Donnerstag, 28. Januar 2010

Pica Pica: Rabenvogel

Ikkyu, der unkonventionelle Mönch, dessen Gedicht "Wenn ihr mich sucht, sucht mich in der Schenke, beim Fischhändler oder im Freudenhaus" einst meinen Anrufbeantworter zierte - dieser Ikkyu soll seinen Namen vom Krächzen der Raben haben, das in Japan offenbar so klingt wie "Ikkyu". Seit ich das weiß, beantworte ich Rabenkrächzen mit "Ikkyu". Nichtsdestotrotz fliegen die Raben, die ich heute bei einem Spaziergang mal wieder in Legionsstärke auf einem Spielplatz rund um einen Gullideckel sah, stets davon, wenn sie mich sehen. Als ich Kind war und auf einem Bauernhof lebte, war das noch anders. Ich hatte meinen eigenen Raben, er hieß natürlich Jakob und fraß mir aus der Hand.

Heute las ich, dass Raben sich Gesichter von Leuten merken, die ihnen Böses getan haben. Man machte einen Check mit Masken, und die Gegenprobe (u.a. mit einer unbelasteten Dick Cheney-Fratze - was beweist, dass Raben keine Ahnung von Politik haben). Also, die Fresse von dem, der ihnen übel mitgespielt hat, die vergessen die nicht und verständigen sich darüber, auch noch Jahre danach. Nun will ich also gefälligst wissen, welcher Rabenflüsterer da irgendeinen Scheiß über mich erzählt hat, dass die immer keifen und wegfliegen, wenn sie mich sehen?

Wenn Schnee liegt, streue ich ein bisschen Fettfutter für Vögel auf und in meinen Balkonkasten, und in einen Aschenbecher, den ich so hinstelle, das er nicht einschneien kann. Zunächst kamen in diesem Winter nur Elstern vorbei, die eine rief die andere, und mit Elstern klappt die Kommunikation besser, wie ich schon anderswo schrieb. Als sie mich um 7 Uhr früh mit ihrem Gekrächze weckten, rief ich: "Ich bin doch nicht Ikkyu, kommt erst um 9", und sie hielten sich dran.


Seit ein paar Tagen kommt nun auch eine Amsel in den dritten Stock, was wohl einige Energie kostet, die sie dann ja auch  kalorienmäßig wieder einfahren muss. Die Amsel hielt stets Ausschau, und wenn die Elstern am Himmel auftauchten, duckte sie sich, und weg war sie. Gestern aber entschloss sie sich, einfach in sicherem Abstand zum Futterhäufchen auf dem Betonblumenkasten hocken zu bleiben und wild zu schimpfen, als sich die eine Elster nebenan niederließ. So zeterte sie also vom Balkon herunter. Im Sommer schimpft sie so die Asso-Kinder aus, die hier regelmäßig schrill rumkreischen, als würde man sie abstechen. Das gefällt mir auch. Was aber macht nun die Elster, dieser Rabenvogel? Man weiß ja, in Japan legen die Krähen bei Ampel-Rot Nüsse auf die Straße, damit die Autos sie platt fahren, und wenn wieder Rot ist, kommen sie zum Fressen runter. Und wenn man ihre Nester zerstört, holen sie sich metallene Kleiderbügel von Wäscheleinen und machen die nächsten Nester so fest in die Bäume rein, dass es den Menschen vergeht. Also, was macht diese Elster? Sie schaut kurz die Amsel an (und ich meine sogar, sie hätte den Kopf geschüttelt), dann  flattert sie nach unten auf den Balkonboden, wo der Ascher mit Futter steht, und kommt ganz nah ans Fensterglas ran, lässt der Amsel  aber ihr Häufchen auf dem Betonkasten.

Ich kann meine Mutter nicht verstehen, die jede Elster aus ihrem Garten wegklatscht: "Diese fiesen Nesträuber. Die fütterst du?". Ich mache keinen Unterschied, Mutter. Wer Hunger hat, der fresse. Aber von Zen erzähl ich ihr lieber nichts.

1 Kommentar:

  1. "Aber von Zen erzähl ich ihr lieber nichts." - Wem? Deiner Mutter oder dem Vogel?

    (Danke für die vielen anregenden Artikel.)

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