Samstag, 24. Februar 2018

Louis de la Vallée-Poussin: Der Weg zum Nirwana

[Auszug:] Es heißt, Sakyamuni habe die Fragen bezüglich der Existenz einer vom Körper getrennten Seele und des Nirwana offengelassen, sie beiseitegeschoben oder zurückgewiesen.
Tatsächlich finden sich im Kanon jedoch eine Menge von Stellen, welche diese Fragen zumindest indirekt im Sinne einer Seelenlosigkeit oder Vernichtung klären. Wir können einräumen, dass (1) einige Schüler, oder auch viele Schüler, mit der nihilistischen Leere nicht zufrieden waren und darum in der Tiefe ihrer Herzen hofften, dass sie den Meister missverstanden hätten. Vergessen wir nicht, dass die Schüler von Sakyamuni zu ihm als dem Entdecker des Pfades der Todlosigkeit (amrta) kamen. Oder (2) es gab Mönche ohne jegliche Vorurteile, nur darum besorgt, völlige Klarheit bezüglich Nirwana zu erlangen, nicht durch logische Schlussfolgerungen gezogen aus psychologischen Voraussetzungen, nicht durch metaphorische und widersprüchliche Phrasen, sondern durch eine direkte und endgültige Aussage von den Lippen des Allwissenden. Und nicht zuletzt (3) gab es Mönche, welche niemals etwas von den nihilistischen Äußerungen von Sakyamuni gehört hatten und die verwundert waren über Sakyamunis Schweigen die Seele und das Nirwana betreffend.
Malunkyaputta war einer dieser Mönche:[1]
„Es gibt“, sagte Malunkyaputta, „Fragen, welche der Buddha nicht aufgeklärt hat, beiseite geschoben hat, zurückgewiesen hat ... Ob die Seele und der Körper identisch sind; ob die Seele eine Sache ist und der Körper eine andere Sache; ob ein Heiliger nach dem Tod weiterlebt; ob ein Heiliger nach dem Tod nicht mehr lebt; ob ein Heiliger nach dem Tod sowohl weiterlebt wie nicht mehr lebt; ob ein Heiliger nach dem Tod weder weiterlebt noch nicht mehr weiterlebt ... Der Umstand, dass Buddha diese Fragen nicht klärt, erfreut mich nicht. Ich will mich bei ihm erkundigen. Wenn er sie nicht beantwortet, werde ich das religiöse Leben unter der Führung des Buddha aufgeben.“
Malunkyaputta befragt den Buddha in diesem Sinne, und die Begegnung endet mit der Äußerung dieser starken Worte:
„Wenn der Herr es nicht weiß, so ist die einzig aufrichtige Sache für jemanden, der es nicht weiß, zu sagen: Ich weiß es nicht.“
Buddha räumt natürlich nicht ein, die Antworten nicht zu wissen, aber er beantwortet die Fragen auch nicht.
Habe ich je zu euch gesagt: „Komm, führe das religiöse Leben unter meiner Leitung, und ich werde dir diese Punkte erklären?“ Oder hast du zu mir gesagt: „Ich werde das religiöse Leben unter deiner Führung aufnehmen, wenn du mir diese Fragen beantwortest?“
Malunkyaputta gibt zu, dass der Buddha ihm nichts Derartiges versprochen habe, und auch er selbst habe seine Annahme der buddhistischen Regeln nicht an irgendwelche Bedingungen geknüpft. Und der Buddha fährt fort:
Wer auch immer sagen mag: „Ich werde das religiöse Leben unter dem Buddha nicht eher aufnehmen, als bis der Buddha all diese Punkte erklärt hat.“ Jeder, der dies sagt, wird eher sterben, als dass ich ihm diese Punkte erklären würde.
Die Menschen leiden unter tatsächlichen Schmerzen, welche geheilt werden wollen. Sie sind vergiftet vom Verlangen, und Verlangen schafft die Voraussetzungen für weitere Geburten und neues Leiden: Verlangen muss zerstört werden.
Es ist so, als ob dieser Mensch von einem vergifteten Pfeil getroffen wäre, und dieser Mann würde nun sagen: „Ich will nicht, dass dieser Pfeil entfernt wird, bevor ich nicht weiß, wer der Mann, der ihn auf mich geschossen hat, ist, ob er zur Kriegerkaste gehört oder nicht ..., bevor ich nicht seinen Namen kenne, seinen Klan, seine Statur, seine Gesichtsfarbe; bevor ich weiß, um was für einen Bogen es sich gehandelt hat, um was für eine Bogensehne.“ Dieser Mann würde sterben, bevor er alles in Erfahrung gebracht hätte.
So wie die Kenntnis all dieser Umstände nichts mit dem Entfernen des tödlichen Pfeils zu tun hat, so auch ist das Wissen all jener metaphysischen Aspekte gänzlich ohne Belang für die Lehre, welche Leiden und Verlangen beseitigt, die Lehre von der Heiligkeit:
Das religiöse Leben basiert nicht auf dem Dogma, dass die Seele und der Körper identisch sind, auf dem Dogma, dass die Seele das eine ist und der Körper das andere; auf dem Dogma, dass ein Heiliger nach dem Tod weiterexistiert oder nicht, oder sowohl weiterexistiert als auch nicht weiterexistiert, oder weder existiert noch nicht existiert. Egal, ob dieses oder jenes Dogma wahr ist, es bleiben dennoch Geburt, Alter und Tod, für deren Vernichtung ich die Unterweisungen gegeben habe ... Was ich nicht geklärt habe, soll ungeklärt bleiben.
So sprach Sakyamuni.
Diese „agnostischen“ Äußerungen sind höchst erstaunlich. Welche Meinung auch immer ein Buddhist hinsichtlich des Schicksals eines Heiligen haben mag, diese Meinung ist ein Hindernis für die Glückseligkeit, die Loslösung, die Heiligkeit und damit für Nirwana selbst.
Wenn Nirwana ein glücklicher Zustand wäre, würde der Mönch nach Nirwana streben wie nach einem Paradies, und er würde es demgemäß verfehlen: Er würde beim Tod eine Art von Paradies erreichen, ein erfreuliches aber vergängliches Paradies. Wenn Nirwana Vernichtung wäre, würde Nirwana ebenfalls Verlangen oder Widerwillen hervorrufen: In beiden Fällen ist Heiligkeit dadurch unmöglich. Angst bzw. Spekulationen bezüglich des Lebens nach dem Tod (antagrahaparamarsa) ist eine der fünf ketzerischen Sichtweisen. Darum „soll ungeklärt bleiben, was nicht von Sakyamuni geklärt wurde“. Ein Mönch wird Heiligkeit und Nirwana erreichen, ohne zu wissen, was Nirwana ist, und aus genau diesem Grund, infolge seiner Unkenntnis, bleibt er frei von dem Verlangen nach Existenz (bhavatrsna), frei von dem Verlangen nach Nicht-Existenz (vibhavatrsna): „Ich verlange nicht nach dem Leben; ich verlange nicht nach dem Tod.“
Wir glauben, dass die zutreffendste und höchste autoritative Bestimmung des Nirwana nicht Vernichtung ist, sondern „unbestimmte Befreiung“, eine Befreiung, von der wir nicht das Recht haben, irgendetwas auszusagen.

Louis de la Vallée-Poussin: Der Weg zum Nirwana. 
Sechs Vorträge zum frühen Buddhismus als eine Erlösungslehre. 
Aus dem Englischen von Julian Braun.
144 Seiten. Paperback. 15 €. ISBN: 978-3-943839-39-5. 
 


[1] Majjhima-Nikaya, I., S. 426; Hastings, E. R. E. Artikel „Agnostizismus“.

Samstag, 17. Februar 2018

Die Kennzeichen eines modernen Zen


(Frenk Meeuwsen: Zen ohne Meister. Graphic Novel. avant-verlag. 25 €.)

Dieser Blog soll nun eine Neuausrichtung erfahren, was sich bereits am Abschalten einiger meiner "Listen" zeigt, die den jahrelang vorherrschenden kritischen bis sarkastischen Ton begleiteten und Warnungen vor dem ein oder anderen mehr oder weniger in der Szene bekannten Lehrer beinhalteten. Ich könnte sagen, dass es mich zu langweilen begann, auf diese Art weiterzumachen. Wichtiger ist, das mir Erkenntliche oder meinetwegen auch "Übertragene" fortan in eine neue Form zu kleiden, die den Anspruch der Lehre und ihrer Darlegung erhebt. Anfang des Jahres habe ich bereits angedeutet, an welchen vielfältigen Zweigen im Zen ich mich orientieren werde (bis hin zu Sasaki). Da meine Methode lange darin bestand, nur zwischen den Zeilen Fingerzeige zu geben, beginne ich heute mit ein paar klar benannten Eckpfeilern dessen, was ich unter modernem Zen verstehe. Das bisherige Zen hat meines Erachtens in seiner traditionellen Versteinerung seine Wirkkraft entscheidend eingebüßt und darum keine Zukunft mehr. Der so genannte "säkulare Buddhismus" stellt wiederum seine Lehrsätze zu wenig in Frage.

1) Zen ohne Ritual und Kostümzwang

Ich kam vor über 30 Jahren zum Zen und habe nicht ein einziges Mal feststellen können, dass Rituale oder Kleiderordnung, wie sie in Übungsstätten und Tempeln üblich sind, etwas zum Kern des Zen und seiner Anwendung Wesentliches beitragen. Es ist weder nötig, irgendein Sutra zu rezitieren, noch sich etwas anderes als bequeme Kleidung anzuziehen, noch sich an bestimmte Tagesabläufe zu halten und dergleichen, um zenspezifische Erkenntnis zu gewinnen oder "zu erwachen". Auch wenn dieses Erwachen im Sinne der Sôtô-Schule bzw. Dôgen Zenjis mit der bekannten Meditationsform des Zazen gleichgesetzt wird oder sich darin verwirklicht, gilt dies. Zumal es auch für das Zazen keinerlei klösterlich geschuldeter "Zwänge" mehr bedarf, etwa eines täglichen Sitzens oder spezieller Sesshin. Für einige mögen diese Äußerlichkeiten wichtig sein, prinzipiell aber sind sie überflüssig geworden. Es ist nicht mehr möglich, dass Zen aus der Welt verschwindet, wenn es all dies nicht mehr gibt.

2) Zen ohne Meister und Papiere

Wie dieser Blog aufzeigte, gibt es kaum einen Zenlehrer hier im Westen, der für sich deutlich oder insgeheim einen Meisterstatus reklamiert und eine Ausbildung hätte, wie wir sie aus älteren Schriften kennen. Zuweilen hört man davon, dass eine ordentliche Qualifizierung und Dharma-Übertragung doch für ein gewisses Niveau sorge und Verlässlichkeit bei der Suche nach einem brauchbaren Lehrer dienlich sei. Die Beispiele hier zeigten jedoch, dass man eher auf Folgendes wetten kann: Entweder der Lehrer, der eine Qualifizierung und Übertragung behauptet, hat sie gefälscht; oder er hat sie auf fragwürdige Weise erhalten (z.B. nach hinreichender Anwesenheit irgendwo, durch plötzlich eintretende Notstände etc.), ohne ausreichende Prüfung der Tiefe seiner Erkenntnis; oder er erweist sich trotz der ordentlichen Schulung oder Prüfung als Charakterschwein. Ausnahmen sind selten. Letztlich hat die Dokumentierung irgendeiner "Meisterschaft" im Zen ihre Aussagekraft eingebüßt. Es bleibt immer dem Schüler überlassen, einen potentiellen Lehrer selbst auf Eignung zu prüfen. Es ist relativ bedeutungslos, was einer meint, vorweisen zu können, wenn er einer solchen Prüfung durch den Schüler nicht standhält. Und da der Lehrer dem Schüler auch nichts wirklich übertragen kann, sondern in vielen Fällen eher als Vorbild ersehnt wird (da es in akademischen Fragen zum Buddhismus meist sowieso bessere Ratgeber gibt), sind die meisten Lehrer aufgrund ihrer moralischen Unreife heutzutage für diesen Job disqualifiziert. Um jedoch Erwartungen enttäuscht zu sehen, muss man sich nicht erst ein solches Lehrerbild konstruieren, für Ent-Täuschung sorgt das Leben mit der Zeit von selbst. Ich selbst habe daraus die Konsequenz gezogen, nichts in der üblichen Art von Authorisierung zu behaupten oder anzustreben. Das ist der einzige Weg, unabhängig von der etablierten Zen-Szene eine neue Ausrichtung anzuregen und sich nicht in einer "Schule" zu verzetteln.

3) Zen ohne altertümliche Floskeln und Dogmen

In diesem Blog wird es künftig darum gehen, alte Zenlehren ohne ständigen Rückgriff auf abgedroschene Floskeln ("Zen-Rhetorik") anschaulich zu machen. Das ist im Grunde etwas Ähnliches wie eine lebendige Predigt im christlichen Gottesdienst. Ich habe leider häufig entdeckt, dass dies nicht ohne die üblichen Zirkelschlüsse der buddhistischen Lehre vonstatten geht, und ich werde darauf immer mal wieder hinweisen. Es gibt nicht den geringsten Grund, Zen über die üblichen Haltestricke von Buddhisten zu vermitteln, also auf ewig die "edlen vier Wahrheiten", "die zwölfgliedriege Kausalkette" oder gar "Reinkarnation" durchzukauen. Keine dieser Lehrern bringt die Welt tatsächlich voran, es gibt kein einziges vom Buddhismus bestimmtes Land auf der Welt, das nicht vergleichsweise bescheiden dasteht, und gerade in buddhistischen Zirkeln zeigen sich regelmäßig Selbstzerfleichungsprozesse und Texteneurosen, die den Verdacht nahelegen, dass eine ethische Umsetzung des buddhistischen Unterbaus im Alltag vorwiegend misslingt. Hier ist dringend eine Neuformulierung und Adaptierung angebracht, denn der bisherige Weg ist im Großen und Ganzen eine Sackgasse.

***

Da ich gerade einen Vergleich mit dem Christentum anstellte, bietet sich ein konkretes Beispiel an, wie Punkt 3 umsetzbar ist. Kurz vor Jahresende 2017 wurde ein älterer US-Amerikaner von der thailändischen Polizei am Strand aufgelesen, wo er seit einiger Zeit übernachtete, weil man ihm im Suff seine Zimmerschlüssel gestohlen hatte. Mit diesem Mann ("Scottie") hatte ich einige interessante Gespräche vor allem über unsere gemeinsame Vorliebe für den Film. Ich erkundigte mich, wo er einsaß, und besuchte ihn schließlich mehrfach in Auslieferungsgefängnis Bangkoks, in dem er mit vielen anderen seiner Deportation harrte (in seinem Fall wegen seit Jahren ungültigem Visum). In der Warteschlange bei der Anmeldung fielen mir etliche jüngere Westler auf, mit denen ich ins Gespräch kam. Sie waren Mitglieder einer neuen christlichen Sekte (ich verwende den Begriff nicht abwertend), und sie besuchten pakistanische Häftlinge, die von ihrer Botschaft keine Hilfe erwarten konnten, weil sie selbst Christen waren. Wieder einmal wurde offensichtlich, dass die Stärke des Christentums in angewandter Nächstenliebe liegen kann. Ich traf auch auf einen Prediger mit Bibel in der Hand und einer tiefen Bärenstimme, von dem man erzählte, er habe jahrelanges Hausverbot gehabt, nachdem er einmal gegen die enorme Geräuschkulisse in der Massenbesuchshalle angepredigt hatte (die Besucher schreiben über Zäune hinweg eine Stunde lang zu den Inhaftierten hinüber, und diese zurück). 

Auch ich hatte natürlich persönliche Motive für meinen Besuch bei Scottie, den ich hier mal erwähnt habe als einen, der für mich ganz gut in seiner Gelassenheit einen wesentlichen Aspekt des Zen verwirklicht hatte (ohne sich selbst diesem zuzurechnen). Für mich war es jedoch unwichtig, dass der von mir Besuchte meinem Glauben tatsächlich angehört. Dies erinnerte mich an meinen Austritt aus der evangelischen Kirche mit 19 Jahren, als ich zum Zen "konvertierte". Da ich meinem Pfarrer zuvor selbst ans Herz gelegt hatte, eine Art Bibelgruppe starten zu dürfen, war er völlig überrascht von meinem Sinneswandel und erklärte mir u.a. in einem Brief, dass doch meine Motive für den christlichen Glauben nicht weggefallen sein könnten und ich entsprechend starke Gründe haben müsse, zum Buddhismus zu tendieren. Damals schrieb ich ihm sinngemäß zurück: "Das Interessante am Zen ist, dass man etwas Gutes tun kann, ohne diese speziellen Gründe zu haben." An dieser Einsicht hat sich bis heute nichts geändert, und sie nährt meine tiefe Überzeugung, dass praktizierte Zen-Ethik sich nicht vor christlicher Agape verstecken und nichts mit dem gepflegten Stoizismus vieler Buddhisten zu tun haben muss.

(Schlafende Makaken in Hua Hin)

Sollte jemand in eine ähnliche Situation geraten, kann ich noch diese Tipps für den Besuch eines Gefängnisses in Thailand geben: Keinen Kaffee und keine Zigaretten mitbringen (stattdessen ggf. Geld, denn diese Dinge werden in einem Shop im Knast verkauft und passieren nicht die Kontrolle); Schlafmasken besorgen (da nachts das Licht anbleibt), auf Wunsch eine Jacke o.ä., da besonders die plötzlich auf Drogen- oder Alkoholentzug gesetzten Insassen zuweilen frieren. Und Tageszeitungen für diejenigen, die gern auf dem Laufenden bleiben.

Mein Bekannter ist inzwischen zurück in den USA, sehr wahrscheinlich hat seine Schwester den Rückflug und seine Restschulden in Thailand (die für sein Verfahren fällig waren) bezahlt. Die Botschaften übernehmen dies regelmäßig nicht mehr, sie betreuen und vermitteln nur.