertiggestellt. All die anstehenden Aufgaben sind recht langweilig. Nur wer zum bodhi-Geist erwacht ist und Erleuchtung verwirklicht hat, kann mit den Aufgaben eines chiji betraut werden.“
   Dann nahm Dôgen seinen hossu und sagte: „Nun habe ich die kansu- und tenzo-Mönche aus dem Ozean des Dharma gefischt. Sie führen die Mönche durch ein, zwei Grashalme, ohne das Kloster zu verlassen. Sie ziehen als Ochsen Spaten und Hacke oder beißen als Pferde in die Trense und tragen Sattel. Mit Pelzen und Hörner versehen, ihre Schwänze wedelnd oder ihre Köpfe schüttelnd, passieren sie schnell das Drachentor und trampeln auch das obere Tor noch nieder. Auf diese Weise suchen sie keine heiligen Menschen. Wir haben wahrlich die richtigen Mönche des chiji! Sie sind Meister unter Gästen und missachten ihren eigenen Vorteil. Von ihren eigenen Sitzen hochspringend und ihre Pflichten erfüllend, ignorieren sie die Abwege von Ruhm und Profit. Sie haben auch niemals anderen versehentlich den Dharma dargelegt. Ein tekkan[4] versäumt es nie, zum Buddha zu werden. Wollt ihr das Wort tekkan noch einmal hören?“
   „Es ist das Zimmer des kan’in[5] und des tenzo.“


[1] Die offiziellen Namen der mit Verwaltungsaufgaben im Kloster betrauten Mönche: tsûsu, kansu, fûsu, inô, tenzo und sissui.
[2] Der Sohn Mahâprajâpatîs, der Tante und Amme Shakyamunis.
[3] Ein tenzo-Mönch aus einem Tempel in Râjagrha.
[4] Der „eiserne Mensch“ von unbeugsamem Buddha suchendem Geist.
[5] Tempelvorstehers.

Mittwoch, 5. Januar 2011

Dogen: Daibutsuji Goroku (XIII)

„Einst meinte ein Mönch zu Chao-chou: ‚Bevor die Welt entsteht, existiert bereits diese Natur. Selbst wenn die Welt sich auflöst, tut es diese Natur nicht. Was ist diese unzerstörbare Natur?‘ Chao-chou erwiderte: ‚Es sind die vier Elemente[1] und die fünf Skandhas[2].‘ Der Mönch fragte weiter: ‚Auch diese lösen sich auf. Was ist also die unzerstörbare Natur?‘ Chao-chou antwortete: ‚Genau dies.‘
   Das war Chao-chous Antwort. Er konnte wahrlich die Natur verstehen, aber nicht fortwerfen. Ich will noch ergänzen: Je mehr Wasser da ist, desto höher schwimmt ein Boot, und je mehr Schlamm es gibt, desto größer wird ein Buddha[3].“

„Wenn ein Zen-Mönch die Buddhas der drei Zeitalter verschluckt, dann atmet er durch deren Nasenlöcher. In alten Zeiten lächelte der Ehrwürdige Mahâkâshyapa, doch bisher war uns dies nie als weise erschienen. Untersucht dies.“


[1] Erde, die Härte besitzt und Dinge stützen kann; Wasser, das Feuchtigkeit besitzt und Dinge enthalten kann; Feuer, das Hitze besitzt und Dinge zur Vollendung bringen kann; Wind, der Bewegung besitzt und Dinge reifen lassen kann.
[2] Körperliche und geistige Merkmale (Körperlichkeit, Gefühl, Wahrnehmung, Geistformation, Bewusstsein).
[3] Je mehr Täuschung, desto größer die Erleuchtung.