Mittwoch, 20. Januar 2010

Antaiji - ein japanischer Zen-Tempel unter deutscher Leitung


Etwa in der Mitte der Antaiji-Videoseite findet Ihr den Beitrag "Zenkloster ohne Grenzen" (ihn hier einzubetten war nicht möglich). Im Folgenden die deutsche Übersetzung für alle, die sich mal ein Bild vom Alltag in diesem Tempel der Tradition von Kodo Sawaki und Kosho Uchiyama Roshi machen wollen. Dank an Susanne König.

Sprecher: Der Zen-Priester, der hier meditiert, ist in der Tat in Deutschland geboren und der Abt dieses Tempels.

Muhô: Ich hatte den Traum, Zen-Priester zu werden.

Sprecher: Da der Abt Ausländer ist, sind auch unter seinen Schülern viele Ausländer. Sie meditieren nicht nur, sondern bereiten auch die Fastenspeisen zu. Das ganze Leben ist auf die Ausbildung ausgerichtet. Sie beten sogar.
Dieser ausländische Abt ist mit einer Japanerin verheiratet und hat mit ihr zwei Kinder. Der Zen-Tempel dieses Ausländers liegt in den Bergen. Wie ist das Leben dort?

In der Präfektur Hyôgo am Japanischen Meer liegt die Stadt Shinonsen, wo es überall heiße Quellen gibt. Von der Stadtmitte Shinonsens fahren wir mit dem Auto dreißig Minuten, dann einen Bergweg hinauf, wo nach etwa vier Kilometern 180 Steinstufen vor uns liegen. Hat man diese alle erklommen, befindet sich an deren Ende der Antaiji-Tempel der Sôtô-Schule, der eine Geschichte von 85 Jahren aufweist.
Seit 16 Jahren lebt dort der 9. Abt des Antaiji, Nölke Muhô. Seine Heimat ist Deutschland und er ist 38 Jahre alt.
Wenn die Messe beginnt, berührt der Abt mit beiden Armen, Beinen und dem Kopf den Boden, was gotaitôchi heißt. Damit überlässt man sich ganz dem Buddha.
Schaut man sich hier einmal um, so sind hier außer dem Abt noch acht weitere Ausländer, Männer und Frauen aus Europa (Deutschland, Frankreich, Polen), Amerika, Australien und aus Israel.
Da so viele Ausländer in den Antaiji kommen, haben die Ausländer mit römischen Schriftzeichen geschriebene Sutrenbücher in den Händen. Doch es gibt auch Ausländer, deren Sutrenbücher auf Japanisch geschrieben sind.

Auf der ganzen Welt gibt es Zen-Zentren. In Europa sind es etwa 300 und in Nordamerika ungefähr 200. Daher ist die Zahl der Ausländer, die sich für den Zen-Buddhismus interessieren und zu ihrer Ausbildung hierher kommen, nicht gerade gering.
Ausschlaggebend für den Abt, Mönch werden zu wollen, war der Zazen-Zirkel an seinem Gymnasium in Deutschland.

Muhô: Mir gefiel Zazen und mit 17 kam ich schon nach Japan. Ich hatte den Traum, Zen-Priester zu werden.

Sprecher: Seit der Universität lernte Nölke Japanisch, machte einen Homestay in Japan und gleichzeitig mit seinem Abschluss wurde er Schüler im Antaiji. Dort hatte er mit Vorurteilen gegenüber Ausländern zu kämpfen.

Muhô: Was ziemlich schwierig war, das war der Küchendienst. Da hieß es dann: „Die dashi-Brühe ist nicht stark genug.“ oder „Die Nudeln sind zu hart, zu weich.“ und letzten Endes „Da du halt Ausländer bist, kann man nichts machen.“

Sprecher: Trotzdem hielt er durch. Seine Ausbildung, die er 1990 begann, dauerte acht Jahre. Als dann der 8. Abt Miyaura Shinyû, sein Vorgänger, der Nölke zu seinem Nachfolger bestimmt hatte, plötzlich verstarb, wurde Nölke vor vier Jahren zum Abt.

Ein Tag im Antaiji beginnt morgens um vier Uhr. Der zwei Meter große und einhundert Kilo schwere deutsche Mönch läuft eine Glocke läutend durch die Flure und gibt so allen Bescheid, dass die Übung beginnt.
Die Mönche, die sich in der Haupthalle versammeln, auch die ausländischen, tragen eine Schärpe, alle anderen nehmen in Zivil teil.
Sowohl morgens als auch am Abend üben sie sich zwei Stunden im Zazen. Dabei bewegt sich niemand oder sagt auch nur irgendetwas.

Derweil hat die Amerikanerin Mary Graham (30) Küchendienst und bereitet das Essen vor.

Mary: Da ich mein wahres Selbst erkennen wollte, habe ich mal Zazen gemacht. Aus diesem Grund bin ich in den Antaiji gekommen.

Sprecher: Da es kein Gas gibt, wird mit Brennholz Feuer gemacht. Das Wasser kommt über ein eigenes Wasserleitungssystem aus einem nahe gelegenen Bach.

Reporter: Gibt es in Amerika Holzherde?

Mary: Keine Ahnung. Für mich ist es das erste Mal.

Reporter: Haben Sie so etwas zum ersten Mal hier im Antaiji kennen gelernt?

Mary: Ja, natürlich.

Sprecher: Das Frühstück besteht aus gebratenen Bohnen und Gemüse, miso-Suppe mit Kürbis, Vollkornreis … es gibt sogar Pudding. Derjenige, der Küchendienst hat, legt die Speisen fest.

Reporter: Wirst du rechtzeitig fertig?

Mary: Weiß ich nicht.

Sprecher: Dann teilt sie allein für zwölf Personen das Essen aus. Die anderen haben derweil ihre Zazen-Übung beendet. Der Küchendienst ist eine der wichtigsten Übungen.
Vor dem Essen drückt man den Speisen gegenüber seinen Dank aus und hält eine Andacht, indem man sorgfältig Sutren rezitiert. Wenn das Essen beginnt, gibt es nicht eine einzige Unterhaltung. Nach dem Essen wird mit den tsukemono, dem eingelegten Gemüse, der Teller sauber gewischt und auch das tsukemono aufgegessen. Denn Buddha sagt, man soll nichts auf dem Teller übrig lassen, da das Verschwendung wäre.

Muhô: Den ganzen Reis, den wir essen, bauen wir auf unseren Feldern an. Auch mit Gemüse versorgen wir uns selbst.

Sprecher: Eine Übung ist die Erledigung verschiedener Arbeiten im Tempel, samu genannt. Auf den 50 Hektar der Tempelanlage, was mehr als der zehnfachen Fläche des Tokyo-Doms entspricht, gibt es Felder mit taro-Kartoffeln, Rettich, Auberginen uvm.
Damit stellt der Tempel mit den ausländischen Schülern verschiedenes selbst her. Im Antaiji gilt, es sei angemessen, sich selbst zu versorgen.
Ein deutscher Mönch namens Daishin (39) (auf verschiedene Eimer deutend): Miso-Paste, Auberginen-tsukemono, Melonen-tsukemono, Gurken-tsukemono.

Reporter: Wer hat das alles hergestellt?

Daishin: Ich.

Sprecher: Das Miso und auch die tsukemono für die Essensbeilagen hat der ausländische Mönch selbst gemacht.

Daishin: Das ist takuan, eingesalzener getrockneter Rettich.

Sprecher: Zur Selbstversorgung gehört nicht nur das Essen. Heute fällt der Mönch Daidô diese zehn Meter lange Zeder.

Der polnische Mönch Daidô (33): Das Holz verwenden wir im Winter für Brennholz.

Sprecher: Auch das gesamte Material, das für die Errichtung einer neuen Zazen-Halle gebraucht wird, stammt aus eigenen Mitteln. Das Holz wird zu Stützpfeilern und für das Bereiten von Warmwasser verwendet. Das heiße Bad ist nach der Kälte draußen eine Wohltat.
Vor dem Baden knien die Mönche vor Buddha nieder.

Daidô: Wie heißt dieser Bodhisattva?

Mönch: Batsudabara.

Daidô: Auch der Bodhisattva Batsudabara hat Opfer gebracht.

Reporter: Ein Bodhisattva für das heiße Bad?

Daidô: Genau.

Sprecher: Daidô, der vorhin die Zeder gefällt hat, kommt aus Polen. Sein gebürtiger Name ist Piotr Bazan (33).

Diesen Oktober gibt es eine hossen-Zeremonie, wobei der erste Mönch, der anstelle des Abtes die Gesetze des Buddhismus erklärt, vor allen ein Gespräch in Frage und Antwort führt.

(Der deutsche Mönch Daishin mit dem polnischen Mönch Daidô im Frage-und-Antwort-Gespräch.)

Sprecher: Diese Zeremonie ist wichtig, um im Rang aufzusteigen.

Daidô hat uns sein Zimmer gezeigt. Die Schüler bewohnen allein oder zu zweit ein Zimmer, das eine Fläche von etwa sechs tatami-Matten hat. Im Wandschrank sind Filme, auch auf DVD. Die mag er. Der in Polen geborene Daidô hört sich aufmerksam buddhistische Reden an, während er aufrecht sitzt.

Auch im Ausbildungstempel Antaiji gibt es jeden Monat sechs bis sieben Tage frei, was hôsan heißt. Hier ist ein ausländischer Schüler, der seine Sachen näht.

Wir waren in der Wohnung, in der Abt Nölke Wurzeln gefasst hat.

Tochter: Papa, Megu hat eine Schürze mit ‚Hello Kitty‘ drauf.

Nölke: Dann hat sie eine niedliche Schürze. Sie hilft Mama, nicht wahr?

Reporter: Zu Hause werden Sie ‚Papa’ genannt?

Muhô: Genau.

Sprecher: Hier ist das Zuhause des Abtes. Nölke hat zwei Kinder, mit seiner Frau Tomomi (29) ist er seit vier Jahren verheiratet. Die kleine Megumi (3) und ihr jüngerer Bruder Hikaru (1) sind die Kinder.

Reporter: Wann haben Sie sich zum ersten Mal kennen gelernt?

Muhô: Vor genau fünf Jahren, im November.

Reporter: Und wo?

Tomomi: Im Schlosspark von Ôsaka. Das war eigentlich das erste Mal, dass wir uns trafen.

Sprecher: Nölke hatte, bevor er im Antaiji Abt wurde, im Schlosspark von Ôsaka eine Zen-Gruppe gegründet. Zu den Teilnehmern gehörte auch seine Frau.

Seine Familie ist ihm wichtig. Im onsen kann er gut mit den Kindern spielen.

Reporter. Wenn Sie unter dem Wasserfall stehen, ist das doch wie eine Übung.

Muhô: (lacht)

Reporter: Hat seine Frau Tomomi keine Angst, wenn er sich um die Kinder kümmert?

Tomomi: Er macht das doch gut, oder?

Reporter: Und wie sieht es zwischen Ihnen beiden aus?

Tomomi: Natürlich streiten wir uns auch heftig.

Sprecher: Zuhause zur Essenszeit. Der Abt isst nichts. Denn ein Grundsatz ist, dass er mit seinen Schülern isst. Nur in den Ferien kann er zusammen mit seiner Familie zu Abend essen.
Währenddessen legt er seine Schärpe an. Am Abend ist auch noch eine Zazen-Übung, weswegen er in den Tempel zurückgeht. Er ist nah und doch fern. Wie denkt seine Frau darüber?

Tomomi: Manchmal denke ich, ob es nicht vielleicht besser wäre, wenn er keine Frau und Kinder hätte, wenn er uns nicht hätte.

Sprecher: Die gegenwärtige Situation des Antaiji sieht so aus.

Muhô: Einkünfte habe ich als Abt nicht, da ich keinen Unterstützer des Tempels habe. In der Tat, wenn man älter wird, da die Familie und die Kinder größer werden – daran muss ich auch denken.

Sprecher: Die jährlichen Einnahmen des Antaiji ohne Spenden betragen etwa eine Million Yen [knapp 8.000 Euro]. Die Schüler, die in den Tempel kommen, geben nur Spenden.

Muhô: Auch meine Familie zu ernähren ist eine Übung. Den Tempel zu bewahren ist eine weitere.

Sprecher: In jener Nacht werden im Antaiji Äste und Holz, das nicht mehr gebraucht werden, zusammengetragen.

Reporter: Was wird das?

Muhô: Ein Lagerfeuer. Wir machen ein Lagerfeuer. Wir müssen das Holz verbrennen, weil wir die daraus gewonnene Asche auf die Felder streuen. Die wirkt dann wie Dünger.

Sprecher: An diesem Abend wird dies auch mit der Abschiedsfeier für den Schüler aus Israel verbunden.

Der Schüler aus Israel: In der Zeit, die ich im Antaiji verbracht habe, gab es gutes, aber auch unangenehme Dinge. Aber dass ich mich mit dem Leben aller befassen konnte, dafür bin ich wirklich dankbar.

Sprecher: Auch die Familie des Abtes nimmt teil. Es kommt im Antaiji oft vor, dass alle zusammen feiern.

Muhô: Nicht jeden Tag, das steht ganz frei. Dies ist ein Ort, an dem man sich frei fühlen soll. Es gibt auch Zazen oder Zeiten, die hart sind. Wenn man keinen Spaß hat, halten wahrscheinlich alle nicht lange durch. Wenn es wiederum nur Spaß wäre, versteht man nicht, warum man überhaupt als Schüler hierher gekommen ist.

Sprecher: Der deutsche Abt widmet sich stets seiner Familie und seinen Schülern. Um die Lehre dieses Abtes zu erfahren, besuchen ihn in einem fremden Land, in den Bergen, Schüler aus der ganzen Welt im Antaiji.

-----

Kommentare:

  1. Ich männlich aus Deutschland, Baden Würtemberg, nahe dem Bodensee, ich finde es grandios was ich hier lesen durfte und habe aber auch sehr viel Respekt vor dieser Disziplin, mit der hier umgegangen werden muß. Ich weiß nicht, ob ich es in diesem Leben noch schaffe, Euch euer Kloster mal zu besuchen - Buddha ist mit mir...

    AntwortenLöschen
  2. Danke für die Übersetzung zum Film, wirklich toll.
    Gruß an alle in Antaiji:

    Der Mond scheint auf den Fluss, der Wind weht durch die Föhren. Das reine Schweigen dieser Nacht - wozu?
    (aus: Shodoka, Vers 26)

    Suriya

    AntwortenLöschen

Das Sichten und Freischalten der Kommentare kann dauern.