Dienstag, 27. September 2011

Atlantis?

Eine Weile interessierte ich mich mal für "Mikronationen" und die Möglichkeit, einen Staat von Grund auf neu zu erfinden oder zu definieren. Damals versteigerte ich, wie andere, (symbolische) Besitzurkunden von Mondland.  Dazu suche ich gerade noch altes Material für diesen Blog, denn das war zeitweise recht amüsant, weil ich als einziger Anbieter auf die Fiktionalität des Ganzen hinwies und ausdrücklich auf die Geschenkurkunden schrieb, dass beim Besuch von Außerirdischen auf dem Mond diese E.T.s Vorrechte geltend machen könnten und der Mensch zurückzustehen habe. Ein US-Amerikaner, der bis heute behauptet, die Rechte am Mond zu halten (und damit gegen das Völkerrecht verstößt), hat sich damals furchtbar aufgeregt, und dieser Zwist führte tatsächlich dazu, dass auf ebay der Verkauf von Mondland mit Hinweis aufs Immobilienrecht (!!) untersagt wurde. Einfach köstlich ...
   Ich möchte nun aus meiner Begegnung mit der Conch Republic zitieren, die ich für eines der witzigsten Schelmenstücke in Richtung Mikronationen halte.

"Hinten auf der Ladefläche seines Pickups steckte eine Flagge, deren auffälliges Emblem auch die Basecap des Fahrers zierte. Ich sprach ihn darauf an und er plauderte drauflos. Er stamme aus der ‚Conch Republic‘, die sich im April 1982 gemäß amerikanischem Recht von den anderen Staaten lossagte, nachdem eine US-Grenzpatrouille die Zufahrtsstraße zu den nördlichen Florida Keys abgeriegelt hatte. Die Bewohner der Keys mussten sich ausweisen, um aufs US-Festland fahren zu dürfen. Der Bürgermeister von Key West versuchte die Blockade gerichtlich aufheben zu lassen, scheiterte jedoch. Dann erklärte er vor versammelten TV-Teams, dass sich „die Florida Keys von der Union trennen“ würden. Am nächsten Tag wurde symbolisch ein altbackener kubanischer Brotlaib über einem Mann in Marine-Uniform gebrochen und die Rebellion ausgerufen. Nach einer Minute ergab man sich den Unionsstreitkräften in Anwesenheit eines Marineadmirals in Key West. „We seceded where others failed“ heißt es dann auch auf den Flaggen und Merchandising-Artikeln der ‚Conch Republic‘, die sogar ihre eigenen Pässe ausstellt. „Die Spannungen in der Welt durch Humor mildern“ lautet die Losung der ‚Conchs‘, deren Lebensfreude sogar hierzulande ankam – Peter Jackson, ihr Generalsekretär, durfte nach Deutschland mit seinem Pass der ‚Conch Republic‘ einreisen! Dass man sich nicht zu ernst nimmt, zeigt wiederum die Tatsache, dass auch ‚Conch‘-Diplomaten immer den Gesetzen des Gastgeberlandes zuerst unterliegen."

Montag, 26. September 2011

Sonntag, 25. September 2011

Zen-Lexikon: Ano-Anshô


Anoku-bodai: Abkürzung von Anokutara-sammyaku-sambodai.
Anokudacchi (skt. Anavatapta): Ein Teich nördlich des Berges Sumeru, wo einer der acht Drachenkönige leben soll.
Anokutara-sammyaku-sambodai (skt. anuttara-samyak-sambodhi): Wörtlich „die allerhöchste Erleuchtung“. Bezeichnet die Weisheit Buddhas jenseits der Dualität.
Anokutara-sammyaku-sambodai-e: Eine Robenart. Wörtlich „eine Robe (kashâya) allerhöchster Weisheit“. Dies bedeutet, die allerhöchste Weisheit durch das Tragen dieser Robe verwirklichen zu können.
Anpû: Auch Anpô. Im Privaten einen Menschen zum Abt eines Tempels ernennen. „Einst wurde der leitende Mönch eines Tempels im Privaten ernannt, nun jedoch in der Öffentlichkeit.“ – Shôkisen, 14.
Anrae-rin (skt. Âmrapâli-vana): Dieser Garten im Staate Vaisâli Zentralindiens soll dicht mit âmra-Bäumen bewachsen gewesen sein. – Shôbôgenzô Menju.
Anra-ka: Frucht des âmra-Baumes (eine Art Mango). „König Ashoka brachte als letzte gute Tat Mönchen ehrerbietig die Hälfte einer âmra-Frucht dar.“ Dies soll seine Schmerzen beim Sterben gemindert haben. – Eihei-daishingi Tenzo-kyôkun.
Anrakugyô-bon: Das Buch der friedvollen Taten, Kapitel  14 des Lotussutras (Saddharmapundarîka-sûtra).
Anraku-no-hômon: Anderer Name für Zazen oder dessen Verdienst. „Zazen ist keine stufenweise Meditation, sondern eher die leichte und angenehme Übung eines Buddha.“ – Fukanzazengi.
Anra-no-hanka: Die Hälfte einer âmra-Frucht. Siehe Anra-ka.
Anri: Alltägliches buddhistisches Verhalten. „Wenn wir die buddhistische Wahrheit durch unsere täglichen Handlungen im Einssein erkennen, entdecken wir, dass kein Ding Substanz hat.“ Shôbôgenzô Genjôkôan.
Anri-ni-ôkotsu-o-nuku: Ein Zen-Meister raubt seinem Schüler das Anhaften an den Dharma gerade so wie einer einen Knochen aus dem Tigermaul entreißt. Siehe Shôyôroku, 36.
Anrô: Stiller Raum für einen alten Mönch. „Sobald er zurück auf sein Zimmer kommt, sollte er die Augen schließen und denken: ‚Wie viele alte Mönche sind nun in ihrem anrô?‘Eihei-gen-zenji-shingi Tenzo-kyôkun.
Anroku: Auch Gyôroku oder Kôroku. Aufzeichnungen der eigenen Übung und angya.
Anshô-no-zenji: 1) Ein Zen-Mönch, der nach Erleuchtung strebt, ohne die buddhistischen Schriften intellektuell zu erfassen. 2) Ein Zen-Mönch, der unter einem wahren Meister nicht erwachen kann.
Anshô-zammai: Stille Meditation. Siehe Anraku-no-hômon.

Donnerstag, 22. September 2011

Zen-Lexikon: Andô-Ank

Andô: Siehe Gojô-e.
Andôsu: Verantwortlicher Mönch für die Novizenquartiere.
Angan-shi-kitaru: Einem Menschen einen verborgenen Hinweis geben. „Dieser Mönch hat etwas in seinen Worten, was unausgedrückt bleibt, einen versteckten Hinweis.“ – Hekigan-roku 76.
Angesho: Ein Haus, in dem ein neuer Abt sich ausruht, bevor er seinen Tempel betritt.
Ango (skt. vârshika): Während der Sommerübung im Tempel bleiben. In Indien blieb ein Mönch zwischen dem 16. April und 15. Juli drei Monate lang zur Meditation und zum Sutrenlesen im Kloster. Siehe Shôbôgenzô Ango für eine genauere Beschreibung.
Ango-no-sanki: Die drei Zeitabschnitte des ango: der 16. April, die Zeit vom 17. April bis 15. Mai und die vom 16. Mai bis 15. Juli.
Angya: Auf der Suche nach einem wahren Zen-Meister zur Wanderschaft durchs Land aufbrechen.  „Er wollte wissen, wie viele Strohsandalen Huang-po auf seinen Reisen als Bettelmönch verschlissen hatte.“ – Shôbôgenzô Busshô.
Angyôtoku: Ein Mensch, der Wissen vorgibt. „Ich besitze das vollständig freie Wirken des Geistes und kann einen anyôtoku entlarven.“
An-i-fugin: Sutrenlesen zum Verwahren einer Gedächtnistafel in einem Schrein nach der Bestattungszeremonie.
An-itsu: Siehe Gyô-jiki.
Anja: Ein geschorener oder ungeschorener Hilfsnovize. Der erste war Hui-neng, der sechste Patriarch Indiens. „Zu dieser Zeit kam ein anja den Berg hinunter.“ – Eihei Kôroku II, 46.
Anja-bô: Novizenquartier.
Anja-ryô: Siehe Anja-bô.
Anjin: Ein friedvoller und gefestigter Geist. „Ich (Bodhidharma) habe euch anjin demonstriert.“ – Keitoku Dentôroku.
Anjin-ryûmyô: Siehe Anjin.
Anju: 1.) Der Meister einer Klause. „Einst kam ein Mönch zu einem anju und fragte: ‚Was ist das soshi-seirai-i (der Dharma)?‘ – Shôbôgenzô Dôtoku. 2) Eine Nonne.
Ankoku Kôtô (chin. An-kuo Hung-tao): Lebte zu Beginn der Sung-Ära in China. Mit zwanzig Jahren empfing er die buddhistischen Gebote, später wurde er zum Dharma-Erben von Hsüeh-feng und leitender Mönch im An-kuo-ssu Tempel in Fu-chou.
Ankokuzu: Auch Anguzu. Den Mund mit schwarzen Bohnen vollstopfen, d.h. nicht an den buddhistischen Schriften zu hängen. „Ich halte viel von ihm. Er ist ein Mann des ankokuzu.“ – Dentôroku 12.
Ankotsu: Die Asche eines Verstorbenen in einen Schrein legen. „Schüler und buddhistische Brüder, bittet die Mönche um den Dienst des ankotsu.“ – Chokushû-shingi, 3.

Dienstag, 20. September 2011

Dôgens EIHEI KOROKU (XX):
Das Wort "Weisheit"


        „Kuei-feng Tsung-mi[1] sagte: ‚Das Wort ‚Weisheit‘ ist ein Tor zu zahlreichen Wundern.‘ Der Zen-Meister Huang-lung Ssu-hsin[2] meinte: ‚Das Wort ‚Weisheit‘ ist ein Tor zahlreicher Übel.‘ Spätere Buddhisten haben sich über die vorläufigen Worte der beiden tugendhaften Mönche unterhalten. Solche, die den Dharma nicht kennen, versuchen zu entscheiden, welche besser sind. Aber in den letzten paar hundert Jahren konnten sie sich nicht entscheiden. Dennoch sind Tsung-mis Worte eine Fallgrube für einen Nicht-Buddhisten, weil ‚Weisheit‘ nicht immer zart oder grob ist. Huang-lungs Worte stehen noch für eine enge Sicht, weil ‚Weisheit‘ nicht immer falsch oder richtig ist. Heute frage ich sie nach ihren Worten. Mönche, wollt ihr dies verstehen?
          Wenn der Ozean mit Wasser gesättigt ist, fließen zahlreiche Flüsse rückwärts.“


[1]    780–841, ein Mönch der Kegon-Sekte, der das Gennin-ron schrieb.
[2]    – 939, Dharma-Erbe von Mei-chang Tsu-hsin.

Montag, 19. September 2011

Der Ninja

"Ende der 60er-Jahre schrieb (Toshitsugu) Takamatsu zahrleiche Artikel in Zeitschriften. Alle handelten von Ninjutsu und weiteren Kampfkünsten. In einem schrieb Takamatsu, dass in den wahren Kampfkünsten der Kämpfer in jedem Fall darauf vorbereitet sein müsse, den Angreifer oder Angegriffenen zu töten. Ein sehr hochrangiger japanischer Karatelehrer trat daraufhin im Fernsehen auf und kommentierte, dass diese Tage lange vorbei seien und es nun keinen Bedarf mehr für solch eine Einstellung gäbe. Außerdem bezeichnete er Takamatsu als "alte Größe einer vergangenen Zeit", der mit seinen achtzig Jahren seinen Zenit längst überschritten habe. Takamatsu handelte daraufhin ein TV-Interview aus. Dort sagte er, dass er nicht der Vergangenheit angehöre, und betrachtete die Aussagen des Karatemeisters als Herausforderung, die er gern annehme. Er gab dem Karatelehrer drei Tage Zeit, seine Bemerkungen öffentlich zu widerrufen. Wenn nicht, wolle Takamatsu mit auf dem Rücken verbundenen Händen gegen ihn kämpfen und ihn töten. Drei Tage später zog der Karatelehrer seine Aussage zurück."

(aus einer Notiz, die ich beim Aufräumen fand)

Sonntag, 18. September 2011

Dôgens EIHEI KOROKU (XIX):
Die Pflaumenblüte


       „Ein gewisser Mönch sagte einst zu Chao-chou: ‚Es heißt, alle Dinge würden zu einen Ganzen reduziert. Wozu wird dann dieses reduziert?‘ Chao-chou antwortete: ‚Ich besaß eine Oberrobe aus Ching-chou, deren Gewicht sieben kin betrug.‘ Ein anderer Mönch sagte zum altehrwürdigen Wen-chu: ‚Es heißt, alle Dinge würden zu einem Ganzen reduziert. Wozu wird dann dieses reduziert?‘ Wen-chu erwiderte: ‚Der Huang-ho fließt um neun Biegungen.‘
          Diese beiden altehrwürdigen Mönche erläuterten auf diese Weise. Doch ich möchte es anders ausdrücken. Wenn mich jemand das Gleiche fragt, sage ich: ‚Ein shujô ist mehr als sieben Fuß lang.‘ Mönche! Wie gut versteht ihr das?
          Ich wollte einer Pflaumenblüte sagen: ‚Warum ist der Frühling gekommen?‘ Das tat ich dann tatsächlich, musste aber feststellen, dass die Pflaumenblüte die Antwort nicht kannte.“

Donnerstag, 15. September 2011

Dôgens EIHEI KOROKU (XVIII):
Welche Sutren Dôgen liebte,
und welche nicht


        "Darum beschäftigt euch nicht mit den Aussagen von Konfuzius und Lao-tzu oder dem Shûramgamasamâdhi-nirdesha oder dem „Sutra über die vollständige Erleuchtung“; mein Meister hasste es, dass seine Zeitgenossen die oben genannten Sutren als grundlegend für den Zen-Buddhismus betrachteten. Studiert stattdessen die Texte der Buddhas und Patriarchen, von denen der vergangenen sieben Buddhas und des Bhagavat bis zu den heutigen. Wenn ihr absichtlich den üblen Weg von Ruhm und Gewinn einschlagt, wie könnt ihr das als buddhistische Übung bezeichnen? Der Tathâgata-Bhagavat, Mahâkâsh-yapa, die achtundzwanzig Patriarchen in Indien, die sechs in China, Ching-yüan und Nan-chüeh – wer unter ihnen betrachtete die oben genannten Sutren als das Schatzkammer-Auge des Wahren Dharma, den Wunderbaren Geist des Nirwana? Und welcher Patriarch sah Konfuzianismus und Taoismus als hervorragende Lehren der Buddhas und Patriarchen an oder neigte sich ihnen zu? Heutzutage sagen alle Sung-Mönche: ‚Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus sind eins.‘ Diese Ansicht ist weit gefehlt. Was für eine Schande! Ihr Dharma ist im Niedergang. All die altehrwürdigen, tugendhaften Mönche hassten es, den Bhagavat mit Lao-tzu zu vergleichen, doch heute heißt es: ‚Der Tathâgata ist eins mit Lao-tzu.‘ Ihr müsst wissen, dass ein solcher Trugschluss dem Fehlen von Erleuchteten geschuldet ist.
          Mönche! Wenn ihr Sutren lesen wollt, solltet ihr jene anschauen, die von Hui-neng dargelegt wurden: das Saddharmapundarîka-[1], das Mahâparinirvâna- und das Prajnâpâramitâ-Sûtra. Es hat keinen Sinn, darüber zu streiten, ob ihr Sutren lesen solltet, die nicht von Hui-neng erläutert wurden. Früher öffneten Mönche Sutren, um darin Weisheit (bodhi) zu finden; heute tun sie es aus Ruhm- und Gewinnsucht. Der Buddha legte Sutren und Lehren nur dar, damit fühlende Wesen bodhi verwirklichen können. Darum widerspricht das, was heutige Mönche tun, seinem Willen. Es ist dumm, dass sie ihr oberflächliches Wissen mit Buddhas vertieftem vergleichen. Da ihr nun glücklicherweise Mönche geworden und dem Staatsdienst und den weltlichen Wegen entkommen seid, dürft ihr nicht nach Äußerlichkeiten und Ruhm und Gewinn streben. Wenn ihr dies tut, seid ihr eine Schande für Mönche. Äußerlichkeiten sind der Grund für die fünf Begierden. Darum müsst ihr eure fünf Sinnesorgane gegen genauso viele Begierden[2] schützen. Wisst ihr nicht, was der Bhagavat sagte: ‚Ihr Mönche habt stets auf rechte Weise die Gebote empfangen. Darum müsst ihr eure fünf Sinnesorgane gegen genauso viele Begierden schützen. Es ist wie bei einem Kuhhirten, der mit einem Stock eine Kuh daran hindert, die jungen Reispflanzen der anderen zu zertrampeln. Wenn ihr euren fünf Sinnesorganen erlaubt, ihren eigenen Weg zu gehen, könnt ihr die fünf Begierden und den Bewusstseinsstrom so wenig kontrollieren wie eine Flut, die einen zerstörten Flussdamm überflutet.‘"


[1]    Bekannt als Lotus-Sutra. Es lehrt, dass der Buddha bereits vor mehreren Zeitaltern vollständige Erleuchtung erlangte und dies auch Anhängern des Theravada(Hînayâna)-Buddhismus möglich sei.
[2]    Die Begierde nach Eigentum, sexueller Liebe, Nahrungsmitteln, Ruhm, Schlaf.

Dienstag, 13. September 2011

Dôgens EIHEI KOROKU (XVII):
Was ist Karma?

    Dôgen sprach in der Vortragshalle: „Shâkyamuni Buddha sagte zu Menschen und Himmelswesen: ‚Menschen werden in Jambudvîpa[1] als Folge ihres besten Karmas geboren, doch in Uttarakuru[2] als Folge ihres schlimmsten Karmas.‘ Lasst mich euch erklären, Mönche: Was ist das schlimmste Karma? Es ist, Kot oder Urin auszuscheiden. Was ist dann das beste Karma? Es ist, früh am Morgen Haferschleim zu essen und mittags Reis, am frühen Abend Zazen zu machen und um Mitternacht schlafen zu gehen.“


[1]    Der südlichste der vier Kontinente nach indischer Vorstellung – die Menschenwelt.
[2]    Der nördlichste der vier Kontinente nach indischer Vorstellung – seine Bewohner sollen tausend Jahre alt werden und fortdauerndes Glück erleben.

Montag, 12. September 2011

O2 - not for you (Fundstück)


Keine Türkei in die EU. Klare Sache. Man geht in einen der zahlreichen O2-Läden, und was ist? 80 Prozent Türken und Marokkaner beraten. Ich hätte gern den Stick zum Surfen für 25,- Euro. Will ich mal einen Monat testen, wie es die Werbung anpreist. Ja, kann ich haben, wird auch gleich freigeschaltet.  Gut, ich komm dann am nächsten Tag wieder, um alles zu unterschreiben. Da heißt es dann, die Freischaltung könne drei Tage dauern. Motz. Dann geht es doch gleich. Nach knapp einem Monat bring ich das Ding zurück. Langsam wie Internet vor 10 Jahren. Das sage ich auch. Da will man meinen Bon über den symbolischen Stick-Preis von einem Euro. Sonst könne man das Ganze nicht kündigen. Ich lasse entnervt den Strichcode der Stick-Verpackung einscannen, so kommt man an den (Ersatz-)Bon, ich darf dann drei Mal unterschreiben – die „Sonderkündigung“, den Erhalt von einem Euro und die Ausfertigung des „Ersatzbons“. Bevor es aber dazu kommt, stehe ich zwanzig Minuten an der Kasse, weil ein Schlipsträger eine Komplettberatung einfordert. An den drei anderen Beraterplätzen im Laden ist nicht viel los. Dort kann man aber nichts für mich tun. Ich will ja nichts haben, sondern zurückbringen. Der Schlipsträger muss ausgerechnet an der Kasse beraten werden. Der einzigen Kasse, wie man mir entschuldigend sagt. Ich schlage laut vor, der Kunde möge mal eine Weile spazieren gehen. Das Arschloch. Aber später wird mir klar, dass sich da zwei von gleichem Geist unterhielten. Zwischenzeitlich haben sich auch noch zwei hässliche Koreanerinnen vorgedrängelt, nachdem sie mit ihrem nicht vorhandenen Charme bei mir abgeblitzt waren – obwohl sie die weniger hässliche vorschickten. (Korea also auch nicht in die EU, damit das klar ist.) Der offensichtliche Filialleiter unterschreibt schließlich zu meiner Überraschung mit einem türkischen Namen. Hätte ich ihm nicht angesehen. Ein freundlicher Mensch. Der mich aber verarschen wollte. So auf die billige Tour. Telefonica, wie das Unternehmen hinter O2 heißt, versucht es dann auch nochmal. Zuhause finde ich die Rechnung über den ersten Monat. Zu den 25 Euro für die Stick-Flatrate kommt plötzlich noch ne zweistellige Anschlussgebühr. Das Angebot versprach exakt das Gegenteil. Da fällt mir eine Pointe ein. Was wird aus O2, wenn man ihm die Luft abdreht? 

(P.S.: Mein Anwalt konnte die Sache erledigen, indem er den Filialleiter als Zeugen vor Gericht laden ließ. Daraufhin stellte O2 seine Bemühungen ein, die in der Zwischenzeit natürlich angewachsenen Gebühren einzutreiben.)

Sonntag, 11. September 2011

„Peace. Nagasaki.“ (III)


Ich fuhr nach Tokyo. Dort passierten die meisten Malheurs mit den U-Bahn-Tickets. Man muss das Billett nach dem Kauf am Automaten und vor Betreten der Gleisbereiche in einen Schlitz an einem Durchgang stecken, an dessen Ende einem Minisaloontüren den Weg versperren. Der Fahrschein verschwindet in dem Schlitz, wird weitertransportiert. Dann öffnen sich die Türchen, man nimmt dort das wiederausgespuckte Ticket in Empfang, wenn es noch für weitere Fahrten gilt. Oder es bleibt verschluckt, wenn es Oneway war, und alles ist gut. Wehe aber, man hat ein Ticket, das für einen anderen Ausgang bestimmt ist oder man ist falsch ausgestiegen. Dann gehen die Türchen knallhart und unmittelbar vor der eigenen Schamgegend wieder zu und es ertönt ein Geräusch, das Uniformierte herbeiruft. Die öffnen dann den Ticketschlucker und suchen in einem Behälter nach dem fraglichen Fahrschein. Danach bedeuten sie einem, man müsse woanders raus. Oder das Ticket steckt irgendwo fest, weil man es zum Spaß mal etwas quer in den Schlitz geschoben hatte. Das mögen die Uniformierten nicht. Außer mir stand niemand vor verschlossenen Türen, weswegen ich bald eine Methode fand, das Problem zu umgehen. Ich benutzte einen Seitenausgang am Kabäuschen eines Uniformierten, der die Tickets selbst kontrollierte. Wenn er nickte, ging ich weiter. Wenn nicht, folgte eine kurze, zackige Beschreibung des korrekten Weges, den ich zu nehmen hatte. Erstaunlich, man musste nur den Bewegungen der Hände folgen, schon kam man ans Ziel. Offenbar besitzen Japaner ein besonderes Talent, nonverbal den Weg zu erklären. Dafür gibt es freilich noch  andere Methoden. 
   Zweimal habe ich mich in Tokyo verirrt. Das eine Mal lief eine Frau minutenlang vor mir her, um mir den Weg zu zeigen. Schließlich waren wir am Ziel. An meinem. Sie durfte nun die ganze Strecke zurücklaufen, denn sie musste ganz woanders hin. Beim zweiten Mal hatte ich vergeblich nach der alten „Tränenbrücke“ Namidabashi gesucht, die meines Wissens in einer Liebesgeschichte von Yasunari Kawabata erwähnt ist. Vor einem Lebensmittelladen stand eine junge Frau, die ich nach dem Weg zurück zu meinem Hotel fragte. Sie bat mich, ein Weilchen zu warten. Kurz darauf kam ein Mann herbei, der sich als ihr Vater erwies, und machte mir mehr in Japanisch als in Englisch klar, dass sie mich zum Hotel fahren würden. Das war mir erst suspekt, dann aber erinnerte ich mich an die Erfahrung meines Schwagers, der in einer ähnlichen Situation im hohen Norden Japans einmal per Auto an seinen verschneiten Wunschort verbracht worden war. Die Fahrt dauerte Stunden. Der Fahrer hatte ihn noch nie zuvor gesehen und wollte gar nicht da hin. Und tatsächlich, auch ich wurde bis vors Hotel gefahren. In einem Ami-Schlitten, der aussah, als hätte er früher Kojak gehört! Arigato.
   In den Stadtteilen Shibuya und Shinjuku besah ich mir die bunten Mädchen und jungen Frauen, die sich wie Comicfiguren und asiatische Schlagerstars kleiden. Sie bemerkten meine Blicke und betrachteten mich ebenfalls – wie einen Außerirdischen. Blondierte Japanerinnen in Märchenkostümen begegneten mir auf der Ginza, jener teuren Einkaufsmeile. Man nennt diese Wesen „Burikko“ – auf Kind gemachte junge Frauen. Hier wurde unverblümt dem schnöden Schein gefrönt. Wilder und jugendlicher ging es auf Takeshita-dori zu, der Shoppingmeile im Viertel Harajuku, die die wohl dichteste Konzentration an Modeläden in Tokyo aufweist. Ein kleiner Junge sprang mich mit den Worten „Peace. Nagasaki“ an. Ich lachte vor Überraschung laut auf und kniff ihm in die Seite. Hundert Meter weiter stand er mir wieder im Weg. „Peace. Nagasaki.“ Er war offensichtlich geistig anders drauf und hielt irgendwas in der Hand. Ich glaubte nun, dass er mir was verkaufen wollte und murmelte eine Zeile aus einem buddhistischen Gebet auf Japanisch. Er lächelte glücklich und rannte weg. Danach hatte ich keine Lust mehr auf den ganzen schicken Hype und floh in einen vertraut wirkenden MacDonalds, in dem die längste Japanerin des Universums bediente. Sie überragte mich locker um eine Stirn, weswegen ich sie fragte, wie hoch ihre Absätze seien. „No shoes“, antwortete sie. Und dann keck: „You buy me?“ Dann hielt sie sich schnell eine Hand vor den Mund, als hätte sie sich versprochen. Das MacDonalds-Klo war leider nicht beheizt.
   Nachdem ich die restlichen Besorgungen erledigt hatte, die deutsche Bekannte von mir erwarteten, darunter eine japanische Ausgabe von Banana Yoshimotos Kitchen und ein Kimono-Modemagazin, düste ich mit dem Shinkansen in den Nordosten der Hauptinsel Honshu. Der Shinkansen ist so schnell, dass einem auf der ersten Fahrt mulmig werden kann. Ich glaube, der könnte sogar Schumi im Ferrari überholen. Im Shinkansen sitzen viele ältere Japaner, die Sushiboxen aus Holz dabeihaben oder von jungen Frauen kaufen, die Essenswagen durch die Gänge schieben. Wenn diese Frauen einen Waggon betreten, begrüßen sie die Fahrgäste und verneigen sich. Die gleiche Verbeugung geschieht, bevor sie den Waggon wieder verlassen. Auch die Schaffner verhalten sich so. Einer verbeugte sich derart perfekt, dass ich ihn dabei fotografierte und bewundernd einen Daumen in die Luft reckte.
   Irgendwann werden die Sushi verspachtelt, das ist die Lieblingsbeschäftigung der Japaner beim Zugfahren. Sehr praktisch, dass man die Sitzreihen drehen und einander zuwenden darf, so kann man sich leicht zum Doppelkopf zusammenfinden. Der Shinkansen kommt nicht nur auf die Minute pünktlich an seinen Zielen an, er hält auch so exakt, dass man immer richtig steht, wenn man die Markierungen an den Bahnsteigen zu deuten weiß und sich einen bestimmten Sitzplatz hat reservieren lassen. Das vermeidet Staus und Gerangel in den Gängen.
   In Sendai gibt es eine hübsche Buslinie, die gezielt die Touristenattraktionen ansteuert: Loople Sendai. Trotz seiner weitgehenden Zerstörung im Zweiten Weltkrieg besitzt Sendai noch altertümlichen Charme, den neben seinen Bewohnern vor allem der Zedernwald um die ehemalige Burg ausstrahlt. Im Stadtmuseum und Zuihoden-Mausoleum wird die Bedeutung von Sendais erstem Feudalfürsten Masamune Date, dem „Einäugigen Drachen“, in den Vordergrund gestellt. Er hatte den Ruf, der loyalste Daimyo des Tokugawa-Shogunats und zugleich ein versierter Krieger und Staatsmann, talentierter Poet und Kalligraph gewesen zu sein.
   Wer mich kennt, erwartet ein paar Worte über Frauen. Japanische Frauen. In Sendai waren sie am schönsten. Sie lächelten verführerisch, ob in der Touristeninfo, im Hotel oder im Bus, wo ich mich nach dem Daimanji-Tempel erkundigte. Sofort stand hilfsbereit eine Frau auf, die sogar den Abt kannte. Im Tempel lief ich um die langgestreckten Gebäude herum und hämmerte auf verschlossene Türen. Niemand da. Schließlich lugte ich durch ein Fenster und sah zwei Frauen ein Baby wickeln. Ich klopfte an die Scheibe und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Erstaunte Gesichter. Dann grinste ich und die Frauen machten die Tür auf. Tochter und Schwiegertochter des Abtes. Ich ging erstmal auf die beheizte Kloschüssel. Als Hojo-san, der Abt, eintraf, lugte eine Art Netzhemd unter seiner Robe hervor, das half gegen die Hitze. Er fuhr mich den Berg hoch zur Tempelglocke und zu einem Schrein mit vielen Buddhas. Es war schon spät und dunkel und alles verriegelt. Hojo-san legte sich ein nasses Tuch auf seinen kahlen Schädel, doch als ich ihn photographieren wollte, winkte er ab – bei Fotos sind Zen-Meister recht eigen. Ich genoss den Ausblick auf Sendais Lichtermeer. Da huschte eine Gestalt durchs Dunkel und Hojo-san erzählte mir von – „I’m sorry to say“ – chinesischen Banden, die Tempel beklauten, und dass er einen Wächter habe. Später erfuhr ich, dass dieser Wächter früher Obdachloser war und Hojo-san für ihn immer mal etwas Geld ansparte. Da der Mann damit nicht viel anzufangen wusste, schenkte er es gleich weiter. Wir klärten kurz, dass ich auch den vierten Teil von Hojo-sans Shobogenzo-Übersetzung eindeutschen würde, und natürlich fuhr mich der Abt zurück zum Hotel. Allein, ich hatte die Straße vergessen und ließ mich irgendwo aussetzen. Hojo-san glaubte mir nicht so recht und wiederholte, es gäbe doch Zimmer für Gäste im Tempel, aber ich versicherte ihm, das Hotel müsse in der Nähe sein und ein bißchen Laufen täte mir gut. Da haute er mir auf die Schulter und sagte etwas Klassisches wie: „Schüler und Lehrer gehen füreinander in den Tod“ oder so ähnlich. Ja, so sind sie eben, die Zen-Meister.

(gekürzt im Jahr 2000 in der Welt am Sonntag erschienen)