Dienstag, 30. August 2011

Dôgens EIHEI KOROKU (XIII):
Tien-tung


         Am Tag einer Gedächtniszeremonie für den Abt Tien-tung sprach Dôgen in der Vortragshalle: „Ich ging ins China der Tang-Zeit und studierte den Weg Tien-tungs, wobei ich den Japans verlor. Doch meine Nase liegt vertikal und meine Augen horizontal, wie gehabt. Ihr dürft nicht sagen: ‚Tien-tung täuschte den Übenden Dôgen.‘ Es war eher so: Tien-tung wurde durch mich getäuscht und übertrug mir den Dharma.“

Montag, 29. August 2011

Buddhistisches Liebesgedicht


Suche Dich seit Tausenden von Jahren,
laufe Millionen Blasen an meine Füße,
die gefüllt sind mit Zähren.
Nun stehst du vor mir
und jedes Wort stimmt,
ohne Plan oder Vorsatz.
Ich löst sich auf,
macht Platz für die große Illusion
der schwebenden Sehnsucht
des ewigen schwarzen Lochs im Bauch.
Wann immer du dich verschließt,
treiben meine Augen im Meer.
Wenn du das, was ich war,
auch diesmal nicht erkennst,
dann erinnere dich doch bitte
im nächsten Leben.

Sonntag, 28. August 2011

Dôgens EIHEI KOROKU (XII):
Lin-chi


       (Das Eihei Kôroku ist nun offiziell im Buchhandel erhältlich. Da es als Hardcover und on demand hergestellt wird, ist mit Wartezeiten von ca. zwei Wochen zu rechnen.)      

       „Bezüglich Lin-chi, der den Weg verwirklichte, meinte Ta-wei zu Yang-shan: ‚Er erkannte, dass er den Bart eines Tigers gestreichelt hatte und sogar auf dessen Kopf geritten war.‘
          Ta-weis und Yang-shans Worte sind sehr gut, lassen jedoch etwas außer Acht. Wäre ich sie, würde ich mich anders ausdrücken. Fragte mich plötzlich jemand, ob Lin-chi die Fähigkeiten Ta-yüs[1] oder Huang-pos erreichte, dann würde ich ihm antworten: ‚Wer weiß schon, ob Huang-po die Fähigkeit Lin-chis erlangt hatte, seinen shujô (Stab) aufzustellen, oder ob Ta-yü Lin-chis Fähigkeit erreicht hatte, seine Faust zu erheben?“


[1]    Dharma-Nachfolger von Kuei-tsung Chieh-chang.

Samstag, 27. August 2011

Im Gedenken an Gehängte


"Guido Keller & friends

Thank you for your thoughtfulness and kind expression of sympathy [diese Zeile war vorgedruckt]
+ solidarity

We also appreciate your endeavours to save "the six" from execution.

Yours in solidarity
Mosololi family"

1983, im Jahr meines Abiturs, erreichte mich diese Karte aus Südafrika. Am Morgen der Hinrichtung mehrerer schwarzer ANC-Aktivisten war meine Mutter noch von einem überraschenden und flehenden Anruf aus Südafrika geweckt worden. So sehr hatten die Angehörigen darauf gehofft, jemanden mit wirklicher Macht im Ausland zu erreichen, der die Exekution hätte verhindern können. Aus der ganzen Welt waren solche Versuche unternommen worden und unfruchtbar geblieben. Auch von anderen Angehörigen trafen Danksagungen für die Unterstützung ein, alle von christlichem Glauben geprägt.


Donnerstag, 25. August 2011

Dôgens EIHEI KOROKU (XI):
Pai-chang und Huang-po


        „Als Huang-po den Pai-chang fragte: ‚Wie erläuterten die Mönche früher den Dharma?‘, blieb Pai-chang einfach auf seinem Sitz. Huang-po fragte weiter: ‚Wie soll ich den Dharma an spätere Generationen weitergeben?‘ Pai-chang stand auf und sagte: ‚Ich dachte wirklich, du seist ein hervorragender Mensch.‘
          Diese beiden besonderen Mönche konnten nur über die Flecken eines Tigers sprechen, aber nicht über die des menschlichen Geistes, auch nicht über die Nicht-Flecken eines Tigers und des menschlichen Geistes oder eines Riesenvogels oder Drachens. Warum nicht? Ihr alle hier, hört ihr mich? Huang-pos Worte ‚Früher erläuterten die Mönche den Dharma‘ bedeuten, dass Pai-chang auf seinem Sitz ruht. Und die Worte ‚Ich gebe den Dharma an spätere Generationen weiter‘ bedeuten, dass Pai-chang zurück in sein Zimmer geht. Richtig ist, wie es ist, richtig. Vollständig ist nicht vollständig. Warum nicht? Ihr müsst verstehen, dass weder Frage noch Antwort vollständig sind. Warum sagte Huang-po nicht zu Pai-chang: ‚Du hast mich tatsächlich über früher und später belehrt, doch was ist genau jetzt der Schlüssel zum Dharma?‘ Wie hätte Pai-chang wohl diese Frage beantwortet?
          Wenn mich jemand fragt, wie Zen-Mönche früher den Dharma lehrten, dann antworte ich, dass die Nasenlöcher anderer von anderen durchstoßen werden. Wenn einer immer noch fragt, wie ich selbst den Dharma an spätere Generationen übertrage, dann antworte ich, dass meine Nase von mir selbst gezogen wird. Fragt einer dann noch, was gerade jetzt der wesentliche Schlüssel zum Dharma sei, dann antworte ich: Sagt einer etwas Falsches, sprechen alle anderen die Wahrheit.“

Dienstag, 23. August 2011

Dôgens EIHEI KOROKU (X):
Hast du Geld dabei?


         „Völlige Dummheit ist unzählige Zentimeter dick, und vollständige Täuschung ist unzählige Meter lang. Heute Abend habe ich den weiten Himmel zwanzig Mal geschlagen, spüre aber keinen Schmerz in meiner Faust. Doch der weite Himmel hat Schmerzen und die ganze Erde wird unverzüglich zu einem Reiskeks mit Sesam[1]. Plötzlich sagt jemand zu mir: ‚Ich will diesen Reiskuchen kaufen.‘ Ich frage ihn: ‚Wer bist du?‘ Er sagt: ‚Ich bin der Bodhisattva Avalokiteshvara[2]. Mein Vorname ist Chang und mein Familienname ist Li[3].‘ Ich frage ihn: ‚Hast du Geld dabei?‘ Er verneint. Da sage ich: ‚Ob du ihn wohl ohne Geld kaufen kannst?‘ Ohne darauf einzugehen sagt er: ‚Ich will ihn kaufen. Ich will ihn wirklich kaufen.‘ Versteht ihr das?
          Wenn der Bodhisattva Avalokiteshvara auftaucht, sind Erde, Berge und Flüsse keine kalte Asche mehr. Ihr müsst begreifen: Wenn im März die Rebhühner singen, vergessen die Blumen nie, zu erblühen.“


[1]    Das Reich jenseits der Buddhas.
[2]    Steht für großes Mitleid, Güte und Liebe.
[3]    Diese Namen stehen für einen gewöhnlichen Menschen.

Montag, 22. August 2011

Hübsch'er Islam


Ein namhafter deutscher Autor, der sich zum Islam bekehrte, ist Hadayatullah Hübsch. In seinem Buch Fanatische Krieger im Namen Allahs (München 2001) stellt er eindrucksvoll klar, dass der Koran und die Spruchsammlungen Mohammeds (Hadith) jedweden Terror verbieten. Im Dialog mit Muslimen kann ein Nicht-Muslim sich also darauf vorbereiten, diesen mit „eigenen Waffen“ zu schlagen, indem er sich mit der religiösen Tradition des Islam auseinandersetzt. Denn gerade sozial ausgegrenzte und womöglich noch mangelhaft gebildete Muslime sind leichte Beute für Hassprediger, die Passagen des Koran aus dem Zusammenhang reißen und für ihre kriegerischen Thesen nutzbar machen. Wir sollten hingegen auf der ethischen Potenz des Koran beharren, also aus religiösen Werken den „guten“ Kern herausschälen, der unser Leben in der Gegenwart bereichern kann. So verbietet Sure 4, Vers 33* den Selbstmord, Sure 5, Vers 35 den Mord (außer den aus Rache an einem Mörder und in Abwehr von „Gewalttaten im Land“!). Selbstmordattentate, die Zivilisten mit in den Tod ziehen, die selbst keine Verbrechen an Muslimen oder in deren Ländern begangen haben, werden vom Koran also nicht gestützt. Solange dem Muslim nicht Unrecht geschieht, nur weil er Muslim ist, er also nicht aufgrund seines Glaubens vertrieben oder angegriffen wird, besteht auch das Recht auf Selbstverteidigung nach Sure 22, Vers 40f. nicht (die sogenannte Al- Hadsch). Auch die Religionsfreiheit wird im Koran zugesichert: „Es sei kein Zwang im Glauben“ (Sure 2, Vers 257). Der sogenannte Djihad, der „Heilige Krieg“, das Schreckgespenst des Islam, sieht in islamischen Schriften anders aus, als uns reißerische Medien häufig glauben machen wollen. Saghir wird der „Kleine Djihad“ genannt, das Recht auf (defensive) Verteidigung des Glaubens mit Waffengewalt. Es steht im Gegensatz zu Harb, dem (offensiven) Krieg. Der „Mittlere Djihad“ (Kabir) beschreibt die Verbreitung des Glaubens mit Worten, der „Große Djihad“ (Akbar) die Überwindung des Egoismus und schlechter Eigenschaften als Anstrengung des Individuums selbst. Hier lassen sich Parallelen zu den Prozessen moralischer Reifung in anderen Weltreligionen finden. Das Fehlen von religiösen Repräsentanten (wie dem Papst im katholischen Christentum oder dem Dalai Lama im tibetischen Buddhismus) wird vom Autor Hübsch verantwortlich gemacht für das allgemein schlechte Image des Islam in nicht-islamischen Ländern. So seien dort vor allem (politisch aktive) Negativfiguren wie Saddam Hussein oder Muammar el Gaddafi präsent.

Auch wenn diese Sicht des Islam nur eine Facette der vielfältigen Schulrichtungen repräsentiert, bietet sie einen Ansatz zum Dialog mit Muslimen, deren Glaubwürdigkeit wesentlich davon abhängen wird, wie stark sie sich von ihren gewalttätigen Radikalen distanzieren. Ich selbst bin pessimistisch. Sogar einige offensichtliche namhafte Gegner islamistischen Terrors erweisen sich, von Journalisten befragt, in optischen Medien wie dem Fernsehen zuweilen als wenig glaubhaft, studiert man ihre Mimik und Gestik genau. Das einzige, was mich überzeugen könnte, wäre die Befolgung von Sure 2, Vers 143: „Wetteifert miteinander in guten Werken.“

* Zählung nach der Übersetzung von Max Henning, Stuttgart 1960.