Freitag, 8. Januar 2010

Sawakis Dharma-Erbe Sodo Yokoyama (Teil 1)

[Die folgenden Ausschnitte stammen aus Arthur Braverman: Living and Dying in Zazen, mit freundlicher Genehmigung des Autors. Übersetzung: Melanie Lieberknecht. Die Texte waren schon einmal im "Zenforum" zu lesen.]

Sodo Yokoyama: „Ich ging von Kyoto nach Kaikoen in die Stadt Komoro, um für vorbeiziehende Reisende auf einem Blatt zu spielen, das war im April 1958, als ich zweiundfünfzig Jahre alt war. Zehn Jahre später begannen einige Reisende, mich Opa zu nennen. Jetzt nennen mich Alt und Jung so. Dennoch sehe ich mich nicht mal in meinen Träumen als Opa. Auf dem Blatt zu blasen, ist eine Beschäftigung, der Kinder nachgehen. Erwachsene und ältere Leute blasen nie auf einem Blatt. Aber die Leute heutzutage wissen das nicht, deswegen nennen sie mich den „auf dem Blatt spielenden Opa“. Der auf einem Blatt blasende Geist ist ein kindlicher Geist. Weil ich auf einem Blatt spiele, kann ich den Leuten erzählen, ich sei vierzehn Jahre alt.

[Anm. von Gui Do: Achtung, vor Benutzung des Youtube-Videos die Lautstärke runterdrehen ;-)]



Ich werde oft nach meinem Alter gefragt. Es würde sich merkwürdig anhören, wenn ich vierzehn sagen würde, darum sage ich neunzehn. Urlaubsreisen sind in den letzten Jahren beliebt geworden. In Kaikoen kam auch eine Gruppe älterer Männer und Frauen zu Besuch und hörte mir beim Spiel zu. Es bleibt nie aus, dass mich wenigstens einer nach meinem Alter fragt. Ich antworte immer 'Neunzehn'. Diese Antwort macht die älteren Leute glücklich.

Alte Menschen wollen sich jung fühlen. Darum sage ich ihnen, sie müssen alle neunzehn werden. Einmal kamen drei Frauen in ihren Sechzigern in dieses Bambuswäldchen. Nachdem sie meinem Spiel zugehört hatten, waren sie extrem glücklich. Sie meinten, sie würden reisen, weil die Tatsache, dass sie alt wurden, sie einsam mache. Sie waren auf eine Reise aufgebrochen in der Hoffnung, sie würde ihren Lebensgeist stärken. Sie seien froh, hierher gekommen zu sein.“

Etwa acht Jahre wohnten Yokoyama und Uchiyama, als ihr Lehrer Kôdô Sawaki noch am Leben war, zusammen im Antaiji. Sawaki war in ganz Japan als gebildeter Mönch bekannt, der Zen lehrte und Zazen auf eine Art übte, die man als „nur sitzen“ beschreiben kann. Dôgen Zenji, der Begründer der Sôtô-Zen-Schule in Japan, nannte diese Art zu sitzen shikan taza. Sawaki reiste durch Japan, hielt Lehrreden, leitete sesshins in verschiedenen Tempeln und lehrte in der Komazawa-Universität, der führenden Sôtô-Zen-Universität. Aufgrund seines ungewöhnlichen Lebensstils nannte man ihn „Landstreicher Kôdô“, ein Beiname, den er zu genießen schien. Er betrachtete Zazen als das Wichtigste im Leben und gleichzeitig als nichts Besonderes. In seinen Worten: „Wir üben Zazen nicht, um Erleuchtung zu erlangen, sondern wir üben und werden von der Erleuchtung in alle Richtungen gezogen.“

Das Einzige, was er deutlich an seine zwei älteren Schüler weitergegeben hat, scheint die Wichtigkeit von Zazen in ihrem Leben zu sein. Beide waren sich darüber einig, und sie respektierten sich gegenseitig besonders für ihre Hingabe an das Praktizieren. Sie lebten acht Jahre lang im Antaiji, die meiste Zeit für sich. Es war ein großer Tempel für zwei Menschen, ihre Zimmer waren so weit voneinander entfernt, wie sie nur sein konnten und trotzdem unter demselben Dach. Auch ihre Weltanschauungen schienen sich ziemlich zu unterscheiden.

Yokoyama war wie Ryôkan , er konnte ein Kind sehen, ganz darin aufgehen, mit ihm zu spielen und ganz vergessen, wozu er überhaupt hinausgegangen war. Wenn er nicht mit Kindern spielte, war er mit Poesie, Kalligraphie oder dem Spielen auf einem Blatt beschäftigt: Tätigkeiten, die neben Zazen einen großen Teil seines Lebens ausmachten. Praktische Pflichten, wie sich um Antais Grundstück zu kümmern, standen auf seiner Prioritätenliste nicht weit oben. Aus Uchiyamas Sicht schien er recht verantwortungslos – und im Hinblick auf zu erledigende Dinge war er es auch. Uchiyama fühlte sich dafür verantwortlich, den Tempel in Stand zu halten. Selbst ein Origami-Künstler, konnte Uchiyama die Liebe seines älteren Mitbruders zu den Künsten sicher nachempfinden; doch Antaiji musste instand gehalten werden, und ohne Zweifel war er etwas verärgert, dass die meiste Arbeit ihm zufiel, während Yokoyama mit Kindern spielte. Obwohl Uchiyama abfällige Bemerkungen über seinen Bruderschüler machte, wenn Yokoyama nicht da war, zeigten sie, wenn sie zusammen waren, eine Wärme füreinander, die andere ansteckte.

Als ich [Braverman] der Gedächtnisfeier zum Jahrestag von Sawakis Tod in den frühen 1970ern beiwohnte, genoss ich es, die beiden alten Mönche zu beobachten, wie sie sich gegenseitig neckten. Uchiyama nahm ein Schlückchen Sake, sein Gesicht glühte rot auf und er schien entspannt. Yokoyama rührte keinen Sake an, aber er war so verspielt wie immer. Sie erzählten alte Geschichten vom Leben im Antai und zeigten richtige Zuneigung füreinander. Yokoyama spielte auf dem Blatt und sang ein paar Lieder, und irgendwann am Abend holte Uchiyama sein letztes Origami hervor. Er zog sich früh zurück, gegen neun, und Yokoyama blieb ein wenig länger auf, um mit den Mönchen zu singen. Dann zog auch er sich zurück und die anderen Mönche betranken sich und wurden laut, bevor die Party zu Ende war.

Yokoyama und Uchiyama trugen Artikel zu einem Magazin namens Tsukumo bei. Uchiyamas Artikel über Yokoyama, „Der auf einem Blatt spielende Kamerad“, zeugt von tiefer Wärme:

„Ein einsamer Mönch, der in Kiotos Straßen von 1949 bis 1957 bettelte, nahm plötzlich ein Blatt von einem Baum und legte es sich in den Mund. Dann hörte man den Beginn einer unvorstellbar schönen Melodie. Vielleicht sah man ihn an der Spitze einer Schar Kinder, alle nach der Melodie seines Spiels hüpfend – genau wie beim Rattenfänger von Hameln. Ich bin mir sicher dass sich noch viele Leute in Kioto daran erinnern.

Während sich die Kinder fröhlich um den Mönch scharten, wie es die Kinder vor hundertfünfzig Jahren um Ryôkan taten, bedeckte er plötzlich seinen Kopf mit dem weiten schwarzen Ärmel seiner Mönchsrobe und die Kinder liefen schreiend und in süßem Schrecken davon. Diese Kinder müssen heute um die dreißig Jahre alt sein. Dieser Mönch wurde in ganz Kioto der ‚Blattpfeifende Spieler‘ genannt. Er ist mein älterer Bruderschüler, Sodô Yokoyama. 1957 verließ Sodô-san Kyoto und zog an den Kaikoen-Park in der Stadt Komoro in Shishû (den japanischen Alpen), den Ort, den er am meisten liebte. Dort stürzte er sich wirklich in seine einzigartige Lebensweise und übte Zazen im Wald, spielte auf dem Blatt und erfand und spielte Lieder wie ‚Nahe des alten Schlosses in Komoro‘.“

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